Hinweise zur Transkription
Im Original in Antiqua gesetzter Text wird =so dargestellt=.
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STILLE KÄMPFER.
Roman
von
JOSEPHINE SIEBE.
[Illustration]
Dresden und Leipzig
E. Pierson's Verlag (R. Lincke)
k. k. Hofbuchhändler
1901.
-- ~Alle Rechte vorbehalten.~ --
Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.
Druck von E. Pierson's Verlag (R. Lincke) in Dresden.
[Illustration]
Weit hin dehnt sich das Land, kein Hügel, keine Berge hemmen den
Blick. Wogende Felder, grüne Wiesen, Seen, die wie flüssiges Silber
blinken und hin und wieder ein Stück Wald, darin die weißen Stämme
der schlanken Birken hell hervorleuchten und das alles überspannt vom
tiefblauen Himmel, überflutet von heißem Sonnenglanz.
Auf den Feldern sind die Leute beschäftigt, den goldenen Segen
einzuernten. Der Vogt steht dabei und versucht die Leute mit kräftigen
Fluchworten zu schnellerer Arbeit anzuspornen; nur manchmal hält er
inne, um einen Schluck aus seiner Wudkiflasche zur Stärkung zu nehmen.
Wie Feuer durchrieselt es ihn, immer sengender wird die Glut, nirgends
kühler Schatten, es flimmert und flirrt, tanzt und schwankt um ihn her.
Immer kleiner werden die schwarzen Mongolenaugen, matter die Flüche von
seinen Lippen, schließlich läßt er sich auf einem Feldsteine am Wege
nieder, blinzelt noch ab und zu nach den Leuten hinüber, dann sinkt
der Kopf tief auf die Brust und regelmäßige Atemzüge verraten bald den
Schlaf des treuen Wächters.
»Er schläft,« raunen sich die Arbeiter zu und aufatmend lassen sie die
Sensen sinken, die Frauen hören mit dem Zusammenbinden der Garben auf
und beginnen halblaut mit einander zu schwatzen. --
Auf dem Wege, der dicht an dem Felde vorüber führt, kommt ein Mann
daher in langsamen, gleichmäßigen Schritten, wie einer, dem es nicht
sonderlich eilt. Es ist eine hohe Gestalt mit langherabwallendem,
blonden Bart und kühn geschnittenem Gesicht. Seine einfache dunkle
Kleidung verleiht ihm beinahe das Aussehen eines Priesters.
»Gebenedeit sei der Herr Jesus Christus!« grüßt er laut, als er den
Schnittern nahe ist.
Die Mädchen kichern und die Männer wenden sich verdrossen ab, nur ein
alter Mann erwidert mürrisch den Gruß und sagt:
»Von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen!«
Der Vogt, der von dem Schalle der Stimmen erwacht ist, fährt scheltend
empor.
»Stört der Ketzer, der Tagedieb uns noch in der Arbeit?« dann folgt dem
ruhig Weiterschreitenden eine Flut von Schimpfworten nach, vermischt
mit dem schadenfrohen Lachen der anderen.
Der Gehöhnte findet kein Wort der Erwiderung, aber in seinem Gesicht
liegt der Ausdruck tiefer Bitterkeit und seine grauen Augen streifen
mit wehmütigem Blick die schimmernde Welt um ihn her.
»Immer das alte Lied,« murmelte er. »Haß und Mißgunst auf jedem
Schritt,« und dann hebt er plötzlich mit bittender Geberde die Arme zum
Himmel empor:
»Oh, mein Gott, hilf mir zum Frieden, gieb mir die Kraft dazu, den
Kampf zu bestehen!« Wie eine Bitte und Forderung zugleich, ringen sich
die Worte von seinen Lippen.
Vor dem Wanderer taucht endlich ein Dorf auf, kleine mit Stroh gedeckte
Hütten, hin und wieder ein Haus aus roten Ziegeln, aber nirgends
ein Gärtchen davor, selten nur als Schmuck eine Staude leuchtender
Sonnenblumen oder bunter Malven. Hinter den erblindeten Fenstern kein
Vorhang, höchstens ein Rosmarintopf.
Die Straße, die das Dorf durchschneidet, zeigt Wellenlinien, tief
ausgefahrene Gleise, ab und zu ein großer Stein darin, den aus dem Wege
zu schaffen, sich niemand die Mühe nimmt. -- Gänse und kleine Kinder
vollführen einen hellen Lärm, Schmutz, wohin man sieht, aber alles
überflutet von der leuchtenden Sonne.
Vor seinem Hause sitzt Wolf Schmul; ein Schild über der Thür
verkündet, daß es hier Schnaps, Bier, Seife, Zwirn, Zucker, Heringe
und dergleichen mehr zu kaufen giebt. Er dreht die Daumen und rechnet,
den Gruß des vorübergehenden Mannes erwidert er durch ein verstohlenes
Nicken.
»Der Michael Wisniewski braucht nichts von ihm, warum soll er, Wolf
Schmul, da höflich sein? Aber unhöflich auch nicht, denn der Michael
könnte doch einmal mit ihm ein Geschäft machen,« darum erwidert er
seinen Gruß, es sieht's ja keiner.
In dem Pfarrhause sind die grünen Fensterläden geschlossen, der
Wanderer zögert, wirft einen halb sehnsüchtigen, halb trotzigen Blick
hinüber, dann geht er weiter. Hinter ihm tönt das Gejohle der Kinder
und in angemessener Entfernung folgt ihm die kleine Herde nach.
Endlich sein Heim, er atmet auf!
Von einem Garten umgeben, in dem es blüht in allen Farben, steht
ein kleines, rotes Ziegelhaus, das sich von den anderen nur dadurch
unterscheidet, daß hier spiegelnde Sauberkeit herrscht. Die Thür
schließt sich hinter ihm, aber noch immer ertönt von draußen Geschrei,
und häßliche Schimpfworte fliegen ihm nach, bis eine mächtige Dogge aus
dem Hause tritt und ihr tiefes, zorniges Gebell die Kinderschar von
dannen scheucht.
Der Mann ist über den halbdunklen Flur geschritten und betritt ein
großes Zimmer, das behaglich eingerichtet, nicht den Eindruck einer
Bauernstube macht. Er läßt sich auf einer Bank am Ofen nieder,
seine Züge sprechen von seelischer Ermüdung und wie er so vor sich
niederstarrt, graben sich die Falten auf seiner Stirn immer tiefer ein.
Da wird draußen auf den Fliesen des Flures ein schlürfender Schritt
hörbar, die Thür des Zimmers öffnet sich und ein Mann tritt herein;
der Kopf eines Fanatikers auf einem kleinen, verwachsenen Körper. Er
schreitet auf den am Ofen Sitzenden zu und legt seine Hand auf dessen
Schulter.
»Michael, Michael!« Dieser sieht auf mit leerem, trostlosem Blick.
»Benjamin, hast Du es wieder gehört, wie sie mich verfolgten, wie sie
mich höhnten, mich, den Ketzer, den Ausgestoßenen?«
»Ha, ha!« mit schrillem Lachen sprang er auf, »lache doch mit,
Benjamin, lache doch über mich Thoren, der hier sitzt in der alten
Heimat, der um sie wirbt, wie um eine spröde Schöne. Lache doch mit
mir, Benjamin, über diese Thorheit, über meinen Wahnwitz, daß ich mir
einbilde, ich könne den Leuten hier helfen, sie herausholen aus diesem
Dunst von Aberglauben, Dummheit und Branntwein. Ein Prophet wollte ich
ihnen sein, wollte ihnen den Bann zeigen, in dem sie leben, wollte sie
los lösen aus -- -- ach, was wollte ich nicht alles und was habe ich
erreicht? Was bin ich ihnen? Ein Ketzer, ein Fremdling in der Heimat,
ein Thor, ein rechter Thor,« und er sank wieder auf die Bank und barg
das blonde Haupt in den Händen.
»Fort möchte ich, fort zu dem stillen Frieden des Sanddorfes hinauf, zu
Tabea zurück,« stöhnte Michael.
Es schien, als wachse die Gestalt des Kleinen, ein Ausdruck finsteren
Hasses trat in sein Gesicht, die Augen wurden fast schwarz vor Erregung.
»Fort willst Du, Michael, das begonnene Werk feige im Stich lassen? Du,
ein Auserwählter, reut Dich so schnell der geleistete Schwur? Wehe Dir,
Michael, wenn Du auf halbem Wege umkehrst!« Seine schmale, knöcherne
Hand faßte mit eisernem Druck die Schultern des anderen und schüttelte
ihn:
»Hörst Du, Michael, Du darfst nicht umkehren, darfst dem großen Werke
nicht untreu werden!«
Langsam glitten die Hände von dem Gesicht Michaels und mit finsterem
Blick streifte er den Kleinen. Ein leiser Schauer lief durch seine
Glieder.
»Denkst Du nicht daran, Benjamin, was Vater Abraham sagte von der
Duldung des einen gegen den anderen?«
Dieser schüttelte das Haupt und sagte:
»Vater Abraham ist ein alter Mann, wir sind jung; als ich draußen
in der Welt war, habe ich Spott und Hohn erdulden müssen um meines
Bekenntnisses willen. Da habe ich gelernt, daß nicht die Duldung zum
Ziele führt, nein, der Kampf allein, und ich will kämpfen für meinen
Glauben! Nicht weltfern und verspottet will ich leben, frei vor den
Menschen unsere Lehre bekennen; wie eine Flut, die alles mit sich
reißt, soll sie die Welt überströmen. Wir dürfen nicht nachlassen,
weiter, immer weiter vorwärts schreiten und Du mußt mit, es giebt kein
Zurück, Du mußt Dein Wort halten, hörst Du es!«
Beinahe schreiend stieß der Kleine die letzten Worte hervor, wie
eiserne Klammern gruben sich seine Finger in den Arm des anderen, der
diesen leidenschaftlichen Ausbruch stumm über sich ergehen ließ.
Seine Augen schweiften mit traurigem Ausdruck nach der Ecke des
Zimmers. Dort erhob sich, ein seltener Schmuck in einem Bauernhause, in
weißer, reiner Schönheit eine Kopie von Thorwalsens unvergleichlicher
Christusstatue. Ging's nicht wie ein Hauch seelischen Friedens von der
weißen Gestalt aus? Sehnend streckte Michael seine Arme darnach hin,
da traf Benjamins Blick mit dem seinen zusammen und dieser sagte, den
Freund verstehend, mit schwankender Stimme:
»Wir müssen doch kämpfen, Michael, wenn wir siegen wollen.«
* * * * *
Michael Wisniewski war ein Kind des Dorfes, sein Vater Vogt bei Herrn
von Leninski auf Lochowo. Seine Mutter entstammte einer deutschen
Familie, sie hatte lange Jahre bei einem reichen alten Fräulein in der
Kreisstadt gedient, die ihr, wie ihr Mann oft sagte, nur Raupen in den
Kopf gesetzt hatte. Sie hatte von ihrer Herrin vieles gelernt, vieles,
was in ihrem Heimatsdorfe wenig Verständnis fand. Nach dem Tode ihrer
Gönnerin kam sie auf das Gut zu Herrn von Leninski und heiratete dort
bald darauf den Vogt, einen äußerlich stattlichen Mann.
Die stille, sinnige Frau litt schwer unter der rohen Herrschsucht ihres
Gatten, der sich bald nach ihrer Verheiratung dem Trunke ergab.
Es waren wüste Scenen, die Michael aus seiner Kindheit in der
Erinnerung geblieben. Polternd und fluchend kam der Vater oft heim
und es geschah nicht selten, daß er sich dann an Weib und Kind
vergriff. Schweigend ertrug die Mutter alles, sie fand nie ein Wort der
Erwiderung auf die rohen Schimpfreden des Mannes. Michael erinnerte
sich, wie sie sich nach solchen Auftritten oft mit ihm in eine Ecke
geflüchtet hatte und wie dann die heißen Mutterthränen sein Haupt
überströmten. --
Eines Tages fand man sie bewußtlos am Boden liegend, schreiend warf
sich der Knabe über sie und versuchte, sie durch Liebkosungen zu
erwecken. Noch einmal schlug sie die scheuen Dulderaugen auf und
»Friede, ach Friede, der Propst soll kommen,« murmelten die Lippen und
ihr Kind traf ein Blick so herzzerreißend in seinem Jammer, seiner
Liebe, daß er sich dem Knaben unvergeßlich einprägte; dann ging ein
Recken durch den Körper und sie war tot.
Aus der Schenke holten sie den Mann, der fluchend sein Weib noch im
Tode schmähte, bis er endlich einschlief. Neben der toten Mutter
und dem seinen Rausch ausschlafenden Vater saß der Knabe und hielt
Totenwache und grübelte über die letzten Worte der Mutter nach, bis
sich ihm eine Hand auf die Schulter legte und eine ernstfreundliche
Stimme sprach: »Armes, armes Kind!«
Der Knabe sah auf und blickte in das Gesicht des Propstes Ryback,
dem Geistlichen des Dorfes, in dessen Zügen ein eigener, liebevoller
Ausdruck lag. Da vergaß Michael die ehrfürchtige Scheu, die er stets
vor dem Geistlichen gehegt; er legte seinen Kopf an dessen Brust und
weinte seinen heißen, jungen Schmerz an dem Herzen des Priesters aus.
»Ich habe Deiner Mutter gelobt, Dich zu hüten, für Dich zu sorgen,«
sagte der geistliche Herr, mit der Hand das Haupt des schluchzenden
Knaben streichelnd. »Vertraue mir, ich verlasse Dich nicht, und der
Segen Deiner Mutter ist mit Dir.«
Von jener Stunde an war Michael der Schützling des Propstes, sein Vater
hatte schnell eingewilligt, daß dieser die Erziehung des Knaben leiten
sollte. Sonderbarer Weise ging der Vogt seinem Sohne aus dem Wege und
es kam nicht mehr vor, daß er sich an dem Jungen vergriff.
Schon da die Mutter noch am Leben war, hatte Michael wenig mit den
anderen Knaben verkehrt, nun er aber der Schützling des Propstes
geworden, nahm er eine ganz besondere Stellung im Dorfe ein.
»Er wird ein Propst«, dies Wort gab ihm einen höheren Rang vor den
anderen, es schützte ihn, isolierte ihn aber auch. Das kleine,
verwaiste, sich nach Liebe sehnende Herz des Knaben schloß sich nun
ganz in schrankenloser Hingabe seinem Lehrer an, und es war, als würde
auch der Propst in Gegenwart des Knaben ein anderer.
Kalt und streng, beinahe nie ein Lächeln auf dem schmalen, scharf
geschnittenen Gesicht seiner Gemeinde gegenüber, war er für Michael
immer ein gütiger, teilnehmender Freund.
Nichts gab es auch, das dieser dem vergötterten Lehrer verschwieg,
und freundlich mußte er oft der großen Liebe und Anbetung des Knaben
steuern.
Brennend war Michaels Wunsch, dereinst auch ein Priester zu werden, ihm
war es Gewißheit, daß die letzten Worte der sterbenden Mutter denselben
Wunsch bedeuteten.
Seltsam, der Propst sträubte sich anfangs dagegen, aber da er sah,
wie der heranwachsende Knabe keinen anderen Wunsch hegte, gab er nach
und bereitete ihn für das Priesterseminar vor, auf das er ihn nach
einigen Jahren brachte. Einsam blieb Michael auch dort, ein Fremdling
unter seinen Genossen, dabei einer der fleißigsten Schüler, nur
von dem Gedanken erfüllt, seinem väterlichen Freund durch treueste
Pflichterfüllung zu danken.
Es war ein Frühsommertag. In ewig junger Schönheit hatte die Erde
sich geschmückt. Michael Wisniewski, der seit wenigen Tagen aus dem
Priesterseminar zu den Ferien heimgekehrt war, genoß mit frohem
Herzen den Reiz der heimatlichen Erde. Wohl hatte er gelesen, daß
es fremde Länder, andere Gegenden gäbe, die herrlicher anzuschauen
wären; vielleicht wie das arme Aschenbrödel gegen juwelengeschmückte
Königstöchter, verglich er, sich eines deutschen Märchens erinnernd,
welches seine Mutter ihm einst erzählt hatte. Trotzdem aber dünkte ihm
dies Stück flachen Landes schön, wie kein anderes, und in vollen Zügen
atmete er die warme Sommerluft ein.
Am Morgen hatte er in des Propstes Studierstube gestanden und den
Worten des geistlichen Freundes gelauscht. In dem kühlen Zimmer mit
den langen Bücherreihen an der Wand, die dem blöden Dorfjungen einst
so gewaltigen Respekt eingeflößt hatten, bis sie ihre goldene Weisheit
auch vor ihm aufthaten und er die stummen Freunde lieb gewann.
Noch klangen ihm die Worte des Priesters im Ohr:
»Überlege reiflich, mein Sohn, es ist ein schöner, aber auch ein
schwerer Beruf, den Du erstrebst. Fesselt Dich kein Gedanke, kein
Wunsch ans Weltliche? Kannst Du ein Priester sein aus innerem
Herzensdrang, wohl Dir, aber wehe, Michael, wenn Du das Gelübde, das
Heilige, verletzt! -- Nur noch kurze Zeit, dann sollst Du die Weihe
empfangen, darum prüfe Dich selbst. Gehe in Deine stille Kammer oder
gehe hinaus in die herrliche, freie Gottesnatur, erforsche und erfrage
Dein Herz, ob es nichts in der Welt giebt, das Dir begehrenswerter
dünkt, ob es voll und ganz Deinem künftigen Berufe gehört?«
Michael that, wie der Priester ihm geraten. Er fand aber keinen
Gedanken, der ihn von der heiligen Weihe zurückhalten konnte. Vor dem
Muttergottesbilde, das am Wege stand, lag er auf den Knieen und betete
in heißer Inbrunst, bis der Abend herniedersank. Dann schlug er den
Weg nach dem Dorfe wieder ein. Die Seele war ihm erfüllt von heiligen
Schauern, aber mit leuchtenden Augen, wie ein Sieger, schritt er dahin.
Tief senkte sich die Dämmerung schon nieder, als er die Dorfstraße
erreichte. Vor den niedrigen Hütten saßen die Frauen schwatzend
beisammen; in einer großen Pfütze mitten auf der Straße patschten die
nur halb bekleideten Kinder umher, und ihr Lachen und Schreien erfüllte
die Luft.
Aus dem Kruge aber drang wüster Lärm, und Michael hastete, schnell
daran vorbeizukommen, ihm war in seiner weihevollen Stimmung mehr denn
je das tierische Brüllen der Betrunkenen zuwider.
Zwei Männer kamen gerade über die ausgetretene Schwelle des Wirtshauses
gestolpert, und mit jähem Schreck erkannte Michael in dem einen seinen
Vater. Auch der Betrunkene hatte ihn bemerkt und lallte:
»Michael, Goldsohn! kommst gerade recht, wir haben auf den künftigen,
gnädigen Herrn Propst getrunken.« Dabei machte er eine Bewegung, als
wolle er des Sohnes Rock küssen, verlor aber das Gleichgewicht und
taumelte ihm in die Arme. Sein heißer, nach Fusel riechender Atem
schlug demselben ins Gesicht. Blitzschnell tauchte da ein Bild vor des
Sohnes Augen auf, die Mutter klaglos des Vaters Mißhandlungen erduldend.
Zorn und Ekel stiegen siedend heiß in ihm auf, es flimmerte vor seinen
Augen; dieser Niederschlag war zu plötzlich auf die Hochflut seiner
Gefühle gekommen.
»Weg,« keuchte er, dem Trunkenen einen Stoß versetzend, daß er
rücklings zu Boden fiel.
Michael achtete nicht darauf, er eilte davon, denselben Weg, den er
gekommen war, bis er wieder vor dem Muttergottesbilde anlangte und hier
bitterlich weinend niedersank. Er umklammerte das hölzerne Bildwerk und
flehte und klagte, warum, er wußte es selbst kaum, ihm war nur, als
müßte er sich retten vor dem Schmutz, den er soeben geschaut.
Wie lange er so gelegen, er wußte es nicht, mit schmerzender Stirn
erhob er sich endlich und schlug langsam, mit schweren Schritten, den
Weg nach dem Dorfe wieder ein.
Je näher er dem Vaterhause kam, desto schwerer erfaßte ein unnennbares
Angstgefühl seine Seele. Es war eine klare Mondscheinnacht und in
dem zitternden, silbernen Licht lag der Weg hell vor ihm, und in
diesem weißen Licht konnte er deutlich sehen, daß Menschen vor dem
kleinen Hause standen. Als er näher kam, sah er auch, wie sie vor
ihm zurückwichen, die Weiber sich bekreuzigten und die Männer ihn
mit finsteren Blicken maßen. Es hätte kaum der rötlich brennenden
Wachskerzen bedurft, das Mondlicht zeigte es ihm schon; da drinnen in
der Stube das Lager, auf diesem der Mann, den er Vater nannte, die
Hände über der Brust zusammengefaltet, die Augen offen, mit stierem
Blick auf den Sohn gerichtet, die starre Ruhe des Todes über der
Gestalt.
Ein einziger Laut kam über die Lippen des Jünglings, ein Schrei voll
namenloser Qual. Eine Weile noch stand er, mit entsetztem Blicke nach
dem Toten starrend, dann brach er zusammen; ob er es wohl noch hörte,
wie die alte Anuszka aufkreischte:
»Heilige Jungfrau! stehe mir bei, da ist der Mörder!« --
»Der Woiciech Wisniewski ist am Herzschlag gestorben,« erklärte der
dicke Kreisphysikus, der am anderen Tage so gegen Mittag ankam; früher
zu kommen war ihm nicht möglich gewesen.
»Heiliger Anton«, es ist auch eine zu gemütliche Sitzung gewesen in der
kleinen Weinstube des Roman Przybilski, der den besten und feurigsten
Ungarwein führte weit und breit! --
»Da ist eben nichts zu machen, Herr Propst, der Wisniewski ist tot, er
liebte den Wudki zu sehr, ja, das ist das Unglück der Leute!«
Der dicke Herr hob das Glas mit dem funkelnden Wein in die Höhe und
trank bedächtig.
»Heiliger Anton, was führte der Propst für einen guten Tropfen!« --
»Also am Herzschlag gestorben und nicht an den Folgen des Falles, den
er durch die Heftigkeit seines Sohnes gethan hat, ist es so, Herr
Sanitätsrat?«
»Ganz recht, Herr Propst, der Fall hätte den Wisniewski nicht
umgebracht, der Schnaps, der Schnaps ist der Missethäter,« und der
dicke Herr lacht, als erzählte er den köstlichsten Witz.
Der Propst atmet tief auf, als würde eine schwere Last von seiner Seele
genommen.
Bei dem Scheine einer kleinen, trüb brennenden Öllampe sitzt Michael
und hat einen alten, vergilbten Pappkasten vor sich. Er will die
Papiere seines Vaters suchen, mechanisch löst er den Knoten, mit dem
sie zusammengeknüpft, und durchblättert die wenigen Schriftstücke;
die Geburtsscheine, der Trauschein der Eltern, einige verblaßte
Heiligenbilder, in einer kleinen Schachtel ein silbernes Kreuz an einem
schmalen Kettchen, das ist alles, aber da fällt dem Suchenden noch
etwas in die Hände. Ein verschlossener Brief, darauf in verblaßter
Schrift: »An meinen Sohn, wenn er groß ist.«
Ein wehmütiges Lächeln gleitet über Michaels Gesicht, von seiner
Mutter! Er sieht auf die ungelenken Schriftzüge und denkt an die, die
sie schrieb, die in seiner Erinnerung wie eine Heilige vor ihm steht,
und mit stiller Andacht öffnet er diesen letzten Gruß seiner Mutter.
Er liest, liest erst mit inniger Wehmut die Unterschrift, liest dann
mit wachsendem Staunen, mit herzbeklemmendem Entsetzen. Ein Schrei
entringt sich seinen Lippen, die Hand ballt den Brief zusammen und
schleudert ihn weit von sich, dann lacht er, ein heiseres, wahnsinniges
Lachen.
»Lüge, Lüge,« alles um ihn her und der Tote da drüben war sein Vater
nicht, sondern der Mann, den er verehrt wie einen Heiligen, in dem er
das Ideal seiner Knabenträume gesehen und seine Mutter? Da stand es in
dem Briefe, das Bekenntnis ihrer Sünde, darum das schweigende Dulden,
ach mein Gott! Lüge sein Leben, Lüge alles, was er geglaubt, wofür er
gestrebt, was er gehaßt, was er geliebt! --
Der Jüngling barg seinen Kopf in den Händen und ein wildes,
verzweifeltes Schluchzen erschütterte seinen Körper. --
Drei Tage später wanderte Michael Wisniewski aus der Heimat fort wie
einer, dem noch der Schlaf die Sinne umfängt, dem noch der bange,
schwere Traum einer unruhvollen Nacht auf der Seele liegt, so wanderte
er dahin durch die sonnengleißenden Fluren.
Tot alles, was seinem Leben Inhalt gab, herunter gerissen in den Staub,
beschmutzt und zertrümmert jene stolzen Bilder, die er in seinem Herzen
aufgerichtet hatte.
Ein Verkünder des Friedens wollte er werden, ein demütiger Priester
des Herrn, Trost den Armen wollte er bringen; so stolz hatte er sich
gefühlt in seiner Kraft, in der Reinheit seiner jungen Seele.
Vorbei, verloren, unwiederbringlich verloren der glückliche
Kinderglaube! Ach, hätte er noch Thränen gehabt, hätte er den schweren,
dumpfen Schmerz noch lösen können durch heiße, heiße Thränen.
Fremder wurde die Gegend, den Spiegel des Sees sah er nicht mehr
glitzern. Das weiße Schloß des Herrn von Leninski grüßte durch die
grünen Bäume nicht mehr hindurch, weiter, immer weiter führte sein Weg,
aus der Heimat fort in die große, fremde Welt hinein, einer mehr unter
den Tausenden, die über Trümmer dahingehen.
* * * * *
Kalter, rauher Herbsttag war es, da brauste der Sturm über das kurische
Haff und erfaßte den kleinen Ewer, dessen Besatzung tapfer versuchte,
des wilden Elementes Herr zu werden.
Eine Weile trieb er ihn hin und her, um plötzlich des Spieles müde, das
Fahrzeug mit kräftigem Stoß, wie eine Nußschale herumzuwirbeln.
Ein Gurgeln, vereinzelte Hilferufe, die in dem Tosen des Sturmes
verhallten; auf dem Wasser schwammen Bretter, zerbrochene Mastbäume,
hin und wieder tauchte ein bleiches Menschengesicht auf, ein Arm, der
versuchte, eine rettende Planke zu erfassen. Aber die Wellen bäumten
sich auf, schlugen über den kämpfenden, schwachen Menschen zusammen,
und der Sturm tobte weiter, wild und übermütig. --
An einer Bucht des kurischen Haffes lag klein, weltfern und weltfremd
ein Dörfchen im Sande, dessen Bewohner an jenem stürmischen Herbsttage
bang auf die erregte See schauten. Da rief eine helle Mädchenstimme:
»Ein Mensch, seht doch ein Mensch!«
Eine Welle warf ihn hin und her wie eine Feder.
»Vater Abraham hilf doch!« Das Mädchen, fast noch ein Kind, hob die
braunen Augen flehend zu einem alten Manne empor.
Dieser nickte nur stumm, wenige kurze Worte und drei Männer bestiegen
ein kleines Fahrzeug.
»Mit Gott,« sagten sie und dann begann der Kampf mit dem Meere, ihm
sein Opfer zu entreißen.
Atemlose Spannung, stille, angstvolle Gebete und dann ein Jubelschrei
aus allen Kehlen. Triefend, aber mit stolzem, festen Schritt kamen die
Männer ans Land, einen in ihren Armen, der bleich und still war.
»Eile, Tabea, rüste ein Bett im Hause, so Gott dem Fremdling das Leben
läßt, soll er Pflege bei uns finden.«
Das Mädchen eilte davon, und bald lag der Gerettete in den bunten
Kissen des großen Federbettes in der Staatsstube des Fischerhauses und
Vater Abraham hob dankend die Augen zum Himmel auf.
»Er lebt!« --
An dem Herd in der Küche, von der Glut des Feuers rosig angehaucht,
stand Tabea und ihre Lippen sprachen auch ein dankbares: »Er lebt, er
lebt!«
Wohl lebte der Fremdling, den der Sturm in das stille Haus in dem
Dorfe auf dem Sande verschlagen hatte, er lebte, aber hitziges Fieber
durchtobte den jungen Körper und Wochen vergingen, ehe Vater Abraham
sagen konnte:
»Er lebt! und so Gott will, wird er gesund am Leib und der Herr gebe,
daß auch die Seele gesunde, denn die Fieberträume haben mir verraten,
wie krank diese arme, junge Seele ist.« -- --
Schon durchwirbelte weißer Schnee die Luft, Wälle von Schnee türmten
sich wie eine Mauer um das Dorf auf dem Sande und das Brausen des
Meeres klang dumpf und drohend, als wolle es den Winter warnen, den
Kampf mit ihm aufzunehmen.
Im hochgetürmten, altmodisch geschnitzten Bette lag Michael Wisniewski
und schlief. Der grüne Kachelofen spendete treulich Wärme und die matte
Wintersonne fiel durch das Fenster grade auf Tabeas dunklen Scheitel.
Das Mädchen saß vor dem Bette, die Hände in dem Schoß gefaltet und sah
mit dunklen, träumerischen Kinderaugen auf den Schlafenden.
»Wenn er erwacht aus dem Schlaf, werden seine Sinne klar sein,«
hatte Vater Abraham gesagt und nun saß das Mädchen und harrte des
Augenblicks, da der Fremdling mit dem schönen, bleichen Gesicht die
Augen öffnen würde. Das junge Herz des Mädchens war voll Mitleid für
den armen blassen Mann, wirr waren die Worte gewesen, die er im Fieber
gesprochen. Oft war Tabea erschrocken zurück gewichen, wenn der Kranke
so geschrieen und wilde Flüche ausgestoßen hatte.
»Seine Seele ist krank,« so hatte Vater Abraham gesagt und das Mädchen
hatte still gefleht:
»Ach, heiliger Gott, gieb ihm auch die Gesundheit der Seele wieder.«
* * * * *
Stille Leute waren es, die in dem Dorfe auf dem Sande wohnten; aus
fernen Landen waren ihre Vorfahren, verfolgt um ihres Glaubens willen,
hierher geflüchtet, hatten hier ihre Heimat gegründet und lebten
weltfern, treu an dem alten Glauben haltend, bei einander.
Vater Abraham, in dessen Haus der Sturm Michael Wisniewski verschlagen
hatte, war der Älteste der Gemeinde und genoß hohes Ansehen, nicht
allein bei den Seinen, nein, auch aus den Dörfern, die hinter den
Sandwällen im blühenden Lande lagen, kamen die Leute zu dem alten
Mennoniten und holten sich manch' guten Rat.
Hell flackerte das Feuer in dem großen Kachelofen, vor dem Michael,
sorgsam in Decken eingehüllt, saß, knisternd sprühten die Funken und
eine trauliche Wärme umgab den Kranken. Rötliches Licht lag schimmernd
auf den altmodischen Möbeln und auf den blitzenden Kannen und Krügen,
die den Sims zierten.
»Das Meer braust und der Sturm heult, da ist es nicht gut draußen zu
weilen,« sagte Abraham Jakobeit, der auf der Ofenbank saß, zu seinem
jungen Gaste.
Der schaute mit sinnenden Augen in das helle Feuer, die Blässe der
Krankheit lag noch auf seinem Gesicht, aus den Augen leuchtete noch
nicht frohes Hoffen der Genesung, wie ein Schleier war es darüber
gebreitet.
»Doch muß es schön sein, da unten zu schlafen auf dem kühlen, nassen
Grunde! Mag der Sturm toben, mag das Meer zürnend grollen, der da unten
liegt, der hört es nicht mehr! Warum, ach, warum habt Ihr grade mich
gerettet!« so klagte der Kranke mehr zu sich, als zu dem Alten gewandt.
Der sah mit seinen hellen Augen prüfend zu ihm hin. »Seine Seele ist
krank,« hatte er zu Tabea gesagt, nun genas der Körper, ob es ihm wohl
gelang, auch die junge Seele zu retten?
»Neunundsechszig Jahre hat mein Leben gewährt,« sprach der alte Mann,
»gute Stunden hat es mir gebracht, aber auch Stunden voll Herzleid und
Gram. Stunden, in denen ich zu Gott gerufen habe: Warum, warum mir
dies Leid, habe ich denn so große Sünde gethan? Mein Gott hat mir die
Antwort ins Herz gelegt und ich bin stille geworden. Manchmal bin ich
draußen auf dem Meere gewesen, dann kam mir in meinem Leid wohl der
Gedanke, wie schön es sein müßte, da unten zu liegen in tiefem Schlaf,
die Stimme in mir aber sprach: Wenn Deine Zeit gekommen ist, wird Dein
Herrgott Dich rufen! und ich sah um mich und fand, daß meine Arbeit
noch nicht gethan, daß mein Leben noch nicht so gewesen, daß ich von
hinnen gehen konnte mit dem Gefühl, Du bist nicht ganz unnütz gewesen.
Dann nahm ich meine Arbeit auf und über der Arbeit schwand mein lauter
Schmerz, er wurde still, ich lernte sehen und sah, daß es noch mehr
Leid gab, noch schwereres als das meine.
Seht, Ihr seid jung, dem Meere habe ich Euch abgerungen, mit Gottes
Hilfe gelang es meinen schwachen Kräften auch die Macht des Fiebers zu
bewältigen. Nicht Neugier ist es, nur herzliche Teilnahme, wenn ich Sie
bitte, vertrauen Sie mir Ihren Kummer an, noch können meine Schultern
eines anderen Herzeleid mit tragen.«
Da schlug Michael die Hände vor sein Gesicht und heiße Thränen rannen
ihm über die bleichen Wangen.
»Ich kann nicht, kann es nicht sagen,« stöhnte er.
»Noch nicht,« klang das Echo in dem Herzen des alten Mannes, »aber
gesegnet seien diese Thränen, mich dünkt, es sind seit lange die
ersten!«
Die Tage verrannen, strenger Winter herrschte im Land, aber Michael
merkte es kaum, so warm war er gebettet, so umhegt von sorgender Liebe.
Da war Frau Johanna, Vater Abrahams Tochter, die vereinsamt nach dem
Tode von Mann und Kind ins Vaterhaus zurückgekehrt. Wie sie bemüht war
um den Genesenden und dieser, für den außer der seiner Mutter, noch
keine Frauenhand liebend gesorgt, empfand dankbar diese freundliche
Sorge, an der auch Tabea teilnahm.
Und dann diese Plauderstunden am flackernden Feuer, in denen der alte
Mennonit aus dem reichen Born seiner Lebenserfahrungen schöpfte.
Wie gern lauschte Michael, eine andere, eine neue Welt war es, die sich
vor ihm aufthat, war es die bessere?
Mennoniten nannten sich die Leute, unter die ihn das Schicksal
verschlagen hatte, Ketzer nach seinem alten Glauben; er erinnerte sich
wohl, wie Propst Ryback diese Sekte einst heftig geschmäht hatte.
Aber waren die Menschen, die ihn so hegten und pflegten wie ihren
eigenen Sohn, wirklich so verdammungswürdig? --
Lange schwieg Michael über sich und seine bitteren Erfahrungen, aber
dann kam eine Stunde, in der er, in traulicher Dämmerung neben dem
alten Manne sitzend, mit diesem über das, was sein Herz bewegte, zu
reden begann. Er sprach von den Stürmen seiner Jugend, von seinen
hohen, stolzen Plänen, einst ein Auserwählter des Herrn, ein Bote des
Friedens zu werden. Dann, leise stockend, von seltsamem Vertrauen
zu dem Alten erfüllt, sprach er auch von dem Fluch, der sein Leben
vergiftet, von der Erkenntnis der Sünde seiner Eltern.
Was er begraben im tiefsten Herzen, er holte es vor, und in
leidenschaftlicher Anklage sprach er von jener Stunde, da er voll
Schmerz und Zorn vor seinem Vater gestanden, da er ihm geflucht hatte,
ihm und der toten Mutter. Bis er dann endlich zur Besinnung gekommen
war und all' die leidenschaftliche Liebe, die er für den Freund gehegt,
wieder zum Durchbruch kam.
Er sah wieder das zu Eis erstarrte Gesicht des Mannes, hörte die
heisere Stimme:
»Schweig', Bube, Fluch über Dich, wenn Du verrätst, was zwischen uns
steht, geh' fort von hier, so weit wie möglich -- fort, fort!« Und in
seinem Gesicht las man die Angst, die blasse Furcht vor dem Urteil, vor
dem Gerede der Menschen; da ergriff den Sohn grenzenlose Verachtung und
er stürmte hinaus.
Michael stöhnte auf, zu machtvoll war die Erinnerung über ihn
gekommen. --
»Seit Jahren bin ich umhergewandert,« fuhr er fort, »damals, als
mein Ziel, mein Streben, mein Hoffen zu meinen Füßen lag, wurde ich
Seemann, mich trieb es so viel Meilen wie möglich zwischen die Heimat
und mich zu legen. Viel bin ich umhergewandert, in fernen Weltteilen
bin ich gewesen, mein Blick ist weiter geworden, meine Kenntnisse
größer, aber etwas habe ich nicht wieder finden können -- den alten
Kinderglauben. Was damals in meinem Herzen zerbrochen ist, habe ich
nicht mehr auffrischen können, nicht mehr die Brücken finden, die
mich hinübergeleitet hätten in das Land des Glaubens. Welcher ist der
rechte? Über diesem Grübeln habe ich ihn verloren!«
Wie ein Aufschrei kamen diese Worte aus seiner Brust, und erschüttert
sah der alte Mann auf seinen jungen Gefährten nieder.
»Ja, Du armes, junges Blut, Du arme, kranke Seele! Mein Herrgott, gieb
mir die Kraft, sie zu heilen,« bat er in seinem Herzen, und mit sanfter
Hand begann er die Heilung.
Aus dem Buche seines Lebens und seiner Lebenserfahrungen berichtete er
seinem jungen Gaste, und dieser lernte daraus verstehen, wie es kam,
daß dieser einfache Fischer seine Genossen so an Kenntnissen überragte.
In seiner Jugend war Abraham Jakobeit als Seemann Jahre lang in fernen
Landen gewesen, er hatte es bis zum Kapitän gebracht. Sein Weib war ihm
gestorben und sein Sohn wurde bei Verwandten der Frau erzogen. Jung
ging auch dieser in die Welt und verlor sein Leben auf der See.
Da sehnte sich auch Abraham nach Ruhe, er kehrte zurück in die Heimat
und nahm Benjamin und Tabea, die verwaisten Kinder seines Sohnes zu
sich.
Seit Jahren lebte er nun wieder hier in der Heimat, seine reicheren
Erfahrungen, sein größeres Wissen zum Besten seiner Mitmenschen
verwertend.
Er war ein gläubiger Mennonit geblieben, lebte getreu den einfachen,
strengen Satzungen seiner Sekte, verabscheute den Krieg, hoch über
Allem stand ihm der Frieden im Herzen der Menschen zueinander, aber
er hatte draußen in der Welt gelernt, daß jeder Glaube, so er nur
aufrichtig sei, zum Guten leiten könne, und diese seine Überzeugung
sprach er auch offen gegen Michael aus.
Immer inniger schloß dieser sich an den alten Mann an, je mehr seine
Körperkräfte zunahmen, desto lichter wurde es auch in seinem kranken
Gemüte.
Er fühlte sich zufrieden in dem kleinen Kreise, und bald gehörte er
so dazu, daß der Gedanke an Trennung in weite Ferne gerückt wurde.
Für Vater Abraham war er ein Sohn, für Frau Johanna ein Kind ihrer
mütterlichen Sorge, für Tabea ein älterer Bruder, und für Benjamin?
Das hätte er wohl selbst nicht zu sagen gewußt, was er für diesen
bedeutete.
Es war überhaupt etwas Eigenes um Benjamin. -- Verwachsen und
schwächlich, hatte dieser von Kindheit an eine etwas einsame Stellung
eingenommen, die durch sein verschlossenes, grüblerisches Wesen noch
verschärft wurde.
Wie ein Fremdling stand er unter den Seinen, fremdartig war schon
sein Äußeres, er gehörte mehr dem Stamme seiner Mutter an, die eine
Südländerin gewesen war. Sein scharfgeschnittenes Gesicht mit den
leidenschaftlichen, dunklen Augen hatte so wenig Ähnlichkeit mit den
hellen Zügen Vater Abrahams, wie sein wilder Fanatismus mit dessen
milder Güte.
Ja, fanatisch war Benjamin, und Michael entsetzte sich fast, als er das
erstemal die Wahrnehmung machte, welch finsterer Geist in dem Körper
des Verwachsenen wohnte.
Da war nichts von der milden Friedenslehre des Großvaters, nichts
von Tabeas reinem Kinderglauben, nicht Duldung und Frieden, Kampf,
erbitterter Kampf war dessen Losung.
Nach und nach hatte auch Michael mehr von Benjamins Leben erfahren.
Dieser war mehrere Jahre in Amerika gewesen, hatte sich dort einer
Sekte angeschlossen, die aus den Mennoniten hervorgegangen war, aber
noch wenig gemein hatte mit deren alten, einfachen Satzungen. Von
verschiedenen Sekten etwas annehmend, waren sie nach und nach zu wilden
Fanatikern geworden.
Vor einem Jahre ungefähr war er dann zurückgekehrt, und mit tiefem
Schmerz hatte der Großvater erkannt, wie verschieden ihre Anschauungen
geworden sind.
Beherrscht von fanatischem Glaubenseifer, getrieben von dem brennenden
Ehrgeiz, eine Rolle zu spielen, wollte der Enkel ein Prophet werden. Er
fand die Lehren des Großvaters viel zu kindlich, zu sanft. Mit Feuer
und Schwert wollte er die Welt erobern, seine Lehre sollte herrschen,
vor ihr sollte die Menschheit sich beugen. --
Anfangs stieß Michael diese wilde Art ab, aber hatte er nicht auch
einst davon geträumt, ein Lehrer, ein Prophet zu werden? Wohl stritt
er sich mit Benjamin, aber doch suchte er ihn wieder auf, und nach
und nach gewann dieser Einfluß auf Michael. Niemand gewahrte es, wie
er diesen im Grunde etwas schwankenden Charakter beherrschte, stärker
war noch Vater Abrahams und Tabeas milder Einfluß; aber Benjamin war
klug und sagte sich, daß, sobald dieser nicht unmittelbar sei, er der
stärkere werde, und Michaels glänzende Rednergabe und seine stattliche,
sympathische Erscheinung brauchte er zu seinen Plänen, das waren
Vorzüge, die ihm fehlten, wie er mit Bitterkeit längst erkannt hatte.
Er wagte aber auch nicht, dem Großvater gegenüberzutreten, denn so
sehr er sich innerlich dagegen sträubte, die milde Ruhe, die klare,
freundliche Weltanschauung und der echte, tiefe Glaube des Alten
zwangen ihm unendliche Hochachtung ab.
Er hoffte auf die Zeit, einmal mußte sie kommen, da er mit Michael das
große Werk der Bekehrung begann. --
So flossen die Monde dahin, der Fremdling, der einst krank und weltmüde
im Dorfe auf dem Sande eingekehrt, war nun ein lieber Hausgenosse
geworden; er trieb im Sommer das Gewerbe der Männer, die Fischerei,
erweiterte im Winter seine Kenntnisse durch eifriges Studium. Die
kleinen Ersparnisse aus seiner Wanderzeit benützte er teilweise dazu,
sich eine Bibliothek anzuschaffen.
Wohl kam ihm manchmal die Sehnsucht nach der verlassenen Welt, der
Ehrgeiz regte sich in ihm, sich eine Stellung, die seinen Kenntnissen
entsprach, zu erringen, statt hier thatenlos in dem weltfremden
Dörfchen zu leben. In solchen Stunden gewannen Benjamins Pläne Macht
über ihn; kam dann aber Tabea mit ihrer weichen, süßen Stimme und
rief ihn, mit ihr zu kommen, und saß er dann bei den Frauen und dem
Großvater im traulichen Zimmer oder vor dem Hause auf der Bank, mit dem
Blick nach dem weiten Meere, im ernsten Gespräch, dann kam der Friede
wieder über ihn und die unruhigen Gedanken wurden stille. --
Da fand er einmal, daß in einer Zeitung ein Aufruf stand, der ihn
selbst betraf. Sein Name stand darin, er wurde gesucht; ein Verwandter
seiner Mutter war gestorben und er der Erbe des kleinen Vermögens.
Von jener Stunde an wich die Ruhe von ihm, machtvoll überkam ihn
die Sehnsucht nach der alten Heimat. Nur einmal wollte er dahin
zurückkehren, noch einmal das kleine Haus betreten, darinnen er seine
Kindheit verlebt, noch einmal an das Grab der Mutter treten, an die er
jetzt mit immer verzeihenderer Liebe dachte.
Noch einmal wollte er dem gegenübertreten, um dessentwillen er einst
die Heimat verlassen hatte. Nicht mehr im Zorn, in alter Liebe wollte
er ihm die Hand reichen, wollte am Vaterherzen ruhen und dann mit
versöhntem Gefühl die Heimat für immer verlassen.
Wochenlang kämpfte er gegen diese Sehnsucht, er wurde still und in sich
gekehrt, bis ihm der alte Jakobeit zuletzt selbst zuredete, sich seinen
Wunsch zu erfüllen.
Er ging, aber noch ehe er das Sanddorf verließ, kam eine Stunde, in der
er neben Tabea am brausenden Meere stand, ihre Hand fest in der seinen
haltend, ihre dunklen Augen suchte.
»Das tobende Meer brachte mich einst zu Euch; krank an Seele und Leib,
kam ich in Euer Haus, Du warst die erste, die ich, aus Fieberwahn
erwachend, erkannte. Seit jener Stunde wohnt Dein Bild in meinem
Herzen, nun gehe ich fort, nur aber, wenn Du die erste sein willst,
die mich empfängt, so ich wieder komme, mich empfängt als meine liebe
Braut, willst Du, Tabea?«
Heiß flutete eine Blutwelle über das liebliche Mädchengesicht, mit
einem Blick voll Glück und Liebe sah sie zu dem Manne auf und sagte
mit verhaltenem Jubel in der Stimme:
»Ich will, ach Michael, wie liebe ich Dich!« Sie legte den Kopf an
seine Brust und er küßte fast ehrfurchtsvoll die reine Mädchenstirn.
Das Meer brauste und schäumte, Welle stürzte über Welle -- sie
hörten das Gelöbnis der Liebe bis zum Tode, das die beiden jungen
Menschenkinder mit einander eintauschten.
Zwei Tage später zog Michael von dannen, Benjamin war sein Gefährte,
der hatte so darum gebeten, daß Michael nicht »Nein« sagen mochte.
Er schalt sich selbst thöricht, wenn er Benjamins Gegenwart als Last
empfand, es ruhte auf ihm wie eine Ahnung schweren, kommenden Leides.
* * * * *
In den Zeiten des polnisches Königreiches gehörten die Herren von
Leninski zu dem angesehendsten, reichsten Adel, aber wie der morsche
Thron der Polen in Splitter sank, so zerfiel auch im Laufe der Jahre
die Herrlichkeit der Leninskis. Das Gold rann ihnen aus den Händen, ein
Stück Land des alten Besitzes nach dem anderen mußte verkauft werden
und heute saß der jetzige Herr, Marcel von Leninski auf Lochowo und
sah wehmütig auf den geringen Rest, der ihm von dem einstigen Reichtum
geblieben war.
Inmitten eines romantischen, völlig ungepflegten Parkes, mit der Front
nach einem schilfumkränzten, kleinen See lag Schloß Lochowo. Nach
der Landstraße zu dehnten sich die weitläufigen, dem Verfall nahen
Wirtschaftsgebäude aus, an die sich das Dorf anschloß.
Boguslaw von Leninski, der Prächtige, wie ihn seine Nachkommen
nannten, hatte Jahre lang in Paris gelebt; der glänzende Hof, der die
schöne, unglückliche Marie Antoinette umgab, sagte seinem beweglichen
Temperament so zu, daß er seiner Besitzungen im fernen Polen nur
gedachte, wenn er Geld brauchte.
Als die Stürme der Revolution sich erhoben, verließ er das geliebte,
glänzende Paris mit schwerem Herzen und mit leichtem Beutel.
In der Einsamkeit der heimischen Wälder begann er sich, in Erinnerung
der glänzenden Tage, ein =petit Versaille= aufzubauen, aber ehe noch
der Bau vollendet war, rief ihn der Tod ab und sein Erbe, der sich
genötigt sah, den größten Teil der alten Herrschaft zu verkaufen,
ließ von einfachen Handwerkern den Bau vollenden; denn schon
erklang der Kriegslärm des großen Korsen auch in die Einsamkeit der
russisch-deutschen Gebiete.
Ein Stückwerk, mit feinem Kunstsinn begonnen, von ungeschickten Händen
vollendet, blieb Schloß Lochowo.
Im Sommer freilich, wenn die Kletterrosen, die sich daran emporrankten,
in Blüte standen, die schlanken Türme vom Sonnengold umflossen in
die blaue Luft ragten, bot es einen Anblick, der wohl ein Malerauge
entzücken konnte. --
Herr Marcel von Leninski, der von seinen Ahnen das leichte Blut und die
sanguinische Lebensanschauung geerbt hatte, mühte sich redlich, sich
und den Seinen den letzten Rest der alten Herrlichkeit zu erhalten.
Frau Halinka, seine Lebensgefährtin, machte es ihm freilich oft schwer
genug. In ihrer Jugend einst eine große Schönheit, hatte sie ein Jahr
ihrer Mädchenzeit in Paris verbracht und dann, froh, ein standesgemäßes
Unterkommen zu finden, ihren alten Verehrer und derzeitigen Gatten
geheiratet.
Herr Marcel hatte weder die Schönheit, noch den sprühenden Geist
seines glänzenden Ahnherrn geerbt, er bewunderte seine schöne Gattin
aufrichtig und that so viel für ihre Luxusbedürfnisse, wie es seine
Mittel irgend erlaubten. Aber Frau Halinka konnte das Jahr in Paris,
das Jahr ihrer Triumphe nicht vergessen, sie war fest überzeugt, sich
herabgelassen zu haben, indem sie Frau von Leninska wurde.
Immer und immer erzählte sie von dem einen glänzenden Jahre, anfangs
imponierte sie ihrem einfachen, gutmütigen Manne, aber die Jahre
verwischten die Eindrücke, jetzt geschah es mit wiederkehrender
Regelmäßigkeit, daß der gute Marcel bei den Erzählungen in sanften
Schlummer fiel.
Kasia, die jüngste Tochter, dagegen lauschte mit fiebernder
Aufmerksamkeit den mütterlichen Erzählungen, sie kannte kein größeres
Vergnügen, immer wieder war sie es, die die Mutter zu neuen Berichten
anregte. Dann saß sie da, die dunklen Augen strahlten, die feinen
Lippen leicht geöffnet, jeder Nerv an ihr lebte, es prickelte und
zuckte in ihren Gliedern, sie war mitten drin in dem rauschenden Leben.
Sie lachte, weinte, tollte, kokettierte und heißer kreiste das leichte
Blut der Vorfahren in ihren Adern.
Frau Halinka erzählte, hingerissen durch der Tochter Begeisterung immer
mehr und Herr von Leninski schüttelte manchmal vom Schlaf erwachend
das Haupt, wenn er hörte, daß die stolze Herzogin von M. seiner Frau
gesagt, sie wäre die Blume der Blumen, und daß Graf Armand de St. ihr
sein Herz und seine Millionen zu Füßen gelegt, hatte er noch gar nicht
gewußt. Ein leises, verschmitztes Lächeln trat auf seine Lippen -- Du
lieber Himmel, die Zeit verwischt die Erinnerungen! --
Wladislaw, der einzige Sohn und Erbe, hatte es vorgezogen, in
österreichische Dienste zu treten, er stand in einer kleinen böhmischen
Garnison als Oberleutnant, seine Briefe bildeten der Mutter Entzücken
und des Vaters Sorgen, denn mit absoluter Sicherheit kehrte darin stets
die Wendung wieder, »ich brauche Geld.«
Still und sanft waltete noch eine andere im Hause, Maria, die älteste
der Schwestern, sie war es, die den Haushalt in Ordnung hielt.
»Unsere Maruszka ist unser guter Hausgeist,« pflegte Frau Halinka wohl
anerkennend zu sagen, während ihre Blicke stolz an der lieblichen
Erscheinung ihrer jüngeren Tochter hingen.
»Jusia kommt, Jusia kommt!«
Einen offenen Brief in der Hand stürmte Kasia wie ein Wirbelwind in das
Boudoir der Mutter.
Frau Halinka las in einem neuen französischen Roman, während Maria
Faden um Faden durch eine feine Stickerei zog.
Tief neigte jetzt Kasia den zierlichen Körper vor ihnen und sagte mit
komischem Ernst:
»Meine Damen, gestatten Sie, daß ich Ihnen die freudige Mitteilung
machen darf, daß Gräfin Jusia Potocka übermorgen Einzug in unser Schloß
halten wird!«
»Wildfang.« Frau Halinka lächelte nachsichtig, während auf ihr stark
verblühtes Gesicht ein freudiger Ausdruck trat. »In der That, ich muß
gestehen, eine ganz angenehme Abwechslung, dieser überraschende Besuch
der Komtesse.«
»Wundervoll, unbeschreiblich schön!« jubelte Kasia. »Ach, Mama, was
wird uns Jusia alles erzählen können, bedenke doch, wie viel sie
gesehen hat, seit wir vor zwei Jahren das Kloster verließen; Nizza,
Rom, Paris, das himmlische Paris, ach, ich beneide sie, die Glückliche!«
»Nur nicht gar so enthusiasmiert, =ma petite=, ich war auch in Paris
und wer weiß, ob Komtesse Jusia eine so vorzügliche Kennerin des
pariser Lebens ist, wie ich es war. Ob sie den Esprit und die Eleganz
besitzt, es so zu erfassen wie ich, nun wir werden ja sehen, jedenfalls
ist es auch mir angenehm, einmal wieder von meinem Paris reden zu
können.«
Ȇbrigens Maria, hast Du in mein neues Cape auch die Etiquette von =Bon
marché= eingenäht? Es ist mir lieber, wenn Gräfin Jusia sieht, daß wir
einen Teil unserer Toiletten aus Paris beziehen.«
»Aber Mama!« vorwurfsvoll erhob die Angeredete ihre ernsten, dunklen
Augen zur Mutter.
»Schweig, Maria, ich weiß, was ich uns schuldig bin, triff lieber die
Vorbereitungen für unseren Gast!«
Still verließ diese das Zimmer, die Lippen fest aufeinander gepreßt,
als wolle sie die Worte zurückdrängen. Ach, wie sie sich schämte über
die thörichte Eitelkeit der Mutter, die immer und immer wieder die
Etiquettes der pariser Firmen, die noch von den Toiletten aus den
ersten Jahren ihrer Ehe stammten, heraustrennen und in die neuen, in
der Kreisstadt gekauften Sachen nähen ließ.
Mit müdem Schritt erstieg Maria die Treppe zu dem oberen Stockwerk,
sich überlegend, welche Zimmer sie dem jungen Gast geben sollte. Es
gab deren genug in dem weiten Bau, aber die wenigsten waren möbliert,
Stückwerk der Bau, Stückwerk die Einrichtung. Kostbare Empire- und
Rokokomöbel, die fehlenden Stücke durch einfache, vom Tischler
gefertigte Sachen ersetzt.
Schweren Herzens begann Maria ihre Arbeit, aus allen Räumen trug sie
etwas zusammen, bis sie endlich ihr Werk wehmütig betrachtend inne
hielt. »Stückwerk außen wie innen! ach Gott, wie müssen die Menschen
glücklich sein, die in geordneten Verhältnissen leben!« --
»Maria bist Du oben?« unterbrach die helle Stimme der Schwester ihre
Gedanken.
»Was giebt es, Kasia?« Leichtfüßig kam diese schon die Treppe herauf.
»Marinka, mein Seelchen!« rief sie aus, »reizend ist das Zimmer! Ach,
denke Dir nur, wie lieb von Mama, sie will mit uns nach der Stadt
fahren und uns neue Toiletten kaufen. Einen Ball will sie auch geben,
während Jusia da ist, endlich einmal etwas Abwechslung!«