III

Die Tänzerin war schon da, als Klein sich im Park einfand. Sie ging mit

ihrem federnden Schritt im Innern des Gartens um die Rasenstücke und stand

plötzlich am schattigen Eingang eines Gehölzes vor ihm.

Teresina musterte ihn aufmerksam mit den hellgrauen Augen, ihr Gesicht war

ernst und etwas ungeduldig. Sofort im Gehen fing sie zu sprechen an.

»Können Sie mir sagen, was das gestern war? Wie kommt das, daß wir uns so

in den Weg liefen? Ich habe darüber nachgedacht. Ich sah Sie gestern im

Kursaalgarten zweimal. Das erstemal standen Sie am Ausgang und sahen mich

an, Sie sahen gelangweilt oder geärgert aus, und als ich Sie sah, fiel mir

ein: Dem bin ich schon einmal im Park begegnet. Es war kein guter Eindruck,

und ich gab mir Mühe, Sie gleich wieder zu vergessen. Dann sah ich Sie

wieder, kaum eine Viertelstunde später. Sie saßen am Nebentisch und sahen

plötzlich ganz anders aus, ich merkte nicht gleich, daß Sie derselbe seien,

der mir vorher begegnet war. Und dann, nach meinem Tanz, standen Sie auf

einmal vor mir und hielten mich an der Hand, oder ich Sie, ich weiß nicht

recht. Wie ging das zu? Sie müssen doch etwas wissen. Aber ich hoffe, Sie

sind nicht etwa gekommen, um mir Liebeserklärungen zu machen?«

Sie sah ihn befehlend an.

»Ich weiß nicht,« sagte Klein. »Ich bin nicht mit bestimmten Absichten

gekommen. Ich liebe Sie, seit gestern, aber wir brauchen ja nicht davon zu

sprechen.«

»Ja, sprechen wir von anderm. Es war gestern einen Augenblick etwas

zwischen uns da, was mich beschäftigt und auch erschreckt hat, als hätten

wir irgend etwas Ähnliches oder Gemeinsames. Was ist das? Und, die

Hauptsache: Was war das für eine Verwandlung mit Ihnen? Wie war es möglich,

daß Sie innerhalb einer Stunde zwei so ganz verschiedene Gesichter haben

konnten? Sie sahen aus wie ein Mensch, der sehr Wichtiges erlebt hat.«

»Wie sah ich aus?« fragte er kindlich.

»O, zuerst sahen Sie aus wie ein älterer, etwas vergrämter, unangenehmer

Herr. Sie sahen aus wie ein Philister, wie ein Mann, der gewohnt ist, den

Zorn über seine eigene Unfähigkeit an andern auszulassen.«

Er hörte mit gespannter Teilnahme zu und nickte lebhaft. Sie fuhr fort:

»Und dann, nachher, das läßt sich nicht gut beschreiben. Sie saßen etwas

vorgebückt; als Sie mir zufällig in die Augen fielen, dachte ich in der

ersten Sekunde noch: Herrgott, haben diese Philister traurige Haltungen!

Sie hatten den Kopf auf die Hand gestützt, und das sah nun plötzlich so

seltsam aus: es sah aus, als wären Sie der einzige Mensch in der Welt, und

als sei es Ihnen ganz und gar einerlei, was mit Ihnen und mit der ganzen

Welt geschähe. Ihr Gesicht war wie eine Maske, schauderhaft traurig oder

auch schauderhaft gleichgültig --«

Sie brach ab, schien nach Worten zu suchen, sagte aber nichts.

»Sie haben recht,« sagte Klein bescheiden. »Sie haben so richtig gesehen,

daß ich erstaunt sein müßte. Sie haben mich gelesen wie einen Brief. Aber

eigentlich ist es ja nur natürlich und richtig, daß Sie das alles sahen.«

»Warum natürlich?«

»Weil Sie, auf eine etwas andere Art, beim Tanzen ganz das gleiche

ausdrücken. Wenn Sie tanzen, Teresina, und auch sonst in manchen

Augenblicken, sind Sie wie ein Baum oder ein Berg oder Tier, oder ein

Stern, ganz für sich, ganz allein, Sie wollen nichts anders sein, als was

Sie sind, einerlei ob gut oder böse. Ist es nicht das gleiche, was Sie bei

mir sahen?«

Sie betrachtete ihn prüfend, ohne Antwort zu geben.

»Sie sind ein wunderlicher Mensch,« sagte sie dann zögernd. »Und wie ist

das nun: sind Sie wirklich so, wie Sie da aussahen? Ist Ihnen wirklich

alles einerlei, was mit Ihnen geschieht?«

»Ja. Nur nicht immer. Ich habe oft auch Angst. Aber dann kommt es wieder,

und die Angst ist fort, und dann ist alles einerlei. Dann ist man stark.

Oder vielmehr: einerlei ist nicht das Richtige: alles ist köstlich und

willkommen, es sei, was es sei.«

»Einen Augenblick hielt ich es sogar für möglich, daß Sie ein Verbrecher

wären.«

»Auch das ist möglich. Es ist sogar wahrscheinlich. Sehen Sie, ein

>Verbrecher<, das sagt man so, und man meint damit, daß einer etwas tut,

was andre ihm verboten haben. Er selber aber, der Verbrecher, tut ja nur,

was in ihm ist. -- Sehen Sie, das ist die Ähnlichkeit, die wir beide haben:

wir beide tun hier und da, in seltnen Augenblicken, das, was in uns ist.

Nichts ist seltener, die meisten Menschen kennen das überhaupt nicht. Auch

ich kannte es nicht, ich sagte, dachte, tat, lebte nur Fremdes, nur

Gelerntes, nur Gutes und Richtiges, bis es eines Tages damit zu Ende war.

Ich konnte nicht mehr, ich mußte fort, das Gute war nimmer gut, das

Richtige war nimmer richtig, das Leben war nicht mehr zu ertragen. Aber ich

möchte es dennoch ertragen, ich liebe es sogar, obwohl es soviel Qualen

bringt.«

»Wollen Sie mir sagen, wie Sie heißen und wer Sie sind?«

»Ich bin der, den Sie vor sich sehen, sonst nichts. Ich habe keinen Namen

und keinen Titel und auch keinen Beruf. Ich mußte das alles aufgeben. Mit

mir steht es so, daß ich nach einem langen braven und fleißigen Leben eines

Tages aus dem Nest gefallen bin, es ist noch nicht lange her, und jetzt muß

ich untergehen oder fliegen lernen. Die Welt geht mich nichts mehr an, ich

bin jetzt ganz allein.«

Klingsors letzter Sommer · 第 5 / 23 题