Gegen Abend kamen wir in Buiko an. Hier blieb der Zug liegen, da

damals der Nachtverkehr noch nicht eingerichtet war. Wir begaben

uns in das dortige kleine Hotel, wo fröhliche Stimmung bis spät

in die Nacht hinein herrschte. Die Temperatur war schon merklich

gefallen. Nach erquickendem Schlafe und Einnahme des Frühstücks

setzten wir am nächsten Morgen die Weiterreise fort. Nur wenige

europäische Fahrgäste befanden sich noch in dem Zuge, der größte

Teil war in Mombo ausgestiegen, um von dort nach Wilhelmstal oder

in das Usambaragebirge zu gelangen. Das Landschaftsbild hat sich

allmählich vollständig geändert. Zur Rechten steigen die steilen und

kahlen Berge des Paregebirges auf, während sich zur Linken durch

savannenartige Steppe der Pangani hindurchschlängelt. Auf den Gräsern

und Sträuchern der sonnenbestrahlten Steppe glitzern wie Diamanten die

Tauperlchen des Morgens. Ab und zu erblickt man einige Antilopen und

Strauße. In der Buschsteppe hausen, dem Auge verborgen, Nashörner,

Giraffen und viel anderes Wild. Jedoch kann der Reisende, ähnlich

wie an der Ugandabahn, Wasser- und Riedböcke, Kongonis und sonstige

Vertreter der afrikanischen Fauna vom Zuge aus beobachten, da das Wild

sich auch hier bereits an den Bahnverkehr gewöhnt hat. Die hiesige

Gegend ist von der Regierung zum Wildreservat erklärt worden. An

Bedeutung steht dasselbe allerdings dem großen englischen Reservate

an der Ugandabahn weit nach. Es soll mitunter vorkommen, daß sich

Giraffen auf das Geleise legen und sich nur durch schrille Pfiffe

der Lokomotive des langsam fahrenden Zuges unwillig aus ihrer Ruhe

stören lassen. Ein Lokomotivführer erzählte mir, daß sogar einmal ein

Nashorn den Kampf gegen die Lokomotive aufnehmen wollte. Das Tier

rannte gegen die Maschine an, wurde von ihr zur Seite geschleudert und

sah, nachdem es einige Purzelbäume geschlagen hatte, ganz erstaunt

seinem dampfenden und feuerspeienden Gegner nach. Man braucht diese

Erzählung durchaus nicht in das Reich der Fabel zu verbannen, zumal

wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Nashörner Geschöpfe von äußerst

cholerischem Temperament sind. Häufig hatte ich selbst auf meinen

Streifzügen Gelegenheit gehabt, die Launen dieser unberechenbaren Tiere

kennenzulernen. Öfters sieht man auf Nashornwechseln herausgedrehte

Bäume und Büsche, sogar aus ihrer Lage gebrachte mächtige Steine, an

denen das Nashorn mit seinem Horn, sei es nun aus Übermut oder aus Wut,

sein Mütchen gekühlt hat. Es würde zu weit führen, wollte ich alle

derartige Einzelheiten beschreiben.

Gegen Mittag erreichten wir die Endstation Neu-Moschi. Wir befinden

uns hier wohl an einem der schönsten und interessantesten Punkte

Afrikas. Von einer üppigen tropischen Vegetation umgeben, blickt

man hinauf in die ewige Schnee- und Eisregion des Kilimandjaros.

Leider standen zu dieser prachtvollen Natur die Unterkunfts- und

Verpflegungsverhältnisse, welche wir hier vorfanden, in keinem

Verhältnisse. Das damalige „Grand-Hotel“ war eine schmierige Lehmbude

mit einigen Abteilungen, teils mit, teils ohne Wellblechbedachung. Der

Eigentümer war ein Grieche, und ebenso armselig wie seine Behausung

war seine Küche. Jedenfalls war der Ort im damaligen Zustand so recht

geeignet, meiner Frau alle Illusionen über Afrika auf das richtige

Maß herabzusetzen. So primitiv auch alles war, mußte doch jeder, der

keine eignen Zelte und Träger mitführte, froh sein, bei der Ankunft in

Neu-Moschi in besagter Lehmbude Unterkunft zu finden.

Einige Tage später trafen die für uns und unser Gepäck bestimmten

Ochsenfuhrwerke aus Aruscha ein. Wir hatten jetzt den letzten, aber

auch den schlimmsten Abschnitt unserer Reise vor uns. Neunzig Kilometer

waren noch zurückzulegen. Die Fahrt auf einem Ochsenwagen über Berge,

durch Schluchten und Flußbetten ist gerade kein sonderliches Vergnügen,

besonders nicht für eine Frau, die frisch aus Europa kommt. Die

mannshohen Räder gehen oft über meterhohe Felsbrocken, so daß der nicht

verstaute Inhalt des Wagens bald nach links, bald nach rechts geworfen

wird. Zu diesem nicht verstauten Inhalt gehört selbstverständlich auch

der Passagier. Ferner wirkten gerade jetzt in der trockenen Jahreszeit

die Hitze und der von 30 Ochsen aufgewirbelte Staub, der den Wagen in

eine dicke Staubwolke hüllte, fast unerträglich.

Am Sanga-Flusse rastend, wollte ich meinen von Deutschland

mitgebrachten Zuchtgänsen das schon lange entbehrte Bad gönnen. Wir

ließen die Vögel aus ihrem Käfig heraus und freuten uns herzlich, wie

sie sich lebhaft in den klaren Fluten tummelten. Plötzlich tauchte ein

Krokodil auf, erfaßte eine Gans und war im nächsten Momente mit seinem

Raub verschwunden. Schnell liefen wir mit den Gewehren hinzu und ich

sah im klaren Wasser an der steilen Uferwand deutlich einen weißen

Flecken auf dem etwa zwei Meter tiefen Grunde. Ich zielte dorthin, wo

ich den Kopf des Krokodils vermutete. Kaum war der Schuß gefallen,

als die Gans wieder auf der Oberfläche erschien, allerdings mehr tot

als lebendig. Da sie nicht mehr zu retten war, wurde sie sofort in

einen Braten umgewandelt. Froh war ich, daß das Krokodil nicht meinen

einzigen Gänserich erwischt hatte, da sonst die ganze Gänsezucht in

Frage gestellt worden wäre. Die hier verbreitete Ansicht, daß im oberen

Sanga-Fluß keine Krokodile vorkämen, war somit aufs schlagendste

widerlegt.

Der Kühle halber reisten wir nachts und brauchten so unsere Tiere nicht

der Tageshitze auszusetzen. Wir hatten den Domberg bereits hinter uns,

und ich hatte Zeit und Gelegenheit, einiges Wild für unsere Küche zu

erlegen. Ein Riedbock war das erste afrikanische Wildbret, das meine

Frau zu kosten bekam.

[Illustration: ~Der Kibo, der Hauptgipfel des Kilimandjaro, 6010 m

hoch~]

[Illustration: ~Mittagsruhe der Gnus auf der Farm des Verfassers~]

Nach sechstägiger Fahrt langten wir an unserem Ziele an. Vorläufig

wohnten wir in Zelten. Für die mitgebrachten Tiere mußten provisorische

kleine Gehege mit Schutzdächern errichtet werden. Es gab Arbeit

in Hülle und Fülle. Für das Wellblechwohnhaus war ein Platz auf

einem Hügelrücken ausersehen. Die großen Laufgehege für die Strauße

wurden ausgemessen und eingefriedigt. Schwarze Arbeiter waren damit

beschäftigt, Bambus und Holz aus dem nahen Urwalde zu holen oder

Bausteine heranzubringen, um zu behauen. Fundis (Handwerker) bauten

provisorische Stallungen für die Tiere und Hütten für die Schwarzen.

Andere Arbeiter rodeten das zu Kulturzwecken gewählte Land, und

bald zog der ochsenbespannte Pflug zum ersten Male seine Furchen

durch den jungfräulichen Boden. Wassergräben wurden gezogen, Luzerne-

und Maisfelder angelegt, Kartoffeln und Gemüse gepflanzt, und in

wenigen Wochen prangte alles in üppigem Grün. Reges Leben herrschte

überall, und mit zäher Energie und Ausdauer wurde jedes Fleckchen Erde

verteidigt, denn die Natur sucht jedes Stückchen abgerungenes und unter

Kultur gebrachtes Land fortwährend wieder an sich zu reißen.

Trotz der Abgeschlossenheit von der Außenwelt und der harten

Pionierarbeit fühlte sich meine Frau doch bald heimisch, und mit Freude

sahen wir das angefangene Werk aufblühen. Ein erhabenes Gefühl überkam

uns, wenn wir von unserem noch primitiven Haus aus bei untergehender

Sonne unsere Farm überblickten. Von den letzten Strahlen der Abendsonne

beleuchtet, liegt der 4630 Meter hohe Merukegel in all seiner

majestätischen Pracht vor uns. Deutlich kann man noch mit dem Glase

die Urwaldregion von den höher liegenden Zedern- und Bambuswäldern

unterscheiden. Aus den ganz unten liegenden Bananenhainen steigt der

Rauch aus einigen Negeransiedlungen empor. Im Westen, nur wenige

Stunden von uns entfernt, ragt der dunkel bewaldete Gebirgsstock des

Rascha-Rascha empor; in scharfen Linien hebt er sich vom Horizonte

ab. Nach Süden zu liegt die große offene Masaisteppe vor uns, aus der

in weiter Ferne einige Höhenrücken emporsteigen. Die am Meru-Berge

wohnenden Waruscha ziehen mit ihren Viehherden, von der Weide kommend,

nach den im Urwald liegenden Behausungen. Eine feierliche Abendstimmung

liegt über allem; der rote Sonnenball taucht allmählich am Horizonte

unter, und nach einer kurzen Dämmerung senkt sich die Nacht herab.

Es wird merklich kühl, und die Grillen und Frösche beginnen ihr

nächtliches Konzert.

Für die Entbehrungen, die man mit in Kauf nehmen muß, wird hier der

Naturfreund aufs reichlichste entschädigt. Täglich gab es Neues und

Interessantes zu beobachten. Die Vogelwelt zeigte fast gar keine

Scheu vor uns. Goldgrün schillernde Nektariniden (Honigsauger) kamen

dicht an das Haus heran, um aus den Blumenkelchen den süßen Saft zu

saugen; unzählige, buntgefärbte Bienenfresser haben ihre Brutplätze

in den Uferböschungen des Flusses. In einem Baume dicht am Hause

hatte eine Kolonie Webervögel Hunderte von Nestern gebaut und waren

eifrigst dabei, ihre Nachzucht zu pflegen. Bachstelzen, Schwalben und

Störche erinnern uns an die deutsche Heimat. Zwischen den Pferden und

Rindern stolzieren Trappen und Schlangengeier herum, und man kann

bis auf wenige Meter an sie herangehen; denn sie wissen, hier wird

ihnen nichts zuleide getan. Scharenweise treiben sich am Gewässer

unter lautem Gekreische die Kiebitze herum. Natürlich fehlen auch

die gefiederten Räuber nicht. Ständig umkreisen Sperber, Habichte,

Milane und weißnackige Raben unseren Hühnerhof, aber ohne Erfolg,

denn der Kückenhof ist mit Drahtgeflecht überdacht. Große Scharen

buntgefärbter Körnerfresser verheeren die Weizenfelder. Zur Reifezeit

müssen fortwährend Feldwachen tätig sein, um die Vögel zu verscheuchen.

In den reifenden Kulturen stellen sich aber auch bald vierbeinige

ungebetene Gäste ein. Ein Paar Stachelschweine kamen regelmäßig nachts

in den Kartoffelacker. Obwohl ein großes Kartoffelfeld vorhanden war,

suchten sie sich gerade die beiden Reihen aus, wo ich eine bestimmte,

importierte Sorte gepflanzt hatte. Alles Fallenstellen war vergeblich;

beinahe hatten sie mir schon die wertvolle Aussaat vernichtet, als ich

als letztes Mittel den Selbstschuß versuchte. Gleich in der ersten

Nacht brachte sich ein Stachelschwein selbst zur Strecke und wurde von

meinen Wanyamwesi-Negern am nächsten Morgen gebraten und verspeist. In

der darauffolgenden Nacht fiel abermals ein Schuß, und ich freute mich

schon, daß ich am nächsten Morgen den zweiten Übeltäter finden würde;

aber zu meinem Erstaunen sah ich, daß ein Schakal das Pech gehabt

hatte, sich in die ewigen Jagdgründe zu befördern. Höchstwahrscheinlich

hatte er sich durch den Schweiß des erlegten Stachelschweines anlocken

lassen, wobei er mit seinem Fange die Abzugsleine berührt und so den

tödlichen Schuß ausgelöst hatte. Die am Fluß hausenden Wildschweine

hatten auch bald die Maisfelder ausgefunden und richteten an dem

beinahe reifen Mais großen Schaden an. Diesen Tieren steht man fast

machtlos gegenüber. Gute Hunde und Wächter mit Blechtrommeln sind

wohl noch die besten Abwehrmaßregeln. Gegen kleineres Raubzeug, das

es hauptsächlich auf das Geflügel abgesehen hatte, wie Ichneumons

(Pharaonsratte), Bandiltisse, Schakale usw. bewährten sich die

Kastenfallen ausgezeichnet. Sogar zwei Dachse hatten sich einmal darin

verirrt. Die Abteilungen für das Kleingetier begannen sich allmählich

zu füllen. Dazu brachten die Schwarzen aus dem nahen Urwald braune

Meerkatzen, die hier am Meruberg sehr zahlreich auftreten, sowie

Erdhörnchen, Stachelschweine, Igel, silberglänzende Wurzelratten und

viele Vögel.

In den Volieren vollführte die buntgefiederte Vogelwelt ein nicht

gerade angenehmes Konzert. Klangvolle Stimmen und liebliches

Gezwitscher wurden durch Gekrächze, Gekreisch, Geschrei und alle

möglichen anderen Tierstimmen übertönt. Vögel von prachtvollster

Farbentönung bis zum einfachen Grau flatterten, kletterten und liefen

in den Käfigen bunt durcheinander, darunter grüne Turakos, weißnackige

Raben, Glanzstare, kleine und große Waldtauben, Webervögel aller Arten,

dazwischen der rote Feuerweber, graue Mausvögel, Witwenvögel, große

Hornraben, Ibisse, Sporengänse, Frankoline und viele andere mehr.

Kleine erfolgreiche Tierfangzüge in unmittelbarer Umgebung der Farm

lieferten auch bald Bewohner für die Großtiergehege. Giraffen, Zebras,

Oryxantilopen, Ried- und Buschböcke, alte und junge Strauße bevölkerten

nach und nach die eingegatterten Flächen. Hinter dem Hause, in einem

buschigen Gelände, hatten mehrere Rudel Riedböcke ihren Standplatz.

Einer dieser Böcke hatte herausgefunden, daß in unserem Gehege eine

zahme Ricke gehalten wurde. Fast jede Nacht kam er an das Gitter und

suchte durch laute Pfiffe das Weibchen an sich zu locken. Ich ließ

das völlig zahme Weibchen, das mit der Flasche aufgezogen worden war,

zuweilen auch außerhalb des Geheges äsen, und eines schönen Tages war

es mit seinem Kavalier auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

An dem angelegten Rieselgraben hatte ein Nashorn eine neue Tränkestelle

gefunden. Seiner Fährte folgend, fand ich einige Kilometer vom Hause

entfernt in einem dichten Busch mehrere dieser Dickhäuter vor. Ich ließ

die Tiere in Ruhe, in der Hoffnung, daß sie mir fangbare Junge liefern

würden. Die Rhinozerosse haben sich auch wenig um uns bekümmert, und

1914 waren sie noch alle vorhanden.

Vor dem Hause dehnten sich die 1½ Kilometer langen und 100 Meter

breiten Laufkrale der Strauße aus, die bereits von 30 Stück dieser

Riesenvögel bevölkert waren, welche ich schon früher von einem Farmer

übernommen hatte. Sie waren ganz zahm und zutraulich. Wenn die

Arbeiterglocke ertönte, kamen die Strauße in vollem Laufe herangerannt,

denn sie wußten ganz genau, daß dies gleichzeitig ihr Signal zum

Füttern war. Jeder Strauß erhielt pro Tag (abgesehen von der Nahrung,

die er sich tagsüber auf der Weide suchte) als Zugabe noch einige Pfund

Kraftfutter, wie Mais, Getreide usw.

Eine Straußenzucht rentabel zu betreiben, ist durchaus keine leichte

Sache. Der Strauß wird nur seiner Federn wegen gezüchtet, die einen

hohen Handelswert besitzen. Die schwarzen und weißen Federn stammen

von den Hähnen, wohingegen die Hennen graue Federn liefern. Verwertet

werden in erster Linie die an Flügeln und Stoß sitzenden großen

Schmuckfedern. Die Federn der wilden Strauße stehen an Schönheit und

Güte weit hinter denen ihrer zahmen, hochgezüchteten Verwandten zurück.

Am erfolgreichsten ist die Straußenzucht bis jetzt in Südafrika

betrieben worden, jedoch bin ich der Ansicht, daß im Laufe der

Jahre bei richtiger Zuchtwahl der an und für sich schöne und große

ostafrikanische Strauß (~Struthio masaicus Neumann~) sich zu

einem konkurrenzfähigen Federlieferanten heranziehen läßt. Unkenntnis

in der Aufzucht und Behandlung der Vögel haben wohl dazu beigetragen,

daß viele ostafrikanische Farmer der angefangenen Straußenzucht wieder

überdrüssig wurden. Es würde weit über den Rahmen dieses Buches

hinausgehen, wenn ich hier eine längere Abhandlung über den rationellen

Betrieb einer Straußenfarm schreiben wollte. Es liegt über dieses

Thema bereits eine gute und ziemlich umfangreiche Literatur vor, so

daß ich mich darauf beschränken kann, einige maßgebende Gesichtspunkte

hervorzuholen.

Der Strauß bedarf zu seinem Wohlergehen großer geräumiger Gehege,

auf denen er dieselbe Nahrung findet, wie sie ihm die freie Steppe

bietet, also vor allen Dingen genügend Grünfutter. Sodann muß der Boden

reichlich kleine Steinchen enthalten, die der große Vogel zur Förderung

seiner Verdauung gern aufnimmt, wovon man sich bei der Sektion eines

Straußenmagens immer wieder überzeugen kann. Auch sonstige Fremdkörper,

wie z. B. kleingehackte Knochen oder Muscheln, werden von den Vögeln

gern verschluckt. Sehr wichtig ist es ferner, daß die Strauße in ihren

Laufkralen Gelegenheit zu Sandbädern haben, die zur Erhaltung ihrer

Gesundheit unbedingt erforderlich sind. Auch sonst muß man auf letztere

ein wachsames Auge haben und den Tieren öfters Medikamente verabfolgen,

da sie häufig von Schmarotzern, namentlich von Eingeweidewürmern

geplagt werden. Gegen Nässe sind sowohl die ausgewachsenen Strauße

als auch die Kücken außerordentlich empfindlich. Bei drohendem

Gewitterregen, welche hier ganz plötzlich auftreten, hatte meine

Frau, die mir die Sorge für das Federvieh abgenommen hatte, stets

alle Hände voll zu tun, um die Tiere schleunigst unter Dach und Fach

zu bringen. Über die Fütterung habe ich schon oben gesprochen, möchte

aber noch ergänzend bemerken, daß neben dem erwähnten Kraftfutter vor

allem Luzerne eine wichtige Rolle bei der Ernährung spielt, welche

Futterpflanze namentlich für die gedeihliche Entwicklung der Kücken

unentbehrlich ist. Für Straußenzüchter ist also die Anlage großer

Luzernefelder eine ~conditio sine qua non~. Die Gesamtfuttermenge,

welche man einem ausgewachsenen Strauß täglich verabreichen muß, kommt

der Tagesration eines Pferdes gleich. Wie man hieraus ersieht, läßt

sich der Betrieb ohne ein genügendes Anlagekapital nicht durchführen.

Im vierten Jahre erreicht der Strauß die Geschlechtsreife. Rückt die

Paarungszeit heran, so werden die für die Nachzucht bestimmten Vögel

in besonderen Abteilungen untergebracht, und zwar gesellt man einem

Hahn 2-3 Hennen zu. Bei ersterem verfärben sich Hals und Ständer in ein

schönes hellfarbiges Rot, und dumpf rollend und dröhnend läßt er seinen

weithin hörbaren Balzruf ertönen. Die Hennen legen die Eier in ein

gemeinschaftliches Nest. Das Brutgeschäft wird von beiden Geschlechtern

ausgeführt. Nach etwa sechs Wochen schlüpfen die Kücken aus. Ihre

Aufzucht ist keine leichte Sache. Sie bedürfen sorgfältigster Pflege

und Aufsicht, sind aber sehr zutraulich und bereiten ihrem Züchter

viele Freude. Stundenlang kann man zusehen, wie die hühnergroßen,

schwarzgelb gefärbten Tierchen in ihrem stacheligen Kleid im

Luzernefeld die Blätter abzupfen. Schnell wachsen die jungen Vögel

heran, und nach etwa sechs Monaten sind sie schon imstande, die ersten

Federn zu liefern, die aber nur einen geringen Handelswert besitzen.

Über die Federnernte, das Endziel der ganzen Bemühungen, ist kurz

folgendes zu bemerken: Bei guter Pflege und Fütterung können die

Federn alle sechs Monate geschnitten werden. Zu diesem Zwecke

werden die Strauße in ein kleines Gehege getrieben, dort einzeln

herausgegriffen und bekommen dann einen Strumpf oder Kapuze über den

Kopf gezogen, die ihnen die Augen verdeckt. Sodann wird der Vogel

in ein dreieckiges Gestell geschoben und festgehalten; die Flügel

hängen über das Gestell hinaus, und die reifen Federn, welche man

an den harten, trockenen Spulen erkennt, werden mit einer Schere

abgeschnitten. Nach 4 bis 6 Wochen muß sich der Strauß diese Prozedur

nochmals gefallen lassen, und jetzt werden ihm die vertrockneten

Spulen, soweit er sie noch nicht selbst herausgepickt hat, mit

einer Zange entfernt, damit die nachwachsenden neuen Federn nicht

verkrüppeln. Hierbei muß man äußerst vorsichtig zu Werke gehen, und das

Herausziehen der Spulen ist sofort zu unterlassen, sobald sich noch

ein Bluttröpfchen an der Spitze der Kiele zeigt. Gerade Unkenntnis

in der Ausübung des Federschnitts kann den Strauß für eine weitere

Federproduktion vollständig wertlos machen. Schließlich möchte ich noch

bemerken, daß die zur Nachzucht bestimmten Vögel einige Monate vor der

Brutzeit ihrer langen Flügelfedern nicht mehr beraubt werden dürfen, da

sie ohne dieselben das Brutgeschäft nur noch schlecht ausführen können.

Nach und nach waren weitere europäische Zuchttiere eingetroffen, und

zwar: Schweine, Pferde, Esel zur Maultierzucht sowie zwei Bullen und

zwei Kühe der bekannten Zebukreuzung von der kaiserlichen Domäne

Cadinen. Füllen, Kälber und junge Esel freundeten sich derart mit

Gnus und Elenantilopen an, daß sie gemeinsam auf die Weide getrieben

werden konnten. Es gab sehr interessante Bilder, die afrikanischen und

europäischen Haustiere friedlich neben dem eingefangenen Wilde weiden

zu sehen oder sie in ihren munteren tollen Sprüngen und Spielen zu

beobachten.

Durch den ständigen Umgang mit dem Menschen gewöhnen sich die Tiere

bald an diesen, verlieren ihre Furcht und Scheu und werden sogar

anhänglich. Die Grundbedingung hierfür ist eine ruhige, liebevolle

Behandlung, durch welche der Pfleger sich in erstaunlich kurzer Zeit

die Zuneigung der Tiere erwirbt, die ihn bald von anderen Personen

zu unterscheiden wissen. Ein Füllen und eine junge Elenantilope, die

unzertrennlich Freundschaft geschlossen hatten, verfehlten nie, morgens

und abends an die Tür des Wohnhauses heranzukommen, um sich einen

Leckerbissen abzuholen. Die jungen Nashörner waren natürlich bedeutend

frecher; sie kamen ungeniert in das Haus, und wehe, wenn meine Frau

nicht da war, um ihnen ein Stück Zucker zu verabfolgen. Stühle und

Tische wurden einfach umgestoßen, und dabei ging einmal unsere einzige

Tischlampe in Brüche. Meine Hunde waren mit allen Tieren vertraut und

ließen sie ruhig gewähren.

Eine solche Aufzucht ist mit einer Kinderstube zu vergleichen. Große

Sorgfalt, Umsicht und Verständnis sind erforderlich, um den Tieren ihre

Freiheit zu ersetzen und sie am Leben zu erhalten. Jedes Stück muß

individuell nach seinem Charakter und seinem Futterbedürfnis behandelt

werden. Soviel wie möglich werden vorerst den Tieren ihre bisherigen

Lebensbedingungen gelassen, um sie nach und nach an ein anderes Futter

zu gewöhnen, das man auch auf die Reise mitnehmen kann. Nur auf diese

Art und Weise ist es möglich, gesundes und lebenskräftiges Material für

die zoologischen Gärten heranzuziehen.

[Illustration: ~Strauße im Gehege~]

[Illustration: ~Straußenküken~]

[Illustration: ~Strauße auf der Farm, Struthio masaicus (O.

Neumann)~]

Trotz der harten Arbeiten und Entbehrungen der ersten Monate

verminderte sich unsere Begeisterung für das herrliche Stück Erde

nicht. Der fruchtbare Lavaboden brachte reiche Erträgnisse. Ohne

Dünger gediehen alle europäischen Gemüse, wie Kartoffeln, verschiedene

Kohlarten, Salate, Karotten, Radieschen, Gurken, Melonen, Kürbisse,

Tomaten, Rhabarber, Erdbeeren, Bohnen und Erbsen aufs prächtigste und

in solcher Fülle, daß ich den Bedarf für uns und den Tierbestand aus

den Erträgnissen der eignen Kulturen reichlich decken konnte. Ferner

wurden Fruchtbäume, wie Pfirsiche, Baumtomaten, Feigen, Apfelsinen,

Zitronen, Mandeln, Kapstachelbeeren, Äpfel- und Pflaumenbäume,

Weinstöcke und Bananenstauden angepflanzt. Die Gehege und Wege ließ

ich mit schattenspendenden Bäumen, wie Gerbakazien, Eisenholzbäumen,

Eukalyptus u. a. m. bepflanzen. Die Gebäude wuchsen aus dem Boden, und

zu Pfingsten siedelten wir vom Zeltlager in unser Wellblechwohnhaus

über.

Nach und nach hatte ich mir einen Stamm schwarzer Arbeiter

herangezogen. Am brauchbarsten für Land- und Farmarbeiten erwiesen sich

die Wasukumaleute, dagegen fand ich unter den Wameru ganz intelligente

Menschen, die sich für den Umgang mit den Tieren gut eigneten, trotzdem

sie sonst unzuverlässig und faul sind.

Alle Arbeiten liefen unter guter Aufsicht in geregeltem Gange weiter,

und ich schmiedete kühne Pläne, in wenigen Jahren eine Musterzuchtfarm

auszubauen und unseren Kolonisten gutes Zuchtvieh an Ort und Stelle zu

liefern. Mittlerweile rückte die Trockenzeit heran und so konnte ich

auch wieder an größere Tierfangzüge denken.

[Illustration]

Fang von wilden Straußen, Zebras, Antilopen und Raubtieren

Auf Großtierfang für Hagenbeck · 第 10 / 14 段