Er lag auf dem Rücken, etwas zur Seite gekehrt, die linke Hand unter dem
Kopfe ... die rechte unter dem gekrümmten Körper. Die Spitzen der mit
hohen Matrosenstiefeln bekleideten Füße waren im zähen Schlamm
eingesunken; die kurze blaue Joppe war ganz mit Salzwasser durchtränkt
und noch zugeknöpft; ein rotes Tuch umschlang straff seinen Hals. Das
dunkle Gesicht war zum Himmel gekehrt und schien zu lächeln; unter der
emporgezogenen Oberlippe sahen die dichten, kleinen Zähne hervor; die
trüben Pupillen der halbgeschlossenen Augen stachen nur wenig von dem
dunkel gewordenen Weißen ab; die mit Schaumblasen bedeckten und mit Sand
beschmutzten Haare fielen zur Erde und ließen die glatte Stirne mit der
bläulichen Schramme frei; die schmale Nase stand scharf zwischen den
eingefallenen Wangen. Der Sturm der vergangenen Nacht hatte das Seinige
besorgt! Er hat sein Amerika nicht wiedergesehen! Der Mensch, der meine
Mutter beschimpft und ihr Leben verstümmelt hatte, mein Vater, -- ja!
mein Vater -- ich durfte nicht daran zweifeln -- er lag jetzt hilflos
ausgestreckt im Schmutze zu meinen Füßen. Ich hatte das Gefühl
befriedigter Rachsucht, empfand auch Mitleid, Ekel und Grauen ...
doppeltes Grauen: vor dem, was ich sah und vor dem, was vor Jahren
geschehen war. All das Böse, Verbrecherische, von dem ich schon sprach,
regte sich wieder in mir ... es drohte mich zu ersticken ... Aha! dachte
ich mir: jetzt weiß ich, warum ich so bin, jetzt weiß ich, von wem ich
das Blut habe! Ich stand neben der Leiche, und sah, und wartete:
vielleicht zuckten noch die toten Pupillen, vielleicht öffneten sich
noch diese erstarrten Lippen ... -- Nein! Alles blieb regungslos, selbst
das Riedgras schien da, wo ihn die Brandung herausgespült hatte, zu
ersterben; auch die Möwen waren fortgeflogen, kein einziges
Trümmerstück, kein Brett, kein Stück Takelwerk war zu sehen. Alles war
leer ... nur er -- und ich -- und die fernhin brausende See. Ich blickte
mich um: auch hinter mir dieselbe Öde; bis zum Horizont zog sich eine
Kette lebloser Hügel ... das war alles! Es war mir peinlich, den
Unglücklichen in dieser Einsamkeit, im Uferschlamm als Speise für die
Fische und Vögel zurückzulassen; eine innere Stimme sagte mir, daß ich
Menschen suchen und holen müsse, wenn auch nicht zur Hilfe, so doch um
ihn unter ein schützendes Dach zu bringen. Aber eine unsägliche Angst
ergriff mich plötzlich. Es war mir, als ob dieser tote Mensch wisse, daß
ich hergekommen sei, als ob er selbst diese letzte Begegnung veranlaßt
habe -- ich glaubte sogar jenes unheimliche mir bekannte Brummen zu
hören ... Ich lief zur Seite ... und blickte mich noch einmal um ...
Etwas Glänzendes fiel mir in die Augen und hielt mich zurück. Es war ein
goldener Reif an der zurückgeworfenen Hand des Ertrunkenen ... Ich
erkannte den Trauring meiner Mutter. Ich kann mich noch erinnern, wie
ich mich bezwang, umzukehren, an ihn heranzutreten, mich über ihn zu
beugen ... wie klebrig seine kalten Finger waren, wie ich schwer
keuchte, die Augen schloß, und mit den Zähnen knirschte, während ich den
hartnäckigen Ring vom Finger abzog ...
Schließlich habe ich ihn abgezogen, und ich renne, renne davon, Hals
über Kopf -- und irgend etwas jagt mir nach, holt mich ein, packt
mich ...