In derselben Nacht saß Fedelint in seinem Studentenstübchen am Pult

und hatte einen großen griechischen Folianten in Schweinsleder vor

sich. Er war eben wieder aus dem Carcer gelassen worden, darin er bei

Wasser und Butterbrod vier und zwanzig Stunden hatte sitzen müssen.

Dessenungeachtet war er gleich zum Glas-Pavillon gelaufen, um sein

geliebtes Funzifudelchen zu sehn; aber zwei Nachtwächter standen da

Schildwacht und ließen ihn nicht herankommen. Man hatte ihnen freilich

die Augen verbunden, und ihren großen Bulldoggen auch, damit sie nicht

selbst das Verbot übertreten möchten, das sie überwachen sollten; aber

sie fochten die ganze Nacht hindurch mit großen Spießen rings um sich

her in die blaue Luft, und die Hunde waren so abgerichtet, daß sie

beständig die Zähne fletschten, so daß der arme Fedelint, so viel Herz

er auch hatte, doch unmöglich herzukonnte. So schlenderte er also trübe

nach Haus, und wie er durch die mondhellen Gassen ging, fiel ihm ein

Lied ein und er sang:

In der Mondnacht, in der Frühlingsmondnacht

Gehen Engel um auf leisen Sohlen;

Blonde Engel, innig und verstohlen

Küssen sie im Traum die schönsten Blumen.

Süßes Herzlieb, allerschönste Blume!

Weiß es wohl, woher die Glorie stammet,

Die dir heut das Antlitz überflammet;

Bist noch in den Traum der Nacht verloren.

Denkst der Engel, die durchs offne Fenster

Sich auf Mondesstrahlen zu dir schwangen,

Hauchten leisen Kuß auf Mund und Wangen

In der Mondnacht, in der Frühlingsmondnacht!

Ja wenn ich nur ein Engel wär' und auf den Mondstrahlen reiten

könnte! sagte er vor sich hin. Dann schlich er unter Seufzern und

Stoßgebetlein heim, kletterte die vier Treppen hinauf und trat in seine

Stube. Sein Schlafgesell lag schon im Bett und schnarchte für Vier.

Er schien ziemlich selig nach Haus gekommen zu sein; denn er lag mit

Kanonenstiefeln und Sammetrock da und hielt den Korb des Schlägers, an

dem die Cereviskappe noch vom Landesvater her steckte, steif in der

rechten Faust, über die der dicke Lederhandschuh gezogen war. Fedelint

achtete das nicht, setzte sich, nachdem er ein Licht angezündet, hin

und schlug den Folianten auf, aus dem er eifrig zu übersetzen schien.

Aber weiß Gott, was da in dem alten vergriffenen Codex stand, oder

ob Fedelint nicht recht lesen konnte; kurz und gut, es kamen lauter

Sonette an Funzifudelchen aufs Papier.

Da klopfte es dreimal an die Thür. Nur immer herein! rief der am

Pult. Die Thür ging schreiend auf, denn sie war, wie das so in

Studentenwirthschaften zu gehn pflegt, lange nicht geschmiert worden,

und ein altes vertrocknetes Mütterchen trat ein mit einer wunderschönen

rothen Nase, die wie lauter Rubin funkelte. Sie wäre trotz ihrer Jugend

immer noch eine ganz leidliche Frau gewesen, wenn sie ein paar Zähne

mehr und ein paar Falten im Gesicht weniger gehabt hätte. Junger Herr

Studiosus, fing sie an und zwinkerte schlau mit den Augen, junger

Herr Studiosus! -- Was wollt Ihr denn noch so spät, gute Alte? sagte

Fedelint und bot der Alten den einzigen noch nicht zerbrochenen Stuhl

an, nachdem er ein Dutzend Bücher weggeräumt hatte. -- Nicht sitzen,

junger Herr, nicht sitzen! Mit mir müßt Ihr gehn, in den Wald hinaus,

links an der Mühle vorbei; da liegt ein Schatz, hihihi! viel roth

Gold! Sollt ihn haben, wenn Ihr mitkommt. -- Fedelint bedachte sich

nicht lange. Das Geld war ihm dummer Weise schon seit vierzehn Tagen

ausgegangen, und die Philister wollten nicht länger borgen. -- Wartet,

alte Hexe, rief er, ich will nur meinen Schlafrock anziehn. Es sind

böse Nebel zu Nacht. Damit schlupfte er in den großblumigen Schlafrock

hinein, setzte die Mütze auf die braunen Locken, und folgte der Alten,

die kichernd die Treppen hinabrutschte. Sie gingen zusammen durch die

verzwicktesten Gäßchen, immer an den Häusern entlang, die im Schatten

standen, und die Alte trippelte mit erstaunlicher Geschwindigkeit

voraus. Zum Kuckuk! rief Fedelint, lauft nicht so, Alte! Ich bin müde,

habe vierundzwanzig Stunden im Carcer gesessen und nichts zu beißen

gehabt, als erbärmliches Butterbrod. -- Hihihi! kicherte die Alte. --

Hört einmal, fing Fedelint wieder an, laßt mir auch das ewige Kichern;

es wird einem ganz unheimlich dabei. -- O du liebe Zeit! sagte die

Alte; Euch Herrn Studiosen ist auch gar nichts recht zu machen. Immer

habt Ihr was zu befehlen und großzusprechen. -- Alte, ich kann die

anzüglichen Redensarten nicht ausstehn! drohte Fedelint. Am besten

ist's, wir reden kein Wort zusammen bis zum Schatze. -- Ja ja, der

Schatz, der Schatz! murmelte die Alte halblaut und schmunzelte. Ist

noch ein bischen weit hin. -- Sie waren zum Thore hinaus, und da fing

gleich der stockfinstre Wald an. Nur ein schwacher Mondblitz fiel von

Zeit zu Zeit auf den Weg, den sie einschlugen; aber die Alte mußte

Augen haben, wie eine rechte Eule, denn sie stieß kein einzig Mal an

einen Baum oder stolperte über eine Wurzel; vielmehr glaubte Fedelint

zu bemerken, daß die Aeste und Sträucher scheu vor ihr ausbogen.

Am Ende ist's eine Hexe, dachte er bei sich. Es lief ihm ein bischen

kalt über den Rücken. Dann aber dacht' er gleich: Was kann sie mir

thun? An meinem Leben liegt mir nicht so viel; da würd' ich der Qual

um Funzifudelchen auf einmal los. Aber wenn sie mich gar heirathete!

Solche alte Schachteln denken gewöhnlich, sie sind immer noch viel

zu gut für so ein junges Blut. Ach, was schiert's mich! Wenn sie's

zu arg macht, kann ich ja doch immer noch Nein sagen. -- Sie gingen

neben einem blanken Bach vorbei, in den der Mond gar hell und silbern

hineinsah. Da hörte Fedelint, wie die Alte ein Lied vor sich sang,

gerade als wüßte sie, was er gedacht hatte:

Und bild' dir keine Narrheit ein!

Du bist mir viel zu jung;

Hast kaum drei Haar' unterm Näschen dein,

Das ist mir nicht genung.

Und wenn ich einen heirathen thu',

Muß sein ein Reiter zu Roß,

Noch 'mal so breit und lang wie du,

Sein Bart dreier Ellen groß.

Sein Rößlein saus't in Windeslauf,

Sein Bart der deckt mich zu;

Ich sitz' vor ihm am Sattelknauf,

Und hinterm Ofen du!

Eben wollte Fedelint anfangen, der Alten den Text zu lesen über solch

ein ehrenrühriges Lied, da machte der Weg eine Schwenkung und sie

standen vor einer schaurigen Schlucht, in die der Bach schäumend sich

hinabwarf und ein gewaltiges schwarzes Mühlenrad trieb. Die Mühle lag

in dunkeln Umrissen dahinter, an den Berg angelehnt, drüber gelagert

großmächtige Eichen und Edeltannen, die die Hütte wie mit Adlersflügeln

zu decken und zu bewachen schienen. Junger Herr Studiosus, flüsterte

die Alte freundlich grinsend und faßte ihn mit der spindeldürren Hand

am Arm, da den Steg hinab, da geht's zum Schatze. Fedelint folgte

zögernd und hatte sich nur in Acht zu nehmen, daß sein Schlafrock nicht

alle Augenblicke an den spitzen Felszacken hangen blieb. Ein morscher

Baumstamm lag über dem Bach, der unter ihren Füßen krachte, und die

Wellen murmelten: kullerkuller, hüt' dich! hüt' dich, Studentchen!

gluck! gluck! Aber Fedelint war ganz gutes Muths, denn er dachte an

Funzifudelchen.

Sie waren schon hart an der Mühle, doch konnte Fedelint die alte

wohlbekannte Hütte nicht wiedererkennen; auch der Grund, in dem sie

lag, schien ihm verändert, wilder und schauerlicher, und die Berge,

die sonst ein gut Stück von einander entfernt waren, rückten ganz nahe

zusammen und drohten einander mit den überhangenden Kuppen, wie riesige

Stiere, die einander die Hörner weisen. Anstatt der verfallnen Hütte

aber, in der nur der alte Müller wohnte, stand eine verwilderte Burg,

ganz in Trümmern, die zerrissene Arme gegen den Nachthimmel streckte,

und zwischen den Fensterlücken, wo das Nachtgevögel kreischend aus-

und einflog, drängten sich die Mondstrahlen und zitterten über die

Schlinggewächse, die aus allen Ritzen vorbrachen. Ein einziges

Erkerchen war wohlerhalten und schien bewohnt. »Seht Ihr, Herr

Studiosus? da wo das Licht blinkt, zwischen den weißen Hängen, da ist

der Schatz verborgen.« Wie die Alte das sagte, fing eine Guitarre leise

an zu klimpern und eine holdselige Stimme sang dazu. Fedelint horchte

mit verhaltenem Athem auf folgende Worte:

Fedelint! Fedelint!

Die Nacht ist lang;

Da wird so bang

Deinem treuen Kind!

Alt Eule schreit,

Des Windes Saus

Geht rings ums Haus;

Was bist so weit?

Komm, komm geschwind!

Mein Herz und Sinn

Zu dir steht hin,

Fedelint! Fedelint!

Wollt Ihr sie verschmachten lassen, junger Herr? flüsterte die Alte.

Ruft ihr zu, daß Ihr kommen wollt. -- Ich weiß nicht, Alte, sagte

Fedelint, mir sitzt was im Hals, ich kann nicht rufen; laßt mich

hineinschaun. -- Kommt, erwiederte die Alte, ich will Euch huckepack

zum Erkerfensterchen tragen. -- Damit hatte sie den leichten Studenten

schon auf den Rücken genommen und war mit ihm nach dem Fenster

getrippelt. Der Wind stieß die Vorhänge fort, daß das Licht drinnen

flackerte und der Schlafrock Fedelints der Alten weit über den Rücken

wehte. Den aber kümmerte es nicht; mit den Händen klammerte er sich ans

Fenstersims und schaute hinein. Da lag ein wunderschönes Mädchen mit

tiefschwarzem Haar im Großvaterstuhl, die Guitarre in den schwellenden

weißen Armen, und die weißen Finger glitten eben wieder über die

Saiten, als Fedelint den Kopf zum Fenster hineinsteckte. Da schlug sie

die langen Wimpern zu ihm auf, sah ihn mit wehmüthiger Sehnsucht an und

sang:

Fedelint! Fedelint!

Mußt fest dich klammern

An meiner Kammern

Fensterlein fest,

Auf daß dich läßt

Hangen der Wind, der Wind!

Doch mußt vorher

Verschwör'n, vergessen

Die kleine Prinzessen;

Darfst sonst nicht ein

Zur Liebsten dein,

Küssen sie nimmer, nimmermehr!

Hihihi! kicherte die Alte unten und schob den Schlafrock weg, daß der

auf ihrem Rücken besser hören möchte, seid doch klug, Herr Studiosus!

was soll Euch das blinde, verwunschene Ding? -- Darauf wurde es stille;

nur der Mühlbach rauschte gewaltig auf. Fedelint packte ein eisiger

Schrecken am Schopf; das schöne Mädchen stand auf vom Großvaterstuhl,

ging lächelnd und winkend auf ihn zu, und wollt' ihm die Hand reichen,

um ihm hineinzuhelfen. Plötzlich trat ihm Funzifudelchens Bild vor die

Seele, wie sie so hold und blumenhaft im Bettchen lag und war so lieb

und gut und wäre so gern erlös't worden, und er faßte sich ein Herz

und schrie: In die Hölle, ihr Hexenpack, jung und alt! -- Da that das

schöne Mädchen einen gewaltigen Schrei, die Alte kreischte laut auf,

schleuderte den armen Fedelint hoch in die Luft, und wie er wieder zu

sich und auf die Erde kam, war Alles verschwunden. Er stand hart an der

Thür der wohlbekannten Mühlenhütte; es war wieder der alte freundliche

Grund, und der Mühlbach trieb ruhig das Rad, daß der Schaum im Mond

glitzerte.

Fedelint rieb sich an der Stirn; es war ihm, als hätte er geträumt; und

doch war Alles so lebendig gewesen, er meinte noch immer das heisere

Kichern der Alten zu hören. Leise klinkte er die Thür auf und trat

hinein. Innen hörte er zwei Leute schnarchen; das Mondlicht, das durchs

Fenster schien, ließ ihn den Müller und seinen Mühljungen erkennen,

die lagen auf dem Stroh und Jeder hatte einen mächtigen Mühlstein als

Kissen unterm Kopf. Behutsam machte sich Fedelint fort und zog die Thür

leise hinter sich zu. -- Bin ich denn nicht bei Sinnen, oder ist's das

Fasten im Carcer, das mich so schwach gemacht hat? murmelte er vor

sich hin, als er weiter ging. Der morsche Balken war verschwunden;

dafür ging er über den alten festen Steg und hielt sich am Geländer

fest, weil ihm schwindelte vor all seinen Gedanken. Muß machen, daß

ich nach Haus komme, sagte er; die alte Schneiderin (das war nämlich

seine Wirthin) soll mir einen rechtschaffnen Fliederthee kochen, damit

ich das Fieber los werde. -- So ging er die dunkeln Waldwege nach der

Stadt zurück. Ein leiser Regenschauer machte ihn frösteln; doch wurde

er ganz lustig und sang alte, schöne Studentenlieder, und dachte an

Funzifudelchen. Der Regen hörte allmählich auf, und die Wolken flogen

fort, die den Mond verhüllt hatten. An einem heimlichen Plätzchen

machte er einen Augenblick Halt; da glänzte der Mond gar zu schön und

die Wellen liefen lustig murmelnd vorüber. Ein Weidenbaum hing quer

über den Bach, daß der Stamm eine ordentliche Brücke bildete. Ei, da

muß sich's schön sitzen lassen! dachte Fedelint, schwang sich behend

auf den Stamm, und ließ Füße und Schlafrock herunterhangen, daß die

Wellen ihm die Sohlen seiner Stiefel benetzten; aber der Schlafrock

bekam einen wundervollen nassen Saum. Wie er so saß, kam ihm wieder ein

Lied in den Sinn, und er sang:

Wie bin ich nun in kühler Nacht

Im Wald herumgestrichen!

Die Bäume, noch von Regen schwer,

Die wogten tropfend hin und her;

Hätt' nicht mein Herz gebrannt so sehr,

Nach Haus wär' ich gewichen.

Die lohe Glut kein Regen mag,

Kein Thau zu kühlen taugen.

Der rothe Blitz entflammt' sie nicht,

Der jäh die schwarzen Eichen bricht;

Das that der Liebsten Angesicht

Mit den zwei lichten Augen.

Ach Gott! dachte er und hielt ein, da hab' ich wahrhaftig eine Lüge

gesungen! Es ist doch ein Jammer, wenn man eine Liebste hat, die

verwunschen ist und die Augen nicht aufschlagen darf; darauf ist kein

einziges altes Lied eingerichtet. -- Er saß so eine Weile und sann;

dann sang er weiter:

Es geht ein Wehen durch den Wald,

Die Windsbraut hör' ich singen.

Sie singt von einem Buhlen gut,

Und bis sie dem in Armen ruht,

Muß sie noch weit in bangem Muth

Sich durch die Lande schwingen.

Der Sang der klingt so schauerlich,

Der klingt so wild, so trübe.

Das heiße Sehnen ist erwacht;

Mein Schatz, zu tausend gute Nacht!

Es kommt der Tag, eh du's gedacht,

Der eint getreue Liebe.

Viertes Kapitel.

Wie Fedelint durch ein Unglück ein Glück macht.

Eben war Fedelint im Begriff, seinen kühlen Sitz zu verlassen, und

dachte daran, wie er doch so ein leichtsinniger Mensch sei, und

nun müsse er sich eine doppelte Portion Fliederthee bei der alten

Schneiderin bestellen; da rauschte es nicht gar weit von ihm in den

Wellen, daß er neugierig in die Höhe sah. An einer breiteren Stelle

des Wildbachs war's, da ging eine ordentliche Bucht ins Ufer hinein,

rings von dichtem Busch bekränzt, daß man nicht wohl anders hinsehn

konnte, als von der Stelle, wo Fedelint saß. Da mußte das Wasser gar

tief sein, denn es war blau und still und kein Kiesel schimmerte vom

Grunde. Ein blondes Weib tauchte aus der Tiefe auf, die langen Haare

von Vergißmeinnicht und Wasserlilien gekrönt, ein griechisches langes

Gewand umgeworfen, weiß und silberglänzig. Sie setzte sich, Fedelint

abgewandt, auf einen der großen mit Moos überwachsenen Granitblöcke,

die der Bach im Frühling mit sich hinabreißt, und begann ihre gelös'ten

Haare in einen Wellenscheitel zu ordnen, wie es Fedelint bei den alten

Marmorbildern der Göttinnen gesehn hatte; dabei sang sie folgendes

Lied:

Dein Herzlein mild,

Du liebes Bild,

Das ist noch nicht erglommen,

Und drinnen ruht

Verträumte Glut,

Wird bald zu Tage kommen.

Es hat die Nacht

Einen Thau gebracht

Den Knospen all im Walde,

Und Morgens drauf

Da blüht's zuhauf

Und duftet durch die Halde.

Die Liebe sacht

Hat über Nacht

Dir Thau ins Herz gegossen,

Und Morgens dann,

Man sieht dir's an,

Das Knösplein ist erschlossen.

Sie hatte kaum geendet, da hörte sie hinter sich ein gewaltiges

Krachen, und gleich darauf fiel ein schwerer Körper ins Wasser. Wie sie

umblickte, gewahrte sie Fedelint, bemüht sich aufzurichten zwischen

den Steinen und Wellen; die Weide hing gebrochen über ihm. Er war, in

das Lied versunken, zu weit aufs obere Ende hinaufgerutscht, um die

Sängerin besser zu sehen. Die aber wandte sich halb erschrocken, halb

zürnend um, und als sie den Mann im Schlafrock gewahrte, wie er den

reißenden Wellen kaum Widerstand leisten konnte, rief sie: Frevler,

der du gewagt hast mich in der Waldeinsamkeit zu belauschen, zur Strafe

sollen dir auf der Stirn wie weiland Aktäon zwei Hörnlein wachsen!

-- Damit wollte sie eilig in die Tiefe hinabtauchen; aber Fedelint,

der mit Entsetzen auf seinem Kopf das Geweih wachsen fühlte, rief ihr

flehentlich zu: Allerschönste Göttin oder Nymphe, wer du auch seiest,

ich beschwöre dich bei der waldschützenden Diana, bleibe und laß mich

nicht unverdient büßen! -- Es lag so etwas Rührendes in seiner sanften

Bitte, daß die erzürnte Schöne unwillkürlich zögerte. Fedelint schwang

sich indessen ans Ufer, und als er in dem wogenden Silberspiegel

sich beschaute und den stattlichen Kopfschmuck ganz unbefangen als

wenn's gar nichts wäre auf seiner Stirn sitzen sah, mußte er, so

traurig er war, doch laut auflachen. Er kam sich gerade so vor, wie

der Moses in den alten Bilderbibeln, oder gar wie der leibhaftige

Gottseibeiuns. Das muß wahr sein, Fräulein, sagte er mit ganz lustiger

Stimme, da werdet Ihr keinen Mann kriegen, wenn's ruchtbar wird, daß

Ihr's Hörneraufsetzen so gut versteht! Ich bin doch aber wahrhaftig

unschuldig dazu gekommen. Habt Ihr ja ein ganz ehrbares Gewand bis über

die Fußspitzen, und Diana seligen Andenkens saß gerade im Bad, als der

Waidmann Aktäon des Wegs kam. Wenn Ihr mir nur in aller Welt sagtet,

wie Ihr auf den Einfall mit den Hörnern gekommen seid! -- Ach, sagte

die Nixe, das ist eine lange Geschichte! -- Sie schien ein bischen

betrübt, säumte aber nicht, sondern schritt durch die Wellen, die ihr

ehrfurchtsvoll die Hand küßten, nach dem Ufer, wo Fedelint stand und

das Wasser aus seinem Schlafrock rang. Sie setzte sich ins Gras dicht

neben den Weidenstamm, der so tückisch unter Fedelint zusammenbrach,

und hieß den jungen Mann neben sich sitzen. Seid nur dreist! rief sie,

als sie bemerkte, daß er fortwährend besorgt nach dem Saume ihres

Gewandes sah, ob nicht etwa ein garstiger Fischschwanz hervorguckte --

ich bin kein Ungethüm, wie es Eure Poeten mir nachsagen; da seht! --

Und damit streckte sie zwei rosige Füßchen aus den Wellen hervor, die

der Mondschein küßte, daß das rothe Blut in den Adern viel lustiger

zu rinnen schien. Fedelint fuhr nach dem Kopf und meinte gleich, es

wüchsen ihm neue Hörner. Die Nixe lachte. Seid doch nicht wunderlich!

sagte sie; Ihr sollt die ersten nicht behalten, viel weniger neue

haben. An all dem Unglück ist doch nur der Schlafrock Schuld. Aber wer

seid Ihr so eigentlich? fragte sie. Da erzählte ihr Fedelint treuherzig

seine ganze Geschichte. Sein Vater war Schulmeister in einem kleinen

Nest gewesen, hatte ihn früh auf die Universität gebracht und seinen

einzigen Bruder auch. Der war aber in die Welt gelaufen; denn er war

ein Musikant und spielte die Fiedel wie Einer, aber hinter den Büchern

sitzen mochte er nicht. Nun kam die ganze Geschichte von seiner Liebe

zu Funzifudelchen, und wie er heut Abend, nachdem er bei Wasser und

Butterbrod im Carcer gesessen, von der alten Hexe vexirt sei. -- Ach

du armer Schelm! sagte die Nix, den Spuk hat dir die böse Fee Aurora

Mesopotamia angerichtet; denn wenn du dich hättest verführen lassen,

wär' Funzifudelchen dir auf immer verloren gegangen. Aber du mußt ja

recht hungrig sein! will dir gleich was holen lassen. -- Sie pflückte

in Eil von den Blümelein Vergißnichtmein, die häufig am Bach wuchsen,

schlang ein Kränzchen und warf's gerade auf die tiefe Stelle. Dazu sang

sie:

Kränzlein von den Blumen blau,

Schwimm zu meiner Kammerfrau!

Sag' ihr, daß sie bring' herbei,

Was vom Vesper übrig sei:

Fischsalat von Lachsforellen,

Butterbrödchen mit Sardellen,

Grünen Aal und blauen Hecht;

Schwimm und meld' ihr Alles recht,

Daß sie sei in Eile da!

Dies befiehlt dir Undula.

Das Kränzlein war Augenblicks hinabgesunken. Fedelint aber saß in

tiefen Gedanken. Fräulein Nixe, fing er an, ist Undula wirklich Euer

Taufnamen? -- Die Nixe wurde roth. Man kennt mich jetzt nur unter

diesem, sprach sie; früher hieß ich +Wellindchen+. Wenn Ihr mir zuhören

wollt, sollt Ihr die ganze Geschichte wissen; dann werden sich auch

manche andere Räthsel lösen. Wißt nun also vor allen Dingen, daß ich

wirklich die Undula bin, die die böse Fee Mesopotamia meinte, als sie

Euer Funzifudelchen verwunschen hat; und das Lied, das Ihr von mir

hörtet, ist das, wonach jetzt alle Welt aus ist. Früher aber -- doch

laßt uns abbrechen; ich sehe da meine Kammerfrau auftauchen, und es

ist nicht gut, wenn die Dienstboten um die Familiengeheimnisse ihrer

Herrschaft wissen.

Wirklich tauchte an der tiefen Stelle ein junges Nixlein auf und trug

auf dem Haupte ein Brett mit einer reichlichen Collation. Sie kam mit

niedergeschlagenen Augen auf die Stelle zu, wo Undula und Fedelint

saßen, und stellte das Brett auf einen breiten Steinblock, der wie

gemacht schien zum Tisch, konnte aber nicht unterlassen, den schönen

Studenten verführerisch anzublinzen. Undula sah's gleich und machte ein

bös Gesicht. Kannst du das Liebäugeln und Coquettiren noch immer nicht

lassen? rief sie zürnend. In euch leichtfertiges Volk ist doch gar

keine Sittsamkeit zu bringen! -- Das Nixlein wurde hochroth und eilte,

wieder hinabzutauchen. Undula aber nöthigte ihren Gast zu essen, machte

die üblichen Entschuldigungen der Hausfrau und bat, vorlieb zu nehmen.

Sie selbst aß nichts, ließ die Perlen ihres Halsbands durch die Hand

gleiten, und während Fedelint mit einem rechten Studentenappetit zu

essen anfing, erzählte sie Folgendes.

Fünftes Kapitel.

Abenteuer der Nixe Undula mit dem Professor Theophilus Sutorius.

Es ist nun schon zwanzig Jahr her oder gar drüber, da saß ich eines

Tages in dem Wipfel jenes Erlenbäumchens, das, wie Ihr sehn könnt, die

Zweige zu einem förmlichen Sitz ausbreitet. Es war das meine liebste

Zuflucht, wenn meine Freundinnen mich geärgert hatten; denn ich war

damals noch sehr jung und durfte auf den großen Nixenbällen nicht

tanzen, und da sahn sie mich zuweilen über die Achsel an und schimpften

mich einen Backfisch. Darum zog ich mich, wenn wieder Ball war, in mein

Schmollwinkelchen zurück, oben auf den Baum, und weinte.

Da saß ich also wieder einmal und weinte, und hatte meine langen Haare

um mich gehüllt, daß sie fast bis auf den Boden herabreichten, als ich

einen jungen Menschen daherkommen sah, das Ränzel auf dem Rücken und

den Wanderstab in der Hand. Er sang:

Den Plato und den Cicero,

Die hab' ich wohl im Kopf;

Und doch sagt mir die Burschenschaft,

Ich sei ein dummer Tropf.

Das kommt daher, das kommt daher,

Daß ich nicht küssen kann.

Ach käm' ein einsam Dirnchen doch,

Die mir es zeigte an!

Der Jungbrunnen: Neue Märchen von einem fahrenden Schüler · 第 9 / 11 段