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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1926 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
folgenden Symbole gekennzeichnet:
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Antiqua: ~Tilden~
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Auf Großtierfang für Hagenbeck
Auf Großtierfang
für Hagenbeck
Selbsterlebtes aus afrikanischer Wildnis
von
Chr. Schulz
Mit über 80 Illustrationen
nach Original-Aufnahmen
Fünfte Auflage
[Illustration]
Verlag Deutsche Buchwerkstätten, G. m. b. H., Leipzig
[Illustration]
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig
Frau Kommerzienrat Carl Hagenbeck
in herzlicher Verehrung
gewidmet
Inhaltsverzeichnis
Seite
Zur Einführung 9
I. Kapitel. Für Carl Hagenbecks Tierpark in Ost-Afrika 11
II. Kapitel. Jagd- und Fangzug am Rufidji 34
III. Kapitel. Giraffenfang im Meru-Gebiet 76
IV. Kapitel. Quer durch die englische Masaisteppe
und das englische Wild-Reservat 106
V. Kapitel. Auf unserer Tier- und Straußenzuchtfarm 128
VI. Kapitel. Fang von wilden Straußen, Zebras,
Antilopen und Raubtieren 146
Alle Rechte vorbehalten
~Amerikanisches Copyright 1926 by Verlag Deutsche Buchwerkstätten
G. m. b. H., Leipzig~
Zur Einführung
Das vorliegende Buch stellt in seiner Art eine Neuerscheinung auf
dem bereits so reichhaltigen Gebiete der über ostafrikanisches Wild
und seine Jagd vorhandenen Literatur dar. In ihm wird nicht die Jagd
mit der Büchse behandelt, sondern wir lernen die Leiden und Freuden
eines Tierfängers, sein Leben in der Steppe und auf dem Tiertransport,
sowie die Art und Weise kennen, wie er es fertig bringt, mitten in der
Wildnis die Tiere zu fangen, die wir als Zierde unserer zoologischen
Gärten bewundern. Die Methoden des Tierfanges sind dem großen Publikum
durchweg unbekannt, was wohl in erster Linie darauf zurückzuführen
ist, daß wir über diesen speziellen Gegenstand nur eine äußerst
dürftige Literatur besitzen. Kein Wunder! Wer monatelang sein Leben
im dichten Urwald oder in weiten Steppen verbringt, hat durchweg eine
begreifliche Abscheu vor der engen Schreibstube. So haben nur wenige
Tierfänger dürftige Notizen über ihre Erlebnisse veröffentlicht. Sehr
bedauerlich, denn gerade diese mit Natur und Wild in stetem und innigem
Kontakte stehenden Männer hätten uns vieles Interessante mitteilen
können, das über den Rahmen gewöhnlicher Jagdgeschichten hinausgeht
und dem Wissenschaftler oft wertvolles Material in biologischer oder
zoogeographischer Hinsicht hätte liefern können.
Um so mehr ist das Erscheinen des vorliegenden Buches zu begrüßen. Der
Verfasser, Herr Christoph Schulz, war lange Jahre mit großem Erfolg
als Vertreter der Firma Hagenbeck-Stellingen in West- und später in
Ostafrika tätig. Dort habe ich ihn vor Jahren in Aruscha kennengelernt,
und das Schicksal führte uns später in Malta, in englischer
Kriegsgefangenschaft, wieder zusammen. Hier übergab er mir eines Tages
das Manuskript seiner „Ostafrikanischen Erinnerungen“ mit der Bitte,
dasselbe einer Durchsicht zu unterziehen. Ich kam diesem Wunsche um
so lieber nach, als mir die Gebiete, in denen Herr Schulz tätig war,
zum großen Teil aus eigner Anschauung, teils von früheren Jagdzügen,
teils aus der Kriegszeit her bekannt sind. Mit hohem Interesse habe
ich die mir übergebenen Blätter gelesen und den Verfasser auf seinen
Fangzügen auf Nashorn und Flußpferd, Giraffe und Zebra begleitet. Vor
dem geistigen Auge des ehemaligen „Afrikaners“ tauchen sie wieder auf,
die weiten, von Tausenden von Gnus belebten Steppen am Manyara-See, die
majestätischen Bergriesen des Kilimandjaro und Meru und die gelben,
träge sich dahinwälzenden Fluten des Rufidji mit seinen Sandbänken,
seinen Flußpferden und Krokodilen. Von tiefer Sehnsucht nach jenen
herrlichen Jagdgründen wird das Herz erfüllt. Aber auch wer Ostafrika
nicht kennt, kommt bei der Lektüre des vorliegenden Buches auf seine
Kosten, da aus jeder Zeile die dem Weidmann so sympathische Liebe zum
Wild und zur Natur spricht, in schlichtem Stile, aber dennoch warm und
gemütvoll.
Hinweisen will ich noch darauf, daß uns der Verfasser mancherlei
Beobachtungen mitteilt, die neu oder doch noch wenig bekannt und auch
ihrerseits geeignet sind, das Material zur Kenntnis der afrikanischen
Tierwelt, ihrer Verbreitung und ihren Lebensbedingungen zu vermehren.
+Malta+, November 1919
+Eduard Elven+, Zoologe
[Illustration]
Für Carl Hagenbecks Tierpark in Ost-Afrika
„Bliev gesund, mien Jung, un bring mi ’n por lüttje Nashörner mit, denn
mokst mi ’ne groote Freud!“ Mit diesen halb ernsten, halb scherzenden
Worten und mit einem kräftigen Händedruck verabschiedete mich der
biedere alte Herr Hagenbeck zu meiner ersten Reise nach Ostafrika. Ich
war erst kürzlich mit einem Transport von wilden Tieren in Hamburg
eingetroffen und hatte den Stellinger Tierpark wiederum um eine Anzahl
Vertreter der westafrikanischen Fauna bereichert. Das der Wissenschaft
bisher nur aus den dürftigen Berichten Mortons und den wenigen von
Büttikofer nach Europa gebrachten Häuten und Skeletten kaum bekannte
Zwerg-Flußpferd (~Choeropsis~), dem ich schon lange auf der Spur
war, befand sich zu meinem lebhaften Bedauern nicht darunter. Im
Hinterland der Republik Liberia war ich auf die Fährte des sozusagen
unbekannten Tieres gestoßen, und ich hatte all meinen Ehrgeiz daran
gesetzt, um in den Besitz dieses pygmäenhaften Vetters des gewaltigen
Hippopotamus zu gelangen, da wurde ich dicht vor dem Ziel plötzlich von
einem hartnäckigen Sumpffieber befallen. So mußte ich wohl oder übel
von meiner Pionierarbeit ablassen und sah mich zur Wiederherstellung
meiner Gesundheit gezwungen, in die Heimat zurückzukehren. Daselbst
hatte ich mich bald wieder erholt, frische Lebenskraft beseelte mich
und begann mich zu neuer Tätigkeit anzuspornen. Nun sollte ich auf dem
kürzesten Wege über Italien nach Ostafrika reisen, um auch aus diesem
Gebiet verschiedene Wildarten für die weltbekannte Firma zu beschaffen.
Mein Chef wußte wohl, wie schwer es ist, Nashörner, diese bislang so
selten in die zoologischen Gärten gelangten Dickhäuter, einzufangen.
Auf der Durchreise besuchte ich in Rom den nach dem Stellinger Muster
angelegten Tierpark, der, obwohl noch unvollendet, an Größe und an
Schönheit alle meine Erwartungen übertraf.
In Neapel schiffte ich mich auf dem Dampfer „Kronprinz“ der Deutschen
Ostafrikalinie ein. Die Reise führte durch das Mittelmeer, den
Suezkanal, das Rote Meer und den Indischen Ozean. Nach 19tägiger Fahrt
legten wir in Kilindini-Mombasa in Britisch-Ostafrika an. Es ist dies
der Haupthafen der englischen Kolonie und er hat einen lebhaften
Schiffsverkehr.
In halbstündiger Fahrt bringen kleine überdachte Trolleys, von Negern
geschoben, den Reisenden samt Gepäck nach Mombasa, der eigentlichen
Stadt. Die Fahrt durch das prächtige Grün ist für den, der 19 Tage
auf der großen Wasserwüste verbracht hat, ein wahrer Hochgenuß, und
besonders zur Blütezeit, wenn der herrliche Duft die Luft erfüllt,
wirkt das Ganze geradezu berauschend.
Mombasa macht im Europäerviertel, wo moderne Hotels, Post und
Telegraphengebäude, Schulen, Kirchen und Geschäftshäuser stehen,
den Eindruck einer europäischen Stadt. Ruinen einer Burg aus dem
15. Jahrhundert sind die letzten Spuren früherer portugiesischer
Herrschaft, und hohe arabische Steinhäuser künden von der ebenfalls
entschwundenen Macht der Araber. Zwar flattert über dem Kastell noch
immer die rote Flagge des Sultans von Sansibar, aber sie ist nur ein
Zeichen der diplomatischen Courtoisie Großbritanniens. Zwei schmale
saubere und gutgehaltene Straßen führen durch das Geschäftsviertel und
berühren das Auge des Europäers angenehm; dagegen zeigen die von Indern
und Negern bewohnten Viertel mit ihren engen, unebenen, schmutzigen,
jegliche Hygiene entbehrenden Gassen so recht das Gegenteil.
Fast alle größeren Geschäftshäuser sind in den Händen von Europäern
oder Indern, nur die kleinen Kaufläden sowie der Markt werden
ausschließlich von Indern, Arabern und Suaheli-Negern betrieben. Ein
buntes orientalisches Farbenspiel tritt uns hier auf dem Markt von
Mombasa vor Augen. Die verschiedenartigsten Menschenrassen tummeln
sich da zwischen den mannigfaltigsten Naturprodukten des In- und
Auslandes. Berge von Maniokknollen, Bataten, Zuckerrohr, Kokosnüssen,
Ananas, Orangen, Zitronen, riesigen Mangofrüchten usw. liegen neben den
vom Hochland kommenden europäischen Gemüsen; Hühner, Tauben, Enten,
frisches Rind- und Hammelfleisch werden neben allen möglichen Gewürzen
Indiens und Arabiens verkauft.
Inmitten von all dem erheben sich notdürftig eingerichtete
Geschäftsbuden. Hier hat ein indischer Barbier, der die Negerköpfe
blank schabt, seinen primitiven Laden errichtet, dort steht ein
arabisches Café neben dem Verkaufstisch, hinter dem ein Suaheli Fische
feilbietet. Ein unbeschreibliches Durcheinander von Düften schwebt über
dem Ganzen, die Nase des Europäers beleidigend, wohingegen sein Auge
durch ein Bild von Farbentönen entzückt wird, wie es kaum die kühnste
Malerphantasie sich träumen ließe.
So ohne weiteres konnte ich allerdings nicht auf Fang ausziehen,
sondern mußte mir zunächst von den Behörden die notwendigen Papiere,
Jagderlaubnis usw. verschaffen und mich mit den Landesverhältnissen
vertraut machen, was mir auch in kurzer Zeit gelang. Unerwartet schnell
sollte der sehnliche Wunsch des alten Herrn Hagenbeck in Erfüllung
gehen. Erst kürzlich war ein Ansiedler aus dem deutschen Gebiet mit
zwei jungen Nashörnern in Voi an der Ugandabahn eingetroffen und hatte
in der Nähe der Station sein Lager aufgeschlagen. Auf diese Nachricht
hin beschloß ich sofort mit dem nächsten Zuge dorthin zu reisen, um die
beiden Dickhäuter für den Stellinger Tierpark zu erwerben.
Die Fahrt auf der Ugandabahn bietet dem Reisenden viele
abwechslungsreiche Bilder. Der Zug rollt zunächst durch einen
herrlichen Palmenwald, der sich wie ein Gürtel die Küste entlang
hinzieht. Eingeborenendörfer, deren Hütten im Schatten dunkelgrüner
Mangobäume liegen, tauchen auf. Krausköpfige, nackte Negerkinder werden
durch das Heranbrausen der Lokomotive aus ihren Spielen aufgeschreckt
und laufen schreiend und winkend dem Zuge nach. Vereinzelt sieht man
hier und da einige Ziegen grasen. Rinder bekommt man selten zu Gesicht,
denn in diesem Landstrich herrscht die Tsetse-Plage, welche eine
Großviehzucht unmöglich macht.
Die Station Machakos ist erreicht. Hier ist dem Passagier die
letzte Gelegenheit geboten, sich mit Ananas, Bananen, Orangen und
anderen Früchten für die Weiterreise durch die Steppe zu versorgen.
Der Palmengürtel liegt nun hinter uns, das Landschaftsbild hat den
Charakter der typischen Parklandschaft angenommen. Hier und da stehen
einige mächtige Affenbrotbäume (Boabab) und dazwischen vereinzelt große
Schirmakazien. Unangenehm macht sich der vom Zuge aufgewirbelte rote
Staub bemerkbar, der durch die feinsten Ritzen der Türen und Fenster
eindringt. Gegen das grelle Sonnenlicht werden graublaue Schutzfenster
heruntergelassen. Nach etwa sechsstündiger Fahrt erreichen wir
die Dornbuschsteppe. Sie ist charakterisiert durch dichten, fast
undurchdringlichen Dornbusch, verwachsen mit Sansivieren und hohen
Euphorbienarten. Gegen sieben Uhr abends ist die Station Voi erreicht.
Am nächsten Morgen in aller Frühe begab ich mich zum Lager des
Ansiedlers. Wie jauchzte mir das Herz vor Freude, als ich im
provisorisch hergerichteten Kral zwei prächtige Dickhäuter vor mir sah.
Es war ein Pärchen etwa zweijähriger Doppelnashörner, und beide schon
stark entwickelte Exemplare. Als Tierfänger konnte ich mich leicht
in die Erzählung des Ansiedlers hineindenken; manche Strapazen und
Gefahren hatte er zu überstehen gehabt, bis er die beiden Dickhäuter
glücklich im Kral hatte. Gehört doch schon die Jagd auf Nashörner zu
den gefährlichsten ihresgleichen; wieviel mehr steht das Leben des
Jägers auf dem Spiel, wenn er diese kampfbereiten Tiere lebend in
seine Gewalt bringen will. Sehr oft gerät der Tierfänger beim Fang in
schwierige und lebensgefährliche Situationen. Auch ich habe in dieser
Hinsicht manche kritische Episode erlebt, wie der Leser aus folgenden
Kapiteln ersehen wird.
Wir wurden bald handelseinig, und so konnte ich nach Hamburg
telegraphieren: „Schon im Besitz zweier Nashörner.“ Wenige Stunden
später lief die Antwort ein: „Gratuliere, Hagenbeck!“ Da auf der
Ugandabahn wöchentlich nur zwei Züge verkehrten, so nützte ich
meinen Aufenthalt in Voi zu einigen Streifzügen in die Ebene aus, um
die Tierwelt zu beobachten. Vorherrschend war in jenem Gelände die
Dornbuschsteppe, aus der sich einige hohe Berge erhoben. Überall konnte
ich ein reiches Tierleben feststellen; verschiedene Antilopenarten,
Giraffen, Nashörner, Löwen und Leoparden, Wildschweine, Affen und eine
Menge Vogelarten halten sich in der Steppe auf. Zahlreiche Wildwechsel
und Fährten führten zum Voifluß, an den das Wild zur Tränke zog.
Der Transport der beiden Nashörner zur Küste bot keine besonderen
Schwierigkeiten, da die Eisenbahn zur Beförderung der Tiere in
Anspruch genommen werden konnte. Nicht immer so leicht wie hier
gestaltet sich ein Tiertransport durch das wegelose Innere. Da muß
mitunter in unwirtlichen Gegenden erst Schritt für Schritt der Weg
gebahnt werden, über den sich die Karawane mühselig hinschlängelt.
Solche Tierfang-Expeditionen verschlingen große Geldsummen, ohne daß
sich dabei der Tierfänger dem Luxus mancher modernen Sportsjäger und
Afrikareisenden hingibt; Extravaganzen sind für ihn von vornherein
ausgeschaltet. Hier heißt es das Wild in der Natur zu beobachten und
zu studieren, die Tiere lebend und unverletzt in seine Gewalt zu
bringen, in Augenblicken der Gefahr entschlossen zu handeln und oft
als erster mit Lebensgefahr für andere einzuspringen. Doch nicht genug
damit: der Tierfänger soll seine Beute auch gesund und wohlbehalten
zur Küste und von da in zivilisierte Länder bringen. Um dieses
bewerkstelligen zu können, muß er reichliche Erfahrung in seinem
Fache gesammelt haben. Die Pflege und Aufzucht exotischer Tiere ist
eine Wissenschaft für sich, die nur ein ausgezeichneter Tierfreund
sich anzueignen vermag. Jedes Tier muß individuell behandelt werden,
soll dasselbe, das von einem Rudel oder Muttertier abgesprengt wurde,
nicht zugrunde gehen. Auch steckt den meisten Tieren die ausgestandene
Angst vom Einfangen noch in den Gliedern, und das Neue ihrer Umgebung
versetzt sie zuweilen in einen solchen Zustand der Erregung, daß sie
am Herzschlag tot zusammenbrechen. Allem diesem wird ein geschickter
Tierfänger Rechnung tragen und seinen Pfleglingen alle Liebe und
Sorgfalt angedeihen lassen. Eine Karawane wird auch stets eine Anzahl
von Milchkühen, Ziegen sowie Milchvorräte mit sich führen, damit die
Tier-„Babies“ genügend Nahrung bekommen. Ist aber eine wasserarme
Gegend zu durchqueren, so muß reichlicher Wasservorrat auf den
Lasttieren oder auf den Köpfen der Träger mitgeschleppt werden;
dabei hat der Karawanenleiter auch sein Päckchen Sorge zu tragen, damit
es den Tieren, aber noch mehr den Menschen an nichts gebricht. Die
Anhänglichkeit vieler Tiere an Menschen, die ihr Vertrauen gewonnen
haben, sowie ihr Gedächtnis für gute Behandlung ist mitunter ganz
erstaunlich. Dies sind die Freuden des Karawanenleiters, die ihm über
alle Sorgen und Strapazen hinweghelfen.
[Illustration: ~Kommerzienrat Carl Hagenbeck~ †]
[Illustration: ~Der Bahnhof nach seiner Vollendung (1913)~]
[Illustration: ~Haus des Bezirksamtmanns der Grenzstation Taveta
(Britisch-Ostafrika)~]
Die beiden Nashörner, Bob und Marianne, brachte ich mit ihren Wärtern,
zwei Masais, zur Küste. Dies war bei der Anhänglichkeit der Dickhäuter
an ihre zwei schwarzen „Nurses“ äußerst einfach. Bis zur Bahnstation
liefen Bob und Marianne wie Hunde ihren Wärtern nach. Sie folgten ihnen
auch willig über die Rampe in den Bahnwagen, und fort ging die Reise
nach Mombasa. Ein in der Nähe der Stadt liegender Platz mit wilder
Vegetation war wie geschaffen zum Aufenthalt meiner beiden Nashörner.
Der Besitzer dieses Platzes, ein liebenswürdiger Österreicher, der hier
ein Hotel baute, stellte ihn mir gerne zur Verfügung und zeigte selbst
das lebhafteste Interesse für meine Pfleglinge. Für die Bewohner von
Mombasa war die Ankunft der beiden Nashörner ein außergewöhnliches
Ereignis; alt und jung lief herbei, um die beiden Dickhäuter
anzustaunen. Natürlich bekam ich von den Eingeborenen sofort den Namen
„Bwana Kifaru“, die Suaheliworte heißen auf deutsch: Herr Nashorn. Die
Schwarzen haben nämlich die eigentümlichen Gewohnheiten, jeden Europäer
nach irgendeinem ihnen auffallenden Merkmale zu benennen und die
europäischen Namen ganz zu ignorieren.
So anhänglich und sanft Bob und Marianne gegen ihre Wärter und auch
bald gegen mich waren, so abweisend und grob konnten sie gegen allzu
zudringliche und neugierige Besucher werden, und einige der letzteren
machten trotz gutgemeinter Annäherungsversuche unangenehme Erfahrungen.
Einer der ersten hierunter war der Eigentümer des Platzes selbst. Er
pflegte, sooft er den Bau seines Hotels besichtigte, bei den Tieren
vorzusprechen und ihnen Leckerbissen zu reichen. Eines Tages wollte
er Bob kraulen, aber das Nashorn verstand die Handbewegung falsch
und senkte prustend das Horn gegen ihn. Der Herr suchte sein Heil in
schleunigster Flucht. Von Bob verfolgt, rettete er sich auf einen
aufgeschütteten Sandhaufen, dessen lockeres Material dem schweren
Nashorn glücklicherweise nicht erlaubte nachzukommen. Auch Marianne
stürzte herbei und unterstützte ihren Gefährten, den Herrn auf dem
Sandhaufen zu bewachen. Erst das Eintreffen des Wärters machte der
tragikomischen Szene ein Ende. Willig folgten die Tiere dem Masai und
ließen von ihrem erschreckten Opfer ab.
Da ich die beiden Nashörner gut untergebracht hatte und in angemessener
Pflege wußte, konnte ich ohne Sorge mich nach weiteren Tieren umsehen.
Zunächst reiste ich mit dem Dampfschiff von Mombasa nach Tanga in
Deutsch-Ostafrika, weil mir von dort verkäufliche Tiere gemeldet
wurden. Der Wechsel aus einer englischen in eine deutsche Kolonie ist
sofort fühlbar. Während z. B. auf englischem Gebiet an der Ugandabahn
aufwärts weite Strecken noch unbebaute Steppen sind und erst über 300
Meilen von der Küste entfernt bei der Hauptstadt Nairobi Farmbetrieb
beginnt, sieht man auf deutschem Boden, wie Arbeitslust und Methode
schon von der Küste an die Natur zur Produktion zwingt. Gleich bei
Tanga fährt die Bahn durch Kokospflanzungen, bald aber wechseln diese
mit Kautschukplantagen ab, welche aus prächtigen Bäumen bestehen,
so daß man glauben könnte, durch einen wohlgepflegten deutschen
Laubwald zu fahren. Dann folgen wieder meilenweit Sisal-Pflanzungen
usw., kurz, wo man hinsieht, trifft man auf verständige Ordnung und
methodische Arbeit. Auch fällt dem Besucher bei der Ankunft in Tanga,
wenn er vorher das englische Mombasa besucht hat, das gesetzte und
ruhige Benehmen der Bevölkerung wohltuend auf gegen das unverschämte
lärmende und streitsüchtige Gebaren der Eingeborenen in Mombasa. Tanga
ist ein sehr hübsch gelegenes Städtchen mit breiten baumbepflanzten
Straßen und prächtigen Gebäuden, villenartigen Wohnhäusern, guten
deutschen Hotels; ein vorzüglich eingerichtetes Hospital, Post-
und Telegraphenamt nebst stattlichem Bezirksgebäude, verschiedene
christliche Kirchen und Schulen, Banken und Geschäftshäuser geben
Zeugnis von dem Aufblühen der Stadt. Die schwarzen Beamten der Post
sprechen deutsch nebst Suaheli, der Landessprache. Der Dampfertag ist
immer ein Festtag für die Bewohner der Stadt und wird abends durch ein
Konzert der Negerschülerkapelle auf dem Bismarckplatz gefeiert. Alles
kommt zu diesen Konzerten, um bei einem Glase Bier heimatlichen Weisen
zu lauschen.
Von Tanga aus unternahm ich einige Streifzüge in das Usambaragebirge
und an den Panganifluß. Hier konnte ich einen rechten Einblick
gewinnen, welchen Schatz an Wild unsere Kolonie besitzt. Wohl wenige
Länder der Erde haben einen derart reichhaltigen und verschiedenartigen
Wildbestand aufzuweisen. In dem sich längs des Flusses hinziehenden
Buschgelände tummeln sich die flinken und drolligen Meerkatzen. Diese
meist auf Bäumen lebende Affenart ist dem Pflanzer bei weitem nicht so
unsympathisch, wie die so schädlichen Paviane, welche in den Feldern
durch Herausreißen und Vernichten der Kulturen große Verheerungen
anrichten. Ein anderes dem Pflanzer verhaßtes Tier ist das Flußschwein.
Diese Schweineart richtet ebenfalls in den Mais- und Maniokfeldern
ungeheuren Schaden an. Nicht genug, daß sie sich vollfressen, zerwühlen
und verwüsten sie alles, was ihnen in den Weg kommt. Der Pflanzer geht
diesen Schädlingen zuleibe, wo er nur kann. Löwe und Leopard sind die
einzigen Tiere, die unter den Schwarzkitteln aufzuräumen verstehen,
weshalb die beiden sonst so gefürchteten Raubtiere vielfach den Schutz
des Ansiedlers genießen.
An Großwild konnte ich einen prächtigen Kaffernbüffel aus dem
Schumewalde, ~Bubalus caffer rufuensis Zukowsky~, erstehen.
Das kraftstrotzende schwarzbraune Tier, mitten in einer Rinderherde
äsend, repräsentierte mit seinem starken Gehörn, dunkeln Lichtern,
zottiger Decke und langbehaarten Ohrrändern so recht die Stärke und
das bösartige Aussehen seiner Sippe. Der Büffel wurde nebst anderem
afrikanischen Wild zur Küste transportiert. Ich bestieg in Tanga wieder
das Schiff, und nach 24stündiger Fahrt über Sansibar ankerte der
Dampfer in Daressalam.
Daressalam, die Hauptstadt Deutsch-Ostafrikas, der Sitz des
Gouverneurs, ist nicht nur die schönste Stadt der Kolonie, sondern
hat auch den besten Hafen der ganzen Ostküste. Von Norden kommend,
nähert sich das Schiff dem weißen Strande der Küste. Zwei vorgelagerte
Inseln heben sich deutlich vom Hintergrunde ab. Palmengruppen und weiße
Gebäude beleben das Bild. Das Schiff fährt links an den besagten Inseln
vorbei und läuft durch eine ungefähr 150 Meter breite Einfahrt in den
Hafen. Ein herrliches Panorama entfaltet sich plötzlich: prachtvolle
Kirchen, Regierungsgebäude, Villen und andere Baulichkeiten der
Europäer schimmern mit ihren weißen Mauern und roten Dächern durch den
grünen Gürtel der Kokospalmen.
Der Eindruck am Lande entspricht dem Bilde, welches man vom Schiffe
aus sieht. Saubere, breite, mit Akazienbäumen bepflanzte Straßen
führen durch die Stadt. Denkmäler erinnern an die Verdienste unserer
Helden in Kolonie und Heimat. Überall herrscht reges und geselliges
Leben. Durch die Straßen flitzen flinke Rikschas, die man sonst nur im
fernen Osten sieht, jene leichten zweirädrigen, von Farbigen gezogenen
Wagen. Hotels, Klubs, Geschäftshäuser, eine Brauerei, eine Eisfabrik
und sonstige Betriebe sorgen für die Bedürfnisse der Europäer. Auch im
Eingeborenen- und Inderviertel herrscht trotz der bunten Abwechslung
Ordnung und Reinlichkeit. In der Umgebung der Stadt wechseln
Palmenhaine mit saftigen Rasenflächen und gut gepflegten Pflanzungen
ab. Die Stadt befindet sich im vollen Aufblühen. Handel und Verkehr
haben sich in den letzten Jahren über Erwarten gut entwickelt.
Allerdings finden wir hier an der Küste nicht die gleich günstigen
klimatischen Verhältnisse, wie solche im Innern auf den Hochländern im
Norden herrschen. Der Europäer kann aber auch hier bei entsprechender
Tätigkeit (schwere körperliche Arbeit ist hier selbstverständlich für
den Weißen ausgeschlossen) lange Jahre leben, ohne an seiner Gesundheit
Schaden zu erleiden, sofern er nur die wenigen leicht zu befolgenden
sanitären Vorsichtsmaßregeln beachtet (Chinin-Prophylaxis, Mäßigkeit
im Alkoholgenuß usw.). Selbst die früher so gefürchtete Malaria hat
infolge des heutigen hohen Standes der modernen Tropenhygiene fast
alle ihre Schrecken verloren. Man kann ruhig sagen, daß die gewöhnlich
auftretenden Tropenkrankheiten, von denen auf die Dauer wohl kein
Kolonist gänzlich verschont bleibt, bei weitem nicht so gefährlich
sind, wie man meistens anzunehmen pflegt.
Hier in Daressalam begünstigte mich das Glück. Unser Stellinger
Tierpark besaß zwar einige indische Elefanten, hatte aber noch
keinen afrikanischen aufzuweisen. Ein solches Tier konnte ich hier
auf sonderbare Weise erwerben. „Jumbo“, ein etwa anderthalbjähriger
Elefant, war mit Beschlag belegt und stand in Obhut des
Polizeiwachtmeisters Fritz. Um den Hals trug der Dickhäuter ~nolens
volens~ ein schwarz-weiß-rotes Band mit dem bekannten Siegel,
welches der Gerichtsvollzieher an gepfändete Sachen anzulegen pflegt.
Auf der Boma (Bezirksamt), woselbst er untergebracht war, wurde
Jumbo als Wasserpumper abgerichtet. Freilich war er so schlau,
gleich aufzuhören, wenn er genügend Wasser für sein eigenes Ich
heraufbefördert hatte. Das vollkommen zahme Tier wurde auch zu
allerhand anderen Diensten, z. B. als Plakatträger, verwendet. Auf
seinen Gängen durch die Stadt plünderte er oft genug die Marktkörbe
der Neger, was jedesmal ein großes Hallo gab; als echter Afrikaner
hatte Jumbo ebenfalls eine besondere Vorliebe für Pombe (Bier der
Eingeborenen), aber auch für europäisches Bier. Deswegen trieb er sich
am liebsten vor den Hotels herum, um dort die Bierreste auszutrinken.
Er nahm es auch gar nicht so genau, gelegentlich seinen Rüssel über
den Kopf eines ahnungslosen Gastes hinweg in dessen frisch gefülltes
Bierglas hineinzustecken; ehe sich’s nun der erschreckte Gast
versah, war sein Glas bis auf den Boden leer. Obwohl Jumbo unter
polizeilicher Aufsicht stand, brachte es diese doch nicht so weit,
ihrem Schutzbefohlenen den Unterschied von Mein und Dein beizubringen.
So ohne weiteres konnte ich allerdings nicht in den Besitz des
Elefanten gelangen; erst nach Hinterlegung der festgesetzten Summe und
durch die unermüdliche Unterstützung eines Rechtsanwaltes war es mir
möglich, Jumbo bei dem bald folgenden Abtransport der erworbenen Tiere
noch mitnehmen zu können. Inzwischen war ich noch im Morogoro-Gebiet
tätig gewesen und konnte dem schon recht ansehnlichen Transport noch
eine Anzahl Buschböcke, Hyänenhunde und andere Tiere hinzufügen.
Das Einsetzen der Regenzeit machte einen erfolgreichen Fangzug
vorläufig unmöglich. Dazu lief noch von der britischen Regierung ein
Verkaufsangebot für einen indischen Elefanten ein, weshalb ich mich
wieder in das englische Gebiet begab. Dieser Elefant war vor einem
Jahre von der Kolonialregierung als Lasttier in das Ugandagebiet
importiert worden. Der Versuch hatte aber den Erwartungen nicht
entsprochen, und so konnte ich das Prachtexemplar erwerben.
Zwischen dem indischen Elefanten (~Elephas indicus L.~) und dem
afrikanischen (~Loxodonta africana Blbch.~) besteht ein großer
Unterschied. Der afrikanische Elefant hat bedeutend größere Ohren als
der indische. Die Stirn des afrikanischen Elefanten ist flach, während
sie beim indischen gewölbt ist. Die Stoßzähne des Afrikaners sind
stärker entwickelt als die des Inders. Beim ersteren tragen beide
Geschlechter Elfenbein, während bei dem letzteren solches den Kühen
fehlt, bei den Bullen häufig auch nicht vorhanden ist. Die Rückenhöhe
des afrikanischen Elefanten ist bedeutend höher als die des indischen.
Die Behörde sandte mir laut Vereinbarung den indischen Elefanten
„Futki“ mit seinem Mahut (indischen Wärter) nach Mombasa. Dieser Riese
war entschieden das verwöhnteste und kostspieligste Tier unter meinen
Schützlingen. Außer 20 Pfund Reis pro Tag verschlang er noch große
Mengen von Zuckerrohr und Bananenstauden und brauchte täglich sein
Bad. Tagsüber bestreuen sich die Elefanten mit Erde und Sand, um sich
gegen die Fliegen zu schützen. Zusammen mit der Hautfeuchtigkeit bilden
diese Erde- und Sandteilchen allmählich eine richtige Borke auf der
Haut, die durch Wasser und kräftiges Scheuern wieder abgerieben wird.
So wurde Futki täglich in Mombasa an einen Brunnen in der Nähe des
deutschen Konsulats geführt, dort kniete er nieder: einige Schwarze
schöpften Wasser aus dem Brunnen und schütteten es über den Koloß,
während der Wärter auf ihm stehend die Haut mit einem Besen richtig
abschruppte. Ich hatte für Futki einen günstigen Platz bekommen, und
zwar in allernächster Nähe des Aufenthaltsortes meiner Nashörner. Ein
mächtiger Mangobaum stand da, an den das große Tier angebunden wurde
und wo es Schutz vor der brennenden Sonne fand. Natürlich war der Platz
beständig von Gaffern umlagert, besonders von den Indern der niederen
Klasse. Nach einem alten indischen Glauben gibt das Durchkriechen
unter dem Leib eines Elefanten dem Weibe Fruchtbarkeit. Viele Inder
brachten deshalb schleunigst ihre vermummten Weiber herbei und ließen
sie unter den Elefanten durchkriechen, so daß beständig ein Unglück
zu befürchten war; auch die Elefantenlosung wurde säuberlich von den
Indern weggeholt. Wahrscheinlich war auch hier irgendein religiöser
Grund mit im Spiel.
Einige Wochen später konnte ich den beiden Nashörnern „Bob“ und
„Marianne“ noch einen Stammesgenossen zugesellen, dem sein natürlicher
Suaheliname „Kifaru“ (Nashorn) beigelegt wurde. Es war ein junger Bulle
und ein wenig kleiner als Marianne. Seine Unterkunft verursachte eine
interessante Szene. Der Neuankömmling wurde von Bob und Marianne mit
lautem Gepruste begrüßt und zunächst mit einem Angriff beehrt. Nachdem
einige tüchtige Rippenstöße als gegenseitige Begrüßung ausgewechselt
waren, befreundeten sich die Tiere rasch, und schon am Abend schliefen
sie in friedlicher Eintracht nebeneinander.
Es war erstaunlich, wie flink und gelenkig sich die drei Tiere trotz
ihres schweren und plumpen Körpers beim Spiele zeigten. Stundenlang
ergötzten sich die Besucher an ihrem Treiben. Zu den ständigen
Besuchern zählte auch ein Pater aus der benachbarten Missionsstation.
Der Hochwürdige trat eines Morgens, als die Wärter nicht zugegen waren,
in das Gehege der Nashörner ein, um seine Lieblinge zu besuchen. Auf
einmal wandten sich Bob und Marianne schnaubend gegen den verdutzten
Herrn, dem nichts anderes übrigblieb, als mit hochgeschürzter Soutane
Reißaus zu nehmen. Das Komische des Auftrittes erhöhte sich noch, als
der Pater auf dem Wege der Flucht an einem Ehepaar vorbeilief, auf
welches nun die beiden Nashörner zustürzten. Der zärtliche Ehemann
ergriff mit seinen langen Beinen schleunigst die Flucht und ließ
seine Lady stehen, die nichts weiter tun konnte, als ihren grellen
Sonnenschirm als Schutz vor sich zu halten. Die herbeieilenden Wärter
erschienen gerade noch zu rechter Zeit, konnten die Tiere beruhigen und
die Dame aus ihrer peinlichen Lage befreien.
[Illustration: ~„Futki“ der große indische Elefant in Mombasa unter
einem Mangobaum~]
[Illustration: ~„Jumbo“ auf seinen Spaziergängen in Daressalam~]
Es war nun die höchste Zeit geworden, die vielen verschiedenen
Transportkästen für die Reise nach Hamburg herzustellen. Große Mengen
von Nahrungsmitteln aus dem Tier- und Pflanzenreiche mußten für die
verschiedenen Tiere beschafft werden. Alles dieses erforderte große
Umsicht und war mit vielen Unkosten, Mühe und Arbeit verbunden.
Nach Eintreffen des Überseedampfers „Herzog“ bewegte sich die ganze
Karawane nach Kilindini, woselbst die Tiere in ihren bereitgehaltenen
Transportkästen auf das Schiff verladen wurden; nur der indische
Elefant Futki konnte in seiner Riesenkiste nicht transportiert werden.
Er wurde an den Kai geführt und mit einem angelegten Bauchgurt
durch einen Kran auf den Leichter hinabgelassen. Der Leichter wurde
längsseit des Dampfers bugsiert und auf gleiche Weise wurde hier der
große Dickhäuter mittels Schiffswinden an Bord befördert, wo sein
Transportkasten bereit stand. Während des ganzen Verschiffungsvorganges
saß der indische Wärter auf dem Nacken des Elefanten, um das Tier zu
beruhigen. Trotz dieser Vorsichtsmaßregeln ließ sich der Riese die
Schwebefahrt nicht ohne energischen Widerstand gefallen. Besonders beim
Übernehmen auf den Dampfer, als ihn einige Male die Kranketten unsanft
berührten, und er mit dem Kopf gegen die Bordwand stieß, geriet er in
Wut und begann ein ohrenbetäubendes Trompeten. Das aufgeregte Tier
schlug mit dem Rüssel und mit den Beinen um sich, und es bedurfte der
ganzen Geschicklichkeit des Mahuts, ihn einigermaßen zu beruhigen.
An Bord wurde dem Elefanten der Bauchgurt abgenommen, worauf er mit
großer Mühe in seinen Transportkasten gebracht wurde. An völlige
Bewegungsfreiheit gewöhnt, begann der Dickhäuter, sobald der Kasten
geschlossen war, mit all seinen ungeheuren Kräften sein Gefängnis zu
sprengen. Trotzdem er an Vorder- und Hinterbeinen gefesselt war, und
trotz der starken Konstruktion des Kastens, gelang es ihm, seinen
Käfig teilweise zu zertrümmern, so daß uns nichts anderes übrigblieb,
als das aufgeregte Tier zu befreien und ihm einen isolierten Platz an
Deck zu suchen, wo seiner erwachten Zerstörungswut jeder Gegenstand
fehlte. Endlich konnte ich aufatmen, denn während des ganzen
Verladungsvorganges war ich in beständiger Furcht, daß jemand aus den
umdrängenden schaulustigen Fahrgästen von dem erregten Tier verletzt
werden könnte.
Jetzt kamen noch die Nashörner zur Verladung. Auch diese waren sehr
aufgeregt und gebärdeten sich wie toll in ihren Kästen. Um die Tiere
etwas zu beruhigen, wollte ich die beiden schwarzen Wärter bis zur
Abfahrt des Dampfers mit an Bord nehmen. Dies stellte sich aber als das
schwerste Stück Arbeit der ganzen Verschiffung heraus. Waren die beiden
aus dem Innern stammenden Wilden schon von maßlosem Staunen erfüllt,
als sie das erstemal das unendliche Meer und die darauf schwimmenden
Riesenschiffe sahen, so wollten sie um keinen Preis ein solches
Zauberschiff besteigen. Es bedurfte meiner ganzen Überredungskunst und
Autorität, um die wie Kinder vor Furcht weinenden Männer ins Boot und
auf den Dampfer zu bringen. Vielen Spaß machte uns allen das Benehmen
der beiden Masais an Bord. Furcht, Neugierde und Erstaunen wechselten
in ihrem lebhaften Mienenspiel. Alles für sie Unbegreifliche, besonders
die elektrische Beleuchtung und das einfache Ein- und Ausschalten
derselben jagte ihnen eine abergläubische Furcht ein. Nachdem die
beiden Schwarzen zum letztenmal ihre Pfleglinge, die Nashörner,
gefüttert und beruhigt hatten, entließ ich sie reich beschenkt in ihre
Heimat.
Es ist schon schwer auszudrücken, welche Sorgen einem Transportbegleiter
auferlegt werden, wenn er die der Wildnis entrissenen Tiere gesund nach
Europa bringen will. Ganz abgesehen davon, daß die meisten derselben
an ein ihnen fremdes Futter gewöhnt werden müssen, hat das Wild in den
nur wenig Raum gewährenden Transportkisten und unter den klimatischen
Einflüssen schwer zu leiden. Das Rollen des Schiffes übt auch auf die
meisten Tiere seine Wirkung aus. Sie werden seekrank und können durch
Nahrungsverweigerung leicht eingehen. Gerade deshalb, weil an den
Tieren beim Transport nicht die richtige Sorgfalt und verständnisvolle
Pflege angewendet worden ist, sind so manche Exemplare nicht lebend
nach Europa gekommen. Auch ich hatte meine liebe Not mit der Aufwartung
aller meiner Pfleglinge, bei welcher mir der mitgenommene Mahut und
einige Leute eifrigst zur Hand gingen. Manchmal hieß es entschlossen
zuzugreifen, um Unheil vorzubeugen. Der Postdampfer „Herzog“ war
wirklich wie in eine Arche Noah verwandelt. Außer den Elefanten und
Nashörnern waren viele Kästen mit Antilopen, darunter eine prächtige
Elenantilope, Busch-, Ried- und Sumpfböcke, ein Kaffernbüffel, Affen,
Krokodile, Schlangen, Strauße und Vögel aller Art teils an Deck und
teils in den Schiffsräumen untergebracht. Am meisten Sorge machte mir
ein Colobusaffe. Diese Affenart ist wegen ihrer Empfindlichkeit gegen
Nahrungswechsel äußerst schwierig zu transportieren. Das Tier gelangte
aber wohl und gesund in Hamburg an.
Die kritischsten Stunden waren für mich dann, wenn wir einen Hafen
anliefen. Der Verkehr und Tumult an Deck, sowie das Rasseln der Winden
und Ketten beim Ein- und Ausladen der Frachtgüter versetzte die Tiere
stets in große Aufregung. Ich war daher froh, wenn wir wieder auf See
waren und die Tiere dann sich allmählich beruhigt hatten. An kleinen
Zwischenfällen, teils ernster, teils heiterer Art, sollte es auch auf
dieser Fahrt nicht fehlen.
Es gab eine komische Szene, als unsere beiden Elefanten sich beim
Morgenspaziergang an Deck einander begegneten. Da der große indische
Elefant ein sehr gutmütiges Weibchen war und Jumbo ein junger Bulle, so
war keine Feindseligkeit zwischen beiden Tieren zu befürchten. Jumbo
näherte sich dem großen Elefantenweibchen und beschnüffelte es, wollte
sich aber weiter nicht mit der indischen Gefährtin abgeben. Futki aber
schien von der mangelnden Galanterie des jungen Herrn nicht erbaut zu
sein, sondern wünschte offenbar nähere Bekanntschaft zu machen; als ihm
Jumbo daher die Kehrseite zudrehte, packte Futki ihn mit dem Rüssel
am Hinterbein, worauf Jumbo vor Schreck in ein jämmerliches Trompeten
ausbrach. Darauf brummte Futki verächtlich und ließ den kleinen
Afrikaner laufen. Derselbe nahm Reißaus und wollte nichts mehr von der
großen Dame wissen.
Jumbo war auf dem Vorderdeck untergebracht. Die Schiffsmannschaft
mußte, um in ihre Räume zu gelangen, jedesmal an ihm vorübergehen.
Der Elefant streckte jedem Vorübergehenden zutraulich den Rüssel
entgegen, denn er wußte aus Erfahrung, daß jedermann ihm etwas zu
geben pflegte. Er wurde auch hier von den Matrosen mit Zuckerstücken,
Brot und Früchten reichlich versehen. Eines Tages aber warf ihm ein
boshafter Araber ein Stückchen Eis in den aufgesperrten Schlund.
Da die kolbenförmige Zunge des Elefanten es ihm unmöglich macht,
einen Gegenstand, der einmal zwischen die vorgestreckte Zunge und
den Schlund geraten ist, wieder auszuspeien, so mußte Jumbo den
Eisbrocken verschlucken und erschrak mächtig durch das unbekannte, vom
Eisstückchen erzeugte Kältegefühl. Er merkte sich aber den Missetäter,
und eines Morgens, als wir Jumbo etwas herumlaufen ließen, kam ihm
gerade der bewußte Araber mit einem Teekessel in den Weg. Jumbo entriß
ihm denselben und goß sich ohne weiteres den Inhalt in den Rachen. Der
zu heiße Trank verbrannte ihm aber das Maul, und wütend schleuderte
er den Teekessel zu Boden. Da er an eine neue Tücke des Arabers
glaubte, stürzte er sich wütend auf denselben, und nur dem Umstand,
daß der Mann sich blitzschnell auf eine in der Nähe befindliche Treppe
flüchten konnte, verdankte er seine Rettung vor dem Rüssel Jumbos.
Dieser Vorfall veranlaßte mich, den Elefanten auf dem Achterdeck
unterzubringen, damit er nicht ganz verdorben würde und kein weiterer
Unfall vorkäme. So gutmütig die klugen Tiere sind, so bösartig können
sie durch stetes Necken und Quälen werden. Dabei haben sie ein ganz
außerordentliches Gedächtnis sowohl für gute als auch für schlechte
Behandlung. Ein anderes Mal hatte ich nach einem recht anstrengenden
Tage mich gerade zu Bett begeben, als der Steward mich mit den Worten
heraustrommelte: „Kommen Sie schnell, Jumbo ist los und läuft an
Deck herum!“ Auf einen solchen Fall vorbereitet, griff ich aus dem
Zuckerpaket eine Handvoll Zuckerstücke und brachte ohne Mühe Jumbo,
der in den Speisesaal eingedrungen war, auf seinen Platz zurück. Mit
Hilfe einiger Leute der Schiffsmannschaft baute ich nun rasch eine Art
Kral, um dem Tiere ein wenig Bewegungsfreiheit zu lassen, es aber am
Herumlaufen zu hindern. Wir schleppten die schweren Transportkisten der
Nashörner, des Büffels usw. heran und stellten sie um Jumbo herum auf,
im Glauben, daß sie mit ihrem lebenden Inhalt schwer genug seien, um
den Elefant als Zaun zu dienen. Gerade war ich wieder am Einschlafen,
als ich zum zweitenmal geweckt wurde. „Jumbo ist wieder los!“ Wieder
ging’s an Deck, wo mir Jumbo freudig entgegengrunzte und mir mit Hilfe
des zu erwartenden Zuckers wieder gehorsam an seinen Platz folgte.
Diesmal wurde er aber mit Tauen gefesselt. Bei diesem Ausbruch hatte
Jumbo den ersten Schiffsingenieur, der in tiefem Schlafe in seiner
Kabine lag, zu Tode erschreckt. Bei seiner Entdeckungsreise war der
Elefant nämlich an dessen Kabine vorbeigekommen und hatte seinen Rüssel
durch das offene Fenster hineingestreckt und im Dunkeln herumgetastet.
Der Ingenieur, einen warmen Luftzug über seinem Gesicht fühlend,
hatte instinktiv die Hand erhoben und war in Berührung mit dem Rüssel
gekommen. Blitzschnell kam ihm der Gedanke, eine der Riesenschlangen
befinde sich in seiner Kabine, und voller Schrecken fuhr er aus seinem
Bett. Jumbo aber war durch die Berührung mit seiner Hand selbst
erschreckt und trompetend abgezogen, während dem Ingenieur klar wurde,
mit wem er es zu tun hatte.
Da in der Freiheit die Elefanten nachts äsen, so ist es erklärlich,
daß sie besonders gern während der Nacht Unfug anstellen. Auch Futki
trieb manchmal Allotria. Eines Nachts fiel ihm ein, die zum Schutze
gegen die Sonne aufgespannten Segeltücher zu zerreißen; ein anderes
Mal machte er sich an einer Winde zu schaffen. Er ergriff einen
Hebel und bog die Stange krumm, als wenn sie Draht gewesen wäre. Der
Schiffsschmied hatte eine Stunde Arbeit, um sie wieder auszurichten.
Das ging aber Futki gegen den Strich, er ergriff die Stange zum
zweitenmal und brach sie mit einem kräftigen Ruck in der Mitte entzwei.
Es blieb nichts anderes übrig, als ihn beständig zu überwachen und
ihn von Zeit zu Zeit spazieren zu führen. Dies geschah zur Freude
der Passagiere, die den Riesen mit allerlei Leckerbissen bedachten.
Besonders hatten die Kinder eines mitreisenden Oberstabsarztes mit
Futki Freundschaft geschlossen, so daß ich bei der Gutmütigkeit des
Tieres dem sehnlichen Wunsch der Mädchen, auf dem Elefanten spazieren
zu reiten, nachkommen konnte.
Die drei Nashörner waren durch die lange Seefahrt oft sehr erregt, so
daß ich sie nur selbst füttern konnte. In ihrer ärgerlichen Stimmung
boxten sie mir manchmal den Futternapf aus den Händen, so daß die
kostbare Milch über den Boden floß. Dies bereitete allerdings den
zusehenden Passagieren ein großes Vergnügen, bekam aber mir und meinen
Kleidern weniger gut.
Je mehr wir uns der nordischen Heimat näherten, desto kühler wurde es,
und die an die afrikanische Wärme gewöhnten Tiere mußten gegen das
rauhe Klima geschützt werden. Da war es nun ein schwieriges Problem, in
dem beschränkten Raum des Schiffes geschützte Stellen für alle Tiere
zu finden. Wir hatten unsere liebe Not, aber dank des freundlichen
Entgegenkommens von Kapitän und Offizieren wurde Rat geschaffen. Am
empfindlichsten gegen die Kühle zeigte sich der indische Elefant. Wir
mußten ihn daher im Zwischendeck unterbringen. Da es auf den Seiten zu
niedrig für die Höhe Futkis war, so richteten wir ihm einen Platz auf
der Ladeluke her, deren Deckbretter mit Segeltuch überzogen wurden.
Während der Nacht zerriß der Elefant dieses Segeltuch in Fetzen und
begann die einzelnen Planken der Ladeluke aufzuheben und in den Raum zu
werfen. Als mich der erschreckte Mahut morgens um vier Uhr herbeigeholt
hatte, stand Futki nur noch auf drei Beinen auf den übriggebliebenen
Planken, mit dem vierten pendelte er in der Luft. Jeder Fehltritt
hätte das Tier in die drohende Tiefe befördert. Schleunigst ließ ich
den ersten Offizier in Kenntnis setzen, und erst nach mehrstündiger
Arbeit gelang es wieder, alles in Ordnung zu bringen. Ich blieb zur
Beobachtung in der Nähe, und als der Elefant wiederum am Rande seines
Standplatzes nach einem Segeltuchzipfel suchte, um sein Zerstörungswerk
fortzusetzen, erhielt er einen kräftigen Schlag auf sein Greiforgan.
Nachdem ich nun wußte, wo er anfing, ließ ich den ganzen Rand seines
Standplatzes von dem Mahut mit der Losung des Elefanten belegen.
Das half prompt, denn sobald das Greiforgan, das zugleich ein sehr
empfindliches Riechorgan ist, die Losung berührte, fuhr es mit Abscheu
zurück. Nach mehreren gleichen Erfahrungen in allen Richtungen gab das
Tier endlich die Zerstörungsversuche auf.
Nach 28tägiger Seereise liefen wir in die Elbmündung ein. Ich hatte
den Verlust nicht eines einzigen Tieres zu beklagen. Alle waren wohl
und gesund. Dies meldete ich telegraphisch von Cuxhaven aus meiner
Firma, damit sie alle Vorbereitungen zum Abtransport treffen konnte.
Inzwischen ließ ich alle Transportkästen an Bord bereitstellen, jedoch
verspätete sich unsere Ankunft in Hamburg, und ehe der Dampfer am
Amerikakai festlag, war es bereits dunkel geworden. Der alte Herr
Hagenbeck, der schon längst unsere Ankunft erwartet hatte, kam sofort
an Bord und begrüßte mich aufs herzlichste. Er gab seiner Freude über
den schönen Transport dadurch Ausdruck, daß er mir wiederholt die Hand
drückte, und seine schlichten Worte: „Bis doch en ganzen fixen Kerl!“
waren mir lieber als alle anderen Anerkennungen, die mir gezollt wurden.
Das Ausladen der Tiere konnte wegen der vorgerückten Stunde nicht
mehr vor sich gehen. Der Nachtkühle wegen mußten sie wieder an ihre
geschützten Plätze gebracht werden. Dabei wäre uns beinahe der indische
Elefant verunglückt. Beim Herablassen in den Laderaum versäumte der die
Winde bedienende Mann die kleine Übersetzung der Bremse einzuschalten.
Als nun beim Ausschalten der Zahnräder die Last abgelassen werden
sollte, war die Bremswirkung nicht stark genug, und das gewaltige
Tier sauste mit großer Geschwindigkeit in die Tiefe. Hätte es nicht
instinktiv seinen Kopf und seinen Rüssel eingezogen, so wäre ihm
letzterer von der scharfen Kante der Ladeluke glatt abgeschnitten
worden. Es war wirklich ein Glück zu nennen, daß der Elefant unverletzt
ankam und nur durch das starke Aufprallen auf seine Beine heftig
erschreckt wurde, was zur Folge hatte, daß er die ganze Nacht sehr
aufgeregt blieb und von Bauchgurt und Kran nichts mehr wissen wollte.
Am nächsten Morgen begann das mühevolle Ausladen. Waren die Tiere
schon durch die Veränderung ihrer Plätze gestört worden, so wurden
sie noch mehr erregt und gereizt durch die fremde Umgebung und die
unzähligen Zuschauer, die sich unaufhörlich herandrängten und uns die
Arbeit erschwerten. Namentlich bis wir Jumbo und Futki glücklich aus
dem Schiffe hatten, wurde mancher Schweißtropfen vergossen. Futki war
von den vorher gemachten Erfahrungen über Bauchgurt und Winde derart
erbost, daß es lebensgefährlich wurde, ihm nochmals damit zu kommen.
Durch unsere Geduld und Geschicklichkeit gelang auch dieses Kunststück,
und bald bewegte sich eine große Karawane von Transportkästen nach
Stellingen.
[Illustration: ~Verladen eines Tiertransportes~]
[Illustration: ~Ein Transport auf der Usambarabahn~]
Die nächsten Tage machte ich noch die zugewiesenen Wärter mit den
Eigentümlichkeiten der einzelnen Tierarten in bezug auf Futter,
Gewohnheiten und Charakter vertraut. Nur bei genauer Kenntnis dieser
Dinge ist es möglich, Erkrankungen zu verhüten, die meist durch zu
raschen Futterwechsel hervorgerufen werden.