I.

Theuerster Herr Professor,

Zwölf Tage bin ich nun wieder in meiner wehrten Vaterstadt, von

Anverwandten, und Freunden, und Bekanndten umgeben die sich über meine

Ankunft teils freuen, teils verwundern, und alle sich bemüen, dem

neuen Ankömling, dem halben Fremdling gefällig zu seyn, und ihm eine

Stadt, die zu sehr Antithese von Leipzig ist um viel Annehmlichkeiten

für ihn zu haben durch einen freundschafftlichen Umgang erträglich

zu machen. Wir wollen sehen wie weit sie's bringen, jetzo kann ich

nichts sagen, ich binn zu zerstreut, und mit meiner neuen Einrichtung

zu sehr beschäfftigt, als daß mein Herz für das was ich verlohren

habe, und für das was ich hier wieder finde, viel Empfindung haben

sollte. Ich schreibe Ihnen auch für dießmal nichts, als daß meine

Ankunft nach einer glücklichen Reise, eine erwünschte Ruhe über meine

Famielie verbreitet hat, daß meine Kranckheit, die nach dem Ausspruch

meiner hiesigen Ärtzte nicht so wohl in der Lunge als in denen dazu

führenden Teilen liegt, sich täglich zu bessern scheint. Daß Ihr

Tischer[107] nachdem er sich einige Tage bey uns aufgehalten, mit guten

Empfelungsschreiben an den Ort seiner Bestimmung, in der Hoffnung seine

Sache so gut als möglich auszuführen gereißt ist, und sich Ihnen und

Ihrem ganzen Hause bestens empfelen läßt. Und das sey für diesesmal

alles. Jede danckbaare Empfindung für alles was ich Ihnen schuldig

binn, sey biß zu einer ruhigern und glücklichern Zeit aufgehoben,

sobald ich diese so sehr erwartete Epoche werde erreicht haben, will

ich Ihnen einen längern und bessern Brief schreiben; mittlerweile

erhalten Sie mir Ihre Liebe, Ihre Freundschafft die mir so sehr

geschmeichelt, die mich so sehr aufgemuntert hat, erhalten Sie mich in

dem Andencken Ihrer verehrungswürdigen Gattin und Ihrer liebenswürdigen

Kinder, und aller meiner Freunde; Hrn. Kreuchauf, Hrn. Cravinus, Hrn.

v. Hardenberg, Hrn. v. Lieven, Hrn. Huber, bitte ich insbesondere

meiner Ergebenheit zu versichern, und meinem Successor Hrn. Grönig

den schnellsten Fortgang in der Kunst zu wünschen. Ich binn mit der

beständigsten Hochachtung,

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 17 / 214 题