doch herzlich müde, wenn man einmal die Nase in den Wald steckt. Aber
schön ist er, und im Horaz und Virgil steht nichts davon. -- Er hielt
diesen Monolog lateinisch, was ich damals noch nicht verstand; aber
weil er ausführlich Tagebuch führte über jedes Wort, was er gesprochen
und gedacht hatte, und die guten Gedanken in ein besonderes Heft
excerpirte, hat er mir's nachher zu lesen gegeben. Er schnallte nun
sein Ränzel ab und war eben im Begriff sich ins Gras zu strecken, da
sah er mein langes Haar herniederwehen. Ei der Tausend! rief er aus
und weiter nichts, sondern stand mit offnem Munde da und hatte die
blaue Kappe in der Hand, und mit der andern spielte er an den Schnüren
seiner schwarzen Sammetpikesche. Ich sah nun eigentlich erst, daß er
ein bildhübscher Mensch war; nur blaß war er, und wie er so mit offnem
Mund und großen Augen dastand, sah er ein bischen dumm aus. Ich war
damals ein muthwilliges Ding und rief ihm zu: Junger Herr, macht nur
den Mund zu und setzt die Kappe auf, und wenn Ihr ein Stündchen Zeit
habt, klettert herauf zu mir; da ist noch ein prächtiger Ast für Euch,
wir wollen eins plaudern zusammen. -- Er folgte etwas verlegen meinen
Worten, kletterte unbeholfen hinauf, und saß mir stumm gegenüber,
über und über roth vor Verlegenheit. Nun, sagte ich, Ihr seid mir ein
schöner Held, fürchtet Euch vor einem armen jungen Nixchen, das sie
Alle Backfisch schimpfen! -- Wie ich den Namen Nixe aussprach, sah er,
gerade wie Ihr, Fedelint, ängstlich nach dem Saume meines Gewandes,
ließ sich aber eben so geschwind von seinem Aberglauben heilen.
Erzählt doch, fing ich wieder an, wer Ihr seid; glaubt, ich thue Euch
nichts zu Leide! -- und dabei mußt' ich die Augen senken, denn ich
fühlte, daß er meinem unerfahrnen Herzen schon was zu Leide gethan
hatte. -- Aengstlich fing er an: ~Natus ego sum, Theophilus Sutorius~
-- ach verzeiht, schönes Fräulein! unterbrach er sich, ich muß es
auf Deutsch sagen; Ihr versteht ja kein Latein. Ich heiße +Gottlieb
Schuster+, nenne mich Theophilus Sutorius, weil das anständiger ist,
und bin Student im dritten Semester. Meine Kameraden nennen mich einen
Philister, weil ich lieber hinter den Büchern, als hinterm Wirthstisch
sitze, und lachen mich aus, daß ich nicht küssen kann. Ich sagte ihnen,
ich wollt's ja herzlich gern lernen, wenn sie nur Einen wüßten, der
darüber Vorlesungen hielte. Da wiesen sie mich zu verschiedenen alten
Professoren; ich sollte sie bitten, mir ein ~privatissimum~ übers
Küssen zu halten. Die aber schüttelten den Kopf und schickten mich
zu ihren alten Haushälterinnen, bei denen könnt' ich's lernen. Aber
die alten garstigen Fliegen wollten mich umarmen und sagten, als ich
mich wehrte, das gehöre auch dazu, das wären die Elemente. Da lief ich
fort, und wie ich auf die Kneipe kam und meinen Kameraden das erzählte,
lachten sie mich ganz gewaltig aus und sagten, ich sollte in den Ferien
eine Reise ins Gebirg machen, und wenn ich an einer einsamen Stelle
eine hübsche Dirne träfe, die sollte ich bitten, mir Unterricht im
Küssen zu geben; sie würde es wohl ohne Honorar thun. Ja seht, schönes
Fräulein, schloß er, da bin ich nun zu Euch gekommen. Wollt Ihr mich's
lehren?
Jetzt war die Reihe an mir, zu erröthen; aber der arme Mensch dauerte
mich, wie er mich so bittend ansah, und am Ende hätte er's von einer
andern gelernt, und das war mir ein unausstehlicher Gedanke. Ich sagte
also: Wenn's denn sein müßte, ja! aber so ganz ohne Honorar ging' es
nicht; er müsse mir ein bischen Latein beibringen. Das war er denn
auch zufrieden, und ich sagte ihm, er solle nur herabsteigen und mir
die Hand reichen, daß ich bequem zur Erde käm'. Mit einem Sprung war
er unten und stand und hielt die Arme ausgebreitet, freilich wie eine
Gliederpuppe, aber er war doch gar zu schön! Ich flocht in der Eil
meine Zöpfe auf und sprang vom Baum; ich weiß nicht, wie es zuging,
daß ich gerade in seine Arme sank, und in der Bestürzung, wie ich so
wankte, drückte ich meine Lippen auf seinen Mund, um mich an ihm zu
halten. Ich fühlte, er wurde ganz verwirrt, sagte aber: Nicht wahr,
ich kann's noch nicht, Fräulein? -- Ach, antwortete ich ihm, Ihr seid
nicht ohne Talent; ich hoffe, Ihr sollt es bald aus dem Grunde können.
-- Nun war's aber schon spät geworden und ich mußte fort. Lieber
Theophilus Sutorius, sagt' ich, ich muß wahrhaftig fort und kann Euch
nicht mitnehmen; Ihr möchtet mir ertrinken, denn das Wasser ist Euch
gar zu ungewohnt. Aber die Nächte sind jetzt mild genug; da könnt Ihr
im Freien hausen, und wenn unten Alles schläft, komme ich zu Euch zum
Unterricht und bringe Euch zu essen. -- Indem hört' ich von unten
rufen: Backfisch! Backfisch! Wellindchen! wo steckst du denn? -- Also
Wellindchen heißt Ihr, sagte er. Wißt Ihr was? Ihr sollt jetzt Undula
getauft werden; das paßt besser in die lateinische Ode, die ich auf
Euch machen will; und hört einmal, wenn Ihr mich anredet, müßt Ihr
immer Theophile Sutori sagen; das ist der Vocativ, und sonst macht
Ihr einen groben Schnitzer gegen die Zumpt'sche Grammatik. -- Wie Ihr
wollt, sagt' ich; doch nun lebt wohl! ich höre schon wieder nach mir
rufen. In drei Stunden geht der Mond auf, da komm' ich zu Euch. Adieu!
-- Pros't! sagte Theophilus, und ich sah ihn am Ufer stehn und mir
nachschaun, wie ich in die Tiefe niedertauchte.
Fedelint hatte der Nixe mit steigendem Erstaunen zugehört und ganz den
Fischsalat und die Sardellenbrödchen vergessen. Theophilus Sutorius!
rief er aus. Das ist ja der Professor der Philologie und Nixologie
an unserer Universität, der das Buch »Ueber die Nichtexistenz der
Fischschwänze bei der Gattung ~Nixa aquosa~« geschrieben hat. -- Ja,
ja, derselbe! seufzte Undula, und all seine Weisheit hat er von mir,
der Undankbare! Hört nur weiter. Ich kam also in der Nacht, als mein
Vater und meine Freundinnen schliefen, wieder herauf und fand ihn,
wie er eben seine Ode auf mich fertig hatte. Ich verstand noch kein
Sterbenswörtchen; aber es klang doch schön, wie er's so im Mondschein
declamirte; wenn er nur nicht mit den Armen so steif in der Luft
herumgefahren wäre! Da aß er nun erst, was ich ihm mitgebracht hatte,
rein auf; damals erfuhr ich zuerst, was Studentenappetit ist. Dann
fing er seine lateinische Stunde an, und da ich gut begriff, wie wir
Nixen alle, kamen wir in der ersten Lection gleich bis ~amo~. Das
war ein passender Uebergang zu +meinem+ Unterricht, und ich kann
Euch versichern, Fedelint -- und dabei sah sie erröthend auf ihre
Perlenschnur -- er machte eben so schnelle Fortschritte im Küssen, wie
ich vorher im Lateinischen.
So hatte der gegenseitige Unterricht ungefähr einen Monat gedauert, und
ich war es so gewohnt, in altgriechischem Gewande zu erscheinen, daß
ich auch jetzt, wo gar Vieles anders geworden ist, mich nur so kleide,
wie Ihr mich seht, lieber Fedelint. Da kam ich eines Abends herauf,
und meine Augen glitten geschwind nach der Stelle, wo ich sonst den
Freund immer fand; aber ach, sie war leer! Der Wind, der klagend in dem
Erlenbaum flüsterte, wehte mir ein Blättchen Papier zu, darauf stand:
Vielgeliebte Undula,
Theuerste ~discipula~!
Zeit ist's, daß ich dich verlass',
Nicht mehr hab' ich ~ferias~.
Doch zum Abschied drückte dir
Auf die linke Ecke hier
Seinen allerschönsten Kuß
Theophilus Sutorius.
Ihr könnt denken, Fedelint, wie sehr ich betrübt war; aber ich verzieh
ihm, denn er hatte bei mir ausgelernt und hatte mich den Werth einer
höheren wissenschaftlichen Ausbildung so hoch schätzen gelehrt, daß
ich es ihm nicht verdenken konnte, wenn er Jemand suchte, der ihm
über die neuesten Systeme der Kunst zu küssen Aufschluß geben könnte.
Denn wir armen Geschöpfe leben gar zu einsam, um je andere Weisheit
zu lernen, als die sich von Mutter zu Tochter fortpflanzt. Ich kehrte
also traurig in die Tiefe zurück und lebte ganz im Andenken an den
Verlornen; aber von der Zeit an ließ ich mich Undula nennen und trug
griechische Kleider. Da erfuhr ich vor einigen Jahren, er habe ein Buch
geschrieben, worin er unser ganzes Leben und Treiben klärlich schildert
und alle Geheimnisse, die ich ihm anvertraut hatte, bekannt macht. Da
verwandelte sich meine Liebe zu ihm in einen glühenden Haß. Zwar hat
zum Glück noch kein Mensch an sein Buch geglaubt; es kam ihnen allzu
wunderbar vor, wie wahr es auch ist. Aber die Treulosigkeit ist doch
dieselbe. -- Dabei vergoß Undula einige Thränen, die von den schönen
Perlemuttermuscheln aufgefangen wurden, und sich sogleich in Perlen
verwandelten.
Ja, fuhr Fedelint auf, das alte Kameel! Und wißt Ihr denn, schöne
Weinende, daß er neulich ein Buch geschrieben hat »Ueber die Nixe
Undula« und daß Ihr als eine allegorisch-phantastisch-etymologische
Mythe aufzufassen seid? -- Ach, seufzte Undula, der Schändliche!
Und doch schleicht er hier beständig herum in seinem großblumigen
Schlafrock mit der langen Pfeife und in Pantoffeln und ruft nach
mir. Denn er möchte Funzifudelchen gern haben und das halbe Reich,
und das Buch hat er nur geschrieben, um die Andern irre zu führen.
Ich bin schon seit Monden nicht heraufgetaucht und habe das Lied
nicht gesungen. Aber heut kam mich eine unwiderstehliche Lust an,
den Mondschein zu schaun, und da es schon so weit nach Mitternacht
war, glaubt' ich, ich hätte von Sutorius nichts mehr zu befürchten.
Da habt Ihr mich denn belauscht, und weil Euer Schlafrock ganz eben
so aussieht, wie der des Sutorius, hab' ich wahrhaftig geglaubt, den
Verhaßten zu sehen, und Euch die Hörnlein angezaubert, um ihn klassisch
zu bestrafen. So wißt Ihr nun, wie Alles gekommen ist.
Sechstes Kapitel.
Fiedler und Student.
Nachdem die Nixe ihre Geschichte beendet hatte, folgte eine kleine
Stille. Dann sagte Fedelint und betrachtete traurig seine Mütze, die
nun nicht mehr passen wollte: Liebes, schönes Fräulein! Ich weiß
nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Das Lied kenne ich nun wohl,
wodurch ich Funzifudelchen gewinne; aber mit dem Kopfputz wird sie mich
doch nimmermehr lieb haben. -- Närrchen! lachte die Nixe, das ist das
Wenigste. Ja freilich habt Ihr ein bischen Mühsal davon, denn Ihr müßt
Euch die Hörner ablaufen; aber ich sag' Euch gut dafür, daß Ihr in der
nächsten Mitternacht vor dem Glas-Pavillon steht und dabei, wenn Euch
der Kopf friert, wie sonst die Mütze aufhaben werdet. Das müßt Ihr aber
so anstellen. Seht Ihr wohl? da hinter den Bäumen, wo die lichte Stelle
ist, dämmert schon der Morgen; sobald es Tag wird, macht Euch auf und
streift durch den Wald und seht dabei fleißig nach Eurer Taschenuhr.
Denn alle Stunde müßt Ihr die Hörnlein gegen einen Eichstamm stupfen;
dann werden sie kleiner. Abends aber, sobald der Mond herauf ist, wird
Euch ein braunes Reh begegnen, das noch kein Geweih hat. Eure Hörnlein
sind dann schon ganz kurz, kaum eines Daumens stark. Wenn Ihr das Reh
seht und sein Rufen hört, sprecht folgenden Vers:
Rehlein schlank und Rehlein braun,
Von der allerschönsten Fraun,
Undula der Wassernix,
Bring' ich zu dir Gruß und Knix.
Und sie läßt dir freundlich sagen,
Dies Geweihlein sollst du tragen.
Nimm's und hab noch tausend Dank,
Rehlein braun und Rehlein schlank!
Dann fühlt nach Eurem Kopf, und Ihr werdet der Bürde los und ledig
sein. Wißt Ihr aber? wenn Ihr mir was Liebes thun wollt, dieweil ich
Euch zu Funzifudelchen verholfen habe, so werft dem Professor Sutorius
am hellen Tage die Fenster ein. Und nun Adieu!
Sie steckte Fedelint noch die Taschen seines Schlafrocks mit den
~beaux-restes~ der Mahlzeit voll, Alles fein säuberlich in große
Blätter gewickelt, und nahm dann Abschied. Einige Geschichtschreiber
meinen, die Nix habe ihn noch zu guter Letzt im Küssen examinirt,
und er habe ganz glänzend bestanden. Wir können das nicht verbürgen;
so viel aber steht fest, daß er zu sich selbst sagte, wie er durch
den dämmernden Wald dahinschritt: Es ist doch zuweilen gut, wenn man
getrennt ist von seiner Braut und die eine verwunschene Prinzessin ist,
daß sie nicht alles sehn kann, was man thut.
Im Wald aber wachten alle Vögel auf und fingen an zu zwitschern und
nahmen Besuch an von den Sonnenblitzen, die zu ihnen in die Nestchen
kamen. Es war Alles übermüthig und vergnügt, und die Zweige der jungen
Buchen konnten es nicht lassen, Fedelint zu necken und ihm das Gesicht
zu streicheln, daß er manchmal ganz bitterböse wurde. Dann aber
lachte er sich selbst aus und ging die verschlungenen Wege weiter,
die Taschenuhr in der Hand, und richtig alle Stunden stupfte er die
Hörnlein an einen Eichstamm und sagte bei sich: Mach' ich's doch gerade
so gut wie die kleinen Zicklein, und mein Geweih ist erst von gestern!
Dabei sang er sich beständig das Lied der Nixe Undula vor, um es nicht
zu vergessen. Ei der schändliche Sutorius! brummte er auch mitunter.
Ich habe es gleich gemerkt, es mußte so was passirt sein; denn wenn er
im Colleg über die ~Nixa maritima~ sprach, war er ganz ruhig; nur bei
der ~Nixa aquosa~, wozu er die Wildbachnixen zählte, verwirrte er sich
jedes Mal. Ja, ja, das war das böse Gewissen! -- Und dann riß Fedelint
immer ganz ärgerlich eine Knospe oder eine Blume ab, und murmelte so
was wie: Pfui, der alte Sünder!
Wie es um Mittag war und er Schlag zwölf Uhr seine Hörnlein abgewetzt
hatte, und sie waren schon ganz zierlich und klein, kam er an eine
kühle schattige Stelle, wo ein kleiner Brunn rieselte, mit Epheu und
Immergrün überrankt. Ei, da willst du Halt machen und essen, sagte er
zu sich selbst; denn beim Mittag und Vesper durfte er ruhn, hatte ihm
Undula gesagt; sonst mußte er fortwährend laufen, um sich die Hörner
abzulaufen. Setzte sich also ganz lustig ins hohe grüne Gras, packte
seine Taschen aus und fing an drauf los zu essen. Kaum hatte er eine
kleine Weile gegessen, da klang's fern durch den Wald, wie eine Geige,
und Einer sang dazu. Zum Kuckuk! dachte Fedelint, ich könnte Stein
und Bein schwören, daß das mein Bruder ist. Gerade so machte er das
~staccato~ und die Doppelgriffe. -- Indem fing die Geige eine neue
Melodie an, und ein schöner Tenor sang dazu:
Auf freier, frischer Straßen
Da wandr' ich lustig hin.
Mich freut gar aus der Maßen,
Daß ich ein Fiedler bin.
Hol' ich mein' Fiedel vor,
Da spitzt der Wald sein Ohr;
Die Vöglein in den Zweigen
Die zwitschern mit im Chor.
Am Abend in den Schenken,
Wann klingt die Fiedel mein,
Da thut sich Alles schwenken;
Der Wirth der schenkt mir ein.
Gar stattlich ist sein Bauch;
Sonst dreht' er sich wohl auch.
Die Zeche steht im Schornstein;
Da löscht sie aus der Rauch.
Will mich ein Harm beschleichen,
Ich weiß wohl, was ich thu';
Ein Liedlein thu' ich streichen
Und sing' mir eins dazu.
Gleich hat der flinke Takt
Die Beine mir gepackt;
Ich muß dazu auch tanzen,
Und fort ist, was mich zwackt.
Das Lied war kaum zu Ende, so trat der Musikant aus den Bäumen hervor
und stand vor Fedelint. Beide sahen sich groß an. Bruder, schrie
endlich Fedelint, was hast du für einen hübschen Bart gekriegt!
-- Bruder, schrie der Andere halb erschrocken, was hast du für
abscheuliche Hörnlein! -- Ach stoß dich nicht dran! sagte Fedelint
wieder, ich hab' sie mir bald abgelaufen. Er schloß den verwunderten
Bruder ans Herz, und nachdem sie sich fröhlich geküßt hatten, zog
der Student den Fiedler ins Gras nieder, nöthigte ihn mitzuessen und
erzählte ihm seine ganze Geschichte. Und wo bist du denn herumgewesen,
Franz? schloß er. Da kamen nun bunte, wunderseltsame Historien zum
Vorschein. Zu allerletzt war Franz an eines Königs Hof gewesen, hatte
sich sterblich in die Prinzessin verliebt und ihr mit seiner Musik
auch das Herz gestohlen. Sie waren nun schon ganz glücklich und hatten
sich verabredet, Franz solle am folgenden Tage Visite beim alten
König machen und um die Hand seiner Tochter sich bewerben; da bekam
der Premier-Minister Wind davon und ließ in einer schönen Nacht Franz
aufheben und mit zwei Gendarmen über die Grenze bringen. Ach! seufzte
Franz und sah die zwei schönen Sardellen auf dem Brödchen, das er
eben in der Hand hielt, mit feuchtem Blick an -- wie soll ich sie je
vergessen?
Junge, rief Fedelint, nimmermehr sollst du sie vergessen! Siehst
du wohl? wenn ich Funzifudelchen und das halbe Reich habe, bist du
geborner Prinz von Geblüt; da wird der Alte schon klein beigeben.
Juchhe! schrie Franz, aß geschwind die Sardellen auf, that einen
prächtigen Luftsprung und fiedelte drauf los, daß es nur so jubelte,
und er und Fedelint tanzten und sangen dabei:
Will mich ein Harm beschleichen,
Ich weiß wohl, was ich thu';
Ein Liedlein thu' ich streichen
Und sing' mir eins dazu.
Gleich hat der flinke Takt
Die Beine mir gepackt;
Ich muß dazu auch tanzen,
Und fort ist, was mich zwackt.
Hör' auf, Franz! schrie Fedelint, mir geht der Athem aus. -- Der
aber strich noch eine Weile fort; dann schloß er mit einem langen,
köstlichen Triller und sagte: Hör', Fedelint, du mußt mir das Lied der
Nixe vorsingen. Wenn du heut um Mitternacht die Serenade bringst, geh'
ich mit und begleite dich auf der Geige; das wird sich besser machen,
als wenn du mit deinem dünnen Bariton allein dich hören lässest. --
Bravo! sagte Fedelint. Aber erst will ich meine Hörnlein an den Stamm
da stupfen, es ist wahrhaftig schon fünf Minuten über Ein Uhr. Und
damit butzte er den Kopf an die Eiche, unter der sie gespeis't hatten,
daß Franz vor Lachen sich die Seiten hielt. Dann fing Fedelint an und
sang Undula's Lied, und Franz strich die Fiedel dazu, und ich wollte
selbst, ich wäre dabei gewesen.
Siebentes Kapitel.
Wie Fedelint an den Unrechten kommt.
Sie waren nun den ganzen Tag im Forst herumgeirrt, und Fedelints
Hörnlein hatten mehr und mehr abgenommen, daß er sie schon hätte mit
den braunen Locken bedecken können. Da ging der volle Mond in großem
Glanze am Horizonte auf, und sie sahen von einem Hügel, den sie
erklimmten, das zauberhafte Schauspiel seelensvergnügt mit an. Jetzt
ist die rechte Zeit! jauchzte Fedelint; still, Franz! war dir's nicht
auch, als hörtest du da geradezu das Reh rufen? -- Ja, sagte Franz, es
rief was; aber ob's von einem Reh war, will ich nicht beschwören. --
Indem hatte der stürmische Fedelint den Bruder schon mit fortgezogen.
Siehst du? Siehst du? der braune Fleck da? raunte er ihm zu. -- Ja ja,
erwiederte Franz, ein brauner Fleck ist's; aber ob's ein Reh ist, will
ich nicht beschwören. Fedelint aber hörte nicht, sondern stand schon
steif und fest da, räusperte sich und hob mit lauter Stimme an:
Rehlein schlank und Rehlein braun,
Von der allerschönsten Fraun,
Undula der Wassernix,
Bring' ich zu dir Gruß und Knix.
Und sie läßt dir freundlich sagen,
Dies Geweihlein sollst du tragen.
Nimm's und hab' noch tausend Dank,
Rehlein braun und Rehlein schlank!
Ach Herr Jesus, Herr Jesus, mein Kopf! schrie da auf einmal ein Mensch.
-- Horch, Fedelint, sprach Franz, da hast du einmal was Dummes gemacht!
Dacht' ich's doch gleich. -- Sie schlüpften eilig durch die Sträucher
und zu dem Orte hin, von wo die Stimme erschollen war, und da sahn sie
die Bescherung. Der alte verrückte Kapellmeister lief wie unsinnig
in seinem braunen Schlafrock zwischen den Bäumen herum, faßte sich
jammernd und wehklagend nach dem Kopf, wo richtig Fedelints Hörnlein
saßen, und auf dem Platz, wo er gesessen hatte, lag der große dicke
Bassistenkönig, der Waldteufel mit dem Bilde Muffels des Ersten auf der
Brust. In demselben Augenblick trat das Reh, dem das Geweih bestimmt
gewesen, aus den Schatten hervor, sah sich die Gesellschaft verlegen an
und nahm dann hastig Reißaus ins Dickicht hinein.
Aber lieber alter verrückter Kapellmeister! wie kommt Ihr denn hierher?
rief Fedelint. Und was in aller Welt habt Ihr mit dem Waldteufel
vorgehabt? -- Der Alte sah sie Beide mit starrem Blick an. Plötzlich
sprang er wie unsinnig auf den Waldteufel los, faßte ihn und rief:
Wollt Ihr mir noch hinter mein Geheimniß kommen, wie Ihr mir den
Schabernack mit den Hörnern angethan habt? Ihr Teufelssakkermenter! --
Und damit rannte er so eilig fort, daß ihm der braune Schlafrock wie
eine Fahne nachwehte und die Beiden versteinert dastanden.
Ein alter Jägersmann trat schlau lächelnd zu ihnen. Mit dem ist's
nicht richtig, Ihr Herren, fing er an. Denkt nur! gestern Nacht, ich
hatte eben meine Büchse in die Ecke gestellt, und will mich hinlegen
und schlafen, da geschieht plötzlich ein gewaltiges Brausen durch
die Luft, daß mir altem Jäger ordentlich bange wird, und wie ich den
Kopf aus meiner Hütte stecke, sehe ich ein ganz Heer von Waldteufeln
herangeflogen kommen, und hinterdrein jagt das kleine dürre Männchen,
das Ihr eben gesehen habt, und schreit, was es nur kann: Halt' doch
still, Nixe! halt' doch still! Wirklich kriegt er den einen zu fassen,
stolpert aber über eine Baumwurzel und fällt längelangs zur Erde. Wie
er sich wieder aufgerappelt hatte, waren die andern alle verschwunden;
der eine Waldteufel aber lag ganz zerknittert neben ihm. Im Nu hatte
er ihn in der Hand und rief jubelnd: Hab' ich dich endlich! Hab' ich
dich! Dann setzte er sich auf einen gefällten Baumstamm und besah ihn
von hinten und vorn. Ganz verstimmt! brummte er ärgerlich, bog die
Pappe wieder gerade, zog so ein Ding wie eine Gabel aus der Tasche,
hielt sie vors Ohr und drehte dann den Waldteufel. Es ist wirklich ~Fis
dur~ geworden, sagte er vor sich hin. Das wird Mühe kosten, ihn wieder
auf ~C moll~ zu bringen! -- Und nun saß er die ganze Nacht und den
ganzen vergangenen Tag auf demselben Fleck, machte die Roßhaare bald
kürzer, bald länger und hielt immer von Zeit zu Zeit die Gabel vors
Ohr, die ganz wunderlich klang. Mich dauerte der arme Mensch; ich trat
am Ende zu ihm und brachte ihm ein Stück Brod und einen Käse. Er sah
erschrocken auf, versteckte den Waldteufel rasch, nahm aber die Speisen
kopfnickend an, ohne ein Wort zu sprechen. Sobald ich fort war und er
aufgegessen hatte, was ich ihm brachte, fing er wieder von vorn an zu
spielen und die Gabel vors Ohr zu halten, und das hat er getrieben, bis
Ihr kamt. Wißt Ihr mir vielleicht zu sagen, wer er ist, meine Herren?
Es ist der alte verrückte Kapellmeister aus der Stadt, sagte Fedelint.
Weiß der liebe Himmel, was er wieder für Schrullen im Kopf hat! Aber
wollt Ihr wohl so gut sein, Herr Jäger, uns nach der Stadt zu weisen?
-- Von Herzen gern, sagte der Jäger; ich will ohnedies sehen, ob noch
ein Laden offen ist, um mir etwas Pulver zu kaufen.
Und so schritten die Drei in wechselnden Gesprächen durch die
monddämmerigen Laubgänge der Stadt zu.
Achtes Kapitel.
Wie das Märchen von Fedelint und Funzifudelchen ein fröhliches Ende
nimmt.
Im Glas-Pavillon sah's in dieser Nacht wie alle Nächte aus.
Funzifudelchen hatte französische Stunde und mußte aus dem ~Charles
XII.~ übersetzen, den ihr der Lehrer vorlas. Der alte König saß mit
seinem lieben Rapudänzelchen dabei und hörte zu, obgleich sie Beide
eigentlich kein Französisch verstanden. Sie thaten aber doch so, denn
es war Mode, und der König stieß alle Augenblicke seine Gemahlin an und
sagte: Hör', wie unser Kind viel weiß! es geht ja wie Wasser. -- Der
Lehrer zupfte dann an den Vatermördern, machte ein wichtiges Gesicht
und sagte: Es mag auch wohl am Lehrer liegen, Majestät. Bei jedem
Andern hätte Fräulein Prinzessin Tochter Königliche Hoheit nicht so
viel gelernt, trotz ihrer ~qualités excellentes~; aber meine Verdienste
um die französische Sprache sind von der Pariser Akademie -- --
Schnurrurrurrurrrrrrr ... ging es unten auf der Straße los. ~Ah mon
Dieu!~ rief Funzifudelchen, welch ein gräulicher Lärm! Der König
stürzte zum Fenster und sah draußen den alten verrückten Kapellmeister
stehn und mit wahrem Feuereifer den großen Waldteufel schwingen. Der
Mond beleuchtete gerade die Hörnlein, die aus dem langen weißen Haar
hervorschauten; aber das dürre Figürchen stak in einem feierlichen
schwarzen Anzug, um den Hals war eine schlohweiße Binde geknüpft,
und ein großmächtiger Blumenstrauß saß im Knopfloch, als ging's zur
Hochzeit. Indem der König eben nach seiner Börse griff, um dem alten
Musikanten einen Groschen hinabzuwerfen und ihn fortzuschicken, kam
schon die Wache und nahm den alten verrückten Kapellmeister trotz alles
Sträubens und Schreiens: es wäre das Lied der Nixe Undula, und ganz
richtig nach ~C moll~ gestimmt! mit sich fort.
Daß man doch nie vor Störungen sicher ist! sagte Muffel der Erste ganz
ärgerlich und setzte sich wieder. Bitte, Herr Beaumarchais, fahren
Sie fort. -- Die Prinzessin war ein wenig unruhig und zerstreut. Da
klang's vom nahen Kirchthurm Mitternacht, und unter dem Fenster fing
eine wunderliebliche Melodie an; eine Geige spielte einige reizende
Passagen, dann sang ein zarter Bariton folgendes Lied:
Dein Herzlein mild,
Du liebes Bild,
Das ist noch nicht erglommen;
Und drinnen ruht
Verträumte Glut,
Wird bald zu Tage kommen.
Es hat die Nacht
Einen Thau gebracht
Den Blumen all im Walde,
Und Morgens drauf
Da blüht's zuhauf
Und duftet durch die Halde.
Die Liebe sacht
Hat über Nacht
Dir Thau ins Herz gegossen,
Und Morgens dann,
Man sieht dir's an,
Das Knösplein ist erschlossen!
Ach Himmel! rief die Prinzessin, was ist das? Ich +sehe+! Ich +sehe+!
Ach Herr Beaumarchais, was haben Sie für große Vatermörder! Ach lieber
Vater, liebe Mutter! -- Und damit fiel sie den erstaunten Eltern um den
Hals und hätte beinah auch Herrn Beaumarchais umarmt. Der aber machte
einen respektvollen Diener und sagte: Entschuldigen Sie, Königliche
Hoheit! das wäre ein Verstoß gegen die Regel der französischen
Etiquette. Muffel der Erste aber und Rapudanzia fielen wechselsweise
sich und Funzifudelchen in die Arme und lachten und weinten. Da klopfte
es an die Thür. Herein! Herein! riefen Alle miteinander, und da ging
die Thür auf und Fedelint trat ein. Ach, schrie Funzifudelchen ganz
laut, was für ein schöner Mensch! -- und darauf wurde sie ganz roth und
schwieg stille. Der König aber trat zu Fedelint und sagte: Junger Mann,
seid Ihr der Sänger? Und als Fedelint in wortlosem Entzücken dastand,
trat geschwind Einer mit einer Fiedel hinter der Thür hervor und sagte:
Ja, Majestät, das ist er, und mein Bruder auch, und ich schmeichle mir
nun geborner Prinz von Geblüt zu werden. -- Donnerwetter, das sollt
Ihr! sagte der König, umarmte erst Fedelint und dann Franz, führte
darauf den noch immer stummen Studenten seiner Tochter zu und sagte: Da
habt Ihr Euch, Kinderchen!