VIII.

Am nächsten Tage war Mutius schon am frühen Morgen verschwunden, und

Valeria erklärte dem Gatten, daß sie ein nahes Kloster aufsuchen wolle,

wo ihr Beichtvater, ein alter ehrwürdiger Mönch, zu dem sie grenzenloses

Vertrauen habe, wohnte. Auf die Fragen Fabius' antwortete sie, daß sie

ihr Herz, auf dem die ungewöhnlichen Eindrücke der letzten Tage so

schwer lasteten, durch die Beichte erleichtern möchte. Als Fabius sah,

wie abgemagert ihr Gesicht war, als er hörte, wie dumpf und müde ihre

Stimme klang, billigte er ihren Entschluß: der ehrwürdige Pater Lorenzo

könnte ihr mit gutem Rat beistehen und ihre Zweifel zerstreuen ...

Valeria begab sich unter dem Schutze von vier Begleitern ins Kloster,

während Fabius zu Hause blieb. In Erwartung der Rückkehr seiner Frau

irrte er im Garten umher und suchte sich, gepeinigt von beständiger

Furcht und Zorn und unbestimmtem Verdacht, zu erklären, was mit ihr

vorging ... Er ging einige Male in den Pavillon, Mutius war aber noch

nicht zurückgekehrt, und der Malaie blickte ihn an wie ein Götze, den

Kopf ehrfurchtsvoll geneigt, mit einem rätselhaften und, wie es Fabius

schien, bedeutungsvollen und unheimlichen Lächeln auf dem bronzenen

Gesicht. Valeria erzählte indessen in der Beichte ihrem Seelsorger,

weniger von Scham als von Furcht gequält, alles, was sie in den letzten

Tagen erlebt hatte. Der Seelsorger hörte ihr aufmerksam zu, gab ihr

seinen Segen, erteilte ihr ob der unfreiwilligen Sünde Absolution,

dachte aber bei sich selber: »Zauberei, Blendwerk des Teufels ... das

darf ich nicht so bleiben lassen ...« Unter dem Vorwande, sie völlig

beruhigen und trösten zu wollen, begab er sich mit Valeria nach ihrer

Villa. -- Als Fabius den Beichtvater sah, wurde er von neuer Unruhe

ergriffen; doch der vielerfahrene Greis hatte sich noch vorher überlegt,

was er tun müsse. Als er mit Fabius allein blieb, verriet er ihm zwar

das Beichtgeheimnis nicht, gab ihm aber den Rat, den Gast, den er selbst

eingeladen hatte und der durch seine Erzählungen, Lieder und sein ganzes

Gebaren die Phantasie Valerias verwirrte, wenn es nur irgendmöglich sei,

aus seinem Hause zu entfernen. Außerdem, meinte der Greis, sei Mutius

auch früher, soviel er sich erinnern könne, nicht sonderlich fest im

Glauben gewesen; nachdem er sich aber so lange in fremden Ländern, die

noch nicht vom Lichte des Christentums erleuchtet seien, aufgehalten

habe, hätte er sich dort leicht mit der Pest der Irrlehren und sogar mit

den Geheimnissen der Magier angesteckt haben können. Wenn ihm auch die

alte Freundschaft gewisse Rechte gebe, so gebiete ihm doch die kluge

Vorsicht, sich von Mutius zu trennen. Fabius stimmte völlig der Ansicht

des ehrwürdigen Mönches zu, und sogar Valeria wurde wieder heiter, als

der Gatte ihr den Rat des Beichtvaters mitteilte; von den Segenswünschen

der beiden begleitet, mit reichen Geschenken für das Kloster und für die

Armen beladen, kehrte Pater Lorenzo in sein Kloster zurück.

Fabius wollte gleich nach dem Nachtmahl mit Mutius sprechen, doch der

unheimliche Gast war auch zum Nachtmahl noch nicht zurückgekehrt. Daher

beschloß Fabius, die Aussprache mit Mutius auf den nächsten Morgen zu

verschieben, und beide Gatten begaben sich in ihr Schlafgemach.

Visionen und andere phantastische Erzählungen · 第 54 / 80 题