Valeria konnte lange nicht einschlafen; ihr Blut wogte langsam und matt,
und in ihrem Kopfe sang es ganz leise ... Es kam vom seltsamen Wein,
meinte sie, vielleicht auch von den Erzählungen des Mutius, oder von
seinem Geigenspiel ... Erst beim Morgengrauen schlief sie ein und hatte
einen wunderbaren Traum.
Es war ihr, als träte sie in ein geräumiges Zimmer mit niedriger
gewölbter Decke ... Ein solches Zimmer hatte sie noch nie im Leben
gesehen. Alle Wände waren mit kleinen blauen, mit goldenem Blumenmuster
verzierten Kacheln bekleidet; schlanke Säulen von geschnitztem Alabaster
stützten die Marmordecke; die Decke und die Säulen waren wie
durchsichtig ... bleiches rosiges Licht drang von allen Seiten in den
Raum und übergoß geheimnisvoll und gleichmäßig alle Gegenstände; in der
Mitte des spiegelglatten Fußbodens lagen auf einem schmalen Teppich
Kissen aus Brokat. In den Ecken rauchten kaum wahrnehmbar große
Räucherbecken in Form von Märchenungeheuern; es gab hier keine Fenster;
in einer Wandnische dunkelte stumm eine mit einem Samtvorhang verhängte
Tür. Und plötzlich gleitet dieser Vorhang langsam zur Seite ... und an
der Schwelle erscheint Mutius. Er verbeugt sich vor ihr, öffnet die
Arme, lacht ... Seine harten Arme umschlingen roh Valerias Oberkörper,
seine trockenen Lippen versengen sie am ganzen Leibe ... Sie sinkt
zurück auf die Polster ...
* * * * *
Valeria stöhnt vor Schreck auf, macht verzweifelte Anstrengungen und
erwacht. Ohne noch zu begreifen, wo sie ist und was mit ihr geschehen,
richtet sie sich im Bette auf und blickt sich ganz bestürzt um ... Sie
bebt am ganzen Körper ... Fabius liegt an ihrer Seite. Er schläft; doch
sein Gesicht scheint im Lichte des runden und hellen Vollmondes, der
durchs Fenster hereinblickt, bleich wie bei einem Toten ... es ist
trauriger als das Gesicht eines Toten. Valeria weckt ihren Mann, und als
er sie erblickt, ruft er aus: »Was hast du?« -- »Ich hatte ... ich hatte
einen schrecklichen Traum,« flüstert sie, noch immer am ganzen Leibe
bebend ...
Aber in diesem Augenblick erklangen vom Pavillon her laute seltsame
Töne, und beide, Fabius wie Valeria, erkannten die Melodie, die ihnen
Mutius vorgespielt und die er das Lied der befriedigten, triumphierenden
Liebe genannt hatte. -- Fabius blickte verlegen auf Valeria ... sie
schloß die Augen, wandte sich ab, -- und beide lauschten mit verhaltenem
Atem dem Liede bis zu Ende. Als der letzte Ton erstorben war, versteckte
sich der Mond hinter einer Wolke, und im Zimmer wurde es plötzlich
dunkel ... Beide Gatten ließen ihre Köpfe auf die Polster sinken, ohne
ein Wort zu wechseln -- und keiner von den beiden merkte, wann der
andere einschlief.