II.

Fabius und Mutius erblickten Valeria zum ersten Male bei einem

prächtigen Volksfeste, das auf Befehl des Herzogs Ercole von Ferrara,

eines Sohnes der berühmten Lucretia Borgia, zu Ehren der Würdenträger

gegeben wurde, die aus Paris auf Einladung der Herzogin, einer Tochter

des Königs Ludwig XII. von Frankreich, eingetroffen waren. Valeria saß

neben ihrer Mutter in der Mitte einer schönen Tribüne, die nach dem

Entwurf Palladios auf dem Hauptplatze von Ferrara für die vornehmsten

Damen der Stadt errichtet war. Beide Jünglinge, Fabius und Mutius,

verliebten sich am gleichen Tage leidenschaftlich in das Mädchen; und da

sie vor einander nichts zu verheimlichen pflegten, erfuhr ein jeder von

ihnen sehr bald, was das Herz des andern erfüllte. Sie einigten sich,

daß ein jeder von ihnen versuchen werde, sich Valeria zu nähern, und

wenn sie einem von ihnen den Vorzug geben sollte, werde sich der andere

widerspruchslos ihrer Entscheidung unterwerfen müssen. Nach einigen

Wochen gelang es den beiden, dank dem guten Rufe, den sie mit Recht

genossen, Einlaß in das sonst schwer zugängliche Haus der Witwe zu

erlangen; sie erlaubte ihnen, sie zu besuchen. Nun hatten sie fast

täglich Gelegenheit, Valeria zu sehen und mit ihr zu sprechen; und mit

jedem Tage loderte das in den Herzen der beiden Jünglinge entzündete

Feuer heftiger empor; Valeria schien indessen keinem von ihnen den

Vorzug zu geben, obgleich sie an diesen Besuchen offenbar Gefallen

hatte. Mit Mutius trieb sie Musik, unterhielt sich aber lieber mit

Fabius, in dessen Gesellschaft sie viel unbefangener war. Endlich

sandten die Jünglinge, um sich Gewißheit über ihr Los zu verschaffen,

Valeria einen Brief mit der Bitte, sie möchte sich ihnen selbst erklären

und sagen, wem sie ihre Hand geben wolle. Valeria zeigte diesen Brief

der Mutter und erklärte ihr, daß sie bereit sei, Jungfrau zu bleiben;

wenn aber die Mutter meine, daß es für sie Zeit sei, in die Ehe zu

treten, so wolle sie den heiraten, den ihr die Mutter bestimmen würde.

Die ehrsame Witwe vergoß einige Tränen bei dem Gedanken an die Trennung

von dem geliebten Kinde; sie hatte jedoch keinen Grund, die Freier

abzuweisen: einen jeden von ihnen hielt sie für gleich wert, die Hand

ihrer Tochter zu erlangen. Doch da sie in der Tiefe ihrer Seele Fabius

vorzog und ahnte, daß er auch Valeria mehr zusagte, wies sie auf ihn.

Fabius erfuhr schon am nächsten Tage von seinem Glück; und Mutius blieb

nichts anderes übrig, als sein Wort zu halten und sich zu fügen.

Das tat er auch; aber Zeuge des Triumphes seines Freundes und Rivalen zu

sein, -- ging über seine Kraft. Er verkaufte sofort den größeren Teil

seines Besitzes und begab sich mit den paar tausend Dukaten, die er

dafür bekam, auf eine weite Reise nach dem Morgenlande. Beim Abschied

versprach er Fabius, nicht eher zurückzukommen, als bis er fühlen werde,

daß die letzten Spuren der Leidenschaft in ihm erloschen wären. Es fiel

Fabius schwer, sich von dem Freunde seiner Kindheit und seiner Jugend zu

trennen ... doch die freudige Erwartung einer nahen Seligkeit ließ alle

anderen Gefühle verstummen, und er überließ sich ganz den Wonnen seiner

vom Erfolg gekrönten Liebe.

Bald darauf ging er die Ehe mit Valeria ein und erst da erkannte er den

ganzen Wert des Schatzes, den er gewonnen hatte. Er besaß eine schöne

Villa, in einem schattigen Garten gelegen, in nicht allzugroßer

Entfernung von Ferrara; in diese Villa zog er mit seiner Gattin und

ihrer Mutter. Eine selige Zeit brach für die beiden an. Valeria zeigte

in der Ehe alle ihre Vorzüge und Reize in einem neuen, bezaubernden

Lichte; Fabius entwickelte sich aber zu einem bedeutenden Maler: er war

nicht mehr einfacher Dilettant, sondern ein Meister. Die Mutter Valerias

weidete sich am Glück des jungen Paares und dankte Gott. Vier Jahre

zogen dahin so schnell und unbemerkt wie ein seliger Traum. Nur eins

fehlte den jungen Gatten, sie hatten nur den einen Kummer: der Himmel

gab ihnen keine Kinder ... aber die Hoffnung verließ sie nicht. Am Ende

des vierten Jahres erfuhren sie ein großes, diesmal wirkliches Unglück:

nach kurzer Krankheit starb die Mutter Valerias.

Valeria vergoß viele Tränen und konnte sich lange nicht in den Verlust

finden. Aber es verging noch ein Jahr, das Leben trat wieder in seine

Rechte, und alles kam in das frühere Geleise. Und da, an einem schönen

Sommerabend, kehrte nach Ferrara, ohne jemand benachrichtigt zu haben,

Mutius zurück.

Visionen und andere phantastische Erzählungen · 第 47 / 80 题