IX.

»Höre, was ich dir erzählen werde,« begann sie. »Du bist ja kein Kind

mehr und mußt alles wissen. Ich hatte einst eine gute Freundin ... Sie

heiratete einen Mann, den sie von ganzem Herzen liebte, und sie war mit

ihm sehr glücklich. Noch im ersten Jahre ihrer Ehe reisten sie in die

Hauptstadt, um dort einige Wochen zu verleben und sich zu amüsieren. Sie

stiegen in einem guten Gasthofe ab und gingen viel ins Theater und in

Gesellschaft. Meine Freundin war schön und fiel allen auf; die jungen

Leute machten ihr den Hof; unter ihnen war aber einer, ein Offizier. Er

verfolgte sie auf Schritt und Tritt und wo sie auch war, -- überall sah

sie seine schwarzen, bösen Augen. Er ließ sich ihr nicht vorstellen und

sprach niemals mit ihr, -- er sah sie aber immer so sonderbar frech an.

Alle Vergnügungen der Hauptstadt waren für sie durch seine Gegenwart

vergällt; sie bat ihren Mann, so bald als möglich abzureisen, -- und sie

machten sich reisefertig. Eines Abends begab sich ihr Mann in einen

Klub; einige Offiziere vom gleichen Regiment wie jener hatten ihn zum

Kartenspiel eingeladen ... Sie blieb zum ersten Male allein. Der Mann

blieb lange aus; sie entließ ihr Mädchen und begab sich zu Bett ... Da

überkam sie plötzlich ein beklemmendes Gefühl, so daß sie ganz kalt

wurde und schauderte. Es war ihr, als ob sie ein leises Geräusch hinter

der Wand -- wie das Scharren eines Hundes -- hörte, und sie richtete

ihren Blick auf die Wand. In der Ecke brannte ein Lämpchen; das ganze

Zimmer war mit Stofftapeten ausgeschlagen ... Plötzlich bewegte sich

etwas, der Wandbehang hob sich ... Und aus der Wand heraus trat schwarz

und lang jener unheimliche Mensch mit den bösen Augen! Sie wollte

aufschreien und konnte es nicht. Sie war ganz gelähmt vor Angst. Er ging

schnell wie ein Raubtier auf sie zu, warf ihr etwas über den Kopf, etwas

Schwüles, Schweres, Weißes ... Was weiter geschah, weiß ich nicht ...

weiß ich nicht! Es war wie der Tod, wie ein Mord ... Als sich dieser

schreckliche Nebel endlich verzog, als ich ... als meine Freundin zu

sich kam, war niemand im Zimmer. Sie konnte noch lange nicht schreien,

und als sie endlich aufschrie, verlor sie gleich wieder die

Besinnung ...

Später sah sie ihren Mann neben sich, den man bis zwei Uhr nachts im

Klub aufgehalten hatte ... Er war ganz blaß vor Schreck. Er begann sie

auszufragen, aber sie sagte nichts ... Dann wurde sie krank ... Doch ich

erinnere mich: als sie einmal allein im Zimmer war, untersuchte sie jene

Stelle an der Wand ... Unter der Stofftapete fand sie eine Geheimtüre.

Sie hatte ihren Trauring verloren. Dieser Ring war von ungewöhnlicher

Form: Sieben goldene Sterne wechselten auf ihm mit sieben silbernen

Sternen ab; es war ein alter Familienschmuck. Der Mann fragte sie, was

mit dem Ring geschehen sei, sie konnte ihm aber keine Antwort geben. Der

Mann glaubte, sie hätte ihn irgendwo fallen lassen und suchte überall,

fand ihn aber nicht. Auch ihn ergriff Unruhe; er beschloß, so schnell

als möglich nach Hause zu reisen, und sobald der Arzt es erlaubte,

verließen sie die Hauptstadt ... Aber denke dir nur! Am Tage ihrer

Abreise stießen sie auf der Straße auf eine Tragbahre ... Und auf dieser

Bahre lag ein eben ermordeter Mann mit gespaltenem Schädel -- denke dir

nur! -- es war jener nächtliche Gast mit den bösen Augen ... Man hatte

ihn beim Kartenspiel erschlagen!

Dann reiste meine Freundin aufs Land ... sie wurde zum erstenmal Mutter

... und lebte noch einige Jahre mit ihrem Mann. Er erfuhr niemals etwas;

was hätte sie ihm auch erzählen können? Sie wußte ja selbst nichts.

Doch das frühere Glück war verschwunden. Das Leben der Ehegatten wurde

finster, und diese Finsternis hellte sich nie wieder auf ... Weitere

Kinder bekamen sie nicht, und dieser Sohn ...«

Mütterchen erbebte am ganzen Körper und bedeckte das Gesicht mit den

Händen ...

»Aber sag mir jetzt,« fuhr sie mit verdoppelter Kraft fort, »hat meine

Freundin etwas verbrochen? Was kann sie sich vorwerfen? Sie war hart

gestraft; hatte sie aber nicht das Recht, vor Gott selbst zu erklären,

daß die Strafe, die sie getroffen, ungerecht und unverdient war? Warum

wird sie nun wie eine Verbrecherin von Gewissensbissen gepeinigt, warum

erscheint ihr das Vergangene noch jetzt, nach vielen Jahren, so

grauenvoll? Macbeth hat Banko ermordet, und es ist ganz natürlich, daß

er ihn immer vor sich sieht ... aber ich ...«

Hier wurde die Rede meiner Mutter so verworren, daß ich sie nicht mehr

verstand ... Ich zweifelte nicht mehr daran, daß sie phantasierte.

Visionen und andere phantastische Erzählungen · 第 70 / 80 题