XLVI.

Schreiben und Sendung, mein Theuerster, hat mich höchlich erfreut.

Wer aus innerem Triebe treulich liebevoll arbeitet und mittheilt,

darf an reiner Aufnahme nicht zweifeln. So haben Sie mich durch Ihre

römische Geschichts Epoche[277] ganz eigentlich gefördert, indem

ich, bei Veranlaßung der von Knebelschen Übersetzung des Lukrez,

mich in der Zeit aufhalte die der welche Sie betrachten unmittelbar

vorhergeht;[278] suche ich mich also in Ihrem Sinn recht eigentlich

zu finden und übertrage Ihre Ansichten nur einige Schritte rückwärts,

so bringt es mir gar viel Vortheil; denn es ist einer mündlichen

Unterredung zu vergleichen.

Ihre treffliche mir wohlbekannte Schilderung jener Leipziger

Unglückstage lese ich wieder[279] und bewundere abermals die besondere

Fügung daß ein Mann von Ihrem Geist und Sinn, in Augenblicken wo uns

die Sinne vergehen, das Übergewicht eines angebornen und wohlgeübten

Talents empfindet, zur Feder greift das Unerträgliche in der Gegenwart

zu schildern. Sie erhalten nächstens dagegen einen treuen Abriß meiner

wunderlichen Militairlaufbahn; auch durch diese Erbkrankheit der Welt

mußt ich einmal durch, damals ging ich der Weltgeschichte entgegen,

nachher hat sie uns am eigenen Heerde aufgesucht.

Daß Sie Sich aus dem letzten Stücke von Kunst und Alterthum gerade

dasjenige aneignen,[280] was ich im besten Humor geschrieben freut

mich sehr. Der Zustand des Schreibenden, theilt sich dem wahren

Leser sogleich völlig mit, und ich erkenne dankbarlich, den schönen

Wiederklang freundschaftlich-einstimmiger Gesinnung.

Ist die Melodie von Zelter: _Um Mitternacht_, zu Ihnen gelangt? ich bin

so oft ich sie höre, sehr davon erbaut.[281] Was Sie Selbst über Musik

mittheilen wollen soll mir höchst willkommen seyn.

Möge Ihre schöne Thätigkeit von allen Seiten her belohnt werden.

Weimar,

den 22. Aprl.

1822.

treulich verbunden

J W Goethe.

Fußnoten:

[277] Umrisse eines Gemäldes von Rom in den Jahren 60-44 v. Chr.

Auswahl Th. ~IV.~

[278] Werke ~XXXII.~ S. 276. ~XXVII.~ S. 387.

[279] Vgl. S. 327.

[280] Das gleich erwähnte Lied in Kunst und Alterth. ~III.~ 3. S. 170.

[281] Vgl. Briefw. m. Zelter ~II.~ S. 453 f. ~III.~ S. 82. Werke

~XXXII.~ S. 341. 354.

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 196 / 214 题