II.

Mademoiselle,

Sie ist lang ausgeblieben, die Antwort! soll ich Sie wohl um Vergebung

bitten? Nein gewiss, wenn ich das dürfte; Wenn ich sagen dürffte:

Mamsell, verzeihen Sie, ich hatte viel, viel Geschäffte, daran sich

Herckules den Arm aus der Pfanne hätte heben mögen, ich konnte

ohnmöglich, die Tage waren kurz, mein Gehirn, wegen der Einstrahlung

des Steinbocks und Wassermanns, etwas kalt und feucht, und noch die

ganze Reihe von alletags Entschuldigungen, um nicht auf sich kommen zu

lassen, man sey faul, dazugerechnet; Sehen Sie, wenn ich in Umständen

wäre, so was zu sagen, ich schrieb lieber in meinem Leben nicht. O

Mamsell, es war eine impertinente Composition von Laune meiner Natur,

die mich vier Wochen, an den Bettfus, und vier Wochen, an den Sessel

anschraubte, dass ich eben so gerne die Zeit über, hätte in einen

gespaltenen Baum wollen eingezaubert seyn. Und doch sind sie herum, und

ich habe das Capitel von Genügsamkeit, Geduld, und was übrigens für

Materien ins Buch des Schicksaals gehören, wohl und gründlich studiert,

binn auch dabey etwas kluger geworden; Sie werden mir also verzeihen

wenn dieser Brief, mehr ein Commentar zu dem Ihrigen, als eine Antwort

darauf wird; denn so viel Freude ich über das Blätgen gehabt habe, so

viel habe ich auch dawider einzuwenden, und -- ~Honneur aux Dames~ --

aber wahrhafftig, Sie haben unrecht.

Wir müssen uns besser verstehn, eh wir uns weiter herauslassen.

Vorausgesetzt, dass ich nicht mit Ihnen zufrieden binn! Und nun

will ich anfangen, von Anfang biss zu Ende, ordentlich wie ein

Cronickenschreiber; der Brief wird so lang werden, wie die Glosse eines

Dompfaffen, über einen kleinen, leichten Text.

Sie wissens von Alters her, -- wenigstens ist es meine Schuld nicht,

wenn Sie es nicht wissen -- Sie wissen, daß ich Sie für ein sehr gutes

Mädgen halte, die schon, wenn Ihr dran gelegen wäre, einen ehrlichen

Menschen mit dem weiblichen Geschlecht wieder versöhnen könnte, und

wenn er aufgebracht wäre wie Wieland. Wenn ich mich irre; so ist das

wieder meine Schuld nicht. Zwey Jahre beynahe, binn ich in Ihrem

Hause herumgegangen, und ich habe Sie fast so selten gesehen, als ein

Nachtforschender ~Magus~ einen Alraun pfeifen hört.

Von dem also zu reden was ich gesehen habe -- die Kirche urtheilt nicht

übers Verborgne, sagte Paris -- So versichre ich Sie, dass ich davon

bezaubert binn; aber wahrhafftig die ‘Philosophen’ von meiner Art,

haben meist Ulysses Kräuterbüschel, unter den andern Galanterien, in

einem ~Sachet~ bey sich, dass Ihnen die stärckste Bezauberung nicht

mehr schadet als ein starcker Rausch, Kopfweh den andern Morgen, aber

die Augen sind doch wieder helle. Dieses wohl begriffen, damit wir uns

nicht missverstehen.

Sie sind glücklich, sehr glücklich; wenn mein Herz nicht jetzt für

alle Empfindung todt wäre, ich wollte es Ihnen vorerzählen, vorsingen

wollt' ich's Ihnen. Das möglichste von Gessners Welten; wenigstens

bild ich's mir so ein. Und Ihre Seele hat sich sehr nach dem Glück

gebildet, Sie sind zärtlich, fühlbaar, Kennerinn des Reitzes, gut für

Sie, gut für Ihre Gespielen; aber nicht so gut für mich; und Sie müssen

doch auch gut für mich seyn, wenn Sie ein ganzrechtgutes Mädgen seyn

wollen. Ich war einmal kranck, und ward wieder gesund, eben genug,

um mit Bequemlichkeit meinem letzten Willen nachdencken zu können.

Ich schlich in der Welt herum, wie ein Geist, der nach seinem Ableben

manchmal wieder an die Orte gezogen wird, die ihn sonst angezogen,

da er sie noch körperlich geniesen konnte, jämmerlich schleicht er

zu seinen Schätzen, und ich demütig zu meinem Mädgen, und zu meinen

Freundinnen. Ich hoffte bedauert zu seyn; unsre Eigenliebe muss doch

was hoffen, entweder Liebe oder Mittleiden. Betrogner Geist bleib in

deiner Grube! Du magst noch so demütig, noch so flehend im weißen

Rocke flehen und jammern, wer todt ist ist Todt, wer kranck ist, ist

so gut wie todt; geh, Geist, geh, wenn sie nicht sagen sollen, du

bist ein beschwerlicher Geist. Die Geschichten, die mich auf diese

Betrachtung führten, gehören nicht hierher. Nur eine will ich Ihnen

ausführlich erzählen, wenn ich mich sie noch recht besinne. Ich kam

zu einem Mädgen, ich wollte drauf schwören, Sie wärens gewesen, die

empfing mich mit grossem Jauchzen, und wollte sich zu Todte lachen,

wie ein Mensch die Carickaturidee haben konnte, im 20sten Jahre an

der Lungensucht zu sterben! Sie hat wohl recht, dacht ich, es ist

lächerlich, nur für mich so wenig, als für den Alten im Sacke, der für

Prügeln sterben möchte, über die eine ganze Versammlung fast für lachen

stirbt.[135] Wie aber alle Sachen in der Welt zwey Seiten haben; und

einem ein schönes artiges Mädgen, leicht schwarz vor weis verkaufen

kann; und ich überhaupt leicht zu bereden binn, so gefiel mir das

Ding so wohl, dass ich mir einbilden liess, es wäre alles Einbildung,

und man wäre glücklich, so lang man vergnügt wäre, und so weiter; und

da erzählte sie mir wie sie auf dem Lande so vergnügt gewesen wären,

wie sie blinde Kuh gespielt, nach dem Topfe geschlagen, geangelt, und

gesungen hätten, dass mir's ward wie's einem jungen Mädgen wird die

den Grandison liesst; das ist ein feines Bissgen von einem Menschen,

so einen möcht'st du auch haben, denckt sie. Wie gern hätte ich auch

mitgemacht, und meine Kranckheit verschlimmert. Dem sey wie ihm wolle,

Mamsell, es ist nichts so schlimm, dass das Schicksaal nicht zum Guten

machen könnte, Ihre Unbarmherzigkeit in den letzten Tagen, gegen den

armen Verurteilten, machte ihn starck; Glauben Sie mir, Sie sind

alleine Schuld, dass ich Leipzig ohne sonderliche Schmerzen verlassen

habe. Freudigkeit der Seele, und Heroismus ist so communicabel wie

die Elecktricität, und Sie haben soviel davon, als die Elecktrische

Maschine Feuerfuncken in sich enthält. Morgen seh ich sie wieder! ein

Abschiedsgruss zu dem, den man auf die Galeeren schmieden will, ist

wahrhafftig nicht der zärtlichste. Es sey! Mich hat er starck gemacht;

und doch war ich nicht mit zufrieden. Die Grösse der Seele, ist meist

unempfindlichkeit, unter uns gesagt. Wenn ich's wohl betrachte, so

handelten Sie ganz natürlich, mein Abschied musste Ihnen gleichgültig

seyn, mir war er's warrlich nicht. Ich hätte gewiss geweint, wenn

ich nicht gefurcht hatte, Ihre weissen Handschuhe zu verderben; eine

überflüssige Vorsicht, ich sah erst am Ende, dass sie gestrickt und

von Seide waren, da hätte ich immer weinen können, doch da war's zu

spät. Dass ich ein Ende mache. Ich ging aus Leipzig und Ihr Geist

begleitete mich, mit der ganzen Munterkeit seines Wesens. Ich kam hier

an, und fing an Betrachtungen zu machen, dazu ich bissher nicht Zeit

gehabt hatte. Und sah mich hier nach Freunden um, und fand keine;

nach Mädgen, die waren nicht so specificirt wie ich's liebe, und war

im Jammer, und klage Ihnen das in wunderschönen Reimen, und dencke,

ob Sie den wohl dich bedauern wird, und den unglücklichen Schwanen,

durch ein Briefgen trösten wird! Da kam ein Brieflein! Nun das ist

wohl wahr, erquickt war ich; denn Sie stellen sich die Trockenheit

nicht vor, in der man hier, von Seiten einer angenehmen Unterhaltung

lechzt; aber getröst war ich nicht; Ich sah dass Sie meynten, Poesie

und Lügen wären nun Geschwister, und der Hr. Briefsteller könnte wohl

ein sehr ehrlicher Mensch, aber auch ein starcker Poete seyn, der

aus Vorurteil für das Clair obscür, offt die Farben etwas stärcker,

und die Schatten etwas schwärzer aufstriche, als es die Natur thut.

~Bon~, Sie sollen recht haben, wo sie's haben. Nur, das ist doch zu

arg, Sachen bey mir zu supponiren, die ich doch so wenig besitze,

als den Stein der Weisen. _Einen gesunden Kopf, ein gutes Herz_,

nun dazu liess ich mich noch wohl bereden, zu glauben dass ich das

hätte; aber gelehrige Schülerinnen, Freunde, wie sich's gehört,

darauf wart ich noch; wenn ich sie erwischt habe, die Paradiesvögel,

da will ich's Ihnen schreiben. Dass Sie also unrecht hatten, mir

ein Rezept zu verschreiben, wozu die Species in Leipzig waren, dass

mich das nothwendig kräncken musste, das sehen Sie nun wohl ein. Es

ist sehr unbillig; Sie haben mein Herz gegen den Abschied von L.

unempfindlich gemacht, Sie wollen gar haben daß ich es vergessen soll!

O Sie kennen Sich und Ihre Landsmänninnen zu wenig! Wer die Minna

hat zu Franckfurt aufführen sehen, der weiss besser was Sachsen ist.

Sie haben also unrecht! Ich wiederhole es noch einmal, ob ich gleich

in dem Augenblicke nicht weiss warum; denn ich habe so viel davon

geschrieben, dass ich's drüber vergessen habe, wovon eigentlich die

Rede war. Es mag nun seyn wie's will, so war die ganze Sache eine

unparteiische, uneigennützige Erinnerung, an ein gewisses Frauenzimmer;

dass zum rechten guten Herzen auch Mitleiden gehört; dass das noch

lange nicht der höchste Grad von Empfindlichkeit ist, wenn man arme

Leute und Lerchen füttert. Dass das Lachen gegen das reelle Unglück,

so wenig eine gute Cur ist, als das aus dem Sinnschlagen. Dass wir

wenn wir satt sind, eine Rede von Genügsamkeit sehr schlecht bey einem

Hungrigen anwenden, und endlich, dass der liebenswürdigste Brief,

nicht das hundertste Theil von dem Reiz der Unterredung enthält. Denn

Sie hätten mir alles das, und noch mehr, und nicht einmal so schön,

vorreden dürfen, so wäre ich confundirt gewesen, und hätte mich nie

unterstanden, die geringste von diesen impertinenten Anmerckungen zu

machen. Wenn die Frauenzimmer immer wüssten, was sie könnten, wenn

sie wollten! -- Es ist gut dass es ist wie's ist, ich will zufrieden

seyn, dass sie unsre Schwächen nicht ganz kennen. Nun genug von dieser

Materie, von der ich so viel geschrieben habe, weil ich nie wieder

davon zu schreiben hoffe. Möchte ich doch einem Unglückligen gedient

haben, den etwa das Schicksaal künftig in Ihre Hände übergiebt, die je

niedlicher sie sind, desto grausamer peinigen können. Ich hoffe künftig

Ihnen mit keinen Klagen, mit keinem Jammer beschwerlich zu fallen, ich

hoffe das Mitleid nicht nötig zu haben, wozu ich Sie ermahne. Trutz der

Kranckheit die war, trutz der Kranckheit die noch da ist, binn ich so

vergnügt, so munter, offt so lustig dass ich Ihnen nicht nachgäbe, und

wenn Sie mich in dem Augenblicke jetzt besuchten, da ich mich in einem

Sessel, die Füsse wie eine Mumie verbunden, vor einen Tisch gelagert

habe, um an Sie zu schreiben.

Hierher gehört auch dass ich in diesem neuen Jahre, eine ~Farçe~

gemacht habe, die ehstens, unter dem Titel: Lustspiel in Leipzig

erscheinen wird. Den die ~Farçen~ sind jetzt auf allen Parnassen

~contrebande~, wie alles aus der Zeit Ludwigs des Vierzehenden.

Es lebe Ihre Connexion in der Sie mit dem Schicksaale stehn, ich werde

mich auch auf den Fus mit ihm setzen; und Ihr Wahlspruch, möchte auch

noch hingehn, und gut und artig seyn, wenn er nur nicht eben vom

Rhingluff,[136] oder Gott weis wie er heisst, genommen wäre, zwanzig

Dichter haben es eben so gut, und besser gesagt, warum muss nun eben

der Mensch, mit dem Barbarischen Nahmen, die Ehre haben; Denn unter uns

gesagt ich binn keiner von seinen Freunden. Ich kenne ihn weiter nicht,

aber seine Verse die ich kenne, ~dementiren~ den ehrwürdigen Bart,

und das feyerliche Ansehn das ihm Herr Geyser[137] gegeben hat; ich

will drauf schwören, in der Natur, sieht er jünger aus. Sind denn die

Gesänge schlecht? Wer wird gleich solche Gewissensfragen thun! Genug

ich weis nicht was ich mit machen soll. Mamsell, Sie sollen wenn Sie's

verlangen, meine Meynungen über allerley Dinge wissen, sagen Sie mir

die Ihrige, und es wird die angenehmste, fruchtbaarste Materie, für

unsern Briefwechsel seyn; aber Erfahrung macht Misstrauen. Ich rede

frey vor Ihnen, wie ich vor wenigen in Leipzig reden würde, nur lassen

Sie niemanden sehn wie ich dencke. Seitdem Clodius freundschafftlichere

Gesinnungen gegen mich blicken lässt, ist mir ein grosser Stein vom

Herzen;[138] ich habe mich steets vor Beleidigungen gehütet. Rhingulff

ist ohne Zweifel in Leipzig, vielleicht kennen Sie ihn. Ich weiss

nichts, denn ich binn ausser aller ~Connexion~, mit allen schönen

Geistern. Ich dencke so von R. wie von allen Gesängen dieser Art. Gott

sey Danck, dass wir Friede haben, zu was das Kriegsgeschrey. Ja wenns

eine Dichtungsart wäre, wo viel Reichthum an Bildern, Sentiments oder

sonst was läge. Ey gut da fischt immer! Aber nichts, als ein ewig

Gedonnere der Schlacht, die Glut die im Muth aus den Augen blitzt,

der goldne Huf mit Blut bespritzt, der Helm mit dem Federbusch, der

Speer, ein paar Duzend ungeheure Hyperbeln, ein ewiges Ha! Ah! Wenn der

Vers nicht voll werden will, und wenns lang währt, die Monotonie des

Sylbenmaases, das ist zusammen nicht auszustehn. Gleim, und Weise und

Gessner in Einem Liedgen, und was drüber ist hat man satt. Es ist ein

Ding das gar nicht interessirt, ein Gewäsche das nichts taugt als die

Zeit zu verderben. Forcirte Gemälde weil der Herr Verf. die Natur nicht

gesehen hat, ewige egale Wendungen; denn Schlacht ist Schlacht, und die

Situationen die es etwa reicht sind sehr genützt. Und was geht mich der

Sieg der Teutschen an, dass ich das Frohlocken mit anhören soll, eh!

das kann ich selbst. Macht mich was empfinden, was ich nicht gefühlt,

was dencken was ich nicht gedacht habe, und ich will euch loben. Aber

Lärm und Geschrey statt dem Pathos, das thut's nicht. Flittergold, und

das ist alles. Hernach sind in R. Gemälde ländlicher Unschuld; sie

möchten gut seyn, in Arkadien angebracht zu werden; unter Deutschlands

Eichen, wurden keine Nymphen gebohren wie unter den Myrthen, im Tempe.

Und was an einem Gemälde am unerträglichsten ist, ist Unwahrheit. Ein

Mährgen hat seine Wahrheit, und muss sie haben, sonst wär es kein

Mährgen. Und wenn man nun das Sujet so chiffonirt sieht, so wird's

einem bang. Da meynen die Herren das fremde Costume sollte was thun!

Wenn's Stück schlecht ist, was sind des Ackteurs schöne Kleider! Wenn

Ossian im Geiste seiner Zeit singt, so brauche ich gerne Commentars,

sein Costume zu erklären, ich kann mir viele Mühe darum geben; nur wenn

neuere Dichter sich den Kopf zerbrechen, ihr Gedicht im alten Gusto zu

machen, dass ich mir den Kopf zerbrechen soll, es in die neue Sprache

zu übersetzen, das will mir meine Laune nicht erlauben. Gerstenbergs

Skalden hätt ich lange gern gelesen, wenn nur das Wörterverzeichniss

nicht wäre. Es ist ein groser Geist, und hat aparte Prinzipia. Von

seinem Ugolino soll mann gar nicht urteilen. Ich sage nur bey der

Gelegenheit: Grazie und das hohe Pathos sind heterogen; und niemand

wird sie vereinigen dass sie ein würdig Süjet einer edlen Kunst

werden, da nicht einmal das hohe Pathos ein Süjet für die Mahlerey dem

Probierstein der Grazie; und die Poesie hat gar nicht eben Ursache

ihre Gränzen so auszudehnen, wie ihr Advocat meynt.[139] Er ist ein

erfahrner Sachwalter; lieber ein wenig zu viel als zu wenig; ist seine

Art zu dencken. Ich kann, ich darf mich nicht weiter erklären, Sie

werden mich schon verstehen; Wenn man anders als grosse Geister denckt,

so ist es gemeiniglich das Zeichen eines kleinen Geists. Ich mag nicht

gerne, eins und das andre seyn. Ein grosser Geist irrt sich so gut wie

ein kleiner, jener weil er keine Schrancken kennt, und dieser weil er

seinen Horizont, für die Welt nimmt. O, meine Freundinn, das Licht ist

die Wahrheit, doch die Sonne ist nicht die Wahrheit, von der doch das

Licht quillt. Die Nacht ist Unwahrheit. Und was ist Schönheit? Sie ist

nicht Licht und nicht Nacht. Dämmerung; eine Gebuhrt von Wahrheit und

Unwahrheit. Ein Mittelding. In ihrem Reiche liegt ein Scheideweg so

zweydeutig, so schielend, ein Herkules unter den Philosophen könnte

sich vergreiffen. Ich will abbrechen; wenn ich in diese Materie komme,

da werd' ich zu ausschweifend, und doch ist sie meine Lieblings

Materie. Wie möchte ich ein Paar hübsche Abende, bei Ihrem lieben Vater

seyn; ich hätte ihm gar so viel zu sagen. Meine Gegenwärtige Lebensart

ist der Philosophie gewiedmet. Eingesperrt, allein, Circkel Papier,

Feder und Dinte, und zwey Bücher, mein ganzes Rüstzeug. Und auf diesem

einfachen Weege, komme ich in Erkenntniss der Wahrheit, offt so weit,

und weiter, als andre mit ihrer Bibliothekarwissenschafft. Ein groser

Gelehrter, ist selten ein grosser Philosoph, und wer mit Mühe viel

Bücher durchblättert hat, verachtet das leichte einfältige Buch der

Natur; und es ist doch nichts wahr als was einfältig ist; freylich eine

schlechte Recommendation für die wahre Weisheit. Wer den einfältigen

Weeg geht, der geh ihn, und schweige still, Demuth und Bedächtlichkeit,

sind die nothwendigsten Eigenschafften unsrer Schritte darauf, deren

jeder endlich belohnt wird. Ich dancke es Ihrem lieben Vater; Er hat

meine Seele zuerst zu dieser Form bereitet, die Zeit wird meinen Fleis

seegnen, dass er ausführen kann was angefangen ist.

So ist's mit mir, wenn ich ins schwätzen komme, so verlier ich mich,

wie Sie; nur dass ich mir nicht so bald helfen kann. Wenn ich sagte,

ich habe viel geschwätzt, so passte das eher hierher, als es zu Ihrem

Brief passte. Er war ein wenig kurz.

Lassen Sie sich durch mich zum Schreiben aufmuntern! Sie wissen

nicht, wie viel Sie für mich thun, wenn Sie für mich, sich nur einige

Zeit beschäfftigen. Und nur des seltsamen wegen, sollten Sie den

Briefwechsel ins Reich unterhalten.

Noch einige Kleinigkeiten eh ich schliesse. Meine Lieder, davon

ein Teil das Unglück gehabt hat, Ihnen zu missfallen, werden mit

Melodien auf Ostern gedruckt, ich würde mich vielleicht unterstanden

haben, Ihnen ein unterschriebnes Exemplar zu wiedmen, wenn ich nicht

wüsste, dass man Sie durch einige Kleinigkeiten, leicht zum schimpfen

bewegen könnte, wie Sie selbst zu Anfange Ihres Briefs sagen; den

ich wohl glaube verstanden zu haben. Es ist mein Unglück dass ich so

leichtsinnig binn, und alles von der guten Seite ansehe. Dass Sie meine

Lieder von der bösen angesehen haben; Ist das meine Schuld. Werfen Sie

sie ins Feuer, und sehen Sie die gedruckten gar nicht an; nur bleiben

Sie mir gewogen. Unter uns, ich bin einer von den gedultigen Poeten,

gefällt euch das Gedicht nicht, so machen wir ein anders.

Von Wielanden[140] möchte ich gar zu gerne was noch schreiben, fürchtet

ich nicht die Weitläuffigkeit. Es giebt Materie zu einem andern Brief

genug. Sie haben mir ia auch noch viel zu sagen, sagen Sie in Ihrem

letzten Brief; (der der erste war) ey, nehmen Sie sich nur alle acht

Tage eine Stunde, einen Monat will ich gerne warten, und da hoff'

ich, wird ein freundschafftlich Packetgen mich trösten. Unter andern

würden Sie mir eine sonderbaare Gefälligkeit erweisen, wenn Sie mir

von den neusten, artigen und guten Schriften Nachricht gäben; hier

erfährt mann's immer erst ein Vierteljahr nach der Messe. Ob ich gleich

fast ganz auf die neue Literatur jetzo renuncirt habe, und keine Verse

mehr, ausser wenn mich ein Räuschgen ermuntert, fliessen wollen, so

mag ich doch den Neologismus nicht ganz auf einmal verlassen. Es hängt

einem immer noch an, das Skarteckgenlesen, das in Leipzig offt für

Gelehrsamkeit passirt.

Wie gern käm ich auf Ostern zu Ihnen, wenn ich könnte; wissen Sie was,

kommen Sie zu mir, oder schicken Sie mir den Papa. Wir haben Plaz für

Sie alle wenn Sie kommen wollen. Es ist mein ganzer Ernst. Fragen Sie

nur den Meister Junge,[141] der wird Ihnen sagen dass das wahr ist.

Und unser Tisch lässt sich so gut anstossen, wenn Gäste kommen, wie

der Ihrige. Sie werden freylich diese Invitation nicht annehmen, die

sächsischen Mädgen sind etwas delicat. Gut, zwingen will ich Sie nicht.

Aber wenn Sie mich böse machen, so komm ich selbst, und invitire Sie in

eigner Person. Wollen Sie es hernach auch nicht annehmen?

Ich binn

Ihr ergebenster Freund

und Diener

Goethe.

Franckfurt,

am 13. Febr.

1769.

Fußnoten:

[135] Bei Moliere, ~les fourberies de Scapin III~, 2.

[136] K. Fr. _Kretzschmann_ in Zittau hatte herausgegeben: „Der Gesang

Ringulphs des Barden, als Varus geschlagen worden war“ (Zittau 1769);

welcher in der Neuen Bibliothek der schönen Wissensch. 1769 VIII, 1 S.

76 ff. sehr gelobt wurde. Später erschien auch „Die Klage Ringulphs

des Barden“ (Zittau 1771). In den Frankfurter Anzeigen machte sich

Goethe noch über ihn lustig (Werke XXXII. S. 48): „Herr _Kretschmann_

erscheint hier in einem ganz unvermutheten Lichte des Patrons, er

steht nämlich mit der Goldsichel unter dem heiligen Eichenstamm und

initiirt, als ein alter Barde, den Ankömmling _Telynhard_. Wer doch den

Mann kennte, der ihn als _Rhingulph_ eingeweiht hat, damit man's ihm

ein klein wenig von _Klopstock's_ und _Gerstenberg's_ wegen verweisen

könnte.“

[137] Der Kupferstecher, nachmals Oesers Schwiegersohn.

[138] Wegen der S. 17 f. erwähnten Parodie. Man sieht, Clodius

beurtheilte diese Äußerung jugendlichen Übermuthes billig und

verständig. Sein Sohn, der Professor C. A. H. _Clodius_, glaubte nach

dem Erscheinen von Wahrheit und Dichtung die Ehre seines Vaters retten

zu müssen durch einen Aufsatz im Morgenblatt (1812 N. 259 f.): „Über

einige literarische Jugendurtheile des Herrn von Goethe“, in welchem er

über der Pietät gegen seinen Vater die gegen den großen Mann vergessen

zu haben scheint.

[139] _Lessing_ im _Laokoon_.

[140] Vgl. an Reich ~I.~

[141] S. oben S. 118.

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 33 / 214 题