IV.

Valeria konnte lange nicht einschlafen; ihr Blut wogte langsam und matt,

und in ihrem Kopfe sang es ganz leise ... Es kam vom seltsamen Wein,

meinte sie, vielleicht auch von den Erzählungen des Mutius, oder von

seinem Geigenspiel ... Erst beim Morgengrauen schlief sie ein und hatte

einen wunderbaren Traum.

Es war ihr, als träte sie in ein geräumiges Zimmer mit niedriger

gewölbter Decke ... Ein solches Zimmer hatte sie noch nie im Leben

gesehen. Alle Wände waren mit kleinen blauen, mit goldenem Blumenmuster

verzierten Kacheln bekleidet; schlanke Säulen von geschnitztem Alabaster

stützten die Marmordecke; die Decke und die Säulen waren wie

durchsichtig ... bleiches rosiges Licht drang von allen Seiten in den

Raum und übergoß geheimnisvoll und gleichmäßig alle Gegenstände; in der

Mitte des spiegelglatten Fußbodens lagen auf einem schmalen Teppich

Kissen aus Brokat. In den Ecken rauchten kaum wahrnehmbar große

Räucherbecken in Form von Märchenungeheuern; es gab hier keine Fenster;

in einer Wandnische dunkelte stumm eine mit einem Samtvorhang verhängte

Tür. Und plötzlich gleitet dieser Vorhang langsam zur Seite ... und an

der Schwelle erscheint Mutius. Er verbeugt sich vor ihr, öffnet die

Arme, lacht ... Seine harten Arme umschlingen roh Valerias Oberkörper,

seine trockenen Lippen versengen sie am ganzen Leibe ... Sie sinkt

zurück auf die Polster ...

* * * * *

Valeria stöhnt vor Schreck auf, macht verzweifelte Anstrengungen und

erwacht. Ohne noch zu begreifen, wo sie ist und was mit ihr geschehen,

richtet sie sich im Bette auf und blickt sich ganz bestürzt um ... Sie

bebt am ganzen Körper ... Fabius liegt an ihrer Seite. Er schläft; doch

sein Gesicht scheint im Lichte des runden und hellen Vollmondes, der

durchs Fenster hereinblickt, bleich wie bei einem Toten ... es ist

trauriger als das Gesicht eines Toten. Valeria weckt ihren Mann, und als

er sie erblickt, ruft er aus: »Was hast du?« -- »Ich hatte ... ich hatte

einen schrecklichen Traum,« flüstert sie, noch immer am ganzen Leibe

bebend ...

Aber in diesem Augenblick erklangen vom Pavillon her laute seltsame

Töne, und beide, Fabius wie Valeria, erkannten die Melodie, die ihnen

Mutius vorgespielt und die er das Lied der befriedigten, triumphierenden

Liebe genannt hatte. -- Fabius blickte verlegen auf Valeria ... sie

schloß die Augen, wandte sich ab, -- und beide lauschten mit verhaltenem

Atem dem Liede bis zu Ende. Als der letzte Ton erstorben war, versteckte

sich der Mond hinter einer Wolke, und im Zimmer wurde es plötzlich

dunkel ... Beide Gatten ließen ihre Köpfe auf die Polster sinken, ohne

ein Wort zu wechseln -- und keiner von den beiden merkte, wann der

andere einschlief.

Visionen und andere phantastische Erzählungen · 第 49 / 80 题