LVII.

Ja, und so wäre es ganz recht, und vertraulichem Verhältnisse

wohl angemessen, daß man sich zur Unterhaltung ohne eigentlichen

entschiedenen Zweck niedersetze und das Schreiben beginne. Veranlaßt

durch Ihren lieben Brief fühle ich mich geneigt, nicht gerade in

Beantwortung, vielmehr in Erwiederung Einiges ergehen zu lassen.

Über das Allgemeine was in den Wanderjahren etwa beabsichtigt, in

welchem Sinne sie geschrieben, haben Sie, mein Theuerster, gar

manches Gute und Ausreichende gesagt. Mit solchem Büchlein aber ist

es wie mit dem Leben selbst: es findet sich in dem Complex des Ganzen

Nothwendiges und Zufälliges, Vorgesetztes und Ungeschlossenes, bald

gelungen, bald vereitelt, wodurch es eine Art von Unendlichkeit

erhält, die sich in verständige und vernünftige Worte nicht durchaus

faßen noch einschließen läßt. Wohin ich aber die Aufmerksamkeit meiner

Freunde gerne lenke, und auch die Ihrige gern gerichtet sähe, sind die

verschiedenen, sich von einander absondernden Einzelnheiten, die doch,

besonders im gegenwärtigen Falle, den Werth des Buches entscheiden.

Da würden Sie mir denn eine besondere Gefälligkeit erzeigen, wenn

Sie bemerken wollten, was sie vorzüglich, (wie man zu sagen pflegt)

angesprochen, was Ihnen als neu oder erneut gegolten, was mit

Ihrer Denk- und Empfindungsweise zusammen getroffen, was derselben

widersprochen, was Sie, in Gefolg dessen, einstimmig oder im Gegensatz,

weiter bey sich auszuführen geneigt gewesen. Das Büchlein verläugnet

seinen collectiven Ursprung nicht, erlaubt und fordert mehr als jedes

andere die Theilnahme an hervortretenden Einzelnheiten. Dadurch kommt

der Autor erst zur Gewißheit, daß es ihm gelungen sey, Gefühl und

Nachdenken in den verschiedensten Geistern aufzuregen. Hierüber habe

ich in Briefen die anmuthigsten Äußerungen, und wie selbst junge und

weibliche Seelen von ganz gelinden aber gründlichen Zügen ergriffen

werden. Wollen auch Sie auf diese Weise mir wohlthätig seyn, so erkenne

es mit verbindlichstem Dank. Nicht leicht unterhält man sich über

dergleichen mündlich; eine gewisse Scheu hält uns ab; dagegen ist man

im Schreiben freyer, und man vertraut wohl sein Innerstes gern in die

Ferne.

Gar manches Wechselseitige, Wirksamkeit zu erregen entschieden

geeignet, verspare für nächste Mittheilungen. Herr Canzler ist so

eben aus Italien zurück und hat wohlgethan dem Zug nach Rom nicht zu

widerstehen; er wird sich selbst anmelden und des freundlichen Empfangs

auch von Ihnen gewiß seyn.

Da noch Raum übrig ist füge Einiges hinzu:

_Handle besonnen_, ist die praktische Seite von: _Erkenne dich selbst._

Beides darf weder als Gesetz noch als Forderung betrachtet werden; es

ist aufgestellt wie das Schwarze der Scheibe, das man immer auf dem

Korn haben muß wenn man es auch nicht immer trifft. Die Menschen würden

verständiger und glücklicher seyn wenn sie zwischen dem unendlichen

Ziel und dem bedingten Zweck den Unterschied zu finden wüßten und sich

nach und nach ablauerten, wie weit ihre Mittel denn eigentlich reichen.

So weit! die treusten Wünsche für Ihre Zufriedenheit aussprechend; was

Sie für Unterhaltung für den Winter sich ausgedacht haben wünsche zu

erfahren.

Weimar d. 23. Nvbr. 1829.

herzlichst

G

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 207 / 214 题