Was für merkwürdige Überraschungen einem auf einem Marsch durch die

Wildnis passieren können, beweist folgende kleine Episode: Wir lagerten

eines Nachts in nächster Nähe einer Schlucht und, angestrengt durch

die Strapazen des Marsches, gaben wir uns der wohlverdienten Ruhe hin.

Plötzlich hörten wir um Mitternacht das klagende Miauen eines jungen

Nashorns. Im Glauben, eines meiner Nashörner habe sich vom Lager

entfernt, rief ich meinen Wärtern zu, Obacht auf diese Tiere zu geben.

Nach einiger Zeit erhielt ich ihre schlaftrunkene Antwort, daß beide

Nashörner neben ihnen seien und schliefen. Das Klagen eines Nashornes

hörte jedoch nicht auf; jetzt sprang ich von meinem Lager auf, um mich

selbst von der Richtigkeit der Antwort meiner Schwarzen zu überzeugen.

Mit einer Laterne versehen, trat ich in der stockdunklen Nacht vor das

Zelt und fand die beiden Dickhäuter ruhig neben ihren Wärtern schlafen.

Plötzlich vernahm ich unten in der Schlucht, kaum 20 Meter von mir

entfernt, ein Gepolter. Ich merkte sofort, daß ein ausgewachsenes

Nashorn flüchtig wurde. Bei Tagesgrauen wurde meine Annahme durch die

deutlich sichtbaren Fährten bestätigt. Aber welche Überraschung war

es für mich, als ich neben den großen Fährten auch noch diejenigen

eines jungen Nashornes fand. Deutlich konnte ich feststellen, daß das

Muttertier die Schlucht hinauf zur Tränke gewechselt war. Hierbei hatte

sich das Junge verlaufen und die klagenden Rufe ausgestoßen. Wäre es

Mondschein gewesen, so hätte ich hier vielleicht auf leichte Art und

Weise den Nashornbestand meines Transportes um eines vermehren können,

während ich für den Fang der beiden gezähmten Tiere vor einiger Zeit

beinahe fünf Monate bedurfte.

An einem anderen Tage hatten wir 25 Kilometer zurückzulegen, um das

nächste Wasser zu erreichen, was mit großen Schwierigkeiten verknüpft

war. Auch diesmal lag das Vorwärtskommen nur an den Giraffen. Sie

blieben sehr oft stehen und wollten einfach nicht mehr weiter. Da

man aber bei diesen Tieren keine Gewalt anwenden darf, so mußten wir

warten, bis sie von selbst weitergingen. Hierdurch erlitt natürlich

die Karawane eine große Verzögerung. Um nun nicht den ganzen Transport

in der Steppe ohne Wasser lagern zu lassen, schickte ich alle anderen

Tiere bis zum nächsten Wasserplatz voraus, damit die Krale und das

Lager noch vor Dunkelwerden aufgeschlagen werden konnten. Ich selbst

folgte mit den Giraffen langsam nach, konnte aber den Kral nicht mehr

am Abend erreichen und mußte in der Steppe lagern. Glücklicherweise

befand sich in der Nähe buschiges Gelände mit einigen Bäumen, so

daß wir ein provisorisches Gehege für die Giraffen bauen konnten.

Wir selbst streckten uns ohne Zelt am Boden nieder, um am nächsten

Morgen den Weitermarsch fortzusetzen. Spät in der Nacht kam noch einer

meiner Leute von der Karawane zurück und brachte uns einige Decken. In

aller Frühe wurde ich auf eine sonderbare Weise geweckt. Die Giraffen

waren wieder frisch und munter, hatten die schwache Einfriedigung

durchbrochen und stolperten über uns hinweg. Wir ergriffen schnell die

Leitseile der Tiere, und in einigen Stunden hatten wir den Vortrupp

erreicht.

Das Wetter schien umzuschlagen. Da wir in einem ebenen Gelände

lagerten, so machten wir uns schleunigst daran, die Tierkrale sowie die

Zelte auf die in der Nähe liegenden geringen Erhöhungen aufzubauen.

Gerade waren wir damit fertig und hatten alles untergebracht, als

schon ein furchtbares Gewitter losbrach, gefolgt von dem üblichen

tropischen wolkenbruchartigen Regen. Nach einigen Stunden ragten

unsere Lagerplätze wie Inseln aus einem See hervor. Nach dreitägigem

Aufenthalt war der Boden wieder etwas ausgetrocknet, und der

unterbrochene Weitermarsch konnte wieder fortgesetzt werden.

Ein anderes Ereignis war folgendes: Am Kikafu, am Fuße des

Kilimandjaros, der von den niedergegangenen Regengüssen schon sehr

angeschwollen war und nur eine passierbare Furt, aber keine Brücke

hatte, hatten wir die größte Mühe, Wagen und Tiere an das andere Ufer

zu bringen, doch ging alles glücklich vonstatten. Dagegen hatte ein

Bur, der uns dort mit seinem schwer mit Petroleum beladenen Wagen

begegnete, weniger Glück. Als der Burenwagen auf dem der steilen

Böschung folgenden Weg zur Furt hinabfuhr, glitten bei einer Wegbiegung

die gebremsten Räder auf dem lehmigen, vom Regen aufgeweichten Boden

ab, der schwere Wagen rutschte über den Weg hinaus, überschlug sich und

sauste mitsamt der Ladung und den Zugochsen in den Fluß. Der Bur konnte

noch von Glück sagen, uns hier getroffen zu haben. Wir machten sofort

halt und halfen ihm seinen Wagen wieder aus dem Flusse herausziehen.

Allerdings waren einige Kisten Petroleum verschwunden, die von der

Strömung weggerissen worden waren. Die Ochsen dagegen waren unverletzt

geblieben.

Aber auch uns sollte hier noch ein kleines Mißgeschick widerfahren.

Wir hatten unser Lager an einem der Negerpfade aufgeschlagen. Die

Tiere waren in schnell hergerichteten Kralen untergebracht worden, und

wir dachten weiter an nichts Böses. Natürlich hatte der ungewohnte

Anblick einer solchen Karawane einige Neger angelockt, welche die

Tiere betrachteten und ihre Bemerkungen darüber machten. Wie wir ja

zu Hause in jedem Tiergarten beobachten können, hat stets ein Teil

des verehrlichen Publikums die Neigung, die Tiere zu necken. So auch

hier. Einer der Schwarzen trat dicht an die Giraffen heran und spannte

mit einer plötzlichen Bewegung seinen Schirm auf. Sofort gerieten die

Giraffen in einen panischen Schrecken, durchbrachen die Umzäunung

und verschwanden in eiliger Flucht in eine in der Nähe gelegene

Kautschukpflanzung. Mit unserer Ruhe war’s nun vorbei. Zuerst wurde

von unseren Leuten dem schwarzen Mitbruder, der das ganze Unheil

verschuldet hatte, eine ordentliche Lektion erteilt, bei welcher auch

der Schirm in die Brüche ging; sodann machten wir uns daran, die

Ausreißer wieder einzufangen, was uns auch nach einigen Stunden gelang.

Eine weitere interessante Szene erlebten wir beim Überschreiten des

Weru-Weru. Über denselben führte bereits eine schöne Eisenbrücke

mit Holzboden. Sobald aber unsere Gnus diesen ihnen unbekannten

Holzboden betraten, wurden sie durch das Klappern ihrer eigenen Hufe

und derjenigen der Esel so erschreckt, daß sie in großen Sprüngen die

Brücke entlangliefen. Nur ein alter Bulle blieb unschlüssig vor der

Brücke stehen und verlieh seinem Unbehagen und Mißtrauen vor diesem

ungewohnten Wege durch lautes Blöken Ausdruck. Kaum hörten dies die

anderen Gnus, als sie im Galopp über die Brücke zurückeilten. Es

dauerte lange Zeit, bis wir die Tiere glücklich zum zweiten Male über

die Brücke bringen konnten.

In einem großen Schuppen und einem Lagerraum des Kilimandjaro-Hotels

in Neu-Moschi, dicht bei der Station, fand ich Unterkunft für meine

Schützlinge. Wir waren froh, daß wir sie unter Dach und Fach hatten,

denn während der Nacht prasselte ein starker Regen herab. Aber nun

konnte ich endlich einmal ohne Sorgen eine Nacht in einem wirklichen

Bette schlafen.

Frühmorgens bei Sonnenaufgang war ich munter und stand auf der Veranda

des Hotels, in der vom Regen erfrischten Landschaft bei klarster Luft

das wunderbare Panorama des Kilimandjaro bewundernd. Die schneebedeckte

Kibo-Kuppe ragte im hellsten Sonnenlicht durch einen Wolkenschleier

hindurch, einen herrlichen Anblick gewährend. Tief versunken in

das Betrachten dieser wunderbaren Landschaft, wurde ich plötzlich

durch ein Krachen und Splittern unter mir in die Wirklichkeit

zurückgerufen. Hier befand sich der sogenannte Lagerraum, in dem die

Gnus untergebracht waren. Zur Vorsorge hatte ich die Fenster von innen

mit einigen Latten vernageln lassen, damit die Tiere die Scheiben nicht

beschädigen konnten. Das eindringende Morgenlicht hatte auch die Gnus

lebendig gemacht und zur Freiheit gelockt. Hierbei gerieten zwei Bullen

in Kampf, und da die Tiere nur die Fenster als Ausweg sahen, sprang

eines in mächtigem Satz auf das Fenster los, Latten, Scheiben und

Fensterkreuz durchbrechend, und sauste ins Freie; ihm nach, schneller,

als ich es erzählen kann, folgten die anderen 21 Stück. In toller

Flucht rasten sie dahin bis zum Platz vor dem Bahnhofsgebäude und

fingen dort ruhig zu äsen an. Zuerst war ich vor Schrecken gelähmt und

glaubte sie für mich verloren. Als ich sie aber in der Ferne friedlich

äsen sah, schickte ich rasch die Schwarzen mit den Eseln zu ihnen, und

so ließen sie sich am Abend wieder in den Stall zurückbringen. Bis

zur Abfahrt nach Tanga ließ ich die Tiere jeden Tag zur Weide führen,

dasselbe machte ich auch mit den Nashörnern.

Hier in Moschi mußte ich einen längeren Aufenthalt nehmen, denn es

galt jetzt für die größeren Tiere die zur Bahnfahrt zur Küste und

später zur Dampferfahrt nach Hamburg notwendigen Transportkästen zu

machen. So einfach auch dem Beschauer ein solcher aus mehr oder minder

starken Brettern erbauter Transportkasten erscheint, so gehört doch

viel Erfahrung und Beobachtungsgabe dazu, ihn richtig zu konstruieren.

Selbst ein einziger falsch geschlagener Nagel kann den Insassen

verletzen und den Verlust desselben verursachen. Unrichtig angenagelte

Latten werden oft den gehörnten Antilopen zum Verhängnis, weil den

Tieren leicht ihre zwischen die Latten geratenen Hörner abbrechen.

Ein brauchbarer Transportkasten soll, wie gesagt, den unumgänglichen

Raum für eine gewisse Bewegungsfreiheit des Tieres, das oft mehrere

Wochen darin verbleiben muß, besitzen. Der Kasten muß gut zu lüften

und bequem zu reinigen sein, außerdem dem Wärter die Möglichkeit

bieten, das Tier leicht zu füttern und zu tränken. Ferner soll er jedem

Ausbruch des Tieres widerstehen und auch fest genug sein, um beim Ein-

und Ausladen die unvermeidlichen Stöße auszuhalten; endlich muß er

mit Schiebetüren versehen sein, um das Herein- und Herausschaffen der

Tiere möglichst leicht zu machen. Dazu kommen oft noch ganz ungeahnte

Faktoren beim Transport in Betracht. Als ich z. B. Giraffen von Moschi

nach Tanga transportierte, mußte ich den Umstand bedenken, daß die Bahn

über eine niedrige, oben geschlossene Brücke fährt, weswegen ich die

Giraffenkästen so einrichten mußte, daß die obere Hälfte in die untere

verschiebbar war, wodurch die Giraffen gezwungen waren, während der

Durchfahrt ihre langen Hälse in wagerechte Stellung zu bringen.

Begreiflich ist, daß die Tiere aus ihrer Gefangenschaft heraus möchten

und alles anstellen, um dem engen Behälter zu entfliehen. Je höher

entwickelt die Intelligenz des Tieres ist, desto komplizierter muß die

Schließvorrichtung gemacht werden. Affen und Elefanten sind unter allen

Tieren die schlimmsten Ausbrecher. Mein berühmt gewordener Schimpanse

„Moritz“ wußte sogar aus einem Schlüsselbund den einzigen zu seiner

Tür passenden Schlüssel herauszufinden und war imstande, sich die Tür

selbst aufzuschließen.

[Illustration: ~Kikuyu~]

[Illustration: ~Weihnachtsfest in der Steppe, nahe Oldonje-Sambu~]

[Illustration: ~Nachmittagskaffee auf der Farm~]

Für den kleinen Ort Moschi war die Anwesenheit einer so großen

Tierkarawane natürlich ein Ereignis, und sowohl die weiße wie auch

die schwarze Einwohnerschaft schenkte meinen Pflegebefohlenen reges

Interesse, oft mehr, als mir lieb war. So manche kleine Episode mit

allzu zutraulichen Beschauern und Neugierigen hatten mich stets

fürchten lassen, daß irgendwelche Unfälle vorkommen könnten. Eines

Tages kam z. B. gerade an der Stelle, wo die Nashörner „Liesel“ und

„Lola“ ästen, eine Trägerkarawane aus dem Innern mit ihren Lasten auf

dem Kopfe ahnungslos daher. Der durchtriebene schwarze Wärter gedachte

sich mit den aus dem Innern kommenden Landsleuten einen guten Spaß

zu machen. Er lockte die beiden Nashörner und lief vor ihnen her, als

ob er von ihnen verfolgt würde, laut schreiend durch die Karawane

hindurch. Kaum sahen die Träger die auf sie zukommenden Nashörner,

als sie blitzschnell ihre Lasten wegwarfen und in voller Flucht in

die Büsche verschwanden. Wir konnten von der Veranda des Hotels aus

die Szene sehen und mußten über die wilde Flucht der schwarzen Träger

herzlich lachen. Hier war die Sache nur komisch, öfters aber waren

Liesel und Lola ungemütlich; das erfuhren mehrere Europäer, die den

Tieren Leckerbissen reichen wollten und allzuoft zum Dank für ihre

Liebenswürdigkeit mit kräftigen Stößen belohnt wurden.

Wer die so plump aussehenden Nashörner in den Tiergärten sieht und

sie für unbeholfen und wenig intelligent hält, irrt sich gewaltig.

Über die Behendigkeit der jungen Nashörner hat der Leser genügend

beim Nashornfang erfahren; aber auch die alten Nashörner sind rasch

und gewandt, ihr Lauf im freien Gelände ist außerordentlich leicht

und elastisch. Ebenso können sie trotz des schweren Körpers sich

blitzschnell drehen und wenden. Auch ihre geistigen Fähigkeiten sind

nicht geringer als die der anderen Vertreter ihrer Sippe mit Ausnahme

des Elefanten, der ja bekanntlich zu den intelligentesten Tieren

gehört. Überhaupt ist es unrichtig, die wilden Tiere nur nach den in

den zoologischen Gärten gemachten Beobachtungen zu beurteilen. Genau

wie der Mensch in der Gefangenschaft ein anderes Wesen hat als in der

Freiheit und seiner selbstgewählten Umgebung, so ist es auch mit den

Tieren; sie ändern in der Gefangenschaft ihren Charakter und sind nicht

mehr dieselben wie in freier Wildnis. Dies konnte ich in den wenigen

Wochen hier in Neu-Moschi wieder so recht deutlich beobachten, als die

Tiere, nachdem die Ankunft des Europa-Dampfers in Tanga gemeldet war,

in ihre Transportkästen gebracht worden waren. Selbst unsere zahmsten

Tiere wollten in den ersten Tagen ihrer engeren Gefangenschaft von

ihrem eignen Herrn nichts mehr wissen.

Bevor ich nun meine Erlebnisse auf dem Weitertransport erzähle,

gestatte mir der freundliche Leser vorerst noch ein wenig über das

Thema: „Nashörner“ zu plaudern. Sind es doch gerade diese soviel

verstaunten und geschmähten Dickhäuter, denen ich stets mein

besonderes Interesse zugewendet hatte und denen ich auch meinen

afrikanischen Spitznamen „Bwana Kifaru“ verdanke. Meine beiden jungen

Nashörner verlangten schon aus dem einen Grunde eine besonders

sorgfältige Behandlung, weil sie, gerade so wie ihre in Freiheit

lebenden Artgenossen, sehr von Zecken zu leiden hatten, welche sich

hauptsächlich an den Weichteilen festsetzten. So mußten denn zwei

Neger täglich diese lästigen Plagegeister von den Nashörnern ablesen.

Letzteren war dieser Liebesdienst hochwillkommen. Man brauchte die

Tiere nur ein wenig am Bauche oder an der Seite zu scheuern, so legten

sie sich nieder und streckten die Beine hoch, um so ihren Wärtern

die Arbeit zu erleichtern. In der Wildnis haben die Rhinozerosse die

Gewohnheit, sich ihrer Quälgeister in der Weise zu entledigen, daß sie

durch dichtes Gebüsch laufen, um so das Ungeziefer abzustreifen. Auch

suchen sie sich vielfach dadurch von den Zecken zu befreien, daß sie

sich mit dem Bauche an großen Steinen scheuern, die dann wie mit einer

Blutkruste überzogen aussehen. Durch dieses Verfahren zieht sich das

Nashorn vielfach wunde Stellen zu, die von Fliegen und Bremsen zur

Eiablage benutzt werden. An allen erlegten Nashörnern konnte ich solche

Wunden sowie Narben feststellen, ja bei einem Exemplar war der ganze

Bauch sozusagen eine einzige, über und über mit schmarotzenden Insekten

bedeckte Wunde. Von solchen in den wundgescheuerten Stellen sich

entwickelnden Maden sowie auch von den Zecken wird das Nashorn vielfach

von einem weißen, starähnlichen Vogel, dem Madenhacker (Buphaga

africana L.), befreit, den man manchmal in mehreren Exemplaren auf dem

gewaltigen Dickhäuter antreffen kann. Wir haben es also mit einem

typischen Fall von Symbiose, oder, um mich konkreter auszudrücken,

von Mutualismus zu tun, d. h. dem zeitweiligen, auf gegenseitigem

Nutzen basierenden Zusammenleben zweier verschiedener Tierarten. Das

Rhinozeros wird durch den Madenhacker von seinen Quälgeistern befreit,

während der Vogel auf seinem großen Gefährten stets eine wohlgedeckte

Tafel vorfindet. Da nun in der einschlägigen Literatur (Jagd- und

Reiseberichte) sehr oft auf dieses Zusammenleben von ~Diceros~

und ~Buphaga~ hingewiesen wird, so entsteht beim Leser leicht der

Eindruck, daß der Mutualismus zwischen beiden genannten Arten als eine

regelmäßige Erscheinung aufzufassen sei. Hierzu möchte ich das Wort

ergreifen, da ich auf Grund langjähriger Beobachtungen zu der Ansicht

gekommen bin, daß diese Auffassung nicht stichhaltig ist. Zunächst

kenne ich in Ostafrika manche Gegenden, in denen das Nashorn häufig

anzutreffen ist, während der Madenhacker gänzlich fehlt. In diesem

Falle scheidet also eine Vergesellschaftung der beiden Tiere von selbst

aus. Anderswo tritt nach meinen Beobachtungen das Nashorn häufig, der

Vogel selten auf. So waren von etwa 20 Nashörnern, die ich während

einer Zeit von vier Monaten im Iraku-Bezirk antraf, nur zwei bis drei

von Madenhackern begleitet.

Vielfach wird auch darauf hingewiesen, daß das Nashorn von dem

Zusammenleben mit dem Madenhacker insofern noch einen weiteren Nutzen

zöge, als es durch das Benehmen der Vögel vor drohender Gefahr

gewarnt würde. Hierzu sei folgendes bemerkt: das Nashorn windet zwar

ausgezeichnet, äugt aber dafür desto schlechter, mit anderen Worten,

es ist ein ausgesprochenes „Nasentier“. Nähert sich ihm nun ein Feind

unter dem Winde, und als ernsthafter Gegner kann für ein ausgewachsenes

Exemplar im allgemeinen wohl nur der jagende Mensch in Frage kommen,

so ist es letzterem leicht möglich, auf ziemlich kurze Distanz an

den Dickhäuter heranzukommen. Befinden sich aber Madenhacker auf

demselben, so werden die Vögel als „Augentiere“, namentlich wenn das

Terrain wenig Deckung bietet, das Herannahen eines Feindes schon

verhältnismäßig frühzeitig wahrnehmen. Sie pflegen dann unter lautem

Geschrei davonzufliegen, und hierdurch wird dem Nashorn klar, daß in

seiner Umgebung etwas nicht in Ordnung ist. Solche Fälle sind von

einwandfreien Zeugen mehrfach beobachtet worden. Ob man sie aber als

feste Regel aufstellen kann, ist mir auf Grund einer Episode, die

ich gelegentlich einer kinematographischen Aufnahme in der Nähe des

Manyara-Sees erlebte, denn doch zweifelhaft geworden. Hier pirschten

mein Assistent und ich uns mit dem Apparat an ein ruhendes Nashorn,

auf dem mehrere Madenhacker an der Arbeit waren, bis auf etwa 20

Meter Abstand heran. Der Apparat wurde aufgestellt und in Tätigkeit

gesetzt. Als ich einige Meter Film abgekurbelt hatte, wurde das

Rhino unruhig und kam langsam auf uns zu, wohingegen die Madenhacker

von unserer Anwesenheit zunächst keine Notiz nahmen, sondern ruhig

auf dem Dickhäuter verblieben. Erst als dieser auf etwa neun Meter

herangekommen war und nun prustend seitwärts an uns vorbeiraste,

flogen die Vögel mit lautem Gekreisch davon. Da der ganze Vorfall

kinematographisch festgehalten worden ist, so bin ich in der Lage,

ihn Interessenten jederzeit wieder vorzuführen. Schließlich möchte

ich nicht unerwähnt lassen, daß man die Madenhacker auch häufig als

Begleiter von Giraffen und Antilopen antrifft und daß sie sich auch mit

Vorliebe in den Viehkralen der Masais aufhalten, wo sie dann natürlich

jede Scheu vor dem Menschen abgelegt haben.

Nach dieser Abschweifung in das Gebiet der Biologie bitte ich den

Leser, wieder nach Moschi zu kommen und mich auf der Weiterreise zu

begleiten.

In einem Extrazuge ging meine Tierkarawane nach Tanga ab; als Wärter

fungierten zehn Masais, die ich für die Reise nach Europa mitnahm. In

Tanga war alles vorbereitet, so daß die Einschiffung mit Ausnahme

eines tragikomischen Vorfalles glatt vonstatten ging. Ein gewichtiger

Neger, der die Tierkästen an die Krankette anzuhaken hatte, sprang,

ahnungslos über den Inhalt der Kisten, von Bord des Schiffes auf

den Leichter, und zwar direkt auf die Decke eines Gnukastens. Die

Decke brach durch und der Schwarze saß auf den Hörnern eines starken

Gnubullen; rascher wie er hineingekommen war, hatte ihn der Nyumbu

(Gnu) wieder aus dem Kasten hinausbefördert. Die Sache sah sehr

gefährlich aus und ich befürchtete schwere Verletzungen des Mannes;

aber mit einigen Hautabschürfungen war die Sache abgetan.

Gerade hatte ich die Tiere auf dem Dampfer wohl untergebracht und

gedachte an die Freude, die Herr Hagenbeck sen. diesmal an dem schönen

Tiertransport und den wundervollen Kinoaufnahmen haben würde, als

ich das Telegramm mit der Nachricht seines Ablebens erhielt. Nun war

meine ganze Freude in tiefe Trauer umgeschlagen, denn ich hatte den

außergewöhnlichen Mann, der mir stets ein freundlicher Lehrmeister

gewesen war, lieb gewonnen wie einen Vater. Auch ließ er es sich nie

nehmen, mit seinen beiden Söhnen bei Eintreffen der Tiertransporte

in Hamburg das betreffende Schiff zu erwarten, um mich noch an Bord

willkommen zu heißen. Und wie wert ich ihm war, erfuhr ich erst

später. Er hatte ausdrücklich die letztwillige Verfügung getroffen,

daß ich vor allen anderen das erste Telegramm mit der Todesnachricht

erhalten solle. Während der ganzen 22 Monate, die ich diesmal in

Deutsch-Ostafrika ununterbrochen verbracht hatte, waren wir in stetem

schriftlichen Verkehr gewesen. Es war rührend, wie er, trotzdem er

schon schwer leidend war, mit dem größten Interesse alle meine Jagdzüge

verfolgte, überall, nicht allein das geschäftliche Interesse, sondern

auch rein menschliche Teilnahme zeigte.

Während der ganzen Reise waren wir von herrlichem Wetter begünstigt.

Kapitän und Offiziere, sowie die Besatzung unterstützten uns nach

bestem Können. Für die Raubtiere hatte ich einige Ochsen an Bord,

welche von unseren Masais geschlachtet wurden. Jedesmal, wenn ein Ochse

geschlachtet wurde, war es für die schwarzen Herren ein großes Fest.

Die Hauptsache dabei war für sie natürlich der Genuß des warmen Blutes.

Das Schlachten der Ochsen vollführen sie mit einer, ich möchte beinahe

sagen bewundernswerten Eleganz. Der Ochse wird mit einem Speer genickt.

Hierauf wird das Fell an der Wamme aufgeschnitten und gelöst, und zwar

so weit, daß es sich zu einer Schale ausziehen läßt, die von einem

von ihnen gehalten wird. Dann erst wird die Ader angeschnitten, und

die oben erwähnte Schale füllt sich mit Blut. Nun folgt der Hauptakt:

Jeder Masai, einer nach dem anderen, säuft dieses warme, rauchende Blut

direkt aus der Hautfalte heraus. Dann erst wird das Tier enthäutet

und zerteilt. Ein besonderer Leckerbissen für die Masais sind die

Markknochen, die entweder am Feuer geröstet oder auch roh ohne jede

Zutat von Salz ausgesogen werden. Für die Schiffsbesatzung war dies

Schauspiel immer ziemlich ekelerregend, aber interessant.

Welche unglaublichen Mengen so ein Masaineger verdauen kann, beweist

die Tatsache, daß einmal zwei Mann eine ganze Ziege von 28 Pfund in

einer Mahlzeit verdrückten. Und dabei aßen sie nicht nur das Fleisch,

sondern auch Herz, Leber, Milz usw. alles am Feuer gebraten.

Mit Ausnahme des Verlustes einiger kleinerer Tiere kamen wir im Mai mit

dem ganzen Tiertransport wohlbehalten in Hamburg an und wurden von den

Herren H. und L. Hagenbeck, den jetzigen Inhabern der Firma, empfangen.

Alles stand in voller Blüte, und der Stellinger Tierpark mit seinen

prachtvollen Gehegen bot ein wunderbares Bild, dessen Mannigfaltigkeit

durch Einreihung unserer Neuankömmlinge aus der afrikanischen Steppe

noch erhöht wurde.

Auf Großtierfang für Hagenbeck · 第 13 / 14 段