In späteren Jahren hören wir von Oesers Besuchen in Weimar nichts,
wovon sein vorgerücktes Alter die Ursache gewesen sein mag; doch
scheint seit Goethes Italiänischer Reise der Verkehr mit ihm
nachgelassen zu haben.
Oeser starb an einem Stickfluß den 18. März 1799; Goethe ehrte sein
Andenken durch eine sein Verdienst anerkennende Würdigung in den
Propyläen vom Jahr 1800 (~III.~ S. 125 ff.).
Man hat sich, und nicht mit Unrecht, darüber gewundert, daß Goethe in
der Schrift „Winckelmann und sein Jahrhundert“ Oesers mit keinem Worte
gedenkt, der doch so großen Einfluß auf beide gehabt hatte. Dieses
Stillschweigen, wie die etwas skeptische Weise, mit welcher Goethe
in Wahrheit und Dichtung von jenem Einfluß Oesers auf Winckelmann
spricht,[101] ist wohl eine Wirkung der Italiänischen Reise. Daß Oeser
auf Goethes künstlerische Auffassung bedeutend einwirkte, und noch
später ihm als Kenner und Künstler hochstand, liegt klar vor, der
Aufenthalt in Italien aber modificirte sein künstlerisches Urtheil gar
sehr. „Ich dachte wohl,“ sagt er,[102] „hier was rechts zu lernen; daß
ich aber so weit in die Schule zurückgehen, daß ich so viel verlernen,
ja durchaus umlernen müßte, dachte ich nicht.“ Auch hier ging er
dankbar von _Winckelmann_ aus und kehrte immer zu ihm zurück, aber
er erkannte auch, daß von ihm der Begriff zwar richtig und herrlich
aufgestellt, alles Einzelne aber noch im ungewissen Dunkel sei.[103]
Da fand er nun einen Führer an _Heinrich Meyer_, der den sichern von
Winckelmann und Mengs eröffneten Weg ruhig fortging.[104] „Er hat eine
himmlische Klarheit der Begriffe,“ schreibt er von ihm. „Er spricht
niemals mit mir, ohne daß ich alles aufschreiben möchte was er sagt,
so bestimmt, richtig, die einzige wahre Linie beschreibend sind seine
Worte. Sein Unterricht giebt mir, was mir kein Mensch geben konnte.
Alles was ich in Deutschland lernte, vornahm, dachte, verhält sich
zu seiner Leitung wie Baumrinde zum Kern der Frucht.“[105] Meyer war
durch eine umfassende, auf sorgfältige Beobachtung gegründete Kenntniß
der Kunstwerke ausgezeichnet, die er sich nach Winckelmanns System
geordnet hatte, das er wohl inne hatte und auszubauen verstand. Er war
durch seinen nüchternen, klaren Verstand und seine Ruhe von Oesern
ganz außerordentlich verschieden und bot Goethe das dar, dessen er
damals bedurfte. Nach einer andern Seite hin war der Verkehr mit
_Moritz_[106] für die Auffassung des Schönen und der Kunst anregend und
fördernd, auf welche Goethes naturwissenschaftliche Studien eine so
eigenthümliche Einwirkung hatten. Ohne gegen Oeser undankbar zu werden,
dessen früheren Einfluß auf sich er so wahr und warm geschildert hat,
lernte er seinen Werth als Künstler und Kritiker unbefangner würdigen,
und kam wohl zu der Überzeugung, daß das, was Winckelmann in früheren
Jahren Oeser verdankte, zu hoch angeschlagen werde gegen das was er
in Rom durch sich selbst und Mengs geworden sei. So schwieg er über
Oeser, um nicht härter über ihn sich auszusprechen, als er selbst wohl
wünschte.
Was von Goethes Briefen an Oeser und seine Tochter Friederike erhalten
ist, befindet sich jetzt im Besitz der Bibliothek zu Weimar, von wo aus
mir die Erlaubniß zur Veröffentlichung derselben gegeben worden ist.
Ein Theil derselben war bereits im Morgenblatt 1846, Nr. 112 ff. 117.
gedruckt worden.
Manche Papiere und Nachrichten, welche Oeser und seine Familie angehen,
verdanke ich der gütigen Mittheilung seines Enkels, Herrn _Geyser_, in
dessen Besitz sich auch das von _Tischbein_ aus Cassel gemalte Bild von
Friederike Oeser befindet, welches hier copirt ist.
Fußnoten:
[58] Vgl. Seume, N. Teutsch. Merc. 1799 ~II.~ S. 152 ff. Leipziger
Kunstblatt 1817 N. 8. 9.
[59] Winckelmanns Briefe ~I.~ S. 102.
[60] Winckelmanns Briefe ~I.~ S. 105. 165.
[61] Winckelmanns Briefe ~I.~ S. 145. ~II.~ S. 292.
[62] Weimar. Herder-Album S. 456.
[63] Vgl. Werke ~I.~ S. 83 (222), 115 (224), 214 u. S. ~VIII.~
[64] Werke ~I.~ S. 212.
[65] Werke ~I.~ Vorr. S. 4.
[66] Weißes Selbstbiographie S. 97.
[67] Vgl. Werke ~XXI.~ S. 183. Das Gedicht auf Gellerts Monument von
Oeser gehört ebenfalls in diese Zeit.
[68] Werke ~XXIV.~ S. 287.
[69] Werke ~XXII.~ S. 66.
[70] Briefe an Reich ~IV.~
[71] Briefe an Frau v. Stein ~I.~ S. 19 ff. an Merck ~II.~ S. 58.
Riemer Mittheil. ~II.~ S. 24. Vgl. Briefe an Lavater S. 15. 18.
[72] Briefe an Frau von Stein ~I.~ S. 73. Riemer Mitth. ~II.~ S. 36 f.
[73] Als sie wieder zurückgekehrt waren, schrieb Goethes Diener Seidel
an Reich: „Der Hr. Geh. L. R. hat bei seiner Durchreiße durch Leipzig
einem Uhrmacher in oder neben dem ~Hotel de Bavière~ (dessen Namen der
Bediente nicht weiß) eine goldne Uhr zu repariren gegeben. Haben Sie
die Güte diese zurückzufordern, die Gebühr auszulegen und solche anher
zu senden.“
[74] Briefe an Merck ~II.~ S. 146 vgl. S. 140. Goethes Briefe an Frau
v. Stein ~I.~ S. 165. Riemer Mitth. ~II.~ S. 59.
[75] Briefe an Merck ~I.~ S. 241. 242. 243.
[76] Riemer Mitth. ~II.~ S. 128. Briefe an Merck ~II.~ S. 184 f.
[77] Briefe an Frau v. Stein ~II.~ S. 103. 105.
[78] Briefe an Frau v. Stein ~II.~ S. 277 ff.
[79] Die Xenien trafen in Leipzig besonders Dyk, Platner, Blankenburg,
Heydenreich, den literarischen Anzeiger; sie scheinen aber meistens von
Schiller herzurühren.
[80] Briefe an Schiller ~II.~ S. 302. ~III.~ S. 1. Werke ~XXVII.~ S. 61.
[81] Schiller Briefw. mit Körner ~IV.~ S. 177.
[82] Briefe an Merck ~I.~ S. 242. an Frau v. Stein ~II.~ S. 278.
[83] Briefe an Merck ~II.~ S. 185.
[84] Briefe an Oeser ~V.~
[85] Riemer Mitth. ~II.~ S. 327.
[86] Briefe an Merck ~I.~ S. 204. 211.
[87] Briefe an Frau v. Stein ~I.~ S. 353. 362.
[88] Briefe an Frau von Stein ~I.~ S. 312 f. 316. 319. an Merck ~I.~ S.
252. 256. ~II.~ S. 177. an Knebel ~I.~ S. 116. 186. Riemer Mitth. ~II.~
S. 122.
[89] Briefe an Knebel ~I.~ S. 189.
[90] Briefe an Frau von Stein ~II.~ S. 256. an Merck ~II.~ S. 214 vgl.
212. an Knebel ~I.~ S. 193. Riemer Mitth. ~II.~ S. 162.
[91] Briefe an Frau v. Stein ~II.~ S. 327.
[92] Briefe an Merck ~I.~ S. 459. Riemer Mitth. ~II.~ S. 193.
[93] Briefe an Merck ~I.~ S. 242. 256. 328. ~II.~ S. 212. an Knebel
~I.~ S. 186.
[94] Briefe an Frau v. Stein ~I.~ S. 312. 321.
[95] Briefe an Knebel ~I.~ S. 116 f. an Frau v. Stein ~I.~ S. 312 f.
[96] Riemer Mitth. ~II.~ S. 162.
[97] Briefe an Merck ~I.~ S. 256. an Knebel ~I.~ S. 186. 193.
[98] Briefe an Merck ~I.~ S. 253 f.
[99] Briefe an Merck ~I.~ S. 459.
[100] Nicht lange vorher schrieb Wieland an Merck (~I.~ S. 451), daß
Alles davon gegangen sei, so daß die gute ~duchessa madre~ zu thun
haben werde, sich der Langenweile zu erwehren. „Wenn uns (wie wir
hoffen) der podagrische Freund Oeser nicht bald zu Hilfe kommt, so sei
uns der Himmel gnädig.“
[101] Werke ~XXI.~ S. 115 ff.
[102] Werke ~XXIII.~ S. 179.
[103] Werke ~XXIII.~ S. 205. vgl. S. 176. 177 f. 186. 194. 195.
[104] Werke ~XXIV.~ S. 154.
[105] Werke ~XXIV.~ S. 164 f. vgl. Eckermann Gespräche ~I.~ S. 215. 341.
[106] Werke ~XXIV.~ S. 270 f.
An Adam Friedrich Oeser.