Laue Sommerluft strömt durch die geöffneten Fenster des Speisesaals,

Lachen, Sprechen, Klirren dringt hinaus in die stille Nacht, dasselbe

Bild wie am Mittag, nur größer der Kreis; Propst Ryback und sein

Amtsbruder aus S. und zwei benachbarte Besitzer mit ihren Frauen

sind hinzugekommen. Frau Halinka ist liebenswürdiger denn je, in

ihrer Toilette aus mattlila Seide sieht sie so vorteilhaft aus, daß

selbst Gräfin Jusia an die einstige Schönheit zu glauben beginnt.

Ihr Gatte sieht sie bewundernd an, verwischt ist die Sorgenfalte auf

seiner Stirn, der goldene Wein in den hellen Gläsern blinkt, er rinnt

wie Feuer durch die Adern, immer heller blitzen die Augen, und Herr

von Ronkowski hebt das Glas und ruft: »Himmel und Hölle, Hochwürden

verzeihen, die schönsten Frauen giebt es doch auf Lochowo, sie leben

hoch, hoch, hoch!« Er wirft das Glas in weitem Bogen, daß es in tausend

Scherben zersplitternd zu Boden fällt, und jubelnd folgen die anderen

Gäste dem Beispiel und werfen ihre Gläser zur Erde. Propst Ryback

lächelt nachsichtig, er ist dergleichen zu sehr gewöhnt, um noch daran

Anstoß zu nehmen. Nur zwei werden immer stiller in der Gesellschaft,

auf Maria lastet schwer der Gedanke an den Auftritt des Nachmittags,

liebevoll hat sie vor dem Essen des Vaters Hand ergriffen und ihm

zugeflüstert: »Armer Papa, so viel Sorgen hast Du!«

Aber freundlich sie streichelnd, hat er lächelnd erwidert: »Mama hat

mal wieder Dummheiten gemacht, na, morgen muß Schmuhlchen kommen; aber,

Donnerwetter, hübsch sieht die Mama heute aus, wirklich! Sie sticht

beinahe ihre Töchter aus.«

Dr. Werner fühlt sich sehr unbehaglich in der fremden Gesellschaft.

»Armes Lieb,« denkt er bei sich, »wie wenig mag ihr dieser Ton zusagen,

wie blaß mein süßes Herz aussieht,« und er hebt sein Glas und neigt es

ihr zu, da trifft ihn der Blick ihrer Augen und er erschrickt vor dem

tiefen Weh, das in diesen dunklen Sternen liegt. --

Endlich rüsten die Gäste sich zum Aufbruch, die Herren küssen den Damen

die Hand, der dicke Sanitätsrat versichert immer wieder, er würde im

Bad rechte Sehnsucht haben nach Lochowo und seinen reizenden Frauen,

dabei verneigt er sich, die Hände aufs Herz gedrückt, und sieht mit den

kleinen, wasserblauen Augen so schmachtend auf die schlanken Mädchen,

daß Jusia und Kasia nur mühsam ihr Spottlachen verbergen können.

»Leb' wohl, mein Lieb,« sagt Heinz Werner, mit innigem Druck Marias

schmale Rechte umschließend, »sag' mir, wann darf ich zu Deinem Vater

kommen mit meiner Bitte?«

»Noch nicht, Heinz, noch nicht,« wehrt Maria angstvoll, und wieder

sieht sie den Geliebten an mit einem so schmerzvollen Ausdruck in

den großen, dunklen Augen, daß dieser an sich halten muß, um nicht

das Mädchen in seine Arme zu reißen und sie zu küssen, bis um diesen

ernsten Mund ein Lächeln zuckt.

Die Wagen rollen von dannen, still ist es in dem alten Schloß geworden,

ein Licht nach dem anderen verlöscht, nur droben in dem kleinen

Giebelzimmer, das Maria bewohnt, schimmert Licht, die anderen schlafen

längst, nur Maria ist noch wach, allein mit ihren Gedanken, die dem

einsam dahin rollenden Wagen folgen. Gewiß, der alte Sanitätsrat

schläft und er, ihr Geliebter, ob er wohl wacht, an sie denkt! Sie

lächelt vor sich hin und breitet die Arme aus, ach könnte sie mit

ihm dahin fahren auf dem stillen Weg, nur sie beide allein durch die

schweigende Nacht, dem Glück entgegen, dem Morgenrot, und die Sorge

hinter sich lassen.

Oh, ihr grauen Gespenster der Nacht, wie manchmal habt ihr schon den

Schlaf von diesen jungen Augen gescheucht! Die Eltern und Geschwister

gehen an dem dunklen Schatten vorbei und sehen sie nicht, nur sie, sie

allein fühlt ihre Gegenwart, ihr rauben sie Jugendlust und Mut, sie

allein hat sehende Augen und sieht den Abgrund zu ihren Füßen. Sie weiß

es nur zu gut, ein einziger Fehlschlag und Lochowo, der letzte Rest der

alten Herrlichkeit, ist verloren; draußen auf den Feldern steht die

Ernte so schlecht, wie soll es im Herbst werden, der alte Schmuhl in

der Kreisstadt hat noch rückständige Zinsen zu fordern, er hat geduldig

genug gewartet, aber wie, wenn er die Geduld verliert? Dann denkt

sie wieder an Heinz, wie er heute vor ihr gestanden, sie mit seinen

guten, offenen Augen so ehrlich angeblickt. Ach, darf sie es denn, ihn

hineinziehen in die traurigen Verhältnisse des Elternhauses, er sah

freilich nicht nach Geld und Gut, er würde sie nehmen, wie sie ging

und stand, aber würde sie nicht ein Hindernis sein auf seinem Weg! Sie

schlang die Hände ineinander, und wie ein Aufschrei rang es sich aus

ihrer Brust: »Oh, nur das Rechte thun!« Als der Morgen graute, senkte

sich endlich der Schlaf über ihre heißen, verweinten Augen, ein fester,

traumloser Schlaf, der ihr für Stunden die Sorge scheuchte.

Auch Heinz Werner hatte lange den Schlaf nicht gefunden. Hatte anfangs

die Gewißheit, daß Maria ihn nicht vergessen, daß sie an ihm hing mit

der alten Liebe, ihn mit unendlichem Glück erfüllt, so hatte ihn das so

plötzlich veränderte Wesen der Geliebten, ihre sichtliche Schwermut,

große Sorge bereitet. Bald genug sollte er den Grund dieser Veränderung

erfahren; auf der Heimfahrt war es, da hatte der Sanitätsrat, behaglich

in der Ecke des Wagens sitzend, gesagt: »Famoses Haus, dieses Lochowo,

nur schade, daß es sich auch bald für frohe Gäste schließen wird.«

»Schließen, wieso?« hatte Heinz gespannt gefragt.

»Na, der alte Schmuhl in G. hat ja schon den größten Anteil davon, und

wenn die Herrschaften so weiter wirtschaften, ist das Ende wohl nicht

fern, die Gnädige versteht ja vom Haushalt so viel, wie ein Minister

vom allgemeinen Notstand; wenn nicht die Maria wäre, die Ordnung hielt,

ginge es noch mehr drunter und drüber. Schade um das Haus, man ist nun

so lange da ein- und ausgegangen und hat einen guten Tropfen getrunken,

wer weiß, vielleicht kauft es die Ansiedlungskommission, aber dann sind

die schönen Zeiten erst recht vorbei. S'ist wirklich schade.«

Gähnend lehnte er sich in die Polster des Wagens zurück und wenige

Minuten später verkündete ein sanftes Schnarchen, daß er über den

Sorgen um das Schicksal seiner Freunde sanft entschlummert war.

Heinz Werner hatte mit offenen Augen in die schweigende Nacht geblickt,

als könne aus dem Dunkel heraus das Bild seiner Zukunft treten. »Arme,

liebe Maria,« sagte er, und dann reckte er sich, er fühlte seine junge

Kraft, fühlte sich stark genug, den Kampf mit dem Leben aufzunehmen,

für Marie und mit ihr.

* * * * *

Heiße Schwüle herrschte, kein Blatt regte sich an den Bäumen, schlaff,

lechzend nach Frische, standen die Blumen auf dem trockenen, staubigen

Erdboden und eine atemlose Stille hielt wie ein schwerer, müder Druck

die Natur umfangen.

Den schmalen Weg, der vom Schlosse her, hart am See vorbei, nach dem

Dorf führt, schlenderte Gräfin Jusia. Sie hatte es nicht ausgehalten

droben in ihrem Zimmer, in das sie sich, Kopfschmerzen vorschützend,

zurück gezogen hatte, um den endlosen Erzählungen Frau Halinkas über

die Zeit ihrer Jugend zu entgehen. Auf der weißen Stirn des jungen

Mädchens liegt eine tiefe Falte und ihre Hände zerpflücken nervös einen

Brief in tausend kleine Stücke, die sie dann in weitem Bogen über das

Wasser streut. »Aushalten, aushalten! Oh! Tante Amélie, Du hast gut

reden,« murmelt sie, energisch mit den kleinen Füßen auf den weichen

Boden aufstampfend. »Ich halte es nicht aus, nein, nein!« ruft sie dann

laut, als könnte es Tante Amélie hören.

Da auf dem Wasser schwamm der Brief, der ihr die Nachricht gebracht,

daß es der Tante bisher noch nicht gelungen sei, die Fürstin zu einer

Einladung an die liebe Nichte zu bewegen.

»Halte aus, mein Seelchen, bis zum Herbst mußt Du schon in Lochowo

bleiben, es ist mir unmöglich, die Mittel zu einer anderen Reise zu

erschwingen! Halte aus!«

Jusia Potocka hebt die Arme, als möchte sie unsichtbare Fesseln davon

abstreifen, oh, wäre sie frei, frei von der erdrückenden Kette der

Armseligkeit, frei und reich, oh, leben können im brausenden Strudel

der großen Welt, gefeiert, umgeben von Glanz und Luxus. War es nicht

ein Dasein zum toll werden hier in Lochowo, in dieser künstlich

vertuschten Misère, die ihre scharfen Augen nur zu gut sahen, dann noch

lieber in einer engen, kleinen Wohnung, vier Treppen hoch in Paris,

sah sie doch da wenigstens von fern das Leben, das heitere, brausende,

glänzende Leben, das, ach, so kurz war.

»Leben, genießen,« flüsterten ihre Lippen, »ich will nicht wie eine

Nonne dies kurze, blühende Leben vertrauern, nein, nein, ich will

nicht, nicht eine Stunde gebe ich her, hörst Du es, Du da oben, ich

bitte, ich fordere, ich will meine Jugend auskosten, ich will Reichtum,

Glück und Glanz, ich will.« --

Ein dumpfes Grollen schreckte sie auf und verstört sah sie nach dem

Himmel. Dieser hatte sich vollständig verändert, die lichten, blauen

Wolken waren verschwunden, gelblich grau war er jetzt überzogen und

den Westen begrenzte eine nachtdunkle Wolkenwand. Die Stille war

noch schwerer, noch müder geworden, bis plötzlich ein jäher Windstoß

herniederfuhr und dürre Blätter und feinen Sand empor wirbelte. Ein

Gewitter! Einen angsterfüllten Blick nur hatte Jusia auf den Himmel

geworfen, dann beginnt sie zu laufen, verflogen sind ihre Träume und

Angst beherrscht sie, bebende Furcht, ihre kleine, feige Seele kann das

Erhabene in dem Aufruhr der Elemente nicht fassen; sie zittert nur vor

dem gewaltigen Schauspiel der Natur. Schon fallen schwere Regentropfen

klatschend herab, da erreicht sie das erste Haus im Dorf, blendend

fährt gerade ein Blitz hernieder, dem krachend der Donner folgt, mit

einem hellen Schrei flüchtet sie und steht atemlos, zitternd, in dem

Flur von Michael Wisniewskis kleinem Haus. Sie lehnt sich an die Wand

und starrt hinaus in das tosende Wetter, wieder zuckt ein Strahl

hernieder, den Flur sekundenlang mit bläulichem Licht erfüllend, ihm

folgt der Donner so rasch und heftig, daß es ist, als schwanke das Haus

in seinen Grundfesten.

»Oh, heilige Jungfrau, steh mir bei,« ruft Jusia laut und bedeckt ihr

Gesicht mit den Händen, sie taumelte förmlich, da umfassen sie zwei

starke Arme, eine Stimme schlägt an ihr Ohr:

»Oh, gnädige Gräfin, was ist geschehen?«

Sie sieht wie durch einen Nebelschleier hindurch das schöne, ernste

Gesicht Michael Wisniewskis, matt schließt sie die Augen und lehnt sich

fester in die schützenden Arme.

Michael steht regungslos, die leichte Gestalt in seinen Armen haltend,

seine Blicke ruhen wie gebannt auf dem süßen, blassen Gesicht des

Mädchens.

Seit jener Stunde, da er sie das erste Mal gesehen am Gitter seines

Gartens, hat er ihr Bild nicht los werden können, in seine Träume hat

es sich geschlichen, bei seinen einsamen Wanderungen, seinen ernsten

Studien hat es ihn umgaukelt. So hatte noch nie ein Weib im ersten

Augenblick des Begegnens seinen Sinn gefangen genommen, wie dieses

vornehme, fremde Mädchen, das er nun in seinen Armen hielt. Er fühlt

die Wärme ihres Körpers, an seine Wangen streifen ihre feinen, blonden

Haare, sein Herz klopft in rasender Schnelle, seine Pulse hämmern, vor

seinen Augen flimmert und flirrt es, aber er steht unbeweglich, wohl

kommt ihm der Gedanke, Wasser zu holen, die Ohnmächtige in das Zimmer

zu tragen, aber er vermag sich nicht loszureißen aus dem Bann.

Endlich schlägt Jusia die Augen auf, sie blickt verwirrt um sich,

sieht das erregte Männergesicht über sich geneigt und löst sich nun

langsam aus den sie umschlingenden Armen, dabei aber huscht ein leises,

spöttisches Lächeln über ihr Gesicht, ach, sie versteht so gut die

Sprache der Augen zu lesen und die ihres blonden Schützers reden eine

so ehrliche Sprache.

Auf den Steinfließen des Flurs wird ein schlürfender Schritt hörbar,

zwei dunkle, scharfe Augen schweifen spähend umher, die Gestalt

Benjamins löst sich aus dem Dunkel, er tritt, die Gruppe vor sich

erstaunt betrachtend, näher.

Vor allem Kranken, Elenden hegt Jusia Potocka eine unüberwindliche

Abneigung und dieser mißgestaltete Mensch, der so unerwartet vor

ihr auftaucht, flößt ihr Entsetzen ein und sie weicht unwillkürlich

zurück, sich an Michael anschmiegend. Benjamin hat ihre Bewegung wohl

gesehen, ein haßerfüllter Blick streift die Beiden, trotzdem sagt er

mit leidlich beherrschter Stimme: »Michael, willst Du die Dame nicht

ins Zimmer geleiten, das Wetter wird noch etwas anhalten und so lange

muß das gnädige Fräulein schon mit unserer schlichten Behausung vorlieb

nehmen.«

Er öffnet, sich verneigend, die Thür und tief aufatmend überschreitet

Jusia Potocka die Schwelle. Und die blonde Fee kehrte in die Hütte des

Hirten ein, ein Leuchten ging von ihr aus wie eitel Sonnenschein und

Jung Severin rief: »Gelobt seist Du, Dobrinka, für das Licht, das Du

mir bringst,« heißt es im Märchen und Michael will es erscheinen, als

sei das Märchen zur Wahrheit geworden, da das blonde Mädchen seine

Schwelle überschritt. Jusia hat in einem hohen Lehnstuhl Platz genommen

und neugierig gleiten ihre Blicke über ihre Umgebung hin, den niedrigen

Raum mit schlichten, dunklen Holzmöbeln, an der Wand ein Regal mit

Büchern gefüllt, alles einfach aber durchaus nicht bäuerlich. Sie sieht

die weiße Christusstatue, die aus der magischen Gewitterbeleuchtung

sich in lebendiger Klarheit hervorhebt und ein eigenes Gefühl überkommt

sie. Ihr ist es plötzlich, als sei sie in diesem Raume eine andere,

nicht mehr die alte Jusia Potocka, die kalte, raffiniert kokette

Weltdame, sie weiß, sie braucht nicht viel Kunst anzuwenden, um den

blonden Heiligen, wie sie ihn seit Kasias Erzählung nennt, an sich

zu ziehen, aber hier in diesem Raume ist es ihr unmöglich, sie ist

ordentlich befangen, ahnungslos, daß gerade dies befangene, verträumte

Wesen sie in Michaels Augen um so reizvoller erscheinen läßt. Sie

fühlt, wie unverwandt des Mannes Blicke auf ihr ruhen, die traumhafte

Stille, nur unterbrochen durch die schon ferneren Donnerschläge, das

Plätschern des Regens, bedrückt sie, so sagt sie hastig, nur um zu

sprechen, um den Laut einer Stimme zu hören:

»Erzählen Sie mir doch etwas von Ihrem Leben, Sie sind gewiß viel in

der Welt herum gekommen und haben mancherlei erlebt?«

»Wie Sie befehlen, gnädiges Fräulein,« sagt Michael mit einer steifen

Verbeugung und ärgert sich selbst über die Unbeholfenheit, mit der er

ihrer freundlichen Güte entgegen kommt; er kann doch aber nicht rufen,

wie es in seinem Innern klingt: >Alles, alles will ich thun, nur laß

mich Dich anschauen immerdar<.

»Ich befehle doch nicht, ich bitte nur und will Sie durchaus nicht

quälen, wenn Sie nicht gern sprechen,« erwidert sie mit halbem Lächeln.

»Oh gewiß gern!« stammelt Michael und beginnt nun von seinen

Wanderfahrten zu berichten, er spricht von dem Dorf auf dem Sande, von

Vater Abraham, von Tabea, da stockt seine Stimme und ein warmes Rot

steigt in seine Wangen.

»Welch' altmodischer Name, wer ist Tabea?«

»Seine Braut!« ruft da Benjamin aus dem Hintergrunde hervor und

zugleich kam er wieder näher. »Seine Braut, gnädige Komtesse, meine

Schwester, verzeihen Sie, ich scheine das Unglück zu haben, Sie immer

zu erschrecken, wirklich, ich bedaure es tief; doch das Gewitter

scheint nachgelassen zu haben, soll ich wohl Jens, unseren dienstbaren

Geist, beordern, daß für gnädiges Fräulein ein Wagen vom Schloß

geschickt wird?«

»Danke, ich gehe,« Jusia Potocka war aufgesprungen, ein hochmütiger

Blick streifte Benjamin, dann reichte sie Michael die Hand, die dieser

ehrerbietig an die Lippen führte. »Ich sehe Sie wieder, Sie müssen mir

von Ihrer Braut erzählen und Dank für Ihren Schutz.« Das weiße Kleid

leicht emporraffend, schritt sie durch den blühenden Garten der Straße

zu.

»Als Fee Dobrinka die Hütte verließ, da war das Licht erloschen,« ging

das Märchen weiter.

Michael stand und sah sehnsüchtig der weißen Gestalt nach, ach, hatte

sie nicht alles Licht mit fortgenommen! Schwer legte sich eine Hand auf

die Schulter des Sinnenden: »Michael hüte Dich,« raunt ihm Benjamin zu,

»hüte Dich vor diesem blonden Weib, sie spielt mit Dir und sieht doch

nur den Bauernbursch in Dir, denk' an unser Werk, an Tabea, hüte Dich.«

Da riß sich Michael los: »Laß' mich, ich bin kein Kind, kein

Wortbrüchiger, und Du solltest Dich eher schämen, unseren Gast, eine

Dame, die schutzsuchend unser Haus betritt, so zu verletzen.«

Michael freute sich beinahe über den Vorwurf, den er dem Freund machen

konnte, als Vergeltung für dessen Mahnung, die ihn, obgleich er es

nicht eingestehen wollte, tief getroffen hatte. Mit einem kurzen

»Lebewohl« stürmte er hinaus, fort, nur fort in die Einsamkeit, hinaus

in den Frieden der Natur. Er eilte den Weg über die Wiesen hinunter an

den See, dort unter den hohen Bäumen warf er sich nieder und preßte

die heiße Stirn in das kühle, feuchte Gras, oh hätte er doch das so

wildklopfende, heiße Herz kühlen können. Noch nie war er der Macht der

Leidenschaft unterlegen, noch nie hatte der Gedanke an Frauenliebe sein

Herz höher schlagen lassen und nun war es über ihn gekommen, wie ein

Fieber, das ihn schüttelte, das sein Blut sieden ließ.

Er rang gegen den Dämon in seiner Brust, er beschwor das Bild seiner

Braut vor sein geistiges Auge. »Tabea!« stöhnte er, »Tabea, komme

zu mir!« Vergeblich, Tabeas Bild zerfloß wie im Nebel und immer

wieder sah er Gräfin Jusias holde Gestalt vor sich. Er schmähte sich

selbst, nannte sich einen wortbrüchigen Narren, einen thörichten

Bauernjungen, er hielt es sich vor, daß die junge Gräfin ihn garnicht

für gleichberechtigt ansah, er rief seinen Stolz zur Wehr hervor,

vergebenes Mühen, das lockende Bild wollte nicht weichen. Rauschte es

nicht in den Zweigen der hohen Ulmen, klang es nicht aus den girrenden

Schreien der Wasservögel hervor, flüsterte nicht das schwankende

Schilf: Jusia, Jusia!

Tief senkten sich bereits die Schatten der Nacht hernieder, da kam

endlich etwas Ruhe in des Mannes Herz, es war wie eine Ruhe nach einem

Sturm, die tiefe Ermattung zurückläßt und die bange Frage, wann wird er

wieder zu brausen beginnen?

Gräfin Jusia hatte nach ihrem Aufenthalt in Michaels Haus den Weg,

der direkt nach dem Schloß führte, eingeschlagen, in ihr kämpften

widerstreitende Empfindungen. Sie war empört über Benjamins Anmaßung

und fand, daß sie selbst sich benommen hatte, wie ein Pensionsmädchen.

Dann wieder amüsierte sie sich über Michaels schrankenlose Bewunderung,

die ihr, so wenig sie es sich eingestehen mochte, doch schmeichelte,

und öfter kehrten ihre Gedanken zu dem Augenblick zurück, da sie, aus

ihrer Betäubung erwachend, dies schöne, stolze Gesicht angstvoll über

sich geneigt sah. »Arme Tabea,« dachte sie mit heimlicher Freude, sie

reckte die schlanke Figur etwas, während ein triumphierender Ausdruck

auf ihr Gesicht trat. Oh, es war köstlich, die Macht zu erproben, die

sie über Männerherzen besaß, das richtete sie auf und stählte ihre

Hoffnung auf den großen Erfolg ihres Lebens, der ihr Reichtum und Glanz

geben sollte, den allein würdigen Namen für ihre Schönheit.

Ein rasch daherkommender Wagen zog ihre Aufmerksamkeit an, sie erkannte

in dem Herrn darin Dr. Werner, der flüchtig grüßte, sie sah ihm nach.

Puh! war das ein Gesicht, schlimmer wie das Wetter vorhin! Ei, sollte

der Doktor gar von Lochowo kommen, war etwas geschehen, hatte er gar

um Maria angehalten, vielleicht hatte sie ein kleines, aufregendes

Schauspiel verpaßt? Ihre Neugierde war erregt und schnell eilte sie

dahin, um so bald wie möglich zum Schloß zu gelangen. Die Terrasse war

leer, ebenso der weite Vorflur, sie ging auf den Salon der Hausfrau zu,

da öffnete sich auch schon dessen Thür und Kasia schlüpfte heraus.

»Jusia, komm' schnell, ich muß Dir etwas mitteilen!« Sie zog die

Freundin mit fort nach deren Zimmer. »Denke Dir, wie gräßlich, Maria

liebt diesen Dr. Werner, soeben war er da und hat um ihre Hand

angehalten, Mama ist außer sich,« sprudelte sie hervor. »Sag' doch, ist

es nicht empörend?«

»Warum, mein Seelchen?«

»Warum, mein Gott, Jusia, eine Maria von Leninska will einen Dr. Werner

von Dingsda heiraten, der noch dazu ein Deutscher, ein Protestant ist,

das ist doch einfach lächerlich, widersinnig, erniedrigend, ich finde

keine Worte für meine Empörung.« Die kleinen Hände der Sprecherin

ballten sich zusammen. »Eine Schmach für uns ist es!« schrie sie.

Jusia lachte auf, ihr weiches, klingendes Lachen: »Nun, was die

mangelnden Worte betrifft, daran fehlt es ja nicht, meine süße Kasia!

Übrigens bist Du ein Närrchen. Warum verdenkst Du es denn Deiner

Schwester so, wenn sie hier fort will aus dieser Einsamkeit, sie denkt

halt, besser ein bürgerlicher Mann, ein simpler, kleiner Doktor, wie

gar kein Mann!«

»Das sagst Du, Jusia, Gräfin Potocka, deren Ahnen bereits unter

Johann Sobieski eine Rolle spielten? Ja, würdest denn Du eine Heirat

schließen, die nicht standesgemäß ist?«

Jusia kniff die Augen ein wenig zusammen und sah spöttisch in

Kasias aufgeregtes Gesicht. »Wenn er reich wäre! Kleine, dumme

Klosterschwester, man merkt, Du hast die Welt noch nicht gesehen,

hast noch die Klosterideen, wo wir sehr aristokratisch waren und es

als selbstverständlich ansahen, daß unsere Priorin eine Prinzessin

von Geblüt war, wir saßen eben hinter Klostermauern. -- In der Welt

ist es anders, was nutzt uns der Adel ohne den Lebenssaft des Goldes,

Reichtum giebt Freiheit, giebt Lebensgenuß, Du wirst es schon noch

einmal verstehen. Sieh mich nicht so entgeistert an und sei nicht zu

empört über Deine Schwester. =Chacqu'un à son goût, ma chère=, ich

würde mich ja auch dafür bedanken, als Frau Dr. Werner irgendwo in

Dingsda zu sitzen, aber Maria, die paßt hin. Sie kommt sicher mit

dem denkbar wenigsten Wirtschaftsgeld aus, hält sich nur ein kleines

Aufwartemädchen, trägt womöglich drei Jahre denselben Hut und zieht

nur an hohen Festtagen ein seidenes Kleid an, bekommt rote Hände mit

zerstochenen Fingern vom kochen und stopfen. Einmal wöchentlich geht

sie vielleicht zu einem sogenannten Kränzchen und Sonntags mit ihrem

Mann und sämtlichen Babys spazieren. Oh, und Kasia, besuchst Du sie, so

giebt es Braten zu Tisch, Du wirst sämtlichen Honorationen von Dingsda

vorgestellt, vielleicht, wer kann es wissen, findet einer der Jünglinge

von Dingsda in Dir sein Ideal und er macht Dich zu einer ehrsamen

Bürgersfrau, und am Sonntag geht ihr dann zusammen spazieren.«

»Oh pfui, Jusia, höre auf, Du bist abscheulich! Noch über unser Unglück

zu spotten!«

»Laß gut sein, Kleine, wenn Du nicht willst, rolle ich keine

verführerischen Zukunftsbilder mehr vor Deinen Blicken auf, erzähle Du

mir lieber, wie die Sache eigentlich war?«

»Was ist da zu erzählen,« sagte Kasia, während ihr die Thränen über die

Wangen liefen. »Dieser Mensch kam, ließ sich melden und brachte auch

sofort seinen Antrag vor, ich war im Nebenzimmer und hörte alles, Du

mußt nicht denken, ich hätte gehorcht,« unterbrach sie sich, Jusias

spöttisches Gesicht bemerkend, »sie sprachen laut genug und Mama schrie

förmlich vor Schreck, Du kannst Dir denken, wie empört sie überhaupt

war.«

»Kann ich mir denken,« setzte Jusia in Gedanken hinzu, »schade, schade,

daß ich Frau Halinkas Entsetzen nicht gesehen habe.«

»Dann kam Maria,« fuhr die Erzählerin fort, »sie erklärte auch gleich,

daß sie den Menschen liebe, denke nur, schon seit fünf Jahren, Gott!

wenn er nicht so simpel wäre, fände ich das Ganze ja riesig romantisch.

Mama bekam dann einen Weinkrampf und Papa bat den Doktor, sich zu

entfernen. Wie er gegangen war, gab es noch eine furchtbare Scene,

Maria war auch so verstockt, wenn sie wenigstens geweint und geschrieen

hätte, gesagt, sie ginge ins Kloster oder ins Wasser, aber nein! stumm

und blaß stand sie da; nun sitzt sie oben in ihrem Zimmer und hat sich

eingeschlossen. Das Abscheulichste ist, gerade wie dieser Mensch kam,

berieten Mama und ich über unser Sommerfest, und nun wird gewiß nichts

daraus. Oh, das Leben ist zu schwer, ich bin zu unglücklich!« Und immer

heftiger flossen ihre Thränen! --

»Kasia, mein Seelchen, nimm diese Angelegenheit doch nicht so tragisch,

lache doch lieber mit mir, Thränen verderben bloß den Teint, lasse

Deine Schwester thun, was sie will, Du brauchst ja den Doktor nicht zu

heiraten, und das Sommerfest wird schon stattfinden, sage mir lieber,

welche Toilette Du wählen wirst und wer erwartet wird?«

»Ach, mir ist jetzt alles gleich,« erwiderte Kasia, »abscheulich von

Maria, uns solchen Kummer zu bereiten, -- glaubst Du wohl, daß rosa mir

stehen wird?«

»Sicher, mein Herz,« Jusia zog die Freundin an sich, »sag' endlich, wer

wird erscheinen?«

Stille Kämpfer: Roman · 第 3 / 7 段