fliehen, aus Furcht, dadurch in ihrer Ruhe und in ihrem Glauben gestört
zu werden. Was kann eines vernünftigen Wesens unwürdiger seyn, als eine
solche Ausrede? Entweder ist ihre Ruhe, ihr Glaube gegründet; und was
fürchten sie dann die Untersuchung? Die Güte ihrer Sache muss ja
nothwendig durch die hellste Beleuchtung gewinnen. -- Aber sie fürchten
vielleicht bloss unsere Trugschlüsse, unsere Ueberredungskünste? Wenn
sie unsere Folgerungen nicht gehört haben, noch hören wollen: woher
mögen sie doch wissen, dass es Trugschlüsse sind? Und setzen sie in
ihren Verstand nicht das Vertrauen, dass er allen falschen Schein, der
sich gegen ihre Ueberzeugung auflehnt, zerstreuen werde, da sie ihm doch
das ungleich grössere zutrauen, dass er die einzig mögliche reine
Wahrheit ohne sonderliches Nachdenken aufgefunden habe? -- Oder ihre
Ruhe, ihr Glaube ist grundlos; und also ist es ihnen überhaupt nicht
darum zu thun, ob er gegründet sey oder nicht, wenn sie nur nicht in
ihrer süssen Behaglichkeit gestört werden. Es liegt ihnen gar nicht an
der Wahrheit, sondern bloss an der Vergünstigung, dasjenige für wahr zu
halten, was sie bisher dafür gehalten haben; sey es um der Gewohnheit
willen, sey es, weil der Inhalt desselben ihrer Trägheit und
Verdorbenheit schmeichelt. Sie erhalten etwa dadurch die Hoffnung, ohne
alles ihr Zuthun, tugendhaft und glückselig, oder wohl gar ohne Tugend
glückselig zu werden, recht viel zu geniessen, ohne etwas zu thun;
andere für sich arbeiten zu lassen, wo sie Lust haben, träge und
verdorben zu seyn.
Alles Interesse von der angezeigten Art ist unächt, und in Ausrottung
desselben besteht der erste Schritt zu Erhöhung des reinen Interesse für
Wahrheit. Der zweite ist: man überlasse sich jedem Genusse, den das
reine Interesse für Wahrheit gewährt. Die ^Wahrheit an sich selbst^,
wiefern sie bloss in der Harmonie alles unseres Denkens besteht, gewährt
Genuss, und einen reinen, edlen, hohen Genuss.
Das ist eine gemeine Seele, der es gleichgültig ist, ob sie, so
geringfügig der Gegenstand auch seyn möge, irre, oder im Besitz der
Wahrheit sey. Es ist hierbei nemlich gar nicht um den Inhalt und um die
Folgen eines Satzes zu thun, sondern lediglich um Einheit und
Uebereinstimmung in dem gesammten System des menschlichen Geistes. Aber
der Mensch ^soll^ einig mit sich selbst seyn; er soll ein eigenes, für
sich bestehendes Ganzes bilden. Nur unter dieser Bedingung ist er
Mensch. Mithin ist das Bewusstseyn der völligen Uebereinstimmung mit uns
selbst in unserem Denken, oder doch des redlichen Strebens nach einer
solchen Uebereinstimmung, unmittelbares Bewusstseyn unserer behaupteten
Menschenwürde, und gewährt einen moralischen Genuss.
Man bezeugt es sich durch jenes Streben, und durch die vermittelst
desselben hervorgebrachte Harmonie, dass man ein selbstständiges, von
allem, was nicht unser Selbst ist, unabhängiges Wesen bilde. Man wird
des erhabenen Gefühls theilhaftig: ich bin, was ich bin, weil ich es
habe seyn wollen. Ich hätte mich können forttreiben lassen durch die
Räder der Nothwendigkeit; ich hätte meine Ueberzeugung können bestimmen
lassen durch die Eindrücke, die ich von der Natur überhaupt erhielt,
durch den Hang meiner Leidenschaften und Neigungen, durch die Meinungen,
die mir meine Zeitgenossen beibringen wollten: aber ich habe nicht
gewollt. Ich habe mich losgerissen, ich habe durch eigene Thätigkeit
nach einer durch mich selbst bestimmten Richtung hin untersucht; ich
stehe jetzt auf diesem bestimmten Puncte, und ich bin durch mich selbst,
durch eigenen Entschluss und eigene Kraft darauf gekommen. -- Man wird
des erhabenen Gefühls theilhaftig: ich werde immer seyn, was ich jetzt
bin, weil ich es immer wollen werde. Der ^Inhalt^ meiner Ueberzeugungen
zwar wird durch fortgesetztes Nachforschen sich ändern, aber um ihn ist
es mir auch nicht zu thun. Die ^Form^ derselben wird sich nie ändern.
Ich werde nie der Sinnlichkeit, noch irgend einem Dinge, das ausser mir
ist, Einfluss auf die Bildung meiner Denkart verstatten; ich werde, so
weit mein Gesichtskreis sich erstreckt, immer einig mit mir selbst seyn,
weil ich es immer wollen werde.
Diese strenge und scharfe Unterscheidung unseres reinen Selbst von
allem, was nicht wir selbst sind, ist der wahre Charakter der
Menschheit; die Stärke und der Umfang dieses Selbstgefühls ist bestimmt
durch den Grad unserer Humanität; dieser unsere ganze Würde und unsere
ganze Glückseligkeit.
Mit dieser sichern Ueberzeugung, stets einig mit sich selbst zu seyn,
geht der entschiedene Freund der Wahrheit auf dem Wege der Untersuchung
ruhig fort; er geht muthig allem entgegen, was ihm auf demselben
aufstossen möchte. Es ist für denjenigen, der mit sich selbst noch nicht
recht eins geworden ist, was er denn eigentlich suche und wolle,
äusserst beängstigend, wenn er auf seinem Wege auf Sätze stösst, die
allen seinen bisherigen Meinungen, und den Meinungen seiner
Zeitgenossen, und der Vorwelt widersprechen; und gewiss ist diese
Aengstlichkeit eine der Hauptursachen, warum die Menschheit auf dem Wege
zur Wahrheit so langsame Fortschritte gemacht hat. Von ihr ist
derjenige, der die Wahrheit um ihrer selbst willen sucht, völlig frei.
Er blickt jeder noch so befremdenden Folgerung kühn in das Gesicht. Ob
sie ein befremdendes oder bekanntes Aussehen habe, ob sie seiner und
aller bisherigen Meinung widerspreche oder nicht, darnach war nicht die
Frage. Die Frage war: ob sie, seinem besten Wissen nach, mit den
Gesetzen des Denkens übereinstimme oder nicht, und das wird er
untersuchen. Wird sich finden, dass sie damit übereinstimme, so wird er
sie als heilige, ehrwürdige Wahrheit aufnehmen; wird sie nicht damit
übereinstimmen, so wird er sie als Irrthum verwerfen, nicht weil sie der
gemeinen Meinung, sondern weil sie seinem besten Wissen nach den
Gesetzen des Denkens widerspricht. Bis dahin ist er völlig gleichgültig
gegen sie; über ihren Inhalt hat er die Frage nicht erhoben; derselbe
ist ihm bekannt; ihre Form hat er noch zu untersuchen.
Mit dieser kalten Ruhe und festen Entschlossenheit blickt er hinein in
das Gewühl der menschlichen Meinungen überhaupt und seiner eigenen
Einfälle und Zweifel. Es wirbelt und stürmt ^um ihn herum^, aber nicht
^in ihm^. Er selbst sieht aus seiner unerreichbaren Burg ruhig dem
Sturme zu. Er wird ihm zu seiner Zeit gebieten, und eine Welle nach der
anderen wird sich legen. -- Er will nur Harmonie mit sich selbst, und er
bringt sie hervor, so weit er bis jetzt gekommen ist. Dort ist noch
Verwirrung in seinen Meinungen; das ist nicht seine Schuld, denn bis
dahin hat er noch nicht kommen können. Er wird auch dahin kommen, und
dann wird jene Unordnung in die schönste Ordnung sich auflösen. -- Was
wäre denn wohl endlich das härteste, was ihm begegnen könnte? Gesetzt,
er fände, entweder weil die Schranken der endlichen Vernunft überhaupt,
welches unmöglich ist, oder weil die Schranken seines Individuums
solches mit sich bringen, als letztes Resultat seines Strebens nach
Wahrheit, dass es überhaupt gar keine Wahrheit und Gewissheit gebe. Er
würde auch diesem Schicksale, dem härtesten, das ihn treffen könnte,
sich unterwerfen; denn er ist zwar unglücklich, aber schuldlos; er ist
seines redlichen Forschens sich bewusst, und das ist statt alles Glücks,
dessen er nun noch theilhaftig werden kann.
Ebenso ruhig -- wenn dieser Umstand der Erwähnung werth ist -- bleibt
der entschiedene Freund der Wahrheit darüber, was ^andere^ zunächst zu
seinen Ueberzeugungen sagen werden, wenn er in der Lage seyn sollte, sie
mittheilen zu müssen; und der Gelehrte ist immer in dieser Lage, da er
nicht bloss für sich selbst, sondern zugleich für andere forscht. Die
Frage ist ja gar nicht, ob wir mit anderen, sondern ob wir mit uns
selbst übereinstimmend denken. Ist das letztere, so können wir des
erstern ohne unser Zuthun, und ohne erst die Stimmen zu sammeln, bei
allen denen gewiss seyn, die mit sich selbst in Uebereinstimmung stehen;
denn das Wesen der Vernunft ist in allen vernünftigen Wesen Eins und
ebendasselbe. Wie ^andere^ denken, wissen wir nicht, und wir können
davon nicht ausgehen. Wie ^wir^ denken sollen, wenn wir vernünftig
denken wollen, können wir finden; und so, wie wir denken sollen, sollen
alle vernünftige Wesen denken. Alle Untersuchung muss von innen heraus,
nicht von aussen herein, geschehen. ^Ich^ soll nicht denken, wie
^andere^ denken; sondern wie ^ich^ denken soll, so, soll ich annehmen,
denken auch andere. -- Mit denen übereinstimmend zu seyn, die es mit
sich selbst nicht sind, wäre das wohl ein würdiges Ziel für ein
vernünftiges Wesen?
Das Gefühl der für formale Wahrheit angewendeten ^Kraft^ gewährt einen
reinen, edlen, dauernden Genuss.
Einen solchen Genuss kann uns überhaupt nur dasjenige gewähren, was
unser eigen ist, und was wir durch würdigen Gebrauch unserer Freiheit
uns selbst erworben haben. Was uns hingegen ohne unser Zuthun von aussen
gegeben worden ist, gewährt keinen reinen Selbstgenuss. Es ist nicht
unser, und es kann uns ebenso wieder genommen werden, wie es uns gegeben
wurde; wir geniessen an demselben nicht uns selbst, nicht unser eigenes
Verdienst und unsern eigenen Werth. So verhält es sich auch insbesondere
mit Geisteskraft. Das, was man guten Kopf, angebornes Talent, glückliche
Naturanlage nennt, ist gar kein Gegenstand eines vernünftigen
Selbstgenusses, denn es ist dabei gar kein eigenes Verdienst. Wenn ich
eine reizbarere, thätigere Organisation erhielt, wenn dieselbe gleich
bei meinem Eintritte ins Leben stärker und zweckmässiger afficirt wurde,
was habe ^ich^ dazu beigetragen? Habe ich jene Organisation entworfen,
unter mehreren sie ausgewählt und mir zugeeignet? Habe ich jene
Eindrücke, die mich bei meinem Eintritte ins Leben empfingen, berechnet
und geleitet?
Meine Kraft ist ^mein^, lediglich inwiefern ich sie durch Freiheit
hervorgebracht habe; ich kann aber nichts in ihr hervorbringen, als ihre
Richtung; und in dieser besteht denn auch die wahre Geisteskraft. Blinde
Kraft ist keine Kraft, vielmehr Ohnmacht. Die Richtung aber gebe ich ihr
durch Freiheit, deren Regel ist, stets übereinstimmend mit sich selbst
zu wirken; vorher war sie eine fremde Kraft, Kraft der willenlosen und
zwecklosen Natur in mir.
Diese Geisteskraft wird durch den Gebrauch verstärkt und erhöht; und
diese Erhöhung giebt Genuss, denn sie ist Verdienst. Sie gewährt das
erhebende Bewusstseyn: ich war Maschine, und konnte Maschine bleiben;
durch eigene Kraft, aus eigenem Antriebe habe ich mich zum
selbstständigen Wesen gemacht. Dass ich jetzt mit Leichtigkeit, frei,
nach meinem eigenen Zwecke fortschreite, verdanke ich mir selbst; dass
ich fest, frei und kühn an jede Untersuchung mich wagen darf, verdanke
ich mir selbst. Dieses Zutrauen auf mich, dieser Muth, mit welchem ich
unternehme, was ich zu unternehmen habe, diese Hoffnung des Erfolgs, mit
der ich an die Arbeit gehe, verdanke ich mir selbst.
Durch diese Geisteskraft wird zugleich das moralische Vermögen gestärkt,
und sie ist selbst moralisch. Beide hängen innig zusammen, und wirken
gegenseitig auf einander. Wahrheitsliebe bereitet vor zur moralischen
Güte, und ist selbst schon an sich eine Art derselben. Dadurch, dass man
alle seine Neigungen, Lieblingsmeinungen, Rücksichten, alles, was ausser
uns ist, den Gesetzen des Denkens frei unterwirft, wird man gewöhnt, vor
der Idee des Gesetzes überhaupt sich niederzubeugen und zu verstummen;
und diese freie Unterwerfung ist selbst eine moralische Handlung.
Herrschende Sinnlichkeit schwächt in gleichem Grade das Interesse für
Wahrheit, wie für Sittlichkeit. Durch den Sieg, den das erstere über
dieselbe erkämpft, wird zugleich für die Tugend ein Sieg erfochten.
Freiheit des Geistes in ^Einer^ Rücksicht entfesselt in allen übrigen.
Wer alles, was ausser ihm liegt, in der Erforschung der Wahrheit
verachtet, der wird es auch in allem seinem Handeln überhaupt verachten
lernen. Entschlossenheit im Denken führt nothwendig zur moralischen Güte
und zur moralischen Stärke.
Ich setze kein Wort hinzu, um die Würde dieser Denkart fühlbar zu
machen. Wer ihrer fähig ist, der fühlt sie durch die blosse
Beschreibung; wer sie nicht fühlt, dem wird sie ewig unbekannt bleiben.
--
F.
Aphorismen
über Erziehung aus dem Jahre 1804.[36]
1.
Einen Menschen erziehen heisst: ihm Gelegenheit geben, sich zum
vollkommenen Meister und Selbstherrscher seiner ^gesammten^ Kraft zu
machen. Der ^gesammten^ Kraft, sage ich; denn die Kraft des Menschen ist
Eine und ist ein zusammenhängendes Ganze. Sogleich in der Erziehung
einen abgesonderten Gebrauch dieser Kraft als Ziel ins Auge fassen, --
den Zögling für seinen Stand erziehen, wie man dies wohl genannt hat,
würde nur überflüssig seyn, wenn es nicht verderblich wäre. Es verengt
die Kraft und macht sie zum Sklaven des angebildeten Standes, da sie
doch sein Herrscher seyn sollte. Der völlig und harmonisch ausgebildeten
Kraft kann man es überlassen, von welcher Seite her sie sich der Welt
und der Praxis in ihr nähern werde; oder: in allen Ständen kommt es
nicht darauf an, wozu man ^erzogen^ sey und was man ^gelernt^ habe,
sondern was man ^sey^? Wer überhaupt nur wirklich ^ist^, ein
vernünftiges und in jedem Augenblicke selbstthätiges Wesen, wird immer
mit Leichtigkeit sich zu dem ^machen^, was er in seiner Lage seyn soll.
Wer aber durch irgend eine äusserliche Einübung (Dressur) den leider
ermangelnden Thierinstinct ersetzt hat, der bleibt eben in dieser
Schranke befangen, die ihn wie eine zweite, ihm undurchdringliche Natur
umgiebt, und die Erziehung, der Unterricht hat ihn gerade beschränkt,
getödtet, statt ihn zu befreien und zum lebendigen Fortwachsen aus sich
selbst fähig zu machen.
[Fußnote 36: Als Rechenschaftsablegung bei Gelegenheit eines damals
gefassten Planes geschrieben, einige Söhne ihm befreundeter Familien,
zur Erziehung mit dem eigenen, in sein Haus aufzunehmen.
(Anmerk. des Herausgebers.)]
2.
Für Entwickelung der ^Geistes^kraft in diesem allgemeinsten Sinne haben
wir Neueren nichts Zweckmässigeres, als die Erlernung der alten
klassischen Sprachen. Ob man fürs Leben jemals dieser Sprachen bedürfen
werde, davon sey nicht die Frage: ja sogar davon werde abgesehen, ob es
dem aufkeimenden Geiste räthlicher sey, in der gepressten Luft der
modernen Denkart, oder in dem heiteren Wehen der Schriftsteller des
Alterthums zu athmen. Folgende Frage aber kann nicht geschenkt werden:
wie der Zögling über den Nebel nicht von ihm geschaffener und deshalb
nicht verstandener Worte, der nur den Geist, welcher ihm unbewusst in
der Sprache umherwankt, keinesweges aber seinen eigenen, in ihm
aufkommen lässt, -- über diesen Nebel, der den grössten Theil selbst der
angeblich gebildeten Menschen zeitlebens gefesselt hält, zur lebendigen
Anschauung der Sache selbst gelangen solle?
Ich halte dafür, dass dies geschehen könne nur durch das Studium ^der^
Sprachen, deren ganze ^Begriffsgestaltung^ von der Modernität völlig
abweicht und jeden, der es in dieser Region bis zum ^eigentlichen
Verstehen^ bringen soll -- was freilich mehr ist, als was der
gewöhnliche Unterricht in den alten Sprachen bezweckt und in der Regel
auch erreicht, der sich mit dem ungefähren Dolmetschen des Sinnes
begnügt, -- entschieden nöthiget, über alle Zeichen hinweg zu etwas
Höherem, als das Sprachzeichen ist, zu dem Begriffe der Sache sich zu
erheben: -- ein Studium, welches ebendarum durch die Erlernung keiner
neueren Sprache zu ersetzen ist, weil hierin mit nichtverstandenen
Phrasen, gegen andere gleichgeltende, nur anderstönende, welche
ebenfalls nicht verstanden werden, d. h. in denen niemals vom Ausdrucke
und Bilde zum Begriffe vorgedrungen wird, -- ein Tauschhandel getrieben
werden kann und getrieben wird. Daher nun die Nebelwelt
halbverstandener, nie bis auf ihren Kern untersuchter Vorstellungen, in
der das gewöhnliche Bewusstseyn, auch der sogenannten Gebildeten, lebt,
und die ihre Wahrheit sind, nach der zufälligen Gestaltung des sie
umgebenden Sprachgeistes und nach dem ebenso zufälligen Anfluge aus
ihren specielleren Umgebungen, wo also nirgends das Bewusstseyn mit dem
Realen und Wahren zu thun hat, sondern mit den Schattenbildern
desselben.
3.
Es liegt in der Sache, dass die ^Form^ des Unterrichtes und der Uebungen
auf den beschriebenen Zweck berechnet seyn muss; eine Form, mit welcher
ich aus alter Uebung im Unterrichte sehr bekannt zu seyn glaube. Eine
Nebenrücksicht hierbei wird die seyn, den grössten Theil der Zeit und
der Mühe, der in dem hergebrachten Unterrichte auf das Lateinische, eine
sehr nachstehende Tochter des Griechischen, gewidmet wird, der Mutter
selbst zuzuwenden, mit dem Griechischen, so viel dies möglich ist,
anzufangen, dies als Hauptsache zu nehmen und bis zu Stil- und sogar
Sprechübungen zu treiben, indem aus der für den geborenen Deutschen,
wegen der sehr nahen Verwandtschaft des Griechischen mit seiner
Muttersprache ohnedies leicht zu erlangenden Fertigkeit, eine Ansicht
von der Sprache überhaupt und so auch eine Vorbereitung auf das weit
ferner für uns liegende Lateinische erfolgt; welche auf umgekehrtem Wege
nicht so sicher zu erreichen wäre.
4.
Es versteht sich, dass über dieser Erlernung der alten Sprachen und der
Ansichten der alten Welt, der alten Geschichte, Geographie u. s. w., die
Kenntniss der umgebenden Welt nicht vergessen werde. Dies ist nun aber,
weil es das Umgebende betrifft, mehr durch Leben und möglichst zu
vermittelnde Anschauung, als durch todtes Studium und Ueberlieferung,
mehr durch unmittelbare Erfahrung und Conversation darüber, als durch
besondere Lehrstunden zu befördern. Ein lebendiger, durch seine tägliche
Arbeit an Verknüpfung und Ordnung gewöhnter Knabe wird nicht ermangeln,
von dem, was er erblickt, aufzusteigen zu dem, was er nicht erblickt,
und darnach, so wie nach dem Zusammenhange beider zu fragen, und er wird
Befriedigung erhalten, wenn diejenigen, die ihn umgeben, theils selber
die Sache wissen, theils so zu antworten verstehen, dass keine todte,
nur wiederholende Phrase, sondern eine lebendige Anschauung im Zöglinge
entstehe.
5.
Der innere Geist und Charakter dieser intellectuellen Erziehung, ohne
welchen alle äusserlichen Fertigkeiten und Kenntnisse keinen Werth
haben, ist der, dass der Zögling in der That und stets selbst arbeite,
Alles durch eigene Geisteskraft sich erwerbe, keinesweges aber nur
mechanisch etwas anlerne. Die Methode, leicht oder spielend zu lehren
und zu lernen, kann daher in einem vernunftgemässen Erziehungsplane
nicht eintreten, in welchem es gar nicht darauf ankommt, ^was^ da
erlernt sey, sondern was der Zögling geistig vermöge, und wie dies
Vermögen durch den Stoff des Unterrichtes entwickelt worden sey.
Aus diesem Grunde wird das Studium der Mathematik, am geeignetsten nach
Euklides oder in dieser Methode, der zweite Hauptzweig des eigentlichen
Unterrichtes seyn.
6.
Dagegen im unmittelbaren Leben, durch ein von selbst sich darbietendes
oder künstlich herbeigeführtes Bedürfniss angeregt, sind die neueren
Sprachen zu erlernen. Diese Erlernung ist dem Knaben, der schon an den
alten Sprachen Kenntniss der Sprache überhaupt sich erworben, und Ohr
und Zunge an ihnen geübt hat, der ferner Lateinisch versteht, besonders
bei den Töchtern des Lateinischen sehr leicht, wenn dabei nur nicht auf
eine zu nichts dienende Virtuosität im blossen Sprechen ausgegangen
wird.
7.
Jenen auf Anschauung gegründeten Unterricht in den Anfangsgründen der
Geometrie und Arithmetik abgerechnet, ist ein eigentlich systematisches
und speculatives Studium der Wissenschaften, vor den Jahren der
anfangenden Reife, sogar nachtheilig. Früher werde nur reicher Stoff der
Erkenntniss herbeigeführt, die Phantasie gestärkt und frei und
selbstständig gemacht, der Verstand durch Uebung an den gesetzmässigen
Gang ^angewöhnt^, als ob dies gar nicht anders seyn könne. Erst in
dieser Richtigkeit des geistigen Blickes befestigt, möge er Ausflug
nehmen zur Erforschung und zum deutlichen Bewusstseyn seiner Gesetze,
denen er bisher, wie einem dunkeln Instincte, folgte. Mit Einem Worte:
Transscendentalismus jeder Art, selbst in seinen leisesten Andeutungen,
gehört nicht unter die Gegenstände der Erziehung. --
8.
Der Körper ist so gut Ausdruck der ^gesammten^ menschlichen Kraft, als
es der Geist ist. Abgerechnet nun, dass ganz gegen die gewöhnliche
Meinung von der »Ungesundheit« des Fleisses und des ernsten Studiums,
frühe Geistesbildung, wenn sie nur nicht ein Brüten der Memorie über
todten, unverstandenen Phrasen, sondern ein Leben und Weben der
Phantasie seyn soll, schon durch sich selbst auch für den Körper der
wirksamste Lebensbalsam ist: -- dies abgerechnet, bleibt es noch
besonderer Zweck der Erziehung, den Zögling auch seines Körpers Meister
zu machen, also dass er diesen besitze, in keinem Sinne aber von ihm
besessen werde, -- auch nicht durch körperliche Stimmungen und
Aufregungen.
Hierher gehört zuerst Entwicklung und Fixirung der Sinne; des Auges
durch (nicht mechanisches, sondern perspectivisches) Zeichnen; des Ohres
durch Uebung im harmonischen, einstimmigen und vielstimmigen Gesange,
und, sofern Talent vorhanden, auch im Erlernen eines musikalischen
Instrumentes: -- des allgemeinen Sinnes durch Gewöhnung an
ununterbrochene Aufmerksamkeit und absolutes Nichtdulden des
Zerstreutseyns. (Dieser Punct ist wichtiger als er scheint, und ich
getraue mir zu behaupten, dass man das Menschengeschlecht mit Einem
Streiche von allen seinen übrigen Gebrechen geheilt haben würde, wenn
man jeden von dem Zerstreutseyn geheilt, und ihn dahin gebracht hätte,
nur allemal seine ganze unzerstreute Aufmerksamkeit auf das zu richten,
was er jetzt treibt.)
Täglicher Genuss der frischen Luft, harmonische Ausbildung des Körpers
durch gymnastische Uebungen, wie Tanzen, Ringen, Fechten, Reiten,
insgesammt auf den Zweck gerichtet, den Körper unter die Herrschaft des
Geistes zu bringen und ihn zugleich zum starken, ausdauernden Werkzeuge
desselben zu machen, verstehen sich von selber im Ganzen dieses
Erziehungsplanes.
9.
Eine ^positive^ moralische Erziehung, d. h. eine solche, die sich den
Zweck setze und ihn ausdrücklich ausspreche, den Zögling zur Tugend zu
bilden, giebt es nicht; vielmehr würde ein solches Verfahren den inneren
moralischen Sinn ertödten und gemüthlose Heuchler und Gleissner bilden.
In der eigenen schamhaften Stille des Gemüthes, ohne Geschwätz und
Selbstbespiegelung, muss die Sittlichkeit von selbst aufkeimen, und
allmählig höher erwachsen und sich verbreiten, so wie die äusseren
Beziehungen sich theils vermehren, theils dem Kinde klarer werden. So
muss es seyn, und so wird es ohne alles absichtliche Zuthun allenthalben
von selbst erfolgen, ^sofern nur lauter gute Beispiele den Zögling
umgeben und alles Schlechte, Gemeine und Niedrige fern von seinem Auge
gehalten wird.^
Ausser dieser verhütenden Sorgfalt hat der Erzieher nur noch Folgendes
zu thun: wenige, in sich selbst durchaus klare und leicht zu
beobachtende positive Gebote aufzustellen, über deren Befolgung, ohne
irgend eine Ausnahme und unverbrüchlich, gehalten werde. So wäre denn
irgend einmal mit Feierlichkeit das sittliche Gesetz anzukündigen:
schlechthin nicht zu lügen, nicht wissentlich und bedächtig gegen sein
Bewusstseyn zu reden oder zu handeln. Nach aller Erfahrung ergreift
dieses Gesetz mit einer wunderbaren Gewalt den Knaben, erhebt ihn, giebt
ihm eine innerliche Fassung, und wird ihm unaustilgbare Quelle der
inneren Rechtschaffenheit, die die Mutter aller Tugenden ist und Keinen,
der sie besitzt, ohne Rettung fallen lässt.
10.
Innere Religiosität des Gemüthes, das heisst: heilige Ahnung eines über
alle Sinnlichkeit Erhabenen, und Hinneigung zu ihm, findet bei innerer
Rechtschaffenheit des Gemüthes und zweckmässiger Geistesbildung, wie sie
eben beschrieben worden, sich ganz von selbst. Sie planmässig anlehren
zu wollen, würde abermals den inneren Sinn dafür ertödten und den
Heuchler bilden. -- Die Unterweisungen in der positiven Landesreligion
wird, wenn der Zögling in die Jahre kommt, an den Mysterien derselben
theilzunehmen, der Geistliche seiner Confession (welches diese sey, ist
unserer Erziehung völlig gleichgültig) besorgen, und unser
Erziehungsplan wird jeder positiven oder negativen Einmischung und jedes
Einflusses in diese Angelegenheit sich mit strenger Gewissenhaftigkeit
enthalten.
11.
Die äusseren Mittel zur Erreichung des angegebenen Zweckes werden
folgende seyn:
Es wird ein Hauslehrer, oder falls eine grössere Anzahl von Zöglingen
sich fände, deren zwei gehalten. Die ausschliessenden Bedingungen, durch
die man sich bei der Wahl dieser Lehrer leiten lassen wird, werden darin
bestehen: zuvörderst, dass ihnen Pädagogik um ihrer selbst willen
Geistes- und Herzensangelegenheit sey, und sie daher eine solche Stelle
nicht als Mittel für einen fremden Zweck, sondern selbst als nächsten
Zweck suchen; -- sodann, dass, wenn sie auch nicht alles, sogar nur
weniges von dem, was sie lehren sollen, wissen, sie doch die
Geistesfreiheit und Uebung haben, immer mit Leichtigkeit es zu lernen,
so wie sie dessen bedürfen, und ebenso die zweckmässigste Methode, es zu
lehren, besitzen oder diese sich anzueignen vermögen. Diese Männer
werden, abwechselnd mit mir, unter täglich gegenseitiger Rücksprache und
Rechenschaftsablegung, lehren und die Zöglinge unter ^ununterbrochener^
Aufsicht behalten.
12.
Fremde Kinder durchaus und ganz wie unser eigenes anzusehen und zu
behandeln, dazu müsste uns, selbst wenn es keine höheren Antriebe gäbe,
sogar die Klugheit und das Wohlwollen gegen unser eigenes Kind nöthigen,
indem das entgegengesetzte Benehmen gerade für es selbst die
nachtheiligsten Folgen haben würde.
G.
Bericht
über den Begriff der Wissenschaftslehre und die bisherigen
Schicksale derselben.
(Geschrieben im Jahre 1806.)
Erstes Capitel.
Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre.
Falls etwa der Erkenntniss der Wahrheit durch den Menschen dieses
Hinderniss im Wege stände, dass im natürlichen und kunstlosen Zustande
diese Erkenntniss sich selber, nach eigenen innern und verborgen
bleibenden Gesetzen gestaltete und bildete; diese ihre eigene Gestalt
der zu erkennenden Wahrheit, ohne unser Vermerken, mittheilte, und so in
der Erkenntniss sich selber in den Weg, und zwischen sich und die reine
Wahrheit in die Mitte träte: so würde es auf diese Weise nie zur
Wahrheit, und falls diese Selbstmodification der Erkenntniss wandelbar,
veränderlich, und in ihrer verschiedenen Gestaltung vom blinden
Ohngefähr abhängig seyn sollte, auch nie zu bleibender Einheit und
Gewissheit in der Erkenntniss kommen. Diesem Mangel und den nothwendigen
Folgen desselben könnte auf keine andere Weise abgeholfen werden, ausser
dadurch, dass jene inneren Selbstmodificationen der Erkenntniss aus
ihren Gesetzen vollständig erschöpft, und die Producte derselben von der
erkannten Wahrheit abgezogen würden; worauf, nach diesem Abzuge, die
reine Wahrheit übrigbleiben würde.
So verhält es sich nun in der That; und dem zufolge würden, bis auf
Kant, alle Denker und Bearbeiter der Wissenschaft ohne Ausnahme durch
den verborgenen Strom jener inneren Verwandlungen der Erkenntniss
herumgezogen, und mit sich selber und andern in Widerstreit versetzt.
Kant war der erste, der diese Quelle aller Irrthümer und Widersprüche
glücklich entdeckte, und den Vorsatz fasste, auf die einzig
wissenschaftliche Weise, durch systematische Erschöpfung jener
Modificationen, und, wie er es nannte, durch Ausmessung des ganzen
Gebiets der Vernunft, sie zu verstopfen. Die Ausführung blieb jedoch
hinter dem Vorsatz zurück, indem die Vernunft oder das Wissen nicht in
seiner absoluten Einheit, sondern schon selbst in verschiedene Zweige
gespalten, als theoretische, als praktische, als urtheilende Vernunft,
der Untersuchung unterworfen; auch die Gesetze dieser einzelnen Zweige
mehr empirisch gesammelt, und durch Induction als Vernunftgesetze
erhärtet wurden, als dass eine wahre Deduction aus der Urquelle sie
erschöpft, und als das, was sie sind, sie dargelegt hätte. Bei diesem
Stande der Sachen ergriff die Wissenschaftslehre die durch jene
Kantische Entdeckung an die Menschheit gestellte Aufgabe; zeigend, was
der Wissenschaftsweg in seiner Einheit sey, sehr sicher wissend und
darauf rechnend, dass aus dieser Einheit heraus die besonderen Zweige
desselben sich von selbst ergeben, und aus ihr würden charakterisirt
werden können.
Wir sind nicht gemeint zu läugnen, dass nicht von einigen jene
Wissenschaftslehre einigermaassen gefasst, und ihr Zweck nothdürftig
historisch ersehen worden sey, indem von mehreren gestanden worden, dass
durch jenes Werk die absolute Nichtigkeit aller Producte des
Grundgesetzes des Wissens, der Reflexion, dargethan sey. Nur machte man
aus dieser Entdeckung über das Resultat jener Philosophie den Schluss,
dass eben um dieses Resultates willen die Wissenschaftslehre nothwendig
falsch sey, indem eine Realität denn doch sey, diese Realität aber, weil
nemlich diejenigen, die also dachten, für ihre Person dieselbe nicht
anders zu erfassen vermochten, nur innerhalb des Gebiets des
Reflexionsgesetzes erfasst werden könne. Durch dieselbe Voraussetzung
machten sie nun die Wissenschaftslehre, dieselbe mit dem in ihrer Gewalt
einig befindlichen Organe fassend, wirklich falsch; indem sie, gar nicht
zweifelnd, dass ein objectives Seyn gesetzt werden müsste, und dass von
diesem allgemeinen Schicksal der Sterblichkeit auch die
Wissenschaftslehre nicht frei seyn werde, meinten, der Fehler dieser
Philosophie bestehe darin, dass sie ein subjectives-objectives Seyn, ein
wirkliches und concret bestehendes Ich, als das Ding an sich,
voraussetze; welchem Fehler sie für ihre Person nun dadurch abzuhelfen
vermeinten, dass sie statt dessen ein objectives-objectives Seyn,
welches sie mit dem Namen des Absoluten beehrten, voraussetzten. Zwar
hat man in Absicht der der Wissenschaftslehre angemutheten Voraussetzung
von Seiten derselben nicht ermangelt, wiederholt und in den
verschiedensten Wendungen zu protestiren; jene aber bleiben dabei, wie
sie denn auch nicht füglich anders können, dass sie besser wissen
müssten, was der Verfasser der Wissenschaftslehre eigentlich wolle, als
dieser selbst. In Absicht ihrer eigenen Verbesserung ist sonnenklar, und
es wird, falls jemals einige Besonnenheit an die Tagesordnung kommen
sollte, jedes Kind begreifen, dass dieses ihr Absolute nicht nur
objectiv ist, welches das erste Product der stehenden Reflexionsform,
sondern zugleich auch, als Absolutes, bestimmt ist durch seinen
Gegensatz eines Nicht-Absoluten, welche ganze Fünffachheit, noch
überdies mit der im Nicht-Absoluten liegenden ganzen Unendlichkeit, in
jener Operation mit dem Absoluten und ihrer Einbildungskraft durch
einander verwachsen liegt, und so ihr Absolutes überhaupt gar kein
möglicher Gedanke, sondern nur eine finstere Ausgeburt ihrer
schwärmenden Phantasie ist, um die Empirie, im Glauben an welche sie
fest eingewurzelt sind, zu erklären.
Gegen Erinnerungen, wie die eben gemachte, meinen sie auf folgende Weise
sich in Sicherheit bringen zu können. Es hat nemlich die
Wissenschaftslehre, freilich nur fürs Erste, und als ein Hausmittel für
diejenigen, denen der Zustand der Besonnenheit noch nicht der natürliche
geworden ist, sondern in welchen er mit dem der Unbesonnenheit wechselt,
vorgeschlagen, dass sie bei dergleichen Producten der stehenden
Reflexionsform sich doch nur besinnen möchten, dass sie das Gedachte ja
denken. Jene, wohl wissend, dass, wenn sie auf diesen Vorschlag
eingehen, ihnen die geliebte Täuschung verschwinde, und das, was sie
gern als das Ansich sähen, als ein blosser Gedanke sich gar klar
manifestire, versichern, dass man an dieser Stelle sie nie zur Reflexion
bringen solle; und berichten, dass gerade durch die consequente
Durchführung jener Maxime die Wissenschaftslehre zu einem leeren
Reflectirsystem werde, und dadurch eben, wie es sich denn auch wirklich
also verhält, die ganze Reflexionsform in absolutes Nichts zerfalle,
indem das eben die jenem Systeme verborgengebliebene Kunst sey, an der
rechten Stelle die Augen zuzumachen und die Hand auf, um die Realität zu
ergreifen. Es entgeht ihnen hierbei gänzlich, dass, völlig unabhängig
von ihrem Reflectiren oder Nichtreflectiren auf ihren Denkact, derselbe
an sich bleibt, wie er ist, und wie er durch die Form der Beschränkung,
in der sie ihn vollziehen, nothwendig ausfällt; und dass es ein
schlechtes Mittel ist gegen die Blindheit, vor der Blindheit selber
wiederum die Augen zu verschliessen. So bleibt in dem angegebenen Falle
ihr Absolutes, von dem sie doch durchaus nicht anders denken können, als
dass es sey, immer ein Objectives, aus dem Schauen Hingeworfenes, und
demselben in ihm selber Entgegengesetztes, durch sich und in seinem
Wesen; ob sie nun den Gegensatz dazu, das Schauen, ausdrücklich
hinsetzen oder nicht: und sie haben, wenn sie nicht mehr denn dieses
Objectiviren vollzogen haben, nur das Seyn überhaupt, keinesweges aber,
wie sie vorgeben, das Absolute gedacht; oder wollen sie doch auch dieses
Letztere gedacht haben, so haben sie, innerhalb des Seyns überhaupt,
noch durch einen zweiten Gegensatz mit einem nicht absoluten Seyn, eine
weitere Bestimmung vollzogen, und ihr Absolutes ist ein besonderes Seyn,
innerhalb des allgemeinen, und ihr Denken ist auf eine bestimmte Weise
analytisch-synthetisch, weil nur durch ein solches Denken der Begriff,
den sie zu haben versichern, zu Stande kommt, sie mögen es nun erkennen
oder nicht.
Dieses Alles ist ihnen nun seit dreizehn Jahren oft wiederholt und in
den mannigfaltigsten Wendungen gesagt worden, und sie haben es auch
recht wohl vernommen. Aber sie wollen es nicht weiter hören, und hoffen,
weil wir einige Jahre geschwiegen, und sie nach aller ihrer Lust ihr
Wesen haben treiben lassen, desselben auf immer erledigt, und in den
ungestörten Besitz der Weisheit, die ihnen gefällt, eingesetzt zu seyn.
Jedoch fehlt gar viel daran, dass dieses ihr Nichtwollen so ganz ein
freies sey. Es gründet sich dasselbe vielmehr mit Nothwendigkeit auf die
Beschaffenheit ihrer geistigen Natur. Sie vermögen nicht zu thun, was
wir ihnen anmuthen, noch zu seyn, wie wir sie haben wollen. Wollen sie
bei diesem Stande der Dinge nicht alles Seyn aufgeben und in die völlige
Vernichtung fallen, so müssen sie sich auf das ihnen einzig mögliche
Seyn stützen, und dasselbe aus aller Kraft aufrecht zu erhalten suchen.
Jenes, oben an einem Beispiele dargestellte analytisch-synthetische
Denken ist eine Function der Phantasie, und mischt mit den aus ihr
erzeugten Schemen die Realität zusammen; wir aber muthen ihnen das reine
und einfache Denken oder die Anschauung an, durch welches allein die
Realität, in ihrer Einheit und Reinheit, an sie gelangen könnte. Sie
sind des Letzteren durchaus unfähig, und sind darum allerdings
genöthigt, falls sie nicht lieber das Denken überhaupt aufgeben wollen,
sich der Herrschaft ihrer dunklen und verworrenen Phantasie zu
überlassen. Wie sie auch mit ihrem Geiste sich hin- und herbewegen
mögen, so werden sie nur auf andere Formen der Phantasie getrieben, aus
dieser überhaupt nie herauskommend. Die Form der Phantasie ist allemal
zerreissend das Eine: sie gehen nie anders, als mit schon zerrissenem
Geiste an die Sache, und es kann darum das Eine nie an sie gelangen,
weil sie selbst niemals das Eine sind.
Darum verliert auch an ihnen alle Belehrung ihren Effect, weil dieselbe,
um an sie zu kommen, erst durch ihr Organ hindurchgehen muss; in diesem
Durchgange aber ihre eigene Form verliert, und die Form ihres Organs
annimmt. Wenn man z. B. mit ihnen vom Ich, als der Grundform alles
Wissens redet, so vermögen sie dieses Ich gar nicht anders an sich zu
bringen, denn als ein objectives, durch ein anderes ihm
entgegengesetztes objectives, bestimmtes Seyn, weil diese letztere Form
eben die Grundform der Einbildungskraft ist; es ist darum nothwendig,
dass sie die Wissenschaftslehre also verstehen, wie das deutsche
Publicum sie verstanden hat; und es ist eben dadurch klar, dass gar
keine Wissenschaftslehre an sie zu kommen vermag, sondern statt
derselben nur ein höchst verkehrtes System, welches sie durch die
entgegengesetzte Verkehrtheit berichtigen wollen.
Das einfache Denken ist das innere Sehen; das Phantasiren dagegen ist
ein blindes Tappen, dessen Grund dem Tapper ewig verborgen bleibt. Die
Wissenschaftslehre war ein Gemälde, auf Licht und Augen berechnet, und
wurde in der Voraussetzung, dass dergleichen vorhanden wären, dem
Publicum vorgelegt. Man tappte einige Jahre herum auf dem Gemälde, und
es fanden sich einige, welche Höflichkeitshalber versicherten, dass sie
die angeblich abgezeichneten Gestalten unter dem Finger fühlten. Andere,
die mehr Muth hatten, bekannten, dass sie nichts fühlten; dadurch
verminderte sich denn auch die Schüchternheit und die falsche Scham der
Ersteren, und sie nahmen ihr Wort zurück. Es fand sich indessen Einer,
der der allgemeinen Noth sich annahm, und aus allerlei altem Abgange
einen Teig zusammenknetete, den er ihnen darbot. Seit der Zeit
befleissigt jeder, der Finger hat, sich des Befühlens, und es ist ein
öffentliches Dankfest darüber angesagt, dass das Absolute betastbar
geworden.
Wo der eigentliche Punct des Streites, den die Wissenschaftslehre gegen
sie führt, wahrhaftig liege, weiss unter allen vorgeblich
philosophirenden deutschen Schriftstellern Keiner; ich sage mit Bedacht
Keiner, und gedenke hierüber dermalen keine Ausnahme zu gestatten. Dass
auch dieses System dafür halte, die Betastung sey der einzige innere
Sinn, und dass es auch ein blosses, nur etwas wunderbares und von dem
ihrigen verschiedenes Betasten sey, darüber regt nirgends sich einiger
Zweifel. Ferner halten sie dafür, der Streit sey über objective
Wahrheiten, und unser System läugne bloss einige Sätze, die sie
behaupten, und wolle dieses durch andere Sätze verdrängen; da doch
dieses System eine Bestreitung ihres gesammten geistigen Seyns und
Lebens in der Wurzel ist, und ihnen vor allen Dingen Klarheit anmuthet,
worauf es sich mit der Wahrheit ohne Weiteres auch geben werde. Nicht
darauf kommt es an, was ihr denket, würde die Wissenschaftslehre ihnen
sagen; denn euer gesammtes Denken ist schon nothwendig Irrthum, und es
ist sehr gleichgültig, ob ihr auf die eine Weise irret, oder auf die
andere; sondern darauf, was ihr innerlich und geistig seyd. Seyd das
Rechte, so werdet ihr auch das Rechte denken; lebet geistig das Eine, so
werdet ihr dasselbe auch anschauen.
Nun aber ist das Erstere nicht ganz leicht, und wir haben keinen Grund,
anzunehmen, dass dermalen mehr Geneigtheit und Fähigkeit dazu sich unter
den Deutschen vorfinden werde, als ihrer seit dreizehn Jahren, oder wenn
wir Kant, von welchem, nur mit etwas grösserem Aufwande des eigenen
Scharfsinnes, dasselbe sich hätte lernen lassen, dazu nehmen, als seit
fünfundzwanzig Jahren sich dargelegt hat. Dennoch wollen wir die
neuerdings vom Publicum bei Seite gesetzte Sache wieder in Anregung
bringen; unbekümmert übrigens darum, ob auch diese Anregung in derselben
leeren Luft, in welcher seit geraumer Zeit alle Anregungen zum Besseren
fruchtlos verhallet sind, gleichfalls ohne Erfolg verhallen werde.
Um vor allen Dingen den Stand der Einstimmigkeit, sowie des Streites der
Wissenschaftslehre mit dem Publicum festzustellen, und dadurch unseren
eigentlichen dermaligen Zweck zu bestimmen:
Das Publicum will -- wir fügen uns vorläufig seiner Sprache, bis wir
tiefer unten dieselbe zerstören werden -- das Publicum will Realität,
dasselbe wollen auch wir; und wir sind sonach hierüber mit ihm einig.
Die Wissenschaftslehre hat den Beweis geführt, dass die, in ihrer
absoluten Einheit erfasst werden könnende, und von ihr also erfasste
Reflexionsform keine Realität habe, sondern lediglich ein leeres Schema
sey, bildend aus sich selber heraus, durch ihre gleichfalls vollständig,
und aus Einem Principe zu erfassenden Zerspaltungen in sich selbst, ein
System von anderen ebenso leeren Schemen und Schatten; und sie ist
gesonnen, auf dieser Behauptung fest und unwandelbar zu bestehen.
Das Publicum, welches sein geistiges Leben über diese Form nicht hinweg
zu versetzen, noch dieselbe von sich abzulösen, und sie frei anzuschauen
vermag, hat, eben ohne es selbst zu wissen, seine Realität nur in dieser
Form; da es nun aber doch Realität haben muss, so ist es geneigt, jenen
von der Wissenschaftslehre geführten Beweis für fehlerhaft zu halten,
weil ihm dadurch seine Realität, die es nicht umhin kann, für die einzig
mögliche zu halten, vernichtet wird.
Wenn wir nun bei diesem Stande der Sachen einen Augenblick annehmen
wollen, dass diesem Publicum geholfen sey, und dass es uns zu verstehen
vermöge; so könnte das Erstere nur dadurch geschehen, dass man mit ihm
gemeinschaftlich und vor seinen Augen die Form, in der es befangen
bleibt, ablöste und ausschiede und neu zeigte, dass zwar seine Realität,
keinesweges aber alle Realität vernichtet sey, sondern dass im
Hintergrunde der Form, und nach ihrer Zerstörung erst die wahrhafte
Realität zum Vorschein komme. Dieses Letztere ist nun diejenige Aufgabe,
welche wir zu seiner Zeit durch eine neue und möglichst freie
Vollziehung der Wissenschaftslehre, in ihren ersten und tiefsten
Grundzügen zu lösen gedenken.
So jemand will, so mag er eine solche Arbeit auch für die Erfüllung des
vor langem gegebenen Versprechens einer neuen Darstellung der
Wissenschaftslehre nehmen; welcher Erfüllung ich mich übrigens, weil mir
immer deutlicher geworden, dass die alte Darstellung der
Wissenschaftslehre gut und vorerst ausreichend sey, schon längst
entbunden hatte, und jetzt sie weiter hinausschiebe. Wie es mir aus den
öffentlichen Aeusserungen dieser Erwartung wahrscheinlich geworden,
hoffte man besonders, dass durch die neue Darstellung das Studium dieser
Wissenschaft bequemer werden sollte; welcher Hoffnung zu entsprechen ich
weder ehemals noch jetzt grosse Fähigkeit oder Geneigtheit in mir
verspüre.
Da ich soeben die ehemalige Darstellung der Wissenschaftslehre für gut
und richtig erklärt habe, so versteht es sich, dass niemals eine andere
Lehre von mir zu erwarten ist, als die ehemals an das Publicum
gebrachte. Das Wesen der ehemals dargelegten Wissenschaftslehre bestand
in der Behauptung, dass die Ichform oder die absolute Reflexionsform der
Grund und die Wurzel alles Wissens sey, und dass lediglich aus ihr
heraus Alles, was jemals im Wissen vorkommen könne, sowie es in
demselben vorkomme, erfolge; und in der analytisch-synthetischen
Erschöpfung dieser Form aus dem Mittelpuncte einer Wechselwirkung der
absoluten Substantialität mit der absoluten Causalität; und diesen
Charakter wird der Leser in allen unseren jetzigen und künftigen
Erklärungen über Wissenschaftslehre unverändert wiederfinden.
Zur vorläufigen Erwägung.
Wenn es nun etwa jemand zu der Einsicht gebracht hätte, dass das Seyn --
ich muss, um die Rede anknüpfen zu können, von diesem Begriffe, den ich
demnächst zu zerstören gedenke, ausgehen -- dass das Seyn schlechthin
nur Eins, durchaus nicht Zwei, und ein in sich selber Geschlossenes und
Vollendetes, eine Identität, keinesweges aber eine Mancherleiheit seyn
könnte: so würde von einem solchen billigerweise zu fordern seyn, dass
er nach dieser Einsicht nun auch wirklich verführe, nicht aber zur
Stunde wiederum gegen sie handelte, dass er demnach, falls er etwa noch
überdies ein solches Seyn nicht problematisch an seinen Ort gestellt
seyn lassen, sondern positiv und bejahend dasselbe annehmen wollte,
dasselbe, treu seinem Grundsatze, eben nur ins positive Seyn selber oder
ins Leben setzen, und annehmen müsse, dass es eben nur unmittelbar
lebend, und im unmittelbaren Erleben und durchaus auf keine andere Weise
sich bewahrheiten könne. Wollte er nun etwa dieses Leben wiederum
absolut nennen, wie ihm, wenn er nur dadurch keinen Gegensatz, der ja
gegen die angenommene Einheit des Seyns streiten würde, aufstellen,
sondern nur soviel sagen wollte, dass dies das Eine in sich vollendete
Seyn sey, ausser welchem gar nichts Anderes seyn könne: so würde er
annehmen müssen, dass das Absolute nur in dem einzig möglichen innern
Leben von sich, aus sich, durch sich sey, und durchaus auf keine andere
Weise seyn könne, dass nur im unmittelbaren Leben das Absolute sey, und
ausser dem unmittelbaren Leben gar kein anderes Seyn es gebe, und alles
Seyn nur gelebt, nicht aber auf andere Weise vollzogen werden könne.
Könnte nun ein solcher auch wohl freilich sich nicht abläugnen, dass er
in dieser Operation das Leben doch nur dächte, und objectiv vor sich
hinstellte, so müsste sich derselbe nur recht verstehen, um sogleich
einzusehen, dass er dennoch nicht diesen ^Gedanken^ seines Lebens und
das ^Product^ seines Denkens meine, indem er ja das Leben aus sich und
von sich selbst, nicht aber aus seinen Gedanken heraus gedacht zu haben
vermeint, sonach an diesem Gedanken sein Denken ausdrücklich zerstört,
und durch den Inhalt dieses einzig möglichen wahren Gedankens das
Denken, als etwas für sich bedeuten wollend, völlig vernichtet würde.
Geradezu aber würde gegen die vorausgesetzte Einsicht gehandelt werden,
wenn jemand das Seyn, und da das Seyn durchaus das Absolute ist, das
Absolute, in ein nicht Einfaches, sondern Mannigfaltiges, und in ein
sichtbares Erzeugniss und Product eines Andern ausser ihm setzen wollte.
Dergleichen ist nun eben der Begriff des Seyns, von welchem wir die Rede
anhoben. Er ist nicht von sich, sondern aus dem Denken, und dieses Seyn
ist in sich selbst todt, wie dies auch nicht anders seyn kann, da sein
Schöpfer, das Denken, in sich selbst todt ist, und an dem einzigen
wahren Gedanken, dem des Lebens, sich also bewährt. Auch bewährt dieses
Seyn sich wirklich also todt im Gebrauche, indem es für sich selbst
nicht aus der Stelle rückt, und durch mündliche Wiederholbarkeit doch
ein Etwas aus ihm herauskommt, sondern erst durch einen zweiten Ansatz
des Denkens ihm Leben und Bewegung als ein zufälliges Prädicat ertheilt
wird. Alle diese, dem Seyn hinterher noch beigelegten Prädicate sind nun
nothwendig willkürliche Erdichtungen, indem, falls das Denken auf eine
glaubhafte Weise Bericht vom Leben abstatten sollte, das letztere selber
darin eintreten und unmittelbar von sich zeugen müsste; jenes Denken
eines Seyns aber gleich ursprünglich das Leben von sich ausgeschieden,
und ausser aller unmittelbaren Berührung mit ihm sich gesetzt hat, und
darum nicht berichten, sondern nur erdichten kann; an welchem letzteren
freilich die Möglichkeit noch besonders zu erklären ist.
Würde nun etwa dennoch in einem gewissen Sinne, der noch näher zu
bestimmen seyn würde, angenommen, dass Wir, oder was dasselbe bedeutet,
dass Bewusstseyn sey: so wäre dieses, innerhalb der vorausgesetzten
Grundeinsicht, nur also zu begreifen, dass das Eine absolute Leben eben
das unsrige, und das unsrige das absolute Leben sey, indem es nicht zwei
Leben, sondern nur Ein Leben zu geben vermöge, und dass das Absolute
auch in uns eben nur unmittelbar lebend, und im Leben, und auf keine
andere Weise dazuseyn vermöge, indem es überhaupt auf keine andere Weise
dazuseyn vermag; und wiederum, dass nur in uns das Absolute lebt,
nachdem es überhaupt in uns lebt, es aber nicht zweimal zu leben vermag.
Inwiefern aber nun ferner angenommen wird, dass wir nicht bloss das Eine
Leben, sondern zugleich auch Wir oder Bewusstseyn sind, so würde
insofern das Eine Leben in die Form des Ich eintreten. Sollte sich, wie
wir aus guten Gründen vorläufig vermuthen, diese Ichform klar
durchdringen lassen, so würden wir einsehen, was an uns und unserem
Bewusstseyn lediglich aus jener Form erfolge, und was somit nicht
reines, sondern formirtes Leben sey; und vermöchten wir nun dieses von
unserem gesammten Leben abzuziehen, so würde erhellen, was an uns als
reines und absolutes Leben, was man gewöhnlich das ^Reale^ nennt,
übrigbliebe. Es würde eine Wissenschaftslehre, welche zugleich die
einzig mögliche ^Lebenslehre^ ist, entstehen.
Was insbesondere das erste aufgestellte todte Seyn betrifft, so würde
erhellen, dass dieses durchaus nicht das Absolute, sondern dass es nur
das letzte Product des in uns in der Form des Ich eingetretenen wahrhaft
absoluten Lebens sey; das letzte, sage ich, also dasjenige, in welchem
in dieser Form das Leben abgeschlossen, erloschen und ausgestorben,
somit in ihm schlechthin gar keine Realität übriggeblieben ist. Es würde
einleuchten, dass eine wahrhaft lebendige Philosophie vom Leben
fortgehen müsse zum Seyn, und dass der Weg vom Seyn zum Leben völlig
verkehrt sey und ein in allen seinen Theilen irriges System erzeugen
müsse, und dass diejenigen, welche das Absolute als ein Seyn absetzen,
dasselbe rein aus sich ausgetilgt haben. Auch in der Wissenschaft kann
man das Absolute nicht ^ausser^ sich anschauen, welches ein reines
Hirngespinnst giebt, sondern man muss in eigener Person das Absolute
seyn und leben.
Ich füge nur noch folgende zwei Bemerkungen hinzu. Zuvörderst, dass
durch diesen Satz alle Philosophie ohne Ausnahme, ausser der Kantischen
und der der Wissenschaftslehre, für völlig verkehrt und ungereimt
erklärt werde; und wir sprechen dieses bestimmt aus, indem wir niemals
irgend eine Ausnahme, welchen Namen sie auch haben möge, zu gestatten
gedenken. Sodann, so klar und so handgreiflich einleuchtend die gemachte
Bemerkung auch jedem ist, der sie eben versteht, so möchte es doch Leser
geben, die gar nicht leicht in dieselbe sich fänden. Der Grund ist der:
weil es einiger Anstrengung bedarf, um sich zur Vollziehung der
angemutheten Consequenz zu bringen, und dieselbe in seine freie und
besonnene Gewalt zu bekommen, zuwider dem natürlichen Hange im Menschen,
zum objectivirenden Denken, als dem leichtesten, und jedem ohne alle
Mühe und Besonnenheit sich anwerfenden zurückzukehren. Dennoch kann die
Vollziehung dieser Einsicht nicht erlassen werden, indem ausserdem es
beim blinden Tappen bleibt und kein Sehen erfolgt, und der ganze
Unterricht, aus Mangel eines tauglichen Organs der Aufnahme, seines
Zweckes verfehlt.
Endlich, dass beim Leben angehoben werden müsse, und von diesem erst zum
Seyn fortgegangen werden könne, hat nur vorläufig verständlich gemacht
werden sollen, um den dermalen vorhandenen Grund alles Irrthums bei
Zeiten aus dem Wege zu bringen. Keinesweges aber haben wir uns dadurch
die Möglichkeit abschneiden wollen, falls es nothwendig werden sollte,
sogar über das Leben hinauszugehen, und auch dieses als nichts Einfaches
und Erstes, sondern als Product einer klar nachzuweisenden Synthesis,
nur ja nicht aus dem Seyn, darzustellen. Einer der nächsten Aufsätze
dieser Zeitschrift wird sich mit dieser Aufgabe beschäftigen.
Zweites Capitel.
Auskunft über die bisherigen Schicksale der
Wissenschaftslehre.
I.
Schilderung des bisherigen Zustandes unserer Literatur
überhaupt.
Es ist hier keinesweges unsere Absicht, bloss wieder zu sagen, wie sich
das Publicum gegen die Wissenschaftslehre seit der Erscheinung derselben
verhalten, sondern dasselbe aus seinen Gründen zu erklären, worauf dann
derjenige, der das erstere nicht weiss, aus diesen Gründen selbst es ^a
priori^ ableiten, oder auch in den seit jener Zeit erschienenen
Schriften und Urtheilen es aufsuchen mag. Nur gründet ohne Zweifel
dieses alles sich auf den bisherigen und noch dermalen fortdauernden
Zustand der Literatur überhaupt; und es wird daher die begehrte Auskunft
auf die von uns gewählte Weise ohne Zweifel gegeben, wenn der erwähnte
Zustand gründlich geschildert wird.
Welcher Schmerz übrigens und innige Wehmuth uns ergreife, indem wir aus
dem klaren Aether der tiefsten Betrachtung, in welchem wir am liebsten
uns aufhalten, herunterzusteigen haben in den Abgrund der
intellectuellen und moralischen Verkehrtheit in der Wirklichkeit, thut
nicht noth zu beschreiben. Wahrhaftig nicht unsere Neigung führt uns,
sondern eine tiefe Unlust begleitet uns zu diesem Geschäfte, welche zu
überwinden wir dennoch uns entschlossen haben, indem, so sicher wir auch
überzeugt seyn mögen, dass nichts besser werden wird, es dennoch unsere
Schuldigkeit ist, zu handeln, als ob es besser werden könnte, ganz
sicherlich aber es nicht besser werden kann, bevor nicht das Uebel in
seiner ganzen Grösse bekannt worden, und ein beträchtlicher Theil des
Publicums darüber in ein heilsames Erschrecken versetzt worden. Und wenn
es auch wahr seyn sollte, dass der jetzt ausgebildet lebenden Generation
durchaus nicht zu helfen sey, sondern diese, als unverbesserlich,
aufgegeben werden müsse: so bliebe es gleichwohl nothwendig, diejenige,
welche dermalen entsteht und sich bildet, abzuschrecken, dass sie nicht
in die Fusstapfen jener ersten trete, indem, wenn es wirklich besser
werden soll, die Besserung doch irgend einmal in der Zeit anheben muss,
nichts aber verhindert, dass wir wünschen, dass, inwiefern es möglich
ist, diese Zeit eben jetzt sey.
Nur zwei allgemeine Bemerkungen habe ich vorauszuschicken. Die erste ist
die folgende: Ob das, was ich als den Charakter unseres gelehrten
Publicums angeben werde, durchaus und ohne alle Ausnahme, oder ob es nur
von der entschiedenen Majorität gelte, kann vorläufig an seinen Ort
gestellt bleiben; und ich will es denjenigen unter meinen
wissenschaftlichen Lesern, welche mit Wahrheit sich bewusst sind, dass
ihnen niemals, weder in Schriften, noch auf dem Katheder, oder in
mündlichen Unterhaltungen dergleichen Aeusserungen, wie wir anführen
werden, entfallen sind, von Herzen gönnen; indem es mir wenig Vergnügen
macht, mir die Zahl der Schuldigen recht gross zu denken. Gemeint sind
nur diejenigen, welche selber, jedoch vor einer Selbstprüfung, in der
sie sich nicht schmeicheln, sich getroffen fühlen.
Sodann: die gewöhnliche, auch ehemals schon uns gegebene Antwort auf
dergleichen Vorwürfe ist die: man habe übertrieben, oder auch ganz und
gar die Unwahrheit gesagt, und sie seyen nicht also, wie wir sie
dargestellt hätten. Der hierbei ihnen selbst zwar grösstentheils
verborgen bleibende Grund ihrer Täuschung ist der, dass, da sie selber
in allen ihren Aeusserungen immer nur sagen, was gesagt worden, und vor
dem Worte vom Worte niemals zum Worte von der Sache zu kommen vermögen,
sie ebenfalls von uns glauben, wir wollten berichten, wie sie sprechen;
und da mag es denn oft wahr seyn, dass sie also, wie wir sie darstellen,
sich selber nicht aussprechen. Unser Vorsatz aber war und ist, zu sagen,
was sie innerlich und in der That wirklich sind und leben, welches
letztere unter andern auch recht gut an demjenigen dargelegt werden
kann, was sie seyen, dem jenes, ob sie es nun selber wissen oder nicht,
dennoch zur Quelle und Prämisse wirklich und nothwendig dient. Und wenn
es sich auch zuweilen zutrüge, dass sie, zur ausdrücklichen und
wörtlichen Erklärung über dieselben Verhältnisse kommend, das gerade
Gegentheil von dem, was sie nach unserer Behauptung wirklich sind,
sagten: so ist doch dieses letztere nicht der Ausdruck ihres wahren
Seyns, sondern nur ein auswendig Gelerntes, und eine am Markte
erhandelte Maske, mit welcher sie ihre natürliche Haut übel genug
verdecken; jenes aber, als Princip eines wirklichen Dafürhaltens im
Leben, ist ihr wahres innerliches Leben.
Und nun zur Sache! Dass das Organ für die Speculation, durch welche
allein doch alles übrige Wissen begründet, geordnet und klar wird, und
ohne welche alle Beschäftigung mit den Wissenschaften nur ein blindes,
vom Ohngefähr mehr oder weniger begünstigtes Herumtappen bleibt, den
gegenwärtigen Bearbeitern der Wissenschaften gänzlich abgehe, haben wir
schon oben gesagt, und, falls jemand fähig seyn sollte, uns zu
verstehen, durch unsere eigene Speculation es gezeigt. Nun würde ein
Mangel, den unser Zeitalter mit der gesammten Vorwelt gemein hat, nicht
jenem allein zum besonderen Vorwurfe gemacht werden können, wenn nicht
der grosse Unterschied obwaltete, dass diese Vorwelt von wahrer
Speculation niemals etwas vernommen, jenem aber nunmehr seit
fünfundzwanzig Jahren, in einer ununterbrochenen Folge mannigfaltiger
Schriften zweier in ihrem äusseren Vortrag sehr verschiedener Autoren,
die Regeln der wirklichen Speculation, und die Ausübung derselben an
mancherlei Materien, vorgelegt worden sind.
Aber was soll man sodann sagen, wenn in überschwänglicher Klarheit
erhellet, dass unter diesen vorgeblichen Bearbeitern der Wissenschaft
sogar der Begriff von der Wissenschaft selber, ihren blossen formalen
und äusseren Eigenschaften nach, nicht nur fast gänzlich verschwunden,
sondern dass sie auch innerlich vor diesem Begriffe erzittern, und jede
Anregung desselben leidenschaftlich anfeinden, und dass der einzige
Trost ihres Lebens die Hoffnung ist, dass es wohl niemals wirklich zur
Wissenschaft kommen werde, und der einzige Zweck ihrer Bestrebungen, zu
verhindern, dass es dazu komme? Müsste man nicht sodann urtheilen, dass
an die Stelle des unter uns ausgestorbenen gelehrten Publicums die
heftigsten Feinde aller Wissenschaft getreten, welche die Maske der
Gelehrsamkeit nur vorhalten, um unter deren Schutze die Wissenschaft nur
sicherer und sieghafter zu bestreiten?
Die Wissenschaft, so gewiss sie Wissenschaft ist, hat eine absolute und
unveränderliche Evidenz in sich selber, vernichtend schlechthin alle
Möglichkeit des Gegentheils und allen Zweifel; und, da diese Evidenz nur
auf eine einzige unwandelbare und unveränderliche Weise möglich seyn
kann, die Wissenschaft hat ihre feste und unveränderliche äussere Form.
Dies gehört zum Wesen der Wissenschaft, als solcher; nur unter dieser
Bedingung ist sie Wissenschaft; und so ist auch allenthalben, wo es ein
wissenschaftliches Publicum gegeben hat, in demselben allgemein geglaubt
und angenommen worden. Wie aber mögen über diesen Punct unsere
vorgeblichen Gelehrten glauben und annehmen? Ich weiss nicht, wie viele
es unter ihnen geben dürfte, denen nicht von Zeit zu Zeit Aeusserungen,
wie die folgenden, entgangen seyen: es halte jemand sich für allein
weise und allein Philosoph; es wolle jemand die Wissenschaft aus Einem
Stücke haben; man müsse -- als ob es nemlich mehr als Einen Standpunct
für jede Wahrheit geben könne -- bei Widerlegung der Gegner sich auf
ihren Standpunct versetzen; man müsse es in der Untersuchung der
Wahrheit nicht so strenge nehmen, sondern leben und leben lassen; und
wie noch ins Unendliche fort die Wendungen lauten, in denen der
Wissenschaft angemuthet wird, auf ihren absoluten Grundcharakter
Verzicht zu thun: und dieses alles als gar nicht zu bezweifelnde Axiome,
mit einer kindlichen Unbefangenheit, und so durchaus ohne alle Ahnung
der eigenen Abgeschmacktheit, dass sie nicht nur sicher auf die
Beistimmung aller übrigen hoffen, sondern sogar fest überzeugt sind, der
wissenschaftliche Mann selber, den sie etwa des Anspruchs auf
Alleinweisheit bezüchtiget, hätte sich dessen erst nur nicht besonnen;
er werde auf ihre Erinnerung schon in sich gehen und sich schämen. Wenn
nun etwa auch dieselben Schriftsteller, ein andermal von dem Wesen der
Wissenschaft redend, sich ohngefähr ebenso darüber ausdrückten, wie wir
es oben thaten: soll man dies für ihren Ernst halten? Wie könnte man?
Dieses letztere sagen sie nur; das Gegentheil aber glauben sie wirklich,
indem sie ja darnach in wirklicher Beurtheilung vorliegender
Erscheinungen verfahren; wie denn auch einige zu dergleichen
Geständnissen mit rührender Naivität hinzusetzen: das sey zwar wahr ^in
abstracto^, keinesweges aber ^in concreto^; wodurch sie demnach klar
bekennen, dass sie jenen Begriff der Wissenschaft nur für einen leeren
Begriff des scherzhaften und spielenden Denkens halten, mit dem es
hoffentlich niemals werde Ernst werden.
Das innere Wesen der Wissenschaft ist auf sich selbst gegründet, und
macht sich schlechthin durch sich selbst und aus sich selbst, ^so^, wie
es sich macht, absolut vernichtend alle Willkür; und es ist die
allererste Forderung an einen wissenschaftlichen Menschen, vor deren
Erfüllung niemals auch nur ein Funke von Wissen in seine Seele kommen
wird, dass alle Neigung in ihm vor dem heiligen Gesetze der Wahrheit
verstumme, und er für immer entschlossen sey, alles, was ihm als wahr
einleuchten werde, mit ruhiger Ergebung sich gefallen zu lassen. Sollen
wir glauben, entweder, dass sie diese Bedingung vollzogen hätten, oder
auch nur, dass sie es als einen möglichen Fall dächten, es werde jemand
diese Forderung an sie machen? -- solche, welche ernsthaft vor dem
gesammten Publicum uns benachrichtigen, dass unsere Wahrheit ihnen nicht
gefalle, und auseinandersetzen, wie ihnen bei derselben eigentlich zu
Muthe geworden, und beschreiben, wie diejenige Wahrheit aussehen müsse,
die ihnen gefallen solle, und uns ersuchen, sie also zu machen und
gelten zu lassen, und, wenn wir nicht wollen, sich ereifern und klagen,
dass wir ihnen das Herz aus dem Leibe reissen wollten; welches letztere
wir denn auch wirklich gerne thäten, wenn wir es vermöchten, bei eigenem
Unvermögen aber es der göttlichen Gnade überlassen. Oder sollten wir das
von denjenigen glauben, welche, noch unabhängig von dem Inhalte des
Vorgetragenen, sich beklagen, dass man nicht freundlich genug sie
belehre, dass man ihnen einen unsanften Ruck gegeben habe, der beinahe
die ruhige Stimmung ihres Gemüthes gestört hätte; dass wir uns bessern,
und ihnen künftig die Lehre und Arznei in die von ihnen geliebten
Süssigkeiten einkleiden möchten, widrigenfalls sie zu unserer
wohlverdienten Bestrafung nichts mehr von uns lernen würden? Soll man
viele Ausnahmen von dieser Denkart glauben, wenn man sieht, dass eine
neue Lehre fast mit keinen anderen Waffen bekämpft wird, als mit dieser
Abneigung und der Erregung derselben in den Gemüthern der Leser, auf
deren Sympathie und gleichmässigen Unverstand man sicher rechnet;
ingleichen des Affects der Verwunderung über die ungeheure Abweichung
der Lehre von der gemeinen Meinung, als ob jemand zuzugestehen dächte,
dass etwas wahr sey, weil es gemein ist?
Die allererste, dem wissenschaftlichen Menschen anzumuthende Erkenntniss
ist die, dass die Wissenschaft nicht ein leeres Spiel oder Zeitvertreib,
nicht nur ein zum erhöhten Lebensgenusse dienender Luxus, sondern dass
sie ein dem Menschengeschlecht schlechthin Anzumuthendes, und die einzig
mögliche Quelle aller seiner weitern Fortentwickelung sey: dass die
Wahrheit ein Gut, und das höchste, alle anderen Güter in sich
enthaltende Gut, der Irrthum dagegen die Quelle aller Uebel, und dass er
Sünde und die Quelle aller anderen Sünden und Laster sey; und dass
derjenige, der die Wahrheit aufhält und den Irrthum verbreitet, die
allerschaudervollste Sünde am Menschengeschlechte begehe. Kann man diese
Erkenntniss denjenigen zutrauen, welche ihr ganzes Leben hindurch durch
alle ihre Worte und Werke die absoluteste Gleichgültigkeit gegen
Wahrheit und Irrthum zeigen; welche alle die Tage ihres Lebens
fortfahren zu lehren, ohne jemals etwas zu wissen; welche, ohne alle
Ueberzeugung, dass Wahrheit sey, was sie behaupten, dennoch fort
behaupten auf das gute Glück hin, dass sie es gleichwohl auch getroffen
haben könnten, und so, innerlich zu einer concreten Heuchelei und Lüge
geworden, lügend fortleben und von der Lüge essen, trinken und sich
kleiden? Ohne alle Ueberzeugung, sage ich: denn es ist ein himmlisch
klarer Satz, ganz allein durch sich der Menschheit den Besitz der
Wahrheit sichernd, und welcher, obwohl er die Verderbtheit jener
aufdeckt, und darum ein verhasster Gräuel ist in ihren Augen, dennoch
ihnen zu Liebe nicht kann aufgegeben werden; der Satz: dass die Evidenz
eine specifisch verschiedene innere und überzeugende Kraft bei sich
führe, welche niemals auf die Seite des Irrthums treten kann, dass
jederman unter allen Umständen seines Lebens wissen kann, ob das, was er
denke, mit dieser Kraft ihn ergreife oder nicht, dass daher jedweder,
von welchem hinterher sich findet, dass er geirrt habe, dennoch, obwohl
er gar füglich seinen Irrthum nicht eingesehen haben kann als Irrthum,
ihn doch auch sicher nicht als Wahrheit eingesehen hat, und dass er auch
hätte entdecken können, dass er ihn nicht als solche einsehe, wenn er
sich nur hätte besinnen wollen; dass er daher auf keine Weise der
Ueberführung zu entgehen vermag, dass er leichtfertig und ohne
wahrhaften Respect für die Wahrheit dahergefahren sey.
Welches konnte die Quelle dieser strafbaren Gleichgültigkeit seyn?
Allein Trägheit, Leichtsinn, Egoismus, tiefe moralische Auflösung. Das
Leben reisst unaufhörlich uns heraus aus uns selber, und treibt uns
dahin oder dorthin, so wie es will, nach seinem Gutdünken sein Spiel mit
uns führend. Diesem Hange zuwider dennoch sich zusammenzunehmen, und
betrachtend sich zu halten, bis man vollendet, kostet Anstrengung,
Selbstverläugnung, Mühe, und diese thut wehe dem verzärtelten Fleische.
Es will schon etwas sagen, nur zuweilen sich zu besinnen: dass man es
aber in der Wissenschaft, zumal in der höchsten, in der Speculation, zu
etwas Bedeutendem bringe, dazu bedarf es einer bis zur absoluten
Freiheit geübten Kunst der Besinnung, und der erworbenen Unmöglichkeit,
jemals von dem Strome der blinden Einbildungskraft gefasst zu werden;
welches alles wiederum einen ganzen klaren, nüchternen und besonnenen
Lebenslauf erfordert. Wie hätte einen solchen die Kraftlosigkeit unserer
Tage ertragen können?
Oder, selbst wenn sie gekonnt hätten, würden sie es auch nur gewollt
haben, und würden sie jene Besonnenheit, wenn ohne alle ihre Mühe sie
ihnen zu Theil würde, sich zur Ehre anrechnen oder zur Schmach? Ich
sage, zu der letztern; denn es ist schon lange her, dass der Wetteifer
mit jener Nation, von der wir jetzt für unsern guten Willen, ihr zu
gleichen, und für unser Unvermögen dazu grausam bestraft werden, uns den
Anschein deutschen Ernstes, Gründlichkeit und Fleisses verächtlich
gemacht, und uns bewogen hat, alle Beschäftigung mit den Wissenschaften
in ein Spiel zu verwandeln, und uns dem Strome unserer Einfälle, als dem
einzigen, was den Anschein jener so sehr beneideten Leichtigkeit uns
geben könne, zu überlassen. Um sicher zu seyn, dass wir nicht wie
Pedanten aussähen, haben wir uns bestrebt, literarische Gecken zu
werden, ohne dass es uns doch sonderlich gelungen. Ich möchte einmal,
besonders unter unseren jüngeren Gelehrten, die Umfrage halten, um zu
erfahren, wie viele darunter lieber dafür gelten möchten, dass sie die
Wahrheit durch Fleiss und Nachdenken gefunden, als dafür, dass sie ihnen
durch ihre glückliche Natur ohne alle ihre Mühe und Anstrengung von
selber gekommen; und die nicht lediglich durch den Titel eines Genies
sich geehrt, durch die Benennung aber eines fleissigen und besonnenen
Denkers sich als beschränkte und geistlose Köpfe, und als solche, für
welche die Natur doch auch gar nichts gethan, sich geschmähet finden
würden. Und so brachte denn dasselbe Hinfliessen und Hinträumen in aus
sich selbst erwachsenden Einfällen, welches der Bequemlichkeit zusagte,
zugleich auch Ehre; und so liessen wir es uns denn besser gefallen, als
den mühsamen und nicht ehrenden Ernst.
Wenn denn nun jene, wie seit länger denn Einem Menschenalter in
unermesslicher Klarheit sich gezeigt hat, von der Wissenschaft so
durchaus nichts wussten, dass ihnen nicht einmal der Begriff derselben,
oder die allerersten Bedingungen, um zu ihr zu gelangen, bekannt waren;
warum konnten sie dennoch es durchaus nicht unterlassen, sich für
Gelehrte auszugeben und zu schreiben, zu lehren, zu urtheilen, als ob
sie die gründlichsten wären? Da die einzig möglichen Triebfedern, die
Liebe zur Wahrheit und zur Wissenschaft, von welchen beiden sie nie
einen Funken erblickt, sie nicht treiben konnten, so konnten die ihrigen
nur die äusseren Triebfedern seyn: die bekannten des Geltenwollens, der
Ruhmsucht und der anderen Emolumente, welche damit verknüpft zu seyn
pflegen. Von diesen werden sie denn auch also getrieben und begeistert,
dass sie die wirkliche Wissenschaft, von welcher sie den Verlust ihres
eigenen Ansehens sich richtig prophezeien, mehr fürchten und hassen, als
irgend etwas anderes, und dass ihnen kein Mittel zu schlecht ist, durch
dessen Anwendung sie hoffen, den Anbruch des Lichts, wenigstens noch so
lange als sie leben, aufzuhalten; im schamlosen Kampfe für eine
tausendfach verwirkte Existenz, der sie selber, wenn sie noch einen
Funken Ehrgefühl hätten, fluchen würden.
Von diesem ihrem dumpfen Eigendünkel werden sie also geblendet und
besessen, dass er sie zu den lächerlichsten und unglaublichsten
Ungereimtheiten verleitet. Indess sie immerfort voraussetzen, dass
keiner ganz recht habe, und dass es nirgends eine sichere und
ausgemachte Wahrheit gebe, vergessen sie dennoch diesen, für alle
anderen ausser ihnen ohne Ausnahme gelten sollenden Grundsatz gänzlich,
sobald es ihre eigenen Personen sind, welche reden, indem sie immerfort
aus dem Principe disputiren, sie hätten ja die, ohne Zweifel zugleich
mit ihrem Munde ihnen angeborne wahre Wahrheit, und darum müsse der
Gegner, der ihnen widerspricht, nothwendig unrecht haben; gar nicht sich
besinnend, dass ja der andere ebenso schliessen könne, und das
Privilegium des blinden Eigendünkels für sich allein und ausschliesslich
begehrend. Ja, es ist sogar erlebt worden, und wird noch immerfort
erlebt, dass jemand einer Lehre durch die Versicherung, er könne sie
eben nicht verstehen, oder sie falle ihm so schwer, dass ihm Hören und
Sehen dabei vergehe, das Zeichen der Verwerfung aufgedrückt zu haben
geglaubt; mit kindischer Naivität bei der ganzen Welt dieselbe hohe
Meinung von ihm, die er selbst hegt, als ihr absolutes Axiom und
Prämisse aller ihrer Urtheile voraussetzend, und im Rausche seines
Eigendünkels gar nicht ahnend, wie ihm geantwortet werden müsse.
Zunächst zwar ist diese Schilderung des literarischen Zustandes unserer
Tage entworfen, um daraus die bisherigen Schicksale der
Wissenschaftslehre zu erklären; die Zeit aber, in welcher ich dieselbe
abfasse, erwirbt mir vielleicht Verzeihung, wenn ich zugleich bemerke,
dass der politische Zustand unserer Tage, in welchem, wenn nicht durch
ein Wunder und auf einem natürlich nicht abzusehenden Wege uns Rettung
kommt, alle seit Jahrtausenden von der Menschheit errungene Cultur und
deren Producte zu Grunde gehen zu müssen scheinen, bis nach neuen
Jahrtausenden dermalen uns unbekannte Wilde und Barbaren denselben Weg
wieder von vorn beginnen, -- dass, sage ich, dieser politische Zustand
lediglich und allein aus dem Zustande unserer Literatur entsprungen ist.
Er ist herbeigeführt durch das allgemeine Unvermögen, irgend einen
Gegenstand fest anzufassen und zu halten, und ihn nach seinem wahren
Wesen zu durchdringen; und das Hülfsmittel dagegen ganz und ernst, und
nicht noch zugleich sein Gegentheil zu wollen, und mit eiserner
Consequenz, verläugnend alle Nebenzwecke, es durchzuführen. Bei wem aber
sollten diejenigen, welche über unser Schicksal entschieden haben,
Beispiele dieser Festigkeit holen, und wem dieselbe ablernen, wenn
diejenigen, in deren Schulen sie zuerst gebildet sind und bei denen sie
noch täglich, sey es auch nur für den Scherz, Unterhaltung suchen, ihnen
keinen anderen Anblick geben, als den der absoluten Zerflossenheit? Wo
eine Literatur ist, da sind es immerfort die Literatoren, welche ihr
Zeitalter bilden. Gehen nun diese über in Fäulniss, so muss neben ihnen
alles Uebrige nothwendig um so mehr verwesen.
Um jedoch zu unserem eigentlichen Zwecke zurückzukehren: wie hätte man
denjenigen, mit denen noch über die ersten Buchstaben alles Unterrichts,
ob es wohl auch überhaupt Wissenschaft geben möge, zu streiten war,
glaublich machen können, dass es wohl eine Wissenschaft der Wissenschaft
selber geben möge; oder diejenigen, die überhaupt gar keiner Besinnung
fähig sind, und dessen sich rühmen, zur allerhöchsten und vollendeten
Besinnung heraufleiten können? Es war nichts Anderes zu erwarten, als
dasjenige, was erfolgt ist, dass sie die Worte und Formeln dieser
angetragenen Wissenschaft, zu dem, was sie allein wollen und begehren,
zu einigen Scherzen für die Belustigung ihrer Leser verarbeitet, und
wenn man dennoch ernsthaft geblieben, voll Eifer und Zornes auf uns
geschmähet haben.
Nur noch zwei Bemerkungen zum Schlusse. Sollten die Getroffenen auch
über diese Schilderung sich erklären, so werden sie ohne Zweifel
wiederum sagen, wie sie immer sagen, man habe die Unwahrheit vorgegeben
und übertrieben. Nicht für sie, sondern für eine bessere Nachwelt, wenn
dergleichen möglich wäre, merke ich an, dass alles auf dem oben
angegebenen Axiome beruhe, dass jeder, von welchem sich hinterher
findet, dass er unrecht habe, gar wohl hätte wissen können, dass er
nicht überzeugt sey; dass er sonach auf keine Weise läugnen könne, er
habe leichtsinnig und unmoralisch gehandelt. Dass sie aber fast in allen
ihren eigenen Behauptungen unrecht haben, würde wenigstens eine bessere
Nachwelt, wenn sie nicht zu gut dafür gesorgt hätten, dass keine solche
entstehen könnte, klar begreifen.
Sodann werden sie, wie sie gleichfalls immer zu sagen pflegen, wiederum
sagen: wir hätten nur unserer Leidenschaft Luft machen wollen, und
werden auch für diesen Erguss nicht ermangeln einen glaublichen Grund zu
finden, nemlich, weil sie uns ihren Beifall und ihr Lob nicht ertheilt
hätten. Nun haben wir ihnen schon zu verschiedenenmalen nicht verhehlt,
dass wir, so lange sie nemlich also sind, wie sie sind, sowohl sie
selber, als auch ihren Beifall von Herzen verachten; aber sie sind fest
überzeugt, dass es ganz und gar unmöglich sey, dass irgend ein Mensch
nicht diejenige achtungsvolle Meinung von ihnen habe, die sie selbst
über sich hegen, dass daher einer also lautenden Versicherung niemals
Glauben zuzustellen, sondern dass dieselbe allemal ein leeres Vorgeben
und eine Maske sey, um dadurch etwas Anderes zu bedecken. Sie würden uns
daher auch jetzt wieder nicht glauben, wenn wir auch jene Versicherung
wiederholen, und ihnen bemerklich machen wollten, dass man, um durch
seinen Beifall zu ehren, erst selber ehrwürdig seyn müsse, und dass wir
ihren Beifall mit Danke sodann annehmen würden, nachdem sie sich erst
den unsrigen erworben, dass wir aber bis dahin es für eine grosse
Schmach und für einen Beweis der eigenen Niederträchtigkeit halten
würden, wenn wir ihnen gefielen.
II.
Ein Beispiel insbesondere von dem philosophischen
Beurtheilungsvermögen des Zeitalters.
Es möchte gerathen seyn, diese fast allgemeine Schlaffheit und
Geistlosigkeit des Zeitalters, noch insbesondere in Sachen der
Philosophie, an einem neuerlichen, noch fortdauernden frappanten
Beispiele darzulegen. Des Zeitalters, habe ich gesagt, im Allgemeinen;
denn ich will nicht, dass der Mann, dessen Namen unten genannt werde,
glaube, dass ich ihn für die Person meiner Gegensetzung würdige, oder
dass er mir selber als Repräsentant jener allgemeinen Seichtigkeit gut
genug sey, wodurch ich in der That übertrieben, und gegen die übrigen
ungerecht seyn würde. Nur dass ein im Ganzen dennoch unterrichteteres
Publicum durch ihn sich irre machen lassen konnte, ist es, was ihm die
Ehre erwirbt, hier namentlich aufgeführt zu werden.
Es war nemlich durch die Kantischen und durch unsere Schriften doch
endlich dahingekommen, dass, obwohl die im Dogmatismus Aufgewachsenen
nicht bekehrt wurden, dennoch unter den später Gebildeten mehrere zu der
Ueberzeugung geführt worden waren, und auf derselben fest zu beruhen
schienen, dass die Realität keinesweges in die Dinge, sondern dass sie
in das Denken und seine Gesetze gesetzt werden müsse, obwohl keiner so
recht eigentlich wusste, wie das letztere zu bewerkstelligen seyn möge;
als es einem der verworrensten Köpfe, welche die Verwirrung unserer Tage
hervorgebracht, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, gelingen konnte,
durch das Gespenst eines Subjectivismus der Wissenschaftslehre, welches
lediglich in seinem grossen Unverstande sich erzeugt hatte, selbst diese
durch seine Autorität zu einem Irrthume zurückzubringen, welchen durch
sich selbst zu fassen sie doch zu verständig waren, und dieselben von
Kant und der Wissenschaftslehre zu Spinoza und Plato zurückzuscheuchen,
bloss weil durch die noch tiefere Unwissenheit, wovon eigentlich die
Rede sey, der Mann mit noch grösserem Muthe ausgerüstet wurde. Sie
wussten sich nicht weiter zu rathen, und forderten wiederholt und in
strafedrohenden Edicten den Verfasser der Wissenschaftslehre auf, zu
widerlegen, wenn er könne, wozu es weder Kants, noch der
Wissenschaftslehre bedurfte, sondern wovon schon seit Leibnitz nicht
mehr die Rede seyn konnte. Dass der Mann dadurch seine absolute Unkunde
von dem, was die Speculation sey und wolle, und seine natürliche
Unfähigkeit zum Speculiren, sowie die durch ihn Geirrten die
Unsicherheit ihrer Kunde gezeigt, leuchtet von selber ein und bedarf
nach den obigen Erinnerungen keines weiteren Beweises. Aber inwiefern
etwa die übrige dialektische Kunst, das schriftstellerische Talent, der
sophistische Witz und die Gewandtheit des Mannes den Getäuschten zu
einiger Entschuldigung gereiche, und was überhaupt dieser Mann an Geist
und Kunst vermöge und aufzuwenden habe, möchte eine belehrende
Erörterung abgeben.
Wir wollen in dieser Erörterung, um mit der allerhöchsten Billigkeit zu
verfahren, uns weder an die früheren Schriften des Mannes, noch auch an
dessen sogenanntes Identitätssystem halten; obwohl dieses letztere so
bedeutend geschienen, dass wir von einem der stehenden literarischen
Tribunale namentlich aufgefordert wurden, dieses zu widerlegen oder
anzuerkennen. War denn nun in diesem Systeme, so wie es im zweiten Hefte
des zweiten Bandes der Zeitschrift für speculative Physik dargelegt ist,
über welche Darlegung wir nur im Vorbeigehen einige Worte sagen wollen,
der Irrthum so künstlich und so täuschend verarbeitet, dass man ohne
fremde Hülfe sich nicht füglich rathen konnte?
Diese Darstellung hebt §. 1. an mit der Erklärung: »Ich nenne Vernunft
die absolute Vernunft oder die Vernunft, insofern sie als totale
Indifferenz des Subjectiven und Objectiven gedacht wird.« -- Dass nun
durch diesen Ausgangspunct der Mann gleich von vornherein die Vernunft
von sich selbst ausscheide, und Verzicht darauf thue, selber vernünftig
zu seyn, und sich ein einzigesmal zu besinnen, wie er es denn mache, um
zu allen den Behauptungen, die nachfolgen sollen, zu kommen; -- dieses
zu bemerken konnte dem Publicum, weil dadurch das bekanntermaassen
abgehende Organ der Speculation vorausgesetzt würde, nicht wohl
angemuthet werden. Dass aber die Eine und absolute Vernunft, ausser der
nichts seyn solle, nicht die Indifferenz des Subjectiven und Objectiven
seyn könne, ohne zugleich auch in derselben ungetheilten Wesenheit die
Differenz desselben zu seyn; dass hier sonach ausser der Einen
indifferenzirenden Vernunft noch eine zweite differenzirende im Sinne
behalten würde, welche sodann auch wohl in aller Stille gute Dienste
leisten dürfte; und dass dieser Fehler nicht etwa nur ein kleiner und
unbedeutender Verstoss, sondern von den wichtigsten Folgen seyn möchte,
hätte man gleichwohl, ohne alles Organ für Speculation, durch ein nur
nicht ganz flüchtiges Tappen greifen können. Dass sie nicht bemerkten,
dass durch diese Erklärung die Vernunft nun vollkommen bestimmt und in
sich abgeschlossen, d. i. todt sey, und ihr philosophischer Heros nun
zwar seinen ersten Satz nach Belieben werde wiederholen können, niemals
aber auf eine rechtliche und consequente Weise ein Mittel finden, um aus
ihm heraus zu einem zweiten zu kommen, wollen wir ihnen ebenso
grossmüthig erlassen. Dass sie aber, als er nun wirklich nach seiner
Weise anfängt, den Todten wieder zu erwecken, und in den folgenden §§.
die Prädicate des Nichts und der Allheit, der Einheit und Gleichheit mit
sich selber u. s. w., an diese seine Vernunft hält, und sie
glücklicherweise in dieselbe hineindemonstrirt, sich nicht ein wenig
gewundert, wie denn fürs erste nur er selber ^zu diesen Prädicaten^
gelange, noch ihn darüber befragt; indem ja, wenn durch die erste
Erklärung das Wesen der Vernunft wirklich erschöpft wäre, diese
Prädicate selber erst, durch eine Analyse jener Erklärung, aus der
Vernunft, als in ihr nothwendig begründet, abgeleitet werden mussten,
keinesweges aber, Gott weiss woher geschöpft, durch blinde Willkür davon
gehalten werden dürften; dass die Leser nicht hier das Leben und Regen
jener §. 1. im Sinne behaltenen differenzirenden Vernunft in der Person
ihres Autors selber fühlten; ja dass ihnen nicht einmal die materiale
Willkür desselben in der beliebigen Folge der Prädicate, die er der
Vernunft anzudemonstriren beliebt, auffiel, ist ein wenig schwerer zu
verzeihen.
Was aber soll man erst sodann sagen, wenn man diese Andemonstrirungen
selber ansieht, und die Widersprüche, Erschleichungen und
Ungereimtheiten entdeckt, durch welche eine ungebildete und verworrene
Phantasie den Verfasser blind hinüberreisst, und wenn man sieht, dass im
consequenten Verfahren aus seinem ersten Satze allenthalben das gerade
Gegentheil seiner Behauptung erfolgt, und dennoch erlebt, dass diese
Misgeburt von System anders, als mit allgemeinem und unauslöschlichem
Gelächter empfangen wird?
So lautet z. B. §. 2.: »^Ausser der Vernunft ist nichts, und in ihr ist
Alles.^ Wird die Vernunft so gedacht, wie wir es (§. 1.) gefordert
haben, so wird man auch unmittelbar inne, dass ausser ihr nichts seyn
könne. Denn man setze, es sey etwas ausser ihr, so ist es entweder für
sie selbst ausser ihr« -- So? ^für sie selbst^? Davon, dass ^für^ die
Vernunft etwas seyn könne, haben wir ja in §. 1. kein Wörtlein
vernommen, sondern es schiebt sich hier in aller Stille, und ohne dass
wir wissen, woher sie komme, diese Voraussetzung zum Behufe des Beweises
ein, und der Verfasser selber hat die Vernunft nicht gedacht, wie er §.
1. gefordert hatte, sondern verleitet unmittelbar, indem er es dem Leser
einschärft, ihn zum Gegentheile dieses Gedankens. Aber der Leser wird es
wohl nicht merken, und so kann ihm der Beweis wohl gelingen. Er gelingt
ihm, wie folgt: »es ist entweder für sie selbst ausser ihr; sie ist also
das Subjective, welches wider die Voraussetzung ist; oder es ist nicht
für sie selbst ausser ihr, so verhält sie sich zu jenem Ausserihr, wie
Objectives zu Objectivem, sie ist also objectiv, allein dieses ist
abermals wider die Voraussetzung.« Im Vorbeigehen: die zweite Hälfte des
Beweises ist ohne allen Sinn und Verstand, wie der Leser selber finden
mag, wenn er will, indem wir dabei uns nicht aufhalten wollen.
Der richtige und ohne Erschleichung vollzogene §. 2. zu einem solchen §.
1. über dem Prädicate des Nichts, ist der folgende: ^In der Vernunft und
für die Vernunft ist schlechthin nichts.^ Wird die Vernunft so gedacht,
wie wir es §. 1. gefordert haben, so wird man unmittelbar inne, dass
weder in noch für die Vernunft etwas seyn könne. Denn setze, es solle
etwas in oder für die Vernunft seyn, so könnte dieses nur dadurch
geschehen, dass und insoweit die Vernunft selber es wäre; und zwar
könnte dieses Etwas nur das subjective seyn, oder das objective, oder
beides, indem wir ausser diesem in unserem §. 1. nichts vorfinden. Aber
dass die Vernunft das subjective sey, oder das objective, oder beides,
widerspricht schlechthin der Voraussetzung, dass sie nur sey die
Indifferenz beider.
Freilich wird in diesem Beweise vorausgesetzt, dass ja der Beweisführer
während desselben sich nicht besinne, dass in demselben allerdings die
Vernunft für ihn sey, und gesetzt sey; dass daher die eigene factische
Möglichkeit des Beweises dasselbe voraussetze, wovon die Unmöglichkeit
in ihm erwiesen wird; und zwar wird dieses mit Recht vorausgesetzt,
indem das Gegentheil in einem Systeme, das lediglich durch
Nichtbesinnung möglich ist, gegen die allererste Verabredung streiten
würde.
So lautet der Anfang von §. 3.: »^Die Vernunft ist schlechthin Eine, und
schlechthin sich selbst gleich^, denn wäre nicht jenes, so müsste es von
dem Seyn der Vernunft noch einen anderen Grund geben« -- (Hier schiebt
sich demnach, zum Behuf des zweiten Beweises die zweite Voraussetzung
ein, dass jedes Seyn einen Grund haben müsse? Woher wissen wir denn das?
Woher überhaupt plötzlich die Kategorie des Grundes, noch dazu zum Behuf
des Beweises der (formellen) Einheit der Vernunft? Grund ist eine weit
speciellere Kategorie, erst eintretend in der Sphäre endlicher
Bedingungen und Folgen.) -- der Beweis geht fort -- »noch einen anderen
Grund geben, als sich selbst: denn sie selbst enthält nur den Grund,
dass sie selbst ist, nicht aber, dass eine andere Vernunft sey.« So?
woher wissen wir denn wiederum dieses? Liegt das auch in §. 1. oder in
§. 2.? Doch erlassen wir ihm die Frage nach dem Woher! lassen wir seine
Anwendung des Satzes vom Grunde, und die unbewiesene Behauptung, dass
die Vernunft nur der Grund ihrer selbst sey, stehen; was würde denn nun
mit alle dem der Satz beweisen? Warum könnte denn nicht doch die
Vernunft innerlich und in sich selbst, eben als Vernunft, qualitativ
Eins bleiben, wenn es auch einen Grund ihres formalen Daseyns ausser ihr
selber gäbe? Nur das Seyn wäre sodann nicht Eins, und die Vernunft wäre
nicht alles Seyn, und Eins mit dem Seyn. Die Einheit des Seyns daher,
keinesweges aber die der Vernunft, wäre bewiesen, wenn dieser doppelt
und dreifach falsche Beweis etwas beweisen könnte; aber unser Verfasser
setzt hinzu: ^die Vernunft ist also Eine^, seinen eigenen Beweis nicht
einmal verstehend.
Der richtige §. 3. über dem Prädicate der Einheit und Sichgleichheit zu
einem solchen §. 1. und 2. wäre der folgende: ^die Vernunft ist
schlechthin weder Eines, noch sich selbst gleich.^ Denn setzet, dass sie
das seyn solle, so könnte sie, da ausser ihr gar nichts ist, dasselbe
nur in und für sich selbst seyn. Nun ist es (§. 2.) überhaupt unmöglich,
dass in ihr oder für sie überhaupt etwas sey, daher kann in ihr oder für
sie auch nicht Einheit und Sichselbstgleichheit seyn, daher kann
überhaupt nicht Einheit und Sichselbstgleichheit seyn, und eben darum
auch nicht die der Vernunft seyn. -- Freilich wird auch hier
vorausgesetzt, dass ja niemand sich besinne, wie er selber doch wirklich
und in der That in diesem Beweise Einheit und Gleichheit setze, wodurch
derselbe Widerspruch zwischen dem Thun und Sagen, den wir schon bei dem
vorigen Beweise nachwiesen, einträte, und der ganze Scherz in Nichts
zerginge.
Nach dieser Weise geht es nun fort durch das ganze Scriptum, und keine
der folgenden Demonstrationen ist anderer Natur, als die eben geprüften.
Der Erfolg aber aller dieser Anstalten ist der, dass, auf eine durchaus
nur erdichtete Weise, und durch absolute Aufhebung des Satzes, von
welchem ausgegangen wurde, die specifische Verschiedenheit der
mancherlei wirklichen Dinge erklärt wird aus der Verschiedenheit des
quantitativen Verhältnisses des Subjectiven und Objectiven in ihnen.
Dass diese Erklärung völlig willkürlich und eine leere Hypothese sey,
leuchtet unmittelbar ein; denn wie könnte irgend jemand auf sie kommen,
der nicht schon als bekannt und ausgemacht voraussetzte, dass es
specifisch verschiedene Dinge gebe, und der sich nicht in den Kopf
gesetzt hätte, diese Verschiedenheit, es möchte nun Gott lieb oder leid
seyn, zu erklären. Dass sie aber dem ersten Grundsatze widerspricht und
ihn aufhebt, leuchtet also ein: Ist die Vernunft die absolute
Indifferenz des Subjectiven und Objectiven, und giebt es gar kein
anderes Seyn, ausser dem der Vernunft, so kann in keinem Seyn diese
Indifferenz aufgehoben werden, und eine quantitative Differenz an die
Stelle treten.
Inzwischen, wie schon oben gesagt, ich will auch nicht nach dieser
verjährten, und wenn auch nicht von dem naturphilosophischen Publicum
erkannten, dennoch vielleicht von ihrem Urheber schon bereuten Sünde ihn
richten,[37] sondern meine Untersuchung seines Geistes und Talentes auf
eine andere Schrift, die er selbst für so heilig hält, dass er durch
das: »Rühre nicht Bock, denn es brennt,« die Profanen an der Schwelle
zurückweiset, und welche wirklich auch nach meinem Erachten die beste,
d. h. die noch am wenigsten stümperhafte unter den zahlreichen Producten
seiner Feder ist; auf seine Schrift: ^Religion und Philosophie^ betitelt
(Tübingen, bei Cotta, 1804.), bauen.
[Fußnote 37: Durch diese, übrigens ihre guten factischen Gründe für sich
habende Vermuthung haben wir indessen, wie hinterher sich gefunden, ihm
zu viel Ehre erwiesen. Es ist uns nemlich seit Abfassung jener Stelle
das erste Heft der Jahrbücher der Medicin etc. in die Hände gefallen, wo
(S. 9.) die soeben berührte Darstellung, und besonders »die allgemeinen
Gründe, wie sie §. 1 bis 50. aufgestellt seyen,« noch immer als bewährt
gepriesen und citirt werden. »Selbst dasjenige, was mehr noch aus
Divination, als aus bewusster Erkenntniss entsprungen gewesen, habe sich
-- zum Wunder! -- bewährt.« Seine Divinationen also hat der Mann als
Philosopheme drucken lassen, und sagt es selber, ohne ein Arges daraus
zu haben? Welche Begriffe mag er von Philosophie haben und von
Schriftstellerei überhaupt? Das Wunder inzwischen jener gerühmten
Bewährung kann man irgendwo von uns sehr natürlich erklärt finden.
Uebrigens ist in diesen Jahrbüchern die dogmatische Verstocktheit, das
ohnmächtige Pochen auf die Unbesonnenheit, die trotzige Versicherung,
dass diese eben das Rechte sey, und das grobe Misverstehen des
Idealismus so arg, als jemals, und es ist Schonung, dass wir die
gewählte Prüfung stehen lassen, und unseren Maassstab nicht an dieses
neueste Product legen, das den sichtbaren Verfall seines Urhebers in
jeder geistigen Kraft bezeugt.]
Der bei weitem grösste Theil dieser Schrift hat es gar kein Hehl, dass
nur frei und frank hinphantasirt werde, ohne dass man sich auch nur die
Miene des Denkens oder der Untersuchung gäbe: es wird versichert,
betheuert, behauptet, entschieden, ohne dass auch nur ein Schatten eines
Beweises dazwischen eintritt. Alles also Beschaffene spricht schon durch
sich selbst sich sein Urtheil, und wir können es übergehen. Wir wenden
uns daher sogleich zur hervorstechendsten Stelle des ganzen Buches, die
den Anschein des Denkens wirklich an sich nimmt, und über die dermalen
höchsten Principien dieses Philosophen Auskunft zu geben verspricht,
indem wir, wie schon oben gesagt, immer ungerügt lassen den Grundirrthum
des Objectivirens, und bloss zusehen, mit welcher Fähigkeit und
Gewandtheit man sogar im Irrthume sich bewege.
Von S. 18. an wird eine Ableitung der endlichen Dinge aus dem Absoluten
und eine Darstellung des Verhältnisses zu ihm angekündigt, mit welcher
es denn auch S. 21. also zum Schlage kommt:
»So gewiss jenes schlechthin einfache Wesen der intellectuellen
Anschauung« (mit dem Worte: ^Wesen^ meint er das ^Object^ der erwähnten
Anschauung; er hat aber seinen guten, uns sehr wohlbekannten Grund,
dieses letztere Wort hier ja nicht in den Mund zu nehmen, indem dieses
ihn in schlimme Verlegenheiten mit der Wissenschaftslehre bringen
könnte) -- »so gewiss dieses Wesen Absolutheit ist: so gewiss kann ihm
kein Seyn zukommen, als das durch seinen Begriff (denn wäre dieses
nicht, so müsste es durch etwas anderes ausser sich bestimmt seyn, was
unmöglich ist).«
Halten wir gleich hier den schwellenden Strom dieses Beweises an, indem
wir über einiges darin nicht ganz so leicht hinwegkommen können, als
sein Urheber. Ich verstehe deutlich: wäre es nicht durch sich bestimmt,
so wäre es durch ein anderes bestimmt, nemlich, wenn es überhaupt
^durch^ etwas bestimmt seyn müsste, wofür der Beweis keinen Grund
angiebt, sondern es nur eben hindichtet. Ich sehe, dass dieser Beweis
sein Absolutes, das erst Eins seyn sollte, in zweie, in ein bestimmendes
und in ein bestimmtes zerreisst, und so mit einer inneren und materialen
Disjunction (die ursprüngliche und formale, dass es Hingeschautes ist
aus einem Schauen, wird unserem Versprechen gemäss erlassen), über die
er keine Rechenschaft giebt, anhebt; welches der erste Act der blinden
Willkür ist. Sehe ich dieses Verfahren tiefer an, so finde ich, dass der
bekannte Begriff vom Absoluten, dass es sey von sich, aus sich, durch
sich, hier vollzogen werde, welcher, als blosser Begriff, äussere
Charakteristik und Schema des Absoluten, und blosse Beschreibung seiner
Form im Gegensatze mit der Form des Nichtabsoluten, das da nicht ist von
sich selbst, keinesweges in dasselbe selber uns hineinzuführen vermag,
sondern dasselbe unserem Blicke auf ewig verschliesst; welches nicht zu
bemerken die zweite Blindheit ist. Ich sehe ferner, dass der Ausdruck:
das sey unmöglich, wie er dasteht, eine Unmöglichkeit lediglich des
Denkens ausdrücke, dessen reale Bedeutung vor allen Dingen
hätte gesichert werden müssen; welches die dritte sehr grobe
Unterlassungssünde ist. Wenn ich übrigens dieses alles hingehen, und mir
das Absolute in seiner Zweifachheit als bestimmendes und bestimmtes
gefallen lasse, so sehe ich noch immer nicht ein, warum es in seiner
ersten Qualität, als bestimmendes, gerade ein Begriff seyn solle, wie
mir gleichfalls ohne irgend eine Anführung des Grundes angemuthet wird;
welches sonach die vierte blinde Willkür wäre. Ich sehe inzwischen sehr
wohl ein, warum also verfahren werden musste; indem es nemlich auf
andere Weise nicht zu der begehrten Schlussfolge: »das Absolute ist also
überhaupt nicht ^real^, sondern an sich selbst nur ^ideal^,« kommen
könnte.
Ich will nicht nur gefällig seyn, sondern sogar ein Uebriges thun; ich
will wirklich denken, was der Beweis von mir verlangt, und so nachholen,
was sein Urheber versäumt hat; indem dieser, wie tiefer unten sich
zeigen wird, das Begehrte in der That nicht gedacht, sondern nur leere
Worte gemacht hat; welches, falls der besprochene Beweis uns gelingt,
die fünfte Blindheit seyn würde.
»Es kann dem Absoluten kein Seyn zukommen, ausser ^durch seinen
Begriff^.« Wenn ich das letztere in vollem Ernste und wirklich, und
nicht etwa bloss faselnd, so dass es wahr seyn solle, und doch wieder
auch nicht wahr, denke, so denke ich, dass das Absolute einen Begriff
von sich selber, eine Anschauung seiner selber, ein schematisches Seyn
ausser seinem Seyn, -- denn also ist ein Begriff zu denken -- habe, und
zwar von sich, als einem ^also^ bestimmten und beschränkten Seyn, wie es
sich begreift. Ich sehe nunmehro klar ein, was dem Beweisführer selber,
der nicht wirklich dachte, sondern nur faselte, bloss dunkel vorschweben
konnte, dass auf diese Weise das Absolute in sich selbst durchaus nur
ideal seyn könne; indem ich ja so consequent seyn werde, das Absolute
selbst, und diesen seinen Begriff von sich selbst, durchaus für Eins und
dasselbe zu halten, und ihm kein anderes formales oder materiales Seyn,
und keinen anderen Sitz und Mittelpunct dieses letzteren zuschreiben
werde, ausser eben in seinem Begriffe von sich selber unmittelbar und
ganz. Das Absolute wird nun wieder Eins, ein zugleich bestimmendes und
bestimmtes in der formalen Einheit des Begriffes, und die andere Hälfte
der realen Bestimmtheit, welche ohne Zweifel nur als Hülfslinie des
Beweises erst angelegt war, fällt hinweg. Zwar bekomme ich statt dieser
Zweiheit in mein Absolutes die von der Form des Begriffes, in welcher
Form nun das Absolute aufgeht, unabtrennbare Fünffachheit; aber das ist
nun einmal unvermeidlich, und ich thue wohl, in das Unvermeidliche mich
zu ergeben. Dass ich mich ja nicht besinne, dass zuletzt doch ich selber
es sey, der jenen Begriff von einem Begriffe des Absoluten von sich
selbst habe, und dass ich denselben auf das Zureden dieses stattlichen
Beweises, mit sehr bewusster Willkür gebildet habe, -- wodurch ich zwar
in das leere Reflectirsystem fallen, aber die Sache ein verwickelteres
Ansehen erhalten würde, -- versteht sich, indem dies gegen die Abrede
laufen würde.
So weit im Reinen, lasset uns das Weitere vernehmen! »Aber gleich ewig
mit dem schlechthin Idealen ist die ewige Form.« Gleich ewig? Wir
erfahren sonach nebenbei und im Vorbeigehen, dass das schlechthin Ideale
unter anderm auch ewig ist. Woher mag uns diese Kunde kommen, und was
mag das heissen, ewig seyn? Seyen wir jedoch diesmal ausser Sorgen; der
Verfasser will uns hier nichts aufbinden oder erschleichen; er denkt das
Gesagte in der That nicht, und denkt diesmal gar nichts; er hat sich das
Wort »ewig« nur stark angewöhnt, und es entfährt ihm hier unwillkürlich;
denn wenn er daran gedacht hätte, dass er es vorbrächte, so hätte er
zugleich auch gedacht, was es doch bedeuten möge; welches somit die
sechste und die siebente Blindheit auf Einen Schlag ist.
Gleich ewig ist also die ewige Form? Dies versteht sich eigentlich von
selbst; denn wir haben ja schon oben gesehen, dass das Absolute, als
durchaus nichts anderes, denn sein Begriff von sich selbst, in dieser
Form des Begriffes aufgehe, welche Form somit ebenso absolut ist, als
dasselbe selber, da sie es ja selber ist, und die, wenn das Wort »ewig«
eine Bedeutung haben sollte, und das Absolute ewig wäre, auch ebenso
ewig seyn würde, als dieses. Meint denn nun der Verfasser ^diese^ Form,
oder meint er eine andere? Er meint eine andere; denn dass er schon an
dem Begriffe des Absoluten von sich selber eine recht tüchtige und
haltbare und sogar fünffache Form habe, ist ihm verborgen geblieben,
woraus eben hervorgeht, dass er das oben dem Leser angemuthete Denken
selbst nicht vollzogen, und so der oben versprochene Beweis
nachgeliefert ist. Dass er aber noch eine zweite Form begehrt, kommt
daher, weil er irrigerweise meint, vermittelst der ersten, selbst wenn
er sie sich klar mache, lasse sich nichts aus dem Absoluten heraus
ableiten, welches letztere doch sein eigentlicher Zweck ist.
Irrigerweise meint er das, sagte ich; wenigstens wäre uns für unsere
Person gar nicht bange, wenn wir einen solchen Begriff des Absoluten von
sich selber unter die Hände bekämen, dass wir nicht daraus mit leichter
Mühe Erde und Himmel, und alle ihr Heer sollten ableiten können. Wir
haben ja in diesem Begriffe das ganze qualitative Seyn des Absoluten,
welches es anschaut; dies wird doch wohl ohne Zweifel ein ergiebiges
Mannigfaltige uns liefern. Wir dürfen von nun an nur die Augen und Hände
aufthun, und uns geben lassen, was da ist; und haben nun für jedes Ding,
das uns vorkommen mag, die immer fertige und stets sich gleich bleibende
Antwort: das ist auch ein Qualitatives im Absoluten, und dieses
gleichfalls, und dieses, und so ins Unendliche fort. Die einzige noch
übrige Schwierigkeit wäre nur die, begreiflich zu machen, wie wir andern
zur Mitwissenschaft vom Seyn des Absoluten, und zur Theilnahme an seinem
Begriffe von sich selber gelangten; aber da unwidersprechlich erhellet,
dass die innere Grundform des Begriffes des Absoluten von sich selbst
die Ichform ist, so könnte ja wohl gerade durch diese Form jedwedes Ich
an dem Absoluten Theil haben, und in dasselbe versinken; zu welcher
kühneren Lösung der Aufgabe dieser Schriftsteller nur zu blöde und zu
verzagt ist, und das Absolute, soweit als irgend möglich, sich vom Leibe
hält. Aus diesem Grunde bleibt die erste Form unbenutzt, und es muss ihm
eine zweite herbeigeschafft werden, in welche, als weniger vornehm, er
mit einem kleineren Maasse von Unbescheidenheit seine Person
hineinzuschieben hofft.
Es ist also eine Form des Absoluten; und diese ist gleich ewig mit ihm;
-- so haben wir vernommen, ein Schatten eines Beweises aber erscheint
nicht. Woher weiss denn der Verfasser, was er behauptet? und wie mag er
wohl dazu kommen, eine solche Form anzunehmen? das werden wir ohne
Zweifel am besten erfahren, wenn wir sehen, wozu er sie braucht und
gebraucht. Aber er gebraucht sie bald darauf, um vermittelst derselben
die Realität aus dem Absoluten zu erklären. Sein Bedürfniss demnach,
diese Erklärung zu liefern, ist der wahre Schöpfer, und der wahre
verschwiegen gebliebene Beweisgrund des Seyns einer solchen Form.
Und so haben wir denn schon hier den Begriff dieses Mannes von
Philosophie, und sein ganzes Verfahren, in unermesslicher Evidenz vor
uns liegen. Die Realität ist eben an sich; darüber wird gar kein Zweifel
rege, und dieses ist der wahre Grundpfeiler seines Systems. Diese kann
und muss erklärt werden; und es ist das Geschäft der Philosophie, diese
Erklärung zu liefern. Auch hierüber, als den zweiten Grundsatz dieses
Systems, wird ebensowenig ein Zweifel rege. Zum Behufe dieser Erklärung
muss nun eine ewige Form, und zum Behufe der Füllung dieser Form ein
Absolutes angenommen werden, welches der dritte Theil und die wirkliche
Vollziehung dieses Systemes ist. Der Ausgangspunct desselben ist daher
der allerblindeste und stockgläubigste Empirismus, und ein Absolutes
wird lediglich der Welt zu Liebe angenommen. Dies ist die wahre Meinung
des Mannes vom Absoluten, denn also gebraucht er es; und wenn er ein
andermal zur Abwechslung von unmittelbarer Erkenntniss und Anschauung
des Absoluten redet, so ist dies leere Prahlerei und purer Scherz, indem
er gar nicht aus dieser Prämisse, sondern aus der entgegengesetzten
wirklich urtheilt und philosophirt. Höchstens mag an dem Ersteren, wie
wir grossmüthig voraussetzen wollen, so viel wahr seyn, dass er die
Nothwendigkeit einer unmittelbaren Erkenntniss, falls es jemals zu einer
mittelbaren kommen sollte, überhaupt einsieht, ohne dass er sie doch an
sich zu bringen weiss, noch auf seinem Wege jemals sie an sich bringen
wird. Uebrigens ist dieses Nichtverstehen seiner eigenen wahren Meinung
und Nichtbemerken seines blinden Empirismus und seines Erklärens durch
eine willkürlich gesetzte Hypothese, die radicale Blindheit des Mannes,
und von den hier geprüften die achte an der Zahl.
Lassen wir inzwischen uns weitere Auskunft geben über diese ewige Form!
-- »Nicht das schlechthin Ideale steht unter dieser Form, denn es ist
^selbst^ ausser aller Form, so gewiss es absolut ist.« Ausser aller
Form; es ist somit das oben über desselben Begriff von sich selbst
Gesagte, wenige Zeilen darauf, nachdem es gesagt worden, zurückgenommen,
ohne dass es gemerkt wird, welches die neunte Blindheit wäre. Aber sehen
wir doch näher hin, was der Mann eigentlich schwatzt. Das »selbst« ist
auch im Urtext beschwabachert, und es thut wohl noth, wiewohl auch von
der anderen Seite es ihm Verdruss bringen dürfte. Ich frage: ist es denn
dasselbe Eine Absolute, von welchem oben geredet worden, das da seyn
soll in der ewigen Form? Es muss wohl; denn sonst hätten wir ein zweites
Absolutes, und wären mit dem ersten ganz vergebens bemüht worden, und es
wäre ein Fehler, dass man uns nicht gleich von vornherein vor die rechte
Schmiede des ergiebigen und erklecklichen Absoluten geführt hätte. Also
ist es doch das Absolute selbst, das in der Form ist. Nun aber soll es
doch wiederum nicht ^selbst^ in der Form seyn. Also ein Selbst, das
zugleich auch Nichtselbst, eine Identität, die zugleich auch
Nichtidentität ist? Giebt es kein Mittel, diesen Unsinn klar in die
Augen springen zu lassen? Ich hoffe, Folgendes soll Dienste leisten. Ich
frage: ist denn das Absolute in jenem Sichformiren ganz und ungetheilt
dabei? oder ist es nicht ganz und ungetheilt dabei? Ist das Erste, so
ist es ganz und in ungetheilter Wesenheit in der Form, und es ist
nirgends und auf keine andere Weise, ausser in der Form. Unser Philosoph
will nicht, dass es so sey, weil ihm um seine eigene selbstständige
Individualität, welche sodann in das Absolute versänke, bange ist. Nach
ihm ist also das Letztere; ist aber dies, so theilt in dieser Formirung
das Absolute sich in zwei absolute Hälften, mit deren einer es selbst
ausser aller Form bleibt, mit deren anderer aber es selbst ist in der
Form. Wird dies unser Philosoph zugeben wollen? Ich hoffe das
Gegentheil; inzwischen hat er es dennoch gesagt, ohne selbst zu wissen,
was er redet, welches die zehnte hier obwaltende Blindheit ist.
Ich werde es müde, und vielleicht eben also der Leser, dem Manne noch
ferner Schritt vor Schritt zu folgen, und ihm seine Verworrenheiten
vorzuzählen; und breche gerade hier um so lieber ab, da sogleich die
zwei folgenden Zeilen so dicken und zähen Unsinn enthalten, dass gar
manches Wort erfordert würde, ihn fliessend zu machen. Ich setze nur
noch den Schluss dieser Erörterung über die ewige Form her. »Diese Form
ist, dass das schlechthin Ideale, unmittelbar als solches, ohne also aus
seiner Identität herauszugehen, auch als ein Reales sey.« Was mag real
heissen? Nun, denkt der Mann, das weiss ja wohl jedes Kind, und macht
sich keine Mühe mit der Bestimmung seines Begriffes. Wir aber möchten
doch gleichwohl gerne wissen, welchen Sinn er mit diesem Begriffe zu
verbinden hätte, und müssen es schon selber aus dem Zusammenhange
aufsuchen. Real ist dem Verfasser der Gegensatz zum Idealen; das Ideale
aber ist ihm, theils nach seinen ausdrücklichen Worten, theils zufolge
der höheren Klarheit, welche wir denselben durch die wirkliche
Vollziehung des angemutheten Denkens gegeben haben, dasjenige, was
keines anderen Seyns bedürftig oder fähig ist, ausser im Begriffe: das
Reale muss daher seyn ein Seyn, das keines anderen Seyns fähig ist, als
nur des ausser dem Begriffe, die absolute Bewusstlosigkeit.
So, sage ich, müsste nach unserem Philosophen das Reale gedacht werden,
obwohl derselbe bei anderen Gelegenheiten wiederum sehr entfernt ist, es
also zu denken; denn S. 23. »tritt die Form ^der Bestimmtheit^ des
Realen durch das Ideale als ^Wissen^ ein in die Seele.« Wir hatten oben
nur die Sichformirung des Idealen vermittelst und in der Form zum
Realen, das unmittelbare Verschmelzen der Idealität in Realität (J X R):
woher kommt uns denn jetzt diese neue Form höherer Abstraction ^einer
Bestimmtheit^ des Realen durch das Ideale, welche wechselseitig seyn
muss, und der blossen Realität zugleich den Grund ihres Soseyns
hinzufügt
F
(J X R),
und noch obenein eine ^Seele^, in welcher diese Form der Form eintritt?
Es scheint ja, dass an diesem Systeme der würtembergische Katechismus
wohl ebenso viel Antheil habe, als die Speculation.
Mit der wirklichen Ableitung endlicher Dinge aus dem Absoluten gelingt
es ihm nun, zu Ende von mancher Noth und Plackerei, die er sich bis
dahin anthut, S. 29. unverhoffterweise folgendermaassen: »Das Absolute
würde in dem Realen nicht wahrhaft objectiv, theilte es ihm nicht die
Macht mit, gleich ihm, seine Idealität in Realität umzuwandeln und sie
in besonderen Formen zu objectiviren.« Nun, da ist ja mit Einemmale
alles gewonnen, und die Aufgabe aller Speculation in unermesslicher
Klarheit und Leichtigkeit, zu allgemeinem Vergnügen und Bequemlichkeit,
gelöst! Dass wir andern alle das Reale, in welchem das Absolute wahrhaft
objectiv geworden, seyen, leidet keinen Zweifel; die Macht, unsere
Idealität in Realität umzuwandeln, und sie in besondern Formen zu
objectiviren, geht zufolge dieser Versicherung uns auch nicht ab; und so
wird denn wohl die Welt nichts anderes seyn, als die Ausübung jener
unserer Macht. Thun wir von nun an nur unsere Sinne, oder, in der
Terminologie unseres Weltweisen, die uns mitgetheilte Macht, unsere
Idealität in Realität umzuwandeln, auf, so werden wir ja hören und
sehen, wie jene Macht in besonderen Formen sich objectivire; und so sind
wir denn, freilich auf einem etwas mühsamen und holprigen Umwege, gerade
bei demjenigen angekommen, wozu ich schon oben geglaubt, dass der
Begriff des Absoluten von sich selber dienen könne. Was von nun an uns
auch vorkommen könne, wir werden jedesmal zu sagen wissen, es sey dies
eine Aeusserung der Macht, unsere Idealität in Realität umzuwandeln,
durch welche Macht das Absolute in uns objectiv geworden.
Leider werden wir in den freudigen Empfindungen, die wir hierüber
gefasst haben möchten, schon S. 34. durch die unerwarteten und
merkwürdigen Worte gestört: »Mit Einem Worte, vom Absoluten zum
Wirklichen giebt es keinen stätigen Uebergang, der Ursprung der
Sinnenwelt« (man bemerke, dass dieses Wort hier gleichbedeutend ist mit
dem Wirklichen) »ist nur als ein vollkommenes Abbrechen von der
Absolutheit, durch einen Sprung denkbar.« »Der Grund der endlichen Dinge
-- so beschliesst die S. 18. uns verheissene Auskunft über die Abkunft
der endlichen Dinge aus dem Absoluten -- »der Grund der endlichen Dinge
kann nicht in einer ^Mittheilung^ von Realität an sie, oder an ihr
Substrat, welche Mittheilung vom Absoluten ausgegangen wäre, er kann nur
in einer ^Entfernung^, in einem ^Abfall^ vom Absoluten liegen. Diese
ebenso klare und einfache, als erhabene Lehre« (So? es scheint, der
Geschmack ist mancherlei) »ist auch -- die wahrhaft Platonische. -- Nur
durch den Abfall vom Urbilde lässt Plato die Seele von ihrer ersten
Seligkeit herabsinken.« -- »Es war ein Gegenstand der geheimeren Lehre
in den griechischen Mysterien, auf welche auch Plato nicht undeutlich
hinweiset.«
Nun, wenn Plato und die griechischen Mysterien das annahmen, so werden
wir andern wohl Respect haben, und es uns gleichfalls gefallen lassen
müssen; sollte es sich auch finden, dass in der ganzen Lehre durchaus
kein Sinn und Verstand sey, und dass das Angemuthete niemals im
wirklichen Denken vollzogen, sondern nur gesagt werden könne.
Wir haben grossen Verdacht, dass das Letztere sich finden werde. Denn
was soll doch dasjenige seyn, das da abfällt vom Absoluten? Es sind nur
zwei Fälle möglich: entweder nemlich ist es das Absolute selbst, in
welchem Falle dieses von sich selbst abfallen, d. h. sich in sich selber
und durch sich selber vernichten müsste, welches absurd ist; oder es ist
nicht das Absolute selbst; so ist es von, aus, durch sich selber, und
wir haben der Absoluten zwei an der Zahl, was abermals absurd ist. Es
geht nicht, dass man sage, das Absolute habe jenes andere gemacht, und
es gut gemacht, und es sey nur nachher abgefallen: denn sodann müsste
das in ihm liegende Vermögen, abzufallen, ihm entweder das Absolute
ertheilt haben, in welchem Falle in der Ertheilung dieses Vermögens das
Absolute in der That von sich abgefallen wäre, welches die erste
Absurdität ist; oder es müsste dieses Vermögen von und aus sich selber
haben, wodurch es wenigstens in Absicht dieses Vermögens absolut würde,
welches die zweite Absurdität ist.
Jedoch, wenn wir dieses Alles dem Verfasser übersehen wollten, wie passt
denn diese Aeusserung zu allen seinen früheren Operationen? Ich bitte,
ist denn das Absolute wirklich und in der That vorhanden, oder ist es
nicht wirklich vorhanden? Ist denn an dem Objectivwerden dieses
Absoluten in einer Macht, seine Idealität in Realität umzuwandeln, und
sie wiederum in verschiedenen Formen zu objectiviren, ein wahres Wort,
oder ist daran kein wahres Wort? Ist das Erstere, so ist ja die
Wirklichkeit allerdings erklärt, und der stätige Uebergang vom Absoluten
zum Wirklichen ist gefunden. Wird aber das Letztere angenommen, wie
dadurch, dass die Unerklärbarkeit des Wirklichen aus dem Absoluten
behauptet wird, allerdings geschieht, so wird ja alles früher Gesagte
für unwahr erklärt und zurückgenommen, und es wird alle, sowohl wahre,
als die hier herrschende vermeinte Speculation aufgehoben. Warum liess
denn der Verfasser dennoch seinen Anfang stehen, nachdem er ein solches
Ende gewonnen hatte?