Dritter Brief.[46]

Nur der Sinn für das Aesthetische ist es, der in unserem Innern uns den

ersten festen Standpunct giebt; das Genie kehrt darin ein, und deckt

durch die Kunst, die dasselbe begleitet, auch uns anderen die

verborgenen Tiefen desselben auf. Derselbe Sinn ist es auch, der

zugleich dem wohlerkannten und gebildeten Innern den lebendigen Ausdruck

giebt.

Der Geist geht auf die Entwickelung eines Innern in dem Menschen, des

Triebes, und zwar eines Triebes, der ihn als Intelligenz über die ganze

Sinnenwelt erhebt, und von dem Einflusse derselben losreisst. Aber die

Sinnenwelt allein ist mannigfaltig, und nur inwiefern wir durch einen

uns schlechterdings unsichtbaren Berührungspunct mit derselben

zusammenhangen und ihren Einwirkungen offen stehen, sind wir als

Individuen verschieden; der Geist ist Einer, und was durch das Wesen der

Vernunft gesetzt ist, ist in allen vernünftigen Individuen dasselbe. Dem

einen mag diese Speise besser schmecken, dem anderen eine andere; der

eine mag diese, der andere jene Farbe vorzüglich lieben. Aber die

Wirkungen der Geistesproducte sind für alle Menschen, in allen

Zeitaltern, und unter allen Himmelsstrichen gemeingültig, wenn auch

nicht immer gemeingeltend. Für alle liegt auf der Stufenleiter ihrer

Geistesbildung ein Punct, auf welchen dieses Werk den beabsichtigten

Eindruck machen würde, und nothwendig machen müsste; wenn sie auch etwa

bis jetzt diesen Punct noch nicht erstiegen hätten, oder ihn, wegen der

niedrigen Stufe, auf der sie anheben, bei der Kürze des menschlichen

Lebens, diesseits des Grabes gar nicht ersteigen könnten. Was der

Begeisterte in seinem Busen findet, liegt in jeder menschlichen Brust,

und sein Sinn ist der Gemeinsinn des gesammten Geschlechts.

Theils um diesen Sinn an anderen zu versuchen, theils um ihnen

mitzutheilen, was für ihn selbst so anziehend ist, kleidet das Genie die

Gestalten, die sich seinem geistigen Auge unverhüllt zeigten, in festere

Körper, und stellt sie so auf vor seinen Zeitgenossen.

Um seinen Sinn zu ^versuchen^ zuvörderst: nicht, als ob er der

Beistimmung der Menge bedürfte, um in der Stunde der Begeisterung zu

glauben, was sich ihm durch ein unwiderstehliches Gefühl, -- so

unwiderstehlich als das seines Daseyns, -- offenbart; sondern um auf die

Stunde der Erkältung und des Zweifels sich seines Glaubens im voraus zu

versichern. Mein Werk ist aus der Fülle der menschlichen Natur

geschöpft, darum muss und soll es Allen gefallen, die derselben

theilhaftig sind, und wird unsterblich seyn wie sie: so schliesst er;

der geistlose Schreiber, der nicht die leiseste Ahnung seines hohen

Berufes hat, kehrt es um, und folgert: mein Product wird von der Menge

gelesen, es bereichert die Buchhändler, und die Recensenten wetteifern,

dasselbe zu lobpreisen, darum ist es vortrefflich: aber dennoch wird der

Glaube des ersteren an sich selbst den Beifall gebildeter Menschen, als

eine Zugabe, nicht verschmähen. So ist der Gläubige sicher, dass das

Auge der Fürsehung über ihm walte, und dass jenseits des Grabes ein

besseres Leben seiner warte; und in gewissen Stimmungen würde der

Widerspruch des gesammten Reichs der vernünftigen Wesen ihn nicht um

eines Haares Breite bewegen: denn sein Glaube kömmt ihm nicht von

aussen, sondern er hat ihn in seinem eigenen Herzen gefunden. Dennoch

fragt und forscht er sorgsam, ob andere dasselbe glauben, in dunklem

Vorgefühle banger Stunden, wo er einer sonst so gering geschätzten

Stütze, als die Beistimmung anderer ist, doch bedürfen könnte. So wird

das wahre Genie durch die kaltsinnige Aufnahme seiner Meisterwerke oder

durch den lautesten Tadel derselben nie aus seiner Fassung gebracht: er

ist seiner Sache sicher und gewiss des Geistes, der ohne sein Verdienst

in ihm wohnt; aber er will aus Achtung für denselben ihn auch von

anderen anerkannt und geehrt wissen. -- Es verhält sich so mit allem,

was wir bloss zufolge unseres Gefühls annehmen und nur glauben können.

Wenn alle Anwesende einstimmig versichern, dass ein Gegenstand, den wir

zu erblicken glauben, nicht vorhanden sey, so werden wir, wenn wir nur

ein wenig mit den Täuschungen unserer Sinne und unserer Einbildungskraft

bekannt sind, leicht irre, und fangen an, den Grund der Erscheinung in

uns selbst zu suchen. An unser inneres Gefühl glauben wir schon weit

fester; doch sehen wir auch dieses gern durch das Gefühl anderer

unterstützt.

Um seine Stimmung ^mitzutheilen^. Es ist, wie Sie selbst angemerkt

haben, in allen Menschen der Trieb, andere um sich herum sich selbst so

ähnlich zu machen, als möglich, und sich selbst in ihnen, so vollkommen

als es gehen will, zu wiederholen; und dies um desto mehr, je mehr wir

zu diesem Wunsche durch eigene höhere Bildung berechtigt sind. Nur der

ungerechte Egoist will der einzige seiner Art seyn, und kann seines

Gleichen ausser sich nicht dulden; aber der edle Mensch möchte, dass

alle ihm glichen, und thut, so viel an ihm ist, um es dahin zu bringen.

So der begeisterte Liebling der Natur. Er möchte, dass aus allen Seelen

sein eigenes liebliches Bild ihm zurückstrahlte. Drum drückt er die

Stimmung seines Geistes ein in eine körperliche Gestalt. Was in der

Seele des Künstlers vorgeht, die mannigfaltigen Biegungen und

Schwingungen seines inneren Lebens und seiner selbstthätigen Kraft sind

nicht zu beschreiben; keine Sprache hat Worte dafür gefunden, und wenn

sie gefunden wären, so würde die gedrungene Fülle des Lebens in der

allmähligen, und zu einem einfachen Faden ausgedehnten Beschreibung

verhauchen. Leben wird nur in lebendigem Handeln dargestellt; und sowie

alle gesetzmässige Thätigkeit des menschlichen Geistes, so muss auch

diese freie Geschäftigkeit desselben einen Gegenstand bekommen, den sie

bearbeite, und in welchem durch die Weise ihres Verfahrens sie ihre

innere Natur verrathe. So besteht das Wesen, das Grundprincip des ^Tons^

in den harmonischen Bebungen und Schwingungen der Saite, die im

luftleeren Raume nicht minder einander hervorbringen und bestimmen, ihre

innere Wirksamkeit erfüllen, und für die Saite selbst den Ton bilden

würden; aber nur in der umgebenden Luft bekommen dieselben einen

äusseren Wirkungskreis, drücken sich selbst in sie ein, und pflanzen

sich fort bis zum Ohre des entzückten Hörers, und lediglich aus jener

Vermählung wird der Ton geboren, der in unserer Seele wiederhallt. So

drückt der begeisterte Künstler die Stimmung seines Gemüthes aus in

einem beweglichen Körper, und die Bewegung, der Gang, der Fortfluss

seiner Gestalten ist der Ausdruck der inneren Schwingungen seiner Seele.

Diese Bewegung soll in uns die gleiche Stimmung hervorbringen, welche in

ihm war; er lieh der todten Masse seine Seele, dass diese sie auf uns

übertragen möchte; unser Geist ist das letzte Ziel seiner Kunst, und

jene Gestalten sind die Vermittler zwischen ihm und uns, wie die Luft es

ist zwischen unserem Ohre und der Saite.

Diese innere Stimmung des Künstlers ist der Geist seines Products; und

die zufälligen Gestalten, in denen er sie ausdrückt, sind der Körper

oder der Buchstabe desselben.

Hier ist es, wo das Bedürfniss der mechanischen Kunst eintritt.

Wer die Dinge einer gewissen Stimmung gemäss bearbeiten will, der muss

es überhaupt verstehen, sie zu bearbeiten, und sie mit Leichtigkeit zu

bearbeiten, so dass kein Widerstand sichtbar sey, und dass die todte

Masse unter seinen Händen von selbst Bildung und Organisation angenommen

zu haben scheine. Sobald die Materie widerstrebt, und es der Anstrengung

bedarf, sie zu besiegen, ist die ästhetische Stimmung abgebrochen, und

es bleibt uns anderen nichts übrig, als der Anblick des Arbeiters, der

seinen Zweck zu erreichen strebt; ein nicht unwürdiger Anblick, den wir

aber nur hier nicht haben wollten. Man hat diese Leichtigkeit der

mechanischen Kunst sehr oft mit dem Geiste selbst verwechselt; und sie

ist allerdings die ausschliessende Bedingung seiner Aeusserung, und

jeder, der an das Werk geht, muss sie schon erworben haben; aber sie ist

nicht der Geist selbst. Durch sie allein wird nichts hervorgebracht, als

ein leeres Geklimper, -- ein Spiel, das auch nichts weiter ist, denn

Spiel, -- das nicht zu Ideen erhebt, und höchstens einen Muthwillen und

eine verschwendete Kraft ausdrückt, der man in der Stille eine bessere

Anwendung wünscht. Zwar wird der leichteste und muthwilligste

Pinselstrich des wahren Genies einen Anstrich von den Ideen haben; aber

der blosse Mechaniker wird durch seine höchste Kunst nie etwas anderes

hervorbringen, als ein mechanisches Werk, über dessen Bau man höchstens

sich wundern wird.

So ist in den letzten Meisterwerken des begünstigten Lieblings der Natur

unter unserer Nation, -- im Tasso, in der Iphigenie, und in den

leichtesten Pinselstrichen desselben Künstlers seitdem, -- es ist in

ihnen, sage ich, nicht die so einfache Erzählung, nicht die ohne allen

Schwulst so sanft hingleitende Sprache, durch welche der gebildete Leser

so mächtig angezogen wird. Es ist nicht der Buchstabe, sondern der

Geist. Mit der gleichen Einfachheit der Fabel, der gleichen

Leichtigkeit, dem gleichen Adel der Sprache ist es möglich, ein sehr

schaales, sehr schmackloses, sehr unkräftiges Werk zu verfertigen. Die

Stimmung ist es, welche in diesen Werken herrscht: diese edelste Blüthe

der Humanität, welche durch die Natur nur einmal unter dem griechischen

Himmel hervorgetrieben und durch eins ihrer Wunder im Norden wiederholt

wurde. Es schmiegt sich an unsere Seele das lebendige Bild jener

geendigten Cultur, die den Angriffen des Schicksals nicht mehr mit

gewaltsamen Anstrengungen und Renkungen entgegengeht, und die eher

alles, als die reine Ebenheit ihres Charakters und die leichte Grazie in

den Bewegungen ihres Gemüths, verliert: jenes Beruhens in sich selbst

und auf sich selbst, das es nicht mehr bedarf, durch Anstrengung seine

Kraft aufzuregen und gegen den Widerstand anzustemmen, sondern das auf

seiner eigenen natürlichen Last sicher steht; jener Unbefangenheit des

Geistes, welche die Dinge, auch bei ihrem gewaltsamsten Andringen auf

uns, dennoch keiner anderen Schätzung würdigt, als der, die ihnen

gebührt, dass sie Gegenstände unserer Betrachtung sind, und welche auch

dann noch den gefälligen Formen derselben ein ästhetisches Vergnügen,

den Verzerrungen derselben ein leichtes Lächeln, wie Grazien lächeln,

abzugewinnen vermag; jener Vollendung der Menschheit, die sich von der

Sinnenwelt nicht losgerissen, sondern abgelöst fühlt, und die mit

gleicher Leichtigkeit derselben ohne Misvergnügen entbehren, oder ihrer

mit Freude auf ihre Weise geniessen kann. Wir finden uns mit Vergnügen

in eine Welt versetzt, in der allein eine solche Stimmung möglich ist,

unter eine Gesellschaft, deren Mitglieder alle gerecht und wohlwollend

sind, und deren Trennungen nicht durch bösen Willen verursacht, sondern

selbst nur Stürme des widrigen Schicksals sind; -- (denn

Ungerechtigkeiten freier Wesen können uns nie gleichgültig seyn, und

werden immer ernste Misbilligung, keinesweges aber das leichte Lächeln

erregen, wie die Verstösse der vernunftlosen Natur). Wir entdecken mit

befriedigter Selbstliebe unter dem Einflusse des Künstlers eine Fassung

in uns, die wir im Laufe des Lebens gewöhnlich nicht behalten; wir

fühlen uns höher gehoben und veredelt, und innige Liebe ist der Lohn des

Dichters, der uns so sanft schmeichelt, um uns zu bessern.

Jeder hat den feinsten Sinn für diejenige Art der Ausbildung, der er

zunächst bedürfte, und mag in der Stunde der Täuschung am liebsten das

an sich finden, wovon eine leise Ahnung ihm sagt, dass es auf der

nächsten Stufe der Cultur liege, die er zu ersteigen hat. Ein

beträchtlicher Theil unseres Publicums ist noch nicht so weit, dass ihm

nichts mehr, als die Grazie in seinen Bewegungen, die Leichtigkeit und

Ungezwungenheit in seiner Kraftäusserung abgehe. Vielen fehlt es an der

Kraft selbst. Für diese sind Darstellungen, wie die, von welchen wir

redeten, unschmackhaft; sie verwechseln die durch die Fülle der Kraft

gehaltene Kraft, die sie nicht kennen, mit der Kraftlosigkeit, die sie

nur zu wohl kennen. Diese mögen im Bilde lieber die rohe, aber

kraftvolle Sitte unserer Urahnen sich angetäuscht sehen -- eine Art, die

so vorzüglich ist, als jede andere, wenn sie mit Geist behandelt wird --

oder vergnügen sich wohl auch an den wunderlichen Renkungen in unsern

gewöhnlichen Ritterromanen, und an hochtönenden und vermessenen Reden.

Dem Dichter, von dem ich rede, war es gegeben, zwei verschiedene Epochen

der menschlichen Cultur mit allen ihren Abstufungen auszumessen. Er nahm

sein Zeitalter bei der letzteren Stufe auf, um es bei der ersteren

niederzusetzen. Aber sein Genius überflog, wie es seyn musste, den

langsamen Gang desselben. Er bildete, wie jeder wahre Künstler soll,

sein Publicum selbst, arbeitete für die Nachwelt, und wenn unser

Geschlecht höher steigt, so ist es nicht ohne sein Zuthun.

Jene beiden Zustände, der der ersten ursprünglichen Begeisterung, und

der der Darstellung derselben in körperlicher Hülle, sind in der Seele

des Künstlers nicht immer verschieden, obwohl sie durch den genauen

Forscher sorgfältig unterschieden werden müssen. Es giebt Künstler, die

ihre Begeisterung auffassen und festhalten, unter den Materialien um

sich herumsuchen, und das geschickteste für den Ausdruck wählen; die

unter der Arbeit sorgfältig über sich wachen; die zuerst den Geist

fassen, und dann den Erdkloss suchen, dem sie die lebendige Seele

einhauchen. Es giebt andere, in denen der Geist zugleich mit der

körperlichen Hülle geboren wird, und aus deren Seele zugleich das ganze

volle Leben sich losreisst. Die ersteren erzeugen die gebildetsten,

berechnetsten Producte, deren Theile alle das feinste Ebenmaass unter

sich und zum Ganzen halten: aber das feinere Auge kann in der

Zusammenfügung des Geistes und des Körpers hier und da die Hand des

Künstlers bemerken. In den Werken der letzteren sind Geist und Körper,

wie in der Werkstätte der Natur, innigst zusammengeflossen, und das

volle Leben geht bis in die äussersten Theile; aber wie an den Werken

der Natur entdeckt man hier und da kleine Auswüchse, deren Absicht man

nicht angeben kann, die man aber nicht wegnehmen könnte, ohne dem Ganzen

zu schaden. Von beiden Arten hat unsere Nation Meister.

Gewisse höhere Stimmungen sind, wie soeben gesagt worden, nicht für

gemeine Augen, und lassen sich denselben nicht mittheilen; bei anderen,

die mittheilbar sind, ist wenigstens unsichtbar, woher es komme, dass

das Werk zu ihnen erhebe; und nicht sehr feine Beobachter sind daher

versucht, der Gestalt und dem Baue des Körpers die bewegende Kraft

zuzuschreiben, die nur der Geist hat. Die Verhältnisse dieses Körpers

und die Regeln, nach denen er gebildet ist, sind zu berechnen, zu lernen

und durch Kunst auszuüben, da, wie oben zugestanden worden, der Körper

des geistreichsten Werkes selbst nur durch Kunst hervorgebracht ist. Es

giebt mancherlei Ursachen, die den geistlosesten Menschen bewegen

können, auf diese Weise den mechanischen Theil eines geistvollen

Products nachzubilden; und da auch dieser sein Gutes hat, verlieren

manche Zuschauer nichts dabei. Solche Arbeiter sind Buchstäbler.

Derjenige, der ohne Geist selbst der mechanischen Kunst nicht mächtig

ist, heisst ein Stümper. -- Stelle Pygmalion seine beseelte Bildsäule

hin vor die Augen des jauchzenden Volkes; er soll ihr, -- da nichts uns

verhindert, die Fabel zu ergänzen, -- mit dem Leben zugleich den

geheimen Vorzug ertheilt haben, nur von geistvollen Augen als lebend

erblickt zu werden, für gemeine und stumpfe aber kalt und todt zu

bleiben. Kostet es nicht mehr, um berühmt zu werden? denkt, -- indess

das ganze Volk dem Künstler huldigt, ein Mann, der seinen Meissel auch

zu führen versteht, misst mit Cirkel und Lineal genau die Verhältnisse

der Bildsäule, geht hin, fertigt sein Werk, stellt es neben das Werk des

Künstlers, und es sind viele, die keinen Unterschied zwischen beiden

finden können.

Die Regeln der Kunst, die sich in den Lehrbüchern finden, beziehen sich

meist auf das Mechanische der Kunst. Sie müssen im Geiste gedeutet

werden, und nicht nach dem Buchstaben. So lehren sie uns, wie wir die

Fabel erfinden, mittheilen, allmählig entwickeln sollen, und es thut dem

Künstler allerdings noth, dies zu verstehen. Versteht er aber auch

nichts weiter, als die Beobachtung dieser Regeln, so hat er am Ende eine

gute Fabel, die die Neugier reizt, unterhält, befriedigt; aber wir

forderten noch etwas mehr von ihm. Die Einheit der geistigen Stimmung,

die in seinem Werke herrscht, und die dem Gemüthe des Lesers mitgetheilt

werden soll, ist die Seele des Werkes; ist diese Stimmung angedeutet,

entwickelt, durchaus gehalten und siegend, dann ist das Werk vollendet,

ob die äussere Begebenheit für die leere Neugier geschlossen sey, oder

nicht; der Triumph dieser Stimmung über die mannigfaltigen Störungen

derselben ist die wahre Entwickelung, obschon der gedankenlose Leser,

der ein Mährchen hören wollte, frage, wie es nun weiter geworden sey.

Sie rathen uns, zu täuschen; durch die Erzählung, meint der Buchstäbler,

bietet er alle seine Künste auf, um uns sein Mährchen für eine wirkliche

Begebenheit aufzubinden, und wenn alles mislingt, versichert er uns auf

sein Ehrenwort, dass er eine wahre Geschichte erzähle. Nun wohl, so

erzähle er, bis alle Gaffer sich wundern; aber er glaube nicht ein

Kunstwerk geliefert zu haben. Unsere Erhebung zu einer ganz anderen, uns

fremden Stimmung, in welcher wir unsere Individualität vergessen: -- das

ist die wahre Täuschung, und für diesen Endzweck reicht diejenige

Wahrheit der Geschichte, die er allein als Wahrheit kennt, nicht hin. In

dieser handeln Erdenmenschen, wie wir unter den gleichen Umständen

ungefähr auch handeln würden.

Sie halten über reine Moral; und so thue denn wer kann und will das gute

Werk, uns wichtige moralische Lehren durch Erzählungen anschaulich und

eindringend zu machen. Er will uns dahin bringen, dass wir durch eigenen

freien Entschluss das Bessere wählen; er ist unseres Dankes werth, und

seine Bemühungen sind nicht allemal an uns verloren. Nur wisse er, was

er ist, und stelle sich nicht in eine ihm fremde Klasse. Der begeisterte

Künstler wendet sich gar nicht an unsere Freiheit, er rechnet auf

dieselbe so wenig, dass vielmehr sein Zauber erst anfängt, nachdem wir

sie aufgegeben haben. Er hebt durch seine Kunst uns ohne alles unser

Zuthun auf Augenblicke in eine höhere Sphäre. Wir werden um nichts

besser; aber die unangebauten Felder unseres Gemüths werden doch

geöffnet, und wenn wir einst aus anderen Gründen uns mit Freiheit

entschliessen, sie in Besitz zu nehmen, so finden wir die Hälfte des

Widerstandes gehoben, die Hälfte der Arbeit gethan.[33]

[Fußnote 33: Die Fortsetzung ist nicht erschienen.]

D.

Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprunge der Sprache.

(Philos. Journal Bd. I. S. 255-273, S. 287-326. 1795.)

In einer Untersuchung über den Ursprung der Sprache darf man sich nicht

mit Hypothesen, nicht mit willkürlicher Aufstellung besonderer Umstände,

unter welchen etwa eine Sprache entstehen ^konnte^, behelfen; denn da

der Fälle, welche den Menschen bei Erfindung und Ausbildung der Sprache

leiten konnten, so mancherlei sind, dass sie keine Forschung ganz

erschöpfen kann: so würden wir auf diesem Wege ebensoviel halbwahre

Erklärungen des Problems erhalten, als Untersuchungen darüber angestellt

würden. Man darf sich daher nicht damit begnügen, zu zeigen, dass und

wie etwa eine Sprache erfunden werden ^konnte^: man muss aus der Natur

der menschlichen Vernunft die Nothwendigkeit dieser Erfindung ableiten;

man muss darthun, dass und wie die Sprache erfunden werden ^musste^.

Man hüte sich insbesondere bei dieser Untersuchung, so wie bei jeder

anderen, das Resultat, das man etwa zu finden hofft, schon zum voraus im

Auge zu haben. Man denke sich in den Gesichtspunct der Menschen hinein,

welche noch überhaupt keine Sprache hatten, sondern sie erst erfinden

sollten; welche noch nicht wussten, wie die Sprache gebaut seyn müsse,

sondern die Regeln darüber erst aus sich selbst schöpfen mussten. Jedem,

der dem Ursprunge der Sprache nachforscht, muss die Sprache so gut als

nicht erfunden seyn: er muss sich denken, dass er sie erst durch seine

Untersuchung erfinden soll.

Ferner hat man bei allen Untersuchungen über Entstehung der Sprache es

auch darin versehen, dass man zuviel auf willkürliche Verabredung baute;

dass man z. B. meinte: da ich ein Buch ^liber^, [Griechisch: biblion],

book u. s. w. nennen kann, so müssen die Nationen einig geworden seyn,

die eine, dieser bestimmte Gegenstand solle ^Buch^ -- die andere, er

solle ^liber^, u. s. w. heissen. Aber auf eine solche Uebereinkunft

dürfen wir wenig rechnen, da sie sich nur mit der grössten

Unwahrscheinlichkeit denken lässt, und wir müssen daher selbst den

Gebrauch der willkürlichen Zeichen aus den wesentlichen Anlagen der

menschlichen Natur ableiten.

^Sprache^, im weitesten Sinne des Wortes, ist der ^Ausdruck unserer

Gedanken durch willkürliche Zeichen^.

Durch ^Zeichen^, sage ich, also nicht durch Handlungen. -- Allerdings

offenbaren sich unsere Gedanken auch durch die Folgen, welche sie in der

Sinnenwelt haben: ich denke und handle nach den Resultaten dieses

Denkens. Ein vernünftiges Wesen kann aus diesen meinen Handlungen auf

das, was ich gedacht habe, schliessen. Dies heisst aber nicht ^Sprache^.

Bei allem, was ^Sprache^ heissen soll, wird schlechterdings nichts

weiter beabsichtigt, als die Bezeichnung des Gedankens; und die Sprache

hat ausser dieser Bezeichnung ganz und gar keinen Zweck. Bei einer

Handlung hingegen ist der Ausdruck des Gedankens nur zufällig, ist

durchaus nicht Zweck. Ich handle nicht, um anderen meine Gedanken zu

eröffnen; ich esse z. B. nicht, um anderen anzudeuten, dass ich Hunger

fühle. Jede Handlung ist selbst Zweck: ich handle, weil ich handeln

will.

Ich habe mich bei der Erklärung der Sprache des Ausdruckes:

»^willkürliche Zeichen^« bedient. Darunter verstehe ich hier solche

Zeichen, welche ausdrücklich dazu bestimmt sind, diesen oder jenen

Begriff anzudeuten. Ob dieselben mit dem Bezeichneten natürliche

Aehnlichkeit haben, oder nicht, das ist hier völlig gleichgültig. Ich

mag zu dem anderen das Wort ^Fisch^ sagen -- ein Zeichen, das mit dem

Gegenstande, welchen es ausdrücken soll, gar keine Aehnlichkeit hat --

oder ich mag ihm einen Fisch vorzeichnen; ein Zeichen, das mit dem

Bezeichneten allerdings Aehnlichkeit hat -- in beiden Fällen habe ich

keinen Zweck, als den, die Vorstellung eines bestimmten Gegenstandes bei

dem anderen zu veranlassen; -- folglich kommen beide Zeichen darin

überein, dass sie ^willkürlich^ sind.

^Sprachfähigkeit^ ist das Vermögen, seine Gedanken willkürlich zu

bezeichnen. Ich drücke mich absichtlich so allgemein aus, damit man

nicht gleich an eine ^Sprache für das Gehör^ denke. Von der ^Ursprache^

lässt sich gar nicht behaupten, dass sie bloss aus Tönen bestanden habe,

bloss Gehörsprache gewesen sey. Diese letztere kann erst weit später

entstanden seyn, und lässt sich nur unter Voraussetzung der Ursprache

und auf eine weit verwickeltere Art deduciren.

Die Frage, die sich uns zunächst darbietet, ist folgende: ^Wie ist der

Mensch auf die Idee gekommen, seine Gedanken durch willkürliche Zeichen

anzudeuten?^ Diese enthält unter sich folgende zwei: 1) Was brachte den

Menschen überhaupt auf den Gedanken, eine Sprache zu erfinden? 2) In

welchen Naturgesetzen liegt der Grund, dass diese Idee gerade ^so^ und

nicht anders ausgeführt wurde? Lassen sich Gesetze auffinden, welche den

Menschen bei der Ausführung leiteten?

Ich mache mich deutlicher. Die Sprache ist das Vermögen, seine Gedanken

^willkürlich^ zu bezeichnen. Sie setzt demnach eine Willkür voraus.

Unwillkürliche Erfindung, unwillkürlicher Gebrauch der Sprache enthält

einen inneren Widerspruch. Man hat sich zwar auf unwillkürliche Töne

beim Ausbruche der Freude, des Schmerzes u. s. w. berufen, und daraus

gar manches über Erfindung und Gesetze der Sprache ableiten wollen; aber

beides ist völlig verschieden. Unwillkürlicher Ausbruch der Empfindung

ist nicht ^Sprache^.

Um die Willkür zur Erfindung einer Sprache zu bestimmen, wurde eine Idee

derselben vorausgesetzt. Daher die Frage: wie entwickelte sich in den

Menschen die Idee, ihre Gedanken sich gegenseitig durch Zeichen

mitzutheilen?

Allein daraus, dass sie sich die Aufgabe aufstellten, eine Sprache zu

erfinden, folgt noch nicht, dass ihnen überhaupt, und durch welche

Mittel ihnen die Ausführung gelang. Daher die zweite schon angeführte

Frage: giebt es in der menschlichen Natur Mittel, welche man nothwendig

ergreifen musste, um die Idee einer Sprache zu realisiren? Kann man

diesen Mitteln nachspüren, und wie mussten sie gebraucht werden, wenn

durch sie der Zweck erreicht werden sollte? Fänden sich solche Mittel,

so liesse sich wohl eine Geschichte der Sprache ^a priori^ entwerfen.

Und sie finden sich allerdings.

Zuvörderst: auf welchem Wege wurde die Idee von einer Sprache in dem

Menschen entwickelt? -- Es ist im Wesen des Menschen gegründet, dass er

sich die Naturkraft zu unterwerfen sucht. Die erste Aeusserung seiner

Kraft ist gerichtet auf die Natur, um sie für seine Zwecke zu bilden.

Selbst der roheste Mensch trifft irgend eine Vorkehrung für seine

Bequemlichkeit und seine Sicherheit; er gräbt sich Höhlen, bedeckt sich

mit Laub, und wenn er des Feuers etwa habhaft werden kann, zündet er

Holz an, um sich so gegen den Frost zu schützen. Er wird von allen

Seiten arbeiten, die feindselige Natur zu bezwingen, und wo er das nicht

kann, wird er sie scheuen. So fürchtet der Mensch den Donner, weil er

sich ausser Stande sieht, die Natur in dieser Aeusserung ihrer Kraft zu

beherrschen. Sollten wir Mittel finden, dieselbe auch hier zu bezwingen,

so würde sich jene Furcht bald verlieren. Der Mensch macht sich die

Thiere dienstbar, oder flieht sie, wenn er das erstere nicht vermag. So

war gewiss, ehe man die Kunst erfand, Pferde zu zähmen, dieses grosse

starke Thier dem Menschen ein Gegenstand des Schreckens: jetzt, da er es

sich unterworfen hat, fürchtet er es nicht mehr.

In diesem Verhältnisse steht der Mensch mit der belebten und leblosen

^Natur^: er geht darauf aus, sie nach seinen Zwecken zu modificiren;

aber diese widerstrebt der Einwirkung, und nimmt oft genug sie gar nicht

an. Daher sind wir mit der Natur in stetem Kampfe, sind bald Sieger,

bald Besiegte, -- unterjochen oder fliehen.

Wie verhält sich dagegen der Mensch ursprünglich gegen den ^Menschen

selbst^? Sollte wohl zwischen ihnen im rohen Naturzustande dasselbe

Verhältniss stattfinden, welches zwischen dem Menschen und der Natur

ist? Sollten sie wohl darauf ausgehen, sich selbst untereinander zu

unterjochen, oder, wenn sie sich dazu nicht Kraft genug zutrauen,

einander gegenseitig fliehen?

Wir wollen annehmen, es wäre so: so würden gewiss nicht zwei Menschen

nebeneinander leben können; der Stärkere würde den Schwächeren

bezwingen, wenn dieser nicht flöhe, sobald er jenen erblickte. Würden

sie aber auf solche Art wohl jemals in Gesellschaft getreten, würde

durch sie die Erde bevölkert worden seyn? Ihr Verhältniss würde ganz so

gewesen seyn, wie es Hobbes im Naturstande schildert: Krieg aller gegen

alle. Und doch finden wir, dass die Menschen sich miteinander vertragen,

dass sie sich gegenseitig unterstützen, dass sie in gesellschaftlicher

Verbindung miteinander stehen. Der Grund dieser Erscheinung muss wohl in

dem Menschen selbst liegen: in dem ursprünglichen Wesen desselben muss

sich ein Princip aufzeigen lassen, welches ihn bestimmt, sich gegen

seinesgleichen anders zu betragen, als gegen die Natur.

Ich weiss recht wohl, dass viele behaupten, die Menschen gingen von

Natur darauf aus, einander zu unterjochen. Was auch immer gegen diese

Behauptung sich einwenden lassen möge, so ist doch soviel gewiss: dass

sich aus der Erfahrung mancherlei scheinbare Gründe für dieselbe

auffinden lassen, und dass sie folglich der entgegengesetzten

Behauptung, wiefern diese auch nur als Erfahrungssatz aufgestellt würde,

in Rücksicht auf Gültigkeit gleichgesetzt werden könnte. Diese

entgegengesetzte Behauptung muss also eben darum, damit ihre Gültigkeit

entschieden sey, aus einem in der Natur des Menschen selbst liegenden

Principe abgeleitet werden. Wir wollen dieses Princip aufsuchen.

Der Mensch geht darauf aus, die rohe oder thierische Natur nach seinen

Zwecken zu modificiren. Dieser Trieb muss untergeordnet seyn dem

höchsten Principe im Menschen, dem: sey immer einig mit dir selbst; nach

welchem Principe er in den allgemeinsten Aeusserungen seiner Kraft

beständig forthandelt, auch ohne sich desselben bewusst zu seyn. Der

Mensch sucht also -- nicht gerade aus einem deutlich gedachten, aber aus

einem durch sein ganzes Wesen verwebten, und dasselbe ohne alles

Hinzuthun seines freien Willens bestimmenden Princip -- die nicht

vernünftige Natur sich deswegen zu unterwerfen, damit alles mit seiner

Vernunft übereinstimme, weil nur unter dieser Bedingung er selbst mit

sich selbst übereinstimmen kann. Denn da er ein vorstellendes Wesen ist,

und in einer gewissen Rücksicht, die wir hier nicht zu bestimmen haben,

die Dinge vorstellen muss, wie sie sind: so geräth er dadurch, dass die

Dinge, die er vorstellt, mit seinem Triebe nicht übereinstimmen, in

einen Widerspruch mit sich selbst. Daher der Trieb, die Dinge so zu

bearbeiten, dass sie mit unseren Neigungen übereinstimmen, dass die

Wirklichkeit dem Ideale entspreche. Der Mensch geht nothwendig darauf

aus, alles, so gut er es weiss, ^vernunftmässig^ zu machen.

Wenn er nun in diesen Versuchen auf einen Gegenstand stossen sollte, an

welchem sich die gesuchte Vernunftmässigkeit ohne seine Mitwirkung schon

äusserte, so wird er sich in Rücksicht auf diesen aller Bearbeitung wohl

enthalten, da er dasjenige, was einzig und allein durch sie

hervorgebracht werden soll, an dem entdeckten Gegenstande schon findet.

Er hat etwas gefunden, was mit ihm übereinstimmt; würde es nicht

ungereimt seyn, einen Gegenstand seinem Triebe entsprechend machen zu

wollen, der schon, ohne sein Zuthun, demselben entspricht? Das Gefundene

wird ihm ein Gegenstand des Wohlgefallens seyn: er wird sich freuen, ein

mit ihm gleichgestimmtes Wesen -- einen ^Menschen^ angetroffen zu haben.

Aber woran soll er diese Vernunftmässigkeit des gefundenen

Gegenstandes erkennen? An nichts anderem, als woran er seine eigene

Vernunftmässigkeit erkennt -- am ^Handeln nach Zwecken^. -- Die blosse

Zweckmässigkeit des Handelns aber an sich allein würde zu einer solchen

Beurtheilung noch nicht hinreichen; sondern es bedarf noch der Idee des

Handelns nach veränderter Zweckmässigkeit, und zwar von einem Handeln,

das verändert ist nach unserer eigenen Zweckmässigkeit. Gesetzt, der

Naturmensch handle auf einen Gegenstand, der entweder nach gewissen

Regeln aufwächst, Früchte trägt u. s. w., oder einen, der nach einem

gewissen Instincte auf Nahrung ausgeht, schläft, erwacht u. s. w., und

den er deshalb als nach Zwecken handelnd beurtheilt. Sobald ein solcher

Gegenstand, auf den der Naturmensch seinen Zwecken gemäss gehandelt hat,

seinen Gang fortgeht, ohne nach Maassgabe jener Einwirkung eine

Veränderung in seinem Zwecke anzunehmen, so erkennt er ihn nicht für

vernünftig. Als zweckmässig und freihandelnd werde ich nur das Wesen

ansehen, das seinen Zweck, nachdem ich meinen Zweck auf dasselbe

anwende, auch ändert. Z. B., ich brauche Gewalt auf ein Wesen, und es

braucht sie auch, ich erzeige ihm eine Wohlthat, es erwiedert sie; so

ist immer Veränderung des Zweckes nach dem Zwecke, den ich für dasselbe

habe: mit anderen Worten, es ist eine ^Wechselwirkung^ zwischen mir und

diesem Wesen. Nur ein Wesen, das, nachdem ich meinen Zweck auf dasselbe

äusserte, den seinigen in Beziehung auf diese Aeusserung ändert, das z.

B. Gewalt braucht, wenn ich gegen dasselbe Gewalt brauche, das mir

wohlthut, wenn ich ihm wohlthue: nur ein solches Wesen kann ich als

vernünftig erkennen. Denn ich kann aus der Wechselwirkung, welche

zwischen ihm und mir eingetreten ist, schliessen, dass dasselbe eine

Vorstellung von meiner Handlungsweise gefasst, sie seinem eigenen Zwecke

angepasst habe, und nun nach dem Resultate dieser Vergleichung seinen

Handlungen durch Freiheit eine andere Richtung gebe. Hier zeigt sich

offenbar ein Wechsel zwischen Freiheit und Zweckmässigkeit, und an

diesem Wechsel erkennen wir die Vernunft.

Der Mensch geht also nothwendig darauf aus, Vernunftmässigkeit ausser

sich zu finden; er hat einen Trieb dazu, der sich deutlich genug dadurch

offenbart, dass der Mensch sogar geneigt ist, leblosen Dingen Leben und

Vernunft zuzuschreiben. Beweise davon finden sich häufig genug in den

Mythologien und den Religionsmeinungen aller Völker u. s. w. Wie wir

gesehen haben, ist es der Trieb nach Uebereinstimmung mit sich selbst,

welcher den Menschen anleitet, Vernunftmässigkeit ausser sich

aufzusuchen.

Eben dieser Trieb musste in dem Menschen, sobald er wirklich mit Wesen

seiner Art in Wechselwirkung getreten war, den Wunsch erzeugen, seine

Gedanken dem anderen, der sich mit ihm verbunden hatte, auf eine

bestimmte Weise andeuten, und dagegen von demselben eine deutliche

Mittheilung seiner Gedanken erhalten zu können. Denn ohne diese Auskunft

musste es sich häufig ereignen, dass der eine die Handlung des anderen

misverstand und auf eine Art erwiederte, die ganz gegen die Erwartung

des Handelnden war; ein Fall, der den Menschen in offenbaren Widerspruch

mit seinen Zwecken versetzte, und folglich geradezu gegen die

Uebereinstimmung mit sich selbst stritt, welche er bei der Aufsuchung

vernünftiger Wesen beabsichtigte. -- Ich meine es vielleicht mit jemand

gut, und will ihm mein Wohlwollen durch Handlungen zu erkennen geben.

Allein jener deutet diese Handlungen unrichtig und erwiedert sie durch

Feindseligkeiten. Ein solches Betragen muss nothwendig bei mir den

Gedanken veranlassen, dass der andere meine Absichten verkenne; und

diesem Gedanken muss bald der Wunsch folgen, ihm meine Gesinnungen auf

eine weniger zweideutige Art ankündigen zu können.

So wie es mir mit anderen geht, so anderen mit mir. Wie leicht kann ich

die wohlmeinende Handlung eines anderen misverstehen und mit Undank

vergelten? So wie ich aber seine Absicht besser einsehe, so werde ich

wünschen mein Vergehen wieder gut zu machen, und um deswillen von seinen

Gedanken künftig besser unterrichtet zu seyn. -- Ich wünsche also, dass

der andere meine Absicht wissen möge, damit er mir nicht zuwiderhandle,

und aus gleichem Grunde wünsche ich, die Absichten des anderen zu

wissen. Daher die Aufgabe zur Erfindung gewisser Zeichen, wodurch wir

anderen unsere Gedanken mittheilen können.

Bei diesen Zeichen wird indessen einzig und allein der ^Ausdruck^

unserer Gedanken beabsichtiget. Wenn ich auf jemand erzürnt bin, so

zeigt sich ihm dieser Zorn allerdings durch feindliche Behandlung. Aber

da ist die Absicht bloss, meine Gedanken ^auszuführen^, nicht aber, ihm

ein ^Zeichen^ davon zu geben. Bei der Sprache aber ist lediglich die

^Bezeichnung^ Absicht, nicht als Ausdruck der Leidenschaft, sondern zum

Behufe einer gegenseitigen Wechselwirkung unserer Gedanken, ohne welche,

wie soeben bemerkt wurde, eine unserem Triebe angemessene Wechselwirkung

der Handlungen nicht bestehen kann.

Durch die Verbindung mit Menschen wird also in uns die Idee geweckt,

unsere Gedanken einander durch willkürliche Zeichen anzudeuten -- mit

Einem Worte: ^die Idee der Sprache^. Demnach liegt in dem, in der Natur

des Menschen gegründeten Triebe, Vernunftmässigkeit ausser sich zu

finden, der besondere ^Trieb, eine Sprache zu realisiren^, und die

Nothwendigkeit, ihn zu befriedigen, tritt ein, wenn vernünftige Wesen

miteinander in Wechselwirkung treten.

Wir denken uns bei der Sprache gewöhnlich nur ^Zeichen fürs Gehör^. Wie

es gekommen ist, dass wir uns mit unserer Sprache eben an diesen Sinn

wenden, wird in der Folge erklärt werden. ^Hier^ ist kein mögliches

Zeichen ausgeschlossen; so wie in der Ursprache sicher ebensowenig

irgend eins ausgeschlossen war.[34]

Die Aufgabe zur Sprache ist jetzt vorhanden: wie soll ihr aber nun

Genüge geschehen?

Die Natur offenbart sich uns besonders durch Gesicht und Gehör. Zwar

kündigt sie sich uns auch durch Gefühl, Geschmack und Geruch an: aber

die Eindrücke, welche wir auf diesen Wegen erhalten, sind theils nicht

lebhaft, theils nicht bestimmt genug, und wir lassen uns daher bei

äusseren Wahrnehmungen vorzüglich durch Gesicht und Gehör leiten, wenn

und wo uns der Gebrauch dieser Sinne nicht versagt ist. So wie die Natur

den Menschen etwas durch Gehör und Gesicht bezeichnete, gerade so

mussten sie es einander durch Freiheit bezeichnen. -- Man könnte

eine auf diese Grundregel aufgebaute Sprache die ^Ur-^ oder

^Hieroglyphensprache^ nennen.

[Fußnote 34: Ich beweise hier nicht, dass der Mensch ohne Sprache nicht

denken, und ohne sie keine allgemeinen abstracten Begriffe haben könne.

Das kann er allerdings vermittelst der Bilder, die er durch die

Phantasie sich entwirft. Die Sprache ist meiner Ueberzeugung nach für

viel zu wichtig gehalten worden, wenn man geglaubt hat, dass ohne sie

überhaupt kein Vernunftgebrauch stattgefunden haben würde.]

Die ersten Zeichen der Dinge waren, nach diesen Grundsätzen, hergenommen

von den Wirkungen der Natur: sie waren nichts weiter, als eine

Nachahmung derselben. Hier war die Mittheilung der Gedanken selbst

willkürlich, wie sie es bei jeder Sprache seyn muss, aber nicht die Art

dieser Mittheilung: es stand in meiner Willkür, ob ich dem anderen meine

Gedanken bezeichnen wollte, oder nicht; aber im Zeichen selbst war keine

Willkür.

Diese Bezeichnung der Dinge durch die Nachahmung ihrer in die Sinne

fallenden Eigenschaften gab sich leicht. Der Löwe wurde z. B. durch die

Nachahmung seines Gebrülles, der Wind durch die Nachahmung seines

Sausens ausgedrückt. So wurden Gegenstände, die sich durch das Gehör

offenbaren, durch Töne ausgedrückt: andere, die sich durchs Gesicht

ankündigen, konnten im leichten Umriss etwa im Sande nachgebildet

werden. Z. B. Fische, Netze, mit einigen Gesticulationen und Winken

gegen das Ufer hin begleitet, waren für den, an welchen diese Zeichen

gerichtet waren, eine Aufforderung zum Fischen.

Diese Sprache war leicht erfunden, und hinreichend, wenn etwa zwei

beisammen waren, um sich zu unterhalten, oder in der Nähe zusammen

arbeiteten. Jeder giebt auf des anderen Zeichen Acht: der eine ahmt

einen Ton nach, der andere auch; der eine zeichnet etwas mit dem Finger,

der andere auch. So verstehen sie einander: der eine weiss, was der

andere denkt, und dieser weiss, was jener will, dass er denken solle.

Man stelle sich aber vor, dass diese zwei für sich arbeiten und entfernt

von einander sind, z. B. auf der Jagd. Einer will dem anderen einen

Gedanken mittheilen, der sich nur durch ein Zeichen fürs Gesicht

ausdrücken lässt; aber zum Unglück richtet der andere seine Blicke nicht

auf ihn, oder kann seine Zeichen wegen der grossen Entfernung nicht

bestimmt erkennen. Hier ist die Unterredung unmöglich.

Ferner: man denke sich mehrere, die um sich zu berathschlagen versammelt

sind. -- Dies wird bei rohen und uncultivirten Menschen, wie wir hier

sie uns denken, oft der Fall seyn, weil sie oft des gegenseitigen Rathes

bedürfen. -- Man erwäge, ob die angenommene Hieroglyphensprache für eine

so grosse Gesellschaft bequem seyn werde. Gesetzt, es sind ihrer zehn

beisammen; während einer redet und acht zuhören, fällt es dem zehnten

ein, auch etwas vorzutragen. Aber alle seine Zeichen werden nicht

beobachtet, weil die übrigen auf den ersten merken. Wie soll er es

anfangen, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen?

Man erinnere sich einer Bemerkung, welche die tägliche Erfahrung

bestätigt. -- Das Gehör leitet unwillkürlich die Augen: man richtet sich

nach der Gegend, wo ein Schall herkam, selbst ohne sich mit Bewusstseyn

die Absicht zu denken, der Ursache dieses Schalles nachzuspüren; ja, man

hat oft Mühe, sich des Hinsehens zu erwehren. Da es der vorausgesetzten

Person in der Ursprache freisteht, sich sowohl fürs Gesicht, als fürs

Gehör auszudrücken, so wird er, unserer, nicht gerade deutlich

gedachten, aber dunkel gefühlten Bemerkung zufolge, auf den letzteren

Sinn zu wirken suchen, um die Gesellschaft fürs erste nur aufmerksam auf

sich zu machen, und mag vielleicht zuerst einen unarticulirten Ton, etwa

ein ^Hm!^ von sich geben. Jetzt werden die anderen ihre Blicke auf ihn

richten, und er kann durch Zeichen für das Gesicht mit ihnen sprechen.

Aber sie sind vielleicht in den Gedankenkreis desjenigen, der zuerst zu

ihnen sprach, und der jetzt unterbrochen ist, unwiderstehlich

hineingerissen, er allein interessirt sie, und sie wenden ihre Blicke

von dem Zehnten wieder hinweg. Dies wird demselben nicht gleichgültig

seyn. Er ist überzeugt, dass das, was er vortragen will, von der

grössten Bedeutung sey, -- und wird sich nicht so ruhig gefallen lassen,

dass seine Rede so wenig Eingang findet. Je stärker in ihm das Verlangen

ist, sich mitzutheilen, desto lebhafter muss er auch sein Unvermögen

fühlen, durch Zeichen fürs Gesicht der Versammlung seine Gedanken

bemerkbar zu machen: und dieses Unvermögen, verbunden mit der Erinnerung

an die Wirkung, welche der Laut, den er gleich anfangs von sich gab, auf

die Gesellschaft machte, muss nothwendig die Vorstellung in ihm

veranlassen, dass er die Gesellschaft nöthigen würde, auf seine ganze

Rede zu achten, wenn sein Vortrag aus blossen Gehörzeichen bestehen

würde.

Noch mehr. Man verwandle die vorausgesetzte Gesellschaft in eine solche,

wo jeder reden will -- jeder wird wünschen, dass er die

Hieroglyphensprache, in welcher Zeichen fürs Gesicht mit Gehörzeichen

abwechseln, in eine blosse Gehörsprache umschaffen könnte, um mehr

Eingang und Aufmerksamkeit zu finden. Durch eine solche Auskunft würde

auch derjenige, der sich in dem zuerst angeführten Falle befand, in den

Stand gesetzt werden, dem anderen auch in der Entfernung, oder in der

Dunkelheit seine Gedanken anzuzeigen.

Durch diese Mängel der Ursprache, dass sie die Aufmerksamkeit nicht

erregt, sondern sie schon voraussetzt, dass sie nur in der Nähe und am

Tage anwendbar ist, entstand nothwendig ^die Aufgabe, dieselbe in eine

blosse Gehörsprache zu verwandeln^.

Wie soll nun aber diese Aufgabe gelöst werden? Wie soll der Mensch

Gegenstände, die sich durch den Ton nicht charakterisiren, durch Töne

bezeichnen? Der Hirt wird sein Vieh, und die Feinde desselben, den

Löwen, den Tiger, den Wolf, durch die Nachahmung ihrer Stimmen

bezeichnen. Aber wie soll er einen Fisch, Vegetabilien und andere

Gegenstände, welche uns die Natur nicht durch Töne ankündigt, fürs Gehör

bezeichnen?

Dazu kommt noch, dass, so wie sich allmählig die Bedürfnisse der

Menschen vermehren, auch immer mehr Dinge in Gebrauch kommen, z. B.

Zelte, Netze und andere Werkzeuge, die, ihrer Natur nach, keinen Ton von

sich geben. Und doch soll auch für diese ein bezeichnender Laut gefunden

werden.

Man beruft sich gewöhnlich, um die Erfindung solcher Bezeichnungen zu

erklären, auf Verabredung: man nimmt an, die Menschen, in einer Lage,

die ihnen eine Gehörsprache nothwendig machte, wären übereingekommen,

diesen Gegenstand ^Fisch^, jenen ^Netz^ zu nennen u. s. w. Allein dies

ist grundlos. Denn erstlich: wie sollte man auch nur auf den Einfall

gekommen seyn, Gegenstände durch willkürliche Töne bezeichnen zu wollen,

nachdem man sie bisher immerfort durch natürliche Zeichen ausgedrückt

hatte? Dann: wie kam es, dass derjenige, welcher die Töne vorschlug, sie

selbst nicht wieder vergass, oder noch mehr -- dass sie von der ganzen

Horde behalten wurden? Endlich: wie wäre es denkbar, dass eine Menge

ungebundener Menschen sich dem Ansehen eines Einzigen unbedingt

unterworfen -- dass sie einen Vorschlag, der sich auf nichts, als die

Willkür dieses Einzigen gründete, so willig angenommen hätten?

Noch ist bei der ganzen Deduction der Sprache, und insbesondere bei der

gegenwärtigen Untersuchung, wohl zu merken, dass die verschiedenen

Momente der Erfindung und Modification einer Sprache nicht so schnell

auf einander gefolgt sind, als sie hier erzählt werden. Wer weiss, wie

viel tausend Jahre verflossen sind, ehe die Ursprache Sprache fürs Gehör

wurde?

Ferner ist es durch die Erfahrung bestätigt, dass die Sprachen sich

immer ändern, immer neue Modificationen annehmen; dass aber diese

Veränderlichkeit nach Maassgabe der Cultur, welche eine bestimmte

Sprache hat, sich stärker oder schwächer äussert. Vorzüglich zeigt sich

durch Erfahrung, dass die Sprache sich am meisten bei einem Volk ändert,

das noch nicht schreibt, sondern bloss spricht; weil der ursprüngliche

Ton eines Zeichens, wenn er einmal verloren gegangen ist, nirgends

wieder aufgefunden werden kann. Wo aber geschrieben wird, da wird der

Ton festgehalten, und es lässt sich immer wieder bestimmen, wie ein Wort

ausgesprochen werden muss. Durch Erfindung der Buchstaben wurde also die

Sprache sehr befestigt.

Eine lebende Sprache verändert sich demnach immer im umgekehrten

Verhältniss mit ihrer Cultur: je mehr Ausbildung sie erhalten hat, desto

weniger rückt sie vorwärts, je uncultivirter sie noch ist, desto mehr

modificirt sie sich; und sie verändert sich am stärksten, wenn ihre

Laute noch nicht durch Schriftzeichen festgehalten werden. Diese

Bemerkung brauchen wir, um uns zu erklären, wie die Ursprache sich in

Gehörsprache verwandelt hat.

Nach diesen Vorerinnerungen kommen wir zur Beantwortung der Frage

selbst: wie liess sich ^Hieroglyphensprache^ in ^Gehörsprache^

umschaffen?

In der Ursprache mussten bald die Zeichen fürs Gehör, welche Nachahmung

natürlicher Töne waren, z. B. die Bezeichnung des Löwen, des Tigers u.

s. w., die durch das ihnen eigenthümliche Gebrüll ausgedrückt wurden,

merkliche Veränderungen leiden. Bei einem Volke, das -- wie von den

Stämmen der Wilden bekannt ist -- die Zusammenkünfte liebt, in

Gesellschaft arbeitet und schmaust u. s. w., wird es leicht dahin

kommen, dass Ein Mensch durch die Ueberlegenheit seines Geistes einen

Vorzug vor den übrigen behauptet, und, ohne durch Stimmen dazu erwählt

zu werden, den Heerführer im Kriege, und in ihren Versammlungen den

Sprecher vorstellt. Ein solcher Mensch, auf dessen Reden man vorzüglich

achtet, wird sich durch Gewohnheit eine Geläufigkeit im Sprechen

erwerben, und durch diese Geläufigkeit bald dahin kommen, dass er die

Dinge nur flüchtig bezeichnet, sich es nicht übel nimmt, den oder jenen

Ton im Reden zu überspringen. Man wird sich an diese Abweichung bald

gewöhnen, und diese flüchtigere Bezeichnung leicht verstehen lernen.

Allmählig wird er sich von der eigentlichen Nachahmung der natürlichen

Töne immer mehr entfernen, seine Bezeichnung wird nach und nach

flüchtiger, kürzer und leichter werden; so dass sich -- vielleicht nach

einem Zeitraum von einigen Jahrzehnden schon -- zwischen seiner

Bezeichnung eines Gegenstandes und dem natürlichen Ton, durch welchen

sich dieser dem Gehör ankündigt, kaum noch eine Aehnlichkeit wird

entdecken lassen. Die Anderen, die sich bemühen, diese leichteren

Gehörzeichen verstehen zu lernen, werden es bald bequemer finden, diese

Art zu sprechen, die sich durch ihre grössere Leichtigkeit empfiehlt,

auch nachzuahmen.

Je weiter nun die Menschen in dieser von der Natur sich entfernenden

Bezeichnungsart fortgingen, desto lebhafter musste sich ihnen, selbst

bei der flüchtigsten Aufmerksamkeit auf sich selbst und ihre Art, sich

auszudrücken, die Bemerkung aufdringen, dass, da man Dinge fürs Gehör

auf eine andere Art, als sie von Natur tönen, ausdrücken könne, man

vielleicht auch Dinge, die an sich tonlos sind, durch einen Ton

bezeichnen könnte. -- Welchen Weg musste man nun einschlagen, um diesen

Gedanken zu realisiren?

Wenn auch gewisse Dinge sich nicht ausdrücklich unserem Ohr ankündigen,

so kömmt ihnen doch zufälligerweise, unter besonderen Umständen, ein Ton

zu. Z. B. der ^Reif^ hat an sich keinen Ton, wenn man aber über

denselben weggeht, so entsteht ein gewisses charakteristisches Rauschen,

von welchem er leicht benannt werden konnte: der ^Wald^ tönt an sich

nicht, wohl aber, wenn man durchs Gesträuche geht, u. s. w. Oft konnte

auch ein Zufall, welcher sich ereignete, als gerade ein Mensch mit der

Betrachtung eines Gegenstandes sich beschäftigte, die Erfindung eines

Tons für denselben veranlassen. Z. B. jemand sah eine Blume, indem flog

eine Biene, welche Honig aus derselben gesaugt hatte, sumsend davon; er

sah beides noch nie, in seiner Phantasie vereinigte sich jetzt das

Sumsen mit dem Gedanken an die Blume, und diese Verbindung leitete ihn

sehr natürlich darauf, für die Blume und Biene eine Bezeichnung zu

finden.

Auf diese Weise kam man darauf, Dinge nach gewissen, zufällig mit ihnen

verbundenen, oder auf sie bezogenen Tönen zu benennen. Man denke sich

nun den Trieb, eine Zeichensprache in Gehörsprache umzuschaffen, selbst

dann noch in fortdauernder Wirksamkeit, als schon die bekanntesten

Gegenstände -- diejenigen, die im Kreise der täglichen Beschäftigungen

des Menschen lagen, für das Ohr bezeichnet waren: so ist es sehr

begreiflich, wie man endlich darauf geleitet wurde, auch Töne zu

Bezeichnung eines Gegenstandes festzusetzen, zu welchen auch nicht

einmal ein zufälliger Laut Veranlassung gab. Um die Bedeutung eines

solchen Tones zu erklären, musste der Erfinder ihn durch andere schon

bekannte Töne erläutern, durch deren Zusammensetzung er selbst neue

Worte bilden konnte. So war es ihm leicht möglich, durch

Zusammenstellung mehrerer Töne, deren Gegenstände mit dem zu

bezeichnenden Objecte in gewisser Beziehung standen, seine Sprache mit

neuen Bezeichnungen zu ^bereichern^.

Aber wer war es denn, der für die Erfindung und Ausbildung einer

Gehörsprache zu sorgen hatte? und wie konnte eine solche willkürliche

Bezeichnung, die von einem Individuum aufgestellt wurde und wozu in dem

Gegenstande entweder gar keine oder nur eine zufällige Veranlassung war,

als ein allgemeinverständlicher Ausdruck in Umlauf gebracht werden? Der

Natur der Sache nach musste dieses Geschäft vorzüglich dem Hausvater und

der Hausmutter einer Familie angehören, die bei ihren häuslichen

Geschäften oft Gelegenheit hatten, mancherlei neue Töne zu erfinden,

womit sie ihren Hausgenossen die Bearbeitung eines Gegenstandes in einem

Ausdrucke auftragen konnten, den sie anfänglich durch Vorzeigung des

Gegenstandes erklärten. Durch den häufigen Gebrauch wurden diese

Ausdrücke dem Vater und der Mutter selbst geläufiger.

Allein, wenn auch der Hausvater sich durch die von ihm erfundenen

Bezeichnungen seiner Familie verständlich machte; wenn ihm auch z. B.

sein Sohn, wenn er eine ^Rose^ verlangt hatte, die Blume brachte, welche

er mit diesem Ausdruck meinte: wie sollte dies Wort in der ganzen Horde

gemeinbekannt werden? Warum sollte doch der zweite und dritte Nachbar

nicht die Freiheit gehabt haben, die ^Rose^ anders zu benennen? Mithin

liesse sich aus dem Vorgetragenen nur erklären, wie die ^Sprache der

Familie^ gebildet und erweitert wurde; nicht aber, wie die Sprache der

ganzen Horde sich entwickeln konnte. -- Dieser Einwurf lässt sich auf

folgende Art auflösen.

Es wird unter uncultivirten Völkern immer wenige geben, welche Kopf und

Lust genug besitzen, sich mit Ausbildung der Sprache vorzüglich zu

beschäftigen. Daher werden diejenigen, welche Fähigkeit und Neigung zu

diesem mühsamen Geschäfte zeigen, schon dadurch bald über die Horde

grossen Einfluss gewinnen. Wenn nun dieselbigen Menschen ausser diesem

Verdienste auch noch andere Talente besitzen, die sie zur Besorgung der

öffentlichen Angelegenheiten ihres Volkes geschickt machen (und dies

lässt sich um so leichter annehmen, da die Menschen, wie wir sie hier

uns denken, noch nicht durch äussere Verhältnisse zu einer einseitigen

Bildung verleitet, leicht von mehreren Seiten zugleich sich auszeichnen

konnten): so werden sie bald an der Spitze der Horde stehen, und in

ihren Rathsversammlungen das Wort führen. Diese werden nun die

Bezeichnungen, die sie für die Bedürfnisse ihrer Familie erfunden

hatten, in die Volksversammlung bringen; man wird sie annehmen und

fortbrauchen. Auf diese Art wird sich die Erfindung eines Hausvaters

bald durch die ganze Horde verbreiten.

Aber wie sollte man diese Ausdrücke immer verstehen und behalten? -- Man

muss sich nur nicht vorstellen, dass dies alles auf einmal und plötzlich

geschehen sey. Der Sprecher brachte nicht etwa ganze Reihen neuer Töne

vor, die er auf einmal zu behalten ausdrücklich aufgab; sondern die

Ausdrücke kamen im Fluss der Rede einzeln vor, und waren, wenn auch

nicht an sich, doch durch den Zusammenhang mit anderen bekannten Worten

verständlich. Aller Augen und Ohren sind auf den Redner gerichtet; man

merkt genau auf ihn, prägt sich das Gehörte sorgfältig ein, und

gebraucht die gelernten Zeichen nachher auch in seiner Familie.

Bisher waren wir beschäftigt, zu zeigen, wie ^einzelne Gegenstände^ fürs

Gehör bezeichnet wurden. Mit mehreren Schwierigkeiten wird die uns nun

bevorstehende Untersuchung über Bezeichnung ^allgemeiner Begriffe^

verbunden seyn. Es giebt in der Wirklichkeit keinen Gegenstand, der,

ausser dem Merkmale seines Geschlechts, nicht auch das Merkmal einer

besonderen Gattung dieses Geschlechts an sich trüge. Es giebt zum

Beispiel keinen Gegenstand, von welchem sich weiter nichts sagen liesse,

als dass er ein ^Baum^, und nicht zugleich, dass er etwa eine ^Birke^,

^Eiche^, ^Linde^ u. s. w. sey. Wie kam man demnach darauf, ^allgemeine

Begriffe^, z. B. den des Baumes, auszudrücken?

Zu Bezeichnungen der ^Gattungsbegriffe^ gelangte man sehr leicht. Ein

Hausvater zeigte einem seiner Kinder eine Blume, die er ^Rose^ nannte.

Bald darauf schickt er es, ihm die Rose zu holen. Das Kind hatte mit

diesem Tone gewiss den Begriff jener bestimmten individuellen Blume

verbunden, welche ihm der Vater gezeigt hatte. Es findet aber die

bestimmte Blume nicht mehr, doch erblickt es daneben eine Blume von

gleicher Gestalt, welche dem Kinde nun auch Rose heisst. Es reisst sie

ab und bringt sie dem Vater, der die Blume als Rose anerkennt. So kommen

beide überein, dass der Schall Rose nicht bloss jenen einzelnen

Gegenstand auf jener bestimmten Stelle, sondern überhaupt alle Blumen

von derselben Gestalt, derselben Farbe, demselben Geruche bedeute. -- So

war vielleicht in der gleichen Zeitreihe mit dem ersten Versuche einer

Gehörsprache die Bezeichnung der Gattungsbegriffe möglich. -- Richtig

ist überhaupt, dass die Gattungsbegriffe sich eher entwickelten, als die

des Geschlechts, weil, um sich die letzteren zu denken, ein höherer Grad

von Abstraction erfordert wird. Folglich mussten auch wohl die

Bezeichnungen für jene früher entstanden seyn, als die Bezeichnungen für

die letzteren. Auch ist kein so dringendes Bedürfniss da, den

^Geschlechtsbegriff^ -- z. B. den des ^Baums^ zu bezeichnen, als etwa

die ^Gattungsbegriffe Birke, Eiche^ u. s. w.

Diejenigen Namen von ^Gattungsbegriffen^, denen das Zeichen des

Geschlechtsbegriffs, zu welchem sie gehören, nicht angehängt ist,

sind gewiss früher erfunden worden, als die Namen ihrer

^Geschlechtsbegriffe^; hingegen, wo man den Ausdrucke eines

Gattungsbegriffs die Bezeichnung seines Geschlechts beigefügt findet, da

ist der erstere gewiss später erfunden worden. So sagt man nicht

Birken^baum^, Fichten^baum^, weil die Namen dieser Gattungen von Bäumen

früher waren, als die Bezeichnung des Geschlechts. Hingegen sagt man

Birn^baum^, Apfel^baum^, Nuss^baum^ u. s. w., weil hier der

Gattungsbegriff später zu unserer Kenntniss kam, als der seines

Geschlechts. Denn es ist bekannt, dass diese Gattungen von Bäumen in

Deutschland nicht einheimisch, sondern erst zu uns gebracht worden sind,

da schon die wilden Baumarten, und das Geschlecht selbst bezeichnet war.

Man nannte demnach die nun eingeführten fremden Bäume, ehe man einen

bestimmten Namen für sie wusste, mit dem Geschlechtsworte: ^Bäume^. Die

Frucht hatte indess schon vorher einen Namen, den man vielleicht durch

die Kaufleute erfahren hatte, und so entstand denn der Ausdruck:

Apfelbaum, Birnbaum u. s. w.

Sehr abstracte Begriffe wurden erst ganz spät benannt, und die Zeichen

derselben sind öfters vorher Zeichen der Gattung gewesen. -- Einer der

allerabstractesten Begriffe ist der eines ^Dinges^; durch welches Wort

ein ^Seyendes überhaupt^ bezeichnet wird. Im Deutschen ist die Ableitung

dieses Wortes weniger verwickelt, als im Lateinischen, da das Wort ^Ens^

in dieser Sprache nicht das Existiren, sondern den reinen Begriff des

Seyns ausdrückt. Im Deutschen hiess wohl anfänglich alles, was als

Werkzeug zu etwas gebraucht wird, ein ^Ding^. Dies sieht man bei Kindern

und ungebildeten Menschen, die anstatt des eigentlichen Ausdrucks (wenn

sie etwas entweder noch nicht kennen, oder sich dessen nicht sogleich

entsinnen können) z. B. für ^Feder^ sagen: ein ^Ding^, womit man

schreibt. -- Diese Bedeutung des Wortes ^Ding^ bestätigt sich dadurch,

dass es sehr nahe mit ^Düng^ und ^Dung^ zusammenhängt, und auch sonst

oft damit verwechselt wurde. Z. B. bei Luther kommt das Wort Ding häufig

als Endung eines Wortes vor; als, statt ^Deutung^ -- ^Deutding^ u. s.

w., und wenn man in den älteren Denkmälern unserer Sprache nachforschen

wollte, so würde man es noch öfter in dieser Gestalt finden. Nach und

nach schob man nun diesem Worte einen höheren Sinn unter, und so wurde

endlich aus der Bezeichnung eines Gattungsbegriffs, aus dem Ausdrucke

für ein Etwas, das zum Behuf eines anderen da ist, die Bezeichnung eines

der allgemeinsten Begriffe, die Bezeichnung eines ^Etwas überhaupt^.

Noch mehr Schwierigkeit findet sich bei der Erklärung des Wortes ^seyn^.

^Seyn^ drückt den höchsten Charakter der Vernunft aus, und der Mensch

muss sehr ausgebildet seyn, um sich zu der reinen Vorstellung desselben

erheben zu können. Da wir indess die Worte: ^seyn^, ich ^bin^, du ^bist^

u. s. w. auch in den Sprachen uncultivirter Völker antreffen, so kann es

wohl jene hohe, nur der schärfsten Abstraction zugängliche Idee nicht

seyn, was ursprünglich durch diese Zeichen ausgedrückt wurde. Sie

bezeichnen in jenen früheren Perioden einer Sprache -- was sie auch uns

in den meisten Fällen, wo wir uns ihrer bedienen, bedeuten -- das

^Dauernde^ im Gegensatz des ^Wandelbaren^, oder den ^sinnlichen Begriff

der Substanz^. Es versteht sich, dass ich dieses Wort hier in dem Sinne

nehme, in welchem man es vor der Wissenschaftslehre genommen hat, und

nehmen musste. Ich erkläre den Begriff der ^Substanz^ transscendental

nicht durch das ^Dauernde^, sondern durch ^synthetische Vereinigung

aller Accidenzen^. Die Dauer ist nur ein sinnliches Merkmal der

Substanz, welches man aus dem Zeitbegriff hineinträgt. Offenbar ist

nicht das Dauernde, sondern nur das Wandelbare Gegenstand unserer

Wahrnehmungen. Denn da jede äussere Vorstellung nur durch ein

Afficirtwerden entsteht, welches nur dadurch möglich ist, dass ein

Eindruck auf unser Gefühl geschieht, folglich eine Veränderung in uns

veranlasst wird: so ist klar, dass jeder Gegenstand, dessen wir uns

bewusst werden sollen, sich uns durch und in einer Veränderung

ankündigen müsse. Etwas Bleibendes ist demnach nicht wahrnehmbar; aber

wir müssen alle Verwandlung auf etwas Bleibendes beziehen -- auf ein

dauerndes Substrat, welches aber nur ein Product der Einbildungskraft

ist. Auf dieses Substrat wird nun das Wort ^seyn^ oder ^ist^ angewendet.

Keine Handlung unseres Geistes wäre ohne ein solches Substrat, und ohne

eine Bezeichnung für dasselbe keine Sprache möglich. Daher kömmt das

Wort ^seyn^ in einer Sprache vor, sobald sie nur anfängt, sich zu

entwickeln. Aber es kömmt unter keiner anderen Bedeutung vor, als dass

es das ^Dauernde^, welches allem Wechsel zum Grunde liegt, anzeigt.

Eine andere noch schwierigere Untersuchung, welche wir anzustellen

haben, betrifft die Erfindung von Zeichen für ^geistige Begriffe^. Zuvor

muss der Begriff dagewesen seyn, ehe man eine Bezeichnung für ihn suchen

konnte. Wir wollen also zuerst versuchen, den Weg, auf welchem jene

Ideen sich entwickelten, ausfindig zu machen.

So lange der Mensch, durch Nothdurft getrieben, nur um Befriedigung

sinnlicher Bedürfnisse bekümmert ist, wird er zum Nachdenken, und

insbesondere zur Entwickelung geistiger Begriffe keine Zeit haben.

Sobald aber die Sinnlichkeit bis zu einem gewissen Grade ausgebildet

ist, und der Mensch sich eine Geschicklichkeit erworben hat, sich seine

Bedürfnisse leicht zu verschaffen, wird er auch durch den der Seele

einwohnenden Trieb des Fortschreitens angeleitet werden, geistigen Ideen

nachzuforschen. Er wird gewohnt, eine sinnliche Erscheinung sich aus

einer anderen, und diese wieder aus einer dritten zu erklären. Wenn ihm

nun bei diesem Erklärungsgeschäft eine und dieselbe Erscheinung sehr oft

vorkommt, so wird er diese, als die letzte Ursache aller übrigen,

annehmen. Hier wird seine Forschung vielleicht eine Zeitlang befriedigt

stillestehen; aber bald wird er auch von der Erscheinung, welche ihm bis

jetzt letzte Ursache war, wieder den Grund aufsuchen, und so zuletzt aus

dem Sinnlichen zum Uebersinnlichen übergehen müssen. -- So ist nach und

nach das Urtheil entstanden: es ^ist^ eine Welt, mithin ^auch^ ein

Gott.[35]

[Fußnote 35: Dieses Urtheil ist durch die kritische Philosophie

angefochten worden, als eine Täuschung. -- Aus dem Gesichtspuncte des

philosophischen Räsonnements können wir nicht sagen: es ^ist^ eine Welt.

Das, was ausser mir ist, kann ich bloss fühlen, und in dieser Rücksicht

nur ^glauben^. Dass Dinge ausser mir sind, ist also blosser

Glaubensartikel; und wie will man aus etwas, das bloss geglaubt werden

kann, etwas Erweisbares, einen demonstrativen Vernunftsatz machen? --

Dieser Einwurf geht aber nur gegen den Philosophen, der -- anstatt, wie

er sollte, das Theoretische von dem Praktischen, das, was innerhalb der

Grenzen des Gefühls geglaubt wird, von dem was über diese Grenzen

hinaus, im Gebiete des Verstandes erkannt wird, scharf zu unterscheiden

-- etwas bloss zu ^Glaubendes^ für etwas ^Erkennbares^ annimmt, und auf

dieses vermeintlich Erkennbare einen Beweis gründen will, der ^seinem

Gehalte nach^ für den Verstand gültig seyn soll. Dass Dinge ausser uns

sind, ^erkennen^ wir nicht; das Daseyn dieser Dinge wird uns nur ^durchs

Gefühl^ und im Gefühl gegeben, und ist also bloss Gegenstand des

^Glaubens^. Nun ist es wohl ein einleuchtender Widerspruch, aus einem

solchen ^Glauben^ die Existenz irgend eines Uebersinnlichen ^erweisen^,

aus etwas Geglaubtem auf ein Uebersinnliches einen Schluss machen zu

wollen, der für den Verstand, und nicht bloss für das Gefühl

überzeugende Kraft hätte. Ein solcher Schluss würde die Forderung

enthalten: entweder, dass der ^Verstand^, der, inwiefern er Verstand

ist, nur erkennen, und nur durch Erkanntes überzeugt werden kann,

^glauben^; oder, dass das ^Gefühl^, welches, als Gefühl, uns nur etwas

zum glauben geben kann, ^erkennen^ soll. -- Also aus dem bloss gefühlten

Daseyn der Dinge ausser uns können wir nicht erweisen, dass ein Gott

^sey^.

Aber aus einem Gefühle lässt sich leicht ein anderes entwickeln: wir

können von einem Gefühle auf die Annehmbarkeit eines anderen, mithin von

dem Glauben an die Dinge ausser uns, auf die Glaubwürdigkeit des Daseyns

eines höchsten übersinnlichen Wesens schliessen. Diesen Schluss macht

der ^gemeine Menschenverstand^; und, da es ihm nicht obliegt, Gefühl und

Erkenntniss streng zu unterscheiden, er auch gar nicht vorgiebt, sie

unterschieden zu haben: so wäre es ein blosser Misverstand, wenn man

gegen das Urtheil des gemeinen Verstandes, »dass ein Gott ^sey^,« jenen

Einwurf der Kritik geltend machen wollte.]

Hat sich aber der gemeine Verstand einmal zu der Idee einer

übersinnlichen Ursache der Welt erhoben, so entdeckt er von diesem hohen

Gesichtspuncte aus bald auch die übrigen geistigen Ideen: der ^Seele^,

^Unsterblichkeit^, u. s. w.

So wie sich nun bei einem Menschen diese Ideen mehr und mehr aufklärten,

regte sich auch in ihm der Trieb, andere mit dem, was er erforscht

hatte, bekannt zu machen; denn nie ist der Trieb, sich mitzutheilen,

lebhafter, als bei neuen und erhabenen Gedanken. Es mussten also auch

Zeichen für jene Vorstellungen aufgefunden werden. Diese Zeichen finden

sich bei übersinnlichen Ideen aus einem in der Seele des Menschen

liegenden Grunde sehr leicht. Es giebt nemlich in uns eine Vereinigung

sinnlicher und geistiger Vorstellungen durch die Schemata, welche von

der Einbildungskraft hervorgebracht werden. Von diesen Schematen wurden

Bezeichnungen für geistige Begriffe entlehnt. Nemlich das Zeichen, das

der sinnliche Gegenstand, von welchem das Schema hergenommen wurde, in

der Sprache schon hatte, wurde auf den übersinnlichen Begriff selbst

übergetragen. Diesem Zeichen lag nun freilich eine Täuschung zum Grunde,

aber durch dieselbe Täuschung wurde es auch verstanden, weil bei dem

anderen, welchem der geistige Begriff mitgetheilt wurde, an dem gleichen

Schema auch der gleiche Gedanke hing. -- So muss, um ein recht

auffallendes Beispiel zu geben, die Seele, das Ich, als unkörperlich

gedacht werden, insofern es der Körperwelt entgegengesetzt ist. Wenn es

aber vorgestellt werden soll, so muss es ausser uns gesetzt, folglich

unter die Gesetze, nach welchen Gegenstände ausser uns vorgestellt

werden, unter die Formen der Sinnlichkeit gebracht, und mithin im Raume

vorgestellt werden. Hier ist ein offenbarer Widerstreit des Ich mit sich

selbst: die Vernunft will, dass das Ich als unkörperlich vorgestellt

werde, und die Einbildungskraft will, dass es nur als den Raum

erfüllend, als körperlich erscheine. Diesen Widerspruch sucht der

menschliche Geist dadurch zu heben, dass er etwas, als Substrat des Ich,

annimmt, das er allem, was er als grobkörperlich kennt, entgegensetzt.

Also wird der Mensch, wenn er noch gewohnt ist, Materialien zu seinen

Vorstellungen vorzüglich durch den Sinn des Gesichts zu erhalten, zu

einer Vorstellung des Ich einen solchen Stoff wählen, der nicht in die

Augen fällt, den er aber sonst wohl spürt, z. B. die ^Luft^, und wird

die Seele ^Spiritus^ nennen.

Diese Art der Bezeichnung verfeinert sich nach Maassgabe der

Verfeinerung der Begriffe. Eine Philosophie, die alles aus Wasser

entstehen lässt, und folglich Wasser für das erste und feinste Element

hält, würde die Seele durch ^Wasser^ bezeichnen. Bei zunehmender

Verfeinerung der Begriffe wird sie durch Luft, ^anima^, ^spiritus^,

ausgedrückt; und bei noch höherer Cultur, wenn man schon von Aether

hört, wird man sie durch ^Aether^ bezeichnen. -- Auf diese Art werden

für geistige Begriffe Bezeichnungen gefunden.

Die Uebertragung sinnlicher Zeichen auf übersinnliche Begriffe ist

indess Ursache einer Täuschung. Der Mensch wird nemlich durch diese

Bezeichnungsart leicht veranlasst, den geistigen Begriff, welcher auf

eine solche Weise ausgedrückt worden ist, mit dem sinnlichen

Gegenstande, von welchem das Zeichen entlehnt wird, zu verwechseln. Der

Geist wurde z. B. durch ein Wort bezeichnet, welches den ^Schatten^

ausdrückt: sogleich denkt sich der ungebildete Mensch den Geist als

etwas, das aus Schatten bestehe. Daher der Glaube an Gespenster, und

vielleicht die ganze Mythologie von ^Schatten im Orcus^.

Die Täuschung war aber unvermeidlich; man konnte jene Begriffe nicht

anders bezeichnen. Wer demnach seine Denkkraft noch nicht genug geübt

hatte, um dem gebildeten Geiste des Forschers, der zuerst jene geistigen

Ideen in sich entwickelte, in seinen schärferen Abstractionen folgen zu

können, der konnte auch unmöglich den Sinn fassen, in welchem jener die

bildlichen Ausdrücke verstand. Ein solcher glaubte also, es wäre bloss

von den sinnlichen Gegenständen, von welchen die vorgetragenen Zeichen

entlehnt waren, die Rede, und dachte sich also die geistigen Gegenstände

sehr materiell. -- Daher entsteht auch nicht aller Aberglaube durch

Betrügerei, sondern dadurch, dass geistige Ideen nicht anders, als durch

sinnliche Worte ausgedrückt werden konnten, und dass derjenige, der sich

nicht bis zum Bezeichneten erheben konnte, bei dem ersten rohen Zeichen

stehen blieb.

Bisher beschäftigte sich unsere Untersuchung bloss mit der Frage: wie

kamen die Menschen darauf, einzelne Gegenstände durch in die Sinne

fallende Zeichen auszudrücken? Wir haben also bloss die Entstehung der

^Worte^ untersucht. Aber Worte allein machen noch keine Sprache aus.

Sprache besteht aus der Zusammenfügung mehrerer Worte zur Bezeichnung

eines bestimmten Sinnes. Auch erhalten die einzelnen Worte erst durch

diese Zusammenfügung, durch den Ort, welchen sie in der Verbindung mit

mehreren anderen einnehmen, völlige Verständlichkeit und Brauchbarkeit

zur Bezeichnung unserer Gedanken. Wenn ich zu jemand sage: ^Rose^ -- so

wird bei ihm nichts, als die blosse Vorstellung der Rose hervorgebracht

werden. Wenn ich ihm aber sage: ^bringe mir die Rose^; so weiss er

bestimmt, was ich gedacht habe, und was ich will, dass er thun soll. --

Zu einer vollständigen Erklärung des Ursprungs der Sprache ist daher

auch erforderlich, die Entstehung jener Zusammenfügung mehrerer Worte,

d. h. der ^Grammatik^ zu zeigen.

So irrig es ist, zu glauben, dass die willkürlichen Bezeichnungen der

Gegenstände durch eine besondere Uebereinkunft der miteinander

vereinigten Menschen gebildet worden seyen, so irrig ist es auch,

anzunehmen, dass Grammatik durch Verabredung entstanden sey. Eine

Verabredung zu einem solchen Zweck setzt einen Grad von Geistesbildung,

und insbesondere von Philosophie der Sprache voraus, der bei den

Menschen auf der Stufe der Cultur, auf der wir sie hier uns denken

müssen, gar nicht stattfinden konnte. -- Vielmehr muss die Ableitung der

Grammatik ebenfalls von einem, in dem Wesen des Menschen liegenden

Grunde, von der natürlichen Anlage zum Sprechen ausgehen, und zeigen,

wie diese Anlage durch das Bedürfniss geweckt, und nach und nach auf die

Erfindung der verschiedenen Arten der Wortfügung geleitet wurde.

Die ersten Wörter waren gewiss ganze Sätze: sie fassten, vielleicht in

einer einzigen Sylbe, welche wiederholt werden konnte, ein Substantiv

und ein Zeitwort in sich. Z. B. die Nachahmung des Löwengebrülls deutete

der Horde an, es komme ein Löwe. -- Man hat behauptet: die ersten Worte

seyen ^Zeichen des Vergangenen^ gewesen. Dies lässt sich aber nicht wohl

annehmen: denn, wenn diese Worte das Geschehene hätten bezeichnen

sollen, so müssten vergangene und gegenwärtige Zeit schon genau von

einander abgesondert gewesen seyn, und zum Behuf dieser Unterscheidung

beide ein bestimmtes Zeichen gehabt haben. Die ersten Worte waren

vielmehr so unbestimmt als möglich; sie bezeichneten keine bestimmte

Zeit, sondern waren bloss ^aoristisch^: es wurde das Vergangene und

Gegenwärtige zugleich ausgedrückt. Z. B. ein Löwe will eine Horde

anfallen. Dies kündigt der, welcher es sieht, durch ein Geschrei an, und

drückt dadurch die ^vergangene^, ^gegenwärtige^ und ^zukünftige^ Zeit

zugleich aus; denn er zeigt dadurch an, dass er den Löwen gesehen habe,

dass er sie darauf aufmerksam machen, und ihnen die Folgen von dessen

Annäherung anzeigen wolle, damit sie sich zu gemeinschaftlicher

Vertheidigung rüsten können.

Also die ersten Worte fassten in sich ein Substantiv und ein Zeitwort:

das Tempus war der Aorist, die Person ganz gewiss die dritte; denn die

Ursprache fängt an mit dem Erzählen, und der Ton der Erzählung redet in

der dritten Person. -- Die ersten Zeitwörter waren weder Activa, noch

Passiva, sondern Neutra. Denn das Neutrum bezeichnet einen Zustand, der

durch sich selbst bestimmt ist, der folglich auch, seiner Einfachheit

wegen, am frühesten zum Bewusstseyn und zur Bezeichnung kommen musste.

Für alles das, was wir hier über die ursprüngliche Gestalt der

Zeitwörter sagen, können die Wurzelwörter der orientalischen Sprachen

zur Bestätigung dienen; diese sind Neutra, haben aoristische

Zeitbedeutung, und gehen von der dritten Person aus.

Jedes Ding wurde in der Ursprache durch seine höchste Eigenthümlichkeit

ausgedrückt. Diese höchste Eigenthümlichkeit eines Gegenstandes bestand

wohl in demjenigen, wodurch sich dieser Gegenstand dem Bewusstseyn der

rohen Naturmenschen am lebhaftesten ankündigte. Dieses Auffallende an

einem Dinge konnte nun schon an sich ein Ton seyn, und dann ahmte man

denselben nach, um den Gegenstand, dem er angehörte, zu bezeichnen. Wenn

es sich aber ursprünglich einem anderen Sinne, als dem Gehör entdeckte,

so suchte man auf die oben beschriebene Art einen Ton, welcher mit jener

ausgezeichneten Eigenschaft in Beziehung stand, um auf diese Art

wenigstens mittelbar den Gegenstand durch seine Eigenthümlichkeit zu

bezeichnen. Nun sollten aber noch andere Eigenschaften, die einem

Gegenstande zukommen, auf Veranlassung der Umstände, auch ausgedrückt,

als demselben zugehörig dargestellt werden. So wurde der ^Löwe^ durch

Nachahmung seines Gebrülls angedeutet. Jetzt sollte ihm aber noch ein

anderes Prädicat zugeschrieben werden, welches ihm zufällig zukam. In

diesem Falle musste der Ton, welcher den Löwen bezeichnete, verbunden

werden mit einem anderen, durch welchen die zweite Eigenschaft

bezeichnet werden sollte. Z. B. es sollte ausgedrückt werden: ^der Löwe

schläft^: hier musste das Zeichen des Löwen mit dem des Schlafs (etwa

mit dem Tone des Schnarchens) zusammengesetzt werden; und dies hiess

denn: »der Löwe, der sonst brüllet, schläft.« -- Bei dieser

Zusammensetzung konnte aber nicht so lange auf dem Tone des Löwen in der

Aussprache verweilt werden, als sonst geschah, da man, unserer

Voraussetzung zufolge, durch den Ton des Löwen den ganzen Satz: ^der

Löwe kömmt^, ausgedrückt hatte, wo freilich der Ton, welcher hier den

ganzen mitzutheilenden Gedanken bezeichnete, gedehnt und mit Nachdruck

ausgesprochen werden musste. Allein wenn dieses Zeichen mit einem

anderen, auf welchem der Hauptsinn des ganzen vorzutragenden Satzes

liegt, und welches also auch in der Aussprache durch einen längeren und

stärkeren Ton unterschieden werden musste, verbunden werden sollte, so

musste jenes erste Zeichen kürzer und leichter ausgedrückt werden, so

dass es mit dem folgenden gleichsam in Ein Wort zusammenfloss. Auf diese

Art entsteht aus einem Zeitworte ein Particip, das durch öfteren

Gebrauch, vielleicht auch durch Hinzukunft einiger äusserer Zeichen sich

leicht in ein Substantiv verwandeln kann. Es gehört also zum

ursprünglichen Charakter des Substantivs, dass ein solches Wort kürzer

und zusammenfliessend mit dem folgenden Worte vorgetragen wurde.

Daraus erhellt auch -- was man sonst ebenfalls aus einer besonderen

Verabredung erklären zu müssen glaubte -- wie man darauf kommen musste,

die Zeitwörter durch bestimmte Endsylben zu bezeichnen, und durch andere

Endungen, z. B. ^us^, ^os^ u. s. w., die Substantive zu charakterisiren.

Nach unserer Deduction musste ein Wort, welches als Substantiv gebraucht

werden sollte, den Satz eröffnen: und da das Wort, welches den Satz

schloss, durchgängig den stärksten Ton erhielt, weil es denjenigen

Begriff ausdrückte, auf dessen Mittheilung es hauptsächlich abgesehen

war; so musste, weil unsere Kehle bei mehreren zugleich vorzutragenden

Tönen nur Einen stärker aussprechen kann, nothwendig das Substantiv, als

das vorangehende Wort, leichter und mit dem folgenden zusammenfliessend

ausgedrückt werden; da hingegen das Zeitwort, welches, unserer Theorie

gemäss, immer das letzte Wort in einem Satze war, sich dadurch

auszeichnete, dass auf ihm der volle Ton ruhte.

Wir gehen jetzt zu einer anderen Untersuchung fort, bei welcher uns, wie

bei allen folgenden über die verschiedenen Arten der Wortfügung, die

Aufschlüsse leiten werden, welche das soeben gefundene Resultat uns über

die Entstehungsart fast aller Formen der Wortverbindung giebt. In dem

vorher angeführten Falle sollte ein Gegenstand durch zwei Bestimmungen

bezeichnet werden. Gesetzt nun aber, ein Gegenstand soll mit drei oder

mehreren Bestimmungen zugleich ausgedrückt werden, es soll z. B.

angedeutet werden: der schlafende Löwe ruht aus, so muss hier nach der

von uns aufgestellten Regel der ^Löwe^, als der Hauptbegriff im ganzen

Satze, zuerst bezeichnet werden: hierauf folgt die nähere Bestimmung des

Löwen, nemlich, dass er ^schläft^: und zuletzt kömmt eine besondere

Bestimmung dieses Schlafs -- das ^Ausruhen^. In dieser Verbindung muss

demnach das Zeichen des Schlafs, welches in der vorher angeführten

Zusammensetzung als das Hauptwort einen starken und gedehnten Ton hatte,

abgekürzt, und zusammenfliessend mit dem Zeichen des Ausruhens, das hier

den Hauptsinn des ganzen Satzes enthält, auf dem folglich in der

Aussprache am längsten verweilt werden muss, vorgetragen werden.

Man sieht ohne meine Erinnerung ein, dass in dieser Zusammensetzung die

Bezeichnung des ^Schlafs^, welche vorher ein ^Zeitwort^ war, auf

dieselbe Art, wie in dem vorher aufgestellten Satze die Bezeichnung des

Löwen, zu einem ^Particip^ geworden ist; woraus sich leicht, etwa durch

einige äussere Modificationen, ein Adjectiv bilden kann. -- So entstehen

^Participien^, ^Substantive^ und ^Adjective^. Aber man könnte fragen:

warum ist aus manchen Bezeichnungen ein ^Substantiv^, aus anderen ein

^Adjectiv^ entsprungen, da doch sowohl das eine, als das andere, sich

aus einem Zeitworte, und durch die Zusammensetzung desselben mit einem

anderen Zeitworte gebildet hat? -- Die Antwort darauf liegt sehr nahe.

Bei den ersten rohen Versuchen einer Wortfügung mochten nemlich Adjectiv

und Substantiv nicht so streng unterschieden seyn, als wir sie jetzt in

unseren Sprachen unterschieden finden: zumal, da die Verschiedenheit

beider Bezeichnungsarten nicht sowohl auf inneren Merkmalen, als auf dem

besonderen Gebrauche beruht, der von der einen und von der anderen

gemacht wird. ^Substantiv^ war der Natur der Sache nach dasjenige Wort,

welches den Hauptbegriff, oder das Subject eines Satzes bezeichnete:

^Adjectiv^ hingegen war jedes Wort, sobald es eine nähere Bestimmung des

Hauptbegriffes auszudrücken gebraucht wurde. Auf diese Art konnte

dasselbe Wort, wenn es in dem einen Satze das Subject der Rede, in dem

anderen nur ein Prädicat dieses Subjects ausdrückte, bald in

substantiver, bald in adjectiver Bedeutung vorkommen. -- Die

eigenthümliche Unterscheidung zwischen Substantiv und Adjectiv ist auch

wohl erst später hinzugekommen. Für uns sind sie nun, nachdem durch

gewisse äussere Merkzeichen der schwankende Unterschied zwischen beiden

fixirt ist, scharf von einander abgeschnitten; aber in der Ursprache

dürfen wir sie uns noch nicht ebenso von einander unterschieden denken.

Aus dieser Gleichartigkeit ergiebt es sich auch, warum sich Substantiv

und Adjectiv fast immer in den Endungen gleichen. Da beide durch

Abkürzung des Stammwortes und durch Verkettung desselben mit einem

anderen stärker und gedehnter auszudrückenden Worte entstehen, so folgt,

dass sowohl das eine, als das andere mit einem Tone enden muss, der sich

leicht dem folgenden Worte anschliessen lässt: da hingegen die

Zeitwörter einen rauhen, harten Ton haben mussten, weil sie den Satz

schliessen, und ihm den Nachdruck geben mussten. In cultivirten Sprachen

werden freilich die Zeitwörter diesen rauhen Ton mehr oder weniger

verlieren, weil sie dann ebenso oft in der Mitte, als am Ende eines

Satzes vorkommen. Denn der gebildete Mensch begnügt sich nicht mit

Sätzen, wie sie hier aufgestellt sind: mit der einfachen

Zusammenstellung eines Substantivs, Adjectivs und Zeitworts. Sowie sich

sein Geist mehr und mehr mit Vorstellungen bereichert, wird auch durch

die mancherlei Bestimmungen, die er den vorgetragenen Begriffen als

Erläuterungen beifügt, die Zusammensetzung verwickelter, der schlichte

Satz zur Periode erweitert, und die ursprüngliche Wortfügung folglich

verändert.

Durch diese Zusammenfügung mehrerer Worte bildete sich auch allmählig

ein eigenthümlicher Unterschied des Substantivs von dem Zeitwort, welche

ursprünglich ein gemeinschaftliches Stammwort ausmachten, das einen

Gegenstand und eine Handlung zugleich andeutete (wie nach dem oben

angeführten Beispiele der ursprüngliche Ton, der den ^Löwen^

bezeichnete, zugleich auch die ^Ankunft^ des Löwen ausdrückte). In der

Verbindung mit anderen Worten, wo es nicht mehr den ganzen Gedanken

ausdrücken sollte, musste ein solches Wort nicht mit dem vollen Ton,

sondern leicht und fliessend ausgesprochen werden, weil ein anderes

Zeichen folgte, auf welches der Nachdruck gelegt werden musste. Durch

einen solchen leichteren und kürzeren Ton konnte sich das Substantiv in

der Folge überhaupt recht wohl von dem Zeitworte, von welchem es

abstammte, unterscheiden, ohne dass im Ganzen die Aehnlichkeit verloren

ging, welche selbst noch in unseren Sprachen zwischen Substantiv und

Zeitwort, wenn sie aus derselben Quelle entsprungen sind, stattfindet.

Hier noch etwas über die Stellung der Worte, welche zusammengefügt

werden sollen. Wenn ausgedrückt werden soll: der Löwe schläft und ruht

aus; so wird zuerst der ursprüngliche Ton des ^Löwen^, hier in

^substantiver^ Bedeutung, d. h. nicht mit der ganzen Stärke des Tons als

Hauptwort, sondern kürzer abgebrochen mit dem folgenden Ton

zusammenfliessend, vorgetragen: zu diesem wird, als ein ^Adjectiv^, der

Ton des ^Schlafens^ hinzugefügt, und zuletzt kömmt das Zeitwort

^ausruhen^. Der ursprünglichen Wortfügung gemäss, gehört also dem

Substantiv der erste Platz. Wie kömmt es zu dieser Stelle? -- Der

Naturmensch hält sich im Vortrage seiner Gedanken genau an die Ordnung,

in welcher die Vorstellungen in der Seele auf einander folgen. Immer

kömmt aber im Denken das am wenigsten Bestimmte zuerst, und hierauf

folgen die näheren und noch näheren Bestimmungen. Folglich musste auch

in der Natursprache das für uns Unbestimmte, oder am wenigsten Bestimmte

zuerst gesetzt werden, und die näheren Bestimmungen erst nachfolgen. Nun

ist das ^Substantiv^ immer das Unbestimmteste: durch ein Adjectiv, das

hinzukömmt, wird es näher, und durch das Zeitwort endlich nach der

Absicht hinlänglich bestimmt.

Dieser Ordnung zufolge steht also in der Ursprache das Adjectiv immer

nach dem Substantiv. Aber wir finden, dass diese Ordnung nach Maassgabe

der Cultur der Sprachen sich ändert. Sobald eine Sprache nicht mehr

bloss Natursprache ist und sich der Sprache der Vernunftcultur nähert,

wird in ihr das Adjectiv bald vor bald nach gesetzt. Bei Homer z. B.

finden wir meistens das Adjectiv nach dem Substantiv. In der

lateinischen Sprache stehen die Adjective schon häufig voran. In der

deutschen Sprache aber kann das Adjectiv niemals nach dem Substantiv

gesetzt werden. Im Französischen setzt man auch das Adjectiv mehr vor

als nach; wenn aber mehrere Adjective mit dem Substantiv verbunden

werden sollen, so lässt man immer jene auf das letztere folgen, z. B.

^un homme vertueux et bienfaisant^; welche Verbindungsart, um des

Nachdrucks willen, der auf jedes der Adjective gelegt werden kann,

allerdings einen entschiedenen Vorzug vor der deutschen hat. -- Wie kann

es in einer Sprache dahin kommen, dass das Adjectiv, jener Ordnung des

Denkens gerade entgegen, zuerst gesetzt wird? -- In dem Fortschritt der

Cultur einer Sprache müssen die Wörter nicht mehr als einzelne gedacht

werden, sondern mehrere zusammen machen Einen Begriff aus und werden als

Ein Begriff gedacht. So wird auch das Substantiv nicht mehr als

einzelner Begriff gedacht, der nachher durch Adjective bestimmt werden

solle, sondern er wird mit diesen sogleich zusammen gedacht als Ein

Begriff, und jene können ihm also auch vorhergehen.

Eine andere Frage, die wir jetzt zu untersuchen haben, betrifft die

Entstehung des ^Activs^ und ^Passivs^. Die ersten Zeitwörter waren

^Neutra^. Aus dem ursprünglichen Neutrum lässt sich das ^Activ^ leicht

entwickeln. Das ^Neutrum^ bezeichnet, wie wir schon bemerkt haben, einen

^Zustand^, in welchem sich der Gegenstand der Rede befindet: bezieht man

nun diesen Zustand auf ein anderes Object, welches mit demselben in

Verbindung steht, so wird auch das Neutrum in ein ^Activ^ verwandelt. Z.

B. in dem Satze: ^der Löwe frisst^ -- drückt das Wort ^fressen^ einen

durch sich selbst völlig bestimmten Zustand des Löwen aus, und hat also

eine völlig neutrale Bedeutung. Sage ich aber: der ^Löwe frisst das

Schaaf^, so ist dieses Zeitwort ein ^Activ^: denn hier wird die durch

dasselbe dem Löwen zugeschriebene Handlung auf ihr Object bezogen.

Aus eben diesem Beispiele erhellt auch, dass das Wort für den

Gegenstand, welcher mit der Handlung des Subjects in Verbindung gesetzt

werden soll, schon als ^Substantiv^ gebraucht seyn, und ein festes

Merkzeichen seiner substantiven Bedeutung haben musste, wenn die

erwähnte Wortfügung, und folglich auch die Verwandlung des Neutrums in

ein Activ zu Stande kommen sollte. Der ^Löwe^, welcher hier Subject des

Satzes ist, wird durch den gewöhnlichen Laut, der eine Nachahmung seines

Brüllens ist, ausgedrückt. Dieser Löwe ^frisst^. Auch dies kann durch

den eigentlichen Ausdruck bezeichnet werden. Aber wie soll ich nun das

^Schaaf^ ausdrücken? Wenn ich dieses auch durch seinen eigentlichen Ton

andeuten will, so kann dieser Ton, welcher zugleich das Zeitwort des

^Blökens^ ausdrückt, für dieses Zeitwort genommen werden, und dann

bedeutete der ganze Satz: ^der fressende Löwe blökt^. Nun haben wir zwar

weiter oben gesehen, dass das Substantiv sich von dem Zeitworte, von

welchem es abgeleitet wurde, durch den leichteren Ton, in welchem es

vorgetragen wurde, unterschied. Allein dieses Merkmal ist hier nicht

anwendbar, da das Substantiv hier nicht den Satz anfängt, sondern

beschliesst, und folglich nach unserer Theorie einen gedehnten und

starken Ton erhalten muss. Diesem möglichen Misverständnisse ist also

nicht eher abzuhelfen, als bis für das Wort, durch welches das Schaaf in

substantiver Bedeutung bezeichnet werden soll, ein bleibendes

Unterscheidungszeichen gefunden worden ist. Dies konnte aber auf die

oben angegebene Art leicht geschehen, indem die Abkürzung, mit welcher

ein solches Wort, wo es ein Substantiv ausdrückte, ausgesprochen wurde,

bald in einen fixen eigenthümlichen Laut verwandelt werden musste; wobei

sehr leicht auch noch ein Mittelton eingeschoben werden konnte, um

dasselbe mit dem darauf folgenden Worte leichter zu verbinden. Solche

Modificationen des ursprünglichen Tons wurden durch wiederholten

Gebrauch so mit dem Worte verwebt, dass sie zuletzt einen Bestandtheil

desselben ausmachten, und zu Merkzeichen der substantiven Bedeutung

eines Wortes dienten. Ehe aber dergleichen Bestimmungen vorhanden waren,

war der ganze Satz nicht auszudrücken, und eher war kein ^Activ^,

sondern alle Zeitwörter blieben, was sie ursprünglich waren -- ^Neutra^.

Um die Entstehung des ^Passivs^ zu erklären, muss ein Bedürfniss

aufgezeigt werden, welches die Menschen zur Erfindung dieser

Sprachbestimmung leitete; denn, dass in der Ursprache irgend etwas ohne

Noth, bloss zur Verschönerung des Vortrags erfunden worden sey, lässt

sich nicht annehmen. Um diese möchte man sich wohl bei den ersten rohen

Versuchen einer Sprache nicht sehr bekümmert haben; da sagte man wohl

eher: ^man schmähet mich^, als -- ich werde geschmähet; der Löwe

zerreisst das Schaaf, als -- das Schaaf wird vom Löwen zerrissen.

Ein solches Bedürfniss des Passivs tritt ein, wenn eine Handlung

vorkömmt, welche, nach unseren Einsichten, einen Urheber hat, den wir

aber auf keine Weise entdecken können. Sie muss ^erstlich^ einen Urheber

haben; denn hat sie keinen, oder können wir keinen annehmen, so drücken

wir uns durch das ^Impersonale^ aus -- wir sagen: ^es donnert, regnet^,

u. s. w. ^Zweitens^ muss der Urheber unbekannt seyn, und gar nicht

errathen werden können; denn, gesetzt der Wolf hätte ein Schaaf geraubt,

so wird der noch ungebildete Naturmensch, auch selbst wenn er nicht

Augenzeuge von dem Vorgange gewesen ist, doch nicht sagen: ^das Schaaf

ist mir geraubt worden^; sondern: ^der Wolf hat das Schaaf weggenommen^;

weil er schon aus Erfahrung weiss, dass dieser Schaafe raubt. Das

Bedürfniss des Passivs trat also erst dann ein, wenn eine Handlung da

war, bei der man ebenso klar sah, dass sie einen Urheber haben musste,

als man sich bewusst war, dass man diesen Urheber nicht errathen könne.

Ursprünglich wurde daher auch wohl das Passiv durch ein Zeichen

ausgedrückt, wodurch der Redende andeutete, dass ein Urheber da sey und

dass er ihn nicht kenne. Man hängte vielleicht den Worten, welche die

That selbst ausdrückten, den Satz an: ^ich weiss nicht, wer es gethan

hat^. Wenn nun diese Worte bei gleicher Gelegenheit mehrmals gebraucht

wurden, so musste es bald dahin kommen, dass sie geschwinder

ausgesprochen wurden, mit dem Zeitworte, welches die Handlung

bezeichnete, enger zusammenflossen, und zuletzt einen Bestandtheil

desselben ausmachten. Ob ein solcher Zusatz ursprünglich dem Zeitworte

vorgesetzt, oder angehängt wurde, lässt sich nicht bestimmen. Im Ganzen

aber folgt so viel, dass ursprünglich das ^Passiv^ wohl durch einen

kleinen Zusatz zum Zeitwort ausgedrückt wurde, welcher eigentlich das

Zeichen der Unbekanntheit des Urhebers war.

Das ^Verbum medium^ bezeichnet eine Handlung, welche auf uns selbst

zurückgeht: es gründet sich auf höhere Abstraction, und kann daher in

einer Ursprache nicht wohl vorkommen.

Die Entstehung des ^Numerus^ lässt sich auf folgende Art erklären. --

Der ^Singular^ fand sich von selbst; er war der ursprüngliche Numerus;

die ersten Wörter wurden alle im Singular gebraucht. Nun sollte aber der

Horde eine Mehrheit angezeigt werden; es wollte z. B. einer sagen: es

kommen mehrere Löwen! wie sollte er das andeuten? Durch das natürliche

Bild einer Heerde: durch Dehnung und Wiederholung des Tons, und dadurch,

dass dieser Ton immer fortschallte. Um wie viel oder wenig man den Ton

dehnen, oder wie oft man ihn wiederholen sollte, um die mehrere Zahl

anzudeuten, war vermuthlich nicht bestimmt. Der ^Pluralis^ wurde demnach

durch Verlängerung des Wortes ausgedrückt.

Der ^Pluralis^ war aber anfangs nur nöthig bei ^Zeitwörtern^,

keinesweges bei Substantiven und Adjectiven; denn es verstand sich von

selbst, dass auch sie, wenn sie von einem Zeitworte im Plural begleitet

wurden, in der mehreren Zahl zu nehmen waren. Der Numerus der

Substantive und Adjective ist daher in der Ursprache nicht zu suchen: er

ist keinesweges eine durch Nothwendigkeit geforderte Sprachbestimmung,

sondern eine Erfindung, welche das Streben nach Bestimmtheit und Eleganz

im künstlichen Vortrage nöthig machte. Aber bei Zeitwörtern war der

Plural unentbehrlich.

Die ^verschiedenen Personen^ der ^Zeitwörter^ wurden ohne Zweifel in

folgender Ordnung gebildet. Diejenige ^Person^, welche zuerst in der

Sprache bezeichnet wurde, war gewiss die ^dritte^; denn urprünglich

wurde in keiner anderen, als in der dritten Person geredet. Man nannte

einen jeden bei seinem eigenthümlichen Namen: N. N. solle das thun! Die

folgende, welche zunächst der dritten ihre besondere Bezeichnung

erhielt, war die ^zweite Person^; weil man bei Verabredungen und

Verträgen bald das Bedürfniss fühlte, dem anderen zu sagen: das sollst

Du thun. Das ^Ich^, als die ^erste Person^, zeugt (besonders wo es an

der Endung des Zeitwortes selbst angehängt ist) von höherer

Vernunftcultur, und wurde also auch zuletzt bezeichnet. Bei Kindern

sehen wir, dass sie immer in der dritten Person von sich sprechen, und

sich, als das Subject, von welchem sie etwas sagen wollen, durch ihren

Namen ausdrücken, weil sie sich bis zum Begriff des Ich, bis zur

Absonderung des selben von allem ausser ihnen noch nicht erhoben haben.

^Ich^ drückt den höchsten Charakter der Vernunft aus.

Wie eine ^dritte^, ^zweite^, und ^erste Person^ im ^Plural^ gebildet

werden konnte, ergiebt sich leicht, wenn der Plural schon vorhanden war.

Die ^Tempora der Zeitwörter^ wurden wahrscheinlich auf folgende Art

erfunden. Die ersten Zeitwörter wurden bloss ^aoristisch^ gebraucht: aus

dem ^Aorist^ konnte leicht das ^Präsens^ gebildet werden, oder vielmehr

-- man musste den Aorist bald selbst als Präsens verstehen, weil die

Bestimmungen bei rohen Nationen sich fast immer auf die gegenwärtige

Zeit beziehen. Mehr Mühe mochte wohl die Erfindung der Bezeichnungen für

vergangene und zukünftige Zeiten kosten. Als man zuerst das Bedürfniss

fühlte, ^Vergangenes^ und ^Zukünftiges^ auszudrücken, gab man wohl die

Zeit, in welcher etwas geschehen war, oder geschehen sollte, ganz genau

an; es wurde z. B. nicht gesagt: ^es hat sich zugetragen^, sondern: ^es

trägt sich vor so und so viel Tagen zu^; nicht: ^es wird sich ereignen^,

sondern ^es ereignet sich nach so viel Tagen^. Diese Art sich

auszudrücken, war dem noch ungebildeten Menschen sehr natürlich.

Vollkommene Präcision im Ausdrucke kündigt eine höhere Verstandescultur

an, als man den ersten Erfindern der Sprache zuschreiben kann. Der

ungebildete Mensch theilt nicht bloss das mit, was der andere von einer

Sache wissen soll, oder will, sondern auch was er selbst davon weiss.

Daher giebts in den uncultivirten Sprachen eine Menge überflüssiger

Bestimmungen, eine Menge Ausdrücke, die, der Verständlichkeit des Ganzen

unbeschadet, weggelassen werden könnten. So auch mit den Bestimmungen

der Zeit. Die Zeit, in welcher etwas vorgegangen war, oder kommen

sollte, wurde, so weit man ^zählen^ konnte, bestimmt hinzugesetzt. Wo

man aber auf einen Zeitraum stiess, welcher eine so genaue Bestimmung

nicht zuliess, da bediente man sich, wie uns noch einige Spuren in alten

Sprachen zeigen, der Worte: ^morgen^, ^gestern^ u. s. w., um die

^verflossene^ oder ^zukünftige^ Zeit unbestimmt auszudrücken.

Aus dieser Bezeichnungsart mussten aber bald mehrere Misverständnisse

entstehen. Wie leicht konnte es Zwist verursachen, wenn der zweideutige

Ausdruck ^morgen^ für den besonderen Fall, in welchem er gebraucht

wurde, nicht gehörig bestimmt war? Z. B. es sagte einer zum andern: ich

gebe dir das morgen. Hier konnte morgen ebensowohl den nächstkünftigen,

als jeden anderen folgenden Tag bedeuten. Der andere legt es von dem

nächstkünftigen Tage aus, und kömmt, um die Sache abzuholen: jener

weigert sich aber, das Versprochene abzuliefern, weil er es nicht auf

morgen, sondern überhaupt auf die Zukunft zugesagt hätte. Durch Fälle

dieser Art konnten leicht Mishelligkeiten entstehen, an welchen sich das

Bedürfniss einer bestimmten Bezeichnung für Vergangenheit und Zukunft

deutlich offenbaren musste. Diesem Bedürfniss konnte vielleicht schon

dadurch abgeholfen werden, dass man solche allgemeine Worte, wie

^morgen^, ^gestern^ u. s. w., wenn sie die ^verflossene^ oder ^kommende^

Zeit ^überhaupt^ ausdrücken sollten, mit dem Zeitwort zusammenfassender,

schneller und kürzer aussprach, und im Gegentheil dieselben Worte, wenn

sie bestimmt den ^zunächst vergangenen^ oder ^zukünftigen^ Tag

bezeichnen sollten, durch einen festen, längeren Ton ausdrückte. So

wurde zum Ausdrucke der vergangenen und zukünftigen Zeit ein Zusatz zum

Zeitworte gefunden, welcher nach und nach inniger mit demselben

zusammenfloss, und das ^Perfectum^ und ^Futurum^ in seiner jetzigen

Gestalt bildete.

Es fragt sich noch: wie entstanden die verschiedenen ^Casus^? -- Der

^Nominativ^ und ^Accusativ^ sind wohl diejenigen, auf welche man am

frühesten kam. Man bedurfte sie auch bei der einfachsten Wortfügung, und

sie liessen sich auch leicht durch die Stelle, welche sie in einem Satze

bekommen mussten, charakterisiren. Das Subject einer Rede musste, als

der unbestimmteste Begriff, immer die erste Stelle in einem Satze

einnehmen. Bei jeder Wortfügung musste also ein Substantiv vorangehen;

darauf folgte das Zeitwort, der Ausdruck des Zustandes, in welchem sich

das Subject befand. Sollte nun dieses Zeitwort bezogen werden auf einen

Gegenstand, welcher mit der durch dasselbe bezeichneten Handlung des

Subjects in Verbindung stand, so musste dieses seinen Platz gleich

hinter dem Zeitworte erhalten. Dieser Anordnung der Worte gemäss muss

das Substantiv, da es das Subject des Satzes anzeigen, gleichsam

^nennen^ soll, im ^Nominativ^, das Object aber, welches auf die Handlung

des Subjects bezogen wird, im ^Accusativ^ stehen; folglich der Nominativ

den Satz anfangen, der Accusativ denselben beschliessen. -- Der

Accusativ musste mithin auch, weil kein Wort weiter auf ihn folgte, den

längsten und stärksten Ton haben, der Nominativ aber flüchtig

ausgesprochen und mit dem Zeitworte verflochten werden. Es musste sich

also bei einem und demselben Worte leicht unterscheiden lassen, ob es im

Nominativ, oder Accusativ stehe, indem in dem letzteren Falle entweder

eine Verlängerung, durch Zusetzung mehrerer Buchstaben oder Sylben, oder

doch eine Verstärkung des Tones stattfand.

Der ^Genitiv^ wurde als nähere Bestimmung des Substantivs angehängt, und

ich glaube wohl, dass der Name, den er führt, den ursprünglichen

Gebrauch bezeichnet, welchen man von diesem Casus machte. Man bediente

sich seiner zur Bezeichnung der Abstammung eines Menschen, indem man

erst den Sohn, und dann den Vater nannte. Späterhin wendete man diese

Bestimmung auch auf das Besitzthum an, man sagte z. B. das Schaaf des

Marcus u. s. w. Der Genitiv hatte deshalb auch seine Stelle, durch die

er bezeichnet wurde, unmittelbar nach dem Substantiv, zu dessen näherer

Bestimmung er diente. Z. B. man wollte unter einer Horde einen

bezeichnen, der mit mehreren anderen einen gleichen Namen hatte; so

setzte man, um ihn nicht mit einem von diesen Anderen zu verwechseln,

den Namen seines Vaters hinzu, als: Marcus Caji, u. s. w. Da nun, nach

den Grundsätzen, welchen wir bei der Ableitung der Grammatik gefolgt

sind, jedes Wort, je weiter es in der Reihe der Zeichen zurückstand,

einen desto längeren und stärkeren Accent erhielt: so musste auch der

Genitiv einen längeren oder stärkeren Ton bekommen, als der Nominativ,

hinter welchem er seinen Platz hatte.

Auch der ^Ablativ^ ist, wie der Genitiv, entstanden, um ein Wort näher

zu bestimmen, und drückte vielleicht anfangs das ^von einem Orte Nehmen^

aus. Er ist mit dem Genitiv gewissermaassen gleichartig; beide drücken

die Beziehung mehrerer Nennwörter auf einander aus. Die Entstehung

dieser beiden Casus ist allerdings in der Ursprache zu suchen. Es war

unter rohen Völkern sehr nothwendig, dergleichen Beziehungen recht

verständlich auszudrücken. Wie leicht konnte man einem verdrüsslichen

Misverständnisse vorbeugen, wenn man, um einen Menschen desto genauer

kenntlich zu machen, den Namen seines Vaters zu dem seinigen hinzufügte;

sowie man auch in allen alten Geschichtschreibern zur näheren Bestimmung

des Sohnes den Namen des Vaters hinzugesetzt findet.

Aber um alle die verschiedenen Beziehungen der Gegenstände auf einander

zu bezeichnen, ist weder der Genitiv noch der Ablativ hinreichend; es

bedarf also auch noch der ^Präpositionen^. Eine der gewöhnlichsten

solcher Beziehungen ist z. B. die ^Local^beziehung, als: das Haus ^im^

Dorfe, u. s. w. Diese Beziehungen wurden ursprünglich wohl dadurch

ausgedrückt, dass man einen Buchstaben, eine Sylbe oder einen fast

unmerklichen Ton einem von den beiden Nennwörtern, welche auf einander

bezogen werden sollten, beifügte. Da dieser Zusatz, den man sich

übrigens als Präfix oder Affix denken kann, nicht geschrieben, sondern

ausgesprochen wurde, so liess sich auch nicht bestimmen, ob er einen

besonderen Ton ausmachte, sondern er floss in der Aussprache mit dem

Zeichen, welchem er vor- oder nachgesetzt wurde, zusammen.

Der ^Dativ^ bezeichnet die Beziehung einer Handlung auf ein Drittes, auf

etwas ausser dem Subject und Object, auf welches die Handlung eigentlich

abzweckt. Z. B. ich gebe das Brot, ich nehme das Brot: hier fehlt

offenbar die Beziehung auf ein Drittes, um dessen willen die Handlung

vorgenommen, dem das Brot gegeben, oder genommen wird. Setze ich diese

Beziehung hinzu, sage ich z. B. ich gebe oder nehme das Brot dem Hunde,

so habe ich auch den ^Dativ^. Da der Gegenstand, mit welchem eigentlich

die Handlung vorgenommen wird, zur Bestimmung der Handlung unmittelbar

gehört, so muss auch der Accusativ, welcher dieses Verhältniss des

behandelten Gegenstandes zu der Handlung bezeichnet, unmittelbar nach

dem Zeitwort stehen; und der ^Dativ^, welcher den Gegenstand bezeichnet,

um dessenwillen die Handlung eigentlich geschieht, folgt jenem nach. Er

wird also den Satz schliessen, und folglich einen volleren Ton bekommen,

als der Accusativ selbst.

So entstand ^Grammatik^ bloss durch das Bedürfniss der Sprache, und

durch die Fortschritte, welche die menschliche Vernunft nach und nach

machte. Denn selbst bei der einfachsten Mittheilung der Gedanken musste

sehr vieles durch Beziehung der Worte auf einander ausgedrückt werden,

und der natürliche, durch die Vernunft geleitete Gang der Sprache

brachte den Menschen, ohne dass Verabredung erforderlich gewesen wäre,

auf die Bestimmung der verschiedenen Arten jener Beziehung.

Man könnte gegen diese Theorie einwenden, dass es verschiedene Sprachen

gebe, denen man ihre Entstehung nach den von uns vorgetragenen Regeln

nicht ansehe. So soll, unserer Darstellung gemäss, das Wurzelwort immer

ein Zeitwort seyn, und dieses Zeitwort soll ursprünglich in Einem Tone

mehrere Begriffe ausdrücken, soll ursprünglich in der dritten Person

vorgetragen werden, und aoristische Bedeutung haben. Nun zeigt sich in

der griechischen und lateinischen Sprache offenbar das Gegentheil. In

den Zeitwörtern derselben ist augenscheinlich nicht die dritte, sondern

die erste Person diejenige, aus welcher alle übrigen gebildet sind, ist

nicht der Aorist, sondern das Präsens die Wurzel. Woher also diese

Verschiedenheit, wenn unsere Theorie richtig ist? Nehmen wir auch an,

dass die genannten Sprachen keine Ursprachen gewesen sind, sondern sich

aus schon entstandenen gebildet haben; so müssen wir doch zugeben, dass

sie zuletzt aus solchen hervorgehen mussten, welche auf die hier

vorgetragene Art entstanden waren. Warum zeigt sich nun in ihnen auch

nicht die leichteste Spur von jener Ursprache? Denn, mag sich eine

Sprache noch so sehr cultiviren, mag eine gebildetere Grammatik noch so

viel Modificationen in sie hineintragen: so müssen sich doch in ihr noch

Ueberreste von dem ersten rohen Zuschnitte finden, z. B. aus der dritten

Person, und nicht aus der ersten, die Form der übrigen abgeleitet, und

der Aorist, nicht das Präsens das Wurzelwort seyn.

Auf diesen Einwurf lässt sich folgendes antworten. Man sah sich bald

genöthigt, neue Worte zu erfinden, weil der menschliche Geist, bei

seinen Fortschritten zur Cultur, sich immer mit neuen Vorstellungen

bereicherte, und neue Bestimmungen in alte Begriffe hineintrug. Die

Worte, welche man zu Bezeichnung dieser Vorstellungen erfand, -- man

mochte nun dazu entweder ganz neue, in der Sprache bisher noch nicht

vorgekommene Töne, oder eine Verbindung mehrerer, schon bekannter Töne

gebrauchen, -- mussten auf jeden Fall das Gepräge der Bildung tragen,

welche der menschliche Geist in dem Zeitpunct jener erfundenen neuen

Bezeichnungen hatte. Nun geht der gebildete Mensch vom Ich aus, und

betrachtet alles aus dem Gesichtspuncte des Ich: er wird also auf dieser

Stufe der Cultur auch bei der Aufstellung eines neuen Zeitwortes von der

ersten Person ausgehen. Daher kann es nicht fehlen, dass ein neues Wort,

gebildet in Zeiten höherer Cultur, von den ursprünglichen Formen

derselben Sprache abweichen musste. Im Anfange wurden nun solche Worte

mit den alten, von welchen sie abstammten, zugleich gebraucht; aber bald

wurden jene allgemein und verdrängten die letzteren. Denn, sowie die

Nation in ihrer Cultur weiter vorrückte, musste sie nothwendig die

neueren Formen ihren Begriffen angemessener finden, und über dem

Gebrauche derselben die älteren bald vergessen.

So wird selbst bei einem Volke, das von allen äusseren Einflüssen frei

bleibt, sich mit keinem anderen Volke vermischt, seinen Wohnplatz nie

verändert u. s. w., die rohe Natursprache nach und nach untergehen, und

an deren Stelle eine andere treten, die von jener auch nicht die

leichteste Spur an sich trägt. Man würde sich also irren, wenn man

glaubte, die Griechen, Römer und andere hätten nie eine Ursprache

gehabt, weil sich keine Ueberreste davon bei ihnen fänden. Jene Urtöne

sind nach und nach aus der Ursprache verschwunden, als sie sich durch

Zeichen ersetzt sahen, die dem cultivirten Geiste des Volkes besser

entsprachen.

Eine eigene Erscheinung in den neueren Sprachen sind die Hülfswörter;

das: ^ich bin, werden u. s. w.^ Diese Bezeichnungen, wo sie sich in

einer Sprache finden, beweisen einen hohen Grad der Abstraction. Man

fand vermuthlich bald einen besonderen Nachdruck in der auszeichnenden

Endung des Perfectum und Futurum, wodurch die Sprache an Rundung gewann.

Aber immer ist es Zeichen einer noch höheren Cultur, wenn einzelne

Begriffe erfunden werden, um Einen Gedanken desto bestimmter

auszudrücken. Die Aufstellung dieser Bezeichnungen ist aber in einer

Sprache wenigstens nicht früher möglich, bis in ihr der Begriff des

Leidens oder das Passiv schon ausgedrückt ist.

E.

Ueber Belebung und Erhöhung des reinen Interesse für Wahrheit.

(Aus Schillers Horen Bd. I, St. I. 1795.)

Vergebens erwartet man durch irgend ein glückliches Ohngefähr die

Wahrheit zu finden, wenn man sich nicht von einem lebhaften Interesse

begeistert fühlt, mit Verläugnung alles Andern ausser ihr, sie zu

suchen. Es ist demnach eine wichtige Frage für jeden, der die Würde der

Vernunft in sich behaupten will: was habe ich zu thun, um reines

Interesse für Wahrheit in mir zu erwecken, oder wenigstens dasselbe zu

erhalten, zu erhöhen und zu beleben?

Wie jedes Interesse überhaupt, so gründet sich auch das Interesse für

Wahrheit auf einen ursprünglich in uns liegenden Trieb. Unter unseren

reinen Trieben aber ist auch ein Trieb nach Wahrheit. Niemand ^will^

irren, und jeder Irrende hält seinen Irrthum für Wahrheit. Könnte man

ihm auf eine für ihn überzeugende Art darthun, dass er irre, so würde er

sogleich den Irrthum aufgeben, und statt desselben die entgegengesetzte

Wahrheit ergreifen.

Kommt etwas hinzu, das sich auf diesen Trieb bezieht, entdeckt man in

unserm Fall eine Wahrheit als solche, oder erkennt einen Irrthum für

einen Irrthum, so entsteht nothwendig ein Gefühl des Beifalls für die

erstere, eine Abneigung gegen den letztern; und beides völlig unabhängig

von dem Inhalte und den Folgen jener Wahrheit und dieses Irrthums. Aus

wiederholten Gefühlen der gleichen Art entsteht ein Interesse für

Wahrheit überhaupt. Ein solches Interesse lässt sich daher nicht

^hervorbringen^; es gründet sich der Anlage nach auf das Wesen der

Vernunft, und wird seinen Aeusserungen nach in der Erfahrung durch die

Welt ausser uns ohne unser wissentliches Zuthun geweckt; aber man kann

dieses Interesse ^erhöhen^.

Dies geschieht durch Freiheit, wie jede sittliche Handlung. Aber alle

Regeln für Anwendung der Freiheit setzen die Anwendung derselben schon

voraus; und man kann vernünftigerweise nur demjenigen zurufen: gebrauche

deine Freiheit, der dieselbe schon gebraucht hat. Dieser erste Act der

Freiheit, dieses Losreissen aus den Ketten der Nothwendigkeit geschieht,

ohne dass wir selbst wissen wie. So wenig wir uns des ersten Schrittes

in das Reich des Bewusstseyns überhaupt bewusst werden, ebensowenig

werden wir uns unseres Uebertrittes in das Reich der Moralität bewusst.

Irgend woher fällt ein Feuerfunke in unsere Seele, der vielleicht lange

in heimlichem Dunkel glüht. Er erhebt sich, er greift umher, er wird zur

Flamme, bis er endlich die ganze Seele entzündet.

Jedes praktische Interesse im Menschen erhält und belebt sich selbst;

darin besteht sein Wesen. Jede Befriedigung verstärkt es, erneuert es,

hebt es mehr hervor im Bewusstseyn. Gefühl des erweiterten Bedürfnisses

ist der einzige Genuss für das endliche Wesen. Die Hauptvorschrift zu

Erhöhung jedes Interesse im Menschen, mithin auch des Interesse für

Wahrheit, heisst demnach: ^befriedige deinen Trieb^! woraus für den

gegenwärtigen Fall sich folgende zwei Regeln ergeben: entferne jedes

Interesse, das dem reinen Interesse für Wahrheit entgegen ist, und suche

jeden Genuss, der das reine Interesse für Wahrheit befördert!

Man nehme keinen Anstoss an der sonst mit Recht verdächtigen Empfehlung

des Genusses. Dass durch den Genuss, und allein durch diesen jeder

Trieb, der in der vernünftigen Natur des Menschen gegründet ist,

ausgebildet werde, ist einmal wahr. Genuss, der sich bloss auf

Befriedigung der animalischen Sinnlichkeit gründet, verzehrt und

vernichtet sich in sich selbst, und von ihm ist hier nicht die Rede.

Geistiger Genuss, wie z. B. der ästhetische, erhöht sich durch sich

selbst. Es ist demnach ebenso wahr, dass die obenaufgestellte Regel die

einzige ist, die zur Erhöhung eines geistigen Interesse gegeben werden

kann. Die Beantwortung einer ganz anderen Frage: ob nemlich irgend ein

geistiger Genuss ganz unbedingt zu empfehlen sey? hängt ab von der

Beantwortung einer höheren Frage: ob der Trieb, auf den jener Genuss

sich bezieht, ins unbedingte zu erhöhen? und diese von der noch höheren:

ob dieser Trieb irgend einem andern unterzuordnen sey? So ist der

ästhetische Trieb im Menschen allerdings dem Triebe nach Wahrheit, und

dem höchsten aller Triebe, dem nach sittlicher Güte, unterzuordnen. Ob

der Trieb nach Wahrheit mit einem höheren Triebe in Streit kommen könne,

wird sich aus unserer Untersuchung von selbst ergeben. -- Irgend einen

Ausdruck aber zu vermeiden, weil er gemisbraucht worden, glaube ich

wenigstens hier nicht nöthig zu haben.

Unser Interesse für Wahrheit soll ^rein^ seyn; die Wahrheit, bloss weil

sie Wahrheit ist, soll der letzte Endzweck alles unseres Lernens,

Denkens und Forschens seyn.

Die Wahrheit an sich aber ist bloss ^formal^. Uebereinstimmung und

Zusammenhang in allem, was wir annehmen, ist Wahrheit, sowie Widerspruch

in unserem Denken Irrthum und Lüge ist. Alles im Menschen, mithin auch

seine Wahrheit, steht unter diesem höchsten Gesetze: sey stets einig mit

dir selbst! Heisst jenes Gesetz in der Anwendung auf unsere ^Handlungen^

überhaupt: handle so, dass die Art deines Handelns, deinem besten Wissen

nach, ewiges Gesetz für alles dein Handeln seyn kann; so heisst

dasselbe, wenn es insbesondere auf unser ^Urtheilen^ angewendet wird:

urtheile so, dass du die Art deines jetzigen Urtheilens als ewiges

Gesetz für dein gesammtes Urtheilen denken könnest. Wie du

vernünftigerweise in allen Fällen kannst urtheilen wollen, so urtheile

in diesem bestimmten Falle. Mache nie eine Ausnahme in deiner

Folgerungsart. Alle Ausnahmen sind sicherlich Sophistereien. -- Darin

unterscheidet sich der Wahrheitsfreund vom Sophisten: Beider

Behauptungen an sich betrachtet kann vielleicht der erstere irren, und

der letztere recht haben; und dennoch ist der erstere ein

Wahrheitsfreund, auch wenn er irrt, und der letztere ein Sophist, auch

da, wo er die Wahrheit sagt, weil sie etwa zu seinem Zwecke dient. Aber

in den Aeusserungen des Wahrheitsfreundes ist nichts Widersprechendes,

er geht seinen geraden Gang fort, ohne sich weder rechts noch links zu

wenden; der Sophist ändert stets seinen Weg, und beschreibt seine krumme

Schlangenlinie, sowie der Punct sich verrückt, bei welchem er gern

ankommen möchte. Der erstere hat gar keinen Punct im Gesichte, sondern

zieht seine gerade Linie, welcher Punct auch immer hineinfallen möge.

Diesem Interesse für Wahrheit um ihrer blossen ^Form^ willen ist gerade

entgegengesetzt alles Interesse für den ^bestimmten Inhalt^ der Sätze.

Einem solchen materiellen Interesse ist es nicht darum zu thun, ^wie^

etwas gefunden sey, sondern nur was gefunden sey.

Wir haben schon etwa einen Satz ehemals behauptet, vielleicht Beifall

damit gefunden und Ehre eingeerntet, und meinten es damals aufrichtig.

Damals war unsere Behauptung zwar nicht ^allgemeine^ Wahrheit, die sich

auf das Wesen der Vernunft, aber doch Wahrheit ^für uns^, die sich auf

unsere damalige individuelle Denk- und Empfindungsart gründete. Wir

irrten, aber wir täuschten nicht, weder uns noch andere. Seitdem haben

wir entweder selbst weiter geforscht, wir haben unsere individuelle

Denkart dem Ideale der allgemeinen und nothwendigen Denkart mehr

genähert, oder auch andere haben uns unseren Irrthum gezeigt. Derselbe

materielle Satz, der ehemals formale Wahrheit für uns war, ist uns

jetzt, aus dem nemlichen Grunde, aus dem er dieses war, formaler

Irrthum; und sind wir uns selbst treu, so werden wir ihn sogleich

aufgeben. Aber dann müssten wir erkennen, dass wir geirrt haben;

vielleicht dass ein anderer weiter gesehen habe, als wir. Ist unser

Interesse für Wahrheit nicht rein und nicht stark genug, so werden wir

gegen die auf uns eindringende Ueberzeugung uns vertheidigen, so lange

wir können; und nun ist es uns nicht mehr um die Form zu thun, sondern

um die Materie des Satzes; wir vertheidigen denselben, weil er der

unsrige ist, und weil ein eitler Ruhm uns mehr gilt, denn Wahrheit.

Eine Meinung schmeichelt unserm Stolze, unseren Anmaassungen, unserer

Unterdrückungssucht. Man erschüttert sie mit den stärksten Gründen,

gegen die wir nichts aufbringen können. Werden wir uns überzeugen

lassen? Aber wir müssten dann entweder unsere gerechten Ansprüche

aufgeben, oder uns für wohlbedächtige und überlegte Ungerechte

anerkennen. Es ist zu erwarten, dass wir gegen die Ueberzeugung uns

verwahren werden, so lange wir können, und dass wir in allen

Schlupfwinkeln unseres Herzens nach Ausflüchten suchen werden, um ihr

auszuweichen.

Ein zweites Hinderniss des reinen Interesse für Wahrheit ist die

Trägheit des Geistes, die Scheu vor der Mühe des Nachdenkens. Der Mensch

ist von Natur ein vorstellendes Wesen, aber er ist durch sie auch nichts

weiter. Die Natur bestimmt die Reihe seiner Vorstellungen, wie sie die

Verkettung seiner körperlichen Theile bestimmt. Sein Geist ist eine

Maschine, wie sein Körper; nur eine Maschine anderer Art, eine

vorstellende Maschine, bestimmt durch Einwirkung von aussen und durch

seine nothwendigen Naturgesetze von innen. Man kann viel wissen, viel

studiren, viel lesen, viel hören, und ist doch nichts weiter. Man lässt

durch Schriftsteller oder Redner sich bearbeiten, und sieht mit

behaglicher Ruhe zu, wie eine Vorstellung in uns mit der andern

abwechselt. Sowie die Weichlinge des Orients in ihren Bädern durch

besondere Künstler ihre Gelenke durchkneten lassen, so lassen diese

durch Künstler anderer Art ihren Geist durchkneten, und ihr Genuss ist

um weniges edler, als der Genuss jener.

Diesem blinden Hange thätig widerstreben, eingreifen in den Mechanismus

der Ideenfolge, und ihr gebieten, ihr mit Freiheit eine Richtung geben

auf ein bestimmtes Ziel, und von dieser Richtung nicht abweichen, bis

das Ziel erreicht ist: das ist der rohen Natur zuwider, und kostet

Anstrengung und Verläugnung.

Jedes unthätige Hingeben ist dem Interesse für Wahrheit geradezu

entgegen. Es wird dabei gar nicht auf Wahrheit oder Nichtwahrheit,

sondern lediglich auf die Ergötzung geachtet, die jener Wechsel der

Vorstellungen uns gewährt. Wir kommen dadurch auch nicht zur Wahrheit;

denn Wahrheit ist Einheit, und diese muss thätig und mit Freiheit

hervorgebracht werden, durch Anstrengung und eigene Kraftanwendung.

Gesetzt, man käme durch ein glückliches Ohngefähr auf diesem Wege

wirklich zu Vorstellungen, die an sich wahr wären, so wären sie es doch

nicht ^für uns^, denn wir hätten von der Wahrheit derselben uns nicht

durch eigenes Nachdenken überzeugt.

Sämmtliche Werke 8: Vermischte Schriften und Aufsätze Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen / Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt / Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks und andere Aufsätze / Recensionen / Poesien und metrische Uebersetzungen · 第 11 / 76 题