In vorliegendem Abschnitt sind einigemal Erdferkellöcher erwähnt

worden. Diese für den Reiter so gefährlichen Löcher werden von einem

Tiere bewohnt, dem sogenannten Erdferkel (~Orycteropus wertheri

Mtsch.~) -- siehe Bild --, das trotz seines Namens absolut nichts

mit einem Ferkel zu tun hat, sondern zur Ordnung der zahnarmen Tiere

(Edentaten) gehört. Das mausgrau gefärbte Erdferkel ist dünn behaart,

besitzt große löffelartige Ohren, einen starken langen Schwanz und

erreicht ein Gewicht bis zu 200 Pfund. In der rüsselartigen langen

Schnauze befindet sich eine wurmartige, weit hervorstreckbare Zunge.

Das Erdferkel ist ausschließlich ein Nachttier und Höhlenbewohner. Die

außerordentlich stark bekrallten Vorderfüße ermöglichen es dem Tiere,

sich schnell in die Erde zu vergraben und auch in die fast steinharten

Termitenhaufen einzudringen, deren Bewohner seine Hauptnahrung bilden.

Mit der langen schleimigen Zunge leckt es in den zertrümmerten Bauen

der Termiten herum, wobei die Insekten an der Zunge kleben bleiben.

Eigentümlich an dem Tiere ist auch sein charakteristischer Mäusegeruch.

Es vermag sich nur mit den krallenbewachsenen Vorderbeinen zu

verteidigen, ist aber sonst ein sehr harmloses Tier. Zu beißen vermag

es überhaupt nicht, da es keine Zähne, sondern nur einen Schmelz

besitzt. Die Schnauze kann es nur ganz wenig öffnen. Tagsüber ruht

das Tier tief in seinem Bau versteckt und kommt erst nach Einbruch

der Dunkelheit zum Vorschein. Es ist aus seinem Bau sehr schwer

herauszugraben, da es sich, will man seiner habhaft werden, immer

tiefer einbuddelt. Jedoch gelang es mir, einen Vertreter dieser Spezies

in meinen Besitz zu bekommen und es lebend und wohlbehalten nach Europa

zu bringen. Die Pflege und Wartung ist nicht so schwierig, da das

Tier Milch, rohe Eier und feingeschabtes Fleisch gern aufnimmt. Zur

Wohnung muß es einen Kasten mit zwei Abteilungen bekommen, von denen

eine, seiner nächtlichen Lebensweise entsprechend, vollkommen dunkel

gehalten sein muß. In der Mittelwand befindet sich in halber Höhe

ein großes Loch, das dem Bewohner ermöglicht, in die Futterabteilung

zu gelangen. Pünktlichkeit und Sauberkeit müssen am Platze sein; das

Futter wird abends und morgens dem Tiere vorgesetzt und darf auf keinen

Fall so lange stehen, daß es säuert. Daß das Erdferkel so selten in

unsere zoologischen Gärten gelangt, liegt wohl zum größten Teil an der

Unkenntnis in der Futterpflege.

Genau dieselbe Pflege und Behandlung erfordern die zu derselben

Ordnung gehörenden Schuppentiere (~Manis temmincki Smuts~). Auch

diese habe ich mit der gleichen Futtermethode gesund und wohlbehalten

nach Europa gebracht.

Schon nach wenigen Tagen waren wir im Besitze zweier junger, kräftiger

Giraffen, die bereits eine Höhe von drei Metern aufwiesen. Wir

verlegten jetzt unser Standlager etwa 30 Kilometer näher der Bruchstufe

zu. Nachdem wir unsere Beobachtungsposten auf erhöhten Hügeln

eingenommen hatten, begann für uns die Arbeit von neuem. In dieser

Gegend stellte ich das besonders häufige Auftreten der Giraffengazelle

(~Lithocranius walleri Brooke~) fest. Durch das Glas sah ich oft

Rudel von 5-8 Stück an einem Busche äsen. Hierbei stellen sich die

Tiere in possierlicher Weise auf die Hinterläufe, um mit dem langen

ausgestreckten Hals die hochsitzenden Blätter zu erreichen. Die

Giraffengazelle ist eine mittelgroße, sehr schlank gebaute Antilope.

Nur die Männchen tragen Hörner, welche stark geringelt und leierförmig

gewunden sind. Die Tiere kommen vorzüglich in der dornbewachsenen

Steppe vor. Sie sind äußerst flink und gewandt und deshalb nicht

mit dem Pferde einzufangen. Später, im Jahre 1914, gelangte ich im

Somalilande doch in den Besitz einiger Giraffengazellen. Leider

verhinderte mich der Ausbruch des Krieges, dieselben nach Europa zu

bringen. Der Stellinger Tierpark kann sich rühmen, die so seltenen

Gazellen schon im Besitz gehabt zu haben.

[Illustration: ~Schwieriger Flußübergang, Kikafu~]

[Illustration: ~Durchquerung des Kikafu mit Ochsenfuhrwerk~]

Nachdem wir das Standlager noch einige Male verlegt hatten, stellten

wir den weiteren Fang von Tieren ein. Wir waren bereits im Besitze

von acht Giraffen, und ich konnte mit dem Resultat wohl zufrieden

sein. Natürlich konnte das anstrengende Jagen nicht täglich ausgeführt

werden, die Pferde mußten ab und zu ihre Ruhetage haben und auch die

Witterungsverhältnisse machten uns mitunter einen Strich durch die

Rechnung. Namentlich möchte ich der hier so häufig mit großer Stärke

auftretenden heftigen Gewitterstürme Erwähnung tun. Besonders eine

Nacht wird mir nicht aus der Erinnerung kommen. Wir hatten eine

frisch gefangene Giraffe in unser provisorisch hergerichtetes Lager

eingebracht, als bei Einbruch der Dunkelheit ein furchtbares Gewitter

losbrach. Es folgte Schlag auf Schlag, die ganze Gegend schien von den

zuckenden Blitzen wie in ein Flammenmeer gehüllt. Um das junge Tier zu

schützen, holte ich es schnell entschlossen aus dem noch ungedeckten

Kral, fesselte es und legte es unter das Sonnensegel vor dem Zelt.

Ich mußte mit einigen Schwarzen die ganze Nacht hindurch den Kopf der

Giraffe festhalten, damit das geängstigte und zitternde Tier, welches

sich natürlich zu befreien versuchte und mit dem langen Hals hin und

her schlug, sich nicht verletzte. Das furchtbare Gewitter in Begleitung

von wolkenbruchartigen, kalten Regengüssen hielt an und wollte

nicht weichen. Mit Sehnsucht erwartete ich den Anbruch des Morgens,

denn meine beiden weißen Begleiter lagen im Innern des Zeltes krank

darnieder. Der eine hatte einen schweren Fieberanfall, während der

andere an einer Vergiftung litt, die er sich dadurch zugezogen hatte,

daß er unwissenderweise Zitronensäure in seine verzinnte Wasserflasche

gegossen und davon getrunken hatte. Endlich ließ das Unwetter nach

und der langersehnte Morgen brach an. Der in der Nähe des Lagers

befindliche Wassertümpel hatte sich in der Nacht in einen kleinen See

verwandelt und überall tummelten sich Sporengänse und Wildenten auf

seiner Oberfläche.

Ein andermal wurden wir in der Nähe des Merus von einem heftigen

Gewittersturm mit starken Hagelböen überrascht. Wir befanden uns in

freiem Gelände. Nirgends auf der weiten Fläche war Schutz zu finden und

nur mit großer Mühe vermochten wir die ängstlichen Pferde zu halten.

In wenigen Minuten war, so weit das Auge reichen konnte, alles weiß

mit Hagel bedeckt. Nach einer Stunde aber war die Winterlandschaft

verschwunden und die Sonne schien wieder warm auf uns durchfrorene

Reiter herab.

Die Ruhetage der Pferde verbrachten wir mit der Jagd. Gewöhnlich

pirschten wir auf einige Stunden in der Umgebung des Lagers umher.

Bei einem solchen Pirschgang sahen wir uns plötzlich einem kapitalen

Nashornbullen gegenüber. Derselbe machte Miene, uns anzunehmen, und

es gab kein Ausweichen mehr. Ein wohlgezielter Kopfschuß ließ ihn

auf der Stelle verenden. Die herbeigeeilten Schwarzen zerwirkten die

unerwartete Beute und das Wildbret wurde ins Lager gebracht. Ich

begnügte mich mit den Hörnern als Jagdtrophäe, aber auch eine Suppe

aus Nashornfleisch verschmähte ich nicht. Ein solches Gericht aus

würfelförmig geschnittenen Fleischstückchen wird ohne Wasserzugabe

mit Zwiebel, Pfeffer und Salz gedämpft. Genossen wird nur die Brühe,

die ich vorzüglich fand. Die ausgedämpften Fleischstücke sind zu

zähe. Dagegen schmeckt das Fleisch der am Feuer gerösteten Rippen

ausgezeichnet.

Nun erwartete mich eine weitere mühselige Arbeit. Die Tiere mußten

aus den zerstreut liegenden Kralen geholt werden, um sie alle auf der

Farm, dem Ausgangspunkt der Expedition, vorläufig unterzubringen. Zu

diesem Zwecke begab ich mich mit einigen Schwarzen zu dem am weitesten

abgelegenen Kral bei Engaruka an der Bruchstufe, um die beiden dort

befindlichen Giraffen abzuholen. Die Tiere befanden sich daselbst

unter der Aufsicht einiger Masais. In Engaruka angekommen, konnte ich

wieder einmal deutlich sehen, was es heißt, gefangenes Wild unter der

Obhut von Schwarzen zurückgelassen. Obwohl sechs Kühe genügend Milch

lieferten, so sahen die Tiere recht mager und heruntergekommen aus,

desto wohlgemästeter aber waren ihre schwarzen Wärter. Anstatt die

Milch den Giraffen zu geben, hatten sie es für besser befunden, sie

selbst zu trinken. Die Masais sind zwar tüchtige Viehzüchter und große

Haustierfreunde, für Wild aber haben sie gar kein Interesse. Ich machte

mich daran, den Giraffen Halfter anzulegen, was begreiflicherweise

die scheuen und ängstlichen Tiere sehr erregte. Sie schlugen dabei

mit ihren Vorder- und Hinterläufen derart um sich, daß es gar manchen

Schlag und Tritt absetzte.

Es ist keineswegs leicht, gehalfterte Giraffen zu führen, da sie bald

hartnäckig stehen bleiben, bald langsam trotten und manchmal zum

rasenden Galopp ansetzen oder gar kehrtmachen und zurücklaufen. Man

hat dabei seine Mühe und Not, in der wegelosen Steppe die Richtung

einzuhalten. Für die kurze Strecke von 10 Kilometer brauchten wir einen

ganzen Tag. Die folgende Nacht mußten wir wohl oder übel unter freiem

Himmel verbringen und die Tiere an den Leitseilen festhalten.

Bei Anbruch des Morgens ereignete sich noch ein heiterer Zwischenfall.

Ein Teil meiner Leute hatte sich todmüde um das Lagerfeuer am Boden zur

Ruhe hingestreckt. Ich hielt mit den übrigen Schwarzen die Giraffen,

welche in kurzer Entfernung vom Lager ästen, an den Leitseilen fest.

Plötzlich ertönte aus dem Lager der Ruf: „Simba! Simba!“ (Löwe! Löwe!).

Noch nie habe ich schlafende Neger so schnell hochkommen sehen wie an

diesem Morgen. Ich sah im Dämmerlicht in der Richtung, wo die Schwarzen

hindeuteten, weiter nichts als meinen Hund, der um uns herumstreifte

und jetzt wieder in gerader Richtung auf das Lager zulief. Der Hund sah

allerdings in den aufsteigenden Bodendünsten bedeutend größer aus, wie

er in Wirklichkeit war, und konnte deshalb von einem schlaftrunkenen

Neger leicht für einen Löwen gehalten werden. Unter allgemeiner

Heiterkeit fing der vermeintliche Löwe an zu bellen und die Sache war

aufgeklärt.

Die Morgenkühle ausnützend, zogen wir weiter und erreichten das Lager

am Nachmittage. Den beiden Giraffen ließ ich ganz besondere Pflege

angedeihen, und zu meiner Freude erholten sie sich bald.

Nachdem wir nach und nach alle gefangenen Tiere zusammengeholt

hatten, konnte der Abmarsch zur etwa 60 Kilometer entfernt liegenden

Farm beginnen. Auf dem Marsche konnte ich zwei der sonst selten zu

Gesicht kommenden Honigdachse (~Mellivora sagulata Hollister~)

beobachten. Ich war vom Pferde gestiegen und suchte einen Lagerplatz

für die nachkommende Karawane. Da hörte ich in allernächster Nähe ein

eigentümliches Geknurre und sah, wie sich zwei afrikanische Vettern

unseres heimischen Grimmbartes balgten. Anscheinend befanden sie sich

in der Ranzzeit. Es war höchst interessant, diese auf den Rücken

hellgrauen, an den Seiten mit weißen Längsstreifen versehenen Tiere bei

ihrem Spiele zu beobachten. Indessen kam mein Begleiter heran und ich

machte ihn auf die beiden Dachse aufmerksam. Kaum hatte er die Tiere

erblickt, da rief er mir laut zu: „Passen Sie auf, die beißen!“ und

sprang auf sein Pferd. Durch dieses laute Rufen wurden die Dachse auf

mich aufmerksam und tatsächlich kam der eine auf mich zu. Ich merkte

nun, daß die Sache ernst wurde und gab einen Schuß mit Vollmantel auf

ihn ab. Die Kugel durchschlug die eine Vorderpranke und die Brust,

trotzdem kam er noch einmal auf mich zu, so daß ich ihm noch einen

Schuß geben mußte. Inzwischen war der andere herangekommen und machte

gleichfalls Miene, mich anzunehmen; auch dieser erhielt einen Schuß,

der gleichfalls glatt durchging, jedoch keine tödliche Wirkung hatte.

Zum Glück waren inzwischen zwei meiner Hunde herangelaufen, die sich

so lange mit den zählebigen Gesellen herumbalgten, bis meine Schwarzen

kamen und sie mit Knüppeln totschlugen. Die Buren behaupten, daß jeder

Dachs den Jäger ohne weiteres annehme und ihn an der Ferse zu fassen

suche, um die Sehnen durchzubeißen. Daher hatte auch mein Begleiter

sein Heil in der Flucht aufs Pferd gesucht.

Nach achttägigem Marsch durch die Steppe trafen wir endlich mit all

den Tieren wohlbehalten auf der Farm wieder ein. Während der fast

zweimonatigen Abwesenheit hatten wir 8 Giraffen, einige junge Zebras,

Oryx- und Elenantilopen und verschiedene andere Tiere gefangen. Ich

konnte mit dem Ergebnis des Fangzuges wohl zufrieden sein. Wie der

Leser aus diesem Resultat ersieht, sind die Giraffen lange nicht so

selten, wie häufig in den Büchern geschrieben und auch sonst wohl

behauptet wird, zumal ich doch nur ein verhältnismäßig kleines Gelände

durchstreifte. Viele Giraffenrudel kamen mir zu Gesicht, die ohne

Begleitung von Jungen waren, denn die Giraffen sind Tiere, die nicht an

eine bestimmte Paarungszeit gebunden sind und infolgedessen auch keine

bestimmte Setzzeit haben.

Die gefangenen Tiere sollten sich von dem überstandenen Marsche

erholen, daher ließ ich sie frei in ihren geräumigen Gehegen

herumlaufen. Viele meiner Leute, die mich auf dem Fangzug begleitet

hatten, wollten in ihre Dörfer zurückkehren und ich mußte sie

entlassen. Die neu angeworbenen Wärter waren leider noch nicht mit dem

Wilde vertraut und zeigten sogar Furcht vor den Giraffen. Es bedurfte

geraumer Zeit, bis diese Neulinge angelernt waren und mit ihren

Pflegebefohlenen umgehen konnten.

Als die Tiere sich genügend erholt hatten, gedachte ich den Transport

zunächst nach der etwa 150 Kilometer entfernten Station Kahe an der

Usambarabahn zu bewerkstelligen, aber heftige Regengüsse verzögerten

meine Absicht mehrmals. Die Anzeichen der Regenzeit hatten sich in

diesem Jahre etwas verfrüht eingestellt. Trotzdem hoffte ich, den

Tiertransport noch bis zur Küste zu bringen. Nun sollte ich aber auch

einmal erfahren, daß das Glück wandelbar ist, und wenn mir bisher

vieles geglückt war, so mißlang mir diesmal alles. Ich hatte Pech,

schwarzes Pech! Welchen Aufwand von Energie, Muskel- und Nervenkraft,

welchen Kapitalwert und welches Risiko ein solcher Transport bedingt,

wurde mir hier wieder einmal richtig klar.

Als nach den ersten Regentagen trockenes Wetter eintrat, hielt ich den

Zeitpunkt für den Aufbruch gekommen, da oft im Anfang der Regenzeit

die Niederschläge aussetzen und mehrere Tage lang schönes Wetter ist.

Alles war bereit und wir konnten rasch abziehen. Die Giraffen, die auf

der Farm durch die gute Pflege und durch die verhältnismäßig große

Bewegungsfreiheit wieder verwöhnt geworden waren, stellten sich so

bockbeinig wie möglich an und wollten nichts von gezwungener Führung

wissen. Wir vermochten sie kaum aus den Kralen herauszubringen. Als

aber die erste Giraffe glücklich bis zum Tor gebracht war und das

offene Gelände vor sich sah, da stürmte sie unaufhaltsam darauf los

und die anderen folgten nach. Ich selbst führte mit mehreren Negern

und einem Ansiedler das stärkste Tier voraus; jede Giraffe wurde

links und rechts an Stricken geführt, deren stärkste an einer Koppel

am Halsansatz befestigt waren. Wollte man eine ungezähmte Giraffe

nur vermittels eines Kopfhalfters führen, so würde gar leicht durch

einen ungeschickten Ruck der Hals verrenkt werden. Trotz seiner Länge

hat nämlich der Hals der Giraffe nur sieben Wirbel, wie dies bei

allen Säugetieren, mit Ausnahme der Faultiere, der Fall ist. Man kann

sich daher denken, wie lang ein solcher Halswirbel sein muß und wie

leicht durch einen verkehrten Ruck ein Ausspringen eines Gelenkes

oder eine Verzerrung der Halssehnen verursacht werden kann. Als nun,

wie gesagt, als erstes das von mir geführte stärkste Tier zum Laufe

ansetzte, fielen die Neger durch den Ruck zu Boden, ließen natürlich

ihre Seile los und mein Begleiter und ich wurden unwiderstehlich mit

fortgerissen, aber wir hielten fest. Während des rasenden Laufes

strauchelte mein Gefährte an einem Wassergraben, fiel und ließ nun

ebenfalls los. So wurde ich allein weitergeschleift, bis das Tier

endlich erschöpft stehen blieb und mein Begleiter mir wieder zur Seite

war. Als ich rückwärts blickte, sah ich, daß sich die anderen sieben

Giraffen nach allen Richtungen hin in der Steppe zerstreut hatten. Da

sie aber kleiner und schwächer waren als die meinige, so hatten die

Schwarzen sie festhalten können. Wir bugsierten die widerspenstigen

Tiere langsam wieder auf den Weg. Hier trotteten sie bald vorwärts,

bald liefen sie zurück oder brachen rechts und links in den Bruch aus,

so daß wir von morgens 7 Uhr bis abends 6 Uhr kaum acht Kilometer von

den 150 zurückzulegenden absolviert hatten. Ich tröstete mich damit,

daß der erste Tag einer Safari bekanntlich immer der schlimmste ist,

da Tier und Mensch sich an den Marsch gewöhnen müssen, und so machte

ich in Aruscha halt. Für die Ernährung der jungen Giraffen waren zehn

Milchkühe mitgenommen worden, die der Karawane vorausgeschickt waren

und unterwegs überall weideten. Wie in vielen Gegenden lassen sich die

afrikanischen Milchkühe nicht melken, ohne daß ihre Kälber daneben

stehen. Auch muß die Milch erst von dem Kalbe ausgesaugt werden, bevor

man melken kann. Während wir uns damit abplagten, hatten die Neger

nicht richtig aufgepaßt und die Kälber hatten ihren Müttern alle Milch

ausgesogen. Als wir nun in Aruscha lagerten, waren die Euter leer und

ich hatte keine Nahrung für meine armen Tiere. Was tun? Reine Milch zu

bekommen war unmöglich, denn die in der Umgegend wohnenden Schwarzen

halten die Milchgefäße nicht rein, so daß die Milch sofort säuert

und deshalb den empfindlichen Giraffen nicht gereicht werden durfte.

Schließlich gelang es mir, von ansässigen Europäern einige wenige Liter

zu erhalten, aber bei weitem nicht genug für meine Giraffen. Da hieß es

eben Milch pantschen! Ich nahm Maismehl und kochte mit Wasser und Milch

eine richtige Suppe, die auch begierig von den müden und hungrigen

Tieren genommen wurde. In einem Gehege beim Bezirksamt konnte ich die

Tiere einstellen und endlich an mich selbst denken, nachdem ich den

ganzen Tag, ohne einen Bissen zu mir zu nehmen, in beständiger Sorge

und Aufregung verbracht hatte. Gerade war ich eingeschlafen, als der

Regen in Strömen losbrach und meine letzte Hoffnung zunichte machte.

Den folgenden Tag regnete es unaufhörlich, und auf telegraphische

Anfrage in Moschi kam die Meldung, daß überall der Regen eingesetzt

habe und die Flußfurten unpassierbar seien. So blieb mir nichts übrig,

als schleunigst meine Tiere zur Farm zurückzubringen, wenn ich noch

etwas von ihnen retten wollte, denn vier der wertvollen Giraffen waren

durch die Witterungsunbilden und die Kälte bereits eingegangen. Am

Nachmittage, als das Wetter sich etwas aufklärte, traten wir mißmutig

den Rückweg nach der Farm an. Am Abend aber hatten wir nur wenige

Kilometer zurückgelegt, da wir durch einen meiner großen Ochsenkarren,

der eine ganze Menagerie trug (Nashorn, Warzenschweine, Affen, Vögel

usw.), aufgehalten wurden. Auf dem grundlosen Weg war das schwere

Fuhrwerk an einer Stelle bis zu den Achsen eingesunken, und die

vorhandenen Kräfte genügten nicht, ihn wieder flott zu machen. Der

Polizeiwachtmeister von Aruscha erbarmte sich meiner und kam mit 50

Soldaten und Sträflingen zur Hilfeleistung heran. Wir mußten den Wagen

ausgraben und durch unterlegte Knüppel wieder flott machen. So konnten

wir die Farm nicht mehr erreichen und mußten die Nacht wachend im

Freien verbringen und die Tiere an Stricken festhalten. Um mein Unglück

voll zu machen, setzte zur Zeit des Mondaufganges abermals heftiger

Regen ein. Die Giraffen hatten sich niedergetan und wurden mit allen

verfügbaren Decken vor dem Regen geschützt, während wir versuchten, ein

Lagerfeuer zu unterhalten und uns bis zum Morgengrauen etwas zu wärmen.

Erst um 10 Uhr morgens konnten wir die Tiere auf der Farm wieder

unterbringen. Schweren Herzens telegraphierte ich das Mißgeschick nach

Hamburg und erhielt Order, den Abtransport aufzugeben und günstigere

Zeit abzuwarten.

[Illustration: ~Das Haus, in dem der Verfasser 21 Tage schwerkrank

daniederlag~]

[Illustration: ~Deutsch-Ostafrikanische Masaikrieger~]

Die Regenzeit hatte nun mit aller Heftigkeit eingesetzt, und vor zwei

Monaten war keine Aussicht auf besseres Wetter vorhanden. Obwohl die

fruchtbringende Regenperiode von den Ansiedlern mit Freuden begrüßt

wird, so hat sie doch auch ihre Nachteile. Die tage- und wochenlang

anhaltenden starken Regengüsse weichen den Steppenboden derart auf,

daß ein Verkehr mit Wagen in den wegelosen Gegenden unmöglich

gemacht wird. Die kleinen Gebirgsbäche verwandeln sich in kurzer Zeit

in unpassierbare Ströme. Die reißenden Wasserfluten führen häufig

Buschwerk, entwurzelte Urwaldriesen usw. mit sich, die das Wasserbett

in den Schluchten und Tälern leicht verstopfen. Ungemein schnell stauen

sich dann die Wassermassen, und wehe dem Ansiedler oder Reisenden, der

mit seinem Fuhrwerk zwischen zwei solche Flüsse gerät. Wochenlang kann

er dadurch von der Außenwelt abgesperrt werden, und Tier und Mensch

haben unter den kalten Regengüssen schwer zu leiden. Dazu treten um

diese Zeit häufig Viehseuchen, wie Küstenfieber, Pferdesterbe usw. auf,

die ganze Viehbestände oft in wenigen Tagen dahinraffen. Besonders die

Pferdesterbe wird sehr gefürchtet, da man bis heute noch dieser Seuche

machtlos gegenübersteht. Mir raffte diese Krankheit in einem Jahre vier

meiner wertvollsten Reitpferde dahin.

So waren durch die Ungunst der Verhältnisse viele Mühe und große

Geldopfer umsonst aufgewendet worden. Der Tierbestand war arg

zusammengeschmolzen, da außer den erwähnten vier Giraffen auch noch

andere Tiere eingegangen waren. Dem Rest ließ ich die beste Pflege

angedeihen, aber es vergingen noch einige Monate, ehe ich daran gehen

konnte, den Abtransport zur Küste in Angriff zu nehmen.

[Illustration]

Quer durch die englische Masaisteppe und das englische Wild-Reservat

Zwischen den Stationen Voi und Nairobi der Ugandabahn dehnt sich

ein gewaltiger Steppenkomplex aus, den die englische Regierung zur

Freistätte für das Wild erklärt hat. Jede Ausübung der Jagd ist in

diesem Gebiete auf das strengste untersagt, und die Folge davon ist,

daß man hier auf einen Wildreichtum stößt, wie er sich sonst heute

kaum noch irgendwo in Afrika vorfindet. Der Reisende kann aus dem

Fenster des durch die Steppe dahinbrausenden Zuges ungezählte Mengen

der verschiedenartigsten Antilopen beobachten; außerdem bekommt er

Giraffen, Warzenschweine und Strauße und, wenn ihm das Glück besonders

hold ist, ein Nashorn oder einen Löwen zu Gesicht. Ansiedelungen von

Europäern und Negern sind in dem Wildreservat nicht geduldet, nur

mehrere Horden der hamitischen Masais, die absolut keine Jäger sind,

haben dort Wohnsitze und Weideplätze für ihre Herden angewiesen

erhalten. Friedlich äst das Wild inmitten der Rinder- und Ziegenherden

der Masais, wohl wissend, daß ihm von seiten der Hirten keine Gefahr

droht. Der Europäer, der aus einem wissenschaftlichen oder sonstigen

Grunde diese Gegend betreten will, braucht hierfür die Erlaubnis des

Gouverneurs von Britisch-Ostafrika, die aber nur selten erteilt wird.

Um so dankbarer bin ich einem guten Geschick, das es mir vergönnte,

zweimal jenes Wilddorado zu durchqueren.

Die frühzeitig und gleich so heftig eintretende Regenzeit hatte mir

in Aruscha einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Einen

beträchtlichen Teil meiner Tiere hatte ich durch die anhaltenden kalten

Regengüsse verloren, und der Transport zur Küste war aussichtslos

geworden. Um nun einerseits hier nicht monatelang untätig zu sein

und andererseits den Verlust einigermaßen wieder auszugleichen,

beschloß ich, mich zu Fuß durch das Wildreservat nach Nairobi in

Britisch-Ostafrika zu begeben. Dort konnte ich meinem Berufe nachgehen

und hatte die größte Aussicht, noch vor Sommer einen Tiertransport nach

Hamburg zustande zu bringen.

Auf Großtierfang für Hagenbeck · 第 7 / 14 段