Die letzten Wochen bin ich, im Drange eigenen Thuns und äußeren
Einwirkens, in die Unmöglichkeit versetzt worden mich nach entfernten
Freunden umzusehen; auch habe deswegen Ihren lieben, mir sehr
willkommenen Brief nicht erwiedert. Ich möchte Sie ersuchen mit
Betrachtungen über die Wanderjahre fortzufahren und mir von dem
Einzelnen was besonders auf Sie gewirkt, was ein Weiteres aufgeregt,
wo sichs angeschlossen und wie man alle solche gute Folgen nennen
möchte gelegentlich ohnschwer Kenntniß zu geben. Es ist mir dies, wenn
es von Freunden geschieht, die größte Belohnung für die Aufmerksamkeit
die ich dieser Arbeit gewidmet. Die Umbildung der darin enthaltenen,
schon einmal in anderer Form erschienener Elemente war für mich ein
ganz neues Unternehmen, wozu mich nur die Liebe zu einzelnen Theilen,
welche, mehr und mehr, auf eine zierliche Weise, einander anzunähern
hoffte, bewegen und mich in einer anhaltenden thätigen Aufmerksamkeit
freudig erhalten konnte.
Schon werd' ich von manchen Seiten her, von zart aufnehmenden Lesern
wirklich auf die anmuthigste Weise belohnt, von solchen die, was ihren
Gesinnungen und Gefühlen gemäß ist ergreifen, und sich als Menschen
gegen den Autor, insofern er menschlich ist, verhalten.
Nun wird es mich sehr freuen auch von Ihnen mein Theuerster, der sich
übersichtlich, denkend und vergleichend in solchem Falle verhält,
manches gute Wort zu hören. Denn dem Autor in solchem Falle muß dran
gelegen seyn zu erfahren, daß ihm seine Absichten nicht mißglückt,
sondern daß vielmehr die geistigen Bolzen und Pfeile dahin gereicht und
da getroffen, wohin er sie gerichtet und beabsichtigt.
Nun aber verpflichteten Dank für die ausführliche Kenntniß, die Sie
mir von der Aufführung Fausts geben. Es ist wunderlich genug daß diese
seltsame Frucht erst jetzo gleichsam vom Baume fällt. Auch hier hat
man ihn gegeben, ohne meine Anregung, aber nicht wider meinen Willen
und nicht ohne meine Billigung der Art und Weise wie man sich dabey
benommen. Mögen Sie mir die Folge der Scenen wie man sie dort beliebt
gelegentlich wissen lassen, so geschieht mir ein Gefalle; denn es ist
immer wichtig zu beobachten wie man es angegriffen um das ~quasi~
Unmögliche, zum Trutz aller Schwierigkeiten, möglich zu machen.
Liebenswürdig ist es von den Deutschen daß sie das Werk nicht zu
entstellen brauchten um es von dem Theater herab erdulden zu können.
Die Franzosen mußten es umbilden und an die Sauce noch starkes Gewürz
und scharfe Ingredienzien verschwenden. Nach der Kenntniß, die uns
davon gegeben ist kann man begreifen wie das Machwerck dort große
Wirkung thun mußte.
Soviel für jetzt und nicht weiter, damit dieses Blatt baldigst zu Ihnen
gelange.
Weimar
den 2. Septbr.
1829.
und so fortan!
Goethe