Ordnung wieder her und ruhten uns von den Strapazen der letzten Tage
aus. Die hungrigen Schwarzen baten um Wild, und wir gedachten am
nächsten Morgen, dem ersten Weihnachtsfeiertage, einen Festbraten
zu schießen. Trotz der vielen Ratten, die in der Jagdhütte auf den
Mattendecken unserer Moskitonetze die ganze Nacht herumtanzten,
schliefen wir fest und ungestört. Der Feiertag zeigte am Morgen ein
trübes Gesicht; es regnete, so daß wir keine rechte Lust hatten, bei
der Nässe auf die Jagd zu ziehen. Als jedoch der Regen nachließ, meinte
Herr Petersen, wir müßten Fleisch haben, in der Nähe der Hütte wäre
Wild genug und wir hätten höchstens eine Stunde zu gehen. Er war seiner
Sache so sicher, daß er mir sogar abriet, die Büchse mitzunehmen; er
selbst versah sich mit seiner 9,3-Büchse, während ich nur eine leichte
Vogelflinte mitnahm. Wider Erwarten hatten wir nach einer Stunde Marsch
weder einen der sonst so häufigen Wasserböcke, noch anderes Wild
angetroffen, und als wir in eine Lichtung kamen, in der ein Tümpel
lag, beschlossen wir uns zu trennen und das Wasser rechts und links
zu umgehen. Als wir uns wieder trafen, war unsere Verwunderung groß,
denn weder mein Gefährte noch ich hatte ein Stück Wild zu Gesicht
bekommen, nicht einmal einen Vogel hatte ich angetroffen. Nun schlug
Herr Petersen vor, in einem großen Bogen zurückzukehren, an einem
anderen Tümpel sei sicherlich Wild zu finden, wenigstens doch ein
Wasserbock oder eine Schwarzfersenantilope. Wir waren noch keine 20
Schritte in der angeschlagenen Richtung gegangen, als einer der uns
begleitenden Neger uns leise anrief und lautlos auf einen dunklen
Punkt unter einem Baume deutete. Infolge des Nebels konnten wir nur
erkennen, daß dort ein Stück Großwild stand. Herr Petersen glaubte
ein Johnston-Gnu vor sich zu haben, legte an und schoß. Das Tier
zeichnete stark, sprang gleich wieder auf und flüchtete. Wir eilten an
den Anschuß, wo die Fährte auf einen mächtigen Büffel deutete. Herr
Petersen frohlockte und meinte, es könne nur ein alter Einzelgänger
sein, der außer einem prachtvollen Braten in seinem Schädel und Gehörn
eine wundervolle Jagdtrophäe abgäbe. Wir verfolgten die Fährte, und
ich war der festen Überzeugung, daß dies gefahrlos sei, denn mein
Kamerad hatte sich stets als ein erfahrener Jäger und sicherer Schütze
gezeigt. Endlich sichteten wir den Bullen in 150 Meter Entfernung,
aber sobald er uns eräugte, schlug er einen Haken in dem Moment, wo
Petersen die Büchse zum zweiten Schuß anlegte. Der Büffel verschwand
im Busch. Wir gingen ihm nach in der Meinung, daß das schwerkranke
Stück sich in der Nähe ins Wundbett legen würde. Ich war etwa 100
Meter vorausgelaufen und sah mich um, als plötzlich der Büffel, der
unbemerkt hinter dem Busch zurückgekommen war, in wütendem Angriff
mich seitlich annahm und, ehe ich die geringste Bewegung machen
konnte, überrannte, so daß mir sekundenlang die Sinne vergingen.
Glücklicherweise hatte das angeschweißte Tier sich im Anlauf verrechnet
und mich nur gestreift. Als ich wieder zur Besinnung kam, lag ich unter
dem stillstehenden Büffel zwischen dessen Hinter- und Vorderläufen,
-- eine keineswegs beneidenswerte Situation. In einem raschen Sprung
suchte ich in den Busch zu entkommen. Sofort drehte sich mein Gegner
um und drückte mich mit seinem Hinterteil in den Busch hinein, wo ich
mit den Händen einen kleinen Baum erreichen konnte und im instinktiven
Selbsterhaltungstrieb hinaufkletterte. Der Baum war höchstens armdick,
und seine kleine Krone, deren Zweige ich herabbiegen konnte, verbarg
mich nur unvollkommen; ich hing an dem Baume wie an einer Turnstange
und hatte keinen Ast als Stütze. Herr Petersen mochte etwa 40-50
Schritte hinter mir geblieben sein; ich hatte ihm, als ich plötzlich
den Büffel erblickte, zugerufen: „Hier ist er, schieße!“ Ob er nun,
als ich vom Büffel überrannt wurde und auf Sekunden die Besinnung
verlor, schoß oder nicht, kann ich nicht sagen. Ich fand nur später
in seinem Gewehr eine leere Patronenhülse, ein Zeichen, daß er nicht
repetiert hatte. Sei es, daß Petersen in der Aufregung diesen für einen
erfahrenen Jäger unverzeihlichen Fehler begangen hat, sei es, daß er
beim Angriff des wütenden Tieres auf die kurze Entfernung keine Zeit
mehr dazu fand, ist ebenfalls unaufgeklärt geblieben, da wir später
den schwerkranken Büffel nicht mehr finden konnten. In dem Augenblick,
wo ich auf den Baum kletterte, sah der Bulle, als er sich drehte,
Petersen und stürzte sich in rasender Wut auf ihn. Die Szene, der ich
nun von meinem Zufluchtsorte aus wehrlos und hilflos zuschauen mußte,
ist das Schrecklichste und Schauderhafteste, was wohl einem beherzten
Manne zu sehen beschieden sein kann. Der Büffel warf Petersen nieder
und suchte ihn auf seine Hörner zu bringen, indem er ihn am Boden hin
und her schob, den ganzen Platz aufwühlend. In wenigen Sekunden hingen
dem Ärmsten die Kleiderfetzen vom Leibe. Glücklicherweise schien er
die Besinnung verloren zu haben, denn ich hörte nichts als das laute
Schnaufen des Büffels. Endlich ließ dieser von dem anscheinend leblosen
Körper ab und blieb etwa in 20 Meter Entfernung von mir stehen. Es war
tatsächlich ein alter Einzelgänger mit einem prachtvollen Kopf und
kapitalen Gehörn. Nun dachte ich: „Jetzt kommt die Reihe an dich,“ doch
der Büffel nahm mich in meinem Versteck nicht wahr. Eine merkwürdige
psychologische Tatsache, die mir allerdings erst später auffiel, war
die, daß ich, obwohl ich den sichern Tod vor Augen sah, keinerlei
Furcht empfand, sondern nur eine grenzenlose Wut, ohne Waffe zu sein
und meinen Freund nicht rächen zu können. Unsere beiden schwarzen
Gewehrträger waren natürlich spurlos verschwunden, was meinen Ingrimm
noch erhöhte. Ich konnte aber nichts machen, als mich ganz stille zu
verhalten, um die Aufmerksamkeit der Bestie nicht auf mich zu lenken;
denn, wenn der Büffel mich bemerkt und den Baum auch nur gestreift
hätte, wäre ich heruntergefallen und ihm wehrlos preisgegeben gewesen.
Während letzterer schnaufend hartnäckig mir gegenüber stehen blieb und
mir von der Anstrengung des Festhaltens am Baum die Glieder anfingen
einzuschlafen, überlegte ich, was zu tun sei. Hinter mir, etwa 10 Meter
entfernt, befand sich ein hoher bewachsener Termitenhügel, und hinter
diesem ein großer Baum. „Kannst du den Hügel erreichen, ohne daß dich
der Büffel bemerkt, so bist du gerettet!“ So überlegte ich. Wie ich
freilich allein von da in der mir unbekannten Gegend mich zu unserem
Lager zurückfinden sollte, von wo wir morgens im Nebel weggegangen
waren, wußte ich nicht. Die Sonne brannte mir unbarmherzig auf den
bloßen Schädel und die von dem Büffel getroffenen Stellen meines
Körpers schwollen an und schmerzten; ich merkte, daß ich es nicht mehr
lange in der schrecklichen Lage aushalten könne. Da sah ich plötzlich
Petersen, der ganz nackt und wie tot dalag, sich aufrichten und sich
gegen einen Baum schleppen, wo er niederkauerte. Mit schwacher Stimme
rief er: „Schulz, schieß’ ihn tot!“ Der Arme wußte nicht mehr, daß ich
gänzlich ohne Waffe selbst hilflos dem Büffel preisgegeben war. Welche
Verzweiflung mein Herz durchwühlte bei dem Flehen meines todwunden
Freundes, können Worte nicht schildern. Gerade wollte ich ihm zurufen,
er solle sich ruhig verhalten, als der Bulle ihn wiederum erblickte und
mit neuer Wut auf ihn zustürzte. Er schleuderte ihn seitlich vom Baume
weg und mit einer blitzschnellen Drehung nahm er ihn auf die Hörner,
warf ihn hoch und fing ihn dicht an meinem Baume mit dem Kopfe wieder
auf. Das Krachen der zerbrechenden Knochen ging mir durch Mark und
Bein. Es war zum wahnsinnig werden; ich klammerte mich an den einen
Trost, daß der Arme nicht mehr leiden könne, sondern tot sein müsse.
Der Büffel warf den toten Körper ein zweites Mal im hohen Bogen durch
die Luft in einen Busch abseits meines Baumes und ließ seine Wut von
neuem an ihm aus. Diesen Augenblick benutzte ich, glitt rasch vom Baume
herab und lief hinter dem Busch nach dem erwähnten Termitenhügel, wobei
ich über einen lang im hohen Grase liegenden Schwarzen stolperte, der
sich lautlos und zitternd in demselben versteckt hatte. Mein erstes
Wort war: „Schnell, such’ die Gewehre!“ Doch der Neger weigerte sich,
vor Furcht zitternd, sie zu holen, während er mir die Termiten von
den Kleidern ablas, die ich in meiner Aufregung gar nicht bemerkt
hatte. Ich erkletterte den Termitenhügel und hielt Umschau. Der Büffel
war nicht mehr zu sehen und schien sich entfernt zu haben. Jetzt
kroch ich auf allen Vieren zu der Unfallstätte zurück, um selbst die
Gewehre zu holen, die dort liegen mußten. Nach kurzem Suchen fand
ich sowohl mein Gewehr als auch die Büchse Petersens und einen Speer
nebeneinander auf dem Boden liegend. Sofort ergriff ich die Büchse
und repetierte, wobei, wie schon oben bemerkt, eine leere Patrone
herausfiel. Es waren noch zwei Patronen im Magazin, so daß ich zu
der Ansicht kam, daß, wie gesagt, Petersen entweder keine Zeit mehr
gefunden hatte zu schießen, oder aus Furcht, mich selbst zu treffen,
in dem kritischen Moment nicht geschossen hatte. Ich kehrte auf den
Termitenhügel zurück in der Hoffnung, den Büffel noch zu schießen, aber
weit und breit regte sich nichts. Der Bulle hatte seine Wut erschöpft
und war offenbar in das Wundbett gewechselt, denn ich hatte deutlich
gesehen, daß er stark aus der Hüfte schweißte. Nun befahl ich dem ganz
verstörten Schwarzen, seinen Kameraden herbeizurufen, was er durch
Nachahmen eines Vogellockrufes tat. Einen der Neger schickte ich sofort
nach dem Lager zurück, um meine eigene Büchse und Leute mit einer
„Kitanda“ (Negerbettstelle) als Tragbahre für den Leichnam Petersens
herbeizuholen. Inzwischen hielt ich auf dem Termitenhügel traurig
die Totenwache und vertrieb die bereits in Scharen herankreisenden
Aasgeier durch einen Schuß. Nie im Leben werde ich diesen traurigsten
aller Weihnachtstage vergessen. Endlich kamen die Schwarzen mit der
Tragbahre an und wir machten uns auf die Suche nach dem Leichnam. Als
Petersens Diener beim Zurückbiegen eines Busches plötzlich die Leiche
seines Herrn erblickte, verzerrte sich sein Gesicht vor Entsetzen. Der
teilweise zerfetzte Körper bot einen fürchterlichen Anblick. Wir legten
die Überreste meines armen Kameraden auf die Tragbahre, bedeckten sie
mit Zweigen und langsam bewegte sich der traurige Zug nach dem Lager
zurück. Sofort verfaßte ich einen Bericht an die deutsche Regierung
und sandte ihn durch Eilboten nach Mohoro. Überallhin hatten die
Neger bereits durch Trommelschlag das Unglück in die nächsten Dörfer
gemeldet, und die Eingeborenen strömten massenhaft im weißen Kanzu,
ihrem Feierkleide, zur Leichenfeier herbei. Wegen der tropischen
Hitze mußten wir den Toten rasch begraben, denn es trat schon nach
wenigen Stunden Verwesung ein. Ich wusch die Leiche und wickelte sie
in Bettlaken ein. In der Nähe der Jagdhütte ließ ich ein tiefes Grab
ausheben, in welches wir meinen armen Freund zur ewigen Ruhe betteten.
Da kein Sarg vorhanden war, deckten wir einige Strohmatten über die
Leiche und schaufelten die Erde wieder auf, während die Schwarzen
nach ihrer Sitte in einer mir unverständlichen Weise sangen und
tanzten. Das Grab ließ ich mit Dorngebüsch einzäunen zum Schutz gegen
Schändung durch Hyänen und Schakale. Später ließ ich von Utete Steine
holen und baute eine Pyramide mit einem schlichten Holzkreuz über der
Ruhestätte auf. Ringsherum pflanzte ich Mangobäume und beauftragte den
Dorfältesten des nächsten Dorfes mit der Beaufsichtigung des Grabes.
Von den an Beinen, Brust und Hals erlittenen Quetschungen durch
den Büffel fühlte ich mich zerschlagen, dazu kam die Nachwirkung
der seelischen Erregungen, so daß ich in einen Zustand völliger
körperlicher und moralischer Erschöpfung verfiel. Mein Zustand war
begreiflich, saß ich doch hilflos und allein, meines Gefährten
beraubt, in der afrikanischen Wildnis, selbst kaum einige Worte der
Eingeborenensprache kennend und meilenweit von jedem Europäer entfernt.
Das Pflichtgefühl allein half mir über alles hinweg. Ich mußte und
wollte den begonnenen Fangzug beenden. So raffte ich mich denn auf
und machte mich an die Arbeit. An verschiedenen Orten warteten die
gefangenen Tiere auf den Abtransport nach Europa. Der Dampfer, der sie
nach Salale bringen sollte, war für den 17. Januar fällig, und ich
mußte das Problem lösen, ohne Petersens Hilfe die ganze Arbeit des
Kistenbauens und des Transportes aus den Tierlagern nach dem Flusse
mit meinen wenigen Suaheliworten in der kurz bemessenen Zeit allein
zuwege bringen. Hätte ich diesen Flußdampfer verpaßt, so hätte mein
Tiertransport auch den Europadampfer nicht mehr erreicht und wäre
während der drohenden Regenzeit überhaupt nicht mehr zum Abtransport
gekommen. Das ganze Unternehmen wäre verloren gewesen, weil die Plätze,
wo unsere Tierkrale lagen, zur Regenzeit vom Rufidji überschwemmt
werden. So raffte ich meine letzte Energie auf und machte mich ans Werk.
Zunächst besuchte ich die Tierkrale, lehrte die Neger, wie sie die
Tiere pflegen müssen und ging auch an den zweiten Platz bei Utete,
um die dortigen Tierkrale zu revidieren und die inzwischen durch den
Flußdampfer herbeigebrachten Materialien für die Transportkästen vom
Flußufer nach dem Lagerplatze schaffen zu lassen. Ich fand einen jungen
Neger, der ein weniges von der Schreinerei verstand, ließ auf den
Köpfen der Träger alles nach dem Lager schleppen, und hier wirkten wir
tagelang von morgens bis abends mit Säge und Hammer, bis alles Material
verarbeitet war. Dabei stellte sich heraus, daß ich bei weitem nicht
genügend Holz hatte, um Transportkästen für alle Tiere zu bauen. Ich
half mir damit, daß ich für die kleinen Tiere hohe Körbe aus Lianen
flechten ließ und nur den Boden derselben aus Brettern herstellte.
Diese Körbe dienten bis zum Abtransport der Tiere den Wächtern, welche
die Feuer gegen Raubgesindel unterhalten mußten, als Nachtlager, da
sie sich in ihnen selbst vor Löwen sicher fühlten. Kaum war die Arbeit
fertig, als mir die Wächter des Flußpferdkrales von Utete meldeten,
daß der Fluß bereits bedenklich steige und daß sie fürchteten, die
Flußpferde möchten über die Einfriedigung entkommen. Sofort brach
ich nach dorthin auf. Die Nacht überraschte uns, und nicht nur den
Schwarzen, sondern auch meinen erregten Nerven wurde es unheimlich in
der von Großwild und Löwen belebten Gegend. In stockdunkler Nacht kamen
wir an der dem Lager gegenüberliegenden Seite des kleinen Sees an, von
wo aus der Flußpferdkral mit einem Einbaum zu erreichen war. Dröhnend
schallte der zum Überholen verabredete Schuß über die Seefläche. In
demselben Augenblick stürzten dicht neben uns zwei starke Flußpferde,
die am Ufer geäst hatten, ins hochaufspritzende Wasser, uns einen
gehörigen Schreck einjagend. Es dauerte lange, bis das Boot herüberkam,
und als der Fährmann von den zwei aufgestörten Dickhäutern hörte,
die sich in den See geflüchtet hatten, bekam er Angst und weigerte
sich zurückzufahren; aber ich wollte hinüber und er mußte sich fügen.
Die Überfahrt ging denn auch ganz glatt vonstatten. Es stellte sich
heraus, daß die schwarzen Wärter übertrieben hatten, und ich sah, daß
die Einfriedigung der Flußpferde ganz gut noch einige Zeit selbst
bei weiterem Steigen des Sees zum Festhalten der Hippos genügte, so
daß ich beruhigt zum ersten Tierlager zurückkehren konnte. Der erste
Europäer, der mir wieder zu Gesicht kam, war ein Regierungsbeamter,
Herr H., der, in amtlichen Geschäften auf einer Plantage weilend,
von dem Tode Petersens gehört hatte und nun kam, um den Tatbestand
aufzunehmen, wodurch mir eine große Last vom Herzen fiel. Herr H.
übernahm auch die Regelung der Hinterlassenschaft und ließ Petersens
Effekten abtransportieren. Einige Tage später traf Herr Regierungsrat
Graß, der bei einem Jagdausflug ebenfalls von dem Unglücksfall gehört
hatte, bei mir ein. Ich schilderte ihm meine Lage und er überließ mir
in liebenswürdiger Weise zwei Polizisten (Askaris). Es waren gute
und treue Leute, die mir sehr zustatten kamen und die Schwarzen in
gehörigem Respekt hielten. Komisch war anzusehen, wie sie mit Wasser
und Glasstückchen ihre Kopfhaare abrasierten. Herr Regierungsrat
G. und ich hätten gerne den Unglücksplatz aufgesucht, um nach dem
Verbleib des Büffels zu forschen. Es war mir aber unmöglich, die Stelle
wiederzufinden, und die Schwarzen weigerten sich in abergläubischer
Furcht, den Ort zu zeigen und ihn zu betreten. Herr Regierungsrat Graß
schoß ein kapitales Gnu und zog dann weiter, nachdem er den beiden
Askaris eingeschärft hatte, jedem meiner Befehle nachzukommen. Mit
Hilfe der handfesten Unterstützung dieser beiden Askari ging alles wie
am Schnürchen. Ich brachte alle meine Tiere in die Kästen und ließ
sie mit den nötigen Instruktionen für Pflege und Fütterung in den
Händen der schwarzen Wärter, diese wieder unter Aufsicht eines Askaris
zurück. Hierauf eilte ich nach dem zweiten Lagerplatz bei Utete und
bereitete auch dort alles zum Abtransport vor. Nun war die Frage, wie
ich die zum Teil sehr schweren Kisten bis zu der etwa eine Stunde
entfernten Anlegestelle des Dampfers bekäme. Die kleineren Kisten
wurden samt ihrem lebenden Inhalt auf Tragstangen und auf den Schultern
der Neger zum Einladeplatz an das Flußufer gebracht. Die Beförderung
der schweren Flußpferdkasten dagegen hätte ungeheure Mühe gekostet,
da der Weg über felsiges Gelände ging. Ich fand eine bequemere Route.
Der See hatte einen kleinen Abflußgraben nach dem Rufidji zu, der
aber mit Rohrbinsen und hohen Papyrusstauden verwachsen und während
der Trockenzeit nicht befahrbar war. Jetzt aber, wo das Wasser stieg,
dachte ich mir, daß die Boote der Eingeborenen nach dem Abhauen des
Schilfes durchkommen könnten. Flugs nahm ich einen Einbaum, fuhr vom
Flußpferdkral gerade über den See in den Abfluß hinein und ließ von
den Schwarzen mit den Buschmessern einen Weg bahnen. Als wir uns nach
zwei Tagen glücklich durchgearbeitet hatten und an einer Stelle, wo der
Abfluß sich gehörig verbreitert hatte, zum Flusse durchstießen, wollte
ich sehen, ob wir leicht an das Flußufer herankommen könnten, und ließ
die beiden jungen Schwarzen, die den Einbaum paddelten, in die Strömung
hineinfahren. Diese war aber so stark, daß die Ruderer die Herrschaft
über das Boot verloren und wir mitten in ein Rudel spielender
Flußpferde hineintrieben. Hätten wir eines der Tiere angerannt, so
wäre es uns wohl schlecht ergangen. Schließlich gelang es unseren
gemeinschaftlichen Anstrengungen, aus der Strömung und der gefährlichen
Nähe der Dickhäuter herauszukommen und die gesuchte Sandbank, die
Anlegestelle für den Dampfer, zu erreichen. Somit hatte sich meine
Idee, die Flußpferde auf dem Wasserwege zum Einladeplatz des Dampfers
zu bringen, als ausführbar erwiesen, und wir machten uns sofort ans
Werk, dieselbe in die Praxis umzusetzen. Natürlich mußte zuerst die
Schilfwildnis mit dem Buschmesser auf der ganzen Länge des Abflusses
in einen breiten Weg gelichtet werden; sodann wurden drei Einbäume
zusammengebunden und die Flußpferdkästen auf ihnen durch die schmale
Wasserstraße des Seeabflusses bis zu der Sandbank am Rufidji gebracht.
An einem Sonnabendnachmittag hatten wir endlich alle Tierkästen auf
der Sandbank gelandet, und sie verblieben hier unter der Aufsicht der
Wärter und eines Askaris.
[Illustration: ~Der vom Verfasser importierte, berühmt gewordene
Schimpanse „Moritz“~]
[Illustration: ~Affenfelsen in Carl Hagenbecks Tierpark~]
Die Wärter hatten während der Nacht sich zum Schlafen oben auf die
schweren Flußpferdkästen gelegt. Am nächsten Morgen revidierte ich die
Leute und sah zu meinem Erstaunen, daß die Sandbank eine Menge frischer
Flußpferdfährten aufwies. Erschrocken darüber und in der Meinung, daß
vielleicht die Gefangenen ausgerückt seien, lief ich schnell zu den
Kästen, fand aber meine beiden Dickhäuter ruhig schlafend vor. Die
Schwarzen erzählten, daß in der Nacht einige Flußpferde auf das laute
Grunzen der eingesperrten Dickhäuter hin auf die Sandbank und ganz
dicht an die Kästen herangekommen seien, diese beschnuppert hätten und
unter Grunzen abgezogen seien. Diese Besuche wiederholten sich auch in
den folgenden Nächten.
Nun kehrte ich zu der leeren Jagdhütte zurück und machte unterwegs
eine prächtige Jagdbeute. Ich schoß einen Edelreiher (~Herodias
alba L.~), dessen Schmuckfedern die außergewöhnliche Länge von 48
Zentimeter hatten und später der vielbeneidete Hutschmuck meiner Frau
wurden.
Auffallend war, daß mit dem Steigen des Wassers alle Fische aus dem See
verschwanden, und somit verzogen sich auch die fischfangenden Neger
mit ihren Familien. Die ganze Zeit hatte das Wasser einen derartigen
Fischgeschmack, daß es für mich fast ungenießbar war und ich mir von
den in der Nähe befindlichen heißen Quellen Trinkwasser holen ließ.
Am Sonntagmorgen hatte ich alles zum Aufbruch hergerichtet, um an das
obere Tierlager zurückzukehren und auch dort die Kästen zum zweiten
Anlegeplatz des Dampfers zu bringen, als mein Diener einen Europäer
meldete. Ich lud ihn ein mit mir zu frühstücken, wobei er mir erzählte,
er sei auf der Elefantenjagd und bei der Verfolgung eines starken
Bullen auf meine Jagdhütte gestoßen. Ich konnte aus den wenige Meter
hinter meiner Hütte vorbeigehenden frischen Spuren ersehen, daß der
Elefant tatsächlich in der Nacht kaum vier Schritte hinter meiner
Hütte haltgemacht hatte und dann vorbeigewechselt war. Der Jäger war
so ermüdet, daß er die Verfolgung aufgab und nach seinem Zeltlager im
nächsten Dorfe zurückkehren wollte. Dasselbe lag auf meinem Wege, und
er lud mich zu einem Nachmittagskaffee ein. Wir besahen noch zusammen
meinen Tiertransport und fuhren über den See und durch den angelegten
Wasserweg. Nachdem der Herr die Tiere bewundert hatte, verabschiedeten
wir uns und ich trat am Nachmittage meinen Marsch nach dem vier Stunden
entfernt gelegenen Tierlager an, wo ich alles unter der treuen Aufsicht
des Askaris in Ordnung fand.
Bei meiner Ankunft an Petersens altem Standlager hatte ich mehrere
Male bei den Dorfältesten der umliegenden Ortschaften den Wunsch
geäußert, einige Exemplare der dort häufig vorkommenden Hundsaffen
(~Papio cynocephalus L.~) lebend zu bekommen. Nichts konnte den
Schwarzen willkommener sein, als mir diesen Wunsch zu erfüllen. War
ihnen doch damit nicht nur die Gelegenheit geboten, die frechsten Diebe
ihrer Hirsepflanzungen zu bestrafen, sondern es winkte ihnen noch
der Vorteil, für das unverschämte Gesindel bare Münze zu bekommen.
Als ich nun diesmal am oberen Tierlager anlangte, mußte ich trotz
meiner traurigen Stimmung herzlich lachen über den komischen Anblick,
der mich da erwartete. Überall standen Körbe mit grunzenden und
schreienden, sich wie toll gebärdenden Pavianen. Die Neger hatten sie
in Netzen gefangen und einzeln oder zu mehreren in hohen Stabkörben
herbeigebracht. Gerade kam wieder eine Karawane mit diesen Unholden
an. Sie wurden in ihren Käfigen mit Tragstangen herbeigeschleppt. Da
diese Käfige weder solide noch praktisch waren, so mußte ich alle
Affen umquartieren; dabei entwischte uns mindestens ein Dutzend, die
aber beim Lager blieben, weil sie da reichlich Futter fanden. Sie
schwatzten unaufhörlich mit ihren gefangenen Kameraden, so daß der Lärm
und der Unfug, den die ausgebrochenen Biester machten, unerträglich
wurde. Außerdem kam zu meinem Entsetzen immer neue Zufuhr, und
bald hatte ich über 100 Stück beisammen. Etwa 80 davon bevölkerten
später den Affenfelsen des Stellinger Tierparkes. Nachdem die Affen
alle untergebracht waren, ging am nächsten Tage frühmorgens der
Abtransport dieses Tierlagers nach dem Rufidji los, wo der Dampfer
nach Übereinkunft an einem bestimmten Platze anlegen sollte. Trotz
der großen Anzahl von aufgebotenen Trägern wurde es nachts drei Uhr,
bis das letzte Stück an Ort und Stelle war. Wir hatten als Weg zum
Fluß einen Flußpferdwechsel benutzt und die schweren Tiere auf dem
entliehenen Karren hinuntergebracht. Bevor ich den Unglücksplatz
verließ, besuchte ich das Grab meines armen Freundes Petersen,
durchlebte in Gedanken nochmals die schrecklichen Augenblicke und nahm
stillen Abschied von ihm.
Die letzte Karrenladung bestand aus meinen persönlichen Effekten; ich
folgte zu Fuße nach. Dabei wurde mir klar, wie mühselig der Transport
der Tiere mit diesem Karren bei dem fürchterlich schlechten Wege
gewesen sein muß und warum meine Leute so lange Zeit dazu gebraucht
hatten: Zur Regenzeit, wenn der Boden weich ist, treten die schweren
Flußpferde tiefe Löcher in den Boden, so daß der Weg sehr holperig und
uneben wird. Der vor mir fahrende Karren schwankte beständig hin und
her und drohte mehr als einmal umzukippen.