X.

Fabius ließ sich an ihrem Lager nieder, blickte unverwandt auf ihr

bleiches, abgemagertes, doch schon beruhigtes Antlitz und begann über

das Geschehene nachzudenken ... und auch darüber, was er jetzt

unternehmen sollte? Was sollte er tun? Wenn er Mutius wirklich getötet

hatte, -- und wenn er sich erinnerte, wie tief die Klinge des Dolches

eingedrungen war, durfte er nicht daran zweifeln, -- dann ließe es sich

ja doch unmöglich verheimlichen! Er sollte es eigentlich selbst dem

Herzog und dem Gericht melden ... doch wie es erklären, wie eine so

unbegreifliche Sache erzählen? Er, Fabius, hatte in seinem Hause seinen

Verwandten, seinen besten Freund, ermordet! Gleich wird man ihn fragen:

Wofür? Aus welchem Grunde?.. Und wenn Mutius doch nicht tot ist? --

Fabius konnte diesen Zustand nicht länger ertragen, er mußte sich

Gewißheit verschaffen; er überzeugte sich, daß Valeria schlief, erhob

sich vorsichtig vom Sessel, verließ das Haus und ging zum Pavillon. Im

Pavillon war alles still; nur in einem Fenster war noch Licht. Mit

bebendem Herzen öffnete er die äußere Türe (er sah auf ihr noch die

Abdrücke blutiger Finger, und auch auf dem Sande des Weges waren dunkle

Blutspuren zu sehen), -- er durchschritt das erste dunkle Zimmer ... und

blieb erstaunt und bestürzt auf der Schwelle stehen.

In der Mitte des Zimmers lag auf einem persischen Teppich, ein

Brokatkissen unter dem Kopfe, mit einem breiten roten, schwarzgemusterten

Schal bedeckt, alle Glieder gerade ausgestreckt, Mutius;

sein Gesicht, gelb wie Wachs, mit geschlossenen Augen und blau

angelaufenen Lidern, war nach oben gerichtet. Zu seinen Füßen kniete,

gleichfalls in einen roten Schal gehüllt, der Malaie. Er hielt in der

linken Hand einen Zweig von einer unbekannten Pflanze, dem Farnkraut

ähnlich, und blickte, leicht vornübergebeugt, unverwandt auf seinen

Herrn. Eine kleine Fackel, in den Boden gesteckt, brannte mit grünlichem

Feuer und beleuchtete allein das Zimmer. Die Flamme schwankte nicht und

rauchte nicht. Als Fabius eintrat, rührte sich der Malaie nicht, er warf

ihm nur einen raschen Blick zu und richtete dann die Augen wieder auf

Mutius. Ab und zu senkte er den Zweig, schüttelte ihn in der Luft, und

seine stummen Lippen bewegten sich langsam, gleichsam tonlose Worte

sprechend. Zwischen dem Malaien und Mutius lag auf dem Boden der Dolch,

mit dem Fabius seinen Freund getroffen hatte: der Malaie schlug einmal

mit dem Zweige auf die blutige Klinge. So verging eine Minute, -- eine

zweite. Fabius näherte sich dem Malaien, beugte sich zu ihm und fragte

leise: »Ist er tot?« Der Malaie nickte mit dem Kopf, zog die rechte Hand

aus dem Schal hervor und wies befehlend auf die Türe. Fabius wollte die

Frage wiederholen, doch die befehlende Hand wiederholte die Gebärde, --

und Fabius verließ das Haus, empört und erstaunt, aber sich fügend.

Er fand Valeria noch immer schlafend, und ihr Gesicht schien noch

beruhigter. Er kleidete sich nicht aus, setzte sich ans Fenster, stützte

den Kopf in die Hand und versank wieder in Nachdenken. Als die Sonne

aufging, fand sie ihn noch auf demselben Platze. Valeria war nicht

erwacht.

Visionen und andere phantastische Erzählungen · 第 56 / 80 题