LVIII.

Um auf Ihren erfreulich erquicklichen Brief sogleich auch nur Weniges

dankbar zu erwiedern bringe das zu Papiere was schon längst Ihnen

zuzusenden die Absicht war.

In jenen traurigen Stunden, wo wir keine Hoffnung auf die Erhaltung

unsrer verehrten Fürstin mehr haben konnten, sie aber doch noch am

Leben wußten und uns immer noch mit irgend einem Wiederaufathmen

einer so lange geprüften Natur schmeicheln mochten, war Ottilie bey

mir auf dem Zimmer und Ihre neusten Bände[293] lagen eben vor. Sie

ergriff einen und las in dem heiter geschriebenen Leben das wunderlich

unschuldige Benehmen des seltsamen Organisten, sodann das Urtheil über

die Reichardtischen Lieder und was sonst noch folgte, das alles unsre

Aufmerksamkeit fesseln und unsre Neigung anziehen konnte, dergestalt

daß ich diesen wahren geistreichen Darstellungen in solchen Tagen und

Stunden sehr viel schuldig geworden.

Dieses wollte ganz einfach vermelden und hinzufügen: wie sehr es

mich gefreut hat meine italiänische Reise von Ihnen so von Grund aus

reproducirt zu sehen. Wie möchten wir denn vergangene Zustände uns

selbst wieder hervorrufen und der Welt getrost mittheilen, wenn wir

nicht Glauben und Überzeugung hätten es werden sich begabte Geister

finden, die das alles aufnehmen wie es gegeben ist, in welchen gleiche

Gesinnungen auf- und absteigen, gleiche Erfahrungen zu denselben

Resultaten führen.

Und so bin ich mit meinen ältern und neuern Productionen in diesem

Sinne gar wohl zufrieden. Ich habe mich möglichst vor allem

didactischen gehütet und es durchaus in ein poetisches Leben

einzugeisten gesucht. Nun muß es mich höchlich freuen wenn ein so

löblich Mitarbeitender, Mitlebender auch sich selbst und Verwandtes in

meinen Heften findet, sich an den Mängeln wie an den Tugenden erbaut;

weil das Ganze zuletzt von einem redlichen Streben nach einem edlen

Zwecke Zeugniß giebt, der nie erreicht, aber immer im Auge behalten,

den Muth giebt Kräfte zu steigern, um sich und andern, bald einsam bald

gesellig, einen Weg zu bahnen, der, zurückgelegt, selbst schon als

erreichter Zweck betrachtet werden kann.

Hier muß ich aufhören um nicht gar ins Abstruse zu gelangen, ob ich

gleich mich in keine Region begeben könnte, wohin Sie mich nicht, mit

Beystimmung und Zufriedenheit, begleiten möchten.

Eilig sey dies Blatt zusammengelegt um nicht einen Posttag länger zu

verweilen. Mit den treusten Wünschen von Herzen angehörig

Weimar

den 6. Aprl.

1930.[294]

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 208 / 214 题