In den ganzen fünf Jahren, die er abwesend war, hatte niemand etwas von
ihm gehört; alle Gerüchte über ihn waren verstummt, als ob er ganz vom
Erdboden verschwunden wäre. Als Fabius seinem Freund in einer der
Straßen von Ferrara begegnete, schrie er beinahe laut auf, -- zuerst vor
Erstaunen und dann vor Freude. Er lud ihn sogleich nach seiner Villa
ein. In seinem Garten hatte er einen abgesonderten, geräumigen Pavillon,
und er schlug dem Freunde vor, in diesen Pavillon zu ziehen. Mutius ging
gern darauf ein und siedelte noch am gleichen Tage in Begleitung seines
stummen, malaiischen Dieners dahin über. Der Malaie war stumm doch nicht
taub und sogar, nach der Lebendigkeit seines Blickes zu schließen, sehr
aufgeweckt und verständig ... Man hatte ihm einst die Zunge
herausgeschnitten. Mutius brachte zahlreiche Koffer mit, angefüllt mit
den verschiedenartigsten Kostbarkeiten, die er auf seinen langen Reisen
gesammelt hatte. Auch Valeria freute sich über die Rückkehr des Mutius;
er begrüßte sie freundschaftlich heiter, doch ruhig, und man konnte nach
seinem ganzen Gebaren schließen, daß er seinem Freund Fabius das Wort
gehalten hatte. Im Laufe des ersten Tages richtete er sich in seinem
Pavillon ein und packte mit Hilfe des Malaien die mitgebrachten Schätze
aus: Teppiche, seidene Stoffe, Gewänder aus Samt und Brokat, Waffen,
Schalen, Schüsseln und Becher, verziert mit Email, Gegenstände aus Gold
und Silber, geschmückt mit Perlen und Türkisen, geschnitzte Kästchen aus
Bernstein und Elfenbein, geschliffene Flaschen, Gewürze und Räucherwerk,
Tierfelle, Federn unbekannter Vögel und eine Menge anderer Sachen, deren
Gebrauch sogar geheimnisvoll und unbegreiflich erschien. Unter allen
diesen Kostbarkeiten war auch ein reiches Perlenhalsband, das Mutius vom
persischen Schah für einen gewissen großen und geheimen Dienst erhalten
hatte; er bat Valeria um Erlaubnis, ihr dieses Perlenhalsband
eigenhändig um den Hals legen zu dürfen: es erschien ihr ungewöhnlich
schwer und mit einer seltsamen Wärme behaftet ... es schmiegte sich auch
sofort fest an ihre Haut. Am Abend nach der Mahlzeit saßen sie alle auf
der Terrasse der Villa im Schatten der Oleander und Lorbeeren, und
Mutius begann seine Erlebnisse zu schildern. Er erzählte von den fernen
Ländern, die er besucht, von Bergen, die über die Wolken hinaufragen,
von Flüssen, groß und mächtig wie Meere; er sprach von riesenhaften
Gebäuden und Tempeln, von tausendjährigen Bäumen, von in allen Farben
des Regenbogens schillernden Blumen und Vögeln, er nannte die Namen der
Städte und Völker, die er besucht hatte ... schon diese Namen klangen
wie Märchen. Mutius kannte den ganzen Orient: er hatte Persien
durchreist und Arabien, wo die Pferde schöner und edler sind als alle
anderen Geschöpfe; war in die Tiefe Indiens eingedrungen, wo die
Menschen herrlichen Gewächsen gleichen; hatte die Grenzen Chinas und
Tibets erreicht, wo ein Gott, namens Dalai-Lama in Gestalt eines
schweigsamen Mannes mit Schlitzaugen leibhaftig auf Erden wohnt.
Wunderbar waren seine Erzählungen! Fabius und Valeria hörten ihm wie
bezaubert zu. Mutius hatte sich äußerlich wenig verändert: sein von
Kindheit an braunes Gesicht war nur noch etwas dunkler geworden,
versengt von den Strahlen einer heißeren Sonne, und die Augen schienen
etwas tiefer als früher; das war auch alles. Sein Gesichtsausdruck war
aber ein anderer geworden: er schien in sich gekehrt, ernst, und belebte
sich auch dann nicht, wenn er von den Gefahren sprach, die er bestanden,
nachts in Wäldern, wo Tiger heulten, oder am Tage, auf einsamen Wegen,
wo Fanatiker auf die Reisenden lauerten, um sie zu Ehren einer eisernen
Göttin, die nach Menschenopfern verlangt, zu erdrosseln. Auch die Stimme
Mutius' war dumpfer und eintöniger geworden; die Bewegungen seiner Arme
und des ganzen Körpers hatten jene Freiheit und Ungezwungenheit
verloren, die sonst den Italienern eigen ist. Mit Hilfe seines Dieners,
des unterwürfigen und flinken Malaien, zeigte er seinen Freunden einige
Kunststücke, die er von den indischen Brahminen gelernt hatte. So
versteckte er sich z. B. hinter einem Vorhange und erschien plötzlich
mit untergeschlagenen Beinen frei in der Luft schwebend, wobei er sich
nur leicht mit den Fingerspitzen auf ein senkrecht aufgestelltes
Bambusrohr stützte, was Fabius in großes Erstaunen setzte und Valeria
sogar erschreckte ... -- »Ist er wohl gar mit bösen Mächten im Bunde?«
dachte sie. -- Als er aber mit den Tönen einer kleinen Flöte aus einem
geschlossenen Korbe zahme Schlangen hervorzulocken begann und als die
Schlangen, ihre Stacheln bewegend, die dunklen, platten Köpfe unter der
bunten Decke hervorsteckten, geriet Valeria in Entsetzen und bat Mutius,
diese ekelhaften Geschöpfe so schnell wie möglich zu verstecken. Beim
Nachtmahl traktierte Mutius seine Freunde mit Schiras-Wein aus einer
langhalsigen bauchigen Flasche; der ungewöhnlich aromatische und dicke
Wein war von goldener Farbe und schillerte grünlich und geheimnisvoll in
den kleinen Schalen aus Jaspis, in die er ihn einschenkte. Sein
Geschmack war von dem der europäischen Weine verschieden: er war sehr
süß und würzig, und wirkte, wenn man ihn langsam in kleinen Zügen trank,
angenehm einschläfernd auf alle Glieder. Mutius nötigte Fabius und
Valeria davon zu trinken und trank auch selbst. Er beugte sich über
Valerias Schale und flüsterte etwas, wobei er die Finger eigentümlich
bewegte. Valeria bemerkte es; da ihr aber die Manieren Mutius' und sein
ganzes Auftreten auch ohnehin fremd und sonderbar vorkamen, dachte sie
nur: »Hat er vielleicht in Indien irgend einen fremden Glauben
angenommen? Oder herrschen dort solche Gebräuche?« -- Nach kurzem
Schweigen fragte sie ihn, ob er auch während seiner Reise Musik
getrieben habe. Als Antwort ließ er sich von seinem Malaien seine
indische Geige bringen. Sie glich den hiesigen, nur hatte sie statt der
vier Saiten drei; sie war mit bläulicher Schlangenhaut überzogen, und
der dünne Bogen aus Rohr war zu einem Halbkreis geschwungen und trug an
seinem Ende einen spitzgeschliffenen funkelnden Diamanten.
Mutius spielte zunächst einige traurige, wie er behauptete,
volkstümliche Lieder, die für ein italienisches Ohr seltsam und sogar
wild klangen; die metallenen Saiten tönten klagend und schwach. Als aber
Mutius ein neues Lied anstimmte, wurde der Ton plötzlich stark und
klangvoll; der Bogen, den er sehr breit führte, zauberte eine
leidenschaftliche Melodie hervor, sie glitt anmutig dahin, wie jene
Schlange, deren Haut die Geige bedeckte; und die Melodie leuchtete und
glühte in solchem Feuer, in solchem triumphierenden Jubel, daß es Fabius
und Valeria ganz unheimlich zumute wurde, und ihnen Tränen in die Augen
traten ... während Mutius, mit gebeugtem, an die Geige gedrücktem Kopf,
mit blassen Wangen und zu einem Strich zusammengezogenen Brauen noch
ernster, noch mehr in sich gekehrt erschien, und der Diamant an der
Spitze des Bogens im Hin- und Hergehen blendende Funken um sich warf,
gleichsam vom Feuer des wunderbaren Liedes entzündet. Als Mutius geendet
hatte, hielt er die Geige noch immer zwischen Kinn und Schultern
gedrückt, ließ aber die Hand mit dem Bogen sinken. -- »Was ist das? Was
hast du uns gespielt?« rief Fabius. -- Valeria sprach kein Wort, schien
aber mit ihrem ganzen Wesen die Frage ihres Mannes zu wiederholen.
Mutius legte die Geige auf den Tisch, schüttelte leicht das Haar und
sagte höflich lächelnd: »Das? Diese Weise ... dieses Lied hörte ich
einmal auf der Insel Ceylon. Es heißt dort im Volke das Lied der
glücklichen, befriedigten Liebe.« -- »Spiele es noch einmal,« flüsterte
Fabius. -- »Nein; ich darf es nicht wiederholen,« entgegnete Mutius.
»Auch ist es zu spät. Signora Valeria bedarf der Ruhe und auch ich muß
gehen ... ich bin so müde.« Im Laufe dieses ganzen Tages hatte sich
Mutius im Verkehr mit Valeria höflich und einfach, wie ein alter Freund
benommen; beim Abschied drückte er ihr aber auffallend fest die Hand,
wobei er seine Finger auf ihre Handfläche preßte, und blickte ihr so
unverwandt ins Gesicht, daß sie, obwohl sie die Augenlider gesenkt
hatte, diesen Blick auf ihren plötzlich erglühenden Wangen spürte. Sie
sagte nichts zu Mutius, riß aber ihre Hand aus der seinigen los, und als
er gegangen war, warf sie noch einen Blick auf die Türe, durch die er
sich entfernt hatte. Es fiel ihr ein, daß sie auch in den früheren
Jahren vor ihm eine gewisse Furcht gehabt hatte ... nun war sie ganz
verwirrt. Mutius begab sich nach seinem Pavillon, und die Gatten zogen
sich in ihr Schlafgemach zurück.