D. Fr. Mit allem, was ich zum Nachtheile Ihrer Predigten gesagt habe?

D. V. Mit allem. Dann bin ich wenigstens sicher, dass nichts Schlimmeres

über sie gesagt werden könne, als schon gesagt ist.

D. Fr. Aber einen schöngeisterischen Dialog vor Predigten! Das ist

wieder unerhört. Sie sind nicht Rousseau, und schrieben keine Heloise.

D. V. So muss ich denn auch schon diesen Uebelstand mit den übrigen

verantworten.

Ueber die Pflichten gegen Feinde.

Eingang.

Die Auswege, die das menschliche Herz nimmt, m. th. Fr., um der Pflicht

auszuweichen, sind unzählbar, in ihren Wendungen verschieden, und nur

darin kommen sie überein, dass alle auf irgend eine Art die Strenge des

Gesetzes zu umgehen suchen. -- Man zieht die Pflicht zu seinen Neigungen

herab, wie wir einst an dieser Stelle an dem Beispiele der Ehrlichkeit

und der Menschenliebe zeigten: man übertreibt sie auch wohl im

Gegentheile zu einer Höhe, auf der sie der menschlichen Natur

widerstreitet, um nur, wenn einmal zugestanden ist, dass in der

erdichteten Vollkommenheit sie dem Menschen unmöglich sey, gar nichts

thun zu dürfen, sondern unter dem geräumigen, viel fassenden Mantel der

menschlichen Schwachheit seinen Mangel an gutem Willen verbergen zu

können.

So ist es mit der durch das Christenthum gebotenen Pflicht der

Feindesliebe ergangen. Zu bequem, oder unfähig nachzudenken, was durch

diesen Ausdruck gefordert werden ^könne^, hat man das Wort in seiner

ersten scheinbarsten Bedeutung genommen, und nun, wie zu erwarten war,

die Ausübung dieser Pflicht unmöglich gefunden, weil es der menschlichen

Natur widerstreitet, sich über Beleidigungen zu freuen, wie über

Wohlthaten, und bei dem Anblicke des Feindes eben das Vergnügen zu

empfinden, wie bei dem des Freundes. -- Des ^Handelns^ überhoben, meinte

man sich nun durchs ^Reden^ hervorzuthun, und wollte sich gegen ein

Gebot, dem man den Gehorsam versagte, durch Lobeserhebungen abfinden.

Daher die prahlenden Lobpreisungen so vieler Christen über die

Erhabenheit ihrer Sittenlehre, als der einzigen, welche Feindesliebe

empfehle; so vieler Christen, welche noch wenig Neigung zeigen, ihr

Vaterland, ihre Freunde, ihre Wohlthäter zu lieben -- Lobpreisungen,

welche, wenn auch die Anempfehlung dieser Pflicht der christlichen

Sittenlehre ausschliessend eigen wäre, doch immer eine sehr zweideutige

Schmeichelei seyn würden. Viel verlangen ist keine so grosse Kunst, und

es gereicht keiner Sittenlehre zur Empfehlung, Dinge zu fordern, die der

menschlichen Natur widerstreiten.

Wir, m. Br., wollen unsere vortreffliche Religion nicht so verfänglich

loben, sondern lieber mit Lernbegierde und Folgsamkeit ihre Vorschriften

anhören, und sie zu ihrer wahreren Ehre in unserem Leben darzustellen

suchen. In gegenwärtiger Stunde werden wir uns von den Pflichten gegen

Feinde unterrichten.

^Text.^ Die gewöhnliche Epistel am ersten Advents-Sonntage, Röm. 12, v.

17-21.

Abhandlung.

Das zwölfte Capitel des Briefes an die Römer, woraus unsere Epistel

genommen ist, enthält christliche Sittenlehren mancherlei Gehalts in

einer leichten Verbindung. Auf die Pflichten gegen Feinde wird der

Apostel zweimal gebracht: einmal durch ein Wortspiel[29] v. 14. ^Segnet,

die euch verfolgen^ u. s. w., einmal bei Gelegenheit der allgemeinen

Menschenliebe, v. 19. 20. 21. Wir wollen jetzo, ohne seinen Ausdrücken

genau zu folgen, im allgemeinen sehen, welche Pflichten gegen die Feinde

Gewissen und christliche Religion uns auflege.

[Fußnote 29: Nemlich im Grundtexte: »Die Ausübung der Gastfreiheit

verfolget; die ^Euch^ verfolgen, segnet.«]

Wenn man eine so grosse Menge von Menschen über eine so grosse Menge von

Feinden klagen hört, so sollte man glauben, der Hass der Widersacher sey

eines der grössten Erdenleiden, und die Pflichten gegen Feinde seyen

nicht nur an sich die schwersten, sondern auch ihre Ausübung sey von der

weitesten Ausdehnung. Es scheint also unserem Vorhaben nicht

unangemessen, zuvörderst zu untersuchen: ^Wen wir einen Feind zu nennen

berechtiget sind^, um zu finden, ob von der Summe dieses Leidens nicht

ebensowohl, wie von der Summe mancher anderen Leiden etwas abgehe, und

ob die Pflichten, die es uns auflegt, -- wenn sie auch so schwer seyn

sollten, als man glaubt -- in der Ausübung oft vorkommen.

In der allgemeinsten Bedeutung nennen wir alle diejenigen unsere Feinde,

die an der Ausführung unserer Unternehmungen uns hinderlich sind. Dies

aber kann aus zweierlei Ursachen entstehen, nemlich, entweder weil

^unsere Unternehmungen^, oder weil ^wir selbst^ ihnen misfällig sind;

der dritte mögliche Fall, dass sie beiden abgeneigt seyen, gehört mit

unter die zwei ersten. --

Unser Vorhaben kann Anderen zuwider seyn, entweder weil es ungerecht

^ist^, oder weil es ihnen nur so ^scheint^. -- Im ^ersteren Falle^ also

wollen wir ungerecht seyn; wollen handeln, als ob die ganze Schöpfung

nur für uns, und ihre vernünftigen Bewohner nur zu Werkzeugen unserer

Einfälle da seyen: und wenn dann Einer sich unterfängt, zu glauben, dass

es noch etwas gebe, was er von uns nicht ertragen müsse -- Einer sich

nur in den Weg stellt, und unseren Anmaassungen Grenzen setzt: so

schreien wir über Verfolgung, und nennen jenen muthigen Vertheidiger des

Rechts unseren Feind. -- Und mit welchem Rechte? Wollen wir ihn bloss

^an sich^ seinem persönlichen Werthe nach betrachten, so nöthigt unser

Herz, sey es so verdorben es wolle, uns das Bekenntniss ab, dass ^der^

Mann -- fordere es nun bloss die allgemeine Menschenpflicht, oder

fordere es überdies noch seine besondere Pflicht in der Gesellschaft von

ihm -- dass ^der^ Mann, der ohne Kummer um unseren Verdruss und unsere

Feindschaft sich der Ungerechtigkeit muthig entgegenstellt, und dem die

unvertheidigte Sache des heiligen Rechtes theurer ist, als unsere

Freundschaft, unendlich mehr werth ist, als wir, und dass wir nicht viel

Ehre haben, unsere Klagen über ihn laut werden zu lassen; -- oder wollen

wir ihn ^in Beziehung auf uns^ betrachten, so werden wir in dem Manne,

der uns die unvertilgbare Schande, und die blutige Reue, und das

unauslöschbare Andenken, und die nie endenden Folgen einer ungerechten

That erspart, und uns zwingt, besser und glückseliger zu seyn, als wir

wollten, unseren wahrsten Wohlthäter anerkennen müssen. Solche Gegner

also gehören gar nicht in die Zahl unserer Feinde.

In ^dem zweiten Falle^ waren die Feinde der Jünger Jesu, und überhaupt

der ersten Christen, an welche die Ermahnungen des Apostels gerichtet

sind. Sie widersetzten sich dem Vorhaben der Apostel und ihrer Anhänger,

weil es ihnen ungerecht schien. -- Es war damals eben wie jetzt. Die

Juden, deren grösster Beweis für die Wahrheit ihrer Religionsgrundsätze

der war, dass ihre Väter und Grossväter auch so geglaubt, auch so

geopfert, auch mit den Formeln gebetet hatten, hassten, verfolgten,

tödteten, wenn sie konnten, die ersten Christen, weil sie eine

aufgeklärtere Gottesverehrung einführen wollten, welches jene für ein

sehr sträfliches Unternehmen hielten. -- So wurde das Vorhaben der

ersten Christen verkannt, und darum angefeindet, und so kann es auch das

unsrige werden, von welcher Natur es auch sey. -- Auch solche Gegner

können wir nicht mit Recht Feinde nennen; ihr Widerstand entsteht nicht

aus boshaften Absichten gegen unsere Personen; sie meinen für das Recht

zu kämpfen, und ihre Triebfeder wenigstens ist edel. Sollten wir uns

darüber erzürnen, dass wir erleuchteter sind, als sie? Diese Gegner

sinds, von denen der Apostel sagt: ^segnet sie^ -- wünscht ihnen von

ganzer Seele alles Gute, und besonders dasjenige Gute, dessen sie am

meisten bedürfen -- Erleuchtung. Wünscht sie ihnen nicht bloss, sondern

sucht werkthätig durch weise Belehrung und durch das, was kräftiger

wirkt als alle Belehrung, durch einen reinen Wandel ihre Begriffe zu

berichtigen. Führet einen guten Wandel unter den Heiden, auf dass die,

so von euch afterreden, als von Uebelthätern, eure guten Werke sehen und

euren Vater im Himmel preisen.

Endlich kann Jemand, ohne unser persönlicher Feind zu seyn, unser

Widersacher auch bloss darum werden, weil wir seinem Eigennutzen im Wege

stehen, weil ^unsere^ Erniedrigung ^ihn^ heben soll. Wir finden uns

einmal auf seinem Wege, und er rennt uns nieder -- nicht etwa -- aus

besonderer Abneigung gegen uns; er hätte jeden anderen, der auf unserem

Platze gestanden hätte, auch niedergerannt. Er schreitet seinen Schritt

einher -- es kommt ein Wurm unter seine Füsse -- er zertritt ihn. Aber

warum musste auch der Wurm unter seinen Fuss kommen; er hätte ihm sonst

sein Leben wohl gönnen mögen. -- -- Ohne das Fürchterliche einer solchen

Sinnesart mildern zu wollen, dürfen wir doch sagen, dass auch ein

solcher Gegner nicht unser Feind zu nennen sey. Er ist freilich auch

nicht unser Freund: er ist Niemandes Freund, als der seiner eigenen

geliebten Person. Er ist freilich ein Feind des Rechts und der

Menschheit, und der unsrige, weil wir zu ihr gehören; aber er hasst doch

keinen weniger, als uns, und das, was uns trifft, ist nichts, als das

allgemeine Loos. Wir haben freilich nicht nur das Recht, sondern auch

die Pflicht ihn zu behandeln, wie jeden Feind der Gerechtigkeit; aber

wenn wir ihn mit persönlicher Erbitterung hassen wollten, so würden wir

selbst ungerecht und ihm ähnlich werden.

Es ist also Niemand übrig, den wir mit Recht unseren Feind nennen

könnten, als derjenige, der eine persönliche Abneigung gegen uns hat,

und unser Vorhaben hindert, bloss darum, weil es das ^unsrige^ ist.

Solche Gegner eigentlich, und nur in einem gewissen Sinne die der beiden

letzteren Klassen, sind der Gegenstand der Pflichten gegen Feinde.

Da nichts in der Welt ganz ohne Ursache geschieht, und folglich auch der

Hass unserer persönlichen Feinde nicht völlig ohne Grund seyn möchte, so

ist es hierbei die erste Regel der Sittenlehre, sich sorgfältig und

unparteiisch zu prüfen, ^ob^ man, und ^wodurch^ man Gelegenheit zu

dieser Abneigung gegeben habe. Die Menge der Freunde oder Feinde ist

zwar nie ein richtiger Maassstab zur Schätzung des sittlichen Charakters

eines Menschen; wenn aber so gar viele aus dem Haufen treten und sagen:

du habest sie gedrückt, so kannst du mit hoher Wahrscheinlichkeit

vermuthen, dass du eine harte Seite habest. Jede uns bekannt gewordene

Abneigung legt uns die Pflicht auf, uns sorgfältig zu prüfen, ob

wir vielleicht durch unsere Ungerechtigkeit, durch unsere

Unterdrückungssucht uns hassenswürdig gemacht haben; -- und dann wären

wir ja wahrlich nicht werth, unsere Augen gegen unsere Gegner

aufzuheben; -- oder ob wir vielleicht bei wirklich guten Absichten durch

unser unzweckmässiges Benehmen, durch eine rauhe, unfreundliche

Steifigkeit, durch einen Mangel der Schonung gegen Anderer Schwachheiten

ihnen einen Verdacht gegen den Baum beigebracht haben, der so herbe

Früchte trägt. Sollten wir in dieser Prüfung, bei der wir uns ja nicht

schmeicheln müssen, etwas von der Art finden, so bleibt uns nichts

übrig, als die Folgen unserer eigenen Unklugheit geduldig zu tragen,

hinzugehen und uns zu bessern.

Finden wir aber an uns keine Schuld, so tritt unsere erste heiligste

Pflicht ein: die, dem Unrechte zu widerstehen, insoweit wir können, ohne

selbst ungerecht zu werden, und die Ordnung zu zerstören. -- Irret euch

nicht, m. Br.: alles sich gefallen zu lassen, alles gut zu heissen,

alles zu dulden, fordert kein Christenthum; und die Vernunft erklärt

dies für Unverstand und Mangel an wahrer Abneigung gegen das Böse, wenn

sie es bloss an sich -- und für Unterstützung und Verewigung der

Unordnung, wenn sie es in Rücksicht seiner Folgen für das Ganze

betrachtet. Wer das Böse an Anderen nicht hasst, der hasst es gewiss

auch nicht an sich selbst; und wer keiner Empfindlichkeit gegen

zugefügtes Unrecht fähig ist, ist ebensowenig der Dankbarkeit für

erzeugte Wohlthaten fähig. -- Zwar sagt Jesus: ^Ich sage euch, dass ihr

allerdings nicht^, überhaupt und in keinem Falle nicht, ^widerstreben

sollt dem Uebel^. ^Nimmt dir jemand den Rock, dem lass auch den Mantel^,

u. s. w. Aber es ist bei diesen und ähnlichen Stellen zu bemerken, dass

die Evangelisten uns nicht nur diejenigen Aussprüche Jesu, welche er als

Dolmetscher des Willens der Gottheit an die Menschen zu gültigen

Gesetzen für alle Zeiten und Völker aufstellte, sondern auch solche

Reden aufbehalten haben, in denen er als klügerer Freund, bloss seinen

Jüngern einen guten Rath für ihre besondere Lage giebt. Ob eine

Vorschrift zu der ersteren oder zu der letzteren Art gehöre, ist nur

daraus zu ersehen, ob sie durch unsere Vernunft, als ein

allgemeingültiges Gesetz bestätigt werde oder nicht. Die Jünger Jesu

würden vor jüdischen oder heidnischen Richterstühlen nicht nur keine

Genugthuung erlangt haben, sondern auch dadurch in ihrem ersten Berufe,

die christliche Religion zu predigen, gestört, und vielleicht weit eher,

als es für ihre Bestimmung seyn sollte, getödtet worden seyn. Ihnen

blieb also kein Mittel übrig, um sich ihren mühseligen Zustand

erträglicher zu machen, als alles geduldig zu ertragen, und durch die

höchste Sanftmuth ihre Feinde wenigstens zu einiger Schonung zu

erweichen. Späterhin, nachdem ganze christliche Gemeinen errichtet

waren, sagt schon Johannes: ^Sündigt dein Bruder an dir, so strafe ihn

alleine^; so verweise es ihm unter vier Augen; ^höret er dich nicht, so

sage es der Gemeine; höret er die Gemeine nicht, so halte ihn als einen

Zöllner und Sünder^. Für uns aber, die wir in ganzen christlichen

Staaten leben, tritt die allgemeingültige, durch die Vernunft bestätigte

Bemerkung Paulus in ihre volle Wirksamkeit ein: ^dass die Obrigkeit^,

als Stellvertreterin der ganzen Gesellschaft, ^das Schwert nicht umsonst

tragen, sondern dass sie des allvergeltenden Gottes Dienerin auf der

Erde, und eine Rächerin seyn müsse über jeden, der Uebeles thut^; dass

wir mithin, wenn dieser Satz nicht aufgehoben werden, und unseren

übrigen Pflichten nicht widersprechen soll, sie zur Ausübung dieser

Stellvertretung Gottes bei uns zugefügtem Unrechte auffordern müssen,

mit dem Zutrauen, dass sie stets bereit seyn werde, das unterdrückte

Recht zu rächen; ein Zutrauen, das sie, und Gott, dessen Bild sie ist,

ehrt. -- Eben daraus aber, dass wir unsere Sache ihr übertragen sollen,

folgt, dass wir uns nicht selbst rächen dürfen; sondern es lediglich

ihr, ^als ihre eigene Sache^ überlassen müssen.

Diese Genugthuung aber werde gesucht ^mit^ und ^aus Liebe^. Nicht das

sey unser Zweck, dem Feinde wieder Böses zuzufügen, sondern bloss und

einzig das, das Böse in ihm, und durch das Beispiel seiner Bestrafung

auch in anderen kräftigst zu hindern. Wer irgend einer anderen Absicht

sich bewusst ist; wer in seinem Herzen den geringsten Zug von

Lieblosigkeit, die leiseste Freude über die gehoffte Bestrafung seines

Beleidigers aufspürt; wer nicht sogar Schmerz empfindet, dass seine

Pflicht ihn nöthigt, um desselben Bestrafung anzusuchen, verliert jenes

Recht gänzlich, weil er durch Bestrafung seines Widersachers die

Obrigkeit nicht zur Dienerin des Rechts, sondern zum Werkzeuge seiner

Rachsucht und seiner Feindseligkeit machen, und in ihr Gott, dessen Bild

sie ist, entweihen würde: -- durch welche Regel denn jene Erlaubniss

Genugthuung zu suchen, wieder genau in ihre gehörigen Grenzen

eingeschlossen wird. -- Man sey der Sache Feind, und der Person Freund.

Man arbeite, kämpfe, ringe, das Unrecht zu verhindern; aber man sey in

allen übrigen gerechten Dingen dem Gegner zu jedem Dienste und jeder

Aufopferung bereit. Man ringe darnach, ihm zu dienen: -- zwar nicht

ausgezeichnet vor allen anderen Menschen, und ebendarum, ^weil^ er der

Feind ist; eine Warnung, die nur für wenige seltene Menschen noth thut.

-- Es giebt nemlich Menschen, die, mit einer Anlage zur Erhabenheit und

Stärke der Seele geboren, dieselbe durch harte Selbstkämpfe erhöht

haben, und aus diesem Kraftgefühl eben das Schwerste in ihren Pflichten

begierig an sich reissen, und die unter zweien ihrer Hülfe gleich

bedürfenden Gegenständen eben den Feind, und das eben um seiner

Beleidigungen willen gegen sie, vorziehen würden; bloss um das erhabene

Gefühl zu empfinden, die Bitterkeit in ihrer Seele besiegt zu haben. So

edel und erhaben diese Triebfeder auch ist, so verbietet doch eine reine

Sittenlehre, die Wahl der Gegenstände unserer Wohlthätigkeit dadurch

bestimmen zu lassen. -- Die einzige allgemeingeltende Regel der

Sittenlehre hierüber ist die: der Feind werde in völlige Gleichheit mit

allen bedürftigen Gegenständen gesetzt; der ^Feind^ werde ^im

Bedürfniss^ vergessen; unser hülfsbedürftiger, hungernder, unbekleideter

Feind sey nicht mehr Feind, sey bloss hülfsbedürftig, hungernd,

unbekleidet. Alle jene Ausdrücke von Verzeihung, von Versöhnlichkeit

gegen den Feind sagen viel zu wenig; wo wir helfen und dienen können,

müssen wir unserem Feinde nicht verzeihen; wir müssen keinen Feind

haben, wir müssen nur den Hülfsbedürftigen sehen. Jeder Dienst, der sich

auf etwas Anderes gründet, hat kein Verdienst.

Die Liebenswürdigkeit solcher Gesinnungen brauche ich nicht erst zu

zeigen: aber den Einwurf befürchte ich von vielen, dass dies nur schöne

Gemälde seyen, die sich zwar gut darstellen und beschauen, aber nie ins

menschliche Leben einführen liessen; und dass man die Welt und das

menschliche Herz schlecht kenne, wenn man ihnen im Ernste so etwas

anmuthen wolle. Wenn es hierbei bloss aufs Widerlegen ankäme, so dürfte

ich nur das Beispiel Jesu, der im Angesichte des ungerechtesten und

schmerzhaftesten Todes für seine Verfolger betete; oder, wenn euch das

zu erhaben dünkte, das Beispiel seiner Jünger anführen, die gewiss

schwache Menschen waren, wie wir, und eben das thaten. Zweckmässiger

aber würde es seyn, die Mittel zu entwickeln, durch deren Gebrauch es

leicht, sehr leicht wird, so gegen seine Feinde zu handeln. Sie sind --

sorgfältige Selbstprüfung und lebhafte Erkenntniss seiner eigenen

Schwachheiten, das daraus entstehende Gefühl der Gebrechlichkeit der

menschlichen Natur überhaupt, und besonders die Ueberzeugung, dass das

wenigste Böse in der Welt erweislich aus Bosheit, und bei weitem das

meiste aus Unverstand geschehe: eine Betrachtung, die vor jetzt die

Kürze der Zeit mir verbietet.

Dies sind die allgemeinen Pflichten, die wir gegen unsern Feind, so wie

gegen alle Menschen haben. Es giebt aber noch eine besondere gegen den

ersteren, die: sie zu bessern und zu unseren Freunden zu machen; welche

gleichsam die Probe enthält, ob wir alle unsere übrige Pflichten gegen

sie redlich erfüllt haben. Haben wir alles weggeräumt, was dem Feinde

Veranlassung geben könnte, uns zu hassen; haben wir ihn stets mit Liebe

und Edelmuth behandelt, so kann es nicht fehlen, er wird endlich -- sey

es so spät, als es wolle -- er wird endlich gewiss unser Freund werden.

Und welch Vergnügen wird uns dann überströmen!

Ich habe, theure Freunde, durch eine Schilderung der Ruhe und

Heiterkeit, und des wahrsten Selbstgenusses, den solche Gesinnungen

unserer Seele geben, ebensowenig, als durch eine Darstellung der

Bitterkeit und der unangenehmen Empfindungen, welche Hass und

Unduldsamkeit über unser Herz verbreiten, diese Betrachtung unterbrechen

wollen, um nicht durch Vorstellung eures eigenen Nutzens euch zur

Anerkennung eurer Pflicht zu bestechen zu scheinen. Jetzt aber, nach

vollendeter Untersuchung, erlaubt mir einige Fragen an euer Herz zu

legen.

Ich will euch nicht fragen, ob ihr persönliche Feinde, -- solche Feinde

habt, denen alles zuwider ist, was von euch kommt, die alle eure

Unternehmungen zu hintertreiben suchen, die euer Unglück und euren

Untergang geschworen zu haben scheinen? Solche Feinde sind überhaupt

selten, und sind es besonders gegen eine stille, anspruchslose

Lebensart. Aber das lasst euch fragen, ob ihr nie beleidigt worden seyd?

und wer unter uns möchte wohl diese Frage mit Nein beantworten, da das

menschliche Herz überhaupt nur zu leicht beleidigt wird? Ich mag auch

nicht untersuchen, ob ihr euch nicht vielleicht durch eure eigene Schuld

diese Beleidigung zuzoget -- ihr sollt völlig recht, euer Beleidiger

völlig unrecht haben. Denkt euch jetzt einmal diese Beleidigung mit

allen ihren Umständen; denkt euch den Beleidiger gegenwärtig; oder

vielleicht ist er es, vielleicht ist er mit euch in diesem Gotteshause,

und ihr könnt ihn erblicken.

Wie wird euch bei seinem Anblick zu Muthe? was wünscht ihr ihm? wenn ihr

ihm in diesem Augenblicke einen beträchtlichen Schaden zufügen könntet,

würdet ihrs thun? wenn ihr in diesem Augenblicke ihm einen sehr

wesentlichen Dienst erzeigen könntet, würdet ihr eilen? würdet ihrs

willig und mit Freuden thun, oder würde es euch einen grossen Kampf

kosten? würdet ihr vielleicht vorher eure Bitterkeit gegen ihn auslassen

müssen?

Wie? ihr hättet Feindschaft mit euch in dieses Haus des Friedens

gebracht? indem ihr eure Stimmen mit den Stimmen eurer übrigen

Mitchristen zur Anbetung Gottes vereinigtet, hätte in einem der

geheimsten Winkel eures Herzens sich Abneigung gegen diejenigen

verborgen, die ihre Stimmen mit den eurigen vereinigten? unter den

Wünschen, die aus eurem Herzen zum Vater aller emporwallten, hätte sein

allsehendes Auge Wünsche für das Elend derer entdeckt, die seine Kinder

sind, wie ihr? Müsset ihr euch dann nicht vor Gott, dessen Auge wahrlich

in diesem Augenblicke das Innerste eurer Herzen durchschaut, schämen?

Seyd ihr bei diesen Gesinnungen bisher glücklich gewesen? Habt ihr euch

nie der Schwachheit geschämt, eure Ruhe von gewissen Anblicken, gewissen

Erinnerungen abhangen lassen zu müssen? eure ganze Seele als einen

Schauplatz der niedrigsten Empfindungen erblicken zu müssen, sobald eure

Gedanken auf gewisse Begebenheiten eures Lebens fielen?

Empfindet ihr diese Scham -- fühlt ihr diese Unannehmlichkeit eures

bisherigen Lebens -- o möchte es dann doch in dieser Stunde in allen

Seelen, in denen es bisher trübe war, helle werden; möchte doch allen

Freude aufgehen! Ihr könnt in diesem Augenblicke nicht hingehen zu eurem

Beleidiger, ihm nicht die Hand drücken, und ihn versichern, dass aller

Hass aus eurer Seele rein weggetilgt ist; -- dies ist nicht in eurer

Macht, aber euer Herz ist in eurer Macht. -- O möchten sie doch, diese

eure Herzen, in dieser Minute sich vereinigen, so wie ihr hier vereinigt

vor Gott sitzt; möchten sie doch in dieser Minute, Gott, und

alle seligen Geister, die uns hier umringen, zu Zeugen, den

unzertrennlichsten Bund des Friedens schliessen!

Du aber, o Gott, der du wahrlich hier zugegen bist, und unser aller Herz

siehst -- sey unser Zeuge -- wir wollen uns lieben, und nie hassen, wir

wollen von nun an allen Hass und Bitterkeit aus unserer Seele tilgen.

Amen.

Ueber die Wahrheitsliebe.

Eingang.

^A. Z.^ Das Wort ^Wahrheit^ wird in einer doppelten Bedeutung gebraucht,

und bezieht sich entweder auf die Erkenntnisse unseres Verstandes, oder

auf die Gesinnungen unseres Herzens. Wenn in Absicht unseres Verstandes

unsere Vorstellungen von den Dingen mit den Dingen an sich

übereinstimmen,[30] wenn z. B. dasjenige, was wir für ein Glück halten,

wirklich ein Glück, und dasjenige, was wir für ein Unglück halten,

wirklich ein Unglück ist, so ist Wahrheit in unserer ^Erkenntniss^, und

dieser Wahrheit Gegentheil heisst ^Irrthum^. -- Wenn in Absicht unseres

Herzens alle unsere Aeusserungen mit unseren inneren Gesinnungen

übereinkommen, so ist dies Wahrheit in der zweiten Bedeutung, welcher

wir ^Falschheit^ und ^Lüge^ entgegensetzen. Wenn man von Wahrhaftigkeit,

von der Pflicht sich der Wahrheit zu befleissigen u. s. w. redet, so

wird dies Wort in der letzteren Bedeutung gebraucht; denn Wahrheit in

der ersteren, oder die Richtigkeit unserer Vorstellungen von den Dingen

hängt von dem Maasse unserer Fähigkeiten und unserer Bildung, nicht aber

von unserem freien Willen ab, und lässt sich mithin weder durch

göttliche, noch durch menschliche Gesetze anbefehlen.

Wer wissentlich falsch und ein Lügner ist, wird dadurch nicht nur ein

sehr schädlicher Gegenstand für die Gesellschaft, sondern auch ein sehr

schändlicher für sich selbst: denn wie niederträchtig feige muss sich

derjenige erscheinen, der sich nie getrauen darf, seines Herzens Meinung

zu entdecken, und der im Innern seines Herzens ohne Unterlass eine

Schande sieht, die er vor jedes Anderen Auge sorgfältig verbergen muss!

Diese Pein der Selbstverachtung, oft um eines sehr geringen Vortheils

willen, auf sich zu nehmen -- dazu, sollte man meinen, würden die

wenigsten Menschen Entschlossenheit genug haben; und es müsste mithin

der Falschheit und der Lügen weit weniger unter ihnen seyn, wenn sie

nicht meistentheils damit angefangen hätten, sich selbst zu betrügen,

ehe sie andere betrogen, wenn ihr Herz in der Falschheit gegen andere

sich nicht erst an ihnen selbst geübt, und dieser unselige Selbstbetrug

sie nicht gegen die Schande, Betrüger Anderer zu seyn, abgehärtet hätte.

-- Ich habe jetzt, a. Z., ich habe die giftige Quelle genannt, aus

welcher unser ganzes sittliches Verderben herfliesst. Nur diese lasst

uns, wenigstens in uns selbst, zu verstopfen suchen. Hört mich deswegen

aufmerksam an, wenn ich heute von der Gemüthsverfassung, welche vor

jenem unseligen Selbstbetruge verwahrt -- wenn ich von ^Wahrheitsliebe^

mit euch rede.

[Fußnote 30: Man wird mir für die Kanzel diese Namenerklärung verzeihen,

und die Untersuchung, ob so etwas sich überhaupt nicht etwa widerspreche

und nichts gesagt sey, schenken. -- Wenigstens ist das hier Gesagte

nicht aus Unwissenheit gesagt.]

Du aber, o Gott, lautere Quelle aller Wahrheit, erwärme mich heute mit

einem Strahle deines Lichtes, da ich zu deinem Ebenbilde von dem, was

dein Wesen ausmacht, und wodurch allein der Sterbliche dir ähnlich wird,

von Wahrheitsliebe, reden soll. Geuss Licht und Wärme über meinen

Vortrag, und Verstand über den Geist meiner Zuhörer herab, die sich mit

mir vereinigen Dich darum anzurufen, u. s. w.

^Text.^ Das Evangelium am Sonntage Exaudi, besonders Joh. 15. v. 26.

Abhandlung.

Die verlesenen Worte sind aus der Abschiedsrede Jesu an seine Jünger.

Jesus, der sorgfältige Führer derselben, sollte sie, eben im Begriffe

ihr für die Menschheit so wichtiges, für sie selbst so schwieriges

Lehramt anzutreten, noch überhäuft von Vorurtheilen des Verstandes, und

noch grosser Schwachheiten des Herzens fähig, verlassen. Um sie hierüber

zu beruhigen, versprach er ihnen einen anderen Tröster, oder richtiger

^Führer^, der ihre Vorurtheile ebenso berichtige, und sie vor

Schwachheiten ebenso sorgfältig warne, als er selbst es bisher gethan

hatte, den ^Geist der Wahrheit^. Ich lasse ununtersucht, was man in

diesen Worten etwa alles finden kann, wenn man recht begierig etwas

recht Wunderbares sucht. Ungekünstelt erklärt sagen sie das, was ein

zärtlicher Vater sagen würde, wenn er in der Todesstunde seine noch

nicht völlig ausgebildeten Kinder um sich her versammelte, und zu ihnen

spräche: Bisher habe ich eure Handlungen geleitet; jetzt muss ich euch

verlassen, und das ist gut für euch, damit ihr endlich euch selbst

regieren lernt.[31] Statt meiner verweise ich euch an einen erhabenern

Führer, ^an euer Gewissen^. Wie ihr bisher auf meine Warnungen horchtet,

ebenso horcht hinführo auf die Warnungen dieses; und wie bisher mein

Beifall euer höchstes Ziel war, ebenso sey es hinführo der Beifall eures

eigenen Herzens: und dass dieses euch nie täuschen werde, dafür bürgt

mir die ^Wahrheitsliebe^, die ich in euch bemerkt und gepflegt habe. --

Jesus sagt, dass er ihnen diesen Wahrheitsgeist ^senden^ wolle, nicht

als ob sie etwa erst jetzt durch irgend ein Wunderwerk umgeschaffen die

Wahrheit würden lieben lernen, -- die Jünger Jesu, die an sich weder

besser unterrichtet, noch tugendhafter waren, als die übrigen Juden

ihrer Zeit, zeichneten sich eben durch Wahrheitsliebe, und bloss durch

sie von anderen aus, und wurden bloss um dieser willen Schüler Jesu --

sondern, weil sie erst jetzt, nach dem Verluste ihres äusseren Führers,

dieses inneren Führers bedürfen würden.

Wir alle, meine th. Fr., sind eben so, wie die Jünger Jesu, an unser

Gewissen gewiesen, und eben so nöthig, als Jene, bedürfen wir ^der

Wahrheitsliebe^, um seine Stimme zu hören. Es ist also der Mühe werth,

diese Wahrheitsliebe genauer kennen zu lernen.

Die Wahrheitsliebe, ^von der wir hier und heute reden^, besteht kürzlich

darin: ^dass man sich in seiner Meinung von seiner eigenen Tugend nicht

betrügen wolle^. Dies nun scheint Anfangs widersprechend; denn es

scheint auf den ersten Anblick unmöglich, ^sich selbst^ zu hintergehen,

und hintergehen zu ^wollen^.

[Fußnote 31: Joh. 16, 7.]

Wenn man aber daran denkt, dass der menschliche Wille durch zwei sehr

verschiedene Haupttriebe in Bewegung gesetzt wird, deren einer ihn

antreibt, sich vor Beschädigungen seines Leibes und Lebens zu sichern,

und die Mittel aufzusuchen, dieses Leben unter so vielen angenehmen

Empfindungen hinzubringen, als möglich; -- ein Trieb, den wir

^Eigenliebe^ nennen, und den wir mit den Thieren des Feldes gemein

haben: -- deren zweiter aber ihn drängt, das Gute zu verehren und das

Laster zu verabscheuen; -- ein Trieb, der uns in den Rang höherer

Geister und zum Ebenbilde der Gottheit erhebt, und den wir das

^Gewissen^ nennen; -- -- Triebe, die so verschieden sind, dass daher

einige zwei Seelen im Menschen angenommen haben; eine Bemerkung, welche

allein es schon hinreichend erklärt, wie Jesus von dem verheissenen

Geiste der Wahrheit, als von etwas ^ausser den Jüngern^ reden konnte, so

wie auch schon ein Weiser einer anderen Nation das Gute und Edle, das er

that oder sagte, den Eingebungen eines höheren Geistes zugeschrieben

hatte: --

wenn man ferner bedenkt, dass diese beiden Antriebe, -- der der

Eigenliebe und der des Gewissens -- sich oft geradezu widerstreiten,

indem der erstere den Menschen antreibt, etwas als angenehm und nützlich

zu begehren, was der zweite als schändlich und ungerecht ihn zu

verabscheuen nöthigt:

wenn man dieses beides bedenkt, so lässt sich sehr leicht einsehen, wie

der Mensch, dem die Tugend nicht lieb genug ist, um alles für sie

aufzuopfern, in dem Gedränge, in welches er bei diesem Widerstreite

geräth, und in der Wahl, entweder die Befriedigung seiner liebsten

Neigungen aufzugeben, oder sich selbst für einen ungerechten und

schändlichen Menschen zu halten, einen Ausweg suchen und ihn darin

finden werde, dass er sich überrede, sein Vergehen sey so gross noch

nicht, und er könne demohngeachtet doch noch ein guter Mensch seyn.

Solche Menschen sind nicht einmal stark genug, um ganz Bösewichter zu

seyn, und begierig, die Lust des Lasters und die Freuden des guten

Gewissens mit einander zu vereinigen, betrügen sie sich selbst, oder die

schlechtere Seele in ihnen verfälscht die Aussagen der besseren. Der

trüglichen Vorspiegelungen, deren sie sich dazu bedienen, sind

unzählige.

Jetzt überreden sie sich, andere ^Bewegungsgründe^ bei ihren Handlungen

gehabt zu haben, als sie wirklich hatten, und glauben es sich z. B. im

Ernste, dass Gerechtigkeits- und Pflichtliebe, oder Wohlthätigkeit sie

da geleitet habe, wo sie doch ihrer angeborenen Härte oder ihrer

Eitelkeit fröhnten. -- So waren die, von denen Jesus in unserem

Evangelium sagt (Cap. 16, 2): sie werden, indem sie euch tödten, Gott

einen Dienst damit zu thun meinen. -- Eigentlich war wohl beleidigter

Stolz und Rechthaberei dasjenige, was die verfolgungssüchtigen Juden, so

wie die Verfolger aller Zeiten und Völker, trieb, nicht aber die

Begierde, Gott einen Dienst zu thun. Das letztere banden sie sich wohl

nur so auf; denn es ist sehr zweifelhaft, ob sie, wenn ^sie^ an ihrer

Seite die Gemarterten, und ^ihre Gegner^ die Marterer gewesen wären,

unter den Qualen des schmerzlichsten Todes gerufen haben würden: o, was

für liebe fromme Leute sind doch unsere Mörder! Es ist wahr, dass uns

der Tod schwer, und die Qualen desselben schmerzhaft ankommen; aber sie

meinen es dabei doch so herzlich gut, und martern uns aus brennender

Andacht und sehr thätiger Menschenliebe zu Tode.

Jetzt rechnen sie sich gewisse gute Handlungen, die sie darum thaten,

weil sie ihnen die wenigste Aufopferung kosteten, so hoch als möglich

an, und meinen damit alle ihre übrigen Vergehungen zu vergütigen. So

soll etwa ein schweres Almosen, mit langsamer widerstrebender Hand

dargereicht, für alle Ausbrüche unreiner Lüste, oder für eine Menge

schreiender Ungerechtigkeiten genugthun.

Das ist Selbstbetrug in der ^Anwendung^ der Aussprüche unseres Gewissens

auf ^unsere Handlungen^; ein Betrug, der sich Keinem, dem es ein Ernst

ist, sich selbst recht kennen zu lernen, lange verbergen kann; denn aus

ihm entstehen die schreiendsten Widersprüche in den Grundsätzen, wonach

wir ^uns^, und in denen, wonach wir ^andere^ beurtheilen. Wir wollen

dann immer die Ausnahme von allen übrigen Menschen seyn, und was für

alle andere ungerecht ist, soll für uns erlaubt, was bei allen anderen

höchst zweideutig ist, soll bei uns schön und edel seyn.

Da nun bei einem so groben Selbstbetruge unser Herz immer in der Gefahr

ist, auf seiner Falschheit ergriffen zu werden; da ferner gewisse

Handlungen nach allen möglichen Milderungen und Beschönigungen doch noch

immer ein sehr hässliches Aussehen behalten, so fällt der Mensch aus

diesem gefährlichen Selbstbetruge leicht in einen noch gefährlicheren:

er sucht sich nemlich des einzigen höchsten Gesetzes für seine

Handlungen, seines Gewissens, das ihm so lästig geworden ist, ganz zu

entledigen, und beruft sich, -- ein Jeder nach Maassgabe seines

Scharfsinnes -- auf ein anderes: der Schwache auf das Beispiel der

grösseren, oder der vom Schicksale begünstigteren Menge; der

Scharfsinnigere geradezu auf seine Neigung, die er statt des zum

Vorurtheile herabgewürdigten inneren Gefühls durch tausend

Spitzfindigkeiten als höchstes Gesetz für die freien Handlungen

vernünftiger Wesen aufzustellen sucht; endlich ganze Zeitalter -- o

unseligste Ausgeburt des menschlichen Verderbens! -- auf erdichtete oder

verfälschte Offenbarungen der Gottheit, die, unter der Gewährleistung

eben des Gottes, der seinen Willen unauslöschlich in unser Herz schrieb,

diesem in unser Herz geschriebenen Willen geradezu widersprechen und in

seinem Namen das Laster in Tugend verwandeln. -- Sehet da, m. Br., in

dem Verderben der Menschen, und in ihrer Begierde, dieses Verderben vor

sich selbst zu verbergen, die wahre Urquelle Jenes: »andere, die es doch

besser verstehen sollten, machen es eben so« -- das man so oft hört;

jener Gebäude von Sittenvorschriften, die jetzt feiner, jetzt gröber

unsere Neigung als höchstes Sittengesetz aufstellen, und nach denen

nichts unerlaubt ist, als wozu es uns an Kraft fehlt; jener

Religionsgrundsätze, die uns dort durch Tausender, hier durch Eines

fremdes Verdienst -- nicht etwa ^das Fehlende^ eigener Verdienste bei

dem möglichst thätigen guten Willen -- eine solche Hoffnung bietet die

Religion, und verstattet die Vernunft Jedem, der ihrer bedarf -- sondern

den gänzlichen Mangel an eigenem guten Willen ersetzen lehren, und uns

am Ende eines gemisbrauchten Lebens dort in eine Mönchskutte, und hier

an ein kaltes: Herr, ich glaube, verweisen!

Dies sind die Wege, die das menschliche Herz nimmt, um sich der

Erkenntniss der Wahrheit zu entziehen. Um allen diesen Fallstricken, die

der schlauste Verführer, unser eigenes Ich, uns legt, zu entgehen,

bedarf es der ^Wahrheitsliebe: -- der entschiedenen vorherrschenden

Neigung, die Wahrheit _bloss um ihrer selbst willen_ -- sie falle für

uns auch aus, wie sie wolle -- anzuerkennen^. -- Diese Wahrheitsliebe,

oder mit Jesu zu reden, dieser Geist der Wahrheit treibt uns fürs erste,

unser Gewissen als den einzigen Richter über das, was recht oder unrecht

ist, und als das höchste Gesetz anzuerkennen, dem wir immer und ohne

Ausnahme zu gehorchen, schlechterdings schuldig sind. -- Die schönste

Uebersetzung des allgemeinen Ausspruchs dieses Gesetzes ist die, welche

Jesus gegeben hat: ^Was ihr nicht wollt, dass es euch die Leute thun,

das thut auch ihr ihnen nicht^, oder allgemeiner: ^was euch an anderen

ungerecht und schändlich vorkommt, das ists gewiss auch an euch; denn

ebendieselbe Stimme in euch, die es an andern verdammt, verdammt es auch

an euch^.

Es ist also der erste und der Hauptgrundsatz der Wahrheitsliebe: ^nichts

sich für erlaubt zu halten, was man nicht allen anderen stets und immer

erlauben möchte^. -- Die Vernunftmässigkeit dieses Grundsatzes ist ^so^

einleuchtend, und es ist ^so^ unvernünftig, zu glauben, dass ein

Einziger eine Ausnahme vom ganzen Menschengeschlechte und allen

vernünftigen Wesen machen solle; dass Ihm allein erlaubt seyn solle, was

er allen anderen nicht erlaubt, und für ihn allein gerecht und edel seyn

solle, was er an allen anderen ungerecht und schändlich findet: dass es

schwer wird, es zu glauben, dass der grösste Haufen der Menschen sein

eigenes geliebtes Ich in diesen Rang setze, und diesem Gedanken gemäss

handele.

Diese Wahrheitsliebe treibt fürs zweite den, in welchem sie herrschend

geworden ist, ^sich nach den Vorschriften seines Gewissens unparteiisch

zu prüfen^. -- Es ist ihm nur um die Wahrheit zu thun; nur sie ist ihm

werth und willkommen; sie ist ihm weit theurer als Er sich selbst; laute

sie, wie sie wolle, wenn es nur Wahrheit ist. Er wird also, weit

entfernt nach Entschuldigungen und Beschönigungen zu haschen, vielmehr

sehr sorgfältig über sein betrügerisches Herz wachen. Er wird seine

Fehler nicht geringer, seine Tugenden nicht grösser machen wollen, als

sie sind. Er wird sich, wenn die Stimme der Wahrheit, -- das heiligste,

was er kennt -- ihn verurtheilt, dem Schmerze der Reue und dem Gefühle

der Scham vor sich selbst edelmüthig unterwerfen.

Diese Wahrheitsliebe nun treibt unwiderstehlich zur Tugend. Anerkennt

man das Gewissen für sein höchstes Gesetz; prüft man sich unparteiisch

nach demselben, so wird man die Pein, sich selbst verachten zu müssen,

nicht länger ertragen, sich nicht entschliessen können, sich selbst für

ungerecht und böse zu halten, und -- es bleiben zu wollen. So ein

Zustand ist wider die menschliche Natur. Sich für verdorben halten, und

sich entschliessen, es zu bleiben, ist widernatürlich.

Dieser Wahrheitsgeist zeugt, laut unseres Textes, von Jesu. Er überzeugt

Jeden, in dem er herrschend geworden, durch eigene Erfahrung, dass die

Sittenlehre Jesu die reinste Darstellung der Aussprüche unseres

Gewissens sey. ^So jemand will den Willen thun des, der mich gesandt

hat, der wird inne werden, ob diese Lehre von Gott sey, oder ob ich von

mir selber rede^, konnte er mit seinem vollen Rechte sagen.

Doch hört noch, a. Z., die eigenen Worte dieses Jesus über

Wahrheitsliebe, damit ihr euch noch mehr überzeugt, dass ich euch jetzt

nicht etwa philosophische Untersuchungen, sondern reine Bibellehre

vorgetragen habe, die jeden Christen angeht. So sagt Jesus Joh. 3,

19-21.

^Das ist das Gericht^, d. h. das ist der wesentliche Unterschied, der

zwei sehr verschiedene Arten von Menschen ihrer Denkungsart, und ihren

damit genau verbundenen Schicksalen nach unterscheidet, dass einige,

^obgleich das Licht in die Welt gekommen ist, die Finsterniss mehr

lieben, als das Licht^, d. h. dass sie, obgleich die Stimme der Wahrheit

laut genug in ihrem Gewissen redet, und sie auch von aussen aufmerksam

auf dieselbe gemacht werden, dennoch die Wahrheit nicht anerkennen

^wollen^, sie hassen und meiden, und nur den Betrug lieben, der ihnen

schmeichelt, ^da ihre Werke böse sind^. -- ^Wer Arges thut, hasset das

Licht^, oder die Wahrheit, ^und er kömmt nicht an das Licht^, er weicht

der Erkenntniss der Wahrheit sorgfältig aus, ^damit seine Werke nicht

gestraft werden^, damit er nicht von seiner Verdorbenheit überführt, und

vor sich selbst beschämt werde. -- -- Die von dieser Menschenklasse sehr

Verschiedenen sind diejenigen, ^welche die Wahrheit thun^, welche ihr

Gewissen für das höchste Gesetz ihres Verhaltens anerkennen, und fest

entschlossen sind, der Stimme desselben in allem zu gehorchen: -- ^diese

kommen an das Licht^, sie mögen sich gern in ihrer wahren Gestalt

erblicken, ^damit ihre Werke offenbar werden^, und sie dadurch sich

selbst kennen lernen, wie weit sie in der Tugend gekommen sind, und was

ihnen zu thun noch übrig ist.

Dieser Geist der Wahrheit ^geht^, nach den Worten Jesu in unserem Texte,

^vom Vater aus^; er ist ein Geschenk der Gottheit, von welcher alle gute

Gaben kommen, und das Edelste, was sie der Menschheit gab. Aber Gott gab

dieses Geschenk nicht etwa nur einigen, und versagte es anderen, er gab

die Anlage dazu allen; gab sie gewiss auch Jedem, der hier gegenwärtig

ist. -- -- O, m. Br., warum kann ich nicht mit Jedem unter euch in die

geheime Geschichte seines Herzens zurückgehen; warum kann ich nicht

Jedem, Schritt vor Schritt, die Vorfälle aufzählen, bei denen die

bessere Seele in ihm lauter wurde? --

Denkt zurück an die innige Bewegung, mit der die meisten unter euch das

erste Mal beim Nachtmahle erschienen; an die Thränen der Rührung, mit

denen ihr damals vor den Augen Gottes und den Augen der Gemeine

angelobtet, der Stimme eures Gewissens stets zu gehorchen; an die

ernsthaften Vorsätze der Besserung, mit denen ihr diese Handlung oft

wiederholt habt; an die noch ernsthafteren Vorsätze, die ihr fasstet,

wenn Krankheit oder eine andere Noth euch veranlasste, einen Blick in

euer Innerstes zu thun; an den Schauder und das Herzklopfen, das auch

den Verdorbensten unter uns übermannte, wenn er eine Sünde thun wollte,

die ihm neu und grösser war, als seine vorhergehenden; an das Entsetzen,

das uns alle befällt, wenn wir von einer harten Ungerechtigkeit, von

einer grossen Schandthat hören -- alles das waren und sind Spuren dieser

besseren Seele in uns.

Und nun ist es unsere Sache, uns zu prüfen, wie viel von dieser

ursprünglichen Wahrheitsliebe wir in uns übriggelassen haben. Und diese

Prüfung, m. Br., ist nicht schwer; auf der Stelle können wir unser Herz

auf dem Betruge ergreifen, wenn es uns betrügt.

Der gemeinste Begriff, den selbst der unausgebildetste von seiner

Bestimmung hat, ist der, ^Gott zu gefallen und in den Himmel zu kommen^.

Wer ist unter uns, der das nicht hoffe? Worauf gründen wir nun diese

Hoffnung, -- nicht von ^Gottes^ Seite, davon ist hier nicht die Rede, --

sondern von ^der unsrigen^, oder, was denken ^wir^ zu thun, um in den

Himmel zu kommen? Tröstet ihr euch etwa eures Kirchen- und eures

Nachtmahlsgehens -- oder wohl gar einer kalten Reue, die ihr einst auf

eurem Sterbebette empfinden wollt -- tröstet ihr euch irgend eines

Dinges, ausser der gewissenhaften Erfüllung aller eurer Pflichten, und

des ernstesten Entschlusses nichts zu thun, was ihr für unrecht haltet:

so hat euch bisher euer Herz betrogen, denn es hat euch an ein ander

Gesetz angewiesen, als an euer Gewissen.

Ihr habt alle irgend ein Vorhaben; ihr habt vielleicht ohnlängst irgend

ein anderes ausgeführt. -- Könnt ihr im Ernste wünschen, dass jeder

eurer Nebenmenschen stets und immer so handle, dass er auch gegen euch

so handle, wie ihr gehandelt habt, oder zu handeln im Begriffe steht;

könnt ihr wünschen, in einer Welt zu leben, wo jeder so handelt? Solltet

ihr dieses nicht wünschen können, -- haltet ihr demohngeachtet eure

Handlung noch für gerecht und billig? Haltet ihr sie dafür, so seyd

versichert, dass euer Herz euch betrügt, und dass die Entschuldigungen,

die es euch darbietet, eitel Täuschungen sind.

Es ist, wenn wir in dieser Prüfung unser Herz nicht ganz lauter befunden

haben sollten, nun unsere Sache, zu sehen, wie wir diese Wahrheitsliebe

in uns wieder herstellen wollen, -- wenn wir anders nicht länger jeden

Blick, den wir in unseren Busen werfen, mit Erröthen wieder

zurückreissen wollen; nicht länger von dem Auge des ehrlichen Mannes uns

gedrückt fühlen, und schüchtern suchen wollen, unser Herz vor ihm zu

verbergen, dass er nicht durch irgend eine Spalte desselben unsere

Schande entdecke; nicht länger dem Gedanken an Gott, den

Herzenskündiger, und an die Zukunft, mit Angst ausweichen wollen.

Dazu giebt es nun leider kein Mittel, was nicht wenigstens einen Theil

dieser Wahrheitsliebe voraussetzte, die dadurch erst hervorgebracht

werden soll. Wer gar keine mehr hat, der ist ohne Rettung verloren;

treibt ihn in die Enge, soviel ihr wollt, -- er wird stets recht haben,

und nie wird es ihm an Entschuldigungen und Ausflüchten fehlen; er wird,

wie Jesus sagt, nicht glauben, und wenn die Todten auferständen, und ihm

die Wahrheit predigten; daher denn auch die Gottesgelehrten diesen

Zustand sehr passend das ^Gericht der Verstockung^ genannt haben. --

Aber sollte es viele, sollte es überhaupt Menschen geben, die ^so^ tief

verfallen seyen? Auf das verdorbenste Herz geschehen zuweilen noch gute

Eindrücke; wenn ihnen ihr ganzer trauriger Zustand recht nach dem Leben

vor Augen gemalt wird; oder, wenn sie in ein grosses Unglück verfallen,

aus dem sie mit ihrer ganzen Kraft sich nicht retten können; oder wenn

sie das Schauspiel einer grossen Unthat erblicken, und sich gestehen

müssen, dass sie auf dem geraden Wege zu dem gleichen Verbrechen sind;

oder, welches das letzte und härteste Rettungsmittel in der Hand der

Vorsehung ist, -- wenn sie selbst in eine grosse Missethat fallen, über

die sie hinterher sich selbst entsetzen.

Gott gebe, dass keiner in unserer Mitte sey, der solcher Mittel bedürfe;

er gebe, dass keiner, der ihrer bedarf, auch diese ungenützt lasse.

Amen.

C.

Ueber Geist und Buchstab in der Philosophie. In einer Reihe

von Briefen. 1794.[32]

(Phil. Journal 1798. Bd. IX. S. 199-232. S. 292-305.)

Erster Brief.

Sie haben Ihre Erwartungen von der Philosophie noch nicht aufgegeben,

mein theurer Freund; Sie fahren fort, an unseren Bemühungen um dieselbe

Antheil zu nehmen, und füllen noch immer einen Theil Ihrer

Erholungsstunden mit philosophischer Lectüre. Aber, so schreiben Sie

mir, der Nachbar dürfte fast durch die Vorstellung einer neuen Gefahr

Sie beunruhigen. Ihn macht der Unterschied bedenklich, den ein oder zwei

neuere Schriftsteller zwischen Geist und Buchstaben in der Philosophie

überhaupt, und insbesondere einer gewissen Philosophie und gewisser

philosophischer Werke gemacht haben. Wo es hinauswolle, und was aus dem

unermüdetsten Studiren werden könne, wenn es dem ersten dem besten

erlaubt seyn solle, die mit saurer Mühe zusammengebrachten Kenntnisse im

ersten Andrange des Kraftgenies zu streichen: unter dem Vorwande, dass

dies doch nur der Buchstabe sey, und nicht der Geist? -- Der Nachbar

denkt auf Sicherheit, und Sie wünschen eine klare Einsicht in die

Beruhigungsgründe, die Sie schon jetzt dunkel fühlen. Sie haben bemerkt,

dass ich auch mit für diese Unterscheidung stimme, und verlangen von mir

eine gründliche und gemeinfassliche Auseinandersetzung: was Geist ^der^

Philosophie, und Geist ^in^ der Philosophie heisse, und wie sich

derselbe vom Buchstaben, und vom blossen Buchstaben unterscheide.

[Fußnote 32: Die folgenden drei Briefe, deren Fortsetzung in einem der

künftigen Hefte erscheinen wird, sind schon vor vier Jahren abgefasst

worden. -- Ich erinnere dies, um das Stillschweigen über neuere Vorfälle

und Aeusserungen, an die man durch diese Ueberschrift erinnert wird, zu

erklären.

(Anm. des Verfassers.)]

Ich hoffe, dass Sie durch die Forderung der Gründlichkeit mich nicht

über Vermögen verpflichten wollen: dass Sie durch dieselbe nicht mehr

andeuten, als dass ich nach bestem Wissen und Gewissen, soweit ich

selbst auf den Grund sehe, jenen Unterschied aus ihm ableite. Das würde

denn auch in der Kürze geschehen können, wenn ich alles, was die

unmittelbare Beantwortung Ihrer Frage voraussetzt, voraussetzen dürfte.

Da dies aber Ihre Rechnung nicht zu seyn scheint, indem Sie zugleich

Gemeinfasslichkeit fordern, so muss ich Sie einen längeren Weg führen,

von welchem ich wünsche, dass er Ihnen nie als ein Umweg erscheinen

möge. Sie sollen auf demselben langsam gehen, und zuweilen ruhen und

Aussicht nehmen; aber mit ein wenig Geduld hoffe ich Sie an das Ziel zu

bringen und ihre Besorgnisse zu heben. -- Was die Belehrung des Nachbars

anbelangt -- doch, die Erfahrung, die Sie dabei zu machen haben, kann

wenigstens für Sie selbst belehrend seyn.

Ehe ich Ihnen deutlich machen kann, was ich unter Geist in der

Philosophie verstehe, müssen wir uns darüber vereinigen, was wir

überhaupt Geist nennen.

Sie erinnern sich der Klagen, die Sie führten, als Sie ein gewisses, von

einigen hochgepriesenes Buch lasen. Sie konnten sich in dasselbe nicht

hineinlesen. Sie hatten es vor sich und Ihre Augen fest darauf geheftet;

aber Sie fanden, so oft Sie auf sich selbst reflectirten, sich weit von

dem Buche; jeder Ihrer Angriffe auf den Inhalt und den Gang desselben

gleitete ab, und so oft auch Sie den spröden Geist desselben ergriffen

zu haben glaubten, entschlüpfte er Ihnen unter den Händen. Sie hatten

nöthig, immer und immer wieder sich selbst zu erinnern, dass Sie dieses

Buch studiren wollten, es studiren müssten; und es bedurfte der oft

wiederholten Vorstellung des Nutzens und der Belehrung, die Sie daraus

erwarteten, um den fortdauernden Widerstand auszuhalten; bis Sie endlich

aus anderen Gründen überzeugt wurden, dass Sie es ebensowohl ungelesen

lassen könnten, und dass selbst die Ausbeute nur geringe und der

aufgewandten Mühe nicht werth seyn werde. -- Lag dabei die Schuld

lediglich an Ihnen, an Ihrem Mangel an Aufmerksamkeit, an dem

Nichtverhältnisse Ihres Talents gegen die Tiefe und Gründlichkeit jenes

Buches? Sie schienen das nicht zu glauben; die Stimmung, in der Sie sich

bei der Lectüre anderer, nicht minder gründlicher Schriften fanden,

erlaubte Ihnen, eine günstigere Meinung von sich zu fassen. Sie fühlten

von diesen sich angezogen und gefesselt; es bedurfte keiner Erinnerung

an Ihren Vorsatz, das Buch zu studiren, und an den Vortheil, den Sie

sich aus dem Studium desselben versprachen. Sie brauchten bei einer

Lectüre, die allein Ihren ganzen Geist ausfüllte, keinen Zweck

ausserhalb derselben aufzusuchen, und nur das kostete Ihnen Mühe, sich

davon loszureissen, wenn andere Geschäfte Sie abriefen. Sie waren

vielleicht mehrmals in einem ähnlichen Falle, wie eine gewisse

französische Frau. Die Stunde, da der Hofball eröffnet wurde, traf

dieselbe bei der Lectüre der neuen Heloise. Man meldete ihr, dass

angespannt sey; aber es war noch zu früh, nach Hofe zu fahren. Nach zwei

Stunden, da man sie wieder erinnerte, war es noch immer Zeit genug; und

zwei Stunden darauf fand sie es zu spät. Sie las die ganze Nacht durch,

und opferte für dieses Mal den Ball auf.

So gehts mit Büchern, so geht es mit anderen Producten der Kunst sowohl,

als der Natur. Das eine lässt uns kalt und ohne Interesse, oder stösst

uns wohl gar zurück; ein anderes zieht uns an, ladet uns ein, bei seiner

Betrachtung zu verweilen und uns selbst in ihm zu vergessen.

Diese Erfahrung ist um so merkwürdiger, da die Gründe, aus denen man sie

etwa auf den ersten Anblick dürfte erklären wollen, nicht auslangen. Der

weniger ernsthafte und oberflächliche Leser, der nur Vergnügen sucht,

und an den die Belehrung fast nur durch einen feinen Betrug unter der

Gestalt des ersten gelangen kann, mag im ganzen freilich lieber durch

Erzählungen unterhalten seyn, als mit dem Schriftsteller nachdenken und

forschen. Aber oft gelingt es der reichsten Erzählung, wo Begebenheiten

auf Begebenheiten folgen, die eine immer abenteuerlicher als die andere,

nicht, die Aufmerksamkeit des Lesers anzuziehen; und es giebt ihrer in

Menge, die, ohne alle Rücksicht auf Belehrung, lieber mit Voltaire

räsonniren, oder mit Lessing polemisiren, als die Begebenheiten der

schwedischen Gräfin sich erzählen lassen. Es scheint daher allerdings

der Mühe werth, und liegt vielleicht auf unserem Wege, zu untersuchen:

was es doch eigentlich seyn möge, das uns hier, es sey zu Frivolitäten

oder zu ernsthaften und wichtigen Untersuchungen, so mächtig hinzieht;

dort, so wichtig und nützlich auch der abgehandelte Gegenstand sey, so

unwiderstehlich zurückstösst?

So viel ist klar, dass ein Werk der erstern Art unsern Sinn selbst für

seinen Gegenstand anregen, beleben, stärken möge; dass ein solches Werk

uns nicht bloss das Object unserer geistigen Beschäftigung, sondern

zugleich das Talent gebe, uns mit demselben zu beschäftigen, uns nicht

das Geschenk allein, sondern sogar die Hand darreiche, mit der wir es

ergreifen sollen; dass es das Schauspiel und die Zuschauer zugleich

erschaffe, und, wie die Lebenskraft im Weltall, mit demselben Hauche der

todten Materie Bewegung und Organisation, und der organisirten geistiges

Leben mittheile: da hingegen ein Product von der letztern Klasse gerade

denjenigen Sinn, dessen man zu seinem Genusse bedürfte, aufhält und

hemmt, und durch den fortdauernden Widerstand ermüdet und tödtet; so

dass der in jedem Augenblicke abgelaufene Mechanismus des Geistes durch

einen neuen Druck der Haupttriebfeder in ihm, der absoluten

Selbstthätigkeit, wieder hergestellt werden muss, um im nächsten

Augenblicke wieder unterbrochen zu werden. Im ersten Falle denkt unser

Verstand, oder dichtet unsere Einbildungskraft von selbst mit dem

Künstler zugleich, und sowie er es will, ohne dass wir ihr gebieten; die

gehörigen Begriffe, oder die beabsichtigten Gestalten bilden und ordnen

sich vor unserem geistigen Auge, ohne dass wir die Hand daran gelegt zu

haben glauben. Im zweiten Falle müssen wir immer über uns selbst wachen

und uns in strenger Aufsicht haben, stets das Gebot der Aufmerksamkeit

wiederholen und über seine Beobachtung halten. Wie wir unser geistiges

Auge wegwenden, entfleucht unsere Aufmerksamkeit vom Ziele, die

unbewachte Phantasie sucht wieder ihre gewohnte Bahn, oder auch der

Geist fällt in sein dumpfes Hinbrüten zurück. Mit einem Worte: Producte

der erstern Art scheinen eine belebende Kraft zu haben für den innern

Sinn, und insbesondere jedesmal für denjenigen besonderen Sinn, für den

ihre Auffassung gehört; Producte der letztern Art mögen Ordnung und

Gründlichkeit und Nutzbarkeit, sie mögen alles haben, was man will, jene

Kraft haben sie nicht.

Wir nennen diese belebende Kraft an einem Kunstproducte Geist, den

Mangel derselben Geistlosigkeit, und stehen sonach gerade vor dem

Gegenstande, welchen wir zu untersuchen haben.

Wie erhält ein menschliches Product jene belebende Kraft, und woher hat

der geistvolle Künstler das Geheimniss, sie ihm einzuhauchen? Mit

angenehmem Befremden entdecke ich bei Betrachtung seines Werkes Anlagen

und Talente in mir, die ich selbst nicht kannte. Hat er auf diese

Anlagen in mir die Wirkung seiner Kunst berechnet? Ohne Zweifel; denn

woher sonst dieser Erfolg? Aber wer hat ihm mein Inneres aufgedeckt, in

welchem ich selbst ein Fremdling war? Wenn er noch allenfalls durch hohe

Vorstellungen aus der Religion mich in überirdische Welten erhöbe, oder

durch die Schrecken des Weltgerichts erschütterte, oder durch die Leiden

der sanftduldenden Unschuld mir Thränen entlockte, möchte es seyn;

unerachtet es noch immer wunderbar bliebe, wie er es dahin bringt, dass

ich auf seine Dichtungen, die ich für nichts als Dichtungen halte, mich

nur einlasse und ihnen Empfindungen widme, die nur zu wahr sind. Aber

mit der gleichen Zuversicht schildert sein Griffel einen ländlichen

Tanz, wirft sein Pinsel eine Feldblume auf die Leinwand, und mein Herz

ist immer seine gewisse Beute. Wo liegt der unbegreifliche Zusammenhang

dieser Mittel mit jenem Zwecke, und durch welche Kunst hat er errathen,

was durch kein Nachdenken sich dürfte finden lassen?

Zweiter Brief.

Sie nehmen die am Ende meines vorigen Briefes hingeworfene Frage auf,

und beantworten sie folgendermaassen:

»Nirgends als in der Tiefe seiner eigenen Brust kann der geistvolle

Künstler aufgefunden haben, was meinen und Aller Augen verborgen in der

meinigen liegt. Er rechnet auf die Uebereinstimmung anderer mit ihm; und

rechnet richtig. Wir sehen, dass unter seinem Einflusse die Menge, wenn

sie nur ein wenig gebildet ist, wirklich in Eine Seele zusammenfliesst,

dass alle individuelle Unterschiede der Sinnesart verschwinden, dass die

gleiche Furcht, oder das gleiche Mitleid, oder das gleiche geistige

Vergnügen Aller Herzen hebt und bewegt. Er muss demnach, inwiefern er

Künstler ist, dasjenige, was allen gebildeten Seelen gemein ist, in sich

haben, und anstatt des individuellen Sinnes, der uns andere trennt und

unterscheidet, muss in der Stunde der Begeisterung gleichsam der

Universalsinn der gesammten Menschheit, und nur dieser, in ihm wohnen.

-- Wir alle sind auf mannigfaltige Weise von einander verschieden; kein

Einzelner ist irgend einem andern Einzelnen, dem Geistescharakter so

wenig, als dem körperlichen nach, vollkommen gleich.«

»Dennoch müssen wir alle, näher oder entfernter, nach Maassgabe der

Gleichförmigkeit oder der Verschiedenheit unserer Ausbildung, schon auf

der Oberfläche unseres Geistes, oder in seinen geheimeren Tiefen gewisse

Vereinigungspuncte haben; denn wir verstehen uns, wir können uns

einander mittheilen, und aller menschliche Umgang ist von Anbeginn an

nichts anderes gewesen, als ein ununterbrochener Wechselkampf aller

Einzelnen, jeden Einzelnen, mit dem sie im Gange des Lebens

Berührungspuncte bekamen, mit sich selbst übereinstimmig zu machen. Was

keinem so leicht, und keinem ganz gelingt, gelingt dem Künstler, indem

er das Ziel verändert, und es aufgiebt, seine Individualität in andern

darzustellen; vielmehr diese selbst aufopfert, und statt ihrer jene

Vereinigungspuncte, die in allen Einzelnen sich wiederfinden, zum

individuellen Charakter seines Geistes und seines Werkes macht. Daher

heisst das, was ihn begeistert, Genius, und hoher Genius: ein Wesen aus

einer höheren Sphäre, in welcher alle niedere und irdische Grenzlinien,

die den individuellen Charakter der Erdenmenschen bestimmen, nicht mehr

unterschieden werden und in einen leichten Nebel zusammenfliessen.«

»Da die Mittel, deren er sich bedient, um jenen Gemeinsinn in uns

anzuregen und zu beschäftigen, und die Individualität, so lange er uns

unter seinem Einflusse hält, verstummen zu machen, -- da diese Mittel

und ihr nothwendiger Zusammenhang mit der Wirkung durch kein Nachdenken,

durch keine Beziehung auf ihren Zweck durch Begriffe, so leicht dürften

aufgefunden werden, wenigstens alle bisherigen Bemühungen, sie auf diese

Art aufzufinden, gescheitert sind: so kann er nur durch Erfahrung, durch

eigene innere Erfahrung an sich selbst, zur Kenntniss derselben gelangt

seyn. Er hat einst selbst empfunden, was er uns nachempfinden lässt, und

dieselben Gestalten, die er jetzt vor unser Auge hinzaubert, --

ununtersucht, auf welchem Wege sie vor das seinige kamen, -- haben ihn

einst selbst in jene süsse Trunkenheit, in jenen holden Wahnsinn

eingewiegt, der uns alle bei seinem Gesange, oder vor seiner belebten

Leinwand, oder bei dem Tone seiner Flöte ergreift. Er ist wieder zur

kalten Besonnenheit gekommen, und stellt mit nüchterner Kunst dar, was

er in der Entzückung erblickte, um in seine Verirrung, deren geliebtes

Andenken ihn noch mit sanfter Rührung erfüllt, das ganze Geschlecht

hineinzuziehen, und die Schuld, welche die Einrichtung seiner Gattung

auf ihn lud, unter die ganze Gattung zu vertheilen. Wo gebildete

Menschen wohnen, wird bis an das Ende der Tage das Andenken seiner

längst erloschenen Begeisterung durch ihre Wiederholung gefeiert

werden.«

So lösen Sie die vorgelegte Aufgabe; und ich glaube, Sie haben recht.

Aber erlauben Sie, dass wir gemeinschaftlich uns Ihre Meinung weiter

aufklären, sie in ihre feineren Bestandtheile zerlegen, sie aus ihren

Gründen entwickeln, um uns etwas Bestimmtes zu denken unter jenem

Universalsinne, den Sie Ihrer Erklärung zum Grunde legen; um klar

einzusehen, wie jener Eindruck entstehe, den sie auf diesen Sinn in der

Seele des Künstlers geschehen lassen; um zu begreifen, so gut es sich

begreifen lässt, warum sich derselbe so leicht und so allgemein

mittheile.

Vollkommen unabhängig von aller äusseren Erfahrung, und ohne alles

fremde Hinzuthun soll der Künstler aus der Tiefe seines eigenen Gemüthes

entwickeln, was, Aller Augen verborgen, in der menschlichen Seele liegt;

er soll nur unter Anleitung seines Divinationsvermögens

Vereinigungspuncte für die gesammte Menschheit aufstellen, die sich in

keiner bisherigen Erfahrung als solche bewährt haben. Aber das einzige

Unabhängige und aller Bestimmung von aussen völlig Unfähige im Menschen

nennen wir den Trieb. Dieser, und dieser allein ist das höchste und

einzige Princip der Selbstthätigkeit in uns; er allein ist es, der uns

zu selbstständigen, beobachtenden und handelnden Wesen macht. -- So weit

der Einfluss der äusseren Dinge auf uns sich auch immer erstrecken möge,

so erstreckt er sicher sich doch nicht so weit, dass er dasjenige in uns

hervorbringe, was jene selbst nicht haben, und dass in ihrer Einwirkung

gerade das Gegentheil von demjenigen liege, was in ihnen selbst, als in

der Ursache, enthalten ist. Die Selbstthätigkeit im Menschen, die seinen

Charakter ausmacht, ihn von der gesammten Natur unterscheidet und

ausserhalb ihrer Grenzen setzt, muss sich auf etwas ihm Eigenthümliches

gründen; und dieses Eigenthümliche eben ist der Trieb. Durch seinen

Trieb ist der Mensch überhaupt Mensch, und von der grössern oder

geringern Kraft und Wirksamkeit des Triebes, des innern Lebens und

Strebens, hängt es ab, was für ein Mensch jeder ist.

Lediglich durch den Trieb ist der Mensch vorstellendes Wesen. Könnten

wir ihm auch, wie einige Philosophen wollen, den Stoff seiner

Vorstellung durch die Objecte geben, die Bilder durch die Dinge von

allen Seiten her ihm zuströmen lassen: so bedürfte es doch immer der

Selbstthätigkeit, um dieselben aufzufassen und sie auszubilden zu einer

Vorstellung, dergleichen die leblosen Geschöpfe im Raume um uns herum,

denen die durch das ganze Weltall herumschweifenden Bilder so wohl als

uns zuströmen müssen, nicht besitzen. Es bedarf dieser Selbstthätigkeit,

um diese Vorstellungen nach willkürlichen Gesichtspuncten zu ordnen:

jetzt die äussere Gestalt einer Pflanze zu betrachten, um sie

wiederzuerkennen und von allen ähnlichen zu unterscheiden; jetzt den

Gesetzen nachzuspüren, nach denen die Natur diese Bildung bewirkt haben

mag; jetzt zu untersuchen, wie man jene Pflanze etwa zur Speise, oder

zur Kleidung, oder zur Arznei gebrauchen könne. Es bedarf der

Selbstthätigkeit, um unsere Erkenntniss von den Gegenständen

unaufhörlich zu steigern und zu erweitern; und lediglich durch sie wird

derselbe Stern für den Astronomen ein grosser, fester, in unermesslicher

Entfernung nach unverbrüchlichen Gesetzen sich bewegender Weltkörper,

der für den unbelehrten Naturmenschen immerfort ein Lämpchen bleibt, bei

dessen Scheine er sein Ackergeräth zusammensuche.

Inwiefern der Trieb solchergestalt auf Erzeugung einer Erkenntniss

ausgeht, in welcher Rücksicht wir ihn auch um der Deutlichkeit und der

Kürze willen den Erkenntnisstrieb nennen können, gleichsam, als ob er

ein besonderer ^Grundtrieb^ wäre -- welches er doch nicht ist; sondern

er und alle besonderen Triebe und Kräfte, die wir noch so nennen

dürften, sind lediglich besondere Anwendungen der einzigen untheilbaren

Grundkraft im Menschen, und man hat sich sorgfältig zu hüten,

dergleichen Ausdrücke in dieser oder in irgend einer philosophischen

Schrift anders, als so zu deuten; -- der Erkenntnisstrieb demnach wird

in gewissem Maasse immer befriedigt; in jedem Menschen sind

Erkenntnisse, und ohne sie wäre er kein Mensch, sondern etwas anderes.

Dieser Trieb äussert also im allgemeinen sich durch seine Wirkung; von

dieser schliessen wir auf die Ursache im selbstthätigen Subject zurück,

und lediglich auf diese Weise gelangen wir sowohl zur Idee vom Daseyn

jenes Triebes, als zur Erkenntniss seiner Gesetze.

Nicht immer befriedigt wird der Trieb, inwiefern er nicht auf blosse

Erkenntniss des Dinges, wie es ist, sondern auf Bestimmung, Veränderung

und Ausbildung desselben, wie es seyn sollte, ausgeht, und praktisch

heisst; dieses in engster Bedeutung, denn der Strenge nach ist aller

Trieb praktisch, da er zur Selbstthätigkeit treibt, und in diesem Sinne

gründet alles im Menschen sich auf den praktischen Trieb, da nichts in

ihm ist, ausser durch Selbstthätigkeit: -- oder, inwiefern er ausgeht

auf eine gewisse bestimmte Vorstellung, bloss um der Vorstellung willen,

keinesweges aber um eines Dinges willen, das ihr entspreche, oder auch

nur um der Erkenntniss dieses Dinges willen; welchen letzteren Trieb, da

er in seiner Allgemeinheit noch keinen Namen hat, wir vorläufig so

bezeichnen wollen, wie man bisher einen Zweig desselben bezeichnet hat,

und ihn den ästhetischen nennen. Es ist klar, dass man zur Kenntniss

dieser Triebe nicht auf dem gleichen Wege, wie zu der des

Erkenntnisstriebes, durch eine Folgerung von der Wirkung auf die

Ursache, gelangen könne; und es fragt sich demnach, wie man zu derselben

gelangt sey. Aber ehe wir diese Frage beantworten, lassen Sie uns die

soeben aufgestellten Triebe noch ein wenig schärfer unterscheiden.

Der Erkenntnisstrieb zielt ab auf Erkenntniss, als solche, um der

Erkenntniss willen. Ueber das Wesen, die äusseren oder inneren

Beschaffenheiten des Dinges lässt er uns völlig uninteressirt; unter

seiner Leitung wollen wir nichts, als wissen, welches diese

Beschaffenheiten sind: wir wissen es und sind befriedigt. Auf seinem

Gebiete hat die Vorstellung keinen andern Werth und kein anderes

Verdienst, als das, dass sie der Sache vollkommen angemessen sey. Der

praktische Trieb geht auf die Beschaffenheit des Dinges selbst, um

seiner Beschaffenheit willen. Wir kennen dieselbe, wenn eine Anregung

jenes Triebes eintritt, nur zu wohl; aber wir sind mit ihr nicht

zufrieden: sie sollte anders und auf eine gewisse bestimmte Art anders

seyn. Im erstern Falle wird ein durch sich selbst und ohne alles unser

Zuthun vollständig bestimmtes Ding vorausgesetzt, und der Trieb geht

darauf, es mit diesen Bestimmungen, und schlechterdings mit keinen

andern, in unserem Geiste durch freie Selbstthätigkeit nachzubilden. Im

zweiten Falle liegt eine, nicht nur ihrem Daseyn, sondern auch ihrem

Inhalte nach durch freie Selbstthätigkeit erschaffene Vorstellung in der

Seele zum Grunde, und der Trieb geht darauf aus, ein ihr entsprechendes

Product in der Sinnenwelt hervorzubringen. In beiden Fällen geht der

Trieb weder auf die Vorstellung allein, noch auf das Ding allein,

sondern auf eine Harmonie zwischen beiden; nur dass im ersten Falle die

Vorstellung sich nach dem Dinge, und im zweiten das Ding sich nach der

Vorstellung richten soll. Ganz anders verhält es sich mit dem Triebe,

den wir soeben den ästhetischen nannten. Er zielt auf eine Vorstellung,

und auf eine bestimmte Vorstellung, lediglich um ihrer Bestimmung und um

ihrer Bestimmung als blosser Vorstellung willen. Auf dem Gebiete dieses

Triebes ist die Vorstellung ihr eigner Zweck: sie entlehnt ihren Werth

nicht von ihrer Uebereinstimmung mit dem Gegenstande, auf welchen

hierbei nicht gesehen wird, sondern sie hat ihn in sich selbst; es wird

nicht nach dem Abgebildeten, sondern nach der freien unabhängigen Form

des Bildes selbst gefragt. Ohne alle Wechselbestimmung mit einem Objecte

steht eine solche Vorstellung isolirt, als letztes Ziel des Triebes, da,

und wird auf kein Ding bezogen, nach welchem sie, oder welches nach ihr

sich richte. Wie der praktischen Bestimmung eine Vorstellung zum Grunde

liegt, die selbst ihrem Gehalte nach durch absolute Selbstthätigkeit

entworfen ist, so liegt der ästhetischen Bestimmung eine auf die gleiche

Weise entworfene Vorstellung zum Grunde; nur mit dem Unterschiede, dass

der letztern, nicht so wie der erstern, etwas Entsprechendes in der

Sinnenwelt gegeben werden soll. Wie der Erkenntnisstrieb eine

Vorstellung zu seinem letzten Ziele hat, und befriedigt ist, nachdem

diese gebildet worden, so der ästhetische; nur mit dem Unterschiede,

dass die Vorstellung der ersteren Art mit dem Dinge übereinkommen, die

der letztern Art mit gar nichts übereinkommen soll. -- Es ist möglich,

dass eine Darstellung des ästhetischen Bildes in der Sinnenwelt

gefordert werde; aber das geschieht nicht durch den ästhetischen Trieb,

dessen Geschäft mit der blossen Entwerfung des Bildes in der Seele

vollkommen geschlossen ist, sondern durch den praktischen, der dann aus

irgend einem Grunde in die Reihenfolge der Vorstellungen eingreift, und

einen möglichen äusserlichen und fremden Zweck jener Nachbildung in der

Wirklichkeit aufstellt. So kann es gleichfalls geschehen, dass die

Vorstellung eines wirklich vorhandenen Gegenstandes dem ästhetischen

Triebe vollkommen angemessen sey; nur bezieht sich die dann eintretende

Befriedigung dieses Triebes schlechterdings nicht auf die äussere

Wahrheit der Vorstellung; das entworfene Bild würde nicht minder

gefallen, wenn es leer wäre, und es gefällt nicht mehr, weil es

zufälligerweise zugleich Erkenntniss enthält. -- So musste es denn auch

seyn -- woran ich Sie hier nur im Vorbeigehen erinnere, und um mich noch

deutlicher zu machen, nicht aber um daraus vorläufig weiter zu folgern

-- so musste es denn auch seyn, wenn beide unverträgliche Triebe, der,

die Dinge zu lassen, wie sie sind, und der, sie überall und ins

Unendliche hinaus umzuschaffen, sich vereinigen und einen einzigen

untheilbaren Menschen darstellen sollten, nach unserer gegenwärtigen

Ansicht der Sache; oder auch nach unserer obigen Weise sie anzusehen,

welche der Strenge nach die einzig richtige ist, -- wenn beide Triebe

Ein und ebenderselbe Trieb seyn, und nur die Bedingungen seiner

Aeusserung verschieden seyn sollten. Der Trieb konnte nicht auf die

Vorstellung des Dinges gehen, ohne überhaupt auf die Vorstellung um

ihrer selbst willen zu gehen, und ebenso unmöglich war ein Trieb, auf

das Ding selbst einzuwirken und es umzuarbeiten, nach einer Vorstellung,

die ausser aller Erfahrung, und über alle mögliche Erfahrung

hinausliegen sollte, wenn es nicht überhaupt Trieb und Vermögen gab,

unabhängig von der wirklichen Beschaffenheit der Dinge Vorstellungen zu

entwerfen.

Wie mögen nun diese beiden zuletzt genannten Triebe sich äussern, wenn

der ästhetische Trieb gar nicht, der praktische wenigstens nicht immer

Handlungen hervorbringt, in denen sie der Beobachtung dargestellt

würden? Auch dann noch bleibt folgendes Mittel übrig, um ihnen auf die

Spur zu kommen. Da der Trieb, so wie sein Wirken im Menschen eintritt

und überwiegend wird, die gesammte Selbstthätigkeit desselben anregen

und aufreizen, und dieselbe auf etwas Bestimmtes, es sey nun ein Ding

ausser ihm, oder eine Vorstellung in ihm, gänzlich hinrichten soll: so

muss nothwendig die zufällige Harmonie des Gegebenen mit jener Richtung

des Selbstthätigen, in einem fühlenden Wesen, wie der Mensch doch wohl

seyn soll, sich durch ein überwiegendes Gefühl seiner selbst, seiner

Kraft und Ausbreitung, welches man ein Gefühl der Lust nennt; die

zufällige Disharmonie des Gegebenen mit jener Richtung sich durch ein

ebenso überwiegendes Gefühl seiner Ohnmacht und Einengung offenbaren,

welches letztere man ein Gefühl der Unlust nennt. So denken wir uns im

Magnete eine Kraft, und als Grund dieser Kraft einen Trieb, alles Eisen

anzuziehen, das in seine Wirkungssphäre kommt. Lassen wir ihn wirklich

ein Stück Eisen anziehen -- sein Trieb äussert sich, er ist befriedigt,

und geben wir dem Magnete das Gefühlsvermögen, so wird in ihm nothwendig

ein Gefühl dieser Befriedigung, d. i. ein Gefühl der Lust entstehen.

Lassen wir dagegen das Gewicht des Eisens seine Kraft überwiegen, so

bleibt darum in ihm noch immer der vorige Trieb; denn er würde dasselbe

Stück Eisen wirklich anziehen, wenn wir vom Gewichte desselben so viel

wegnähmen, als seine Kraft überwiegt; aber er wird nicht befriedigt; und

wenn wir dem Magnete das Gefühlsvermögen zuschreiben, so müsste er

nothwendig einen Widerstand, eine Einschränkung und Einengung seiner

Kraft, mit Einem Worte, Unlust empfinden. Dieses ist die einzige Quelle

aller Lust und Unlust.

Beide Triebe, der praktische sowohl, als der ästhetische, äussern sich

auf diese Weise, nur mit Unterschied. Der praktische Trieb geht, wie

gesagt worden, auf einen Gegenstand ausser dem Menschen, dessen Daseyn,

inwiefern keine Handlung erfolgt, noch erfolgen kann, als unabhängig von

ihm betrachtet werden muss. Der freilich leere Begriff von diesem

Gegenstande ist in der Seele vorhanden. Es kommt demnach allerdings

etwas im Gemüthe vor, wodurch der Trieb für das Bewusstseyn ausgedrückt

und bezeichnet wird, nemlich der Begriff dessen, worauf er geht: die

Bestimmung des Triebes ist dadurch charakterisirt, sie kann gefühlt

werden, und wird gefühlt, und heisst in diesem Falle ein Begehren -- ein

Begehren, inwiefern die Bedingungen, unter denen der Gegenstand wirklich

werden kann, als nicht in unserer Gewalt stehend betrachtet werden.

Kommen sie in unsere Gewalt, und wir entschliessen uns zu der Mühe und

zu den Aufopferungen, die es uns etwa kosten wird, sie wirklich zu

machen, so erhebt sich das Begehren zum Wollen. -- Man kann hier vor dem

Daseyn des Gegenstandes vorherwissen, was Lust oder Unlust erregen

werde, denn nur das wirkliche Daseyn des Gegenstandes erregt ein solches

Gefühl; man kann daher die Bestimmung des praktischen Triebes von dem

Gegenstande, und mithin von der Befriedigung oder Nichtbefriedigung

desselben unterscheiden; der menschliche Geist bekommt gleichsam etwas

ihm Angehöriges, einen Ausdruck seines eigenen Handelns ausser sich, und

sieht mit Leichtigkeit in den Gegenständen, wie in einem Spiegel, seine

eigene Gestalt. Ganz anders verhält es sich mit dem ästhetischen Triebe.

Er geht auf nichts ausser dem Menschen, sondern auf etwas, das lediglich

in ihm selbst ist. Es ist keine Vorstellung von seinem Gegenstande vor

dem Gegenstande vorher möglich, denn sein Gegenstand ist selbst nur eine

Vorstellung. Die Bestimmung des Triebes wird also durch nichts

bezeichnet, als lediglich durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung.

Die erstere lässt von der letztern sich durch nichts unterscheiden,

sondern beide fallen zusammen. Das, was durch den ästhetischen Trieb in

uns ist, entdeckt sich durch kein Begehren, sondern lediglich durch ein

uns unerwartet überraschendes, in keinem begreiflichen Zusammenhange mit

den übrigen Verrichtungen unseres Gemüthes stehendes, sondern völlig

zweckloses und absichtloses Behagen oder Misbehagen. So gebe man dem

Magnete zu dem Triebe, ein bestimmtes, seine Kraft überwiegendes, Stück

Eisen anzuziehen, die Vorstellung dieses Eisens: so wird er ^begehren^,

dasselbe anzuziehen; und wenn er sich über seine Anziehungskraft auch

noch die Kraft zuschreiben kann, so viel, als sein Anziehungsvermögen

überwiegt, von dem Gewichte des Eisens hinwegzunehmen, und der Trieb,

jenes Eisen anzuziehen, stärker ist, als etwa seine Abneigung, die Last

desselben zu verringern: so wird er es anziehen ^wollen^.[45] Nehmen Sie

dem Magnete das Vermögen, sich das Eisen ausser sich, mithin auch sein

Anziehen dieses Eisens vorzustellen, und lassen ihm lediglich Trieb,

Kraft und Selbstgefühl: er wird, wenn die Schwere des Eisens seine Kraft

überwiegt, eine Unlust; wenn Sie die Last wegnehmen, und er, sich selbst

unbewusst, das Eisen selbst anzieht, eine Lust empfinden, die er sich

durch nichts erklären kann, die für ihn mit nichts zusammenhängt, und

die unserm ästhetischen Behagen oder Misbehagen völlig ähnlich ist --

aber nicht aus dem gleichen Grunde entstanden. Aber, denken Sie sich, um

ein passendes Bild der ästhetischen Stimmung zu haben, die liebliche

Sängerin der Nacht; denken Sie sich, wie Sie es mit dem Dichter gar wohl

können, die Seele derselben als reinen Gesang, ihren Geist als ein

Streben, den vollkommensten Accord zu bilden, und ihre einzelnen Töne

als die Vorstellungen dieser Seele. Durch die ganze Tonleiter herauf und

herab treibt die Sängerin, ihr selbst unbewusst, die Richtung ihres

Geistes, und er entwickelt durch die mannigfaltigsten Accorde hindurch

allmählig sein ganzes Vermögen. Jeder neue Accord liegt auf der

Stufenleiter dieser Entwickelung, und stimmt mit dem Urtriebe der

Sängerin zusammen, den sie nicht kennt, weil wir ihr keine anderen

Vorstellungen als Töne gegeben haben, und dessen Zusammenhang mit dem

für sie zufälligen Accorde sie nicht beurtheilen kann; gerade so, wie

unserem Auge die Richtung des ästhetischen Triebes verborgen liegt, und

wie wir die -- ganz anderen Gesetzen zufolge sich in uns entwickelnden

Vorstellungen nicht mit derselben vergleichen können. Doch muss jene

Zusammenstimmung eine Lust in ihr erwecken, die ihr ganzes Wesen

ausfüllt, und deren Gründe sie sich auch schon darum nicht angeben

könnte. -- Aber ihr inneres und verborgenes Leben treibt sie weiter zum

folgenden Tone; die Entwickelung desselben ist also noch nicht

vollendet, dieser Accord drückt noch nicht ihr ganzes Wesen aus, und

jene Lust wird daher blitzschnell durch eine Unlust aufgefasst, welche

mit dem nächsten Tone sich in höhere Lust auflösen, aber wiederkehren,

und die Sängerin abermals weiter treiben wird. Ihr Leben schwebt hin auf

den sich drängenden Wellen des ästhetischen Gefühls, wie das

Künstlerleben jedes wahren Genies.

So kommt der praktische Trieb gar leicht und auf mancherlei Weise in

seinen mannigfaltigen Bestimmungen zum Bewusstseyn, und es scheint sehr

möglich, ihn selbst von der inneren Erfahrung aus vollständig kennen zu

lernen und zu erschöpfen. In Absicht des ästhetischen Triebes zeigen

sich mehrere Schwierigkeiten, und es scheint kein Mittel zu seyn, um bis

zu ihm in die Tiefe unseres Geistes einzudringen, als dass man entweder

ohne alle Rücksicht auf ihn in der äusseren Erfahrung fortschreite, und

abwarte, ^ob^ er sich etwa, und ^wie^ er sich unter derselben zufällig

äussern werde, oder dass man auf gut Glück und blindlings sich seiner

Einbildungskraft überlasse, und erwarte, wie die mannigfaltigen

Ausgeburten derselben auf uns wirken werden. In beiden Fällen ist man

überdies noch in der Gefahr, eine Lust, die sich auf ein dunkles,

unentwickeltes, vielleicht völlig empirisches und individuelles

praktisches Bewusstseyn gründet, mit einem ästhetischen zu verwechseln.

Und so blieben wir denn immer in der Ungewissheit, ob es auch überhaupt

einen solchen Trieb gebe, wie wir den ästhetischen beschrieben haben,

oder ob nicht alles, was wir für Aeusserungen desselben halten, auf

einer feinen Täuschung beruhe; vor der wirklichen Erfahrung vorher

könnten wir nie mit Sicherheit ahnen, was gefallen werde, und die

Folgerung, dass das, was uns gefallen habe, allen gefallen müsse, bliebe

ganz grundlos.

Bedenken Sie hierbei noch den Umstand, dass ästhetische Vorstellungen

zuvorderst nur in und vermittelst der Erfahrung, die auf Erkenntniss

ausgeht, sich entwickeln können, so sehen Sie eine neue Schwierigkeit;

von der anderen Seite aber eine Erleichterung, und die einzige, die den

Uebergang aus dem Gebiete der Erkenntniss in das Feld der ästhetischen

Gefühle öffnet.

Sie sehen eine neue Schwierigkeit. -- Selbst die Erkenntniss wird

zunächst nicht um ihrer selbst willen, sondern für einen Zweck ausser

ihr gesucht. Auf der ersten Stufe der Bildung, des Individuums sowohl,

als der Gattung, überschreit der praktische Trieb, und zwar in seiner

niederen, auf die Erhaltung und das äussere Wohlseyn des animalischen

Lebens gehenden Aeusserung, alle übrigen Triebe; und so fängt denn auch

der Erkenntnisstrieb damit an, bei jenem zu dienen, um in diesem Dienste

sich zum Vermögen einer selbstständigen Subsistenz auszubilden. Mit der

Kargheit der Natur, oder mit dem Andringen unseres eigenen Geschlechtes

gegen uns im Kampfe, haben wir nicht Zeit, bei der Betrachtung der Dinge

um uns herum zu verweilen; emsig fassen wir die brauchbaren

Beschaffenheiten derselben auf, um Nutzen von ihnen zu ziehen, unter

unaufhörlicher Besorgniss der Nachtheile in der Ausübung, die uns eine

unrichtige Ansicht derselben zuziehen möchte; mit Hastigkeit eilen wir

fort von dieser erstürmten Erkenntniss zur Bearbeitung der Dinge, und

hüten uns sehr, einen Augenblick bei der Erwerbung des Mittels zu

verlieren, den wir zur unmittelbaren Erreichung des Zweckes anwenden

könnten. Das Menschengeschlecht muss erst zu einem gewissen äusseren

Wohlstande und zur Ruhe gekommen, die Stimme des Bedürfnisses von innen,

und der Krieg von aussen muss erst beschwichtigt und beigelegt seyn, ehe

dasselbe auch nur mit Kaltblütigkeit, ohne Absicht auf das gegenwärtige

Bedürfniss und selbst mit der Gefahr sich zu irren, beobachten, bei

seinen Betrachtungen verweilen, und unter dieser müssigen und liberalen

Betrachtung den ästhetischen Eindrücken sich hingeben kann. So fasst die

ruhige Fläche des Wassers das schöne Bild der Sonne; auf der bewegten

werden die mit reinem Lichte gezeichneten Umrisse desselben

untereinander geworfen und verschlungen in die gewaltsame Figur der

unsteten Wellen.

Daher sind die Zeitalter und Länderstriche der Knechtschaft zugleich die

der Geschmacklosigkeit; und wenn es von der einen Seite nicht rathsam

ist, die Menschen, frei zu lassen, ehe ihr ästhetischer Sinn entwickelt

ist, so ist es von der anderen Seite unmöglich, diesen zu entwickeln,

ehe sie frei sind; und die Idee, durch ästhetische Erziehung die

Menschen zur Würdigkeit der Freiheit, und mit ihr zur Freiheit selbst zu

erheben, führt uns in einem Kreise herum, wenn wir nicht vorher ein

Mittel finden, in Einzelnen von der grossen Menge den Muth zu erwecken,

Niemandes Herren und Niemandes Knechte zu seyn. In einem solchen

Zeitalter hat der Unterdrückte zu thun, um unter dem Fusse des

Unterdrückers sich lebendig zu erhalten, die nothwendige Luft zu

schöpfen und nicht völlig zertreten zu werden, und der Unterdrücker, bei

den mannigfaltigen Krümmungen und Wendungen des ersteren im

Gleichgewichte zu bleiben und nicht umgeworfen zu werden; durch die

gezwungene und unbehülfliche Lage des letzteren vermehrt sich noch seine

Last und sein Druck; dadurch werden die Wendungen des ersteren nur noch

ängstlicher und gewagter, und der Druck des letzteren abermals

lastender, und so steigt durch eine sehr begreifliche Wechselwirkung das

Uebel in einer unseligen Progression; keiner von beiden behält Zeit, und

er wird sie immer weniger behalten, zu athmen, ruhig um sich zu sehen,

und seine Sinne dem schönen Einflusse der freundlichen Natur offen zu

lassen. Beide behalten lebenslänglich den Geschmack, den sie damals

annahmen, als noch nichts, denn ihre Windeln sie fesselte: den Geschmack

an greller, das stumpfe Auge gewaltsam reizender Farbe, und am Glanze

reicher Metalle; und der dürftige Handarbeiter eilt, dies dem einzigen

Vermögenden zu fertigen, um den kärglichen Lohn, dessen er zum Leben

bedarf, bald einzunehmen. So sank im römischen Reiche die Kunst mit der

Freiheit zu gleichen Schritten, bis sie unter Constantin dem

barbarischen Gepränge fröhnen lernte. So werden die Elephanten der

Kaiser von China mit schweren Goldstoffen bekleidet, und die Pferde der

Könige von Persien trinken aus gediegenem Golde.

Nur nicht niederdrückender, aber widerlicher und beunruhigender für die

Kunst ist der Anblick, wenn unter freieren Himmelsstrichen und milderen

Gewalthabern diejenigen, welche in der Mitte zwischen beiden Enden

stehen, und denen alle Welt erlaubt, frei zu seyn, dieses letzten Restes

der Freiheit, welchen ein über die Menschheit waltender Genius als ein

Saatkorn für die Ernte künftiger Generationen in die Verfassung geworfen

zu haben scheint, sich nicht bedienen; sondern den der ewigen

Einförmigkeit müden Herrschern wider ihren Dank ihre Dienste aufdringen,

und sich grämen, dass ihre wunderlichen Verbeugungen und Adorationen

keiner zu Herzen nimmt, und dass es ihnen nicht gelingen will, denselben

eine politische Wichtigkeit zu geben, die sie an sich nicht haben. Dann

wiegt man mit haarscharfer Richtigkeit alle Art der Bildung gegen den

künftigen Dienst ab; fragt die harmlos lustwandelnde Speculation, ehe

sie uns über die Schwelle tritt, was sie mitbringe; durchsucht Romane

und Schauspiele nach ihrer schönen Moral; hat kein Arges daraus,

öffentlich zu bekennen, dass man eine Iphigenie, oder eine Epistel in

derselben Stimmung, unpoetisch finde; und würde muthmaasslich den Homer

einen schaalen Reimer nennen, wenn man ihm nicht um seines reinen

Griechischen willen verziehe.

Aber gerade der angeführte Umstand, dass wir mit der Erfahrung unser

Leben anfangen müssen, eröffnet uns, wie oben gesagt worden, den einzig

möglichen Uebergang zum geistigen Leben. Sowie jene dringende Noth

gehoben ist, und nichts mehr uns treibt, den möglichen Geisteserwerb

gierig zusammenzuraffen, um ihn sogleich wieder für den nothwendigen

Gebrauch ausgeben zu können, erwacht der Trieb nach Erkenntniss um der

Erkenntniss willen. Wir fangen an, unser geistiges Auge auf den

Gegenständen hingleiten zu lassen, und erlauben ihm dabei zu verweilen;

wir betrachten sie von mehreren Seiten, ohne gerade auf einen möglichen

Gebrauch derselben zu rechnen; wir wagen die Gefahr einer zweifelhaften

Voraussetzung, um in Ruhe den richtigen Aufschluss abzuwarten. Es

bemächtigt sich unser der einzige Geiz, der edel ist, Geistesschätze zu

sammeln, bloss um sie zu haben, und uns an ihrem Anblicke zu ergötzen,

gesetzt auch, wir bedürften ihrer nicht zum Leben, oder sie wären nicht

mit dem Stempel ausgeprägt, welcher allein Cours hat; wir wagen es, bei

unserem Reichthume gleichgültiger gegen den möglichen Verlust, etwas

anzulegen an Versuche, die uns mislingen können. Wir haben den ersten

Schritt gethan, uns von der Thierheit in uns zu trennen. Es entsteht

Liberalität der Gesinnungen, -- die erste Stufe der Humanität.

Unter dieser ruhigen und absichtslosen Betrachtung der Gegenstände,

indess unser Geist sicher ist und nicht über sich wacht, entwickelt sich

ohne alles unser Zuthun unser ästhetischer Sinn an dem Leitfaden der

Wirklichkeit. Aber nachdem der Pfad beider eine Strecke weit

zusammengegangen ist, reisst sich am Scheidewege wohl auch der erstere

los, und geht seinen Gang unabhängig und ungeleitet von der

Wirklichkeit. So ruhte oft Ihr Auge auf der Gegend an der Abendseite

Ihrer ländlichen Wohnung. Wenn Sie dieselbe, nicht um zu sehen, wie Sie

den nächtlichen Anfällen des Raubgesindels entfliehen könnten, sondern

ohne alle Absicht betrachteten, erkannten Sie nicht bloss die grüne

Saat, und hinter ihr die mancherlei Kleearten, und hinter diesen das

hohe Korn, und fassten in das Gedächtniss, was da wäre; sondern Ihre

Betrachtung verweilte mit Vergnügen auf dem frischen Grün des ersteren,

und verbreitete sich über die mannigfaltigen Blüthen des zweiten, und

gleitete sanft über die kräuselnden Wellen des dritten die Anhöhe hinan.

Es sollte, sagten Sie dann, dort auf der Höhe ein Dörfchen unter Bäumen

oder ein Hain liegen. Sie begehrten nicht in dem ersteren eine Wohnung

zu haben, oder in dem Schatten des letzteren zu wandern; und es würde

Ihnen gerade so viel gewesen seyn, wenn man, ohne dass Sie es eben

wüssten, durch ein optisches Kunststück Ihnen nur den Anschein dessen

hervorgebracht hätte, was Sie wünschten. Woher kam das? Ihr ästhetischer

Sinn war unter dem Anblicke der ersteren Gegenstände, indem ihn

dieselben unvermuthet befriedigten, schon geweckt worden; aber es

beleidigte ihn, dass diese Aussicht sich so plötzlich abreissen, und Ihr

Auge hinter der Anhöhe in den leeren Raum versinken sollte. Nach seiner

Forderung hätte sich die Ansicht in ein passendes Ende schliessen

sollen, um das angefangene schöne Ganze zu vollenden und abzurunden: und

Ihre bis jetzt an seiner Hand geleitete Einbildungskraft war vermögend,

diese Forderung desselben aufzufassen.

Sehen Sie in diesem Beispiele eine kurze Geschichte der Entwickelung

unseres ganzen ästhetischen Vermögens. Während der ruhigen Betrachtung,

die nicht mehr auf die Erkenntniss dessen, was längst erkannt ist,

absieht, sondern die gleichsam noch einmal zum Ueberflusse an den

Gegenstand geht, -- entwickelt, unter der Ruhe der Wissbegierde und des

befriedigten Erkenntnisstriebes, in der unbeschäftigten Seele sich der

ästhetische Sinn. Der eine Gegenstand hat unsere Billigung ohne alles

Interesse, d. i. wir urtheilen alle, dass er so recht, und einer

gewissen Regel, der wir nicht weiter nachspüren, gemäss sey, ohne dass

wir darum gerade einen grösseren Werth auf ihn legen; ein anderer erhält

diese Billigung nicht, ohne dass wir gerade viel Mühe anwenden würden,

um ihn anders zu machen. Es scheint uns lediglich darum zu thun, zu

zeigen, dass wir einen gewissen Sinn gleichfalls besitzen, und dass wir

einer gewissen Kenntniss mächtig sind, die nichts weiter ist, denn

Kenntniss, und die zu nichts führen und zu nichts gebraucht werden soll.

Dieses Vermögen heisst Geschmack; auch die Fertigkeit, richtig

und gemeingültig in dieser Rücksicht zu urtheilen, wird

vorzugsweise Geschmack genannt: und das Gegentheil desselben heisst

Geschmacklosigkeit.

Von dieser noch an dem Faden der Wirklichkeit fortlaufenden Betrachtung,

wo es uns schon nicht mehr um die wirkliche Beschaffenheit der Dinge,

sondern um ihre Uebereinstimmung mit unserem Geiste zu thun ist, erhebt

sich denn bald die dadurch zur Freiheit erzogene Einbildungskraft zur

völligen Freiheit; einmal im Gebiete des ästhetischen Triebes angelangt,

bleibt sie in demselben, auch da, wo er von der Natur abweicht, und

stellt Gestalten dar, wie sie gar nicht sind, aber nach der Forderung

jenes Triebes seyn sollten: und dieses freie Schöpfungsvermögen heisst

Geist. Der Geschmack beurtheilt das Gegebene, der Geist erschafft. Der

Geschmack ist die Ergänzung der Liberalität, der Geist die des

Geschmackes. Man kann Geschmack haben ohne Geist, nicht aber Geist ohne

Geschmack. Durch den Geist wird die an sich in die Grenzen der Natur

eingeschlossene Sphäre des Geschmacks erweitert; seine Producte

erschaffen ihm durch Kunst neue Gegenstände, und entwickeln ihn weiter,

ohne ihn darum allemal zu sich emporzuheben. Seinen Geschmack bilden

kann jeder; ob aber jeder sich zur Geistigkeit erheben könne, ist

zweifelhaft.

Das unendliche, unbeschränkte Ziel unseres Triebes heisst Idee, und

inwiefern ein Theil desselben in einem sinnlichen Bilde dargestellt

wird, heisst dasselbe ein Ideal. Der Geist ist demnach ein Vermögen der

Ideale.

Der Geist lässt die Grenzen der Wirklichkeit hinter sich zurück, und in

seiner eigenthümlichen Sphäre giebt es keine Grenzen. Der Trieb, dem er

überlassen ist, geht ins Unendliche; durch ihn wird er fortgeführt von

Aussicht zu Aussicht, und wie er das Ziel erreicht hat, das er im

Gesichte hatte, eröffnen sich ihm neue Felder. Im reinen ungetrübten

Aether seines Geburtslandes giebt es keine anderen Schwingungen, als die

er selbst durch seinen Fittig erregt.

Sämmtliche Werke 8: Vermischte Schriften und Aufsätze Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen / Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt / Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks und andere Aufsätze / Recensionen / Poesien und metrische Uebersetzungen · 第 10 / 76 题