»Aber Kasia!« Erschrocken sieht Maria die Schwester an. »Solche

Ausgaben sind doch unmöglich, Papa hat ohnehin so viel Sorgen. Die

Ernte ist dieses Jahr durchaus nicht gut, dazu das Unglück im Frühjahr

mit den Kühen und Wladzin hat gestern auch wieder um Geld geschrieben.

Nein, diese Ausgaben darf Mama nicht machen.«

»Du bist eine unerträgliche Pedantin, keine Freude gönnst Du uns, nur

sparen, nur sparen, und Mama hat ganz recht, wenn sie sagt, Du seist

verbauert.«

Das reizende Gesicht Kasias war durch Zorn entstellt, die Thränen

stürzten ihr aus den Augen und zitternd vor Wut trat sie mit den

zierlichen Füßen auf den Boden.

»Was wohl dabei ist!« schrie sie. »Was wird das groß kosten? Der Jude

giebt Papa schon Geld!«

»Kasia!«

»Schweig, Du verdirbst mir all meine Freude!« Sie stürmte zum Zimmer

hinaus und krachend flog die Thür hinter ihr ins Schloß.

Die zierliche, von Maria mühsam gekittete Vase auf dem kleinen

Rokokotisch fiel klirrend zur Erde und während das junge Mädchen die

Stücke sammelte, rannen die heißen Thränen über ihre Wangen:

»Stückwerk alles, alles, der Jude giebt Geld, bis der Jude das Gut

nimmt und dann. -- Oh heilige Mutter Gottes, hilf!«

* * * * *

»=Oh chère tante!= Da sitze ich nun seit drei Tagen in dieser

polnisch-deutschen Einsamkeit, mit dem brennenden Wunsch, diesen

ländlichen Aufenthalt erst mit einem Badeort des =high life=

vertauschen zu können. Diese guten Leninskis sind unglaublich naiv,

sie denken wirklich, mich habe einzig und allein die Sehnsucht zu

ihnen getrieben. Wenn sie ahnten, wie sehr ich =vis-à-vis de rien=

stehe, wie froh ich war, daß mir die Einladung dieser thörichten,

kleinen Kasia einfiel. Lächerlich, immer soll ich von meinem

glänzenden Leben erzählen, wenn sie wüßten, wie die Kehrseite

aussieht, wie hungrig wir oft auf den Boulevards promeniert sind!

-- Ein Glück, daß die alte Fürstin sich Deiner erinnerte, jeden

Abend ist mein Gebet, es möge ihr einfallen, mich auch zu sich zu

laden, in Rußland würde ich vielleicht bessere Chancen haben, eine

Partie zu machen, den glänzenden Rahmen, den ich brauche, zu finden.

-- Was soll ich Dir von den Leninski berichten? =Madame= ist etwas

einfältig, von der einstigen Schönheit sieht man nichts mehr. (Wer

weiß, wie viel sie überhaupt davon besessen hat.)

=Monsieur= ist etwas verbauert, er macht manchmal einen recht

mißglückten Versuch, galant zu sein. Kasia ist ohne Frage reizend,

ich glaube, sie könnte, mit dem nötigen Geld versehen, Furore machen.

Maria ist hübsch, nicht mein Geschmack, sie sieht aus, als könnte sie

einen Mann in kleinen Verhältnissen aus Liebe heiraten, oder -- in

ein Kloster gehen. Eines so unpraktisch wie das andere.

=Adio=, teure Tante, ich werde jetzt mit Kasia spazieren gehen,

Gänseblümchen pflücken, Gedichte machen und von diesen einfältigen

Dorfjungen meine Schönheit, dieses mein Kapital, meine Hoffnung,

bewundern lassen.

Ich küsse Deine Hand, schreibe bald und bringe Erlösung

Deiner trostlosen Jusia.«

Die Schreiberin schließt hastig den Brief und adressiert ihn. Von unten

herauf tönt schon Kasias helle Stimme, die ihren Namen ruft. -- Rasch

setzt sie einen großen, weißen Hut auf ihr krauses rotblondes Gelock,

ein wohlgefälliger Blick in den schmalen Empirespiegel, eine Kußhand

ihrem eigenen Bild und leichtfüßig eilt sie die Treppe hinab. »Kasia,

mein Seelchen, verzeih, daß ich Dich warten ließ, aber sieh! ich hatte

so viel an Tante Amélie zu schreiben, wie reizend es hier bei Euch ist,

wie lieb Ihr seid und daß ich keinen größeren Wunsch hege, recht, recht

lange bei Euch zu bleiben, komm, ich will blos Deiner Mama, von der

ich ganz enthusiasmiert bin, die Hand küssen.« Wenige Minuten später

wandeln die jungen Damen durch das Dorf, mit offenem Munde stehen die

Kinder und schauen ihnen nach. Paninka Kasia, die kennen sie, aber das

fremde Fräulein mit dem weißen Kleid, die so leicht über den Schmutz

der Straße schwebt, schüchtert sie ein und in stummer Bewunderung

blicken sie ihr nach.

»Mein Gott, Kasia, wie geistreich diese Kinder aussehen,« sie lacht,

»nein, sieh diesen Fratz dort, gerade so starrte mich der holde Prinz

Sergei an vergangenen Winter in Nizza. Aber sieh, wie idyllisch das

Häuschen hier liegt, sag, wem gehört es?« Sie bleibt vor dem kleinen

Haus am Ende des Dorfes stehen, das von bunten Blumen umblüht, seltsam

absticht gegen die anderen im Schmutz stehenden Nachbarhäuser. Da

knarrt die Thüre und Michaels hohe Gestalt wird im Rahmen sichtbar,

seine ernsten Augen haften voll Erstaunen auf den beiden lichten

Mädchengestalten, die da am Gitter seines Gartens stehen. Er tritt

einige Schritte näher, verneigt sich und sagt mit seiner ruhigen,

klangvollen Stimme:

»Gott zum Gruß und Gottes Frieden!« Dabei ruhen seine Blicke unverwandt

auf Gräfin Jusias reizvoller Erscheinung. Mit beiden Händen greift

diese in die blühenden Clematisranken am Gitter und sieht mit seltsamem

Lächeln zu dem schlanken Mann hin. Sekundenlang ruhen beider Blicke

ineinander, dann wendet sich Michael heftig um und schreitet mit

stummem Gruß in sein Haus zurück.

»Kasia, sag doch, wer war dieser seltsame Mensch, ein Apollo an

Schönheit in Eurem Dorf?« Jusia reißt einige von den Blüten am Gitter

ab und befestigt sie in ihrem Gürtel, »schnell erzähle, =ma petite=,

ich wittere eine romantische Geschichte, der blonde Apollo mit seinem

frommen Gruß und seinem geistlichen Rock interessiert mich?«

»Romantisch ist die Sache nicht gerade,« erwiderte Kasia, hochmütig

das feine Näschen rümpfend, »Dein Apollo, wie Du ihn nennst, obgleich

ich noch keinen Apollo mit einem Rock gesehen habe, ist einfach ein

Dorfjunge, der eine etwas bessere Erziehung genossen hat, Propst Ryback

hat ihn unterrichtet, er sollte sich dem geistlichen Stande widmen.

Eines schönen Tages verschwand er aber plötzlich und tauchte erst

ungefähr im Februar dieses Jahres wieder auf. Er bezog sein Haus, das

der Propst bis dahin für ihn verwaltet hatte, und soll sich gleich in

den ersten Tagen wieder vollständig mit diesem überworfen haben. Dann

fing er hier in der Gegend an zu predigen, eine neue Lehre. Mit ihm

ist ein kleiner verwachsener Mensch. Papa sagt, es wären Mennoniten,

aber Propst Dzimbowski aus Skiernewice meinte neulich, es seien keine

echten Mennoniten, die wären stiller und machten keine Propaganda für

ihren Glauben; diese gehörten vielmehr einer neuen, amerikanischen

Sekte an. Die haben schon viele Anhänger, hier in Lochowo nicht, aber

in Birkenhof und Skiernewice laufen die Leute ihnen zu, die hiesigen

stehen zu sehr unter dem Einfluß von unserem Propst, der sehr fanatisch

ist und die Leute gegen den Ketzer einzunehmen weiß. Es ist ja Unsinn,

was sie predigen, der Blonde soll übrigens wunderbar reden können,

sie wollen eine große Gemeinde gründen mit völliger Gleichheit aller,

verdammen den Krieg und Alkoholismus und reden schrecklich viel von

innerer Glückseligkeit. Papa sagte schon, er wundert sich, daß sie bis

jetzt mit heiler Haut davon gekommen sind und prophezeit ihnen ein

gewaltsames Ende.

So nun aber genug von diesen langweiligen Dingen, erzähle mir lieber

mehr von Deinem Leben!« Jusia Potocka wendet noch einmal den Kopf nach

dem kleinen Hause und beginnt dann zu erzählen; sie rollt Bilder voll

Glanz und Licht vor Kasias Augen auf, und diese lauscht mit klopfendem

Herzen, immer brennender wird der Wunsch in ihr, auch mit in diesem

glänzenden Strom des Lebens schwimmen zu können.

* * * * *

Tiefe, feierliche Sabbathstille herrscht im Walde. Gestern floß der

Regen in Strömen auf die schier verschmachtete Erde nieder, heute

stehen die Bäume und Pflanzen in neuer Kraft da, sie recken und dehnen

sich, sie fühlen sich noch frisch und jung, und ferne liegt ihnen der

Gedanke an die Stürme des Herbstes, des Winters Kälte. --

Maria schreitet auf dem weichen Moosboden dahin, so feierlich still

ist es ringsum, die Birkenstämme leuchten hell und zitternd schwanken

die Zweige, vom sanften Wind bewegt, hin und her. Es ist ein seltsames

Wohlgefühl, das Maria in diesem Stück heimischen Waldes überkommt.

Sie weiß wohl, daß man über die Eintönigkeit dieses Landes spottet,

über die kargen Wälder, in die der blaue Himmel durch große Lücken

hineinscheint. Kein kühles, geheimnisvolles Walddunkel, nicht jene

zum Himmel ragenden Bäume, jene murmelnden, wild über Felsen und

Baumwurzeln stürzende Bäche des Hochgebirges, und dennoch, sie liebt

diesen ärmlichen Wald. Hier ist es, wo Ruhe und Frieden über sie kommt,

wo die nagenden Sorgen, die düsteren Gedanken sie verlassen, oh Du

lieber, barmherziger Wald! Während sie so dahinschreitet, schweifen

ihre Gedanken in die Vergangenheit, in die kurze, glückliche Zeit ihres

Lebens. Wie fern sie ihr liegt, manchmal will ihr dünken, als verblasse

die Erinnerung in dem täglichen Kampf, aber dann, wenn sie allein ist,

wie hier in dem Frieden des Waldes, dann überkommt sie mit aller Gewalt

das alte Glück, das alte Leid, ihr Herz jubelt und weint, und licht

stehen ihr die sonnigen Tage von einst vor der Seele.

Eine entfernte Verwandte ihrer Mutter, ein altes Fräulein, hatte sich

plötzlich erinnert, daß ihre Cousine Halinka zwei Töchter besaß und

geschrieben, daß sie gern einmal eine ihrer Nichten sehen möchte, ihr

sei die Reise zu weit, sie würde sich aber über einen Besuch freuen und

bäte hiermit ihre Cousine, ihr doch eine ihrer Töchter einige Wochen

nach Dresden zu schicken. Maria war gerade aus dem Kloster gekommen,

wo die Leninskis eine Freistelle besaßen, da kam der Brief der Tante

und da dieselbe als reich galt, stimmte auch Papa Leninski für die

Reise. An einem weichen, milden Frühlingsabend kam Maria in Dresden

an, wie klar stand ihr doch alles vor der Seele. Die alte Tante, die

ihr wie ein Wesen aus einer fremden Welt erschien. Frisch, trotz ihrer

sechzig Jahre, wie eine Junge, so lebensfroh, so teilnehmend, so

verständnisvoll für die Jugend und dabei so abgeklärt in ihrem Urteil,

über den Kleinkram der Welt stehend, mit einem Herzen, das warm für

alles Schöne und Edle schlug. Unwiderstehlich fühlte Maria sich zu ihr

hingezogen, in wenig Tagen hing sie mit inniger, verehrender Liebe an

der alten Dame.

Jener erste Abend in Dresden, wie ein leuchtendes Bild stand er in

ihrer Erinnerung, über die breite Brücke, die die Neustadt mit der

Altstadt verbindet, fuhren sie in einem offenen Wagen; wie ein breiter

Streifen flüssigen Goldes lag die Elbe im Glanz der untergehenden Sonne

unter ihnen. Große Dampfer, kleine buntbewimpelte Kähne glitten über

sie hin. Am jenseitigen Ufer ragten die stolzen Bauten einer glänzenden

Vergangenheit empor, die scheidende Sonne umglühte sie noch einmal, daß

es aussah, als ob all die Ecken und Spitzen im Feuer ständen. Von einem

der Dampfer kam eine weiche, träumerische Musik und vermischte sich mit

dem Lärm der großen Stadt. So traumhaft schön wie dieser erste Abend

waren die Wochen, die ihm folgten.

Leise seufzte Maria auf, vergangen die Jugend, das Glück. Im Garten

der Tante war es, da trat er ihr das erste Mal entgegen, strahlend vor

Stolz über den glänzend errungenen Doktortitel. Seine Eltern waren

langjährige Freunde von Marias Tante und der Verkehr zwischen beiden

Häusern ein sehr reger. Der junge Doktor sollte einige Wochen im

Elternhaus verleben, einige Wochen der Freiheit, und es war eigentlich

natürlich, daß bei den Ausflügen, die er mit seinen jungen Schwestern

unternahm, Maria mit dabei war.

Im Scherz und Spiel, im ernsten Gespräch, immer fand sich der junge

Arzt mit Maria zusammen, es war dem Mädchen, als sei alles von ihr

genommen, was düster und schwer ihr junges Leben bedrückt hatte, in

vollen Zügen genoß sie jetzt ihre Jugend und in ihrem Herzen erblühte

ein stilles, heimliches Glück. Sie wußten es bald, Heinz Werner und

Maria, daß sie einander liebten, nicht mit jener Leidenschaft, die

wie im Sturm über alles hinweg rast und, wenn verflogen, bittere

Ernüchterung zurückläßt, eine stille, heilige, treue Liebe war es, die

die Beiden erfüllte. Wie ein Schatten stieg manchmal der Gedanke an die

Eltern in Maria auf, sie kannte nur zu gut den Hochmut Frau Halinkas

und wußte, daß diese nicht so leicht ihre Einwilligung zu einer Heirat

mit einem Bürgerlichen und noch dazu einem Protestanten geben würde.

Aber mit dem glücklichen Leichtsinn der Jugend verscheuchte sie solche

Gedanken, vorläufig sollte es selbst den Eltern ein Geheimnis bleiben,

denn noch war Dr. Heinz nicht in der Lage, eine Frau heimzuführen, und

so beschlossen beide, ihr stilles Bündnis an niemand zu verraten.

Ob es wohl die Tante ahnte, sie lud Maria beim Abschied herzlich ein,

bald wieder zu kommen, ja, sie sprach die Absicht aus, die Eltern zu

bitten, ihr Maria für lange Zeit zu überlassen. »Behüt' Dich Gott,

mein Kind, sei tapfer und bleibe Dir selbst getreu,« sagte sie, die

weinende Maria in ihre Arme schließend. Noch ein letzter Händedruck dem

Geliebten und langsam fuhr der Zug von dannen.

Vier Wochen später reiste Herr von Leninski zum Begräbnis der

Tante, um bitter enttäuscht heimzukehren; der Tod hatte die rüstige

Frau überrascht, noch ehe sie ihren Willen ausführen und Maria zur

Erbin einsetzen konnte. Die Söhne ihres Bruders, zwei gewissenlose

Verschwender, erbten das Vermögen, und leicht rann das Geld durch

ihre Finger, mit dem die alte Tante so viel Segen gestiftet und hatte

stiften wollen. Maria weinte um sie wie um eine Mutter! Fünf Jahre

waren vergangen. Der, auf den Maria gehofft, nach dem sie gebangt, war

nicht gekommen, und wie ein Traum lag das Glück hinter ihr. Oh, du

barmherziger Wald, der du so geduldig das immer neue Leid anhörst, so

milde, sanfte Lieder rauschst, aus denen es klingt wie Märchensang:

er kommt noch, er kommt noch, sei getrost, arm' Menschenkind! Ruhiger

wird Maria, mit schweren Sorgen ist sie hergekommen, mit einem gut Teil

leichterem Herzen tritt sie den Heimweg an. --

Auf den Stufen der Veranda steht bereits Kasia, ungeduldig nach ihr

ausschauend. »Es ist gut, daß Du kommst, Maria, drinnen ist -- oh

staune -- Besuch! Der alte Sanitätsrat stellt uns seinen Stellvertreter

vor, er muß natürlich wieder nach Karlsbad, komm herein, oder vielmehr,

geh' Du hinein, ich bleibe hier, es lohnt sich nicht der Mühe, so ein

simpler Doktor, der als Stellvertreter geht, ich begreife Jusia nicht,

die schrecklich liebenswürdig thut!« Sie rümpfte das feine Näschen,

warf die zerpflückten Blätter einer Rose über die Stufen der Treppe und

hüpfte davon, Maria die Pflichten der Wirtin überlassend.

Mit der ihr eigenen, gelassenen Ruhe betrat diese den Salon, auf

ihrem feinen, durchgeistigten Gesicht lag noch der Ausdruck stiller

Sehnsucht. Jusias helles Lachen klang ihr entgegen; Frau Halinka liebte

die künstliche Dämmerung, sie war die vorteilhafteste Beleuchtung für

ihre verblühte Schönheit, so herrschte auch heute nur mäßige Helle in

dem großen Gemach, und Maria, die aus dem grellen Sonnenlicht kam,

war zuerst nicht im stande, die einzelnen Personen zu unterscheiden.

Da klang die krähende Stimme des Sanitätsrates, die so wenig zu seiner

robusten Erscheinung paßte, an ihr Ohr, und dann eine andere, kräftige,

fröhliche Männerstimme, bei deren Ton Maria zusammenfuhr, waren es noch

die Träume des Waldes, die sie narrten? Wahrheit, war es Wahrheit? Da

stand der vor ihr, nach dem sie sich gebangt und gesehnt all die Jahre,

mechanisch legte sie die Hand in die seine. »Wir sind ja alte Bekannte,

mein gnädiges Fräulein,« sagte er herzlich, da hob sie die Augen und

sah ihn an, sah in seine treuen Augen, die redeten so vertraut zu ihr,

daß die Jahre vor ihr versanken mit ihrem Leid, ihren Thränen, und ein

heißes Glücksgefühl sie durchströmte.

»Maria!« Frau Halinka rief höchst mißbilligend ihren Namen. »Kind, wo

bist Du mit Deinen Gedanken, siehst Du nicht, daß Herr Sanitätsrat Dich

begrüßen will!«

Verwirrt blickte Maria um sich, ihr war, als müßten alle wissen, was da

geschehen war in den wenigen Sekunden, heiß drängte sich ihr das Blut

in die Wangen, mit einer ihr fremden Hast reichte sie dem alten Herrn

die Hand, die dieser mit einem verzückten Blick an die Lippen zog. Dann

sprach sie auch, gleichgiltige Worte, lächelte, war liebenswürdig,

dabei sah sie nur immer ihn, hörte seine Stimme, und in ihrem Herzen

sang und klang es so laut, daß sie meinte, die Anderen müßten es hören:

»Er ist da, er ist da!« --

Gräfin Jusia schmiegte sich wie ein Kätzchen in den Sessel und warf

unter den langen, schwarzen Wimpern hervor prüfende Blicke auf den

jungen Arzt. Der war anders wie die Herren ihrer Gesellschaft, aber in

einem so öden Nest wäre er zum flirten gerade recht. Hübsch war er,

aber er sah so ernsthaft, so philisterhaft aus, nein, dies war nicht

der rechte Ausdruck, er sah so deutsch aus, sagte sie sich. Dabei mußte

sie sich aber doch gestehen, er kümmerte sich herzlich wenig um sie,

nicht Schüchternheit war es, nein, Gleichgiltigkeit, aber wie er Maria

anblickte! Gräfin Jusia beginnt zu kombinieren, prüfend gleiten ihre

Augen von einem zum andern, nun, da müßte sie doch blind sein, wenn

da nicht eine höchst sentimentale, romantische Liebesaffaire dahinter

steckte, ich werde es ergründen! denkt sie, wenigstens eine Abwechslung

in der trostlosen, langweiligen Einsamkeit.

Die Herren wollen sich verabschieden, aber Herr von Leninski erhebt

Einspruch: »Selbstverständlich sind Sie unsere Gäste, na, das wäre

ja noch besser, wenn Sie Lochowo ungespeist und ungetränkt verlassen

wollten.« Der Hausherr lacht dröhnend über seinen eigenen Witz, von

dem Sanitätsrat sekundiert, der wohl zu würdigen weiß, welch edlen

Ungarwein der Keller von Lochowo birgt. --

Mögen die Leute sagen, die Leninskis würden bald Samuel Schmuhl, dem

Hauptgläubiger, Lochowo überlassen müssen; Gäste, die einkehren in

den wunderlichen Bau, merken nichts davon. Die matte Dämmerung in

dem Speisesaal, hervorgerufen durch farbige Fenster, verhindert, daß

man gewahrt, wie verblichen und zerschlissen die Seidenbezüge der

altertümlichen Möbel sind. Marias geschickte Hände haben verstanden,

vielfach die Schäden zu verbergen, sie hat auch die hohen, gekitteten

Vasen mit graziösen Sträußen gefüllt und die Tafel in anmutiger Weise

geordnet. Dazu die liebenswürdige Hausfrau -- Frau Halinka ist in

Gesellschaft immer liebenswürdig --, der joviale Gatte, die zierlichen

Mädchenerscheinungen, der goldne Wein in den Gläsern vereinen sich zu

einem reizvollen Ganzen. Selten verläßt ein Gast das Haus, der nicht

den Wunsch hegt, bald wieder einkehren zu können.

Dann eine Bootfahrt auf dem See, für die der Sanitätsrat eifrig

stimmt, um nachher zu erklären, er wolle bei Herrn von Leninski

bleiben, der lächelt verständnisinnig, er kennt die schattige Laube,

in der der opfermütige Sanitätsrat nach Tisch seinen inneren Menschen

einer näheren Prüfung unterzieht; ihm ist es recht, hegt er doch die

gleiche Absicht. Nach der Fahrt ein Wandern durch die verschlungenen

Gänge des alten Parkes, der noch die Anlagen zeigt, die Herr Bogislaw

der Prächtige von einem französischen Gartenkünstler hatte beginnen

lassen. Im Laufe der Jahre war er aber verwildert, die Wege von

Gras überwuchert, die steinernen Götterbilder mit ihren dicken

Barockgesichtern waren von Schlingpflanzen umzogen, besonders der Teil,

der am See lag, war eine dichte, grüne Wildnis.

Hier erst ist es dem jungen Arzt möglich, einige kurze Minuten mit

Maria allein zu sein. Hier erst vermag er ihr in hastigen Worten zu

erklären, warum er so lange fern geblieben. Die Eltern waren ihm rasch

hintereinander gestorben, das geringe Vermögen blieb seinen beiden

Schwestern. Er hatte tapfer gearbeitet, um vorwärts zu kommen, über

dem Ringen aber verfloß die Zeit, und so kam es, daß er erst heute,

nach mehr denn fünf Jahren, sein Wort einlösen konnte. Gut traf es

sich, daß er in einer Fachzeitung das Gesuch des Sanitätsrates las, er

hoffte, so am besten zu ihr zu gelangen, er benutzte seine Ferien und

stellte sich dem alten Herrn als Stellvertreter.

»Maria, Du mein Lieb, in Deinen Augen las ich, daß Du mir die Treue

gehalten hast die langen Jahre, Maria, mein Glück! Nun soll uns nichts

mehr trennen, komme, was da mag, ich halte Dich fest, mein Glück,«

leidenschaftlich zog der Mann das Mädchen an sich und sie widerstand

nicht. Lange hatte sie gehofft, geharrt auf ihr Glück, nun war es da,

war gekommen, wie der Frühling über Nacht, fest schlang sie die Arme

um den Geliebten. Ihre Augen tauchten ineinander, um sie versinkt die

Welt, sie sehen nur sich und fühlen nur, daß sie einander gehören für

Zeit und Ewigkeit, bebend vor Glück flüstern sie nur das Eine: »Ich

liebe Dich.«

Näherkommende Stimmen wecken sie erst aus ihrer Versunkenheit, hastig,

helle Glut auf den Wangen, befreit sich Maria, ein kurzer, inniger

Händedruck, und schon sehen sie die hellen Kleider Kasias und Jusias

durch das Gebüsch schimmern.

»Nein, Maria! Wie echauffiert Du aussiehst!« Jusia hängt sich an ihren

Arm und sieht spöttisch zu dem jungen Mädchen auf, das vergeblich

versucht, seiner Verwirrung Herr zu werden. Und endlich gelingt es ihr,

sich dem seichten Geplauder und den kleinen Bosheiten zu entziehen,

unter dem Vorwand, im Haus nach dem Rechten sehen zu müssen. In dem

Flur kommt ihr der Vater entgegen, hochrot im Gesicht, eine dicke

Zornesfalte auf der Stirn, er stürmt an ihr vorüber, ohne auf ihren

erschreckten Zuruf zu achten. Bestürzt tritt Maria in das Zimmer der

Mutter und findet diese in Thränen aufgelöst.

»Mama, ach, was ist geschehen, ein Unglück, sag', oder hat Wlaciu

wieder geschrieben?«

Frau Halinka schnellt empor, verschwunden ist die vornehme Ruhe ihrer

Bewegungen, wie eine Wahnsinnige eilt sie im Zimmer umher und stößt

mit vor Thränen erstickter Stimme hervor: »Marcel ist ein Tyrann,

ein Geizhals, ein Grobian, wegen der paar Mark, die ich für unsere

Toiletten ausgegeben habe, schreit er mich an, und einen Ball, ein

harmloses, kleines Vergnügen, erklärt er für eine Unmöglichkeit. Oh,

ich unglückliche Frau, meine Schönheit, meine Jugend habe ich diesem

Mann geopfert, ich, die ich eine der glänzendsten Frauen Frankreichs

sein könnte, versaure, verkümmere hier in diesem öden Erdenwinkel, und

dann werde ich noch eine Verschwenderin genannt! Ärmer bin ich, wie

die ärmste Käthnerfrau, oh, ich unglückliches Weib, wäre ich nur tot,

dann wäre ich niemand zur Last!« Und in ein hysterisches Schluchzen

ausbrechend, kauert sie sich in einen Fauteuil.

Maria müht sich, sie zu beruhigen, sie reibt ihr die Schläfen mit

kölnischem Wasser und spricht weiche, liebkosende Worte zu ihr, nach

und nach legt sich das wilde Weinen, Frau Halinka wird ruhiger und

erklärt schließlich, sie wolle allein sein.

»Geh', mein armes Kind, verlass' Deine unglückliche Mutter.« Sie haucht

einen Kuß auf Marias Stirn und sinkt wie gebrochen in ihren Stuhl

zurück.

Langsam, als trüge sie Zentnerlast, steigt Maria zu ihrem Zimmer empor,

auf das heiße Glücksgefühl, das sie durchglüht in den letzten Stunden,

ist ein Reif gefallen, und finster drohend steigt wieder das Gespenst

auf, das ihr schon manche Stunde verbittert, die Armut, die verhüllt,

verborgen das Haus durchschleicht. Die Bäume des Parkes rauschten; der

See liegt leuchtend im Sonnenschein; von unten schallen Stimmen zu ihr

empor, sorglos, fröhlich trällert Kasia ein Lied, und eine, ach so

geliebte Stimme fällt jubelnd ein. Die Lauscherin birgt den Kopf in

die Hände, sie schreit und weint nicht, wie Frau Halinka, ihre Augen

bleiben trocken, aber immer schwerer wird ihr armes, junges Herz von

den ungeweinten Thränen.

Stille Kämpfer: Roman · 第 2 / 7 段