III.

Franckfurt am 8. Apr. 1769.

Nun was ist denn das für ein gros Unglück, wenn ich Sie bitte, ein

wenig zu plaudern? Wie kommen Sie drauf, einen ehrlichen Menschen der

an nichts denckt, für einen Bösewicht anzuschreien, weil er einem

Mädgen das Seine Zunge geläuffig und artig zu gebrauchen weiss, zu

erkennen giebt, dass er diese vorzügliche Gabe Ihres Geschlechts zu

schätzen weiss. Mich treffen alle Ihre vehemente Beschuldigungen, gar

nicht; und Sie hätten besser gethan, wenn Sie nicht böse geworden wären.

Ich soll eine üble Idee vom schönen Geschlecht haben. Auf gewisse Art,

ja! Nur müssen Sie mich verstehn, und meine Worte, nicht jedesmal mit

einer schlimmen Glosse erklären.

Was ich erfahren habe, das weiss ich; und halte die Erfahrung für die

einzige ächte Wissenschafft.[142] Ich versichre Sie, die Paar Jahre

als ich lebe, habe ich von unserm Geschlecht eine sehr mittelmässige

Idee gekriegt; und wahrhafftig keine bessre von Ihrem. -- Nehmen Sie

das nicht übel. -- Sie haben mir's darnach gemacht; und selbst Sie,

geben Sie mir nicht Anlass, in meiner Verstockung fortzufahren? Sie

wollen mir Ihr Geschlecht, auf einer andern Seite zeigen! O, hätten

Sie's bey der ersten gelassen, und Ihre Sache würde schlimm geblieben

seyn, ohne schlimmer zu werden. Wie vortheilhafft ist denn diese

neue Seite? Wir wollen sehen! -- Dass jedes iunge, unschuldige Herz,

unbesonnen, leichtgläubig, und desswegen leicht zu verführen ist, das

liegt in der Natur der Unschuld. Läugnen Sie mir das! Und heisst denn

das beschuldigen, wenn man die Sache sagt wie Sie ist. Und ist es denn

Ihrem Geschlecht eine Schande leichtgläubig zu seyn? Es scheint als

ob Sie's glaubten. Sie widersprechen mir, und wollen Ihr Geschlecht

vertheidigen. -- Dass nicht alle Mädgen Leichtsinnig sind das haben

Sie bewiesen; ich muss es gestehen; Aber Sie haben mir zu einer

gefährlichen Meynung geholfen: Der Klügere Theil ist also misstrauisch.

Denn Misstrauen ist die Laune Ihres ganzen Brief's. Wodurch hab ich

das verdient? O der Argwohn liegt in Ihrem Herzen, und da müssen

~nonchalante~, grade, ehrliche Stellen meiner Briefe, boßhaffter

Scherz seyn. Meine Blätter sind in Ihren Händen, und ich trutze drauf;

Sie werden keine Bosheit drinne finden, die Sie nicht drinne suchen.

Das Urteil eines Frauenzimmers, über Wercke des Geschmacks ist bey

mir wichtiger als die Kritick des Kritickers, die Ursache liegt am

Tage, und alle Ihre Beredsamkeit soll mir meine Ehrlichkeit nicht

verdrehen. Was ich sage, wenn Sie bekennen, dass das Versgen von

Rhingulffen,[143] aus List hingesetzt war? Das werden Sie wohl rahten

können. Ich werde sagen, dass Sie Ihre Mausfallen gut zu stellen

wissen, und dass mir's lieb ist, dass ich mich habe fangen lassen. Sie

können sehn, wie ehrlich ich binn; wären Sie grad gewesen, und hätten

mich gefragt, ich würde nicht mehr und nicht weniger gesagt haben.

Wäre Hr. Gervinus[144] nicht bey mir gewesen, so wüste ich gar nicht

wie ich dran wäre. Aus seiner Erzälung habe ich weg; dass der Barde,

in Leipzig wohl aufgenommen worden, dass er durchgehends gefallen hat;

und ich sehe wohl dass er auch Ihnen gefallen hat, und dass ich übels

von Ihrem Freund geschrieben habe. Es sey! Was ich geschrieben habe

das habe ich geschrieben. Schreiben Sie's auf Rechnung des Brodneids,

oder der wenigen Empfindung, dass mir der Barde nicht behagt. Mir ist's

eins. Genug, ich kann nichts empfinden, wo nichts gedacht ist. Und der

Republikanische Geist verläugnet sich nicht; Sachsen hat seine Wildheit

und Kühnheit gemässigt, aber zu dem Concert des Lobs hat es ihn nicht

stimmen können. Ich dancke Ihrem Vater, das Gefühl des Ideals; und

die gedrehten Reitze des Franzosen, werden mich so wenig exstastiren

machen, als die platten Nymphen von Dieterich, so nackend und glatt

sie auch sind. Jede Art hat ihre Verdienste, nach ihrem Maasstab; ich

binn ihr gehorsamer Diener allerseits, aber, wir wollen uns desswegen

nicht entzweyen, Mamsell; seyn Sie immerhin, nicht so streng gegen die

Autoren, nur seyen Sie auch nicht so streng gegen mich. Wie soll ich

mich mit Ihrem Geschlecht aussöhnen, wenn Sie so fortfahren wie Sie

angefangen haben. Und doch, wenn es Ihnen nicht anders möglich ist, so

zancken Sie nur, Sie sind doch immer hübsch, Sie mögen freundlich, oder

böse seyn.

Ihre Bäume in Delis[145] fangen nun bald an auszuschlagen, und so lang

sie grün sind, hoffe ich auf keinen Brief von Ihnen. Unterdessen

will ich Sie schon zwingen, manchmal an mich zu dencken; mein Geist

soll so heftig an Ihre Büsche dencken, dass er Ihnen erscheinen wird

eh Sie Sich's versehn; und meine Briefe, sollen Sie auf die Reitze

des Landlebens, in Prosa und Versen aufmercksamer machen, trutz

Hirschfelden dem Anatomicker der Natur; wenn keine andre Materie

vorkommen sollte. Hr. Regis wird schweerlich mit uns zufrieden seyn

können, es thut mir weh das ein so angenehmer Mann, hier so einen

unangenehmen ~Accessit~ zum erstenmal gefunden hat. Ich binn -- ich

weiss selbst nicht recht, was -- Aber doch so gut als jemals, von

ganzem Herzen

Ihr

Freund und Bewundrer

Goethe.

Mehr Briefe an Friederike Oeser fanden sich in ihrem Nachlaß nicht vor.

Allein Schöll hat (Briefe und Aufsätze von Goethe S. 49) nach Copien,

welche Goethe zurückbehalten hatte, zwei in Straßburg geschriebene

Briefe herausgegeben, welche, wie ich glaube, ebenfalls an sie

gerichtet waren. Der erste ist überschrieben „_an Mamsell F._“; der

Aufenthalt in Sesenheim hatte ihm die Tage zurückgerufen, welche er

in ähnlichem Verkehr in Oesers Landhause in Dölitz zugebracht hatte;

der zweite, ohne Überschrift, folgt unmittelbar darauf auf demselben

Bogen und hier ist die Beziehung auf Leipzig klar. _Käthchen_ wird

darin erwähnt, über welche nun Niemand zweifelhaft sein wird, und

_Fränzchen_, vermuthlich jene Freundin, welche in Minna von Barnhelm

die Franziska spielte, und in einem Briefe an Käthchen (S. 75) genannt

wird. Zwar ist der Ton von den vorhergehenden merklich verschieden;

man spürt, daß Goethe gesund und reifer geworden ist, man fühlt den

Hauch der frisch aufkeimenden, ihn still beseligenden Liebe, übrigens

paßt der Ton ganz zu seinem Verhältniß zu Friederike Oeser und auch

das Element der Reflexion, welches diesem eigen war, tritt stark genug

hervor. Ich lasse dieselben deshalb hier folgen.

Fußnoten:

[142] Vgl. Werke XXI. S. 111 ff.

[143] Vgl. S. 154.

[144] _Friedr. Gervinus_ aus Zweibrücken studirte seit 1768 in Leipzig.

[145] Dölitz.

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 34 / 214 题