III.

In den ganzen fünf Jahren, die er abwesend war, hatte niemand etwas von

ihm gehört; alle Gerüchte über ihn waren verstummt, als ob er ganz vom

Erdboden verschwunden wäre. Als Fabius seinem Freund in einer der

Straßen von Ferrara begegnete, schrie er beinahe laut auf, -- zuerst vor

Erstaunen und dann vor Freude. Er lud ihn sogleich nach seiner Villa

ein. In seinem Garten hatte er einen abgesonderten, geräumigen Pavillon,

und er schlug dem Freunde vor, in diesen Pavillon zu ziehen. Mutius ging

gern darauf ein und siedelte noch am gleichen Tage in Begleitung seines

stummen, malaiischen Dieners dahin über. Der Malaie war stumm doch nicht

taub und sogar, nach der Lebendigkeit seines Blickes zu schließen, sehr

aufgeweckt und verständig ... Man hatte ihm einst die Zunge

herausgeschnitten. Mutius brachte zahlreiche Koffer mit, angefüllt mit

den verschiedenartigsten Kostbarkeiten, die er auf seinen langen Reisen

gesammelt hatte. Auch Valeria freute sich über die Rückkehr des Mutius;

er begrüßte sie freundschaftlich heiter, doch ruhig, und man konnte nach

seinem ganzen Gebaren schließen, daß er seinem Freund Fabius das Wort

gehalten hatte. Im Laufe des ersten Tages richtete er sich in seinem

Pavillon ein und packte mit Hilfe des Malaien die mitgebrachten Schätze

aus: Teppiche, seidene Stoffe, Gewänder aus Samt und Brokat, Waffen,

Schalen, Schüsseln und Becher, verziert mit Email, Gegenstände aus Gold

und Silber, geschmückt mit Perlen und Türkisen, geschnitzte Kästchen aus

Bernstein und Elfenbein, geschliffene Flaschen, Gewürze und Räucherwerk,

Tierfelle, Federn unbekannter Vögel und eine Menge anderer Sachen, deren

Gebrauch sogar geheimnisvoll und unbegreiflich erschien. Unter allen

diesen Kostbarkeiten war auch ein reiches Perlenhalsband, das Mutius vom

persischen Schah für einen gewissen großen und geheimen Dienst erhalten

hatte; er bat Valeria um Erlaubnis, ihr dieses Perlenhalsband

eigenhändig um den Hals legen zu dürfen: es erschien ihr ungewöhnlich

schwer und mit einer seltsamen Wärme behaftet ... es schmiegte sich auch

sofort fest an ihre Haut. Am Abend nach der Mahlzeit saßen sie alle auf

der Terrasse der Villa im Schatten der Oleander und Lorbeeren, und

Mutius begann seine Erlebnisse zu schildern. Er erzählte von den fernen

Ländern, die er besucht, von Bergen, die über die Wolken hinaufragen,

von Flüssen, groß und mächtig wie Meere; er sprach von riesenhaften

Gebäuden und Tempeln, von tausendjährigen Bäumen, von in allen Farben

des Regenbogens schillernden Blumen und Vögeln, er nannte die Namen der

Städte und Völker, die er besucht hatte ... schon diese Namen klangen

wie Märchen. Mutius kannte den ganzen Orient: er hatte Persien

durchreist und Arabien, wo die Pferde schöner und edler sind als alle

anderen Geschöpfe; war in die Tiefe Indiens eingedrungen, wo die

Menschen herrlichen Gewächsen gleichen; hatte die Grenzen Chinas und

Tibets erreicht, wo ein Gott, namens Dalai-Lama in Gestalt eines

schweigsamen Mannes mit Schlitzaugen leibhaftig auf Erden wohnt.

Wunderbar waren seine Erzählungen! Fabius und Valeria hörten ihm wie

bezaubert zu. Mutius hatte sich äußerlich wenig verändert: sein von

Kindheit an braunes Gesicht war nur noch etwas dunkler geworden,

versengt von den Strahlen einer heißeren Sonne, und die Augen schienen

etwas tiefer als früher; das war auch alles. Sein Gesichtsausdruck war

aber ein anderer geworden: er schien in sich gekehrt, ernst, und belebte

sich auch dann nicht, wenn er von den Gefahren sprach, die er bestanden,

nachts in Wäldern, wo Tiger heulten, oder am Tage, auf einsamen Wegen,

wo Fanatiker auf die Reisenden lauerten, um sie zu Ehren einer eisernen

Göttin, die nach Menschenopfern verlangt, zu erdrosseln. Auch die Stimme

Mutius' war dumpfer und eintöniger geworden; die Bewegungen seiner Arme

und des ganzen Körpers hatten jene Freiheit und Ungezwungenheit

verloren, die sonst den Italienern eigen ist. Mit Hilfe seines Dieners,

des unterwürfigen und flinken Malaien, zeigte er seinen Freunden einige

Kunststücke, die er von den indischen Brahminen gelernt hatte. So

versteckte er sich z. B. hinter einem Vorhange und erschien plötzlich

mit untergeschlagenen Beinen frei in der Luft schwebend, wobei er sich

nur leicht mit den Fingerspitzen auf ein senkrecht aufgestelltes

Bambusrohr stützte, was Fabius in großes Erstaunen setzte und Valeria

sogar erschreckte ... -- »Ist er wohl gar mit bösen Mächten im Bunde?«

dachte sie. -- Als er aber mit den Tönen einer kleinen Flöte aus einem

geschlossenen Korbe zahme Schlangen hervorzulocken begann und als die

Schlangen, ihre Stacheln bewegend, die dunklen, platten Köpfe unter der

bunten Decke hervorsteckten, geriet Valeria in Entsetzen und bat Mutius,

diese ekelhaften Geschöpfe so schnell wie möglich zu verstecken. Beim

Nachtmahl traktierte Mutius seine Freunde mit Schiras-Wein aus einer

langhalsigen bauchigen Flasche; der ungewöhnlich aromatische und dicke

Wein war von goldener Farbe und schillerte grünlich und geheimnisvoll in

den kleinen Schalen aus Jaspis, in die er ihn einschenkte. Sein

Geschmack war von dem der europäischen Weine verschieden: er war sehr

süß und würzig, und wirkte, wenn man ihn langsam in kleinen Zügen trank,

angenehm einschläfernd auf alle Glieder. Mutius nötigte Fabius und

Valeria davon zu trinken und trank auch selbst. Er beugte sich über

Valerias Schale und flüsterte etwas, wobei er die Finger eigentümlich

bewegte. Valeria bemerkte es; da ihr aber die Manieren Mutius' und sein

ganzes Auftreten auch ohnehin fremd und sonderbar vorkamen, dachte sie

nur: »Hat er vielleicht in Indien irgend einen fremden Glauben

angenommen? Oder herrschen dort solche Gebräuche?« -- Nach kurzem

Schweigen fragte sie ihn, ob er auch während seiner Reise Musik

getrieben habe. Als Antwort ließ er sich von seinem Malaien seine

indische Geige bringen. Sie glich den hiesigen, nur hatte sie statt der

vier Saiten drei; sie war mit bläulicher Schlangenhaut überzogen, und

der dünne Bogen aus Rohr war zu einem Halbkreis geschwungen und trug an

seinem Ende einen spitzgeschliffenen funkelnden Diamanten.

Mutius spielte zunächst einige traurige, wie er behauptete,

volkstümliche Lieder, die für ein italienisches Ohr seltsam und sogar

wild klangen; die metallenen Saiten tönten klagend und schwach. Als aber

Mutius ein neues Lied anstimmte, wurde der Ton plötzlich stark und

klangvoll; der Bogen, den er sehr breit führte, zauberte eine

leidenschaftliche Melodie hervor, sie glitt anmutig dahin, wie jene

Schlange, deren Haut die Geige bedeckte; und die Melodie leuchtete und

glühte in solchem Feuer, in solchem triumphierenden Jubel, daß es Fabius

und Valeria ganz unheimlich zumute wurde, und ihnen Tränen in die Augen

traten ... während Mutius, mit gebeugtem, an die Geige gedrücktem Kopf,

mit blassen Wangen und zu einem Strich zusammengezogenen Brauen noch

ernster, noch mehr in sich gekehrt erschien, und der Diamant an der

Spitze des Bogens im Hin- und Hergehen blendende Funken um sich warf,

gleichsam vom Feuer des wunderbaren Liedes entzündet. Als Mutius geendet

hatte, hielt er die Geige noch immer zwischen Kinn und Schultern

gedrückt, ließ aber die Hand mit dem Bogen sinken. -- »Was ist das? Was

hast du uns gespielt?« rief Fabius. -- Valeria sprach kein Wort, schien

aber mit ihrem ganzen Wesen die Frage ihres Mannes zu wiederholen.

Mutius legte die Geige auf den Tisch, schüttelte leicht das Haar und

sagte höflich lächelnd: »Das? Diese Weise ... dieses Lied hörte ich

einmal auf der Insel Ceylon. Es heißt dort im Volke das Lied der

glücklichen, befriedigten Liebe.« -- »Spiele es noch einmal,« flüsterte

Fabius. -- »Nein; ich darf es nicht wiederholen,« entgegnete Mutius.

»Auch ist es zu spät. Signora Valeria bedarf der Ruhe und auch ich muß

gehen ... ich bin so müde.« Im Laufe dieses ganzen Tages hatte sich

Mutius im Verkehr mit Valeria höflich und einfach, wie ein alter Freund

benommen; beim Abschied drückte er ihr aber auffallend fest die Hand,

wobei er seine Finger auf ihre Handfläche preßte, und blickte ihr so

unverwandt ins Gesicht, daß sie, obwohl sie die Augenlider gesenkt

hatte, diesen Blick auf ihren plötzlich erglühenden Wangen spürte. Sie

sagte nichts zu Mutius, riß aber ihre Hand aus der seinigen los, und als

er gegangen war, warf sie noch einen Blick auf die Türe, durch die er

sich entfernt hatte. Es fiel ihr ein, daß sie auch in den früheren

Jahren vor ihm eine gewisse Furcht gehabt hatte ... nun war sie ganz

verwirrt. Mutius begab sich nach seinem Pavillon, und die Gatten zogen

sich in ihr Schlafgemach zurück.

Visionen und andere phantastische Erzählungen · 第 48 / 80 题