Mütterchen hatte alle ihre Gedanken und Sorgen ständig auf mich
gerichtet. Ihr Leben floß mit dem meinigen zusammen. Solche Beziehungen
zwischen Eltern und Kindern sind für die Kinder nicht immer nützlich ...
eher sind sie schädlich. Außerdem war ich das einzige Kind meiner
Mutter, und einzige Kinder entwickeln sich meistens höchst
ungleichmäßig. Bei ihrer Erziehung sind die Eltern gewöhnlich ebensosehr
um sich selbst, als um die Kinder besorgt ... Und das kann unmöglich gut
sein. Ich war weder verzogen noch verbittert (beides kommt bei einzigen
Kindern vor), doch meine Nerven waren schon im frühen Alter zerrüttet;
auch war ich von schwacher Gesundheit, wie die Mutter, der ich auch
sonst nachgeraten war. Ich mied die Gesellschaft meiner Altersgenossen
und war überhaupt menschenscheu; selbst mit meinem Mütterchen sprach ich
sehr wenig. Am meisten liebte ich es, zu lesen, allein spazieren zu
gehen und zu träumen, zu träumen! Was der Inhalt meiner Träume war, kann
ich kaum sagen: ich hatte manchmal wirklich das Gefühl, als ob ich vor
einer halbverschlossenen Türe, hinter der ein Geheimnis verborgen wäre,
stände, und wartete, und die Schwelle nicht zu überschreiten wagte, und
immer grübelte, was sich hinter der Türe befände -- und ich wartete und
wartete -- oder schlief ein. Wenn in mir eine poetische Ader wäre, so
hätte ich gewiß angefangen, Verse zu machen; wenn ich eine Neigung zur
Religiosität verspürte, so wäre ich vielleicht Mönch geworden; aber
weder das eine, noch das andere war bei mir der Fall, -- und so fuhr ich
fort, zu träumen -- und zu warten.