IV

Ringend und verzweifelnd schlug sich Klein mit seinem Dämon. Was ihm seine

Schicksalstage an Neuem, an Erkenntnis und Erlösung gebracht hatten, war in

der trunkenen Gedankenhast und Hellsichtigkeit des vergangenen Tages zu

einer Welle gestiegen, deren Höhe ihm unverlierbar erschienen war, während

er schon wieder aus ihr zu sinken begann. Jetzt lag er wieder im Tal und

Schatten, noch kämpfend, noch heimlich hoffend, aber tief verwundet. Einen

Tag lang, einen kurzen, glänzenden Tag lang war es ihm gelungen, die

einfache Kunst zu üben, die jeder Grashalm kann. Einen armen Tag lang hatte

er sich selbst geliebt, sich selbst als Eines und Ganzes gefühlt, nicht in

feindliche Teile zerspalten, er hatte sich geliebt, und in sich die Welt

und Gott, und nichts als Liebe, Bestätigung und Freude war ihm von überall

her entgegengekommen. Hätte gestern ein Räuber ihn überfallen, ein Polizist

ihn verhaftet, es wäre Bestätigung, Lächeln, Harmonie gewesen! Und nun,

mitten im Glück war er wieder umgefallen und klein geworden. Er ging mit

sich ins Gericht, während sein Innerstes wußte, daß jedes Gericht falsch

und töricht sei. Die Welt, welche einen herrlichen Tag lang durchsichtig

und ganz von Gott erfüllt gewesen war, lag wieder hart und schwer, und

jedes Ding hatte seinen eigenen Sinn, und jeder Sinn widersprach jedem

andern. Die Begeisterung dieses Tages hatte wieder weichen, hatte sterben

können! Sie, die heilige, war eine Laune gewesen, und die Sache mit

Teresina eine Einbildung, und das Abenteuer im Wirtshaus eine zweifelhafte

und anrüchige Geschichte.

Er wußte bereits, daß das würgende Angstgefühl nur dann verging, wenn er

nicht an sich schulmeisterte und Kritik übte, nicht in den Wunden

stocherte, in den alten Wunden. Er wußte: alles Schmerzende, alles Dumme,

alles Böse wurde zum Gegenteil, wenn man es als Gott erkennen konnte, wenn

man ihm in seine tiefsten Wurzeln nachging, die weit über das Weh und Wohl

und Gut und Böse hinauf reichten. Er wußte es. Aber es war nichts dagegen

zu tun, der böse Geist war in ihm, Gott war wieder ein Wort, schön und

fern. Er haßte und verachtete sich, und dieser Haß kam, wenn es Zeit war,

ebenso ungewollt und unabwendbar über ihn wie zu andern Zeiten die Liebe

und das Vertrauen. Und so mußte es immer wieder gehen! Immer und immer

wieder würde er die Gnade und das Selige erleben, und immer wieder das

verfluchte Gegenteil, und nie würde sein Leben die Straße gehen, die sein

eigener Wille ihm vorschrieb. Spielball und schwimmender Kork, würde er

ewig hin und wider geschlagen werden. Bis es zu Ende war, bis einmal eine

Welle sich überschlug und Tod oder Wahnsinn ihn aufnahm. O, möchte es bald

sein!

Zwangsweise kehrten die ihm längst so bitter vertrauten Gedanken wieder,

unnütze Sorgen, unnütze Ängste, unnütze Selbstanklagen, deren Unsinn

einzusehen nur eine Qual mehr war. Eine Vorstellung kehrte wieder, die er

kürzlich (ihm schien, es seien Monate dazwischen) auf der Reise gehabt

hatte: Wie gut es wäre, sich auf die Schienen unter einen Bahnzug zu

stürzen, den Kopf voran! Diesem Bilde ging er begierig nach, atmete es wie

Äther ein: den Kopf voran, alles in Splitter und Fetzen gehauen und

gemahlen, alles auf die Räder gewickelt und auf den Schienen zu nichts

zerrieben! Tief fraß sein Leid sich in diese Visionen ein, mit Beifall und

Wollust hörte, sah und schmeckte er die gründliche Zerstörung des Friedrich

Klein, fühlte sein Herz und Gehirn zerrissen, verspritzt, zerstampft, den

schmerzenden Kopf zerkracht, die schmerzenden Augen ausgelaufen, die Leber

zerknetet, die Nieren zerrieben, das Haar wegrasiert, die Knochen, Knie und

Kinn zerpulvert. Das war es, was der Totschläger Wagner hatte fühlen

wollen, als er seine Frau, seine Kinder und sich selbst im Blut ersäufte.

Genau dies war es. O, er verstand ihn so gut! Er selbst war Wagner, war ein

Mensch von guten Gaben, fähig das Göttliche zu fühlen, fähig zu lieben,

aber allzu beladen, allzu nachdenklich, allzu leicht zu ermüden, allzu wohl

unterrichtet über seine Mängel und Krankheiten. Was in aller Welt hatte

solch ein Mensch, solch ein Wagner, solch ein Klein denn zu tun? Immer die

Kluft vor Augen, die ihn von Gott trennte, immer den Riß der Welt durch

sein eignes Herz gehen fühlend, ermüdet, aufgerieben vom ewigen Aufschwung

zu Gott, der ewig mit Rückfall endete -- was sollte solch ein Wagner, solch

ein Klein anderes tun als sich auslöschen, sich und alles was an ihn

erinnern konnte, und sich zurückwerfen in den dunkeln Schoß, aus dem der

Unausdenkliche immer und ewig wieder die vergängliche Welt der Gestaltungen

ausstieß? Nein, es war nichts anderes möglich! Wagner mußte gehen, Wagner

mußte sterben, Wagner mußte sich aus dem Buch des Lebens ausstreichen. Es

mochte vielleicht nutzlos sein, sich umzubringen, es mochte vielleicht

lächerlich sein. Vielleicht war alles das ganz richtig, was die Bürger, in

jener anderen Welt drüben, über den Selbstmord sagten. Aber gab es irgend

etwas für den Menschen in diesem Zustande, das nicht nutzlos, das nicht

lächerlich war? Nein, nichts. Immer noch besser, den Schädel unter den

Eisenrädern zu haben, ihn krachen zu fühlen und mit Willen in den Abgrund

zu tauchen.

Auf schwankenden Knien hielt er sich Stunde um Stunde rastlos unterwegs.

Auf den Schienen einer Bahnlinie, an die der Weg ihn geführt hatte, lag er

einige Zeit, schlummerte sogar ein, den Kopf auf dem Eisen, erwachte wieder

und hatte vergessen, was er wollte, stand auf, wehte taumelnd weiter,

Schmerzen an den Sohlen, Qualen im Kopf, zuweilen fallend, von einem Dorn

verletzt, zuweilen leicht und wie schwebend, zuweilen Schritt um Schritt

mühsam bezwingend.

»Jetzt reitet mich der Teufel reif!« sang er heiser vor sich hin. Reif

werden! Unter Qualen fertig gebraten, zu Ende geröstet werden, wie der Kern

im Pfirsich, um reif zu sein, um sterben zu können!

Ein Funke schwamm hier in seiner Finsternis, an den hing er alsbald alle

Inbrunst seiner zerrissenen Seele. Ein Gedanke: es war nutzlos, sich zu

töten, sich jetzt zu töten, es hatte keinen Wert, sich Glied für Glied

auszurotten und zu zerschlagen, es war nutzlos! Gut aber und erlösend war

es, zu leiden, unter Qualen und Tränen reif gegoren, unter Schlägen und

Schmerzen fertig geschmiedet zu werden. Dann durfte man sterben, und dann

war es ein gutes Sterben, schön und sinnvoll, das Seligste der Welt,

seliger als jede Liebesnacht: ausgeglüht und völlig hingegeben in den Schoß

zurückzufallen, zum Erlöschen, zum Erlösen, zur Neugeburt. Solch ein Tod,

solch ein reifer und guter, edler Tod allein hatte Sinn, nur er war

Erlösung, nur er war Heimkehr. Sehnsucht weinte in seinem Herzen auf. O, wo

war der schmale, schwere Weg, wo war die Pforte? Er war bereit, er sehnte

sich mit jeder Zuckung seines von Ermattung zitternden Leibes, seiner von

Todespein geschüttelten Seele.

Als der Morgen am Himmel aufgraute und der bleierne See im ersten kühlen

Silberblitz erwachte, stand der Gejagte in einem kleinen Kastanienwalde,

hoch über See und Stadt, zwischen Farnkraut und hohen, blühenden Spiräen,

feucht vom Tau. Mit erloschenen Augen, doch lächelnd, starrte er in die

wunderliche Welt. Er hatte den Zweck seiner triebhaften Irrfahrt erreicht:

er war so totmüde, daß die geängstigte Seele schwieg. Und, vor allem, die

Nacht war vorbei! Der Kampf war gekämpft, eine Gefahr war überstanden. Von

der Erschöpfung gefällt, sank er wie ein Toter zwischen Farn und Wurzeln

auf den Waldboden, den Kopf ins Heidelbeerkraut, vor seinen versagenden

Sinnen schmolz die Welt hinweg. Die Hände ins Gekräut geballt, Brust und

Gesicht an der Erde, gab er sich hungernd dem Schlafe hin, als sei es der

ersehnte letzte.

In einem Traume, von dem nur wenige Bruchstücke ihm nachher erinnerlich

waren, sah er folgendes: An einem Tor, das wie der Eingang zu einem Theater

aussah, hing ein großer Schild mit einer riesigen Aufschrift: sie hieß (das

war unentschieden) entweder »Lohengrin« oder »Wagner«. Zu diesem Tore ging

er hinein. Drinnen war eine Frau, die glich der Wirtsfrau von heute nacht,

aber auch seiner eigenen Frau. Ihr Kopf war entstellt, er war zu groß, und

das Gesicht zu einer fratzenhaften Maske verändert. Widerwille gegen diese

Frau ergriff ihn mächtig, er stieß ihr ein Messer in den Leib. Aber eine

andere Frau, wie ein Spiegelbild der ersten, kam von hinten über ihn,

rächend, schlug ihm scharfe, starke Krallen in den Hals und wollte ihn

erwürgen.

Beim Aufwachen aus diesem tiefen Schlaf sah er verwundert Wald über sich

und war steif vom harten Liegen, doch erfrischt. Mit leiser Beängstigung

klang der Traum in ihm nach. Was für seltsame, naive und negerhafte Spiele

der Phantasie! dachte er, einen Augenblick lächelnd, als ihm die Pforte mit

der Aufforderung zum Eintritt in das Theater »Wagner« wieder einfiel.

Welche Idee, sein Verhältnis zu Wagner so darzustellen! Dieser Traumgeist

war roh, aber genial. Er traf den Nagel auf den Kopf. Und er schien alles

zu wissen! Das Theater mit der Aufschrift »Wagner« war das nicht er selbst,

war es nicht die Aufforderung, in sich selbst einzutreten, in das fremde

Land seines wahren Innern? Denn Wagner war er selber -- Wagner war der

Mörder und Gejagte in ihm, aber Wagner war auch der Komponist, der

Künstler, das Genie, der Verführer, die Neigung zu Lebenslust, Sinnenlust,

Luxus -- Wagner war der Sammelname für alles Unterdrückte, Untergesunkene,

zu kurz Gekommene in dem ehemaligen Beamten Friedrich Klein. Und

»Lohengrin« -- war nicht auch das er selbst, Lohengrin, der irrende Ritter

mit dem geheimnisvollen Ziel, den man nicht nach seinem Namen fragen darf?

Das weitere war unklar, die Frau mit dem furchtbaren Maskenkopf und die

andere mit den Krallen -- der Messerstoß in ihren Bauch erinnerte ihn auch

noch an irgend etwas, er hoffte es noch zu finden -- die Stimmung von Mord

und Todesgefahr war seltsam und grell vermischt mit der von Theater, Masken

und Spiel.

Beim Gedanken an die Frau und das Messer sah er einen Augenblick deutlich

sein eheliches Schlafzimmer vor sich. Da mußte er an die Kinder denken --

wie hatte er die vergessen können! Er dachte an sie, wie sie morgens in

ihren Nachthemdchen aus den kleinen Betten kletterten. Er mußte an ihre

Namen denken, besonders an Elly. O, die Kinder! Langsam liefen ihm Tränen

aus den Augen über das übernächtige Gesicht. Er schüttelte den Kopf, erhob

sich mit einiger Mühe und begann Laub und Erdkrumen von seinen zerdrückten

Kleidern zu lesen. Nun erst erinnerte er sich klar dieser Nacht, der kahlen

Steinkammer in der Dorfschenke, der fremden Frau an seiner Brust, seiner

Flucht, seiner gehetzten Wanderung. Er sah dies kleine, entstellte Stück

Leben an wie ein Kranker die abgezehrte Hand, den Ausschlag an seinem Bein

anschaut.

In gefaßter Trauer, noch mit Tränen in den Augen, sagte er leise vor sich

hin: »Gott, was hast du noch mit mir im Sinn?« Aus den Gedanken der Nacht

klang nur die eine Stimme voll Sehnsucht in ihm fort: nach Reifsein, nach

Heimkehr, nach Sterbendürfen. War denn sein Weg noch weit? War die Heimat

noch fern? War noch viel, viel Schweres, war noch Unausdenkliches zu

leiden? Er war bereit dazu, er bot sich hin, sein Herz stand offen:

Schicksal, stoß zu!

Langsam kam er durch Bergwiesen und Weinberge gegen die Stadt

hinabgeschritten. Er suchte sein Zimmer auf, wusch und kämmte sich,

wechselte die Kleider. Er ging speisen, trank etwas von dem guten Wein, und

spürte die Ermüdung in den steifen Gliedern sich lösen und wohlig werden.

Er erkundigte sich, wenn im Kursaal getanzt werde, und ging zur Teestunde

hin.

Teresina tanzte eben, als er eintrat. Er sah das eigentümlich glänzende

Tanzlächeln auf ihrem Gesicht wieder und freute sich. Er begrüßte sie, als

sie zu ihrem Tisch zurückging, und nahm dort Platz.

»Ich möchte Sie einladen, heute abend mit mir nach Castiglione zu fahren,«

sagte er leise.

Sie besann sich.

»Gleich heut?« fragte sie. »Eilt es so sehr?«

»Ich kann auch warten. Aber es wäre hübsch. Wo darf ich Sie erwarten?«

Sie widerstand der Einladung nicht und nicht dem kindlichen Lachen, das für

Augenblicke seltsam hübsch in seinem zerfurchten, einsamen Gesicht hing,

wie an der letzten Wand eines abgebrannten und eingerissenen Hauses noch

eine frohe bunte Tapete hängt.

»Wo waren Sie denn?« fragte sie neugierig. »Sie waren gestern so plötzlich

verschwunden. Und jedesmal haben Sie ein anderes Gesicht, auch heute

wieder. -- Sie sind doch nicht Morphinist?«

Er lachte nur, mit dem seltsam hübschen und etwas fremdartigen Lachen, bei

dem sein Mund und Kinn ganz knabenhaft aussah, während über Stirn und Augen

unverändert der Dornenreif lag.

»Bitte holen Sie mich gegen neun Uhr ab, im Restaurant des Hotel Esplanade.

Ich glaube, um neun geht ein Boot. Aber sagen Sie, was haben Sie seit

gestern gemacht?«

»Ich glaube, ich war spazieren, den ganzen Tag, und auch die ganze Nacht.

Ich habe eine Frau in einem Dorf trösten müssen, weil ihr Mann fortgelaufen

war. Und dann habe ich mir viel Mühe mit einem italienischen Lied gegeben,

das ich lernen wollte, weil es von einer Teresina handelt.«

»Was ist das für ein Lied?«

»Es fängt an: Su in cima di quel boschetto.«

»Um Gottes willen, diesen Gassenhauer kennen Sie auch schon? Ja, der ist

jetzt in Mode bei den Ladenmädchen.«

»O, ich finde das Lied sehr hübsch.«

»Und eine Frau haben Sie getröstet?«

»Ja, sie war traurig, ihr Mann war weggelaufen und war ihr untreu.«

»So? Und wie haben Sie sie getröstet?«

»Sie kam zu mir, um nicht mehr allein zu sein. Ich habe sie geküßt und bei

mir liegen gehabt.«

»War sie denn hübsch?«

»Ich weiß nicht, ich sah sie nicht genau. -- Nein, lachen Sie nicht, nicht

hierüber! Es war so traurig.«

Sie lachte dennoch. »Wie sind Sie komisch! Nun, und geschlafen haben Sie

überhaupt nicht? Sie sehen danach aus.«

»Doch, ich habe mehrere Stunden geschlafen, in einem Wald dort oben.«

Sie blickte seinem Finger nach, der in die Saaldecke deutete, und lachte

laut.

»In einem Wirtshaus?«

»Nein, im Wald. In den Heidelbeeren. Sie sind schon beinahe reif.«

»Sie sind ein Phantast. -- Aber ich muß tanzen, der Direktor klopft schon.

-- Wo sind Sie, Claudio?«

Der schöne, dunkle Tänzer stand schon hinter ihrem Stuhl, die Musik begann.

Am Schluß des Tanzes ging er.

Abends holte er sie pünktlich ab und war froh, den Smoking angezogen zu

haben, denn Teresina hatte sich überaus festlich gekleidet, violett mit

vielen Spitzen, und sah wie eine Fürstin aus.

Am Strande führte er Teresina nicht zum Kursschiff, sondern in ein hübsches

Motorboot, das er für den Abend gemietet hatte. Sie stiegen ein, in der

halboffenen Kajüte lagen Decken für Teresina bereit und Blumen. Mit

scharfer Kurve schnob das rasche Boot zum Hafen hinaus in den See.

Draußen in der Nacht und Stille sagte Klein: »Teresina, ist es nicht

eigentlich schade, jetzt dort hinüber unter die vielen Menschen zu gehen?

Wenn Sie Lust haben, fahren wir weiter, ohne Ziel, solang es uns gefällt,

oder wir fahren in irgendein hübsches stilles Dorf, trinken einen Landwein

und hören zu, wie die Mädchen singen. Was meinen Sie?«

Sie schwieg, und er sah alsbald Enttäuschung auf ihrem Gesicht. Er lachte.

»Nun, es war ein Einfall von mir, verzeihen Sie. Sie sollen vergnügt sein

und haben, was Ihnen Spaß macht, ein andres Programm haben wir nicht. In

zehn Minuten sind wir drüben.«

»Interessiert Sie denn das Spiel gar nicht?« fragte sie.

»Ich werde ja sehen, ich muß es erst probieren. Der Sinn davon ist mir noch

etwas dunkel. Man kann Geld gewinnen und Geld verlieren. Ich glaube, es

gibt stärkere Sensationen.«

»Das Geld, um das gespielt wird, braucht ja nicht bloß Geld zu sein. Es ist

für jeden ein Sinnbild, jeder gewinnt oder verliert nicht Geld, sondern all

die Wünsche und Träume, die es für ihn bedeutet. Für mich bedeutet es

Freiheit. Wenn ich Geld habe, kann niemand mir mehr befehlen. Ich lebe, wie

ich will. Ich tanze, wann und wo und für wen ich will. Ich reise, wohin ich

will.«

Er unterbrach sie.

»Was sind Sie für ein Kind, liebes Fräulein! Es gibt keine solche Freiheit,

außer in Ihren Wünschen. Werden Sie morgen reich und frei und unabhängig --

übermorgen verlieben Sie sich in einen Kerl, der Ihnen das Geld wieder

abnimmt, oder der Ihnen bei Nacht den Hals abschneidet.«

»Reden Sie nicht so scheußlich! Also: wenn ich reich wäre, würde ich

vielleicht einfacher leben als jetzt, aber ich täte es, weil es mir Spaß

machte, freiwillig und nicht aus Zwang. Ich hasse Zwang! Und sehen Sie,

wenn ich nun mein Geld im Spiel einsetze, dann sind bei jedem Verlust und

Gewinn alle meine Wünsche beteiligt, es geht um alles, was mir wertvoll und

begehrenswert ist, und das gibt ein Gefühl, das man sonst nicht leicht

findet.«

Klein sah sie an, während sie sprach, ohne sehr auf ihre Worte zu achten.

Ohne es zu wissen, verglich er Teresinas Gesicht mit dem Gesicht jener

Frau, von der er im Walde geträumt hatte.

Erst als das Boot in die Bucht von Castiglione einfuhr, wurde es ihm

bewußt, denn jetzt erinnerte ihn der Anblick des beleuchteten Blechschildes

mit dem Stationsnamen heftig an den Schild im Traum, auf welchem

»Lohengrin« oder »Wagner« gestanden hatte. Genau so hatte jenes Schild

ausgesehen, genau so groß, so grau und weiß, so grell beleuchetet. War dies

hier die Bühne, die auf ihn wartete? Kam er hier zu Wagner? Nun fand er

auch, daß Teresina der Traumfrau glich, vielmehr den beiden Traumfrauen,

deren eine er mit dem Messer totgestochen, deren andre ihn tödlich mit den

Krallen gewürgt hatte. Ein Schrecken lief ihm über die Haut. Hing denn das

alles zusammen? Wurde er wieder von unbekannten Geistern geführt? Und

wohin? Zu Wagner? Zu Mord? Zu Tod?

Beim Aussteigen nahm Teresina seinen Arm, und so Arm in Arm gingen sie

durch den kleinen bunten Lärm der Schifflände, durchs Dorf und in das

Kasino. Hier gewann alles jenen halb reizenden, halb ermüdenden Schimmer

von Unwahrscheinlichkeit, den die Veranstaltungen gieriger Menschen stets

da bekommen, wo sie fern den Städten in stille Landschaften verirrt stehen.

Die Häuser waren zu groß und zu neu, das Licht zu reichlich, die Säle zu

prächtig, die Menschen zu lebhaft. Zwischen den großen, finsteren Bergzügen

und dem weiten, sanften See hing der kleine dichte Bienenschwarm

begehrlicher und übersättigter Menschen so ängstlich gedrängt, als sei er

keine Stunde seiner Dauer gewiß, als könne jeden Augenblick etwas

geschehen, das ihn wegwischte. Aus Sälen, wo gespeist und Champagner

getrunken wurde, quoll süße überhitzte Geigenmusik heraus, auf Treppen

zwischen Palmen und laufenden Brunnen glühten Blumengruppen und

Frauenkleider durcheinander, bleiche Männergesichter über offnen

Abendröcken, blaue Diener mit Goldknöpfen geschäftig, dienstbar und

vielwissend, duftende Weiber mit südlichen Gesichtern bleich und glühend,

schön und krank, und nordische derbe Frauen drall, befehlend und

selbstbewußt, alte Herren wie aus Illustrationen zu Turgenjew und Fontane.

Klein fühlte sich unwohl und müde, sobald sie die Säle betraten. Im großen

Spielsaal zog er zwei Tausenderscheine aus der Tasche.

»Wie nun?« fragte er. »Wollen wir gemeinsam spielen?«

»Nein, nein, das ist nichts. Jeder für sich.«

Er gab ihr einen Schein und bat sie, ihn zu führen. Sie standen bald an

einem Spieltisch. Klein legte seine Banknote auf eine Nummer, das Rad wurde

gedreht, er verstand nichts davon, sah nur seinen Einsatz weggewischt und

verschwunden. Das geht schnell, dachte er befriedigt, und wollte Teresina

zulachen. Sie war nicht mehr neben ihm. Er sah sie bei einem andern Tisch

stehen und ihr Geld wechseln. Er ging hinüber. Sie sah nachdenklich,

besorgt und sehr beschäftigt aus wie eine Hausfrau.

Er folgte ihr an einen Spieltisch und sah ihr zu. Sie kannte das Spiel und

folgte ihm mit scharfer Aufmerksamkeit. Sie setzte kleine Summen, nie mehr

als fünfzig Franken, bald hier bald dort, gewann einige Male, steckte

Scheine in ihre perlengestickte Handtasche, zog wieder Scheine heraus.

»Wie geht's?« fragte er zwischenein.

Sie war empfindlich über die Störung.

»O, lassen Sie mich spielen! Ich werde es schon gut machen.« Bald wechselte

sie den Tisch, er folgte ihr, ohne daß sie ihn sah. Da sie so sehr

beschäftigt war und seine Dienste nie in Anspruch nahm, zog er sich auf

eine Lederbank an der Wand zurück. Einsamkeit schlug über ihm zusammen. Er

versank wieder in Nachdenken über seinen Traum. Es war sehr wichtig, ihn zu

verstehen. Vielleicht würde er nicht oft mehr solche Träume haben,

vielleicht waren sie wie im Märchen die Winke der guten Geister: zweimal,

auch dreimal wurde man gelockt, oder wurde gewarnt, war man dann immer noch

blind, so nahm das Schicksal seinen Lauf und keine befreundete Macht griff

mehr ins Rad. Von Zeit zu Zeit blickte er nach Teresina aus, sah sie an

einem der Tische bald sitzen, bald stehen, hell schimmerte ihr gelbes Haar

zwischen den Fräcken.

Wie lang sie mit den tausend Franken ausreicht! dachte er gelangweilt, bei

mir ging das schneller.

Einmal nickte sie ihm zu. Einmal, nach einer Stunde, kam sie herüber, fand

ihn in sich versunken und legte ihm die Hand auf den Arm.

»Was machen Sie? Spielen Sie denn nicht?«

»Ich habe schon gespielt.«

»Verloren?«

»Ja. O, es war nicht viel.«

»Ich habe etwas gewonnen. Nehmen Sie von meinem Geld.«

»Danke, heut nicht mehr. -- Sind Sie zufrieden?«

»Ja, es ist schön. Nun, ich gehe wieder. Oder wollen Sie schon nach Hause?«

Sie spielte weiter, da und dort sah er ihr Haar zwischen den Schultern der

Spieler aufglänzen. Er brachte ihr ein Glas Champagner hinüber, und trank

selbst ein Glas. Dann setzte er sich wieder auf die Lederbank an der Wand.

Wie war das mit den beiden Frauen im Traum? Sie hatten seiner eigenen Frau

geglichen und auch der Frau im Dorfwirtshaus und auch Teresina. Von andern

Frauen wußte er nicht, seit Jahren nicht. Die eine Frau hatte er erstochen,

voll Abscheu über ihr verzerrtes geschwollenes Gesicht. Die andre hatte ihn

überfallen, von hinten, und erwürgen wollen. Was war nun richtig? Was war

bedeutsam? Hatte er seine Frau verwundet, oder sie ihn? Würde er an

Teresina zugrunde gehen, oder sie an ihm? Konnte er eine Frau nicht lieben,

ohne ihr Wunden zu schlagen, und ohne von ihr verwundet zu werden? War das

sein Fluch? Oder war das allgemein? Ging es allen so? War alle Liebe so?

Und was verband ihn mit dieser Tänzerin? Daß er sie liebte? Er hatte viele

Frauen geliebt, die nie davon erfahren hatten. Was band ihn an sie, die

drüben stand und das Glücksspiel wie ein ernstes Geschäft betrieb? Wie war

sie kindlich in ihrem Eifer, in ihrer Hoffnung, wie war sie gesund, naiv

und lebenshungrig! Was würde sie davon verstehen, wenn sie seine tiefste

Sehnsucht kannte, das Verlangen nach Tod, das Heimweh nach Erlöschen, nach

Rückkehr in Gottes Schoß! Vielleicht würde sie ihn lieben, schon bald,

vielleicht würde sie mit ihm leben -- aber würde es anders sein, als es mit

seiner Frau gewesen war? Würde er nicht, immer und immer, mit seinen

innigsten Gefühlen allein sein?

Teresina unterbrach ihn. Sie blieb bei ihm stehen und gab ihm ein Bündel

Banknoten in die Hand.

»Bewahren Sie mir das auf, bis nachher.«

Nach einer Zeit, er wußte nicht, war es lang oder kurz, kam sie wieder und

erbat das Geld zurück.

Sie verliert, dachte er, Gott sei Dank! Hoffentlich ist sie bald fertig.

Kurz nach Mitternacht kam sie, vergnügt und etwas erhitzt. »So, ich höre

auf. Sie Armer sind gewiß müde. Wollen wir nicht noch einen Bissen essen,

eh' wir heimfahren?«

In einem Speisesaal aßen sie Schinkeneier und Früchte und tranken

Champagner. Klein erwachte und wurde munter. Die Tänzerin war verändert,

froh und in einem leichten süßen Rausch. Sie sah und wußte wieder, daß sie

schön war und schöne Kleider trug, sie spürte die Blicke der Männer, die

von benachbarten Tischen herüber warben, und auch Klein fühlte die

Verwandlung, sah sie wieder von Reiz und holder Verlockung umgeben, hörte

wieder den Klang von Herausforderung und Geschlecht in ihrer Stimme, sah

wieder ihre Hände weiß und ihren Hals perlfarben aus den Spitzen steigen.

»Haben Sie auch tüchtig gewonnen?« fragte er lachend.

»Es geht, noch nicht das große Los. Es sind etwa fünftausend.«

»Nun, das ist ja ein hübscher Anfang.«

»Ja, ich werde natürlich fortfahren, das nächstemal. Aber das richtige ist

es noch nicht. Es muß auf einmal kommen, nicht tropfenweise.«

Er wollte sagen: »Dann müßten Sie auch nicht tropfenweise setzen, sondern

alles auf einmal« -- aber er stieß statt dessen mit ihr an, auf das große

Glück, und lachte und plauderte weiter.

Wie war das Mädchen hübsch, gesund und einfach in seiner Freude! Vor einer

Stunde noch hatte sie an den Spieltischen gestanden, streng, besorgt,

faltig, böse, rechnend. Jetzt sah sie aus, als habe nie eine Sorge sie

berührt, als wisse sie nichts von Geld, Spiel, Geschäften, als kenne sie

nur Freude, Luxus und müheloses Schwimmen an der schillernden Oberfläche

des Lebens. War das alles wahr, alles echt? Er selbst lachte ja auch, war

ja auch vergnügt, warb ja auch um Freude und Liebe aus heitern Augen -- und

doch saß zugleich einer in ihm, der an das alles nicht glaubte, der dem

allem mit Mißtrauen und mit Hohn zusah. War das bei andern Menschen anders?

Ach, man wußte so wenig, so verzweifelt wenig von den Menschen! Hundert

Jahreszahlen von lächerlichen Schlachten und Namen von lächerlichen alten

Königen hatte man in den Schulen gelernt, und man las täglich Artikel über

Steuern oder über den Balkan, aber vom Menschen wußte man nichts! Wenn eine

Glocke nicht schellte, wenn ein Ofen rauchte, wenn ein Rad in einer

Maschine stockte, so wußte man sogleich, wo zu suchen sei, und tat es mit

Eifer, und fand den Schaden und wußte, wie er zu heilen war. Aber das Ding

in uns, die geheime Feder, die allein dem Leben den Sinn gibt, das Ding in

uns, das allein lebt, das allein fähig ist, Lust und Weh zu fühlen, Glück

zu begehren, Glück zu erleben -- das war unbekannt, von dem wußte man

nichts, gar nichts, und wenn es krank wurde, so gab es keine Heilung. War

es nicht wahnsinnig?

Während er mit Teresina trank und lachte, stiegen in andern Bezirken seiner

Seele solche Fragen auf und nieder, dem Bewußtsein bald näher bald ferner.

Alles war zweifelhaft, alles schwamm im Ungewissen. Wenn er nur das Eine

gewußt hätte: ob diese Unsicherheit, diese Not, diese Verzweiflung mitten

in der Freude, dieses Denkenmüssen und Fragenmüssen auch in andern Menschen

so war, oder nur in ihm allein, in dem Sonderling Klein?

Eines fand er, darin unterschied er sich von Teresina, darin war sie anders

als er, war kindlich und primitiv gesund. Dies Mädchen rechnete, wie alle

Menschen, und wie auch er selbst es früher getan hatte, immerzu instinktiv

mit Zukunft, mit Morgen und Übermorgen, mit Fortdauer. Hätte sie sonst

spielen und das Geld so ernst nehmen können? Und da, das fühlte er tief, da

stand es bei ihm anders. Für ihn stand hinter jedem Gefühl und Gedanken das

Tor offen, das ins Nichts führte. Wohl litt er an Angst, an Angst vor sehr

vielem, vor dem Wahnsinn, vor der Polizei, der Schlaflosigkeit, auch an

Angst vor dem Tod. Aber alles, wovor er Angst empfand, das begehrte und

ersehnte er dennoch zugleich -- er war voll brennender Sehnsucht und

Neugierde nach Leid, nach Untergang, nach Verfolgung, nach Wahnsinn und

Tod.

»Komische Welt,« sagte er vor sich hin, und meinte damit nicht die Welt um

ihn her, sondern dies innere Wesen. Plaudernd verließen sie den Saal und

das Haus, kamen im blassen Laternenlicht an das schlafende Seeufer, wo sie

ihren Bootsmann wecken mußten. Es dauerte eine Weile, bis das Boot abfahren

konnte, und die beiden standen nebeneinander, plötzlich aus der Lichtfülle

und farbigen Geselligkeit des Kasinos in die dunkle Stille des verlassenen

nächtlichen Ufers verzaubert, das Lachen von drüben noch auf erhitzten

Lippen und schon kühl berührt von Nacht, Schlafnähe und Furcht vor

Einsamkeit. Sie fühlten beide dasselbe. Unversehens hielten sie sich bei

den Händen, lächelten irr und verlegen in die Dunkelheit, spielten mit

zuckenden Fingern einer auf Hand und Arm des andern. Der Bootsmann rief,

sie stiegen ein, setzten sich in die Kabine, und mit heftigem Griff zog er

den blonden schweren Kopf zu sich her und in die ausbrechende Glut seiner

Küsse.

Zwischenein sich erwehrend, setzte sie sich aufrecht und fragte: »Werden

wir wohl bald wieder hier herüber fahren?«

Mitten in der Liebeserregung mußte er heimlich lachen. Sie dachte bei allem

noch ans Spiel, sie wollte wiederkommen und ihr Geschäft fortsetzen.

»Wann du willst,« sagte er werbend, »morgen und übermorgen und jeden Tag,

den du willst.«

Als er ihre Finger in seinem Nacken spielen fühlte, durchzuckte ihn

Erinnerung an das furchtbare Gefühl im Traum, als das rächende Weib ihm die

Nägel in den Hals krallte.

»Jetzt sollte sie mich plötzlich töten, das wäre das richtige,« dachte er

glühend -- »oder ich sie.«

Ihre Brust mit tastender Hand umspannend lachte er leise vor sich hin.

Unmöglich wäre es ihm gewesen, noch Lust und Weh zu unterscheiden. Auch

seine Lust, seine hungrige Sehnsucht nach der Umarmung mit diesem schönen

starken Weibe, war von Angst kaum zu unterscheiden, er ersehnte sie wie der

Verurteilte das Beil. Beides war da, flammende Lust und trostlose Trauer,

beides brannte, beides zuckte in fiebernden Sternen auf, beides wärmte,

beides tötete.

Teresina entzog sich geschmeidig einer zu kühnen Liebkosung, hielt seine

beiden Hände fest, brachte ihre Augen nah an seine und flüsterte wie

abwesend: »Was bist du für ein Mensch, du? Warum liebe ich dich? Warum

zieht mich etwas zu dir? Du bist schon alt und bist nicht schön -- wie ist

das? Höre, ich glaube doch, daß du ein Verbrecher bist. Bist du nicht

einer? Ist dein Geld nicht gestohlen?«

Er suchte sich loszumachen: »Rede nicht, Teresina! Alles Geld ist

gestohlen, alle Habe ist ungerecht. Ist denn das wichtig? Wir sind alle

Sünder, wir sind alle Verbrecher, nur schon weil wir leben. Ist denn das

wichtig?«

»Ach, was ist wichtig?« zuckte sie auf.

»Wichtig ist, daß wir diesen Becher austrinken,« sagte Klein langsam,

»nichts anderes ist wichtig. Vielleicht kommt er nicht wieder. Willst du

mit mir schlafen kommen, oder darf ich mit zu dir gehen?«

»Komm zu mir,« sagte sie leise. »Ich habe Angst vor dir, und doch muß ich

bei dir sein. Sage mir dein Geheimnis nicht! Ich will nichts wissen!«

Das Abklingen des Motors weckte sie, sie riß sich los, strich sich klärend

über Haar und Kleider. Das Boot lief leise an den Steg, Laternenlichter

spiegelten splitternd im schwarzen Wasser. Sie stiegen aus.

»Halt, meine Tasche!« rief Teresina nach zehn Schritten. Sie lief zum Steg

zurück, sprang ins Boot, fand auf dem Polster die Tasche mit ihrem Geld

liegen, warf dem mißtrauisch blickenden Fährmann einen der Scheine hin und

lief Klein in die Arme, der sie am Kai erwartete.

V

Der Sommer hatte plötzlich begonnen, in zwei heißen Tagen hatte er die Welt

verändert, die Wälder vertieft, die Nächte verzaubert. Heiß drängte sich

Stunde an Stunde, schnell lief die Sonne ihren glühenden Halbkreis ab,

schnell und hastig folgten ihr die Sterne, Lebensfieber glühte hoch, eine

lautlose gierige Eile jagte die Welt.

Ein Abend kam, da wurde Teresinas Tanz im Kursaal durch ein rasend

hertobendes Gewitter unterbrochen. Lampen erloschen, irre Gesichter

grinsten sich im weißen Flackern der Blitze an, Weiber schrien, Kellner

brüllten, Fenster zerklirrten im Sturm.

Klein hatte Teresina sofort zu sich an den Tisch gezogen, wo er neben dem

alten Komiker saß.

»Herrlich!« sagte er. »Wir gehen. Du hast doch keine Angst?«

»Nein, nicht Angst. Aber du darfst heut nicht mit mir kommen. Du hast drei

Nächte nicht geschlafen, und du siehst scheußlich aus. Bring mich nach

Haus, und dann geh schlafen in dein Hotel! Nimm Veronal, wenn du es

brauchst. Du lebst wie ein Selbstmörder.«

Sie gingen, Teresina im geborgten Mantel eines Kellners, mitten durch Sturm

und Blitze und aufheulende Staubwirbel durch die leer gefegten Straßen,

hell und frohlockend knallten die prallen Donnerschläge durch die

aufgewühlte Nacht, plötzlich brauste Regen los, auf dem Pflaster

zerspritzend, voll und voller mit dem erlösenden Schluchzen wilder Güsse im

dicken Sommerlaub.

Naß und durchschüttelt kamen sie in die Wohnung der Tänzerin, Klein ging

nicht nach Hause, es wurde nicht mehr davon gesprochen. Aufatmend traten

sie ins Schlafzimmer, taten lachend die durchnäßten Kleider ab, durchs

Fenster schrillte grell das Licht der Blitze, in den Akazien wühlte Sturm

und Regen sich müde.

»Wir waren noch nicht wieder in Castiglione,« spottete Klein. »Wann gehen

wir?«

»Wir werden wieder gehen, verlaß dich drauf. Hast du Langeweile?«

Er zog sie an sich, beide fieberten, und Nachglanz des Gewitters loderte in

ihrer Liebkosung. In Stößen kam durchs Fenster die gekühlte feuchte Luft,

mit bittrem Geruch von Laub und stumpfem Geruch von Erde. Aus dem

Liebeskampf fielen sie beide schnell in Schlummer. Auf dem Kissen lag sein

ausgehöhltes Gesicht neben ihrem frischen, sein dünnes trocknes Haar neben

ihrem vollen blühenden. Vor dem Fenster glühte das Nachtgewitter in letzten

Flammen auf, wurde müde und erlosch, der Sturm schlief ein, beruhigt rann

ein stiller Regen in die Bäume.

Bald nach ein Uhr erwachte Klein, der keinen längern Schlaf mehr kannte,

aus einem schweren schwülen Traumgewirre, mit wüstem Kopf und schmerzenden

Augen. Regungslos lag er eine Weile, die Augen aufgerissen, sich besinnend,

wo er sei. Es war Nacht, jemand atmete neben ihm, er war bei Teresina.

Langsam richtete er sich auf. Nun kamen die Qualen wieder, nun war ihm

wieder beschieden, Stunde um Stunde zu liegen, Weh und Angst im Herzen,

allein, nutzlose Leiden leiden, nutzlose Gedanken denken, nutzlose Sorgen

sorgen. Aus dem Alpdrücken, das ihn geweckt hatte, krochen schwere fette

Gefühle ihm nach, Ekel und Grauen, Übersättigung, Selbstverachtung.

Er tastete nach dem Licht und drehte an. Die kühle Helligkeit floß übers

weiße Kissen, über die Stühle voll Kleider, schwarz hing das Fensterloch in

der schmalen Wand. Über Teresinas abgewandtes Gesicht fiel Schatten, ihr

Nacken und Haar glänzte hell.

So hatte er einst auch seine Frau zuweilen liegen sehen, auch neben ihr war

er zu Zeiten schlaflos gelegen, ihren Schlummer beneidend, von ihrem satten

zufriedenen Atemholen wie verhöhnt. Nie, niemals war man von seinem

Nächsten so ganz und gar, so vollkommen verlassen, als wenn er schlief! Und

wieder, wie schon oft, fiel ihm das Bild des leidenden Jesus ein, im Garten

Gethsemane, wo die Todesangst ihn ersticken will, seine Jünger aber

schlafen, schlafen.

Leise zog er das Kissen mehr zu sich herüber, samt dem schlafenden Kopf

Teresinas. Nun sah er ihr Gesicht, im Schlaf so fremd, so ganz bei sich

selbst, so ganz von ihm abgewandt. Eine Schulter und Brust lag bloß, unter

dem Leintuch wölbte sich sanft ihr Leib bei jedem Atemzug. Komisch, fiel

ihm ein, wie man in Liebesworten, in Gedichten, in Liebesbriefen immer und

immer von den süßen Lippen und Wangen sprach, und nie von Bauch und Bein!

Schwindel! Schwindel! Er betrachtete Teresina lang. Mit diesem schönen

Leib, mit dieser Brust und diesen weißen, gesunden, starken, gepflegten

Atmen und Beinen würde sie ihn noch oft verlocken und ihn umschlingen und

Lust von ihm nehmen und dann ruhen und schlafen, satt und tief, ohne

Schmerzen, ohne Angst, ohne Ahnung, schön und stumpf und dumm wie ein

gesundes schlafendes Tier. Und er würde neben ihr liegen, schlaflos, mit

flackernden Nerven, das Herz voll Pein. Noch oft? Noch oft? Ach nein, nicht

oft mehr, nicht viele Male mehr, vielleicht keinmal mehr! Er zuckte

zusammen. Nein, er wußte es: keinmal mehr!

Stöhnend bohrte er den Daumen in seine Augenhöhle, wo zwischen Auge und

Stirn diese teuflischen Schmerzen saßen. Gewiß, auch Wagner hatte diese

Schmerzen gehabt, der Lehrer Wagner. Er hatte sie gehabt, diese

wahnsinnigen Schmerzen, gewiß jahrelang, und hatte sie getragen und

erlitten, und sich dabei reifen und Gott näher kommen gemeint in seinen

Qualen, seinen nutzlosen Qualen. Bis er eines Tages es nicht mehr ertragen

konnte -- so wie auch er, Klein, es nicht mehr ertragen konnte. Die

Schmerzen waren ja das wenigste, aber die Gedanken, die Träume, das

Alpdrücken! Da war Wagner eines Nachts aufgestanden und hatte gesehen, daß

es keinen Sinn habe, noch mehr, noch viele solche Nächte voll Qual

aneinander zu reihen, daß man dadurch nicht zu Gott komme, und hatte das

Messer geholt. Es war vielleicht unnütz, es war vielleicht töricht und

lächerlich von Wagner, daß er gemordet hatte. Wer seine Qualen nicht

kannte, wer seine Pein nicht gelitten hatte, der konnte es ja nicht

verstehen.

Er selbst hatte vor kurzem, in einem Traum, eine Frau mit dem Messer

erstochen, weil ihr entstelltes Gesicht ihm unerträglich gewesen war.

Entstellt war freilich jedes Gesicht, das man liebte, entstellt und grausam

aufreizend, wenn es nicht mehr log, wenn es schwieg, wenn es schlief. Da

sah man ihm auf den Grund und sah nichts von Liebe darin, wie man auch im

eigenen Herzen nichts von Liebe fand, wenn man auf den Grund sah. Da war

nur Lebensgier und Angst, und aus Angst, aus dummer Kinderangst vor der

Kälte, vor dem Alleinsein, vor dem Tode floh man zueinander, küßte sich,

umarmte sich, rieb Wange an Wange, legte Bein zu Bein, warf neue Menschen

in die Welt. So war es. So war er einst zu seiner Frau gekommen. So war die

Frau des Wirtes in einem Dorf zu ihm gekommen, einst, am Anfang seines

jetzigen Weges, in einer kahlen steinernen Kammer, barfuß und schweigend,

getrieben von Angst, von Lebensgier, von Trostbedürfnis. So war auch er zu

Teresina gekommen, und sie zu ihm. Es war stets derselbe Trieb, dasselbe

Begehren, dasselbe Mißverständnis. Es war auch stets dieselbe Enttäuschung,

dasselbe grimme Leid. Man glaubte, Gott nah zu sein, und hielt ein Weib in

den Armen. Man glaubte, Harmonie erreicht zu haben, und hatte nur seine

Schuld und seinen Jammer weggewälzt, auf ein fernes zukünftiges Wesen! Ein

Weib hielt man in den Armen, küßte ihren Mund, streichelte ihre Brust und

zeugte mit ihr ein Kind, und einst würde das Kind, vom selben Schicksal

ereilt, in einer Nacht ebenso neben einem Weibe liegen und ebenso aus dem

Rausch erwachen und mit schmerzenden Augen in den Abgrund sehen, und das

Ganze verfluchen. Unerträglich, das zu Ende zu denken!

Sehr aufmerksam betrachtete er das Gesicht der Schlafenden, die Schulter

und Brust, das gelbe Haar. Das alles hatte ihn entzückt, hatte ihn

getäuscht, hatte ihn verlockt, das alles hatte ihm Lust und Glück

vorgelogen. Nun war es aus, nun wurde abgerechnet. Er war in das Theater

Wagner eingetreten, er hatte erkannt, warum jedes Gesicht, sobald die

Täuschung dahinfiel, so entstellt und unausstehlich war.

Klein stand vom Bett auf und ging auf die Suche nach einem Messer. Im

Vorbeischleichen streifte er Teresinas lange hellbraune Strümpfe vom Stuhl

-- dabei fiel ihm blitzschnell ein, wie er sie das erstemal gesehen, im

Park, und wie von ihrem Gang und von ihrem Schuh und straffen Strumpf der

erste Reiz ihm zugeflogen war. Er lachte leise, wie schadenfroh, und nahm

Teresinas Kleider, Stück um Stück, in die Hand, befühlte sie und ließ sie

zu Boden fallen. Dann suchte er weiter, dazwischen für Momente alles

vergessend. Sein Hut lag auf dem Tisch, er nahm ihn gedankenlos in die

Hände, drehte ihn, fühlte, daß er naß war, und setzte ihn auf. Beim Fenster

blieb er stehen, sah in die Schwärze hinaus, hörte Regen singen, es klang

wie aus verschollenen anderen Zeiten her. Was wollte das alles von ihm,

Fenster, Nacht, Regen -- was ging es ihn an, das alte Bilderbuch aus der

Kinderzeit?

Plötzlich blieb er stehen. Er hatte ein Ding in die Hand genommen, das auf

einem Tische lag, und sah es an. Es war ein silberner ovaler Handspiegel,

und aus dem Spiegel schien ihm sein Gesicht entgegen, das Gesicht Wagners,

ein irres verzogenes Gesicht mit tiefen schattigen Höhlen und zerstörten,

zersprungenen Zügen. Das geschah ihm jetzt so merkwürdig oft, daß er sich

unversehens in einem Spiegel sah, ihm schien, er habe früher jahrzehntelang

nie in einen geblickt. Auch das, schien es, gehörte zum Theater Wagner.

Er blieb stehen und blickte lang in das Glas. Dies Gesicht des ehemaligen

Friedrich Klein war fertig und verbraucht, es hatte ausgedient, Untergang

schrie aus jeder Falte. Dies Gesicht mußte verschwinden, es mußte

ausgelöscht werden. Es war sehr alt, dies Gesicht, viel hatte sich in ihm

gespiegelt, allzu viel, viel Lug und Trug, viel Staub und Regen war darüber

gegangen. Es war einmal glatt und hübsch gewesen, er hatte es einst geliebt

und gepflegt und Freude daran gehabt, und hatte es oft auch gehaßt. Warum?

Beides war nicht mehr zu begreifen.

Und warum stand er jetzt da, nachts in diesem kleinen fremden Zimmer, mit

einem Glas in der Hand und einem nassen Hut auf dem Kopf, ein seltsamer

Hanswurst -- was war mit ihm? Was wollte er? Er setzte sich auf den

Tischrand. Was hatte er gewollt? Was suchte er? Er hatte doch etwas

gesucht, etwas sehr Wichtiges gesucht?

Ja, ein Messer.

Plötzlich ungeheuer erschüttert sprang er empor und lief zum Bett. Er

beugte sich über das Kissen, sah das schlafende Mädchen im gelben Haare

liegen. Sie lebte noch! Er hatte es noch nicht getan! Grauen überfloß ihn

eisig. Mein Gott, nun war es da! Nun war es so weit, und es geschah, was er

schon immer und immer in seinen furchtbarsten Stunden hatte kommen sehen.

Nun war es da. Nun stand er, Wagner, am Bett einer Schlafenden, und suchte

das Messer! -- Nein, er wollte nicht. Nein, er war nicht wahnsinnig. Gott

sei Dank, er war nicht wahnsinnig! Nun war es gut.

Es kam Friede über ihn. Langsam zog er seine Kleider an, die Hosen, den

Rock, die Schuhe. Nun war es gut.

Als er nochmals zum Bett treten wollte, fühlte er Weiches unter seinem Fuß.

Da lagen Teresinas Kleider am Boden, die Strümpfe, das hellgraue Kleid.

Sorgfältig hob er sie auf und legte sie über den Stuhl.

Er löschte das Licht und ging aus dem Zimmer. Vor dem Hause troff Regen

still und kühl, nirgends Licht, nirgends ein Mensch, nirgends ein Laut, nur

der Regen. Er wandte das Gesicht nach oben und ließ sich den Regen über

Stirn und Wangen laufen. Kein Himmel zu finden. Wie dunkel es war! Gern,

gern hätte er einen Stern gesehen.

Ruhig ging er durch die Straßen, vom Regen durchweicht. Kein Mensch, kein

Hund begegnete ihm, die Welt war ausgestorben. Am Seeufer ging er von Boot

zu Boot, sie waren alle hoch ans Land gezogen und stramm mit Ketten

befestigt. Erst ganz in der Vorstadt außen fand er eins, das locker am

Strick hing und sich lösen ließ. Das machte er los und hängte die Ruder

ein. Schnell war das Ufer vergangen, es floß ins Grau hinweg wie nie

gewesen, nur Grau und Schwarz und Regen war noch auf der Welt, grauer See,

nasser See, grauer See, nasser Himmel, alles ohne Ende.

Draußen, weit im See, zog er die Ruder ein. Es war nun so weit, und er war

zufrieden. Früher hatte er, in den Augenblicken, wo Sterben ihm

unvermeidlich schien, doch immer gern noch ein wenig gezögert, die Sache

auf morgen verschoben, es erst noch einmal mit dem Weiterleben probiert.

Davon war nichts mehr da. Sein kleines Boot, das war er, das war sein

kleines, umgrenztes, künstlich versichertes Leben -- rundum aber das weite

Grau, das war die Welt, das war All und Gott, dahinein sich fallen zu

lassen war nicht schwer, das war leicht, das war froh.

Er setzte sich auf den Rand des Bootes nach außen, die Füße hingen ins

Wasser. Er neigte sich langsam vor, neigte sich vor, bis hinter ihm das

Boot elastisch entglitt. Er war im All.

In die kleine Zahl von Augenblicken, welche er von da an noch lebte, war

viel mehr Erlebnis gedrängt als in den vierzig Jahren, die er zuvor bis zu

diesem Ziel unterwegs gewesen war.

Es begann damit: Im Moment, wo er fiel, wo er einen Blitz lang zwischen

Bootsrand und Wasser schwebte, stellte sich ihm dar, daß er einen

Selbstmord begehe, eine Kinderei, etwas zwar nicht Schlimmes, aber

Komisches und ziemlich Törichtes. Das Pathos des Sterbenwollens und das

Pathos des Sterbens selbst fiel in sich zusammen, es war nichts damit. Sein

Sterben war nicht mehr notwendig, jetzt nicht mehr. Es war erwünscht, es

war schön und willkommen, aber notwendig war es nicht mehr. Seit dem

Moment, seit dem aufblitzenden Sekundenteil, wo er sich mit ganzem Wollen,

mit ganzem Verzicht auf jedes Wollen, mit ganzer Hingabe hatte vom

Bootsrand fallen lassen, in den Schoß der Mutter, in den Arm Gottes -- seit

diesem Augenblick hatte das Sterben keine Bedeutung mehr. Es war ja alles

so einfach, es war ja alles so wunderbar leicht, es gab ja keine Abgründe,

keine Schwierigkeiten mehr. Die ganze Kunst war: sich fallen lassen! Das

leuchtete als Ergebnis seines Lebens hell durch sein ganzes Wesen: sich

fallen lassen! Hatte man das einmal getan, hatte man einmal sich

dahingegeben, sich anheimgestellt, sich ergeben, hatte man einmal auf alle

Stützen und jeden festen Boden unter sich verzichtet, hörte man ganz und

gar nur noch auf den Führer im eigenen Herzen, dann war alles gewonnen,

dann war alles gut, keine Angst mehr, keine Gefahr mehr.

Dies war erreicht, dies Große, Einzige: er hatte sich fallen lassen! Daß er

sich ins Wasser und in den Tod fallen ließ, wäre nicht notwendig gewesen,

ebensogut hätte er sich ins Leben fallen lassen können. Aber daran lag

nicht viel, wichtig war dies nicht. Er würde leben, er würde wieder kommen.

Dann aber würde er keinen Selbstmord mehr brauchen und keinen von all

diesen seltsamen Umwegen, keine von all diesen mühsamen und schmerzlichen

Torheiten mehr, denn er würde die Angst überwunden haben.

Wunderbarer Gedanke: ein Leben ohne Angst! Die Angst überwinden, das war

die Seligkeit, das war die Erlösung. Wie hatte er sein Leben lang Angst

gelitten, und nun, wo der Tod ihn schon am Halse würgte, fühlte er nichts

mehr davon, keine Angst, kein Grauen, nur Lächeln, nur Erlösung, nur

Einverstandensein. Er wußte nun plötzlich, was Angst ist, und daß sie nur

von dem überwunden werden kann, der sie erkannt hat. Man hatte vor tausend

Dingen Angst, vor Schmerzen, vor Richtern, vor dem eigenen Herzen, man

hatte Angst vor dem Schlaf, Angst vor dem Erwachen, vor dem Alleinsein, vor

der Kälte, vor dem Wahnsinn, vor dem Tode -- namentlich vor ihm, vor dem

Tode. Aber all das waren nur Masken und Verkleidungen. In Wirklichkeit gab

es nur eines, vor dem man Angst hatte: das Sichfallenlassen, den Schritt in

das Ungewisse hinaus, den kleinen Schritt hinweg über all die

Versicherungen, die es gab. Und wer sich einmal, ein einziges Mal

hingegeben hatte, wer einmal das große Vertrauen geübt und sich dem

Schicksal anvertraut hatte, der war befreit. Er gehorchte nicht mehr den

Erdgesetzen, er war in den Weltraum gefallen und schwang im Reigen der

Gestirne mit. So war das. Es war so einfach, jedes Kind konnte das

verstehen, konnte das wissen.

Er dachte dies nicht, wie man Gedanken denkt, er lebte, fühlte, tastete,

roch und schmeckte es. Er schmeckte, roch, sah und verstand, was Leben war.

Er sah die Erschaffung der Welt, er sah den Untergang der Welt, beide wie

zwei Heerzüge beständig gegeneinander in Bewegung, nie vollendet, ewig

unterwegs. Die Welt wurde immerfort geboren, sie starb immerfort. Jedes

Leben war ein Atemzug, von Gott ausgestoßen. Jedes Sterben war ein Atemzug,

von Gott eingesogen. Wer gelernt hatte, nicht zu widerstreben, sich fallen

zu lassen, der starb leicht, der wurde leicht geboren. Wer widerstrebte,

der litt Angst, der starb schwer, der wurde ungern geboren.

Im grauen Regendunkel über dem Nachtsee sah der Untersinkende das Spiel der

Welt gespiegelt und dargestellt: Sonnen und Sterne rollten herauf, rollten

hinab, Chöre von Menschen und Tieren, Geistern und Engeln standen

gegeneinander, sangen, schwiegen, schrien, Züge von Wesen zogen

gegeneinander, jedes sich selbst mißkennend, sich selbst hassend, und sich

in jedem andern Wesen hassend und verfolgend. Ihrer aller Sehnsucht war

nach Tod, war nach Ruhe, ihr Ziel war Gott, war die Wiederkehr zu Gott und

das Bleiben in Gott. Dies Ziel schuf Angst, denn es war ein Irrtum. Es gab

kein Bleiben in Gott! Es gab keine Ruhe! Es gab nur das ewige, ewige,

ewige, herrliche, heilige Ausgeatmetwerden und Eingeatmetwerden, Gestaltung

und Auflösung, Geburt und Tod, Auszug und Wiederkehr, ohne Pause, ohne

Ende. Und darum gab es nur eine Kunst, nur eine Lehre, nur ein Geheimnis:

sich fallen lassen, sich nicht gegen Gottes Willen sträuben, sich an nichts

klammern, nicht an Gut noch Böse. Dann war man erlöst, dann war man frei

von Leid, frei von Angst, nur dann.

Sein Leben lag vor ihm wie ein Land mit Wäldern, Talschaften und Dörfern,

das man vom Kamm eines hohen Gebirges übersieht. Alles war gut gewesen,

einfach und gut gewesen, und alles war durch seine Angst, durch sein

Sträuben zu Qual und Verwicklung, zu schauerlichen Knäueln und Krämpfen von

Jammer und Elend geworden! Es gab keine Frau, ohne die man nicht leben

konnte -- und es gab auch keine Frau, mit der man nicht hätte leben können.

Es gab kein Ding in der Welt, das nicht ebenso schön, ebenso begehrenswert,

ebenso beglückend war wie sein Gegenteil! Es war selig zu leben, es war

selig zu sterben, sobald man allein im Weltraum hing. Ruhe von außen gab es

nicht, keine Ruhe im Friedhof, keine Ruhe in Gott, kein Zauber unterbrach

je die ewige Kette der Geburten, die unendliche Reihe der Atemzüge Gottes.

Aber es gab eine andere Ruhe, im eigenen Innern zu finden. Sie hieß: Laß

dich fallen! Wehre dich nicht! Stirb gern! Lebe gern!

Alle Gestalten seines Lebens waren bei ihm, alle Gesichter seiner Liebe,

alle Wechsel seines Leidens. Seine Frau war rein und ohne Schuld wie er

selbst, Teresina lächelte kindlich her. Der Mörder Wagner, dessen Schatten

so breit über Kleins Leben gefallen war, lächelte ihm ernst ins Gesicht,

und sein Lächeln erzählte, daß auch Wagners Tat ein Weg zur Erlösung

gewesen war, auch sie ein Atemzug, auch sie ein Symbol, und daß auch Mord

und Blut und Scheußlichkeit nicht Dinge sind, welche wahrhaft existieren,

sondern nur Wertungen unsrer eigenen, selbstquälerischen Seele. Mit dem

Morde Wagners hatte er, Klein, Jahre seines Lebens hingebracht, in

Verwerfen und Billigen, Verurteilen und Bewundern, Verabscheuen und

Nachahmen hatte er sich aus diesem Morde unendliche Ketten von Qualen, von

Ängsten, von Elend geschaffen. Er hatte hundertmal voll Angst seinem

eigenen Tode beigewohnt, er hatte sich auf dem Schafott sterben sehen, er

hatte den Schnitt des Rasiermessers durch seinen Hals gefühlt und die Kugel

in seiner Schläfe -- und nun, da er den gefürchteten Tod wirklich starb,

war es so leicht, war es so einfach, war es Freude und Triumph! Nichts in

der Welt war zu fürchten, nichts war schrecklich -- nur im Wahn machten wir

uns all diese Furcht, all dies Leid, nur in unsrer eignen, geängsteten

Seele entstand Gut und Böse, Wert und Unwert, Begehren und Furcht.

Die Gestalt Wagners versank weit in der Ferne. Er war nicht Wagner, nicht

mehr, es gab keinen Wagner, das alles war Täuschung gewesen. Nun, mochte

Wagner sterben! Er, Klein, würde leben.

Wasser floß ihm in den Mund, und er trank. Von allen Seiten, durch alle

Sinne floß Wasser herein, alles löste sich auf. Er wurde angesogen, er

wurde eingeatmet. Neben ihm, an ihn gedrängt, so eng beisammen wie die

Tropfen im Wasser, schwammen andere Menschen, schwamm Teresina, schwamm der

alte Sänger, schwamm seine einstige Frau, sein Vater, seine Mutter und

Schwester, und tausend, tausend, tausend andre Menschen, und auch Bilder

und Häuser, Tizians Venus und der Münster von Straßburg, alles schwamm, eng

aneinander, in einem ungeheuren Strom dahin, von Notwendigkeit getrieben,

rasch und rascher, rasend -- und diesem ungeheuern, rasenden Riesenstrom

der Gestaltungen kam ein anderer Strom entgegen, ungeheuer, rasend, ein

Strom von Gesichtern, Beinen, Bäuchen, von Tieren, Blumen, Gedanken,

Morden, Selbstmorden, geschriebenen Büchern, geweinten Tränen, dicht,

dicht, voll, voll, Kinderaugen und schwarze Locken und Fischköpfe, ein Weib

mit langem starren Messer im blutigen Bauch, ein junger Mensch, ihm selbst

ähnlich, das Gesicht voll heiliger Leidenschaft, das war er selbst,

zwanzigjährig, jener verschollene Klein von damals! Wie gut, daß auch diese

Erkenntnis nun zu ihm kam: daß es keine Zeit gab! Das einzige, was zwischen

Alter und Jugend, zwischen Babylon und Berlin, zwischen Gut und Böse, Geben

und Nehmen stand, das einzige, was die Welt mit Unterschieden, Wertungen,

Leid, Streit, Krieg erfüllte, war der Menschengeist, der junge ungestüme

und grausame Menschengeist im Zustand der tobenden Jugend, noch fern vom

Wissen, noch weit von Gott. Er erfand Gegensätze, er erfand Namen. Dinge

nannte er schön, Dinge häßlich, diese gut, diese schlecht. Ein Stück Leben

wurde Liebe genannt, ein andres Mord. So war dieser Geist, jung, töricht,

komisch. Eine seiner Erfindungen war die Zeit. Eine feine Erfindung, ein

raffiniertes Instrument, sich noch inniger zu quälen und die Welt vielfach

und schwierig zu machen! Von allem, was der Mensch begehrte, war er immer

nur durch Zeit getrennt, nur durch diese Zeit, diese tolle Erfindung! Sie

war eine der Stützen, eine der Krücken, die man vor allem fahren lassen

mußte, wenn man frei werden wollte.

Weiter quoll der Weltstrom der Gestaltungen, der von Gott eingesogene, und

der andere, ihm entgegen, der ausgeatmete. Klein sah Wesen, die sich dem

Strom widersetzten, die sich unter furchtbaren Krämpfen aufbäumten und sich

grauenhafte Qualen schufen: Helden, Verbrecher, Wahnsinnige, Denker,

Liebende, Religiöse. Andre sah er, gleich ihm selbst, rasch und leicht in

inniger Wollust der Hingabe, des Einverstandenseins dahingetrieben, Selige

wie er. Aus dem Gesang der Seligen und aus dem endlosen Qualschrei der

Unseligen baute sich über den beiden Weltströmen eine durchsichtige Kugel

oder Kuppel aus Tönen, ein Dom von Musik, in dessen Mitte saß Gott, saß ein

heller, vor Helle unsichtbarer Glanzstern, ein Inbegriff von Licht,

umbraust von der Musik der Weltchöre, in ewiger Brandung.

Helden und Denker traten aus dem Weltstrom, Propheten, Verkünder. »Siehe,

das ist Gott der Herr, und sein Weg führt zum Frieden«, rief einer, und

viele folgten ihm. Ein andrer verkündete, daß Gottes Bahn zum Kampf und

Kriege führe. Einer nannte ihn Licht, einer nannte ihn Nacht, einer Vater,

einer Mutter. Einer pries ihn als Ruhe, einer als Bewegung, als Feuer, als

Kühle, als Richter, als Tröster, als Schöpfer, als Vernichter, als

Verzeiher, als Rächer. Gott selbst nannte sich nicht. Er wollte genannt, er

wollte geliebt, er wollte gepriesen, verflucht, gehaßt, angebetet sein,

denn die Musik der Weltchöre war sein Gotteshaus und war sein Leben -- aber

es galt ihm gleich, mit welchen Namen man ihn pries, ob man ihn liebte oder

haßte, ob man bei ihm Ruhe und Schlaf, oder Tanz und Raserei suchte. Jeder

konnte suchen. Jeder konnte finden.

Jetzt vernahm Klein seine eigene Stimme. Er sang. Mit einer neuen,

gewaltigen, hellen, hallenden Stimme sang er laut, sang er laut und hallend

Gottes Lob, Gottes Preis. Er sang im rasenden Dahinschwimmen, inmitten der

Millionen Geschöpfe, ein Prophet und Verkünder. Laut schallte sein Lied,

hoch stieg das Gewölbe der Töne auf, strahlend saß Gott im Innern.

Ungeheuer brausten die Ströme hin.

Klingsors letzter Sommer · 第 7 / 23 题