Valeria schlief bald ein, aber Fabius konnte lange keine Ruhe finden. In
der Stille der Nacht trat ihm alles, was er gesehen und empfunden hatte,
noch lebendiger vor Augen; er stellte sich noch hartnäckiger die Fragen,
auf die er noch immer keine Antwort finden konnte ... Ob Mutius
tatsächlich mit den bösen Mächten im Bunde stehe und ob er Valeria nicht
vergiftet habe? -- Sie war krank, doch was war ihre Krankheit? --
Während er, den Kopf in die Hand gestützt und den heißen Atem anhaltend,
sich den bangen Zweifeln überließ, ging am wolkenlosen Himmel wieder der
Mond auf; und zugleich mit seinen Strahlen drang durch die
halbdurchsichtigen Fensterscheiben, von der Seite des Pavillons her, --
oder kam es Fabius nur so vor? -- drang ein leichter duftender Hauch ins
Zimmer ... da hörte er ein zudringliches, leidenschaftliches Geflüster
... und im gleichen Augenblick sah er, wie Valeria sich auf ihrem Lager
leise rührte. Er fährt zusammen und sieht: sie erhebt sich, steckt erst
das eine, dann das andere Bein aus dem Bett und geht wie eine
Mondsüchtige, die trüben Augen leblos geradeaus gerichtet, die Arme
vorgestreckt zur Gartentüre! Fabius stürzt im gleichen Augenblick durch
eine andere Türe aus dem Schlafgemach, läuft, so schnell er kann, um die
Ecke des Hauses herum und drückt die Türe, die nach dem Garten führt,
von außen zu. Kaum hat er aber die Klinke erfaßt, als er merkt, daß
jemand die Türe von innen öffnen will, sich gegen sie stemmt, -- wieder
und wieder -- dann hört er ein schmerzvolles Aufstöhnen ...
»Aber Mutius ist ja noch nicht zurückgekehrt,« geht es Fabius durch den
Kopf, -- und er stürzt zum Pavillon.
Und was sieht er?
Ihm entgegen kommt auf dem vom Mondlicht übergossenen Wege gleichfalls
wie ein Mondsüchtiger, gleichfalls die Arme vorgestreckt und die Augen
leblos und starr aufgerissen, Mutius ... Fabius eilt ihm entgegen, aber
jener sieht ihn nicht, schreitet langsam und gemessen, und sein
unbewegliches Gesicht zeigt im Mondlichte das gleiche Lächeln, wie es
Fabius beim Malaien wahrgenommen hat. Fabius will ihn beim Namen rufen
... doch im gleichen Augenblicke hört er: hinten im Hause wird ein
Fenster geöffnet ... Er blickt zurück ...
Und in der Tat: das Fenster im Schlafzimmer ist ganz heruntergeklappt,
und im Fenster steht Valeria, einen Fuß über das Fensterbrett erhoben
... ihre Arme scheinen Mutius zu suchen ... sie strebt mit ihrem ganzen
Leibe zu ihm hin ...
Unbeschreibliche Wut erfüllte plötzlich Fabius. -- »Verfluchter
Zauberer!« schrie er rasend auf, packte Mutius mit der einen Hand an der
Kehle, zog mit der anderen den Dolch aus dem Gürtel und stieß ihn bis an
den Griff in Mutius' Hüfte.
Mutius schrie durchdringend auf, drückte sich die Hand auf die Wunde und
lief stolpernd in seinen Pavillon zurück ... doch im gleichen
Augenblick, als Fabius ihn traf, schrie auch Valeria ebenso
durchdringend auf und fiel wie vom Blitze getroffen zu Boden.
Fabius eilte zu ihr hin, hob sie auf, trug sie ins Bett und sprach auf
sie ein ...
Sie lag lange regungslos; endlich öffnete sie die Augen, holte tief Atem
so freudig und tief, wie ein Mensch, der soeben einem unvermeidlichen
Tode entronnen ist, erkannte den Gatten, umschlang seinen Hals mit den
Armen und schmiegte ihr Haupt an seine Brust. -- »Du, du, das bist du!«
lallte sie. Allmählich lösten sich ihre Arme, der Kopf fiel zurück, sie
flüsterte mit seligem Lächeln: »Gott sei Dank, alles ist vorbei ... Aber
ich bin so müde!« und sank in einen festen, doch nicht schweren Schlaf.