Ich ging gesenkten Hauptes, ohne Gedanken, fast ohne Empfindungen, doch
ganz in mich gekehrt. -- Ein gleichmäßiges, dumpfes und wildes Getöse
brachte mich aus dieser Erstarrung. Ich hob den Kopf: die See brauste
etwa fünfzig Schritte von mir entfernt. Ich sah, daß ich über den Sand
einer Düne ging. Die vom nächtlichen Sturme aufgeregte See war bis zum
Horizonte mit weißen Wellenkämmen bedeckt, und die steilen, langen Wogen
rollten eine nach der anderen langsam heran und zerschellten am flachen
Ufer. Ich trat näher und ging längs der Grenzlinie, welche die Brandung
auf dem gelben, gestreiften, mit Fetzen von Seealgen, Muschelscherben,
schlangenförmigen Bändern des Riedgrases bedeckten Sand zurückgelassen
hatte. Möwen mit spitzen Flügeln kamen mit dem Winde aus ferner,
luftiger Ferne kläglich schreiend herbeigeflogen, stiegen schneeweiß zum
grauen Wolkenhimmel empor, fielen steil herab, sprangen gleichsam von
Welle zu Welle und verschwanden, silbernen Funken ähnlich, in den
Streifen des wirbelnden Schaumes. Ich bemerkte, daß einzelne Möwen
hartnäckig einen großen Stein umkreisten, der einsam inmitten der
gleichförmigen Sandfläche lag. Rauhes Riedgras wuchs in unregelmäßigen
Büscheln an der einen Seite des Steins, und, wo die verworrenen Stengel
aus dem gelben Salzgrund emporstiegen, lag etwas Schwarzes, Längliches,
Rundliches, nicht sehr Großes ... Ich sah genauer hin ... Irgendein
dunkler Gegenstand lag unbeweglich neben dem Steine ... Er wurde immer
deutlicher und bestimmter, je näher ich herankam ...
Ich war nur noch etwa dreißig Schritte vom Steine entfernt ...
Es sind ja die Umrisse eines menschlichen Körpers! Es ist ein Leichnam;
es ist ein Ertrunkener, den die Brandung herausgeworfen hat! Ich ging an
den Stein heran.
Es war der Leichnam des Barons, meines Vaters! Ich blieb wie angewurzelt
stehen. Jetzt erst begriff ich, daß mich seit dem frühen Morgen
unbekannte Mächte getrieben hatten, daß ich ganz in ihrer Gewalt war, --
und einige Augenblicke lang war in meiner Seele nichts als das
eintönige, unaufhörliche Brausen der See und die stumme Angst vor dem
Schicksal, das mich ergriffen hatte ...