meine Schwarzen besorgten das nötige Futter für die Tiere, wie Mais,
Kürbisse, Süßkartoffeln, Hirse, Mangos und Bananen. Ich erhielt
alles aus den nächsten Dörfern gegen Bezahlung prompt geliefert. Da
an dieser Stelle der Fluß ein ziemlich hohes Ufer hat, ließ ich zum
Einschiffen eine schiefe Ebene nach dem Wasser bauen. Während dieser
Arbeit bemerkte ich eine von den Zweigen des Mangobaumes herabhängende,
in herrlichem Grün schillernde Schlange. Sie glitt vom Zweige auf
den Boden, und mit raschem Griff konnte ich sie am Genick fassen und
in eine leere Blechdose stecken. In Hamburg erfuhr ich später, daß
sie zur giftigsten ihrer Sippe gehörte. Als der Dampfer mit seinen
beiden Leichtern am Einladeplatz anlegte, ging die Verladung infolge
der vorhandenen schiefen Ebene ziemlich rasch vonstatten, da wir bis
spät in die Nacht hinein bei hellem Mondschein arbeiten konnten. Am
nächsten Morgen fuhren wir an die zweite Einladestelle bei Utete, wo
die Flußpferde und die anderen Tiere an Bord genommen wurden. Beim
Überzählen der Tiere fehlte ein Wasserbock, der nach der Aussage eines
Schwarzen eingegangen war. Wohl oder übel mußte ich so tun, als ob
ich an dieses Märchen glaube. Ich war aber fest davon überzeugt, daß
meine getreuen Neger den Bock während meiner Abwesenheit in ihren
Magen hatten verschwinden lassen. Der zur Aufsicht zurückgelassene
Askari dürfte dabei sein schwarzes Gewissen durch Teilnahme an dem
Mahle beruhigt haben. In aller Frühe des nächsten Tages fuhr der
Flußdampfer mit seinen beiden zu Menagerien umgewandelten Leichtern
ab. Wir hatten an Bord: 2 Flußpferde, 15 Wasserböcke, 2 Johnston-Gnus,
Schwarzfersenantilopen, mehrere Zwergantilopen, verschiedene
Vogelarten, etwa 100 Hundsaffen und einige Kisten mit Jagdtrophäen.
Langsam fuhr der Dampfer mit den schwerbeladenen Leichtern flußabwärts,
den Windungen folgend und sorgsam die zahlreichen Sandbänke meidend.
Letztere waren belebt von vielen Krokodilen, zum Teil riesigen Tieren.
Sie rutschten bei Annäherung des Dampfers langsam in die Flut. Eine
Menge Reiher und fischender Vögel belebten ebenfalls die Ufer und die
Sandbänke und ließen sich wenig stören. Auch an Gruppen friedlich
dahintreibender Flußpferde kamen wir vorbei. Die vordersten tauchten
vor dem Dampfer unter und kamen nach kurzer Zeit hinter dem Rade wieder
zum Vorschein. Einen hübschen Anblick gewährten die Kühe mit ihren
Jungen auf dem Rücken. Wenn das Junge im Wasser müde geworden ist,
klettert es zum Ausruhen auf den Rücken der Alten. Es war für mich
eine wahre Erholung, einmal in Ruhe alle meine Tiere auf einem Platz
vereinigt zu haben und, von keiner Sorge gelenkt, den Tierfreund auf
der Flußfahrt zu seinem Recht kommen zu lassen.
In Kilindi mußte der Dampfer auf die Post warten und auch Holz als
Brennmaterial aufnehmen. Es war drei Uhr nachmittags, und ich benutzte
ein Fahrrad, um nach dem drei Stunden entfernten Mohoro zu fahren,
woselbst ich meiner Firma telegraphisch meldete, daß der Tiertransport
glücklich unterwegs sei. Bei dem schlechten Wege und bei der brütenden
Hitze brauchte ich 1½ Stunde bis zu genannter Ortschaft. Die weiße
Bevölkerung bestand nur aus fünf Köpfen; auch befand sich dort ein
Indier, der in seiner „Duka“ (Laden) außer europäischen Konserven
auch deutsches Flaschenbier führte. Sein Laden, oder besser gesagt,
seine Hütte, wurde von den wenigen Deutschen mit dem bezeichnenden
Namen „Zum schmierigen Löffel“ benannt. Unter einem großen prächtigen
Mangobaume vor der Hütte, dem Stammtisch der Europäer, ließen wir es
uns beim Glase Bier wohl sein. Das Gespräch drehte sich hauptsächlich
um die Löwenplage. Erst vor wenigen Tagen, während die Herren ihren
gewohnten Abendschoppen unter diesem Mangobaum einnahmen, lief ein Löwe
an ihnen vorbei in das Dorf hinein. Das Tier wurde noch in derselben
Nacht in einer von dem Dorfältesten gestellten Falle gefangen und von
den alarmierten Europäern bei Fackellicht getötet. Infolge der Warnung
dieser Herren trat ich den Rückweg zum Dampfer nicht in der finsteren
Nacht an, sondern wartete den Mondaufgang ab. Der Weg, den ich nach
Kilindi per Rad zurückfuhr, war zum größten Teil auf beiden Seiten mit
mannshohem Schilf und Gestrüpp bewachsen. Nur langsam kam ich vorwärts;
der an und für sich nur spärliches Licht spendende abnehmende Mond
wurde dazu noch öfters durch Wolken verdunkelt. Es mochte gegen vier
Uhr morgens gewesen sein -- den halben Weg hatte ich bereits hinter
mir --, als ich seitwärts im Schilf ein Rascheln hörte, welches immer
näher kam. Ich war der Meinung, eines der hier so häufig vorkommenden
Wildschweine verursache das Geräusch. Um das Tier zu verscheuchen,
läutete ich heftig mit der Radklingel, indem ich vorsichtigerweise
meine Fahrt verlangsamte. Plötzlich sprang aus dem Schilf, nur wenig
Schritte vor mir, ein großer Leopard auf. Ich schrie das Tier an; es
war dadurch wohl ebenso erschrocken wie ich selbst. Einen Augenblick
blieb das Raubtier vor mir stehen und verschwand dann in wilder Flucht
ins Gestrüpp. Mir waren infolge der unverhofften Begegnung vor Schreck
die Haare zu Berge gestiegen, denn ich war vollkommen unbewaffnet.
Hätte ich nicht mein Fahrtempo verlangsamt, so wäre ich wohl mit dem
Leoparden direkt zusammengestoßen und hätte dabei sicherlich den
kürzeren gezogen.
An Bord angelangt, erzählte ich dem Schiffsführer von meiner Begegnung.
Er spottete über die übertriebene Gefährlichkeit dieser Katzen und
behauptete, in dieser wildreichen Gegend sei für den Menschen überhaupt
keine Gefahr vorhanden, namentlich nicht für den Europäer. Er habe
gerade diesen Weg nach Mohoro schon dutzende Male ohne jeden Unfall zu
Fuß gemacht. Kaum einen Monat später wurde eben derselbe Herr auf dem
gleichen Wege von Löwen angefallen und getötet.
Am nächsten Morgen fuhren wir nach Übernahme der Post weiter. Der Fluß
wurde immer breiter und links und rechts begannen die Mangrovenwälder,
und die feuchttropische Hitze wurde fast unerträglich. Wir erreichten
noch am Nachmittage Salale, gingen mitten im Flusse vor Anker und
erwarteten dort die Ankunft des großen Ozeandampfers.
Der Fluß ist an dieser Stelle über einen Kilometer breit und führt
Brackwasser. Infolgedessen hatte ich große Schwierigkeiten, das für
meine Tiere notwendige Süßwasser zu bekommen. Ich mußte es von einem
Brunnen vom Lande herholen lassen. In Salale wohnte der Förster Dankert
nebst Familie, der die Aufsicht über die Mangrovenwälder führte. Er
hatte bereits von dem Unglück gehört, wußte aber nicht, wer von uns
beiden das Leben verloren hatte und beglückwünschte mich zu meiner
Rettung.
Als der große Dampfer eintraf, fuhr der Flußdampfer längsseits an ihn
heran. Die Transportkisten wurden nun auf den Ozeanriesen gebracht und
weiter ging es nach der Insel Mafia. Ich hörte, daß dort ein junges
Flußpferd zu kaufen sei und fuhr mit dem Zollboote an Land, um das
Tier zu besichtigen. Leider war der Eigentümer verreist. Das Tier
gefiel mir außerordentlich und ich sandte einen Boten mit Kaufangebot
dem Besitzer nach. Da ich entschlossen war, das Flußpferd zu kaufen,
kehrte ich auf den großen Dampfer zurück und bat den ersten Offizier,
mir vom Schiffszimmermann, einem Inder, eine Transportkiste machen zu
lassen. Ich gab dem Manne die Maße und erklärte ihm die Konstruktion
des Kastens mit Hilfe einer Kreidezeichnung und feuerte außerdem
seinen Eifer durch ein entsprechendes Trinkgeld an. Nach wenigen
Stunden erhielt ich denn auch die Meldung, die Arbeit sei getan. Aber
was mußte ich sehen! Der schlaue Inder hatte nicht bedacht, daß seine
Werkstätte nur mit einer schmalen Tür versehen war und daß daher die
Notwendigkeit vorlag, die einzeln fertiggestellten Teile des Käfigs
draußen zusammenzusetzen. So erblickte ich denn einen prachtvollen
Transportkasten, der leider nur den Fehler hatte, nicht durch den engen
Ausgang geschafft werden zu können, während der braune Zimmermann
mit einem verlegenen Grinsen neben seinem Meisterwerke stand. Hier
konnte man wirklich einmal sehen: Langes Haar, kurzer Sinn! Es blieb
mir nichts anderes übrig, als die Kiste in zwei Teile zu zerschneiden
und sie am Lande wieder zusammenzusetzen. Hier aber machte uns der
Wärter des Nilpferdes Schwierigkeiten. Er wollte nicht zugeben, daß
das Tier in den Kasten gebracht werde. Erst durch meine Versicherung,
daß die Antwort des Besitzers in kurzer Zeit eintreffen müsse und mit
Nachhilfe einiger Rupien versuchte ich den Schwarzen umzustimmen.
Widerspenstiger als der getreue Diener erwies sich jedoch das muntere
junge Flußpferd. Trotz aller List und Mühe wollte uns der Einfang
nicht gelingen; es wurde Nacht und die Zeit drängte. Endlich riß mir
die Geduld und ich sprang über die Umzäunung in den Kral, um mit Gewalt
meinen Willen durchzusetzen. Bei der herrschenden Dunkelheit geriet
ich ins schlammige Wasserbassin; aber das erschreckte Hippo flüchtete
nach dem Ausgang und schlüpfte hierbei glücklich in den Kasten, so
daß ich schnell hinzueilen und die Schiebetür herunterlassen konnte.
Ich hätte das Tier gern sofort abtransportiert, aber ich mußte erst
die Antwort auf mein Kaufangebot abwarten. Wohl oder übel blieb mir
nichts anderes übrig, als in meinen durchnäßten und schlammbedeckten
Kleidern, von lästigen Moskitos umschwärmt, zu warten. Erst um zwei Uhr
nachts traf der Bote mit der bejahenden Antwort ein und ich konnte die
Kiste nach dem Zollamt bringen, um dort die nötigen Formalitäten zu
erledigen. Inzwischen war aber einer jener starken Gewitterstürme, wie
solche in ihrer elementarsten Gewalt häufig in den Tropen vorkommen,
losgebrochen, und wir hatten harte Arbeit, den schweren Kasten auf
einem Boote zum Dampfer zu bringen. Bei dem starken Gegenwind dauerte
es über zwei Stunden, bis wir den Dickhäuter an Bord hatten.
In Kilwa-Kiwindji erwarteten mich weitere sechs Flußpferde in Kästen.
Es war der 27. Januar, und an Land hatte ich Gelegenheit, vor der
Weiterreise noch Kaisers Geburtstag im Kreise lieber Landsleute
mitzufeiern. Nach zweitägiger Fahrt legten wir in Daressalam an,
woselbst ich einen von der Firma Hagenbeck gesandten Kollegen
vorfand, der diesmal den Tiertransport nach Hamburg bringen sollte.
In Daressalam hatte ich 32 Strauße in Pflege gegeben, wovon leider
während meiner Abwesenheit mehrere eingegangen waren. Sie waren für
Deutsch-Südwest bestimmt und sollten über Hamburg dorthin gebracht
werden. Als wir die Vögel in die bestellten Transportkästen bringen
wollten, sah ich zu meinem Schrecken, daß letztere nicht nach meinen
Angaben konstruiert und aus viel zu leichtem Holz gebaut waren, somit
für eine Europareise nicht genügten. Es blieb nichts übrig, als in
Hast Zimmerleute zu nehmen und alle Kisten umzubauen. Nachdem dies
geschehen war und ich die Tiere glücklich im Zollamt hatte, erklärte
mir der Zollvorsteher, daß das Verladen der Strauße auf den Dampfer
ohne besondere Erlaubnis des Gouverneurs nicht gestattet werden
könne. Trotzdem ich diese wichtige Erlaubnis besaß und die für die
Ausführung der Strauße geforderte Summe von 9000 Mark ordnungsgemäß
hinterlegt hatte, verweigerte mir der Vorsteher die Verladung. Die
Zeit drängte und das Versäumen der Abfahrt des Dampfers hätte mir
großen Schaden verursacht. Es blieb also nichts anderes übrig, als
schnell eine Rikscha zu nehmen und, wie ich war, in schneller Fahrt zum
Regierungsgebäude zu fahren. Der Gouverneur, Freiherr von Rechenberg,
war abwesend; ich mußte also warten. Gegen ½9 Uhr abends hörte ich,
daß Exzellenz anwesend, aber gerade beim Abendessen sei. In meiner Not
ließ ich mich trotzdem melden. In liebenswürdiger Weise ließ mich Seine
Exzellenz rufen und schrieb mir eigenhändig ein paar Zeilen an den
Zollamtsvorsteher. Mit diesem kostbaren Briefe eilte ich zum Zollamte
zurück und nun ging alles flott vonstatten. Um sechs Uhr morgens konnte
ich meine Strauße einladen, und bald fuhr der Dampfer über Sansibar
nach Tanga, wo wiederum Tiere unserem Transport zugefügt wurden. In
Mombasa übernahmen wir noch das telegraphisch bestellte Futter für
unsere Menagerie. Trotzdem es beschämend für uns Deutsche ist, möchte
ich doch nicht verfehlen, hier die Erklärung zu geben, warum ich das
Futter in Mombasa und nicht in Tanga oder Daressalam einkaufte. Das
Futter für meine Tiere, wie Luzerne, Hafer, Heu, Zuckerrohr usw.
kommt aus dem Innern. Auf den englischen Bahnen kostet dasselbe aber
an Transportkosten nur ein Drittel dessen, was die deutschen Bahnen
verlangen; das machte bei den großen Mengen, die ich brauchte, einen
für meine Tasche fühlbaren Unterschied aus. Es ist ganz natürlich, daß
man dort kauft, wo die Ware bei derselben Güte um vieles billiger ist.
Nachdem nun auch die Magenfrage meiner Schützlinge in befriedigender
Weise gelöst war, konnte ich meine Arbeit als beendet ansehen. Ich
übergab also den Transport der Obhut meines Kollegen, der ihn auch
glücklich nach Hamburg brachte, während ich selbst mich nach dem Norden
der Kolonie begab, wo neue Aufgaben meiner harrten.
[Illustration]
Giraffenfang im Meru-Gebiet
Der Dampfer „König“ hatte in Mombasa noch einige Tiere an Bord genommen
und fuhr nun mit meinem großen Rufidji-Transport unter Aufsicht meines
Kollegen nach Hamburg ab. Erleichtert atmete ich auf. Alle Tiere waren
wohl und gesund an Bord untergebracht und befanden sich unter guter
Obhut. Ich begab mich in mein Hotel zurück und legte mir meinen bereits
ausgearbeiteten, neuen Plan nochmals zurecht, um sobald als möglich an
die Ausführung desselben gehen zu können.
Lange schon war in mir der Gedanke gereift, einen großen
Giraffen-Fangzug im Norden unserer Kolonie zu unternehmen. Bisher war
die ostafrikanische Giraffe noch nie lebend nach Europa importiert
worden. Die damals in den zoologischen Gärten vertretenen Giraffen
stammten ausschließlich aus dem Sudan. Die Sudan-Giraffe weist mit
ihren fahlgelben, gradlinigen Flecken auf hellem Untergrunde bei
weitem nicht die frische Farbentönung auf wie die ostafrikanische
Giraffe mit ihren kaffeebraunen, weinblattartigen Fleckenzeichnungen
auf hellgrauem Grunde. Deutlich treten bei diesem schönen Tier der
buntgefleckte Kopf, die weißgrauen Ohren und die gesprenkelten Beine
hervor, während ihre sudanesische Schwester mehr monoton gefärbt ist.
Ohne mich hervorzuheben, erfüllt es mich mit Stolz, als Ergebnis dieses
Fangzuges die ersten Exemplare der ostafrikanischen Giraffe, und zwar
der in der Masai-Steppe vorkommenden Art (~Giraffa tippelskirchi
Mtsch.~) lebend nach Europa gebracht zu haben. Zum Fang selbst
hatte ich mir das Meru-Gebiet, ein Dorado der Giraffen, ausersehen.
Bemerken möchte ich noch, daß die in der Küstenregion lebende Giraffe
(~Giraffa schillingsi Mtsch.~) nach Prof. Matschie eine besondere
Spezies darstellt.
Zunächst begab ich mich mit der britischen Ugandabahn nach Voi, um
von hier aus über eine etwa 70 englische Meilen weite wasserlose
Strecke an die Grenze und in das deutsche Meru-Gebiet zu gelangen.
Da zu jener Zeit die deutsche Usambarabahn noch nicht bis in diese
Gegend vorgebaut war, so wurden alle Waren, die für das deutsche
Kilimandjaro- und Meru-Gebiet bestimmt waren, in Mombasa ausgeschifft
und mit der englischen Ugandabahn nach Voi befördert. Von dort mußten
sie mit Eselfuhrwerken quer durch die Steppe transportiert werden. Die
bequemen und sicheren Ochsenfuhrwerke der Buren konnten dazu nicht
benutzt werden, weil auf dieser Strecke Tsetse-Gefahr herrschte. Esel
sind zwar auch nicht sicher vor der Tsetse-Infektion, aber weit weniger
empfindlich als Ochsen und Pferde. Ein Inder war auf die gute Idee
verfallen, mit einem Lastauto die Beförderung von Gütern durch dieses
Gebiet zu unternehmen. Ich machte mir dies zunutze und sicherte mir
bei dem Chauffeur, einem Deutschen, gegen Geld und gute Worte einen
Platz neben dem Führersitz. Der Wagen war angefüllt mit indischen
Kaufleuten, Banjanen, Fundis (Handwerker), deren Familien und ihren
Waren. Bequem hatten es diese Passagiere gerade nicht; Männer,
Frauen und Kinder saßen auf und neben den Gepäckstücken wie Heringe
zusammengepreßt. Das Auto fuhr frühmorgens um sechs Uhr ab, und bis
zum Voi-Fluß ging alles ohne Unfall. Aber dort auf dem weichen Boden
genügten die Kräfte des Benzinkastens nicht mehr, wir mußten absteigen
und durch Schieben und Ziehen die fehlenden Pferdekräfte ersetzen,
um die steile Böschung zu überwinden. In holperiger Fahrt ging es
wieder weiter bis in die Nähe von Bura, wo die erste Haltestelle sein
sollte. Kurz vor Bura, wo sumpfiges Gelände vorherrschte, war eine
Art Damm aus Sand aufgeschüttet, auf dem das Auto dahinfuhr. Unter
der Last des schwerbepackten Wagens gab der Damm auf der einen Seite
nach, und ehe wir uns versahen, schlug der Karren um und die ganze
Reisegesellschaft mit sämtlichem Gepäck lag im Sande. Glücklicherweise
war kein Unglück geschehen, und trotz des erlebten Schreckens mußte ich
herzlich lachen über den Anblick, wie die Inder und ihre vermummten
jammernden Weiber und Kinder unter den Gepäckstücken hervorkrochen. Nun
galt es, unser Fahrzeug wieder aufzurichten; dazu reichten aber unsere
Kräfte nicht aus. Es wurden einige Inder in das nahe Dorf geschickt,
um Schwarze zu Hilfe zu rufen. Wenn es schon für verständige Europäer
nichts Leichtes ist, ein mehrere Tonnen schweres, umgestürztes Auto
ohne Hebezeug wieder auf die Räder zu bringen, so war dies mit den
ungeschickten Negern erst recht ein schweres Werk. Bewunderungswert
war die Kaltblütigkeit unseres Chauffeurs; als sein Fuhrwerk auf dem
Rücken lag, hatte er nur die lakonischen Worte: „So, da liegt er,
ich mach’s auch so“; sprach’s und ließ den Worten die Tat folgen. Da
ich ungeduldig war, vorwärtszukommen, machte ich mich allein mit den
Indern und herbeigeeilten Negern daran, das Auto wieder aufzurichten.
Mit Hilfe von Ästen und Baumstämmen gelang es nach vieler Mühe, den
Wagen wieder in seine natürliche Stellung zu bringen. Er war so solide
gebaut, daß der Chauffeur zu unserer Freude feststellen konnte, daß gar
kein Schade geschehen war.
In Bura nahmen wir genügend Wasser auf, da wir jetzt die wasserlose
und unbewohnte Serengeti-Steppe zu durchqueren hatten. Die Fahrt ging,
alten Fahrrinnen folgend, durch das sanft ansteigende wellenförmige
Gelände. Abwechselnd durchfuhren wir Dorn- und Buschsteppe, Einöden
und weite Grasflächen. Unbarmherzig brannte die tropische Sonne auf
das kleine, nur wenig Schutz bietende Segeldach des Autos herab. Der
aufwirbelnde Staub, der Benzingeruch, dazu die schreckliche Hitze
machten die Fahrt zur Last. Durch das herankommende Auto aufgeschreckt,
sauste das Wild in hohen Fluchten über die Steppe.
In diesem Gebiete, das sehr wildreich ist und welches von der
britischen Regierung zum Wildreservat erhoben wurde, fiel mir die
häufig in Herden auftretende Kuhantilope, hier Kongoni genannt,
besonders auf. Diese Antilope (~Bubalis cokei Gthr.~) hat die
Größe eines kleinen Rindes, besitzt einen außergewöhnlich langen
Kopf mit merkwürdig doppeltgekrümmten Hörnern und einen nach hinten
zu abfallenden Rücken. Der Oberkörper ist hellbraun gefärbt, während
die Unterseite hell hervorleuchtet. Für mich waren es interessante
und abwechslungsreiche Bilder, diese Kongonis in ihren eigenartigen,
hohen Sprüngen über die weiten Flächen flüchten zu sehen. Auch
andere Wildarten kamen fortwährend zum Vorschein, um bald wieder zu
verschwinden. Unter dem ihnen eigentümlichen Gekreische stoben ganze
Ketten von Perlhühnern und Frankolinen vor unserem Auto in die Höhe.
Gegen Abend hatten wir bereits eine höherliegende Region erreicht. Nach
Einnahme eines einfachen Mahles und den nötigen Sicherheitsvorkehrungen
gegen vierbeinige Räuber hüllten wir uns in unsere Decken und
verbrachten die in dieser Höhenlage schon kalte Nacht unter freiem
Himmel.
Am nächsten Morgen wurde ich bei Anbruch der Dämmerung durch ein
prachtvolles Naturschauspiel überrascht. Alles war noch in Dunkel
gehüllt, da sah ich in weiter Ferne die beiden schneebedeckten Gipfel
des Kilimandjaro, den Kibo und Mawenzi, unter den ersten Strahlen
der aufgehenden Sonne aufleuchten. Wie gebannt stand ich und genoß
das herrliche Bild. Allmählich wurde es heller und die Umrisse des
imposanten Bergriesen wurden immer deutlicher sichtbar. Weithin
schimmerten die beiden Gipfel, welche hoch über eine Wolkenschicht
hinausragten. Zum ersten Male sah ich den Giganten der afrikanischen
Berge und das Herz jauchzte mir vor Seligkeit über die überwältigende
und zauberhafte Pracht, welche mir dieser Anblick bot. Dort drüben lag
also das deutsche Gebiet, und mit Freuden begrüßte ich den König der
deutsch-ostafrikanischen Bergwelt, der am vergangenen Tage noch durch
einen Dunstschleier verdeckt gewesen war.
[Illustration: ~Masaihäuptlinge~]
[Illustration: ~Masaifrauen~]
Nach Einnahme eines frugalen Frühstücks setzten wir die Fahrt fort.
Die warmen Sonnenstrahlen taten unseren durchfrorenen Gliedern recht
wohl. In schlangenförmigen Windungen näherten wir uns immer mehr und
mehr dem Kilimandjaro und somit der deutschen Grenze. Endlich, am
Nachmittag, erreichten wir die britische Grenzstation Taveta, das
Endziel unserer Autofahrt. Hier mietete ich für den Weitertransport
meines Gepäcks einige Eselkarren und ließ sie unter Aufsicht meiner
Schwarzen weiterfahren. Ich selbst fuhr auf meinem mitgebrachten
Fahrrad bis zu einer in der Nähe des Himoflusses liegenden Ansiedlung
voraus, wo ich in einer aus Baumstämmen und Lehm errichteten Hütte, dem
„Hotel zum blauen Affen“, übernachtete. Hier trafen auch mehrere Buren
aus Aruscha mit ihren eigenartigen Ochsenwagen ein. Sie besorgten den
Frachtverkehr von Buiko, der damaligen Endstation der Usambarabahn,
nach Aruscha. Die Buren sind groß in der Kunst, ihre Ochsen mit Wort
und Peitsche zu leiten. An einen ihrer sogenannten „Treckwagen“
sind mindestens vierzehn oder mehr Ochsen gespannt. Jeder Ochse
hat seinen Namen und kennt ihn ganz genau. Der Führer trägt eine
ungeheuer lange, aus Giraffenhaut gefertigte Peitsche und ruft jedes
lässige Tier an, diese Aufmunterung jeweils mit einem wohlgezielten
Peitschenhieb unterstreichend. Einer dieser Buren hatte sich derartig
heiser geschrien, daß er kein lautes Wort mehr hervorbringen konnte,
und ich hatte Gelegenheit, ein merkwürdiges Hausmittel gegen Heiserkeit
angewendet zu sehen. Der Bur verschluckte nämlich einige Löffel
Petroleum mit Zucker und versicherte mir, daß diese den Frachtfahrern
allgemein bekannte Medizin absolut sicher wirke. Das Hausmittel half
auch wirklich. Hier in der Wildnis, wo auf weite Strecken weder Arzt
noch Apotheke zu finden sind, ist es gut, wenn der Reisende oder
Ansiedler einige medizinische Kenntnisse mitbringt und ebenso über eine
kleine, richtig zusammengestellte Hausapotheke verfügt.
Die Eselkarren, welche mein Gepäck weiterführten, trafen gegen Morgen
ein und letzteres wurde von einem Buren gegen Erlegung von 10 Mark pro
100 Pfund zur Weiterbeförderung nach Aruscha übernommen. Dieser hohe
Frachtsatz ist bedingt durch die schlechten Straßenverhältnisse und
weiterhin durch das Risiko des Zugtierverlustes infolge des Vorkommens
der Tsetse-Fliege. Mir selbst ging das Ochsenfuhrwerk zu langsam,
weshalb ich trotz der schlechten Wege bis Moschi, dem Sitze eines
Bezirksamtes, wiederum das Stahlroß benutzte.
Unterwegs schon bemerkte ich, wie sich das Landschaftsbild zusehends
veränderte. Drüben auf dem englischen Gebiet noch die dürre
Grassteppe und hier üppige Vegetation! Überall traten Pflanzungen
und Niederlassungen auf, besonders am Fuße des Kilimandjaros reihte
sich eine Ansiedlung an die andere. Die dem Bergriesen vorgelagerte
Hochebene gehört zu den fruchtbarsten und gesundesten der Erde. Bis
zu 1500 Meter, den erloschenen Vulkan-Giganten hinauf, erstrecken
sich ganze Wälder von Bananen, der Hauptnahrung der dort ansässigen
Wadjagga-Neger. Die höher gelegenen Urwälder und ebenso die
nachfolgende Bambuszone bieten einer großen Anzahl von Elefanten,
Büffeln, Elenantilopen, Buschschweinen, Leoparden, Servalen und
vielen anderen Tierarten sicheren Aufenthalt und reichliche Nahrung.
Die buntgefiederte Vogelwelt ist außerordentlich reich vertreten,
gleichfalls die in vielen prächtigen Arten vorkommenden Insekten,
kurzum, wir fanden hier ein wahres Tierparadies, einen richtigen
Naturpark, wie ihn die Regierung nicht besser zum Wildreservat
bestimmen konnte.
In Moschi angekommen, stieg ich im Hotel von ~Dr.~ Förster ab
und machte dem Bezirksamtmann meine Aufwartung. Auch traf ich einen
Herrn, der gleichfalls den etwa 100 Kilometer langen Weg von Moschi
nach Aruscha zu Rade zurücklegen wollte. So hatte ich angenehme
Gesellschaft, und wir fuhren gemeinsam am nächsten Tage ab.