XLVII.

Ew. Wohlgeb.

haben durch Ihr werthes Schreiben mir Hoffnung und Wunsch erfüllt,

denn da ich selbst nicht sonderlich mehr mobil bin, so kann mir nichts

erfreulicher seyn als wenn Freunde, deren Denkart und Gesinnung ich

kenne, von ihren Reisebemerkungen Urtheilen und Gefühlen vertrauliche

Mittheilung schenken, und so hab ich denn auch mit großem Vergnügen

gesehen daß Sie genug Gutes und Löbliches von Wien und den dortigen

Zuständen zu sagen wißen.

Auch ich war dieses Jahr wieder in Böhmen, fand meine alten Freunde und

Neigungen wieder gewann neue dazu und fühlte mich in diesem Kreise

sehr behaglich; auch nahm ich Theil an dem neueinzurichtenden Prager

Museum und denke das nächste Jahr an die Fortsetzung einer längst

gewohnten Lebensweise.

Betrübt haben mich deswegen Ihre Worte: „dazu nun das Volk, ich

meyne die große Masse, in seinem Wohlstande, (Böhmen abgerechnet,

das es nicht besser haben will, als es hat, und es besser zu haben

schwerlich werth ist)“. Ich weiß recht gut daß dort nicht alles ist

wie es seyn sollte; aber Ihre Worte scheinen mir doch zu hart und zu

hauptstädtisch; ich darf Sie daher wohl bitten sich näher zu erklären

und mir dadurch Anlaß zu geben bey meiner Rückkehr in jene Gegenden

besser aufzumerken und da ich meine Neigung nicht wohl aufgeben kann,

doch ohne allzu entschiedenes Vorurtheil meine Liebschaften prüfen zu

können.

Von Paulus und Johannes wünschte doch auch nähere Schilderung.

Möge Ihnen alles Gute gegönnt und verliehen seyn! Das erste säuberliche

Exemplar das mir vom Buchbinder zukommt erhalten Sie sogleich, ich

darf es Ihrer herkömmlichen, mir so werthen Theilnahme nicht erst

umständlich empfehlen.

Es ist mir in dieser Zeit gar vieles Gute begegnet; Hr. Dr. von Henning

in Berlin hat Vorlesungen gehalten über meine Farbenlehre, ich lege

seine Einleitung bey, die wohl für jeden gebildeten Geist verständlich

und nicht ohne Intereße seyn möchte.

In Hoffnung baldigen Erwiederns wünsche Ihrer fortwährenden Theilnahme

immer versichert zu bleiben.

Weimar

den 20. Septbr.

1822.[282]

treulichst

Goethe

Fußnote:

[282] Am 26. Febr. 1823 theilte August v. Goethe Rochlitz die Nachricht

von der schweren Erkrankung seines Vaters mit und sprach die Hoffnung

aus, daß nun die Gefahr beseitigt sei; wörtlich wie an Zelter, Briefw.

~III.~ S. 292 f.

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 197 / 214 题