kamen wir bei dem herrlichen, kühlen Wetter rüstig vorwärts. Wir
passierten den Kikafu-Fluß, das Dorf Boma Nja-ngombe und machten
am Sanja-Fluß kurze Rast. Unterwegs begegneten wir großen Schaf-,
Ziegen- und Rinderherden, die von Masai-Hirten gehütet wurden; auch
zahlreiche wilde Strauße sowie Herden von Zebras und Antilopen
sahen wir äsend über die üppige Grassteppe ziehen. Nach und nach
wurde der von den schweren Burenwagen zerfahrene Weg für uns immer
schwieriger. Stellenweise machte die verwitterte Lavamasse, in welche
wir bis zu den Knöcheln wie in Mehl einsanken, das Fahren mit dem
Rad gänzlich unmöglich. Der aufwirbelnde aschenartige Staub bildete
auf der schweißigen Haut eine graue Kruste und erschwerte uns auch
das Atmen und Sehen. Wir näherten uns dem Meru-Berge. Nachmittags
erreichten wir den Maji ya Tchai (suah. = Teewasser). Einige dort
mit Transportwagen rastende Buren bewirteten uns mit einer Tasse
Kaffee. Nach kurzem Aufenthalt ging es weiter zum Flusse Nduruma.
Wir mußten dabei allerdings wiederum unsere Stahlrosse schleppen und
konnten nur kurze Strecken fahren. Von hier waren nur noch etwa 25
Kilometer bis zu unserem Ziel (Aruscha) zurückzulegen. Es bot sich die
günstige Gelegenheit, uns am Flusse von der Aschenkruste zu befreien
und uns durch ein Bad zu erfrischen. Eben damit fertig, hörte ich
Pferdegetrappel und plötzlich meinen Namen rufen. Von Moschi aus war
nämlich meine Ankunft telegraphisch nach Aruscha gemeldet worden. So
war nun die anstrengende Radtour glücklich zu Ende, da mir ein Wirt
aus Aruscha mit zwei Maultieren entgegengeritten war. Nach einer guten
Stärkung, die sich in der Satteltasche vorfand, ritten wir im scharfen
Trabe Aruscha zu und trafen daselbst am Abend ein.
Am nächsten Tage hatte ich einen Fieberanfall. Offenbar hatte ich
mich auf meinem Jagdzug am Rufidji mit Malaria infiziert und bei
meiner Radtour mich überanstrengt. Ich sollte einige Tage das Bett
hüten, mochte aber nicht stilliegen, und so raffte ich mich auf, um
die Vorbereitungen zum Giraffenfangzug zu treffen. Der Ritt zu einer
etwa 10 Kilometer entfernt liegenden Burenfarm griff mich derart an,
daß ich Schwindelanfälle bekam und, an meinem Ziele angekommen, die
Besinnung verlor. Die guten Farmersleute brachten mich zu Bett und
pflegten mich in rührender Weise 21 Tage lang, bis ich wieder ganz
hergestellt war. Durch frische Milch, bekömmliche Nahrung und die
herrliche Luft gelangte ich bald wieder zu Kräften. Jetzt galt es das
Versäumte nachzuholen. Vor allen Dingen hieß es nun, die Expedition
zusammenzustellen. Die erwähnte Farm wurde der Ausgangspunkt für den
Giraffenfangzug. Auf ihr wollte ich die gefangenen Tiere zähmen und
futterfest machen, denn ein frisch gefangenes Exemplar besteht selten
die Seereise nach Europa. Zu diesem Zwecke wurden einige Gehege und
Schutzdächer für die einzufangenden Tiere errichtet. Der ganze Fangzug
war auf etwa sechs Wochen berechnet.
Was es heißt, eine solche Tierfangexpedition auszurüsten und
zusammenzustellen, wird sich wohl mancher Leser kaum vorstellen können.
Vor allen Dingen braucht man tüchtige und zuverlässige Leute sowie gute
und schnelle Pferde. Wagen, Gespanne, Milchkühe und Ziegen für die
einzufangenden jungen Tiere, Fanggeräte, Ausrüstung, Zelte, Proviant,
Waffen und vieles andere mehr muß angeschafft werden, und alles dies
ist mit großen Geldopfern verknüpft, ja mitunter sogar in manchen
Gegenden überhaupt nicht zu beschaffen. Unter Mitwirkung meines Wirtes
und dessen geländekundigen Freundes, welche beide am Fangzug teilnehmen
wollten, konnte ich meine Vorbereitungen in kurzer Zeit vollenden.
Als Fanggebiet war die Gegend zwischen dem Meru-Berg und der
ostafrikanischen Bruchstufe ausersehen. Die Entfernung zwischen
ihnen beträgt etwa 100 Kilometer. Das Gelände weist mehrere isoliert
stehende Bergkegel, wie z. B. Kitumbin und Mondul (Rascha-Rascha) auf.
Vorherrschend in diesem Gebiet ist die typische Gras- und Buschsteppe,
in der eingesprengt sich ausgedehnte Parklandschaften befinden.
Diese Parklandschaften mit ihren großen Mimosenbeständen sind die
Aufenthaltsplätze der Giraffen.
An einem Nachmittage setzte sich der ganze Troß, die nordöstliche
Richtung einschlagend, in Bewegung. Wir bestiegen unsere Pferde und
ritten der Karawane nach. Etwa 20 Kilometer von unserem Ausgangspunkt
entfernt bezogen wir an einer Wasserstelle das erste Lager. Wir
befanden uns in einer Höhenlage von etwa 1400 Metern, und die
Nachtkühle machte sich deshalb stark bemerkbar. Der Unterschied der
Temperatur zwischen der hiesigen Gegend und der am früher beschriebenen
Rufidji-Fluß im Süden ist ein ganz gewaltiger. Hier das schöne kühle
und moskitofreie Gelände, dort unten am Fluß die dumpfe, feucht-heiße
Luft mit der schrecklichen Moskitoplage.
Am anderen Morgen in aller Frühe begann der Weitermarsch. Diesmal
ritten wir der Karawane voraus. Ein wahrer Hochgenuß ist es, im
taufrischen Morgen in die freie, unabsehbare Steppe hineinzureiten.
Das Herz geht einem auf, wenn man nach den ersten Sonnenstrahlen von
den hundertfältigen Stimmen der erwachenden Natur begrüßt wird. Soweit
das Auge reicht, erstreckt sich die unendliche Gras- und Buschsteppe,
belebt von vielen Vogelarten. Dicht vor uns auf dem Grasboden laufen
große Ketten von Perlhühnern und rebhuhnfarbigen Frankolinen, hin und
wieder sieht man einzeln oder auch zu mehreren die großen sowie die
kleinen Trappen (~Otis kori Burch.~ und ~Otis melanogaster
Rüpp.~) herumstolzieren. Kibitze steigen laut kreischend in die
Höhe, um bald wieder in die Steppe einzufallen, auch der langbeinige
Sekretär oder Schlangengeier (~Serpentarius serpentarius Miller~)
ist schon eifrigst auf der Nahrungssuche. Öfters sieht man auch den
kahlköpfigen Marabu stolz einherschreiten. Viele Singvögel lassen ihr
Lied und Gezwitscher in den Morgen hinein ertönen. Auf dem Boden nach
Würmern suchend oder auch in den Akazien sitzend, fallen besonders
die Silberglanz-Stare durch ihr prächtiges Gefieder ins Auge.
Witwenvögel, deren Männchen im schwarzen Hochzeitskleide prangen,
flattern in kurzem, wellenförmigem Fluge über das hohe Steppengras.
Weißwangige, graue Mausvögel klettern im Geäste der Bäume. Noch viel
anderes gefiedertes Volk erfreut das Herz des Naturfreundes durch seine
Stimmen, Farbenpracht und anmutigen Bewegungen. Die gesamte Vogelwelt
nimmt von uns Reitern kaum Notiz und zeigt fast keine Scheu.
Die ganze Steppe ist kreuz und quer von vielen Wildwechseln
durchfurcht, und man wird unwillkürlich in den Glauben versetzt,
große Rinder-, Schaf- oder Ziegenherden hätten das Gelände
durchzogen. Manche Wechsel sind ganz tief ausgetreten. Die vielen
Oryx-, Elenantilopen- und Gnufährten verraten uns schon den großen
Wildreichtum dieser Gegend; auch die dreizehigen Nashornfährten finden
sich vor, und an den verbissenen Büschen sieht man, daß erst vergangene
Nacht so ein Dickhäuter hier geäst hat. Nun zeigt sich das erste
Wild. Wir reiten an großen Zebraherden vorüber, die uns alle den Kopf
zudrehen und uns anäugen, ohne jedoch die Flucht zu ergreifen. Kleine
Rudel von Thomsongazellen stellen sich uns spitz gegenüber und äugen
nach uns herüber, während sie ihren Wedel fortwährend in possierlicher
Weise hin und her bewegen. Da sehe ich am Boden einen länglichen,
großen Tritt, die erste Giraffenfährte! Bald sehen wir mehrere, und wir
haben unser Tätigkeitsgebiet erreicht. Ich war wieder in meinem Element
und die herrliche Natur ließ mir nach überstandener schwerer Krankheit
das Leben doppelt schön erscheinen.
In der Nähe eines großen Wassertümpels errichteten wir am Nachmittage
unser Standlager und bauten in diesem Tierparadies einige Krale für
die zu erwartende Beute. Vor allen Dingen hieß es nun zuerst die vor
uns liegende Gegend zu erkunden, denn es gab in dem flachen Gelände
viele versteckt liegende weitklaffende Erdrisse und steilwandige
Schluchten, die dem jagenden Reiter, der das Gebiet nicht kennt, leicht
verhängnisvoll werden konnten. Ein Sturz von Roß und Reiter in eine
Tiefe von 15 Meter wäre wohl mit dem Tode gleichbedeutend. Indem wir an
diesen Schluchten entlangritten, orientierten wir uns genau über deren
Lage. Bei einem derartigen Erkundungsritt sichteten wir das erstemal
ein Rudel von 11 Giraffen. Die Tiere waren aus der Parklandschaft
herausgekommen und wechselten an dem Walde entlang. Es waren alles
ausgewachsene Stücke, und ich genoß den herrlichen Anblick, die Riesen
der Steppe nur auf wenige hundert Meter entfernt in ihrem wiegenden
Paßgang vorbeiziehen zu sehen. Durch kleine Tritte im Sand wurde ich
auf das Vorhandensein von Jungtieren aufmerksam, und ich war davon
überzeugt, daß in dem vor uns liegenden Buschgelände auch Rudel mit
solchen vorhanden sein mußten.
Nachdem wir alles vorbereitet und uns gut orientiert hatten, wählten
wir einen Hügelrücken, von wo wir eine vorzügliche Übersicht über die
ganze Gegend besaßen, zum Ansitz. Die Pferde wurden in Deckung hinter
dem Hügel bereitgehalten. Mit scharfen Gläsern beobachteten wir den
Buschwald. Die langhalsigen Tiere sind in einem baumbewachsenen Gelände
mit bloßem Auge äußerst schwer auszumachen, besonders wenn die Sonne
im Zenit steht und das Wild sich im Schatten der Bäume befindet. In
der heißen Tageszeit, etwa von 9 bis 3 Uhr, stehen oder liegen die
Giraffen gewöhnlich im Schatten hoher Akazien. Dies ist die günstigste
Beobachtungszeit. Stundenlang kann man mitunter sitzen, bis eine
Giraffe den Kopf über den Baumkronen bewegt, wodurch man erst auf den
Standplatz des Rudels aufmerksam gemacht wird. Zum Fang selbst ist aber
die beste Zeit frühmorgens oder nachmittags, weil die Tiere um diese
Zeit ihre Standplätze wechseln und durch freies Gelände ziehen.
Nun haben wir ein Rudel mit Kälbern gesichtet und es beginnen die
spannendsten Momente. Schnell geht es an die Pferde, das Sattelzeug
wird nachgesehen und so leicht als möglich bekleidet aufgesessen.
Hinter Bäumen und Büschen stets in Deckung bleibend, geht es immer in
abgekürztem, leisem Trab so nahe als möglich an die Tiere heran. Wir
befinden uns 200 Meter von dem Rudel, und das zu fangende Jungtier ist
schon genau auszumachen. Deutlich sehen wir es neben seiner Mutter
an einem Busche äsen. Die Spannung steigert sich, jeder Nerv ist
angespannt. Noch wenige Meter weiter herangekommen, da eräugen uns die
Giraffen und die ganze Gesellschaft wendet sich zur wilden Flucht.
Jetzt gibt es kein Halten mehr, die Pferde bekommen die Sporen,
alles ist vergessen und die Gedanken und Augen sind einzig und allein
auf die junge Giraffe gerichtet. Mitten in das Rudel sprengen wir
hinein und versuchen das neben der Mutter flüchtende Junge von seinen
Gefährten abzutrennen. Links und rechts sausen wir an den großen
Tieren, über Hindernisse hinwegsetzend, vorbei und bald haben wir das
Jungtier in ein offenes Gelände gedrückt; das Rudel flüchtet weiter
und die Fangschlinge saust über den Kopf der jungen Giraffe. Sobald
die Schlinge sitzt, versucht man mit dem Pferde vor die noch immer in
voller Flucht sich befindliche Giraffe zu kommen und somit das Tier
zum Stehen zu bringen. Schnell sind wir vom Pferde gesprungen, der
zweite Reiter ist inzwischen auch herangekommen, und noch ein weiterer
Fangstrick wird dem Tier über den Kopf geworfen. Die Giraffe zeigt
sich jetzt zunächst völlig verdutzt, merkt aber bald ihre Lage, und
unter lautem Blöken vollführt sie die tollsten Sprünge und versucht
sich zu befreien. Sie schlägt mit Vorder- und Hinterläufen nach uns,
und es heißt äußerst vorsichtig sein, daß man von den ersteren nicht
auf den Kopf getroffen wird. Es ist mir vorgekommen, daß halsstarrige
junge Bullen direkt auf mich losgingen und mit den Vorderläufen nach
mir schlugen. Einmal wurde mir der Tropenhelm glatt durchgeschlagen.
Vorsichtshalber habe ich mir später immer den Korkhelm mit Gras
ausgefüllt. Die junge Giraffe darf nur mit sanfter Gewalt behandelt
werden. Ein unvorsichtiger Ruck kann dem Tier leicht den langen
Hals ausrenken oder gar brechen. Eine Giraffe muß innerhalb 3-4
Minuten gefangen sein, da sie sonst zu Tode gehetzt wird. Daß hierzu
ausgezeichnete schnelle Pferde die erste Bedingung sind, braucht wohl
kaum erst erwähnt zu werden. Die Giraffe ist ein überaus schnelles Tier
und vermag auf der Flucht 8-900 Meter in der Minute zurückzulegen.
[Illustration: ~Weiber der Lembwa, ein mit den Masais vermischter
Stamm~]
[Illustration: ~Die Masai zeichnen sich teilweise durch intelligente
Gesichtszüge aus~]
Inzwischen ist weitere Hilfe herbeigeeilt und wir versuchen allmählich
unseren Gefangenen nach dem Standlager zu führen. Hierbei stößt
man mitunter auf große Schwierigkeiten, denn die Tiere sind häufig so
störrisch, daß es unmöglich ist, sie von Ort und Stelle zu bringen.
In derartigen Fällen wird das Tier gefesselt, auf einen Wagen geladen
und zum Lager gefahren. Dabei kommt es aber allerdings auch vor, daß
man sich mit einem gefangenen widerspenstigen Tier meilenweit vom
Standlager entfernt befindet und von der Nacht überrascht wird. Der
nachfolgende Wagen hat unsere Fährten verloren und kann uns infolge der
einbrechenden Dunkelheit nicht mehr auffinden. Dann heißt es eben, das
Tier die ganze Nacht über abwechselnd festzuhalten, während der eine
oder andere für einige Stunden, den Sattel als Kopfkissen benutzend,
sich auf den Steppenboden hinstreckt. Das sind Nächte, welche man
erlebt haben muß und die zu den Freuden und Leiden des Tierfängers
gehören. Manchmal aber gelang es uns, die gefangenen Giraffen ohne
große Schwierigkeiten ins Lager zu führen. Der Charakter der Tiere ist
eben gerade so verschieden wie beim Menschen. Das gleiche konnte ich
auch im Lager beobachten, einige nahmen sofort die ihnen dargebotene
Milch willig an, während andere tagelang jede Nahrung eigensinnig
verweigerten. Welche Tricks man öfters anwenden muß, um die Tiere zur
Aufnahme von Speise und Trank zu bewegen, ist schwer zu beschreiben.
Ein mir bekannter Herr war im Besitz einer jungen Giraffe. Dieser,
unkundig wie er das etwa 2½ Meter hohe Tier zum Saugen bringen konnte
-- Gummilutscher hatte er nicht zur Hand --, war ratlos. Da kam er auf
die Idee, die Giraffe an Ziegen saugen zu lassen. Zu diesem Zwecke
errichtete er in einem Akazienbaume eine Stellage, in welche er die
Ziege hinaufbefördern ließ, damit das langhalsige Geschöpf bequem an
das Euter kommen konnte. Er brachte das Tier auch wirklich zum Saugen,
trotzdem ging dasselbe aber bald ein. Die von mir gefangenen Giraffen
habe ich nie an einem Gummilutscher saugen lassen. Es ist vorgekommen,
daß eine junge Elenantilope das Sauginstrument verschluckt hatte und
später in Hamburg daran einging, wie die nachträgliche Sektion erwies.
Alle meine Tiere lehrte ich aus Schüsseln trinken. Dies ist eine recht
mühselige Arbeit, und wahre Geduldsproben hatte ich dabei zu bestehen.
Vorsichtig mit hochgehobenen Milchschüsseln nähert man sich dem Kopf
der Giraffe. Endlich riecht sie die Milch und steckt natürlich das Maul
so tief hinein, daß die Flüssigkeit in die Nasenlöcher dringt und das
Tier sprudelnd und prustend den Inhalt über den Kopf und das Gesicht
des Schüsselträgers ergießt. Das junge Tier kann noch nicht selbständig
trinken und vollführt mit dem Kopf, ähnlich den Rinderkälbern, die
saugenden und stoßenden Bewegungen. Man darf keine Mühe scheuen und es
sich nicht verdrießen lassen, die Versuche immer wieder zu erneuern,
will man seinen Pflegling am Leben erhalten. Alle Stunden muß wieder
von vorne angefangen werden. Nach und nach werden die Versuche endlich
von Erfolg gekrönt sein. Natürlich wird der zu entwöhnende Säugling
dabei immer noch seinem Pfleger einige Sprudel Milch über den Kopf
und das Gesicht schleudern. Aus Dankbarkeit wird einem auch manchmal
die Giraffe mit ihrer langen, schleimigen Zunge über das Gesicht
fahren. Auch ist es mir vorgekommen, daß, während ich die Schüssel
hochhielt und ein Tier tränkte, die schon getränkten Stücke zudringlich
herankamen und eines mich sogar mit seinen großen feuchten Lippen am
Ohr packte und dort zu saugen versuchte. Sind die Giraffen einmal an
die Milchschüssel gewöhnt, so wissen sie gar bald, wann ihre Futterzeit
da ist. Hören sie nur die Schüsseln klappern, so stehen sie auch schon
bereit und jede drängt sich vor, um die erste zu sein. Reinlichkeit,
Mäßigkeit und Pünktlichkeit bilden die drei Hauptfaktoren bei der
Aufzucht dieser sehr empfindlichen Geschöpfe. Eine Überfütterung ist
leicht geschehen und das Tier kann davon schwer erkranken. Nicht
bekömmliches Futter kann seinen Tod herbeiführen.
Alle diese Bedingungen können nur von gewissenhaften Leuten
durchgeführt werden, und vor allen Dingen ist eine große Tierliebe
erforderlich. Nur durch Güte und mit Ruhe gewöhnt man diese Sprößlinge
der Wildnis an sich. Wenn man dabei einmal einen Schlag oder einen
Tritt abbekommt, so darf man keinesfalls etwa mit der Nilpferdpeitsche
dem Tiere gegenübertreten und es strafen oder es roh behandeln. Leute,
die so handeln, sind nicht zum Tierfang und zur Zähmung zu gebrauchen.
Große Beihilfe in der Pflege der Tiere fand ich in meiner Frau, die
während meiner Abwesenheit die Pfleglinge treu versorgte und keine
Mühe und Arbeit scheute. Ihr habe ich es zum großen Teil zu verdanken,
daß ich so große Erfolge bei der Aufzucht der Tiere hatte und es mir
deshalb vergönnt war, die ersten deutsch-ostafrikanischen Giraffen,
Oryx- und Elenantilopen, Erdferkel und viele andere Vertreter der
dortigen Fauna mehr, lebend und gesund nach Deutschland zu bringen.
Der Giraffenfang, wie ich ihn eben geschildert habe, verläuft natürlich
nicht immer so glatt und programmäßig. An Reiter und Pferd werden große
Anforderungen gestellt. Die Schnelligkeit der Pferde genügt noch nicht
allein. Dieselben müssen auch mit dem Wilde vertraut sein und den
Geruch der Giraffen vertragen können. Manche Pferde sind absolut nicht
an Giraffen heranzubringen. Gewandtheit und Geistesgegenwart dürfen
den Reiter bei einem derartigen tollkühnen Ritt keinen Augenblick
verlassen, denn der Boden bietet dort viele Hindernisse. Umgestürzte
Bäume, Büsche mit Schlinggewächsen, Dornen, Erdferkellöcher, Baue
der Steppenschliefer (~Heterohyrax mossambicus Ptrs.~) und
dergleichen mehr können das Pferd leicht zum Sturz bringen. Auf
meinen Jagden bin ich selbst im vollen Galopp viermal mit dem Pferde
koppheister gegangen, ohne glücklicherweise ernstlichen Schaden zu
nehmen. Hinter einer Giraffe im hohen Grase herjagend, stürzte einmal
einer meiner Begleiter kaum fünf Meter vor mir. Sein Pferd war mit
den Vorderbeinen in ein Erdferkelloch geraten, überschlug sich, und
Pferd und Reiter kollerten am Boden. Ehe ich mein Pferd abwenden
konnte, sprang es in gewaltigem Satze über beide hinweg. Der Gestürzte
blieb wie tot am Boden liegen. Nach einigen Minuten brachte ich ihn
wieder zur Besinnung. Zum Glück konnte ich feststellen, daß er ohne
schwere Verletzungen davongekommen war. Anstatt eine Giraffe hieß es
nun sein scheugewordenes Pferd einfangen. Nach vierzehntägiger Pflege
war mein Begleiter wieder so weit hergestellt, daß der Fang von neuem
beginnen konnte. Ein anderes Mal war ich selbst der Leidtragende.
Ich jagte mit dem Pferde hinter einem jungen Gnu. Den Lasso schon
zum Wurf bereithaltend, flüchtete plötzlich das Tier über eine
Steppenschlieferkolonie. Mein Pferd setzte über mehrere Löcher hinweg,
brach aber mit beiden Vorderbeinen auf einmal in den Boden ein, so daß
es regelrecht auf den Kopf zu stehen kam und sich überschlug. Hierbei
wurde ich im Bogen aus dem Sattel geschleudert. Glücklicherweise
schlug das Pferd nach der anderen Seite um. Der Sturz lief noch soweit
gut ab; außer schweren Knieabschürfungen kam ich mit dem Bruche des
rechten Mittelhandknochens davon. Wieder ein anderes Mal passierte
es, daß Roß und Reiter in eine alte, von Eingeborenen angelegte
Nashorngrube gerieten und beide so festgeklemmt saßen, daß sie
buchstäblich ausgegraben werden mußten. Nicht allein Bodenhindernisse
bereiten Schwierigkeiten, sondern auch Bäume mit herabhängenden
Ästen können den Reiter leicht vom Pferde streifen; auch die mit
Hackedorn und Sansivieren bestandenen Gelände erschweren den Fang ganz
außerordentlich.
Ist man in ein Giraffenrudel hineingeritten, so heißt es sich sehr
vorsehen, um von den gigantischen Tieren nicht überrannt zu werden. Zu
Pferde sitzend kommt man sich neben einer ausgewachsenen Giraffe wie
ein Zwerg vor. Bei einem Ritt in ein Rudel passierte es mir einmal, daß
ich an die Seite eines alten 18 Fuß hohen Bullen kam, der neben mir
dahinstürmte. Ich versuchte an dem Riesen vorbeizukommen, da bog der
Bulle plötzlich seitwärts aus und streifte mich mit seinem langen Hals
beinahe vom Pferde; nur durch ein schnelles Ducken und indem ich mich
an Sattel und Mähne festhielt, blieb ich oben. Dazu erhielt mein Pferd
von dem Vorderlauf der großen Giraffe einen Schlag auf die Hinterhand,
daß es beinahe zusammenbrach.
Ich kann mich zu den wenigen Europäern rechnen, die es unternommen
haben, Giraffen zu Pferde einzufangen. Wohl nur wenige Tierfänger
werden auch in der Zukunft solche Fangzüge ausführen können, denn in
den meisten anderen Gegenden, wo Giraffen zahlreich vorkommen, herrscht
die Tsetse-Plage, die eine Jagd mit Pferden unmöglich macht.
Aus diesen kurzen Schilderungen wird der Leser ersehen, daß beim Fang
lebender Tiere ganz andere Faktoren in Frage kommen als bei der Jagd
mit der Büchse, für welche ich, soweit Giraffen dabei in Frage kommen,
überhaupt nicht viel übrig habe. Ich halte es für keine große Tat, eine
Giraffe aus purer Mordlust zu erlegen, und ich habe es auch nie übers
Herz gebracht, meine Büchse auf dieses vornehme und harmlose Wild zu
richten, obwohl ich jahrelang den großen Jagdschein besaß und somit das
Recht hatte, jährlich zwei dieser Tiere abzuschießen. Für mich gibt
es keinen größeren Genuß, als das Wild in der Freiheit zu beobachten,
junge Tiere lebend und unversehrt in meinen Besitz zu bekommen, sie
zu pflegen und aufzuziehen, damit sie in den zoologischen Gärten der
Wissenschaft und der Förderung der Volksbildung solange als möglich
erhalten bleiben können. Leider sind die Giraffen in den meisten
zoologischen Gärten in so enge Gehege eingepfercht, daß der Beschauer
ihre eigenartigen, natürlichen Bewegungen wohl kaum zu Gesicht bekommt.
Die Folge davon ist, daß die Tiere mangels Bewegungsfreiheit verkommen.
Wer in Ostafrika auf unserer Tierzuchtfarm die Giraffen in den großen
ausgedehnten Gehegen bei ihren Spielen und Sprüngen bewundern konnte,
dem werden diese Bilder unvergeßlich in der Erinnerung bleiben. Wohl
manchem Direktor eines zoologischen Gartens würden vor Schreck, die
wertvollen Tiere könnten bei ihrem tollen Spiel Hals und Beine brechen,
die Haare zu Berge gestanden sein.
Einen unvergeßlichen Anblick gewährt es, ein Giraffenrudel durch
die freie Steppe mit donnerndem Gepolter über den von der Sonne
hartgebrannten Boden flüchten zu sehen. In mehreren meterweiten Sätzen,
dabei den langen Hals wellenförmig auf und nieder senkend, sausen die
Riesen dahin. Durchqueren sie ein niedriges Buschgelände, so wird man
unwillkürlich an Boote erinnert, die auf wellenbewegter See auf und
nieder schaukeln.
Viele Abbildungen, die mir zu Gesicht gekommen sind, zeigen die
flüchtende Giraffe mit ausgestrecktem Wedel. Dies ist grundfalsch.
Ich habe stets beobachtet und genau festgestellt, daß die sich zur
Flucht wendende Giraffe zuerst ihren, unten mit einer langen schwarzen
Haarquaste versehenen Wedel fest seitwärts auf ihre Hinterkeule legt
und denselben während ihrer Flucht dort festhält. Nie habe ich bemerkt,
daß eine Giraffe auf der Flucht mit dem Schwanze peitschend um sich
schlägt, wie zum Beispiel die Gnus es tun. Oft bin ich beim Fange
minutenlang neben flüchtenden Giraffen geritten, und immer hatten die
Tiere, und selbst ihre Jungen, den Wedel fest auf den Oberschenkel
gepreßt.