II.

Mütterchen hatte alle ihre Gedanken und Sorgen ständig auf mich

gerichtet. Ihr Leben floß mit dem meinigen zusammen. Solche Beziehungen

zwischen Eltern und Kindern sind für die Kinder nicht immer nützlich ...

eher sind sie schädlich. Außerdem war ich das einzige Kind meiner

Mutter, und einzige Kinder entwickeln sich meistens höchst

ungleichmäßig. Bei ihrer Erziehung sind die Eltern gewöhnlich ebensosehr

um sich selbst, als um die Kinder besorgt ... Und das kann unmöglich gut

sein. Ich war weder verzogen noch verbittert (beides kommt bei einzigen

Kindern vor), doch meine Nerven waren schon im frühen Alter zerrüttet;

auch war ich von schwacher Gesundheit, wie die Mutter, der ich auch

sonst nachgeraten war. Ich mied die Gesellschaft meiner Altersgenossen

und war überhaupt menschenscheu; selbst mit meinem Mütterchen sprach ich

sehr wenig. Am meisten liebte ich es, zu lesen, allein spazieren zu

gehen und zu träumen, zu träumen! Was der Inhalt meiner Träume war, kann

ich kaum sagen: ich hatte manchmal wirklich das Gefühl, als ob ich vor

einer halbverschlossenen Türe, hinter der ein Geheimnis verborgen wäre,

stände, und wartete, und die Schwelle nicht zu überschreiten wagte, und

immer grübelte, was sich hinter der Türe befände -- und ich wartete und

wartete -- oder schlief ein. Wenn in mir eine poetische Ader wäre, so

hätte ich gewiß angefangen, Verse zu machen; wenn ich eine Neigung zur

Religiosität verspürte, so wäre ich vielleicht Mönch geworden; aber

weder das eine, noch das andere war bei mir der Fall, -- und so fuhr ich

fort, zu träumen -- und zu warten.

Visionen und andere phantastische Erzählungen · 第 63 / 80 题