Lassen Sie uns noch immer einige Briefe wechseln! Denn das ist ja der
Vortheil einer, nach langen Jahren erneuten, persönlichen Gegenwart,
daß, aus der wechselseitigen Erkennntniß der eben obwaltenden besondern
Zustände, ein neuer Antheil hervortritt, weil der Geist nunmehr erfährt
wohin er seine Richtung nehmen soll, und das Gemüth sicher ist eine
reine Theilnahme werde günstig aufgenommen werden.
In diesem Sinne empfind ich dankbar: daß Sie mir die Stellen bezeichnen
wollen welche Sie in den neuen Wanderjahren Sich angeeignet. Eine
Arbeit wie diese, die sich selbst als collectiv ankündiget, indem
sie gewissermaßen nur zum Verband der disparatesten Einzelnheiten
unternommen zu seyn scheint, erlaubt, ja fordert mehr als eine andere
daß jeder sich zueigne was ihm gemäß ist, was in seiner Lage zur
Beherzigung aufrief, und sich harmonisch wohlthätig erweisen mochte.
Wenn ich daher die von Ihnen, mein Theuerster, angedeuteten Stellen
wieder aufschlug, war es eine angenehme Unterhaltung mit einem
abwesenden Freunde, wo ich, in Spiegelung und Wiederschein, gleiche
Gesinnung, gleiches Bestreben, zu eigner Bestärkung gewahrte. Denn das
darf ich wohl sagen: was ich in meinen Schriften niedergelegt habe ist
für mich kein Vergangenes, sondern ich seh es, wenn es mir wieder vor
Augen kommt, als ein Fortwirkendes an, und die Probleme die hie und da
unaufgelöst liegen, beschäftigen mich immerfort, in der Hoffnung daß,
im Reiche der Natur und Sitten, dem treuen Forscher noch gar manches
kann offenbar werden.
Daß Sie die Weimarischen Zustände, und darin auch das Nächste was
sich auf mich bezieht, konnten gewahr werden, und zwar mit Ihrer so
rein-sinnigen als lebhaft-ergreifenden Beobachtungsgabe, ist, ganz
ohne Frage, ein vielfaches Eingreifen in die Glieder einer, sonderbar
genug verschränkten socialen Kette. Erhalten Sie sich und uns das dabey
gewonnene werthe Verhältniß. Alle die sich gleichzeitig heranbildeten
haben Ursache sich zusammen- und ihren Kreis gewissermaßen geschloßen
zu halten; die Nachkommenden wollen vieleicht was besseres, gewiß aber
etwas anderes.
Im Garten am Park
Weimar d. 28. Jul.
1829.
In treuem Verharren,
J W Goethe