LV.

Die letzten Wochen bin ich, im Drange eigenen Thuns und äußeren

Einwirkens, in die Unmöglichkeit versetzt worden mich nach entfernten

Freunden umzusehen; auch habe deswegen Ihren lieben, mir sehr

willkommenen Brief nicht erwiedert. Ich möchte Sie ersuchen mit

Betrachtungen über die Wanderjahre fortzufahren und mir von dem

Einzelnen was besonders auf Sie gewirkt, was ein Weiteres aufgeregt,

wo sichs angeschlossen und wie man alle solche gute Folgen nennen

möchte gelegentlich ohnschwer Kenntniß zu geben. Es ist mir dies, wenn

es von Freunden geschieht, die größte Belohnung für die Aufmerksamkeit

die ich dieser Arbeit gewidmet. Die Umbildung der darin enthaltenen,

schon einmal in anderer Form erschienener Elemente war für mich ein

ganz neues Unternehmen, wozu mich nur die Liebe zu einzelnen Theilen,

welche, mehr und mehr, auf eine zierliche Weise, einander anzunähern

hoffte, bewegen und mich in einer anhaltenden thätigen Aufmerksamkeit

freudig erhalten konnte.

Schon werd' ich von manchen Seiten her, von zart aufnehmenden Lesern

wirklich auf die anmuthigste Weise belohnt, von solchen die, was ihren

Gesinnungen und Gefühlen gemäß ist ergreifen, und sich als Menschen

gegen den Autor, insofern er menschlich ist, verhalten.

Nun wird es mich sehr freuen auch von Ihnen mein Theuerster, der sich

übersichtlich, denkend und vergleichend in solchem Falle verhält,

manches gute Wort zu hören. Denn dem Autor in solchem Falle muß dran

gelegen seyn zu erfahren, daß ihm seine Absichten nicht mißglückt,

sondern daß vielmehr die geistigen Bolzen und Pfeile dahin gereicht und

da getroffen, wohin er sie gerichtet und beabsichtigt.

Nun aber verpflichteten Dank für die ausführliche Kenntniß, die Sie

mir von der Aufführung Fausts geben. Es ist wunderlich genug daß diese

seltsame Frucht erst jetzo gleichsam vom Baume fällt. Auch hier hat

man ihn gegeben, ohne meine Anregung, aber nicht wider meinen Willen

und nicht ohne meine Billigung der Art und Weise wie man sich dabey

benommen. Mögen Sie mir die Folge der Scenen wie man sie dort beliebt

gelegentlich wissen lassen, so geschieht mir ein Gefalle; denn es ist

immer wichtig zu beobachten wie man es angegriffen um das ~quasi~

Unmögliche, zum Trutz aller Schwierigkeiten, möglich zu machen.

Liebenswürdig ist es von den Deutschen daß sie das Werk nicht zu

entstellen brauchten um es von dem Theater herab erdulden zu können.

Die Franzosen mußten es umbilden und an die Sauce noch starkes Gewürz

und scharfe Ingredienzien verschwenden. Nach der Kenntniß, die uns

davon gegeben ist kann man begreifen wie das Machwerck dort große

Wirkung thun mußte.

Soviel für jetzt und nicht weiter, damit dieses Blatt baldigst zu Ihnen

gelange.

Weimar

den 2. Septbr.

1829.

und so fortan!

Goethe

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 205 / 214 题