zur Begrüßung prustend den Kopf. Mein äußerlich veränderter Mensch
schien ihm nicht zu gefallen, und erst als er meine Stimme hörte,
erkannte er mich als seinen Freund. Am meisten war ich überrascht
über den Feinschmecker Futki; ich fand ihn inmitten seiner indischen
Kameraden große Mengen von Steckrüben und Schwarzbrot vertilgen, ein
Futter, das er auf dem Schiffe beharrlich und stolz verschmäht hatte.
Offenbar hatte das gute Beispiel seiner Kameraden und ihre Gesellschaft
seinen Sinn gemildert. Jumbo, der Afrikaner, zeigte sich jedoch
unverträglich und wurde isoliert, auch gewöhnte er sich nur langsam an
die neue Umgebung und das neue Futter. Es sei noch erwähnt, daß Jumbo
der erste aus Deutsch-Ostafrika importierte Elefant war, der nach
Deutschland gelangte.
Liebe alte Bekannte sah ich wieder, auch meinem berühmt gewordenen
westafrikanischen Schimpansen „Moritz“ stattete ich einen Besuch ab.
Ich dachte kaum, daß er mich nach so langer Abwesenheit wiedererkennen
würde. Doch wie ich ihn beim Namen rief, flog er mir grunzend an
den Hals. Lange sollte ich jedoch nicht in der Heimat weilen. Mit
unwiderstehlicher Gewalt zog es mich zurück zum schwarzen Kontinent,
um in den Urwäldern und Steppen Ostafrikas große Tierfangzüge zu
unternehmen, die ich im folgenden schildern werde.
[Illustration]
Jagd- und Fangzug am Rufidji
Ehe man in einem Gebiet wie Deutsch-Ostafrika auf Jagd und Fang
auszieht, muß man sich zunächst einmal über die dort herrschenden,
von den europäischen gänzlich verschiedenen Landes-, Lebens- und
Verkehrsverhältnisse klar sein. Hier spielen zum Erfolge einer Jagd
ganz andere Faktoren mit als in Europa. In den zivilisierten Ländern
zieht man ganz einfach mit Jagdschein, Büchse, Patronen, Jagdhund,
Jagdtasche usw. los, fährt womöglich mit der Bahn, bequemen Jagdwagen
oder Automobilen an Ort und Stelle, fährt abends nach Hause zurück
oder bleibt schlimmstenfalls in einem Dorfe über Nacht, ohne Sorgen
um Unterkunft, Nahrung und Sicherheit des Lebens. Nicht so in der
afrikanischen Wildnis! Hier gibt es Steppengebiete, die wohl nie vom
Fuße eines Europäers betreten wurden. Hunderte von Quadratkilometern
sind gänzlich unbewohnt, denn bei höchstens 8 Millionen Einwohnern
hat Deutsch-Ostafrika die doppelte Bodenfläche Deutschlands. Hier gibt
es viele Meilen weit keinen Weg und keinen Steg, keine Eisenbahn,
keine Post und keinen Telegraphen. In ganz Deutsch-Ostafrika gibt
es bis jetzt nur zwei Bahnlinien mit einigen 100 Kilometern und
ohne Abzweigungen im Betriebe, die von Tanga nach Moschi und an den
Kilimandjaro führende Usambarabahn im Norden und die Mittellandbahn,
welche die Verbindung zwischen Daressalam und dem Tanganikasee
vermittelt. So heißt es denn marschieren! Man muß zu einer solchen
Expedition Trägerkarawanen ausrüsten. Auf dem Marsche trifft man bald
auf undurchdringlichen Urwald, bald auf dornige Buschsteppe, bald auf
endlose Grasflächen, und plötzlich steht man dann wieder vor tiefen
Tälern ohne Abstieg, oder steile Gebirgsrücken versperren den Weg. Da
kann man keinen Bauer oder Wanderer nach Weg oder Richtung fragen,
denn stunden-, ja tagelang trifft man keinen Menschen. Man ist allein
und nur auf Kompaß und Karte angewiesen. Weite Strecken gibt es noch,
die auf der Karte als weiße Flecken und unbekanntes Gebiet verzeichnet
sind, weil die Gegenden von berufenen Forschern noch nicht betreten und
infolgedessen auch noch nicht kartographiert worden sind.
Einen Jagdzug von mehreren Wochen in die afrikanische Wildnis zu
unternehmen, heißt unter diesen Umständen zuerst einmal tief in
den Geldbeutel greifen und eine gehörige Summe für das Unternehmen
vorsehen, dann eine vollständige Karawane organisieren und für jedes
Bedürfnis sich bis auf das Letzte und Kleinste zu versorgen. Ist man
erst einmal mitten in der Wildnis, so ist die Möglichkeit, Vergessenes
noch zu besorgen oder Verbrauchtes zu ersetzen, stets mit großem
Zeitverlust verbunden. Nur wer selbst solche Jagdreisen mitgemacht
hat, kennt die Schwierigkeiten, die sich bei einem derartigen Marsche
bieten. Glücklich ist wohl der, welcher als Regierungsbeamter mit
Polizeisoldaten oder Askaris reist und wenigstens sicher sein kann,
auch im Innern Träger zu erhalten. Anders ist es jedoch bei dem
Privatmanne, der ganz vom guten Willen der Dorfältesten und deren
Stammesgenossen abhängt. Damit bin ich nun bei der Hauptschwierigkeit
eines Jagdunternehmens in Ostafrika angelangt, nämlich bei der
Trägerfrage.
Daß man in wegelosen Gegenden keinen Wagen zum Transport verwenden
kann, ist ohne weiteres einleuchtend. Die Verwendung von Packtieren
ist in einigen Landstrichen allerdings möglich, in den meisten
jedoch deshalb nicht angängig, weil fast überall in den unter 1000
Metern Meereshöhe gelegenen Regionen die Tsetse-Fliege (~Glossina
morsitans~) vorkommt und dort weder Zwei- noch Einhufer gehalten
werden können, da der Stich dieser Fliege fast jedes Haustier infiziert
und tödlich wirkt. Bis jetzt ist es der Wissenschaft noch nicht
gelungen, ein sicheres Mittel gegen diese Landplage zu finden, und
so können nur auf den Hochplateaus und in einigen wenigen anderen
tsetsefreien Gegenden Rinder, Pferde und andere Haustiere gehalten
werden.
Zur Fortschaffung von Lasten, Waren und Gepäck von der Küste nach dem
Innern bleibt daher, abgesehen von den beiden genannten Bahnlinien, nur
der Eingeborene als Träger übrig. Man muß sich also Neger vertragsmäßig
dingen, um mit Gepäck ins Innere des Landes reisen zu können. Jeder
Träger trägt im Maximum etwa 30 Kilogramm. Das Gepäck ist also in
diesem Gewicht entsprechende Lasten zu zerlegen. Schwerere Gegenstände,
die nicht auseinandergenommen werden können, müssen mit Tragstangen von
zwei oder mehreren Trägern geschleppt werden. Da aber auch die Nahrung
der Leute, Reis, Hirse oder Maismehl mitgeführt werden muß, und man pro
Kopf und Tag etwa ein Kilo davon rechnen muß, so ist es klar, daß ein
Marsch um so kostspieliger und schwieriger wird, je mehr Gepäck man
mitnimmt und je weiter man sich von bewohnten Gegenden entfernt.
In Daressalam stellte ich nun meine Ausrüstung für die Reise nach dem
Rufidji zusammen. Ich warb Träger an und besorgte den nötigen Proviant.
Die Konserven werden für den Karawanentransport in Ostafrika in kleinen
verschließbaren Kisten verpackt. Hierzu verwendet man mit Vorliebe die
leeren Petroleumkisten, die sich zu diesem Zwecke vorzüglich eignen, da
sie sehr leicht und handlich sind. Ein Träger wird immer eher zu einer
vollgepackten Petroleumkiste greifen als zu einer größeren Last, selbst
wenn letztere viel leichter ist. Sachen, die sich nicht in Kisten
verpacken lassen, werden mit Sackleinwand und wasserdichtem Stoff
umwickelt und dann mit Kokosstricken umschnürt.
Während meiner Reisevorbereitungen machte ich die Bekanntschaft eines
Herrn, der als Leiter einer großen Baumwollplantage im Rufidji-Gebiet
tätig war. Derselbe schlug mir vor, gemeinsam zu reisen, was ich
auch annahm. Außerdem hatte ich mir bereits für meine Zwecke einen
landeskundigen, mit den Eingeborenen und der Gegend am Rufidji
vertrauten Mann, Herrn Petersen, gesichert, der mich im Utete-Bezirk
erwartete.
Gemeinsam mit dem erwähnten Herrn brach ich eines Nachmittags von
Daressalam auf. Die Karawane bestand aus 40 Trägern. Im Gänsemarsch
ging es vorwärts, und bald hatten wir die Stadt hinter uns. Der Weg
war gut und führte durch Palmenhaine und niedriges Buschwerk. Trotz
der kühlen Seebrise herrschte doch eine drückende Hitze, so daß
unsere Kakihemden bald durchgeschwitzt waren. Um die Träger an die
Lasten und die Marschordnung zu gewöhnen, legten wir an diesem Tage
nur wenige Kilometer zurück, dann hieß es: „Halt.“ Unter Kokospalmen
wurden die Zelte aufgeschlagen, Brennholz herangeschleppt, „poscho“
(Tagesration der Neger) ausgegeben; bald prasselten lustige Feuer, auf
denen sich die Schwarzen ihr Essen zubereiteten. Erfrischt nach einem
Bade und eingenommener Mahlzeit setzten wir uns vor unsere Zelte und
genossen noch für kurze Zeit den Anblick des prächtigen nächtlichen
Tropenhimmels. Es war inzwischen stockfinster geworden. Eine Unmenge
von Glühwürmchen begannen ihre Reigen und boten unseren Augen ein
wundervolles Schauspiel. Die Zikaden verübten ihr lautes Konzert. Die
verschiedensten Arten von Insekten wurden von dem Licht unserer Lampen
angezogen, aber auch die Moskitos fingen an lästig zu werden. Die
Wachen wurden aufgestellt und ihnen eingeschärft, die Wachtfeuer zu
unterhalten und uns am Morgen rechtzeitig zu wecken. Bald lag alles im
tiefen Schlaf.
In aller Frühe, gegen 3 Uhr, weckte mich der Koch: „Bwana kahawa
tajari“ -- Herr, der Kaffee ist fertig --. Schnell ging es hoch. Die
Leute waren schon dabei, ihre Lasten zusammenzuschnüren, und nach
Verlauf einer halben Stunde war die Karawane schon wieder auf dem
Marsche, weil wir die Morgenkühle ausnutzen wollten. Es war noch
dunkel, und nur einzelne Vogellockrufe zeigten an, daß sich der Morgen
näherte. Ehe man sich versieht, ist’s heller Tag, denn die Dämmerung in
den Tropen ist nur sehr kurz. Jetzt wird es in den Büschen und Bäumen
lebendig. Bunte Vögel aller Art fliegen unter lauter Entfaltung ihrer
Stimme umher; Webervögel, die ganze Baumkronen mit ihren kunstvollen
Hängenestern bebaut haben, sind schon fleißig bei der Arbeit. Plötzlich
ertönt ein lautes, langgezogenes „fai--fa“. Unwillkürlich bleibt man
stehen und glaubt, irgendein Mensch habe gepfiffen, bis man inne
wird, daß es eine Vogelstimme ist. Dann hört man wieder den Ruf einer
Taubenart -- tüh -- tüh -- tüh -- usw. immer schneller und im Tone
tiefer fallend. Sogar der Ruf des Kuckucks ertönt, man fühlt sich
unwillkürlich in einen deutschen Frühlingsmorgen versetzt. Doch bald
wird man eines anderen belehrt. Die Sonne steigt immer höher und höher,
denn jetzt ist es hier Hochsommer, und glühend heiß sendet die Sonne
ihre Strahlen auf uns nieder. Mittlerweile ist es 9 Uhr geworden, wir
haben unseren ersten Rastplatz erreicht und lagern unter schattigen
Bäumen. Die Temperatur steigt beständig und macht gar bald ihren
erschlaffenden Einfluß auf Mensch und Tier geltend. Sogar die Vogelwelt
hat ihr Konzert eingestellt. Ein jeder sucht sich ein schattiges
Plätzchen zum Ausruhen, denn um 3 Uhr soll weiter marschiert werden.
Nach der Rast begann der Weitermarsch, und als wir schließlich unser
Nachtlager bezogen, hatten wir eine Tagesleistung von 40 Kilometern
hinter uns.
Am zweiten Tage erreichten wir ein Negerdorf, wo wir vom Dorfältesten
mit frischen Kokosnüssen bewirtet wurden, wie es allgemein üblich
ist. In Europa kennt man nur die reife Kokosnuß, die nur selten etwas
Kokosmilch enthält. Aber wer nach stundenlangem Marsche in tropischer
Hitze eine frische Kokosnuß zur Labung erhält, weiß erst den Wert
dieser Frucht zu schätzen. Das Innere der unreifen grünen Frucht
ist noch mit dem flüssigen Kernsaft angefüllt, und gerade dieser
Saft bietet den herrlichen, kühlen Trank mit dem teils herben, teils
süßlichen Geschmack. Eine frisch geköpfte Kokosnuß enthält bis zu einem
halben Liter Milchsaft; derselbe ist völlig keimfrei und also das
Unschädlichste für einen Europäer, das er zu sich nehmen kann. Fügt
man gar eine Dosis Whisky oder Kognak bei, so hat man einen wahren
Göttertrank, der dem Magen vorzüglich bekommt.
Bei unserer Ankunft im Negerdorfe hatte der Dorfälteste unter
mächtigen, schattigen Mangobäumen als Sitzgelegenheit eine „kitanda“
-- Bettstelle -- für die hohen Gäste herbeischleppen lassen, und ich
wollte mich gerade darauf niederlassen, als mich mein Begleiter noch
rechtzeitig beim Ärmel erwischte und mich von meinem Vorhaben abhielt.
Warum er dies tat, sollte ich sofort erfahren. Er hieb mit einem Stocke
mehrere Male auf die „kitanda“, wobei ein wahrer Regen von Wanzen
niederging.
Nachdem wir einige Stunden Rast gehalten hatten, begaben wir uns
auf die Pirsch, um ein Stück Wild zu erlegen. Die hier so häufig
vorkommenden Rappen-Antilopen bekamen wir zwar oft zu Gesicht,
leider aber nicht zum Schuß. Die Rappen-Antilope -- ~Hippotragus
niger Harris~ -- ist eine große, gedrungen gebaute, dunkelbraun
bis schwarz gefärbte Antilopenart. Beide Geschlechter tragen große,
säbelförmig nach hinten gedrückte Hörner, die beim Männchen stärker
sind als beim Weibchen. Die Tiere leben in Rudeln in dem lichten
Baumsteppengürtel, der sich von der Küste an etwa 100 Kilometer weit
ins Innere erstreckt.
[Illustration: ~Transport am Rufidji~]
[Illustration: ~Lager am Rufidji~]
[Illustration: ~Auf dem Marsche (links der Verfasser)~]
[Illustration: ~Ein Labetrunk auf dem Marsche~]
Am nächsten Nachmittag ging ich der Karawane voraus, eine dieser
Rappen-Antilopenfährten verfolgend, und stieß dabei auf eine Herde
Paviane -- ~Papio cynocephalus L.~ --, von denen ich einige
abschoß. Im Begriffe, zur Karawane zurückzukehren, bemerkte ich, daß
ich durch das Kreuz- und Querlaufen in der Buschsteppe die Richtung
verloren hatte. Ich stand nun ohne Karte und ziemlich ratlos da; es
begann zu dunkeln und meine Lage wurde unangenehm. Glücklicherweise
hatten einige Schwarze die Schüsse gehört und waren in der Hoffnung,
ich habe ein Stück Wild erlegt, auf die Suche nach mir gegangen. Sie
trafen mich und wir kehrten zur Karawane zurück, welche in einem
naheliegenden Dorfe bereits Lager geschlagen hatte. Ermüdet von
der Jagd, pries ich mich glücklich, daß es gute deutsche Konserven
gab, und tat mich an einer Dose Frankfurter Wurst und einer Flasche
Rotwein gütlich. Während wir noch aßen, erschien ein Bote mit einem
Briefe für meinen Begleiter, der ihm die Nachricht brachte, daß einer
seiner europäischen Angestellten heftig erkrankt sei, und ihn bat,
möglichst rasch auf der Pflanzung zu erscheinen. So beschlossen wir
sofort aufzubrechen und die Nacht durchzumarschieren, um gegen Morgen
auf der Pflanzung einzutreffen. Den Trägern, die aus der Gegend der
Plantage stammten, war es sehr recht, früher nach Hause zu kommen,
und ich hatte, trotz meiner Müdigkeit, auch nichts dagegen, Zeit zu
gewinnen. Wie gewöhnlich, marschierte ich der Karawane voraus und stieß
plötzlich im Dämmerlicht auf frische Löwenfährten. Gerade bückte ich
mich, um dieselben näher zu prüfen, als neben mir im Busch ein Löwe
in großen Sätzen davonsauste. Ehe ich mich vom Schreck erholt hatte,
war das Tier verschwunden. Ich erwartete die Karawane und teilte meinem
Begleiter das Geschehene mit. Er bestätigte mir das Vorkommen von
Löwen in dieser Gegend und war überzeugt, daß ich vorhin einen solchen
verjagt hätte. So war ich ohne mein Zutun dem ersten afrikanischen
Löwen in Freiheit begegnet. Unsere Neger hatten ebenfalls die Fährten
schon bemerkt und waren voller Furcht, da es vorkommt, daß Löwen eine
Karawane vorbeiziehen lassen, um sich auf die Nachzügler zu stürzen.
Dagegen fühlen sich die Träger sicher, wenn ein Europäer mit der
Büchse neben ihnen marschiert. Wir zündeten daher zwei Sturmlaternen
an; mein Gefährte nahm mit seinem Gewehr die Spitze des Zuges und ich
die Nachhut. Beim Weitermarschieren hörten wir das Gebrüll mehrerer
Löwen in der nächtlichen Stille, und dies hatte zur Folge, daß die
furchtsamen Träger beieinander blieben und feste vorwärts marschierten,
so daß wir um 2 Uhr nachts auf der Plantage meines Begleiters
eintrafen, wo wir uns todmüde der wohlverdienten Ruhe hingaben. Wir
hatten von Montag nachmittag bis Sonntag vormittag einen Marschrekord
von über 200 Kilometern aufgestellt. Am Morgen zeigte mir der
Pflanzungsleiter seine Baumwollplantage und lud mich ein, einen Ruhetag
zu machen; aber es drängte mich, zu Herrn Petersen zu gelangen, dessen
Standquartier ich von hier aus in wenigen Marschstunden erreichen
konnte. So verließ ich denn die Pflanzung „Panganya“ und setzte über
den hier 500 Meter breiten Rufidji. Ein Einbaum, das ist ein Boot aus
einem einzigen Baumstamm hergestellt, brachte das Gepäck und die Träger
hinüber.
Der Rufidji mündet in einem dicht mit Mangrovenwald bewachsenen Delta
gegenüber der Insel Mafia in den Indischen Ozean und ist der größte
Fluß Deutsch-Ostafrikas. Seine Nebenflüsse bringen ihm alles Wasser von
etwa ein Viertel der Oberfläche des Landes zu, so daß er die Gebiete
Uhehe, Ubena, Usangu, Mahenge, einen großen Teil des Wagoni-Plateaus,
Ussagara, Ujansi und Ukimbu entwässert. Wenn daher zur Regenzeit
sein mächtiger Nebenfluß, der Kilomberu-Ulanga, der sein Wasser zum
größten Teil aus den den feuchten Südostwinden am meisten ausgesetzten
Ostabhängen des Randgebirges empfängt, seine Fluten heranwälzt, dann
schwillt der Rufidji an und tritt weit über seine Ufer. Stellenweise
wird er nun zum mächtigen See und gleicht dem Nil Ägyptens, monatelang
große Gebiete überschwemmend; nur die höchsten Termitenhügel ragen
dann gleich kleinen Inseln über die Wasserfläche empor und dienen oft
Wasserböcken und anderem Wild als letzte Zuflucht, wenn sie von den
Fluten überrascht werden.
In der Trockenzeit ist natürlich der Fluß viel niedriger; aber in den
überschwemmt gewesenen Gebieten bleiben größere und kleinere Tümpel
sowie seenartige Becken übrig, die zum Teil durch kleine Kanäle oder
Gräben mit dem Flusse in Verbindung stehen; vorzügliche Laichplätze für
die Fische und beliebte Tränkstellen für allerlei Wild.
Leider ist der Fluß nur auf 24 Kilometer Tallänge, von seiner Mündung
aufwärts gerechnet, schiffbar, sodann stößt man auf die mächtigen
Panganifälle und eine Reihe größerer und kleinerer Stromschnellen,
die sich auf etwa 100 Kilometer Länge flußaufwärts hin erstrecken. So
wird kaum jemals eine gute und billige Wasserstraße hergestellt werden
können. Da der Strom eine große Menge Erde und Sand führt, so bilden
sich häufig wechselnde Sandbänke, so daß zur Trockenzeit nur kleinere
Heckraddampfer mit geringem Tiefgang auf dem Unterlauf verkehren
können. Der ganze Fluß ist von Flußpferden belebt und infolge seines
Fischreichtums von vielen Krokodilen bevölkert. Bei unserem Übersetzen
waren die Eingeborenen ziemlich ängstlich, da, wie sie erzählten,
vor kurzem erst ein Flußpferd ein Boot angegriffen und zertrümmert
habe, wobei ein Insasse ertrunken sei. Jedoch gelangten wir ohne
Unfall hinüber. Herr Petersen hatte sein Jagdlager an einem Bache
errichtet. Der Weg dorthin führte durch Dörfer und Baumwollpflanzungen
der Eingeborenen, und wir erreichten es erst nach einem dreistündigen
Marsch. Petersen selbst war nicht zu Hause, aber ein zurückgelassener
Brief benachrichtigte mich, daß er in einigen Tagen zurückkehren
werde. Ich benutzte die Zeit, die Wildfauna zu beobachten und
machte verschiedene Streifzüge. Enten, Gänse, Wasserhühner,
Strandläufer, Reiher, Scharen von Pelikanen bedeckten das Wasser und
die Sandbänke. An Großwild waren vorhanden: Elefanten, Flußpferde,
Büffel, Rappenantilopen, Gnus, Kuhantilopen, Schwarzfersenantilopen,
Warzenschweine, Buschböcke und Wasserböcke (~Cobus ellipsiprymnus
Ogilby~). Der Wasserbock ist eine hirschgroße Antilope von
dunkelbrauner Farbe mit weißen Streifen an den Hüften. Das Männchen
trägt 80 Zentimeter lange, von den Wurzeln an zunächst nach hinten,
später nach vorn gebogene Hörner. Von weitem gesehen erinnert diese
Antilope, namentlich das Weibchen, außerordentlich an das heimische
Rotwild. Für Küchenzwecke erlegte ich eine Schwarzfersenantilope oder
~Impala aepyceros suara Matsch~. Diese mittelgroße Antilopenart
ist hellbraun gefärbt und hat am Hinterlauf an Stelle der fehlenden
Afterzehen schwarze Stellen. Die Männchen tragen lange leierartig
geschwungene Hörner. Die hauptsächlich in lichter Buschsteppe
rudelweise lebenden Tiere fallen dem Beobachter durch ihre oft über 2
Meter hoch ausgeführten Fluchten auf.
Nach zwei Tagen kehrte Herr Petersen zurück und wir trafen unsere
Vorbereitungen zu einem großen Fangzug. Zu diesem Zwecke hatte Herr
Petersen an einem Gewässer, dem Lukongo-See, bei der Ortschaft Utete
eine zweite Jagdhütte aus Ästen, Flechtwerk und Lehm nach Art der
dortigen Negerhütten errichtet und mit Palmwedeln bedeckt. Wir ließen
uns vom Dorfältesten (Jumben) 20 Neger zur Verfügung stellen und
zogen in vierstündigem Marsche nach Utete. Als wir den See erreichten,
bot sich uns ein überraschender Anblick: Hunderte von Negern waren
an einer Seite des Sees versammelt, damit beschäftigt, unglaubliche
Massen von Fischen korbweise aus dem See herauszufischen, während
ihre Weiber und Kinder die Fische langsam am Feuer rösteten. In
flachen Schüsseln ließen sie die Eingeweide der Fische aus, um das
darin enthaltene Fett zu gewinnen und füllten dies in mitgebrachte
Kalebassen (Flaschenkürbisse). Der Lukongosee bildet eine der eben
erwähnten Wassertaschen des Rufidjis, von dem der eine Abfluß während
des niedrigen Wasserstandes trocken lag und so für die Fische einen
geschützten Laichplatz darstellte. Zu bestimmten Zeiten des Jahres
sind daher in solchen Wassertaschen unglaubliche Mengen von Fischen
vorhanden, und da die Eingeborenen dies wissen, so kommen sie mit
Weibern und Kindern von weither, um sich Vorräte von getrockneten
Fischen und Fischfett zu bereiten. Aber auch die fischfressenden Vögel
machten sich diesen Umstand zunutze, und Tag und Nacht hörten wir das
Geschrei der vielen Schreiadler, Milane u. a. m. In dieses Konzert
mischte sich des Abends das unheimliche Gelächter der Hyänen, sowie das
Kläffen der Schakale. Die ganze Umgegend des Sees ist zu dieser Zeit
verpestet von dem Geruch der Fische und der faulenden Abfälle.