Schreiben und Sendung, mein Theuerster, hat mich höchlich erfreut.
Wer aus innerem Triebe treulich liebevoll arbeitet und mittheilt,
darf an reiner Aufnahme nicht zweifeln. So haben Sie mich durch Ihre
römische Geschichts Epoche[277] ganz eigentlich gefördert, indem
ich, bei Veranlaßung der von Knebelschen Übersetzung des Lukrez,
mich in der Zeit aufhalte die der welche Sie betrachten unmittelbar
vorhergeht;[278] suche ich mich also in Ihrem Sinn recht eigentlich
zu finden und übertrage Ihre Ansichten nur einige Schritte rückwärts,
so bringt es mir gar viel Vortheil; denn es ist einer mündlichen
Unterredung zu vergleichen.
Ihre treffliche mir wohlbekannte Schilderung jener Leipziger
Unglückstage lese ich wieder[279] und bewundere abermals die besondere
Fügung daß ein Mann von Ihrem Geist und Sinn, in Augenblicken wo uns
die Sinne vergehen, das Übergewicht eines angebornen und wohlgeübten
Talents empfindet, zur Feder greift das Unerträgliche in der Gegenwart
zu schildern. Sie erhalten nächstens dagegen einen treuen Abriß meiner
wunderlichen Militairlaufbahn; auch durch diese Erbkrankheit der Welt
mußt ich einmal durch, damals ging ich der Weltgeschichte entgegen,
nachher hat sie uns am eigenen Heerde aufgesucht.
Daß Sie Sich aus dem letzten Stücke von Kunst und Alterthum gerade
dasjenige aneignen,[280] was ich im besten Humor geschrieben freut
mich sehr. Der Zustand des Schreibenden, theilt sich dem wahren
Leser sogleich völlig mit, und ich erkenne dankbarlich, den schönen
Wiederklang freundschaftlich-einstimmiger Gesinnung.
Ist die Melodie von Zelter: _Um Mitternacht_, zu Ihnen gelangt? ich bin
so oft ich sie höre, sehr davon erbaut.[281] Was Sie Selbst über Musik
mittheilen wollen soll mir höchst willkommen seyn.
Möge Ihre schöne Thätigkeit von allen Seiten her belohnt werden.
Weimar,
den 22. Aprl.
1822.
treulich verbunden
J W Goethe.
Fußnoten:
[277] Umrisse eines Gemäldes von Rom in den Jahren 60-44 v. Chr.
Auswahl Th. ~IV.~
[278] Werke ~XXXII.~ S. 276. ~XXVII.~ S. 387.
[279] Vgl. S. 327.
[280] Das gleich erwähnte Lied in Kunst und Alterth. ~III.~ 3. S. 170.
[281] Vgl. Briefw. m. Zelter ~II.~ S. 453 f. ~III.~ S. 82. Werke
~XXXII.~ S. 341. 354.