»Verrückt, meinen Sie? Nein. Obwohl auch das ja möglich wäre.« Er wurde
zerstreut, Gedanken packten ihn von innen. Mit beginnender Unruhe sprach er
fort: »Wenn man darüber _redet_, wird auch das Einfachste gleich
kompliziert und unverständlich. Wir sollten gar nicht davon sprechen! --
Man tut das ja auch nur, man spricht nur dann darüber, wenn man es nicht
verstehen _will_.«
»Wie meinen Sie das? Ich will wirklich verstehen. Glauben Sie mir! Es
interessiert mich sehr.«
Er lächelte lebhaft.
»Ja, ja. Sie wollen sich darüber unterhalten. Sie haben etwas erlebt und
wollen jetzt darüber reden. Ach, es hilft nichts. Reden ist der sichere Weg
dazu, alles mißzuverstehen, alles seicht und öde zu machen. -- Sie wollen
mich ja nicht verstehen und auch sich selber nicht! Sie wollen bloß Ruhe
haben vor der Mahnung, die Sie gespürt haben. Sie wollen mich und die
Mahnung damit abtun, daß Sie die Etikette finden, unter der Sie mich
einreihen können. Sie versuchen es mit dem Verbrecher und mit dem
Geisteskranken, Sie wollen meinen Stand und Namen wissen. Das alles führt
aber nur weg vom Verstehen, das alles ist Schwindel, liebes Fräulein, ist
schlechter Ersatz für Verstehen, ist vielmehr Flucht vor dem
Verstehenwollen, vor dem Verstehenmüssen.«
Er unterbrach sich, strich gequält mit der Hand über die Augen, dann schien
ihm etwas Freundliches einzufallen, er lächelte wieder. »Ach sehen Sie, als
Sie und ich gestern einen Augenblick lang genau das gleiche fühlten, da
sagten wir nichts und fragten nichts und dachten auch nichts -- auf einmal
gaben wir einander die Hand, und es war gut. Jetzt aber -- jetzt reden wir
und denken und erklären -- und alles ist seltsam und unverständlich
geworden, was so einfach war. Und doch wäre es ganz leicht für Sie, mich
ebenso gut zu verstehen wie ich Sie.«
»Sie glauben mich so gut zu verstehen?«
»Ja, natürlich. Wie Sie leben, weiß ich nicht. Aber Sie leben, wie ich es
auch getan habe und wie alle es tun, meistens im Dunkeln und an sich selber
vorbei, irgendeinem Zweck, einer Pflicht, einer Absicht nach. Das tun fast
alle Menschen, daran ist die ganze Welt krank, daran wird sie auch
untergehen. Manchmal aber, beim Tanzen zum Beispiel, geht die Absicht oder
Pflicht Ihnen verloren, und Sie leben auf einmal ganz anders. Sie fühlen
auf einmal so, als wären Sie allein auf der Welt, oder als könnten Sie
morgen tot sein, und da kommt alles heraus, was Sie wirklich sind. Wenn Sie
tanzen, stecken Sie damit sogar andere an. Das ist Ihr Geheimnis.«
Sie ging eine Strecke weit rascher. Zu äußerst auf einem Vorsprung überm
See blieb sie stehen.
»Sie sind sonderbar,« sagte sie. »Manches kann ich verstehen. Aber -- was
wollen Sie eigentlich von mir?«
Er senkte den Kopf und sah einen Augenblick traurig aus.
»Sie sind es so gewohnt, daß man immer etwas von Ihnen haben will.
Teresina, ich will von Ihnen nichts, was nicht Sie selber wollen und gerne
tun. Daß ich Sie liebe, kann Ihnen gleichgültig sein. Es ist kein Glück,
geliebt zu werden. Jeder Mensch liebt sich selber, und doch quälen sich
Tausende ihr Leben lang. Nein, geliebt werden ist kein Glück. Aber lieben,
das ist Glück!«
»Ich würde Ihnen gern irgendeine Freude machen, wenn ich könnte,« sagte
Teresina langsam, wie mitleidig.
»Das können Sie, wenn Sie mir erlauben, Ihnen irgendeinen Wunsch zu
erfüllen.«
»Ach, was wissen Sie von meinen Wünschen!«
»Allerdings, Sie sollten keine haben. Sie haben ja den Schlüssel zum
Paradies, das ist Ihr Tanz. Aber ich weiß, daß Sie doch Wünsche haben, und
das ist mir lieb. Und nun wissen Sie: da ist einer, dem macht es Spaß,
Ihnen jeden Wunsch zu erfüllen.«
Teresina besann sich. Ihre wachsamen Augen wurden wieder scharf und kühl.
Was konnte er von ihr wissen? Da sie nichts fand, begann sie vorsichtig:
»Meine erste Bitte an Sie wäre die, daß Sie aufrichtig sind. Sagen Sie mir,
wer Ihnen etwas von mir erzählt hat.«
»Niemand. Ich habe niemals mit einem Menschen über Sie gesprochen. Was ich
weiß -- es ist sehr wenig -- weiß ich von Ihnen selbst. Ich hörte Sie
gestern sagen, daß Sie sich wünschen, einmal in Castiglione zu spielen.«
Ihr Gesicht zuckte.
»Ach so, Sie haben mich belauscht.«
»Ja, natürlich. Ich habe Ihren Wunsch verstanden. Weil Sie nicht immer
einig mit sich sind, suchen Sie nach Erregung und Betäubung.«
»O nein, ich bin nicht so romantisch, wie Sie meinen. Ich suche beim Spiel
nicht Betäubung, sondern einfach Geld. Ich möchte einmal reich sein oder
doch sorgenfrei, ohne mich dafür verkaufen zu müssen. Das ist alles.«
»Das klingt so richtig, und doch glaube ich es nicht. Aber wie Sie wollen!
Sie wissen ja im Grunde ganz gut, daß Sie sich nie zu verkaufen brauchen.
Reden wir nicht davon! Aber wenn Sie Geld haben wollen, sei es nun zum
Spielen oder sonst, so nehmen Sie es doch von mir! Ich habe mehr, als ich
brauche, glaube ich, und lege keinen Wert darauf.«
Teresina zog sich wieder zurück.
»Ich kenne Sie ja kaum. Wie soll ich Geld von Ihnen nehmen?«
Er zog plötzlich den Hut, wie von einem Schmerz befallen, und brach ab.
»Was haben Sie?« rief Teresina.
»Nichts, nichts. -- Erlauben Sie, daß ich gehe! Wir haben zuviel
gesprochen, viel zuviel. Man sollte nie soviel sprechen.«
Und da lief er schon, ohne Abschied genommen zu haben, rasch und wie von
Verzweiflung hingeweht durch den Baumgang fort. Die Tänzerin sah ihm mit
gestauten, uneinigen Empfindungen nach, aufrichtig verwundert über ihn und
über sich.
Er aber lief nicht aus Verzweiflung, sondern nur aus unerträglicher
Spannung und Gefülltheit. Es war ihm plötzlich unmöglich geworden, noch ein
Wort zu sagen, noch ein Wort zu hören, er mußte allein sein, mußte
notwendig allein sein, denken, horchen, sich selber zuhören. Das ganze
Gespräch mit Teresina hatte ihn selbst in Erstaunen gesetzt und überrascht,
die Worte waren ohne seinen Willen so gekommen, es hatte ihn wie ein Würgen
das heftige Bedürfnis befallen, seine Erlebnisse und Gedanken mitzuteilen,
zu formen, auszusprechen, sie sich selber zuzurufen. Er war erstaunt über
jedes Wort, das er sich sagen hörte, aber mehr und mehr fühlte er, wie er
sich in etwas hineinredete, was nicht mehr einfach und richtig war, wie er
unnützerweise das Unbegreifliche zu erklären versuchte -- und mit einemmal
war es ihm unerträglich geworden, er hatte abbrechen müssen.
Jetzt aber, wo er sich der vergangenen Viertelstunde wieder zu erinnern
suchte, empfand er dies Erlebnis freudig und dankbar. Es war ein
Fortschritt, eine Erlösung, eine Bestätigung.
Die Zweifelhaftigkeit, in welche die ganze gewohnte Welt für ihn gefallen
war, hatte ihn furchtbar ermüdet und gepeinigt. Er hatte das Wunder erlebt,
daß das Leben am sinnvollsten wird in den Augenblicken, wo alle Sinne und
Bedeutungen uns verloren gehen. Immer wieder aber war ihm der peinliche
Zweifel gekommen, ob diese Erlebnisse wirklich wesentlich seien, ob sie
mehr seien als kleine zufällige Kräuselungen an der Oberfläche eines
ermüdeten und erkrankten Gemütes, Launen im Grunde, kleine
Nervenschwankungen. Jetzt hatte er gesehen, gestern abend und heute, daß
sein Erlebnis wirklich war. Es hatte aus ihm gestrahlt und ihn verändert,
es hatte einen andern Menschen zu ihm hergezogen. Seine Vereinsamung war
durchbrochen, er liebte wieder, es gab jemand, dem er dienen und Freude
machen wollte, er konnte wieder lächeln, wieder lachen!
Die Welle ging durch ihn hin wie Schmerz und wie Wollust, er zuckte vor
Gefühl, Leben klang in ihm auf wie eine Brandung, unbegreiflich war alles.
Er riß die Augen auf und sah: Bäume an einer Straße, Silberflocken im See,
ein rennender Hund, Radfahrer -- und alles war sonderbar, märchenhaft und
beinahe allzu schön, alles wie nagelneu aus Gottes Spielzeugschachtel
genommen, alles nur für ihn da, für Friedrich Klein, und er selbst nur dazu
da, diesen Strom von Wunder und Schmerz und Freude durch sich hinzucken zu
fühlen. Überall war Schönheit, in jedem Dreckhaufen am Weg, überall war
tiefes Leiden, überall war Gott. Ja, das war Gott, und so hatte er ihn, vor
unausdenklichen Zeiten, als Knabe einst empfunden und mit dem Herzen
gesucht, wenn er »Gott« und »Allgegenwart« dachte. Herz, brich nicht vor
Fülle!
Wieder schossen aus allen vergessenen Schächten seines Lebens frei
gewordene Erinnerungen zu ihm empor, unzählbare: an Gespräche, an seine
Verlobungszeit, an Kleider, die er als Kind getragen, an Ferienmorgen der
Studentenzeit, und ordneten sich in Kreisen um einige feste Mittelpunkte:
um die Gestalt seiner Frau, um seine Mutter, um den Mörder Wagner, um
Teresina. Stellen aus klassischen Schriftstellern fielen ihm ein und
lateinische Sprichwörter, die ihn als Schüler einst ergriffen hatten, und
törichte sentimentale Verse aus Volksliedern. Der Schatten seines Vaters
stand hinter ihm, er erlebte wieder den Tod seiner Schwiegermutter. Alles,
was je durch Auge und Ohr, durch Menschen und Bücher, mit Wonne oder Leid
in ihn eingegangen und in ihm untergesunken war, alles schien wieder da zu
sein, alles zugleich, aufgerührt und durcheinander gewirbelt, ohne Ordnung,
doch voller Sinn, alles wichtig, alles bedeutungsvoll, alles unverloren.
Der Andrang wurde zur Qual, zu einer Qual, die von höchster Wollust nicht
zu unterscheiden war. Sein Herz schlug rasch, Tränen standen ihm in den
Augen. Er begriff, daß er nahe am Wahnsinn stehe, und wußte doch, daß er
nicht wahnsinnig werden würde, und blickte zugleich in dies neue Seelenland
des Irrsinns mit demselben Erstaunen und Entzücken wie in die
Vergangenheit, wie in den See, wie in den Himmel: auch hier war alles
zauberhaft, wohllaut und voll Bedeutung. Er begriff, warum im Glauben edler
Völker der Wahnsinn für heilig galt. Er begriff alles, alles sprach zu ihm,
alles war ihm erschlossen. Es gab keine Worte dafür, es war falsch und
hoffnungslos, irgend etwas in Worten ausdenken und verstehen zu wollen! Man
mußte nur offenstehen, nur bereit sein: dann konnte jedes Ding, dann konnte
in unendlichem Zug wie in eine Arche Noahs die ganze Welt in einen
hineingehen, und man besaß sie, verstand sie und war eins mit ihr.
Trauer ergriff ihn. O, wenn alle Menschen dies wüßten, dies erlebten! Wie
wurde drauflos gelebt, drauflos gesündigt, wie blind und maßlos wurde
gelitten! Hatte er nicht gestern noch sich über Teresina geärgert? Hatte er
nicht gestern noch seine Frau gehaßt, sie angeklagt und für alles Leid
seines Lebens verantwortlich machen wollen? Wie traurig, wie dumm, wie
hoffnungslos! Alles war doch so einfach, so gut, so sinnvoll, sobald man es
von innen sah, sobald man hinter jedem Ding das Wesen stehen sah, ihn,
Gott.
Hier bog ein Weg zu neuen Vorstellungsgärten und Bilderwäldern ein. Wendete
er sein heutiges Gefühl der Zukunft zu, sprühten hundert Glücksträume auf,
für ihn und für alle. Sein vergangenes, dumpfes, verdorbenes Leben sollte
nicht beklagt, nicht angeklagt, nicht gerichtet werden, sondern erneut und
ins Gegenteil verwandelt, voll Sinn, voll Freude, voll Güte, voll Liebe.
Die Gnade, die er erlebt, mußte widerstrahlen und weiter wirken.
Bibelsprüche kamen ihm in den Sinn, und alles, was er von begnadeten
Frommen und Heiligen wußte. So hatte es immer begonnen, bei allen. Sie
waren denselben harten und finstern Weg geführt worden wie er, feig und
voll Angst, bis zur Stunde der Umkehr und Erleuchtung. »In der Welt habet
ihr Angst,« hatte Jesus zu seinen Jüngern gesagt. Wer aber die Angst
überwunden hatte, der lebte nicht mehr in der Welt, sondern in Gott, im
tausendjährigen Reich.
So hatten alle gelehrt, alle Weisen der ganzen Welt, Buddha und
Schopenhauer, Jesus, die Griechen. Es gab nur _eine_ Weisheit, nur _einen_
Glauben, nur ein Denken: das Wissen von Gott in uns. Wie wurde das in den
Schulen, Kirchen, Büchern und Wissenschaften verdreht und falsch gelehrt!
Mit weiten Flügelschlägen flog Kleins Geist durch die Bezirke seiner innern
Welt, seines Wissens, seiner Bildung. Auch hier, wie in seinem äußern
Leben, lag Gut um Gut, Schatz um Schatz, Quelle um Quelle, aber jedes für
sich, abgesondert, tot und wertlos. Nun aber, mit dem Strahl des Wissens,
mit der Erleuchtung, zuckte auch hier plötzlich Ordnung, Sinn und Formung
durch das Chaos, Schöpfung begann, Leben und Beziehung sprang von Pol zu
Pol. Sprüche entlegenster Kontemplation wurden selbstverständlich, Dunkles
wurde hell, und das Einmaleins wurde zum mystischen Bekenntnis. Beseelt und
liebeglühend ward auch diese Welt. Die Kunstwerke, die er in jüngeren
Jahren geliebt hatte, klangen mit neuem Zauber herauf. Er sah: die
rätselhafte Magie der Kunst öffnete sich demselben Schlüssel. Kunst war
nichts andres als Betrachtung der Welt im Zustand der Gnade, der
Erleuchtung. Kunst war: hinter jedem Ding Gott zeigen.
Flammend schritt der Beseligte durch die Welt, jeder Zweig an jedem Baume
hatte teil an einer Ekstase, strebte edler empor, hing inniger herab, war
Sinnbild und Offenbarung. Dünne violette Wolkenschatten liefen über den
Seespiegel, schaudernd in zärtlicher Süße. Jeder Stein lag bedeutungsvoll
neben seinem Schatten. So schön, so tief und heilig liebenswert war die
Welt noch nie gewesen, oder nie mehr seit den geheimnisvollen, sagenhaften
Jahren der ersten Kindheit. »So ihr nicht werdet wie die Kinder,« fiel ihm
ein, und er fühlte: ich bin wieder Kind geworden, ich bin ins Himmelreich
eingegangen.
Als er Müdigkeit und Hunger zu spüren begann, fand er sich weit von der
Stadt. Nun erinnerte er sich, woher er kam, was gewesen war, und daß er
ohne Abschied von Teresina weggelaufen war. Im nächsten Dorf suchte er ein
Wirtshaus. Ein kleiner ländlicher Weinschank, mit einem eingepflockten
Holztisch im Gärtchen unterm Kirschlorbeer, zog ihn an. Er verlangte Essen,
man hatte aber nichts als Wein und Brot. Eine Suppe, bat er, oder Eier,
oder Schinken. Nein, es gab solche Sachen hier nicht. Niemand aß hier
dergleichen bei der teuren Zeit. Er hatte erst mit der Wirtin, dann mit
einer Großmutter verhandelt, die auf der Steinschwelle der Haustür saß und
Wäsche flickte. Nun setzte er sich in den Garten untern tiefschattenden
Baum, mit Brot und herbem Rotwein. Im Nachbargarten, unsichtbar hinter
Reblaub und aufgehängter Wäsche, hörte er zwei Mädchenstimmen singen.
Plötzlich fuhr ein Wort des Liedes ihm ins Herz, ohne daß er es doch
festhalten konnte. Es kam im nächsten Vers wieder, es war der Name
Teresina. Das Lied, ein Couplet von halb komischer Art, handelte von einer
Teresina. Er verstand:
La sua mama a la finestra
Con una voce serpentina:
Vieni a casa, o Teresina,
Lasc' andare quel traditor!
Teresina! Wie liebte er sie! Wie herrlich war es, zu lieben!
Er legte den Kopf auf den Tisch und dämmerte, schlummerte, ein und erwachte
wieder, mehrmals, oftmals. Es war Abend. Die Wirtin kam und stellte sich
vor den Tisch, über den Gast verwundert. Er legte Geld hin, erbat noch ein
Glas Wein, fragte sie nach jenem Liede. Sie wurde freundlich, brachte den
Wein und blieb bei ihm stehen. Er ließ sich das ganze Teresina-Lied
vorsagen, und hatte große Freude an dem Vers:
Jo non sono traditore
E ne meno lusinghero,
Jo son' figlio d'un ricco Signore,
Son' venuto per fare l'amor.
Die Wirtin meinte, jetzt könnte er eine Suppe haben, sie koche ohnehin für
ihren Mann, den sie erwarte.
Er aß Gemüsesuppe und Brot, der Wirt kam heim, an den grauen Steindächern
des Dorfes verglühte die späte Sonne. Er fragte nach einem Zimmer, es wurde
ihm eines angeboten, eine Kammer mit dicken nackten Steinwänden. Er nahm
es. Noch nie hatte er in einer solchen Kammer geschlafen, sie kam ihm vor
wie das Gelaß aus einem Räuberdrama. Nun ging er durch das abendliche Dorf,
fand einen kleinen Kramladen noch offen, bekam Schokolade zu kaufen und
verteilte sie an Kinder, die in Mengen durch die Gasse schwärmten. Sie
liefen ihm nach, Eltern grüßten ihn, jedermann wünschte ihm gute Nacht, und
er gab es zurück, nickte allen den alten und jungen Menschen zu, die auf
den Schwellen und Vortreppen der Häuser saßen.
Mit Freude dachte er an seine Kammer im Wirtshaus, an diese primitive,
höhlenhafte Unterkunft, wo der alte Kalk von den grauen Mauern blätterte
und nichts Unnützes an den nackten Wänden hing, nicht Bild noch Spiegel,
nicht Tapete noch Vorhang. Er lief durch das abendliche Dorf wie durch ein
Abenteuer, alles war beglänzt, alles voll geheimer Versprechung.
In die Osteria zurückkehrend, sah er vom leeren und dunkeln Gastzimmer aus
Licht in einem Türspalt, ging ihm nach und kam in die Küche. Der Raum
erschien ihm wie eine Märchenhöhle, das wenige dünne Licht floß über einen
roten steinernen Boden und verlief sich, ehe es die Wände und Decke
erreichte, in dichte warme Dämmerung, und von dem ungeheuer und tiefschwarz
herabhängenden Rauchfang schien eine unerschöpfliche Quelle von Finsternis
auszufließen.
Die Frau saß da mit der Großmutter, sie saßen beide gebückt, klein und
schwach auf niederen demütigen Schemeln, die Hände auf den Knien ausruhend.
Die Wirtsfrau weinte, niemand kümmerte sich um den Eintretenden. Er setzte
sich auf den Rand eines Tisches neben Gemüseresten, ein stumpfes Messer
blinkte bleiern auf, im Lichtschein glühte blankes Kupfergeschirr rot an
den Wänden. Die Frau weinte, die alte Graue stand ihr bei und murmelte mit
ihr in der Mundart, er verstand allmählich, daß Hader im Hause und der Mann
nach einem Streit wieder fortgegangen war. Er fragte, ob er sie geschlagen
habe, bekam aber keine Antwort. Allmählich fing er an zu trösten. Er sagte,
der Mann werde gewiß schon bald wiederkommen. Die Frau sagte scharf: »Heut
nicht und vielleicht auch morgen nicht.« Er gab es auf, die Frau setzte
sich aufrechter, man saß schweigend, das Weinen war verstummt. Die
Einfachheit des Vorgangs, zu dem keine Worte gemacht wurden, schien ihm
wundervoll. Man hatte Streit gehabt, man hatte Schmerz empfangen, man hatte
geweint. Jetzt war es vorbei, jetzt saß man still und wartete. Das Leben
würde schon weiter gehen. Wie bei Kindern. Wie bei Tieren. Nur nicht reden,
nur nicht das Einfache kompliziert machen, nur nicht die Seele nach außen
drehen.
Klein lud die Großmutter ein, Kaffee zu kochen, für sie alle drei. Die
Frauen leuchteten auf, die Alte legte sofort Reisig in den Kamin, es
knisterte von brechenden Zweigen, von Papier, von aufprasselnder Flamme. Im
jäh aufflammenden Feuerschein sah er das Gesicht der Wirtin, von unten her
beleuchtet, etwas vergrämt und doch beruhigt. Sie schaute ins Feuer,
zwischenein lächelte sie, plötzlich stand sie auf, ging langsam zum
Wasserhahn und wusch sich die Hände.
Dann saßen sie alle drei am Küchentisch und tranken den heißen schwarzen
Kaffee, und einen alten Wacholderlikör dazu. Die Weiber wurden lebendiger,
sie erzählten und fragten, lachten über Kleins mühsame und fehlerhafte
Sprache. Ihm schien, er sei schon sehr lange hier. Wunderlich, was in
diesen Tagen alles Platz hatte! Ganze Zeiträume und Lebensabschnitte fanden
Raum in einem Nachmittag, jede Stunde schien mit Lebensfracht überladen.
Sekundenlang zuckte Furcht in ihm wetterleuchtend auf, es könnte plötzlich
Müdigkeit und Verbrauch der Lebenskraft ihn verhundertfacht überfallen und
ihn aussaugen, wie Sonne einen Tropfen vom Felsen leckt. In diesen sehr
flüchtigen, doch zuweilen wiederkehrenden Augenblicken, in diesem fremden
Wetterleuchten sah er sich selbst leben, fühlte und sah in sein Gehirn und
sah dort in beschleunigten Schwingungen einen unsäglich komplizierten,
zarten, kostbaren Apparat vor tausendfacher Arbeit vibrieren, wie hinter
Glas ein höchst sensibles Uhrwerk, das zu stören ein Stäubchen genügt.
Es wurde ihm erzählt, daß der Wirt sein Geld in unsichere Geschäfte stecke,
viel außer Hause sei und da und dort Verhältnisse mit Frauen unterhalte.
Kinder waren nicht da. Während Klein sich Mühe gab, die italienischen Worte
für einfache Fragen und Auskünfte zu finden, arbeitete hinterm Glas das
zarte Uhrwerk rastlos in seinem Fieber fort, jeden gelebten Moment sofort
in seine Abrechnungen und Abwägungen einbeziehend.
Zeitig erhob er sich, um schlafen zu gehen. Er gab den beiden Frauen die
Hand, der alten und der jungen, die ihn durchdringend ansah, während die
Großmutter mit dem Gähnen kämpfte. Dann tastete er sich die dunkle
Steintreppe hinauf, erstaunlich hohe Riesenstufen, in seine Kammer. Dort
fand er Wasser in einem Tonkrug bereit, wusch sich das Gesicht, vermißte
einen Augenblick Seife, Hausschuhe, Nachthemd, lag noch eine Viertelstunde
im Fenster, auf das granitne Gesimse gestützt, zog sich dann vollends aus
und legte sich in das harte Bett, dessen grobe Leinwand ihn entzückte und
einen Schwall von holden ländlichen Vorstellungen weckte. War es nicht das
einzig Richtige, stets so zu leben, in einem Raum aus vier Steinwänden,
ohne den lächerlichen Kram der Tapeten, des Schmucks, der vielen Möbel,
ohne all das übertriebene und im Grund barbarische Zubehör? Ein Dach überm
Kopf, gegen den Regen, eine einfache Decke um sich, gegen die Kälte, etwas
Brot und Wein oder Milch, gegen den Hunger, morgens die Sonne zum Wecken,
abends die Dämmerung zum Einschlafen -- brauchte der Mensch mehr?
Aber kaum hatte er das Licht gelöscht, so war Haus und Kammer und Dorf in
ihm versunken. Er stand wieder am See bei Teresina und sprach mit ihr,
konnte sich des heutigen Gespräches nur mit Mühe erinnern und wurde
zweifelhaft, was er ihr eigentlich gesagt habe, ja ob nicht das ganze
Gespräch nur ein Traum und Phantom von ihm gewesen sei. Die Dunkelheit tat
ihm wohl -- weiß Gott, wo er morgen aufwachen würde?
Ein Geräusch an der Tür weckte ihn. Leise wurde die Klinke gedreht, ein
Faden dünnen Lichtes sank herein und zögerte im Spalt. Verwundert und doch
im Augenblick wissend, blickte er hinüber, noch nicht in der Gegenwart. Da
ging die Türe auf, mit einem Licht in der Hand stand die Wirtsfrau, barfuß,
lautlos. Sie blickte zu ihm her, durchdringend, und er lächelte und
streckte die Arme aus, tief erstaunt, gedankenlos. Da war sie schon bei
ihm, und ihr dunkles Haar lag neben ihm auf dem rauhen Kissen.
Sie sprachen kein Wort. Von ihrem Kuß entzündet, zog er sie an sich. Die
plötzliche Nähe und Wärme eines Menschen an seiner Brust, der fremde starke
Arm um seinen Nacken erschütterte ihn seltsam -- wie war diese Wärme ihm
unbekannt, wie fremd, wie schmerzlich neu war ihm diese Wärme und Nähe --
wie war er allein gewesen, wie sehr allein, wie lang allein! Abgründe und
Flammenhöllen hatten zwischen ihm und aller Welt geklafft -- und nun war da
ein fremder Mensch gekommen, in wortlosem Vertrauen und Trostbedürfnis,
eine arme, vernachlässigte Frau, so wie er selbst jahrelang ein
vernachlässigter und verschüchterter Mann gewesen war, und hing an seinem
Hals und gab und nahm und sog mit Gier den Tropfen Wonne aus dem kargen
Leben, suchte trunken und doch schüchtern seinen Mund, spielte mit traurig
zärtlichen Fingern in den seinen, rieb ihre Wange an seiner. Er richtete
sich über ihrem blassen Gesichte auf und küßte sie auf beide geschlossene
Augen, und dachte: Sie glaubt zu nehmen und weiß nicht, daß sie gibt, sie
flüchtet ihre Vereinsamung zu mir und ahnt die meine nicht! Erst jetzt sah
er sie, neben der er den ganzen Abend blind gesessen hatte, sah, daß sie
lange, schlanke Hände und Finger hatte, hübsche Schultern und ein Gesicht
voll von Schicksalsangst und blindem Kinderdurst, und ein halb ängstliches
Wissen um kleine, holde Wege und Übungen der Zärtlichkeit.
Er sah auch und wurde traurig darüber, daß er selbst in der Liebe ein Knabe
und Anfänger geblieben war, in langer, lauer Ehe resigniert, schüchtern und
doch ohne Unschuld, begehrlich und doch voll von schlechtem Gewissen. Noch
während er mit durstigen Küssen an Mund und Brust des Weibes hing, noch
während er ihre Hand zärtlich und fast mütterlich auf seinen Haaren fühlte,
empfand er im voraus Enttäuschung und Druck im Herzen, er fühlte das
Schlimme wiederkommen: die Angst, und es durchfloß ihn schneidend kalt die
Ahnung und Furcht, daß er tief in seinem Wesen nicht zur Liebe fähig sei,
daß Liebe ihm nur Qual und bösen Zauber bringen könne. Noch ehe der kurze
Sturm der Wollust vertobt war, schlug in seiner Seele Bangigkeit und
Mißtrauen das böse Auge auf, Widerwille dagegen, daß er genommen worden sei
statt selbst zu nehmen und zu erobern, und Vorgefühl von Ekel.
Lautlos war die Frau wieder davongeschlüpft, samt ihrem Kerzenlicht. Im
Dunkeln lag Klein, und es kam mitten in der Sättigung der Augenblick, den
er schon vorher, schon vor Stunden in so viel ahnenden wetterleuchtenden
Sekunden gefürchtet, der schlimme Augenblick, wo die überreiche Musik
seines neuen Lebens in ihm nur noch müde und verstimmte Saiten fand und
tausend Lustgefühle plötzlich mit Müdigkeit und Angst bezahlt werden
mußten. Mit Herzklopfen fühlte er alle Feinde auf der Lauer liegen,
Schlaflosigkeit, Depression und Alpdruck. Das rauhe Linnen brannte an
seiner Haut, bleich sah die Nacht durchs Fenster. Unmöglich, hier zu
bleiben und wehrlos den kommenden Qualen standzuhalten! Ach, es kam wieder,
die Schuld und Angst kam wieder und die Traurigkeit und die Verzweiflung!
Alles Überwundene, alles Vergangene kam wieder. Es gab keine Erlösung.
Hastig kleidete er sich an, ohne Licht, suchte vor der Tür seine staubigen
Stiefel, schlich hinab und aus dem Hause und lief, auf müden, einsinkenden
Beinen, verzweifelt durch Dorf und Nacht davon, von sich selbst verhöhnt,
von sich selbst verfolgt, von sich selbst gehaßt.