Ein Jahr später durchquerte ich nochmals die Masaisteppe und das

Kikuyuland, und zwar in entgegengesetzter Richtung. Ich befand mich

wiederum in Nairobi und hatte den Abtransport einer Tierkarawane

beaufsichtigt. Gleichzeitig benutzte ich die Gelegenheit, daselbst

verschiedene Einkäufe für meine geplante Tierzuchtfarm zu machen, auch

benötigte ich einige gute Reitpferde für den Tierfang, die ich im

deutschen Gebiete nicht bekommen konnte. Um einerseits die wertvollen

Pferde bei einem Transport über die Küstenroute nicht der Tsetse-Gefahr

auszusetzen und andererseits mein Ziel schneller zu erreichen, beschloß

ich, von Nairobi aus die Strecke über Land, die Masaisteppe, zu nehmen.

Als bekannter Tierfänger erhielt ich vom englischen Gouverneur die

bisher wenigen Europäern erteilte Erlaubnis, durch das Wildreservat

reisen zu dürfen. Es wurde mir gestattet, meine Waffen mitzunehmen,

aber ich mußte mich durch Abgabe meines Ehrenwortes und Hinterlegung

von 1000 Rupien als Garantie verpflichten, in genanntem Gebiete nichts

zu erlegen.

Vor meiner Abreise machte ich die Bekanntschaft des Distriktkommissars

vom englischen Masaireservat. Der Herr lud mich in freundlicher Weise

ein, sein von der Stadt nur 13 Meilen entferntes Haus als ersten Rast-

und Halteplatz zu benutzen, was ich dankend annahm. Mein ansehnliches

Gepäck benötigte 30 Träger. Nachdem die Lasten verteilt waren und

jeder sich seinen Teil zusammengeschnürt und seine Tagesration

empfangen hatte, setzte sich die Karawane in Bewegung. Alle waren

heiter gestimmt, und mit ihrem eintönigen Gesang suchten sich die Leute

das Marschieren zu erleichtern. Mehrere Stunden waren wir bereits

unterwegs, da zogen drohende Gewitterwolken am Horizonte herauf,

und es dauerte auch nicht lange, da hatte das herrliche Wetter ein

jähes Ende gefunden. Strömender Regen, gefolgt von Blitz und Donner,

prasselte auf uns herab. Wäre ich nach Nairobi zurückgekehrt, so

hätte ich am nächsten Tage bestimmt keinen Träger mehr vorgefunden,

also hieß es „vorwärts unter allen Umständen“. Wir marschierten bis

zum sinkenden Tageslicht, ohne das zum Halteplatz bestimmte Haus des

Distriktkommissars gefunden zu haben. Auf der Suche danach ritt ich

voraus und traf glücklicherweise auf zwei Masais, die aber bei meinem

Auftauchen die Flucht ergriffen. Ich jagte ihnen nach und zwang sie,

mir den Weg zu dem gesuchten Hause zu weisen. In stockfinsterer Nacht

und bei strömendem Regen kam ich, bis auf die Haut durchnäßt und über

und über mit Erde bespritzt, endlich dort an. Die Wachtposten erklärten

mir, daß ihr Herr noch nicht aus Nairobi zurückgekehrt sei. Offenbar

hatte er es vorgezogen, bei dem schlechten Wetter dort zurückzubleiben.

Ich wollte in meinem durchaus nicht salonfähigen Anzuge die Dame des

Hauses nicht belästigen, aber schon hatte sie von meiner Ankunft

gehört und nötigte mich in freundlicher Weise einzutreten; an derlei

Überraschungen sei sie als geborene Südafrikanerin gewöhnt und

entschuldige alles; auch gab sie Befehl, meine Pferde unterzubringen.

Ich bekam ein Zimmer, und ein heißer Whisky durchwärmte bald meine vor

Kälte klappernden Glieder. Nach Einnahme eines vorzüglichen Abendbrotes

begab ich mich zur Ruhe. An Schlaf war wenig zu denken, denn der Regen

prasselte unaufhörlich die ganze Nacht hernieder, dazu störte mich

noch das schauerliche Gelächter der um das Haus streifenden Hyänen.

Zwei dieser Bestien hatten sich in derselben Nacht in den von Askaris

aufgestellten Fallen gefangen.

Im Laufe des nächsten Vormittags traf der Hausherr ein. Er hatte schon

gefürchtet, daß ich die Station verfehlt hätte, und lud mich ein, bei

ihm einige Tage als Gast zu verweilen. Ich hatte aber Eile und wollte

das sich aufklärende Wetter zum Vorwärtskommen benutzen. Meine Träger

waren inzwischen eingetroffen, und der liebenswürdige Beamte ließ es

sich nicht nehmen, mir zwei Masais als Führer mitzugeben.

Diesmal umging ich die Kapiti-Plains und schlug die Richtung auf

den Natronsee ein. Am selben Abend noch erreichten wir einen großen

Masaikral, wo der oberste Häuptling dieses Stammes residierte. Hunderte

von Elmorani mit blitzenden Speeren und buntbemalten Schilden,

prächtige, braune Gestalten, hüteten die großen, nach Tausenden

zählenden Rinder-, Schaf- und Ziegenherden, alles Eigentum ihres

Stammoberhauptes. Der Masaihäuptling kam sofort in mein Lager; er

habe Leibschmerzen, versicherte er mir mit listigem Augenblinzeln und

verlangte Medizin. Ich gab ihm die gewünschte „Dawa“ (Medizin), nämlich

einen gehörigen Schluck Genever, worauf ihm merkwürdigerweise sofort

besser wurde. Das Verbot, den Eingeborenen Alkohol zu geben, war somit

in medizinisch einwandfreier Weise umgangen worden.

Mit Interesse betrachtete ich einige Stunden das Tun und Treiben der

Masais sowie der großen Viehherden. Ich konnte keine einheitliche Rasse

herausfinden, denn es waren Buckelrinder, Watusirinder, Zeburinder

und alle möglichen Kreuzungen vorhanden, wohl ein Beweis von vielen

Viehräubereien. Bei ihren Viehdiebstählen gehen diese Steppensöhne mit

aller ihnen zu Gebote stehenden List, Gewandtheit und Verschlagenheit

zu Werke, und nur höchst selten bekommt der Leidtragende seine Rinder

wieder zu Gesicht. Handelt es sich um einen Raub von nur wenigen

Stücken, so ergreift jeder Masai ein Rind am Schwanz, und durch Biegen

und Drehen desselben treibt er dasselbe zum rasenden Lauf an, wobei er

selbst mitgerissen wird. Viele Kilometer werden so in der Dunkelheit

der Nacht zurückgelegt, bis die Beute in Sicherheit ist. Für den Masai

sind seine Rinder sein Reichtum, sein ein und alles, um das sich sein

ganzes Denken und Handeln dreht. Er sucht seine Herden immer mehr zu

vergrößern, und nur höchst selten wird ein Tier von ihm verkauft;

dagegen tauscht er gern alte Ochsen gegen junge Färsen um. Geld spielt

bei ihm keine Rolle, da er den Wert desselben noch nicht kennt. Sein

früher viel stärkerer Herdenbestand ist in den letzten Jahren durch

Viehseuchen stark zurückgegangen, und der ganze Bestand wird heute auf

eine Million Rinder geschätzt.

Auf dem Weitermarsch überraschte uns zwei Tage später in einem

baumlosen Gelände abermals ein heftiges Gewitter. Weit und breit war

weder Busch noch Baum, nur ein paar Granitblöcke boten uns geringen

Schutz. Mein aufgeschlagenes Zelt hielt dem Sturme nicht stand; ein

plötzlich eintretender Wirbelwind zerriß es und die Fetzen flogen in

die Luft. Die erschreckten Pferde waren kaum zu halten. Alles geriet

in Unordnung, dazu prasselte der kalte Regen in dichten Strömen auf

uns herab. Erst spät abends, als das Unwetter nachließ, hatte der

Koch endlich mit Hilfe einer Flasche Petroleum Feuer anzünden und uns

noch einen Tee bereiten können. Als Notbehelf wurde aus Türen und

Fenstern, die für mein Haus auf der Farm in Aruscha bestimmt waren,

über mein Bett ein Schutzdach errichtet. Damit mußte ich auch für die

weiteren Tage vorlieb nehmen, denn von dem Zelte waren nur noch wenige

Fetzen übriggeblieben. So wurden unsere physischen und moralischen

Kräfte auf eine harte Probe gestellt. Der Leser, der vielleicht in

einem behaglichen Heim diese Zeilen zu Gesicht bekommt, kann sich wohl

schwer eine Vorstellung davon machen. Beim Weitermarsch am nächsten

Morgen wurden die nassen Decken und Kleider über die Pferde gehängt

und so von der Sonne, die wieder warm auf uns herabschien, getrocknet.

Wir hatten bereits die Kapiti-Plains umgangen, befanden uns aber

noch immer im englischen Masaireservate. Die beiden Führer, welche

die Gegend sehr gut kannten, verfehlten nicht, bei jedem Masaikral

anzuhalten, und durch ihre Vermittlung war es nicht schwer, uns mit

Milch, Honig, Hammel, Ziegen usw. zu verproviantieren. Überall an den

Kralen war zu sehen, wie auch hier Sturm und Regen gehaust hatten.

Alles war aufgeweicht, und Tiere und Menschen wateten in dem fußhohen

dampfenden Düngerbrei. Weiber und Kinder waren eifrigst dabei, ihre

defekt gewordenen Hütten auszubessern und mit Lehm und Kuhdung zu

überschmieren.

Unangenehm ist es, nachts in der Nähe eines solchen Krales zu lagern,

denn in seiner Umgebung halten sich außergewöhnlich viel Hyänen und

Schakale auf. Der Masai hat die Gewohnheit, Knochen und Tierkadaver

einfach unmittelbar vor seinen Kral zu werfen, ja sogar seine toten

Stammesgenossen werden pietätlos dorthin gelegt. Es ist deshalb kein

Wunder, daß sich daselbst das Raubgesindel massenweise aufhält, mit den

Kadavern aufräumt und mitunter recht frech wird. Einen solchen Fall

sollte ich selbst erleben: Wir hatten unser Lager so gebaut, daß die

Pferde in der Mitte desselben an einen Baum angebunden waren. Meine

primitive Bettstelle war so aufgestellt, daß ich die Pferde immer im

Auge behalten konnte. Die Hyänen heulten, wie allabendlich, um unser

Lager herum. Auf einmal entstand ein großer Tumult, die Pferde sprangen

auf, zerrten wie besessen an ihren Halftern und schlugen aus. Ein

ganzes Rudel Hyänen, etwa zehn Stück, machte einen regelrechten Angriff

auf meine Reittiere. Ich schoß mit dem Revolver dazwischen und meine

Schwarzen rissen das brennende Holz aus dem Lagerfeuer und warfen nach

den Bestien, die daraufhin heulend abzogen.

Nach viertägigem Marsch lag das Masaireservat hinter uns, und wir

nahmen unsere Richtung auf den Erok-Berg. Aus der Ferne leuchtete

bereits der schneebedeckte Kilimandjaro vom deutschen Gebiete

herüber. Oft war der eingeschlagene Weg durch die starken Regengüsse

streckenweise in bodenlosen Sumpf verwandelt, so daß wir mehrere Male

in solche Moraste hineingerieten und stellenweise stundenlange Umwege

machen mußten.

In der mit hohem Gras bewachsenen Steppe hatten meine Pferde viel unter

der Zeckenplage zu leiden. Beinahe auf jedem Grashalme saßen etliche

dieser Blutsauger. Mit den Hinterbeinen am Halm sich festhaltend,

angeln sie mit den Vorderbeinen in der Luft herum. Streift man einen

solchen Grashalm, so hat sich das Insekt auch schon im Augenblick

an einem festgesetzt. Meine Pferde waren an den Köpfen und an den

Weichteilen mit Zecken wie übersät. Wie bei den Stechfliegen, so sind

es auch bei den Zecken nur die Weibchen, welche Blut saugen. Hat

sich einmal eine Zecke in der Haut festgebissen, so saugt sie sich

in mehreren Stunden so voll Blut, daß sie den mehrfachen Umfang an

Körpergröße zunimmt, worauf sie wieder von selber abfällt. Will man

aber ein solches Insekt mit Gewalt entfernen, so bleibt mindestens der

Kopf in der Haut stecken oder man reißt meistens ein Stück Haut mit

heraus, wodurch dann häufig bösartige Wunden verursacht werden.

Am Abend des neunten Marschtages schlug ich im Vorgelände des Erok,

oberhalb einer kleinen Schlucht, mein Lager auf. Diese Gegend war

bislang vom Regen noch ziemlich verschont geblieben. Die Träger hätten

es lieber gesehen, wenn das Lager in der Talsohle selbst errichtet

worden wäre, da sie guten Schutz gegen die kalten Nachtwinde bot. Aber

ihre diesbezüglichen Bitten trafen bei mir auf taube Ohren. Ich hatte

hierfür meine guten Gründe. Solche Schluchten füllen sich nämlich bei

plötzlich eintretendem Regen in unglaublich kurzer Zeit mit den von

den Bergen hinabflutenden Wassermassen an. Meine Vorsicht bezüglich

der Wahl des Lagerplatzes war denn auch diesmal nicht unnötig gewesen.

In der Nacht gingen mächtige Gewitterregen nieder, und am nächsten

Morgen war die Talsohle in einen reißenden Strom verwandelt. Es dauerte

mehrere Stunden, bis sich die Wasser verlaufen hatten und wir die auf

unserer Route liegende Schlucht durchqueren konnten.

Am gleichen Tage noch erreichten wir das deutsche Gebiet, woselbst

ich nun von meinem Jagdrechte Gebrauch machen konnte. Das zahlreich

auftretende Wild bot mir Gelegenheit, den Fleischhunger meiner

Kikuyu-Träger in Gestalt einer Grantgazelle und einer Kuhantilope

zu stillen. Deutlich bemerkte ich hier Elefantenfährten. Eine große

Herde dieser Dickhäuter war vom Longido- nach dem Erok-Berg, d. h. vom

deutschen aufs englische Gebiet hinübergewechselt. Für sie existieren

keine politischen Grenzen. Bei Durchquerung einer Baumsteppe stieß ich

auf einen einzelnen kapitalen Giraffenbullen. Der Riese ließ mich bis

auf 40 Schritt herankommen, ehe er flüchtig wurde.

Am elften Tage erreichten wir die südliche Wasserstelle am

Longido-Berg, und nach weiterem neunstündigem Marsch die erste

Burenansiedlung Oldonje-Sambu. Die Karawane blieb, da die Nacht schon

anbrach, hier zurück mit dem Befehl, am nächsten Tage nachzukommen. Ich

selbst ritt noch die letzten vier Stunden bis zu meiner Farm durch.

Meine Frau, noch nicht mit den afrikanischen Verhältnissen vertraut,

befand sich in großer Sorge um mich, da man ihr erzählt hatte, daß die

Strecke von Nairobi nach Aruscha zu Pferde in 5-6 Tagen zurückgelegt

werden könne. Niemand hatte allerdings ahnen können, daß ich trotz

der Regenzeit mit einer Trägerkarawane marschieren würde. Die Träger

trafen am nächsten Tage auch pünktlich ein, und nach einigen Rasttagen

schickte ich sie mit der Bahn über Tanga-Mombasa in ihre Heimat zurück.

So hatte ich zum zweiten Male das englische Wildreservat und die

Masaisteppe glücklich durchquert und dieses schöne Hochland mit seinem

noch wenig bekannten Nomadenvolke und seinem ungeheuren Wildreichtum

kennengelernt. Die Strapazen und Unannehmlichkeiten der Reise waren

bald vergessen, aber die Eindrücke des so vielen Interessanten werden

mir stets und immer in Erinnerung bleiben.

[Illustration]

Auf unserer Tier- und Straußenzuchtfarm

Auf der noch im Bau begriffenen Endstation Neu-Moschi der Usambarabahn

war man dabei, Haustiere, allerlei Ackergeräte, Werkzeuge, Kisten

und Kasten auf Ochsenwagen zu verladen. Der Ansässige merkte sofort,

daß es sich um die Erfordernisse zur Gründung einer neuen Ansiedlung

handelte, die ins Innere geschafft werden sollten. So war es auch.

Längst schon hatte ich die Notwendigkeit erkannt, die eingefangenen

Jungtiere eine Zeitlang aufzuziehen, sie an entsprechende Nahrung

und an den Menschen zu gewöhnen, um sie dadurch für die große

Seereise sowie für die zoologischen Gärten widerstandsfähiger zu

machen. Gleichzeitig mit diesem Unternehmen sollte eine Zuchtfarm für

Strauße und europäisches Rassevieh verbunden werden. Bei allen meinen

Reisen in Deutsch- und Britisch-Ostafrika hatte ich auf den vielen

Farmen, die ich besuchte, auch der Haustierzucht ein aufmerksames

Auge geschenkt. Ich fand, daß die Farmer in Britisch-Ostafrika, die

von ihren Regierungsstationen gute Zuchttiere erhielten, bedeutend

weiter in der Viehzucht vorgeschritten waren als unsere Ansiedler. Die

Zuchtversuche in Deutsch-Ostafrika lagen in den Händen der einzelnen

Farmer und waren noch nicht über das Anfangsstadium der Entwicklung

hinausgekommen. Tierzuchtversuche in großem Maßstabe zu betreiben, geht

aber bei den wertvollen und kostspieligen importierten Rasseexemplaren

über die Kräfte des einzelnen hinaus. Dazu herrschen in bezug auf

die Einfuhr ausländischer Tiere in unserer Kolonie infolge der

vielen Haustierkrankheiten, die teils in Afrika heimisch sind, wie

Rinderpest und Küstenfieber, Pferdesterbe usw., teils von ausländischen

Haustieren eingeschleppt werden, strenge Vorschriften. Es müssen alle

einzuführenden Tiere in den Hafenstädten Daressalam, Tanga usw. eine

Quarantäne von vier Wochen durchmachen, ehe sie freigegeben werden.

Gerade diese Quarantäne in den heißen und ungesunden Küstenstädten ist

aber völlig verkehrt. Einige deutsche Farmer haben mit schweren Kosten

Haustiere aus ihrer Heimat kommen lassen, die in Tanga und Daressalam

in Quarantäne blieben. Natürlich waren diese Tiere völlig gesund und

ärztlich geprüft in Hamburg verladen worden, aber durch die lange

Seefahrt und noch mehr in der vierwöchigen Quarantäne im tropischen

Klima unserer afrikanischen Hafenstädte in ihrer Gesundheit geschädigt

worden. Meines Wissens sind die Tiere dann meistens in kürzester Zeit

eingegangen. Welcher Verlust an Zeit und Geld für die Farmer!

Um diesem Übelstande gründlich abzuhelfen, müßte daher die

Quarantänestation in das Hochland verlegt werden. Dort könnten dann

die Tiere in einem abgegrenzten Gebiete ohne Schaden die strengste

Quarantäne bestehen, denn es herrschen in den Hochländern Afrikas

ähnliche klimatische Bedingungen wie in der Heimat, was für die

zukünftige Verwendung der Tiere maßgebend ist. Die Hauptaufgabe wäre,

eine kräftige, widerstandsfähige Milchkuh zu schaffen, denn die

einheimischen Rinderrassen geben sehr wenig Milch, ohne Kraftfutter

nur 1-2 Liter täglich. Ferner sollten die Farmer bei Ersparung aller

Importunkosten und des großen Zeitverlustes geeignete Zuchttiere, wie

Pferde, Esel, Schafe, Ziegen, Schweine sowie Geflügel jederzeit aus der

Kolonie selbst beziehen können.

Alle diese Umstände gaben mir den Gedanken ein, meine Ideen und

meinen Plan Herrn Hagenbeck vorzutragen, der nicht nur in Deutschland

große Haustierzuchten betreibt, sondern auch nach allen Ländern der

Welt Rassetiere exportiert. Herr Hagenbeck interessierte sich aufs

lebhafteste für das Unternehmen und sagte mir seine Beteiligung

zu. Nach eingehender Besprechung einigten wir uns zu einem

gemeinschaftlichen Betrieb einer Tier- und Haustierzuchtfarm in

Deutsch-Ostafrika.

Als günstigsten Platz zur Errichtung dieser Tierzuchtfarm hatte ich

das Gebiet am Meru erkannt. An den Abhängen dieses Berges, etwa

1400 Meter über dem Meeresspiegel, liegt ein nach Westen zu sich

wellenförmig hinziehendes Gelände, durch welches sich ein kleiner

Gebirgsfluß hinschlängelt. „Engare ol Mtonje“ ist sein Name, d. h.

„Wasser der Geier“. Eine Sage ist mit diesem Namen verknüpft. Hier an

diesem Wasser spielte sich einst ein blutiger Kampf zwischen den Masais

und dem Wameru-Stamme ab, aus dem die Masais siegreich hervorgingen.

Viele Hunderte von Kriegern wurden niedergemetzelt, und die Geier

versammelten sich auf dieser Kampfstätte in solchen ungeheuren Massen,

daß die Gefallenen von ihnen alle aufgezehrt wurden. Lange Zeit

hindurch sollen große Geieransammlungen sich dort gehalten haben,

weshalb das Gewässer diesen Namen zum Andenken an jene Schreckenstage

bewahrt hat.

An dieser Stelle wollte ich das Unternehmen ins Leben rufen und mir

eine neue Heimat gründen. Meine Frau, als gute Tierfreundin, hatte sich

schon längst bereit erklärt, mir in die afrikanische Wildnis zu folgen

und mit mir die harten Pionierarbeiten zu teilen. Mit Zustimmung der

Kolonialregierung hatte ich bereits ein Gelände von 2000 Hektar belegt.

Die ganze Gegend ist absolut tsetsefrei, infolgedessen wird daselbst

von den Ansiedlern und Eingeborenen große Viehzucht betrieben. Der

jungfräuliche, mit üppigem, immergrünem Graswuchs bestandene Lavaboden

ist äußerst ertragreich, und das Klima bekommt dem Europäer gut.

Im November 1911 reisten wir von Deutschland unter Mitnahme eines

deutschen Assistenten ab. Gleichzeitig nahmen wir schon einen Teil der

Zuchttiere mit, während der Rest nach Fertigstellung der erforderlichen

Einrichtungen später nachkommen sollte. Auch die notwendigsten

landwirtschaftlichen Maschinen, Ackergeräte, Werkzeuge, Drahtgeflechte

für Tiergehege usw. waren bereits verladen. Hoffnungsfreudig traten

wir die Seereise an, und nach einer prächtigen Fahrt liefen wir

wohlbehalten in Tanga ein. Tiere und Sachen wurden hier an Land

geschafft. Ich selbst reiste mit meiner Frau nach Daressalam weiter, um

dort bei der Regierung meine Angelegenheiten betreffs der Tierzuchtfarm

zu erledigen. Als dies geschehen war, mußten wir noch 14 Tage dort

verweilen, ehe sich eine Gelegenheit zur Rückreise bot. Gerade am

heiligen Abend trafen wir wieder in Tanga ein. Schon an Bord des

Dampfers hatte eine fröhliche Weihnachtsstimmung geherrscht, die sich

abends am Lande noch steigerte, als die alten Weihnachtslieder unter

dem lichterglänzenden Tannenbaum erklangen. Was? -- Tannenbäume in

Ostafrika? ruft vielleicht so mancher ungläubig aus. Und doch hat es

damit seine Richtigkeit, liebe Leser. Wohlverwahrt in den Kühlräumen

des Ozeanriesen kommen die Kinder des deutschen Waldes herüber zum

Palmengestade, dem heißen jungen Sonnenlande den Weihnachtsgruß der

alten schneebedeckten Heimat zu überbringen.

Nach den Feiertagen wurden die Zuchttiere und die mitgebrachten

Sachen nach Neu-Moschi verladen und unter Aufsicht meines Assistenten

vorausgeschickt. Mit dem nächsten Zuge reisten auch meine Frau und

ich in das Innere. Trotz der tropischen Hitze ist es ein Genuß, die

interessanten Landschaftsbilder während der Fahrt vorbeigleiten zu

sehen. Wie durch einen grünen Tunnel fährt der Zug unter Kokospalmen

dahin. Dazwischen liegen die Felder der Eingeborenen, auf welchen

Mais-, Bananen-, Mohogo-, Süßkartoffelpflanzungen angelegt waren. Bald

wechseln Kautschuk- und Sisal-Pflanzungen in bunter Folge miteinander

ab. In gleichem Abstande stehen die Reihen der Gummibäume sowie die

der Sisalagaven voneinander entfernt, und wie lange Strahlen scheinen

die einzelnen Reihen am Zuge vorüberzuhuschen. Überall Ordnung,

Leben und Arbeit. In den geschlossenen Beständen der dichtbelaubten

Kautschukbäume, durch deren Kronen nur wenig Sonnenstrahlen

durchdringen, sieht man geschäftig Neger den weißen Saft aus den

Stämmen zapfen und den erstarrten Kautschuk in Ballen rollen. In den

jungen Anlagen wird gereinigt, das heißt, mit breiten Hacken wird das

üppig wuchernde Gras und Unkraut entfernt. In den Sisalpflanzungen

schneiden die Arbeiter mit langen Messern die reifen Blätter, welche,

zu Bündeln geschnürt, auf Feldbahnwagen der Fabrik zur Aufbereitung

zugeführt werden. Die Wege sind meistens mit schattigen Mango- oder

Eisenholzbäumen bepflanzt. Auf einer Anhöhe, aus dem Grün heraus,

leuchtet hell und freundlich das Wohnhaus des Pflanzers. Vom Bahnhof

Ngomein aus sieht man die blauen Berge Ost-Usambaras herüberwinken,

zu deren Füßen die nächste Station, Muheza, in dem fruchtbaren und

reichbevölkerten Bondeland liegt. Jedem Durchreisenden muß es hier

auffallen, in welch großen Mengen Früchte an den Zug gebracht werden;

goldgelbe Apfelsinen, Mandarinen, herrlich duftende Ananas, schwere

Trauben von gelben, roten und grünen Bananen, Papayen, Melonen,

Kürbisse, dicke Bündel Zuckerrohr u. a. m. liegen hier aufgestapelt und

werden zum Verkauf angeboten. Schaulustig drängt sich die eingeborene

Bevölkerung an den Zug heran, um Freunde oder Bekannte zu begrüßen

oder wohl selbst auf der so beliebten „ngari ya snoschi“ (Eisenbahn)

eine Strecke zu fahren. Ein buntes Leben und Treiben! Die Weiber in

ihren farbig bedruckten Tüchern, mit goldglänzenden, langen Ketten

um den Hals, machen einen sauberen Eindruck. Auch manche Schöne ist

darunter, sie wiegt sich anmutig in den Hüften und würde wohl von

vielen unserer Modedamen um ihre Figur und natürliche Grazie beneidet

werden. Die Männer tragen meistens lange Kanzu oder baumwollene Hemden

und um die Hüften das buntgesäumte Lendentuch, dazu die typische weiße

Suahelimütze oder einen roten Fez. Träger, die Lasten zur Station

bringen oder solche holen, kauern, nur mit einem Lendentuch bekleidet,

um das Stationsgebäude herum. Um den Kopf haben sie turbanartig ihre

Schlafdecke gewunden. Ein umgehängter Topf, ein Messer und eine

Kürbisflasche vervollständigen ihre Reiseausrüstung. Ein Pfiff, und

unser Zug setzt sich unter Tücherschwenken und Trillern der Weiber

wieder in Bewegung. Weiter geht es durch üppige Felder und Pflanzungen,

und näher an die Bahn treten die bewaldeten Berge Usambaras heran,

in die bei der Station Tengeni eine Schmalspurbahn hinauf nach Sigi,

nahe dem schönen Amani, abzweigt. Weiter eilt unser Zug, um bei Mauri

den Pangani zweimal zu kreuzen, und nach sechsstündiger Fahrt ist die

Station Mombo erreicht, wo das Mittagsmahl eingenommen wird.

Auf Großtierfang für Hagenbeck · 第 9 / 14 段