wegelose Strecke von Aruscha nach Nairobi an. Keiner meiner Leute
kannte den Weg, nur Kompaß und einige Bergspitzen dienten als
Wegweiser. Der einzig günstige Vorteil der Reise war der, daß wir
überall Wasser fanden, denn in dieser Zeit waren auch hier Regenschauer
niedergegangen. Mehrere Tage waren wir bereits unterwegs, der Longido-
und der Erok-Berg lagen hinter uns, und somit hatten wir die englische
Grenze überschritten. Je weiter wir aber in der unbekannten Gegend
vordrangen, desto unruhiger und ängstlicher wurden meine Träger; auch
war es ausgeschlossen, ein Stück Wild für sie zu erlegen, weil wir
uns schon längst im Wildreservat befanden und ich auch kein Gewehr
mit mir führte. Das Wild, welches hier von niemandem gestört wird
und den Europäer mit seinen Feuerwaffen nicht kennt, ließ uns ganz
nahe herankommen, ohne große Scheu vor uns zu zeigen. Der Wildreichtum
grenzt geradezu ans Fabelhafte. Stundenlang marschierten wir oft durch
große Wildherden. An einem Tage sichtete ich sieben Nashörner. Zwei
kämpfende Kuhantilopen-Bullen konnte ich aus 20 Schritt Entfernung
minutenlang beobachten, ehe sie uns bemerkten und flüchtig wurden.
Leider war mein photographischer Apparat nicht zur Hand, um diese
interessante Szene aufzunehmen.
Beim Durchwaten eines Tümpels sah ich eine handgroße, braunbehaarte
Spinne. Das Tier interessierte mich, ich fing es ein und brachte es
in einer Blechbüchse unter. Es war die größte Vogelspinne, die mir
je zu Gesicht gekommen ist. Diese Spinnenart (~Mygale spec.~)
ist äußerst räuberisch und soll sogar Mäuse, Eidechsen und kleine
Vögel überwältigen. Ihr Biß ist giftig und kann auch beim Menschen
Krankheitserscheinungen, bei Kindern oder schwächlichen Personen
sogar den Tod herbeiführen. Dieses Tier brachte ich wohlbehalten nach
Hamburg, und zwei Jahre später fand ich es noch lebend im Stellinger
Insektenhaus vor.
Acht Tage waren wir in nördlicher Richtung vorgedrungen, ohne einen
Menschen zu sehen. Viele Kilometer waren wir schon über Berg und Tal,
abwechselnd durch Busch- und Grassteppe gezogen. Da, endlich, am
neunten Tage, bemerkte ich die ersten Rinderfährten, und erleichtert
atmete ich auf. Meine Schwarzen hatten schon Andeutungen gemacht,
mich und meine Sachen im Stich zu lassen und auszurücken. Sie hatten
sich eingebildet, ich würde Nairobi niemals erreichen und wir würden
über kurz oder lang in der Steppe umkommen. Dazu konnten sie nicht
begreifen, daß ich ohne Gewehr reiste und kein Wild für sie schoß.
Nur meinem energischen Einschreiten war es gelungen, die Leute von
ihrem Vorhaben abzuhalten. Den Rinderfährten folgend, hörten wir
nach einiger Zeit das eintönige Läuten der Glocken der Masairinder.
Bald darauf kamen wir zur Herde und einige Hirten zeigten uns den in
der Nähe liegenden Kral. Die Mienen meiner Träger begannen sich nun
langsam aufzuheitern. Vorsichtshalber hatte ich meine Leute instruiert,
nicht zu sagen, wer ich sei und wohin ich gehe, denn ich wollte auf
alle Fälle verhüten, daß die Masais erführen, daß ich allein reiste
und nur mit einem Revolver bewaffnet war. Ich stellte mein Erscheinen
so hin, als seien wir der Vortrupp einer großen Karawane. Nach langem
Hin- und Herreden konnte ich für meine fleischhungrigen Träger ein
Schaf erstehen. Milch brachten sie in Hülle und Fülle. Die Eingeborenen
haben als echte Wilde die Gewohnheit, nur einmal des Tages zu essen,
dies aber gründlich zu besorgen. Ein Träger hatte so viel Milch zu
sich genommen, daß sein Bauch wie ein vollgefüllter Sack angeschwollen
war. Aber es war auch für einen Wilden zu viel, und plötzlich rächte
sich die Natur: in weitem Bogen kam die Milch in Käseform wieder zum
Vorschein. Während meinen übrigen Trägern, die dem Waruscha-Stamm
angehörten, die Mastkur bekam, konnte der genannte Nyamwesi, an
Milchnahrung nicht gewöhnt, dieselbe nicht vertragen. Vielleicht hatte
auch der üble Geschmack, den die aufbewahrte Milch überall bei den
Masais hat, das Erbrechen verursacht. In den wasserarmen Gegenden
spülen nämlich die Masais die Gefäße mit Kuhurin aus und räuchern
dieselben auch noch aus.
Ein Masaikral ist gewöhnlich ovalförmig aus Dornenverhauen gebaut. Auf
den beiden Endseiten befinden sich die Ein- und Ausgänge, die nachts
gleichfalls mit Dornen verbarrikadiert werden. An den Längsseiten im
Innern sind die Hütten erbaut, welche aus Buschwerk, Lehm und Kuhdung
errichtet werden. In den Hütten wohnen nicht nur die Leute, sondern
in einer Nebenabteilung werden auch die jungen Kälber und Lämmer
untergebracht, während die Viehherde selbst nachts den freien Raum
in der Mitte des Krales innehat. Oft leben mehr als 100 Personen in
einem solchen Gehege. Nirgends sieht man in der Umgebung eine Spur von
Ackerbau; nur höchstens einige Flaschenkürbisse, die den Masais als
Wasser- oder Milchbehälter dienen, ranken außerhalb des Krales an dem
Dornverhau empor. Hühner, Eier, ebenso auch Fische sind für den Masai
ekelerregende Sachen.
Unter den Elmoran und den jungen Mädchen befanden sich schöne Gestalten
mit intelligenten Gesichtszügen. Ein hervortretender Charakterzug
dieses Volkes ist sein unbändiger Stolz. Hochmütig schreitet der
Elmoran mit Schild und Speer bewaffnet einher. Furchtlos tritt er
mit dieser Waffe dem Löwen gegenüber, dem schlimmsten Feinde seiner
Viehherden. Er ist ein freier Mann und fühlt sich als Beherrscher
der freien Steppe. Jede Arbeit, außer der Beaufsichtigung von Vieh,
ist bei ihm verpönt und sieht er als erniedrigend an. Die Anlage von
Kralen und alle anderen Arbeiten werden einzig und allein von den
Weibern ausgeführt. Die Bekleidung der Männer ist äußerst einfach
gehalten. Sie besteht aus einem Stück Baumwollstoff oder aus einem
Fell, das Brust und Bauch bedeckt. Auf der einen Schulter wird der
Lappen oder das Fell zusammengeknotet, während die andere bloß bleibt.
Die Weiber hingegen bekleiden sich mit einem enthaarten Fell, das
bis zu den Waden reicht und mit einem bunten Gurt über den Hüften
zusammengehalten wird. Häufig sind die Säume dieses Kleidungsstückes
mit farbigen Glasperlen besetzt. An den Füßen tragen beide Geschlechter
aus Rinderfellen verfertigte, primitive Sandalen. Die Beine der Frauen
sind von den Knöcheln bis zu den Knien mit spiralförmig gewundenem,
starkem Kupfer- oder Messingdraht geschmückt. In gleicher Weise sind
Unter- und Oberarme mit diesem schweren Schmuck umwunden. Als junge
Mädchen schon legen sie diesen Zierat an, und man sieht deshalb bei
älteren Frauen oft verkümmerte Armknochen, deren Wachstum durch diese
beengende Einschnürung gehemmt wurde. Um den Hals tragen sie ebenfalls
scheibenartig geringelte Kupferdrähte, die einen beträchtlichen Umfang
haben und ein tellerartiges Aussehen aufweisen. Der Ohrschmuck besteht
aus kleinen eisernen Ketten, die oft in solcher Anzahl getragen werden,
daß sie infolge ihrer Schwere mit einem kleinen Riemen über dem Kopf
zusammengehalten werden müssen, um das Ausreißen der Ohrläppchen zu
verhüten. Geht ein Trupp solcher Weiber zusammen, so verursacht das
Rauschen ihrer lederartigen Kleidung und das Rasseln und Klappern des
metallenen Schmuckes ein Geräusch, das sich anhört, als wenn eine
Anzahl Kürassiere daherkäme. Die Männer durchbohren mit einem spitzen
Stock schon im Knabenalter die Ohrläppchen. Das Loch wird durch
Einsetzen von immer dickeren Holzpflöcken nach und nach vergrößert. Ist
das Loch ausgeheilt, so versucht der Masai dasselbe durch Anhängen von
Gewichten immer noch mehr zu erweitern. Ich habe Männer gesehen, die es
darin so weit gebracht hatten, daß sie große, hölzerne Ringe, ja sogar
leere Milchdosen als Schmuck in ihren Ohrläppchen trugen.
Das Reinlichkeitsgefühl ist unter den Masais wenig entwickelt. Daß
ein Masai sich wäscht oder badet, habe ich nie gesehen. Zum Schutz
gegen das Ungeziefer reiben sie sich den ganzen Körper mit einem
Gemisch von Butter, Hammeltalg und roter Erde ein, sogar ihr dürftiges
Kleidungsstück wird damit eingeschmiert, so daß der Masai, von den
Sonnenstrahlen beschienen, wie eine Ölsardine glänzt. Bezüglich der
Haartracht besteht bei ihnen das umgekehrte Verhältnis wie bei uns
Europäern. Das weibliche Geschlecht trägt den Kopf kahl rasiert,
während die Männer große Sorgfalt auf ihre Frisur legen. Die Haare
werden so kunstvoll geflochten, daß sie an der Stirn in drei
hörnerartigen kleinen Zöpfen hervorstehen, dagegen sind die Haare des
Hinterkopfes in einen einzigen Zopf zusammengeflochten. Derselbe wird,
um ein glattes und gerades Aussehen zu bekommen, durch Holzstäbchen
versteift und mit Rindenbast und Dornen umwickelt. Diese mühselig
hergestellte Frisur wird selten gelöst und beständig mit der oben
beschriebenen Fett- und Erdemischung eingerieben. Zum Schutz gegen
Feuchtigkeit bedeckt der Masai seinen Kopf mit einer eigenartigen
Kappe. Ein Schaf- oder Kälbermagen wird aufgeschnitten, des Inhaltes
entleert, umgestülpt und noch frisch über den Kopf gezogen. Durch
die Einwirkung der Sonne schrumpft die Kappe zusammen und nimmt die
Kopfform an. In neuerer Zeit ist bei den Masais auch der Regenschirm in
die Mode gekommen, und man sieht selten einen Mann ohne Schirm, den er
aber nie benutzt. Er trägt ihn, da er in der einen Hand den Speer und
mit der anderen den Schild hält, an einem Band wie ein Gewehr über den
Rücken. Ferner fehlt bei keinem Manne die aus Hornspitzen verfertigte
Schnupftabakdose, welche er an Kettchen von Eisen oder schmalen Riemen
um den Hals trägt. Der Masai ist ein starker Schnupfer; rauchen habe
ich ihn weniger gesehen. Der Masai-Schnupftabak ist äußerst stark
und riecht ganz verdächtig, als ob er mit getrocknetem Ziegendünger
vermischt wäre.
In der Nähe eines Masaikrals ist es vor Fliegen kaum auszuhalten. Wie
ein Bienenschwarm stürzten sie auf mich los. Schwer haben die Leute
unter diesen Insekten zu leiden. Ständig schlugen sie mit einem Wedel
hin und her, um die Plagegeister von ihren Augen fernzuhalten. Die
Säuglinge, welche von ihren Müttern in einer Umhüllung auf dem Rücken
getragen werden und nur mit dem Kopfe hervorlugen, hatten das Gesicht
und besonders die Augenränder über und über mit Fliegen bedeckt.
Ebenfalls waren die hölzernen Eßgeschirre und Milchkalebassen wie mit
Fliegen übersät. Diese Fliegenplage ist wohl der Hauptgrund, daß die
Masais viel unter Augenkrankheiten zu leiden haben. Um einigermaßen
vor den Quälgeistern Ruhe zu haben, zog ich es vor, mehrere hundert
Meter vom Krale entfernt das Lager aufzuschlagen. Meine Leute waren
bald dabei, ihren Hammel am Feuer zu rösten. Der Kralhäuptling kam in
Begleitung der Ältesten herbei, um das übliche Geschenk abzuholen,
und nach Erhalten desselben zog er gleich ab; einen Dank darf man von
solchen Leuten nicht erwarten.
[Illustration: ~Träger am Rastplatz~]
[Illustration: ~Auf der Rast~]
Am nächsten Morgen setzte ich unsere kleine Karawane in aller Frühe
wieder in Bewegung. Wir kamen an einem verlassenen Masaikral vorüber.
Die Neugierde trieb mich, das Innere desselben zu besichtigen. Ich
kroch in eine Hütte, um die Einrichtung in Augenschein zu nehmen. Kaum
befand ich mich darinnen, als auch schon Tausende von Flöhen mich
überfielen. Schleunigst zog ich mich wieder zurück und sah draußen
beim Tageslicht, daß mein gelber Kakianzug derartig mit den „braunen
Dragonern“ bedeckt war, daß ich sie schichtenweise abstreifen konnte.
Am Nachmittage passierten wir eine Schlucht und stießen auf einen
großen klaren Wassertümpel. Freudig begrüßte ich die sich mir
bietende Badegelegenheit. Die Rast benutzte ich auch, meine Zehen
durch einen geschickten Neger von den vielen Sandflöhen befreien
zu lassen, die sich allmählich bei mir eingenistet hatten. Diese
Sandflöhe (~Sarcopsylla penetrans L.~), welche ursprünglich von
Brasilien aus an die afrikanische Westküste verschleppt wurden und
sich von dort innerhalb weniger Jahre fast über den ganzen schwarzen
Kontinent verbreitet haben, bohren sich mit Vorliebe unter die Fußnägel
ein, um hier ihre Eier abzulegen. Letztere entwickeln sich schnell
und verursachen ein heftiges Jucken. Die Eingeborenen verstehen es
ausgezeichnet, die erbsengroßen Gewächse mit langen spitzen Dornen
unter den Nägeln hervorzuholen. Versäumt man diese Reinigung, so treten
bösartige Entzündungen auf. Es ist gar nichts Seltenes, daß Eingeborene
durch dieses Ungeziefer ganze Zehen eingebüßt haben.
Wir begegneten nun oft kleinen Trupps von jungen Masaikriegern, die
in vollem Kriegsschmuck waren und die zerstreut liegenden Masaikrale
besuchten. Überall wurden sie willkommen geheißen und aufs beste
bewirtet. Ich glaube, daß die Ehemänner diesem Besuch doch mit etwas
gemischten Gefühlen entgegensehen, obwohl es eine alte geheiligte
Masaisitte ist, daß den Elmoran als Gästen nicht nur die Hütte, sondern
auch die Insassinnen zur Verfügung stehen müssen. Solange der vor der
Hütte aufgepflanzte Speer eines Elmoran im Boden steckt, sind alle
Rechte, auch die ehelichen, dem Gaste übertragen und der Hausherr darf
die Hütte nicht betreten.
Ich erkundigte mich bei den zuletzt angetroffenen Elmoran, wieviel
Tagemärsche wir noch von Nairobi entfernt seien. Sie gaben mir die
Auskunft, daß wir am nächsten Tage die Kapiti-Ebene erreichen würden,
rieten aber ab, diese große, nur mit kurzem Gras bewachsene Fläche
zu durchqueren. Daselbst wäre weder Holz zum Lagerfeuer, noch Dornen
zum Verhau als Schutz gegen die vielen Raubtiere zu finden, und
der Durchmarsch würde mindestens zwei Tage in Anspruch nehmen. Mir
blieb nichts übrig, als die Kapiti-Ebene zu umgehen oder nach Osten
abzubiegen, um auf die Ugandabahn zu stoßen. Ich entschloß mich zu
letzterem, denn einige Masais behaupteten, daß ich in einem Tage
den Schienenstrang erreichen würde. So marschierten wir angestrengt
den ganzen Tag hindurch und trafen gegen Abend nochmals auf große
Rinderherden und einen Masaikral. Die Hirten waren wenig freundlich
und zeigten uns nur ungern ihre Wasserstelle. Ich beschloß daher, auf
meiner Hut zu sein, machte vorsichtigerweise in etwa einem Kilometer
Entfernung vor dem Krale halt und ließ meine neun Träger nach kurzem
Imbiß sich zur Ruhe niederlegen, während ich selbst Nachtwache
hielt. Gegen 1 Uhr nachts ging der Mond auf, ich weckte meine Leute
und lautlos marschierten wir ab. Trotzdem wir ringsum Löwengebrüll
hörten, strebten wir mit Macht vorwärts, um die Bahnlinie zu finden.
Endlich vernahm ich beim Überschreiten einer Bodenwelle in der Ferne
den ersten Lokomotivpfiff. Diese schon lange nicht gehörte Stimme
der Kultur verscheuchte in mir augenblicklich jedes Gefühl der
Unsicherheit, und die angespannten Nerven beruhigten sich. Freilich
wurde ich nach wenigen Schritten noch einmal kräftig an die Steppe
erinnert. Durch das Heranbrausen der Lokomotive war ein in die Nähe der
Bahnlinie gekommenes Giraffenrudel aufgescheucht worden und sauste in
wilder Flucht auf uns zu, ohne uns im schwachen Mondlicht zu bemerken.
Wir konnten uns aber noch rechtzeitig hinter einigen, hier wieder
vorkommenden Bäumen decken, und so flüchtete das riesige Wild ganz hart
an uns vorbei. Ich hatte das Glück, gerade in der Nähe der Station Kiu
(Durst) durchgestoßen zu sein, und fand einen Weg zum Stationsgebäude,
wo wir gegen 4 Uhr morgens, durchfroren, durchnäßt vom Tau des Grases
und todmüde anlangten.
Jede Station der englischen Ugandabahn besitzt eine Wellblechhütte,
die als Rasthaus dem Reisenden zur Verfügung steht. Das vorgefundene
Rasthaus war leer, so daß ich es beziehen und einige Stunden Schlaf
nachholen konnte. Auf der Station erfuhr ich, daß ein Mister Grey,
Bruder des englischen Ministers, zur Löwenjagd anwesend sei und einige
junge Löwen gefangen habe. Ich suchte ihn auf und sah mir die Tiere an;
es waren aber Weibchen und der geforderte Preis sehr hoch, so daß ich
auf den Ankauf verzichtete. Herr Grey betrieb die Löwenjagd als Sport
und fiel später seiner Leidenschaft zum Opfer. Dem kühnen Löwenjäger
wurde in Nairobi ein Denkmal gesetzt.
Nach Einnahme meines Frühstücks ließ ich gegen 8 Uhr mein Gepäck auf
dem Bahnsteig zurechtlegen und löste die Fahrkarten nach Nairobi. Als
aber der Zug heranbrauste und ich einsteigen wollte, waren meine Wilden
in größtem Schrecken vor der heranziehenden Lokomotive ausgerissen,
hatten sich zitternd hinter dem Stationsgebäude versteckt und weigerten
sich, den Zug zu besteigen. Allein konnte ich nicht abfahren, da
ich für meine Träger verantwortlich war. Ich donnerte meine Kerle
gehörig an, aber sie erklärten mir rundweg, sie wollten lieber die 40
Meilen bis nach Nairobi zu Fuß marschieren, als ihre Knochen solch
einem eisernen Feuerwagen anvertrauen. Ich konnte nichts anderes
machen, als sie beim Wort nehmen und sofort aufbrechen, um die 22
englische Meilen entfernt liegende nächste Station Kapiti-Plains noch
am selben Tage zu erreichen. Anfangs ging es bei dem kühlen Wetter
auf dem neben dem Schienenstrang laufenden Fußweg rüstig vorwärts.
Nach wenigen Stunden war der Weg zu Ende und wir befanden uns in der
wildreichen Kapiti-Ebene, die hier von der Bahn durchschnitten wird.
Meine Leute hatten an dem scharfen Bahnschotter bald ihre Sandalen
zerrissen und die Füße zerschunden. Mehrere Züge fuhren an uns vorüber,
aus deren Wagen die schwarzen Fahrgäste ihre zu Fuß marschierenden
Landsleute gehörig verspotteten. Da meine Träger nun sahen, daß
ihre Stammesgenossen furchtlos und bequem im Wagen hockten, und als
wir erst spät abends die nächste Station Kapiti-Plains erreichten,
war ihnen das Verständnis für die Vorteile der Eisenbahnbeförderung
wohl zum Bewußtsein gekommen. Am nächsten Tage bestiegen sie willig,
wenn auch noch immer ängstlich, und mit tatkräftiger Nachhilfe des
Eisenbahnpersonals, den nach Nairobi gehenden Zug. Ich überwachte
mißtrauisch ihre Verladung, und erst als der Zugführer hinter dem
letzten Kerl das Abteil abgesperrt hatte, schwang ich mich auf die
Plattform meines I. Klasse-Wagens. Hier machte ich es mir bequem,
denn im Innenraum waren viele Passagiere. Während der Fahrt kam ein
Gentleman auf die Plattform heraus und sagte mir in hochtrabendem Tone:
„Dieser Wagen ist besetzt.“ Dem unhöflichen Patron, der noch ein ganz
grüner Afrikaner zu sein schien, erklärte ich, daß ich trotz meiner
einfachen Jagdkleidung genau so wie er Fahrgast der ersten Klasse sei.
Meine Worte ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, und der
Herr zog sich zurück. Kurz nach diesem Zwischenfall erblickte ich von
meinem luftigen Sitze auf der Plattform unweit des Schienenstranges
einen Löwen. Beim Näherkommen bot sich ein für 9 Uhr morgens jedenfalls
höchst seltener Anblick. Neben dem Geleise lag ein zerrissenes Zebra
und dicht dabei stand eine Löwin. Ich rief die Reisegesellschaft aus
dem Wagen heraus und zeigte ihnen das seltene Bild. Beim Herannahen des
Zuges schreckte die Räuberin auf und machte einige Fluchten seitwärts,
blieb dann aber stehen, mißtrauisch nach uns äugend und ohne zu
fliehen; ein sicheres Zeichen, daß hier auch das Wild sich schon an das
neue Verkehrsmittel gewöhnt hatte. Der vorher so hochnäsige Lord und
die Damen waren auf einmal wie umgewandelt, nahmen an meinem Jagdanzug
keinen Anstoß mehr und luden mich ein, im Wagen Platz zu nehmen. Gegen
Mittag erreichten wir Nairobi. Seit meinem Aufbruch von Aruscha waren
11 Tage verflossen.
Nairobi liegt 540 Meilen von der Küste entfernt, ist Sitz der Regierung
und Hauptstadt von Britisch-Ostafrika. War Nairobi vor zirka 15
Jahren nur eine Ansammlung von wenigen Wellblechhütten, so besteht
heute die Stadt fast ganz aus schönen massiven Steingebäuden. Große
Molkereien, Mühlen und Schlachthäuser sind angelegt und zeugen von dem
wirtschaftlichen Aufblühen der Stadt.
Ich hatte Glück gehabt, und bald hatte ich einen hübschen
Tiertransport zusammengestellt, welcher Zebras, Büffel, Elenantilopen,
Thomsongazellen, Busch- und Warzenschweine, Kongonis, ein Nashorn,
verschiedene kleine Raubtiere, ferner Geier, Kraniche, Kronenkraniche,
Reiherarten, grüne Papageien, Webervögel usw. aufwies.
In meinem Hotel waren zufällig deutsche Landsleute, bekannte
Sportsmänner, und eine deutsche Schriftstellerin, Frau S., anwesend.
Wir erzählten uns gegenseitig unsere Jagderlebnisse, wobei ein Herr
mir mitteilte, daß er kürzlich auf einer Büffeljagd ebenfalls seinen
Boy durch einen wütenden Bullen verloren habe. Trotz aller dieser
Unglücksfälle lassen sich echte Jäger und Sportsleute nicht von dieser
gefahr-, aber darum so reizvollen Jagd auf Großwild abhalten.
Merkwürdig ist es, daß, obwohl es auf deutschem Gebiete ganz genau
dieselben Jagdgelegenheiten gibt, deutsche Jagdgesellschaften
fast immer auf englischem Gebiete jagen. Nach meinen langjährigen
Erfahrungen ist der Reichtum an Groß- und Raubwild auf deutschem
Gebiete weitaus größer als auf englischem. Auch stellen sich die
Kosten eines Jagdunternehmens auf deutschem Gebiete billiger. Wenn
trotzdem die meisten der aus Europa kommenden Großwildjäger ihre
Schritte nach Britisch-Ostafrika lenken, so liegt dies an der äußerst
geschickten Reklame, die von englischen Jagdunternehmern oder sonstigen
Interessenten für ihre Kolonie eifrigst betrieben wird.
Ein Telegramm aus Mombasa benachrichtigte mich, daß der Überseedampfer
nach Europa in acht Tagen fällig sei. Schleunigst ging es an die
Herstellung der Transportkästen. Mit Hilfe einer Schar Schwarzer wurde
alles für den Abtransport hergerichtet und sämtliche Tiere in ihre
Behälter untergebracht. Die meiste Arbeit machten uns diesmal die
Zebras, und eines derselben wurde beim Überführen in die Transportkiste
wild, riß sich los und stürzte sich auf den führenden Neger, der
laut schreiend in den Stall flüchtete. Da das Zebra ihm auch dorthin
nachrannte, kletterte er in seiner Angst auf die Krippe. Aber das
bissige Tier hob sich auf die Hinterläufe und schnappte wütend nach den
Beinen des zappelnden Schwarzen, so daß er wider Willen einen richtigen
Negertanz auf dem kaum eine Hand breiten oberen Balken der Krippe
aufführte. Mit einem Lasso brachte ich den Wüterich zur Vernunft und
konnte ihn endlich in seinen Kasten verstauen.
[Illustration: Deutsch Ostafrika]
Mein Transport war derartig angewachsen, daß ich einen Extrazug zur
Beförderung nach Mombasa nehmen mußte. Auf der Fahrt passierten wir
auch die berüchtigte Station „Simba“ (Löwe), die ihren Namen wegen
der bei Anlegung der Bahnlinie herrschenden Löwenplage erhalten hat.
Löwen hatten beim Bahnbau verschiedene Arbeiter aus ihren Hütten
herausgeholt, und der Stationsvorsteher getraute sich in der ersten
Zeit überhaupt nicht mehr aus dem Stationshaus heraus. Nach 26stündiger
Fahrt erreichten wir Mombasa. Diese Reise war für mich eine der
anstrengendsten, denn mein Zug bestand aus neun offenen Wagen, und
nicht nur Staub und Sand regneten auf die Tierkästen nieder, sondern
auch Funken und glühende Holzstücke aus der mit Holz geheizten
Lokomotive. Daher war jeder Wagen von zwei Negern mit Wasserbehältern
besetzt, um der Feuersgefahr zu begegnen. Ich mußte aber auf jeder
Station heraus und die Runde machen, um nachzusehen, ob alles auf
seinem Posten sei und die Schwarzen nicht schliefen. Einer der Wächter
schlief einmal so tief, daß ein Funke bereits sein Gewand angesengt
hatte, ohne daß er es merkte. So lebte ich während der Fahrt in
ständiger Sorge, daß Feuer ausbrechen und meinen Transport beschädigen
könnte. In Mombasa erhielt ich noch einen kräftigen Zuwachs an Tieren
aus deutschem Gebiete, darunter ein junges 45 Zentimeter hohes
Flußpferd vom Viktoria Nyanza (See).
Alle Tiere wurden an Bord gebracht, und ich nahm vier Kikuyu,
Stammesverwandte der Masai, mit Erlaubnis der englischen Regierung als
Wärter der Tiere mit. Nach 28tägiger Fahrt trafen wir gerade einen Tag
vor Pfingsten in Hamburg ein, so daß die Pfingstbesucher des Stellinger
Tierparkes die Freude hatten, im Tierparadiese die neuen afrikanischen
Ankömmlinge zu bewundern, die sich nach der langen Kastenhaft fröhlich
im großen Gehege tummelten.
[Illustration: ~Überschreiten einer Furt im Maji ya Tchai (auf
deutsch Teewasser)~]
[Illustration: ~Erdferkel vom Kilimandjaro, Orycteropus wertheri
Mtsch. aff.~]
[Illustration: ~Zwei ungleichartige Spielgefährten~]