Die Tänzerin war schon da, als Klein sich im Park einfand. Sie ging mit
ihrem federnden Schritt im Innern des Gartens um die Rasenstücke und stand
plötzlich am schattigen Eingang eines Gehölzes vor ihm.
Teresina musterte ihn aufmerksam mit den hellgrauen Augen, ihr Gesicht war
ernst und etwas ungeduldig. Sofort im Gehen fing sie zu sprechen an.
»Können Sie mir sagen, was das gestern war? Wie kommt das, daß wir uns so
in den Weg liefen? Ich habe darüber nachgedacht. Ich sah Sie gestern im
Kursaalgarten zweimal. Das erstemal standen Sie am Ausgang und sahen mich
an, Sie sahen gelangweilt oder geärgert aus, und als ich Sie sah, fiel mir
ein: Dem bin ich schon einmal im Park begegnet. Es war kein guter Eindruck,
und ich gab mir Mühe, Sie gleich wieder zu vergessen. Dann sah ich Sie
wieder, kaum eine Viertelstunde später. Sie saßen am Nebentisch und sahen
plötzlich ganz anders aus, ich merkte nicht gleich, daß Sie derselbe seien,
der mir vorher begegnet war. Und dann, nach meinem Tanz, standen Sie auf
einmal vor mir und hielten mich an der Hand, oder ich Sie, ich weiß nicht
recht. Wie ging das zu? Sie müssen doch etwas wissen. Aber ich hoffe, Sie
sind nicht etwa gekommen, um mir Liebeserklärungen zu machen?«
Sie sah ihn befehlend an.
»Ich weiß nicht,« sagte Klein. »Ich bin nicht mit bestimmten Absichten
gekommen. Ich liebe Sie, seit gestern, aber wir brauchen ja nicht davon zu
sprechen.«
»Ja, sprechen wir von anderm. Es war gestern einen Augenblick etwas
zwischen uns da, was mich beschäftigt und auch erschreckt hat, als hätten
wir irgend etwas Ähnliches oder Gemeinsames. Was ist das? Und, die
Hauptsache: Was war das für eine Verwandlung mit Ihnen? Wie war es möglich,
daß Sie innerhalb einer Stunde zwei so ganz verschiedene Gesichter haben
konnten? Sie sahen aus wie ein Mensch, der sehr Wichtiges erlebt hat.«
»Wie sah ich aus?« fragte er kindlich.
»O, zuerst sahen Sie aus wie ein älterer, etwas vergrämter, unangenehmer
Herr. Sie sahen aus wie ein Philister, wie ein Mann, der gewohnt ist, den
Zorn über seine eigene Unfähigkeit an andern auszulassen.«
Er hörte mit gespannter Teilnahme zu und nickte lebhaft. Sie fuhr fort:
»Und dann, nachher, das läßt sich nicht gut beschreiben. Sie saßen etwas
vorgebückt; als Sie mir zufällig in die Augen fielen, dachte ich in der
ersten Sekunde noch: Herrgott, haben diese Philister traurige Haltungen!
Sie hatten den Kopf auf die Hand gestützt, und das sah nun plötzlich so
seltsam aus: es sah aus, als wären Sie der einzige Mensch in der Welt, und
als sei es Ihnen ganz und gar einerlei, was mit Ihnen und mit der ganzen
Welt geschähe. Ihr Gesicht war wie eine Maske, schauderhaft traurig oder
auch schauderhaft gleichgültig --«
Sie brach ab, schien nach Worten zu suchen, sagte aber nichts.
»Sie haben recht,« sagte Klein bescheiden. »Sie haben so richtig gesehen,
daß ich erstaunt sein müßte. Sie haben mich gelesen wie einen Brief. Aber
eigentlich ist es ja nur natürlich und richtig, daß Sie das alles sahen.«
»Warum natürlich?«
»Weil Sie, auf eine etwas andere Art, beim Tanzen ganz das gleiche
ausdrücken. Wenn Sie tanzen, Teresina, und auch sonst in manchen
Augenblicken, sind Sie wie ein Baum oder ein Berg oder Tier, oder ein
Stern, ganz für sich, ganz allein, Sie wollen nichts anders sein, als was
Sie sind, einerlei ob gut oder böse. Ist es nicht das gleiche, was Sie bei
mir sahen?«
Sie betrachtete ihn prüfend, ohne Antwort zu geben.
»Sie sind ein wunderlicher Mensch,« sagte sie dann zögernd. »Und wie ist
das nun: sind Sie wirklich so, wie Sie da aussahen? Ist Ihnen wirklich
alles einerlei, was mit Ihnen geschieht?«
»Ja. Nur nicht immer. Ich habe oft auch Angst. Aber dann kommt es wieder,
und die Angst ist fort, und dann ist alles einerlei. Dann ist man stark.
Oder vielmehr: einerlei ist nicht das Richtige: alles ist köstlich und
willkommen, es sei, was es sei.«
»Einen Augenblick hielt ich es sogar für möglich, daß Sie ein Verbrecher
wären.«
»Auch das ist möglich. Es ist sogar wahrscheinlich. Sehen Sie, ein
>Verbrecher<, das sagt man so, und man meint damit, daß einer etwas tut,
was andre ihm verboten haben. Er selber aber, der Verbrecher, tut ja nur,
was in ihm ist. -- Sehen Sie, das ist die Ähnlichkeit, die wir beide haben:
wir beide tun hier und da, in seltnen Augenblicken, das, was in uns ist.
Nichts ist seltener, die meisten Menschen kennen das überhaupt nicht. Auch
ich kannte es nicht, ich sagte, dachte, tat, lebte nur Fremdes, nur
Gelerntes, nur Gutes und Richtiges, bis es eines Tages damit zu Ende war.
Ich konnte nicht mehr, ich mußte fort, das Gute war nimmer gut, das
Richtige war nimmer richtig, das Leben war nicht mehr zu ertragen. Aber ich
möchte es dennoch ertragen, ich liebe es sogar, obwohl es soviel Qualen
bringt.«
»Wollen Sie mir sagen, wie Sie heißen und wer Sie sind?«
»Ich bin der, den Sie vor sich sehen, sonst nichts. Ich habe keinen Namen
und keinen Titel und auch keinen Beruf. Ich mußte das alles aufgeben. Mit
mir steht es so, daß ich nach einem langen braven und fleißigen Leben eines
Tages aus dem Nest gefallen bin, es ist noch nicht lange her, und jetzt muß
ich untergehen oder fliegen lernen. Die Welt geht mich nichts mehr an, ich
bin jetzt ganz allein.«