Ich lebte um jene Zeit mit meinem Mütterchen in einer kleinen Seestadt.
Ich war eben 17 Jahre alt geworden, meine Mutter war aber noch nicht 35;
sie hatte sehr jung geheiratet. Mein Vater starb, als ich gerade 6 Jahre
alt war, aber ich konnte mich seiner noch genau erinnern. Mütterchen war
eine kleine blonde Frau mit einem schönen, doch ewig traurigen Gesicht,
mit einer stillen, matten Stimme und schüchternen Bewegungen. In ihrer
Jugend war sie als eine Schönheit berühmt und sie blieb bis an ihr Ende
anziehend und anmutig. Ich habe nie tiefere, zartere und traurigere
Augen, weichere und feinere Haare, nie vornehmere Hände gesehen. Ich
vergötterte sie, und sie liebte mich ... Doch unser Leben ging freudlos
dahin: es war, als ob ein geheimer, unheilbarer und unverdienter Kummer
beständig an den Wurzeln ihres Lebens nagte. Diesen Kummer konnte ich
nicht nur mit der Trauer um meinen Vater erklären, so groß diese Trauer
auch war, so heiß sie meinen Vater auch geliebt hatte, so heilig sie
auch sein Andenken hielt ... Nein, hier war noch etwas verborgen, was
ich nicht wußte, was ich aber unbestimmt doch stark fühlte, so oft ich
in ihre stillen unbeweglichen Augen oder auf ihre schönen gleichfalls
unbeweglichen Lippen, die nicht in Verbitterung zusammengepreßt, aber
gleichsam für ewig erstarrt waren, blickte.
Ich sagte eben, daß meine Mutter mich liebte; es gab aber auch
Augenblicke, wo sie mich von sich stieß, wo ihr meine Gegenwart lästig
und unerträglich war. Sie schien dann einen unwillkürlichen Ekel vor mir
zu empfinden, -- nachher erschrak sie selbst darüber, bat mich unter
Tränen um Verzeihung und drückte mich an ihr Herz. Ich schrieb diese
Ausbrüche von Haß ihrer zerrütteten Gesundheit und ihrem Unglück zu ...
Diese feindseligen Gefühle wären allerdings auch mit den seltsamen, mir
selbst unbegreiflichen, bösen und verbrecherischen Regungen zu erklären
gewesen, die sich manchmal in mir regten ... Doch solche Anwandlungen
fielen nicht mit den Augenblicken ihres Hasses zusammen. -- Mütterchen
kleidete sich immer in Schwarz. Wir lebten auf ziemlich großem Fuße,
obwohl wir fast keine Bekannten hatten.