X.

Jeder wird leicht begreifen, welchen erschütternden Eindruck die

Erzählung meiner Mutter auf mich machte! Ich hatte gleich beim ersten

Wort begriffen, daß sie von sich selbst und nicht von einer Freundin

sprach; sie hatte sich ja auch einmal versprochen, und dies bestätigte

nur meine Vermutung. Also war dieser Mann, den ich im Traume gesucht und

jetzt auch im Wachen gesehen hatte, wirklich mein Vater. Er war nicht

ermordet, wie meine Mutter glaubte, sondern nur verwundet ... Er hatte

sie wohl besucht und war, durch ihren Schreck erschreckt, davongelaufen.

Plötzlich wurde mir alles klar; das Gefühl der unwillkürlichen

Abneigung, welches meine Mutter zuweilen gegen mich empfand, ihr ewiger

Gram und unsere Zurückgezogenheit ... Ich entsinne mich noch, daß mich

ein Schwindel erfaßte, daß ich mit beiden Händen nach meinem Kopfe

griff, als ob ich ihn festhalten wollte. Aber ein Gedanke setzte sich in

meinem Kopfe fest; ich wollte unbedingt, koste es was es wolle, jenen

Mann wieder aufsuchen! Warum? Welchen Zweck sollte das haben? Darüber

legte ich mir keine Rechenschaft ab, aber ich mußte ihn aufsuchen, das

war mir eine Lebensfrage! Am nächsten Morgen beruhigte sich meine Mutter

endlich, das Fieber wich ... sie schlief ein. Ich überließ sie der

Fürsorge der Hausleute und der Dienerschaft und machte mich auf die

Suche.

Visionen und andere phantastische Erzählungen · 第 71 / 80 题