Ja, und so wäre es ganz recht, und vertraulichem Verhältnisse
wohl angemessen, daß man sich zur Unterhaltung ohne eigentlichen
entschiedenen Zweck niedersetze und das Schreiben beginne. Veranlaßt
durch Ihren lieben Brief fühle ich mich geneigt, nicht gerade in
Beantwortung, vielmehr in Erwiederung Einiges ergehen zu lassen.
Über das Allgemeine was in den Wanderjahren etwa beabsichtigt, in
welchem Sinne sie geschrieben, haben Sie, mein Theuerster, gar
manches Gute und Ausreichende gesagt. Mit solchem Büchlein aber ist
es wie mit dem Leben selbst: es findet sich in dem Complex des Ganzen
Nothwendiges und Zufälliges, Vorgesetztes und Ungeschlossenes, bald
gelungen, bald vereitelt, wodurch es eine Art von Unendlichkeit
erhält, die sich in verständige und vernünftige Worte nicht durchaus
faßen noch einschließen läßt. Wohin ich aber die Aufmerksamkeit meiner
Freunde gerne lenke, und auch die Ihrige gern gerichtet sähe, sind die
verschiedenen, sich von einander absondernden Einzelnheiten, die doch,
besonders im gegenwärtigen Falle, den Werth des Buches entscheiden.
Da würden Sie mir denn eine besondere Gefälligkeit erzeigen, wenn
Sie bemerken wollten, was sie vorzüglich, (wie man zu sagen pflegt)
angesprochen, was Ihnen als neu oder erneut gegolten, was mit
Ihrer Denk- und Empfindungsweise zusammen getroffen, was derselben
widersprochen, was Sie, in Gefolg dessen, einstimmig oder im Gegensatz,
weiter bey sich auszuführen geneigt gewesen. Das Büchlein verläugnet
seinen collectiven Ursprung nicht, erlaubt und fordert mehr als jedes
andere die Theilnahme an hervortretenden Einzelnheiten. Dadurch kommt
der Autor erst zur Gewißheit, daß es ihm gelungen sey, Gefühl und
Nachdenken in den verschiedensten Geistern aufzuregen. Hierüber habe
ich in Briefen die anmuthigsten Äußerungen, und wie selbst junge und
weibliche Seelen von ganz gelinden aber gründlichen Zügen ergriffen
werden. Wollen auch Sie auf diese Weise mir wohlthätig seyn, so erkenne
es mit verbindlichstem Dank. Nicht leicht unterhält man sich über
dergleichen mündlich; eine gewisse Scheu hält uns ab; dagegen ist man
im Schreiben freyer, und man vertraut wohl sein Innerstes gern in die
Ferne.
Gar manches Wechselseitige, Wirksamkeit zu erregen entschieden
geeignet, verspare für nächste Mittheilungen. Herr Canzler ist so
eben aus Italien zurück und hat wohlgethan dem Zug nach Rom nicht zu
widerstehen; er wird sich selbst anmelden und des freundlichen Empfangs
auch von Ihnen gewiß seyn.
Da noch Raum übrig ist füge Einiges hinzu:
_Handle besonnen_, ist die praktische Seite von: _Erkenne dich selbst._
Beides darf weder als Gesetz noch als Forderung betrachtet werden; es
ist aufgestellt wie das Schwarze der Scheibe, das man immer auf dem
Korn haben muß wenn man es auch nicht immer trifft. Die Menschen würden
verständiger und glücklicher seyn wenn sie zwischen dem unendlichen
Ziel und dem bedingten Zweck den Unterschied zu finden wüßten und sich
nach und nach ablauerten, wie weit ihre Mittel denn eigentlich reichen.
So weit! die treusten Wünsche für Ihre Zufriedenheit aussprechend; was
Sie für Unterhaltung für den Winter sich ausgedacht haben wünsche zu
erfahren.
Weimar d. 23. Nvbr. 1829.
herzlichst
G