»Höre, was ich dir erzählen werde,« begann sie. »Du bist ja kein Kind
mehr und mußt alles wissen. Ich hatte einst eine gute Freundin ... Sie
heiratete einen Mann, den sie von ganzem Herzen liebte, und sie war mit
ihm sehr glücklich. Noch im ersten Jahre ihrer Ehe reisten sie in die
Hauptstadt, um dort einige Wochen zu verleben und sich zu amüsieren. Sie
stiegen in einem guten Gasthofe ab und gingen viel ins Theater und in
Gesellschaft. Meine Freundin war schön und fiel allen auf; die jungen
Leute machten ihr den Hof; unter ihnen war aber einer, ein Offizier. Er
verfolgte sie auf Schritt und Tritt und wo sie auch war, -- überall sah
sie seine schwarzen, bösen Augen. Er ließ sich ihr nicht vorstellen und
sprach niemals mit ihr, -- er sah sie aber immer so sonderbar frech an.
Alle Vergnügungen der Hauptstadt waren für sie durch seine Gegenwart
vergällt; sie bat ihren Mann, so bald als möglich abzureisen, -- und sie
machten sich reisefertig. Eines Abends begab sich ihr Mann in einen
Klub; einige Offiziere vom gleichen Regiment wie jener hatten ihn zum
Kartenspiel eingeladen ... Sie blieb zum ersten Male allein. Der Mann
blieb lange aus; sie entließ ihr Mädchen und begab sich zu Bett ... Da
überkam sie plötzlich ein beklemmendes Gefühl, so daß sie ganz kalt
wurde und schauderte. Es war ihr, als ob sie ein leises Geräusch hinter
der Wand -- wie das Scharren eines Hundes -- hörte, und sie richtete
ihren Blick auf die Wand. In der Ecke brannte ein Lämpchen; das ganze
Zimmer war mit Stofftapeten ausgeschlagen ... Plötzlich bewegte sich
etwas, der Wandbehang hob sich ... Und aus der Wand heraus trat schwarz
und lang jener unheimliche Mensch mit den bösen Augen! Sie wollte
aufschreien und konnte es nicht. Sie war ganz gelähmt vor Angst. Er ging
schnell wie ein Raubtier auf sie zu, warf ihr etwas über den Kopf, etwas
Schwüles, Schweres, Weißes ... Was weiter geschah, weiß ich nicht ...
weiß ich nicht! Es war wie der Tod, wie ein Mord ... Als sich dieser
schreckliche Nebel endlich verzog, als ich ... als meine Freundin zu
sich kam, war niemand im Zimmer. Sie konnte noch lange nicht schreien,
und als sie endlich aufschrie, verlor sie gleich wieder die
Besinnung ...
Später sah sie ihren Mann neben sich, den man bis zwei Uhr nachts im
Klub aufgehalten hatte ... Er war ganz blaß vor Schreck. Er begann sie
auszufragen, aber sie sagte nichts ... Dann wurde sie krank ... Doch ich
erinnere mich: als sie einmal allein im Zimmer war, untersuchte sie jene
Stelle an der Wand ... Unter der Stofftapete fand sie eine Geheimtüre.
Sie hatte ihren Trauring verloren. Dieser Ring war von ungewöhnlicher
Form: Sieben goldene Sterne wechselten auf ihm mit sieben silbernen
Sternen ab; es war ein alter Familienschmuck. Der Mann fragte sie, was
mit dem Ring geschehen sei, sie konnte ihm aber keine Antwort geben. Der
Mann glaubte, sie hätte ihn irgendwo fallen lassen und suchte überall,
fand ihn aber nicht. Auch ihn ergriff Unruhe; er beschloß, so schnell
als möglich nach Hause zu reisen, und sobald der Arzt es erlaubte,
verließen sie die Hauptstadt ... Aber denke dir nur! Am Tage ihrer
Abreise stießen sie auf der Straße auf eine Tragbahre ... Und auf dieser
Bahre lag ein eben ermordeter Mann mit gespaltenem Schädel -- denke dir
nur! -- es war jener nächtliche Gast mit den bösen Augen ... Man hatte
ihn beim Kartenspiel erschlagen!
Dann reiste meine Freundin aufs Land ... sie wurde zum erstenmal Mutter
... und lebte noch einige Jahre mit ihrem Mann. Er erfuhr niemals etwas;
was hätte sie ihm auch erzählen können? Sie wußte ja selbst nichts.
Doch das frühere Glück war verschwunden. Das Leben der Ehegatten wurde
finster, und diese Finsternis hellte sich nie wieder auf ... Weitere
Kinder bekamen sie nicht, und dieser Sohn ...«
Mütterchen erbebte am ganzen Körper und bedeckte das Gesicht mit den
Händen ...
»Aber sag mir jetzt,« fuhr sie mit verdoppelter Kraft fort, »hat meine
Freundin etwas verbrochen? Was kann sie sich vorwerfen? Sie war hart
gestraft; hatte sie aber nicht das Recht, vor Gott selbst zu erklären,
daß die Strafe, die sie getroffen, ungerecht und unverdient war? Warum
wird sie nun wie eine Verbrecherin von Gewissensbissen gepeinigt, warum
erscheint ihr das Vergangene noch jetzt, nach vielen Jahren, so
grauenvoll? Macbeth hat Banko ermordet, und es ist ganz natürlich, daß
er ihn immer vor sich sieht ... aber ich ...«
Hier wurde die Rede meiner Mutter so verworren, daß ich sie nicht mehr
verstand ... Ich zweifelte nicht mehr daran, daß sie phantasierte.