Fabius und Mutius erblickten Valeria zum ersten Male bei einem
prächtigen Volksfeste, das auf Befehl des Herzogs Ercole von Ferrara,
eines Sohnes der berühmten Lucretia Borgia, zu Ehren der Würdenträger
gegeben wurde, die aus Paris auf Einladung der Herzogin, einer Tochter
des Königs Ludwig XII. von Frankreich, eingetroffen waren. Valeria saß
neben ihrer Mutter in der Mitte einer schönen Tribüne, die nach dem
Entwurf Palladios auf dem Hauptplatze von Ferrara für die vornehmsten
Damen der Stadt errichtet war. Beide Jünglinge, Fabius und Mutius,
verliebten sich am gleichen Tage leidenschaftlich in das Mädchen; und da
sie vor einander nichts zu verheimlichen pflegten, erfuhr ein jeder von
ihnen sehr bald, was das Herz des andern erfüllte. Sie einigten sich,
daß ein jeder von ihnen versuchen werde, sich Valeria zu nähern, und
wenn sie einem von ihnen den Vorzug geben sollte, werde sich der andere
widerspruchslos ihrer Entscheidung unterwerfen müssen. Nach einigen
Wochen gelang es den beiden, dank dem guten Rufe, den sie mit Recht
genossen, Einlaß in das sonst schwer zugängliche Haus der Witwe zu
erlangen; sie erlaubte ihnen, sie zu besuchen. Nun hatten sie fast
täglich Gelegenheit, Valeria zu sehen und mit ihr zu sprechen; und mit
jedem Tage loderte das in den Herzen der beiden Jünglinge entzündete
Feuer heftiger empor; Valeria schien indessen keinem von ihnen den
Vorzug zu geben, obgleich sie an diesen Besuchen offenbar Gefallen
hatte. Mit Mutius trieb sie Musik, unterhielt sich aber lieber mit
Fabius, in dessen Gesellschaft sie viel unbefangener war. Endlich
sandten die Jünglinge, um sich Gewißheit über ihr Los zu verschaffen,
Valeria einen Brief mit der Bitte, sie möchte sich ihnen selbst erklären
und sagen, wem sie ihre Hand geben wolle. Valeria zeigte diesen Brief
der Mutter und erklärte ihr, daß sie bereit sei, Jungfrau zu bleiben;
wenn aber die Mutter meine, daß es für sie Zeit sei, in die Ehe zu
treten, so wolle sie den heiraten, den ihr die Mutter bestimmen würde.
Die ehrsame Witwe vergoß einige Tränen bei dem Gedanken an die Trennung
von dem geliebten Kinde; sie hatte jedoch keinen Grund, die Freier
abzuweisen: einen jeden von ihnen hielt sie für gleich wert, die Hand
ihrer Tochter zu erlangen. Doch da sie in der Tiefe ihrer Seele Fabius
vorzog und ahnte, daß er auch Valeria mehr zusagte, wies sie auf ihn.
Fabius erfuhr schon am nächsten Tage von seinem Glück; und Mutius blieb
nichts anderes übrig, als sein Wort zu halten und sich zu fügen.
Das tat er auch; aber Zeuge des Triumphes seines Freundes und Rivalen zu
sein, -- ging über seine Kraft. Er verkaufte sofort den größeren Teil
seines Besitzes und begab sich mit den paar tausend Dukaten, die er
dafür bekam, auf eine weite Reise nach dem Morgenlande. Beim Abschied
versprach er Fabius, nicht eher zurückzukommen, als bis er fühlen werde,
daß die letzten Spuren der Leidenschaft in ihm erloschen wären. Es fiel
Fabius schwer, sich von dem Freunde seiner Kindheit und seiner Jugend zu
trennen ... doch die freudige Erwartung einer nahen Seligkeit ließ alle
anderen Gefühle verstummen, und er überließ sich ganz den Wonnen seiner
vom Erfolg gekrönten Liebe.
Bald darauf ging er die Ehe mit Valeria ein und erst da erkannte er den
ganzen Wert des Schatzes, den er gewonnen hatte. Er besaß eine schöne
Villa, in einem schattigen Garten gelegen, in nicht allzugroßer
Entfernung von Ferrara; in diese Villa zog er mit seiner Gattin und
ihrer Mutter. Eine selige Zeit brach für die beiden an. Valeria zeigte
in der Ehe alle ihre Vorzüge und Reize in einem neuen, bezaubernden
Lichte; Fabius entwickelte sich aber zu einem bedeutenden Maler: er war
nicht mehr einfacher Dilettant, sondern ein Meister. Die Mutter Valerias
weidete sich am Glück des jungen Paares und dankte Gott. Vier Jahre
zogen dahin so schnell und unbemerkt wie ein seliger Traum. Nur eins
fehlte den jungen Gatten, sie hatten nur den einen Kummer: der Himmel
gab ihnen keine Kinder ... aber die Hoffnung verließ sie nicht. Am Ende
des vierten Jahres erfuhren sie ein großes, diesmal wirkliches Unglück:
nach kurzer Krankheit starb die Mutter Valerias.
Valeria vergoß viele Tränen und konnte sich lange nicht in den Verlust
finden. Aber es verging noch ein Jahr, das Leben trat wieder in seine
Rechte, und alles kam in das frühere Geleise. Und da, an einem schönen
Sommerabend, kehrte nach Ferrara, ohne jemand benachrichtigt zu haben,
Mutius zurück.