IV.

An Mamsell F.

Am 14. Oct. (1770).

Soll ich Ihnen wieder einmal sagen, daß ich noch lebe, und wohl

lebe, und so vergnügt als es ein Mittelzustand erlaubt, oder soll

ich schweigen, und lieber gar nicht, als beschämt an Sie denken? Ich

dächte nein. Vergebung erhalten, ist für mein Herz eben so süß als Dank

verdienen, ja noch süßer denn die Empfindung ist uneigennütziger. Sie

haben mich nicht vergessen, das weiß ich; ich habe Sie nicht vergessen,

das wissen Sie, ohngeachtet eines Stillschweigens, dessen Dauer ich

nicht berechnen mag. Ich habe niemals so lebhaft erfahren, was das

sei, vergnügt ohne daß das Herz einigen Antheil hat, als jetzo, als

hier in Straßburg. Eine ausgebreitete Bekanntschaft unter angenehmen

Leuten, eine aufgeweckte muntre Gesellschaft jagt mir einen Tag nach

dem andern vorüber, läßt mir wenig Zeit zu denken, und gar keine Ruhe

zum Empfinden, und wenn man nichts empfindet, denkt man gewiß nicht

an seine Freunde. Genug mein jetziges Leben ist vollkommen wie eine

Schlittenfahrt, prächtig und klinglend, aber eben so wenig fürs Herz

als es für Augen und Ohren viel ist.

Sie sollten wohl nicht rathen, wie mir jetzo so unverhofft der Einfall

kömmt, Ihnen zu schreiben und weil die Ursache so gar artig ist, muß

ich's Ihnen sagen.

Ich habe einige Tage auf dem Lande bei gar angenehmen Leuten

zugebracht. Die Gesellschaft der liebenswürdigen Töchter vom Hause, die

schöne Gegend und der freundlichste Himmel weckten in meinem Herzen

jede schlafende Empfindung, jede Erinnerung an alles was ich liebe; daß

ich kaum angelangt bin, als ich schon hier sitze und an Sie schreibe.

Und daraus können Sie sehen, in wiefern man seiner Freunde vergessen

kann wenn's einem wohl geht. Es ist nur das schwärmende, zu bedaurende

Glück, das uns unsrer selbst vergessen macht, das auch das Andenken

an Geliebte verdunkelt; aber wenn man sich ganz fühlt, und still

ist und die reinen Freuden der Liebe und Freundschaft genießt, dann

ist durch eine besondere Sympathie jede unterbrochne Freundschaft,

jede halbverschiedene Zärtlichkeit wieder auf einmal lebendig. Und

Sie, meine liebe Freundin, die ich unter vielen vorzüglich so nennen

kann, nehmen Sie diesen Brief als ein neues Zeugniß, daß ich Sie nie

vergessen werde. Leben Sie glücklich u. s. w.

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 35 / 214 题