Als die Sonne aufging am andern Morgen, wunderte sie sich nicht wenig,

den kleinen Kuhjohn in der Waldwildniß zu sehn und die Blindekuh fernab

am Wege auf dem weichen Bartmoos. Der Kleine aber, wie er die Augen

aufthat und noch halb verschlafen fragte, wie Prinzeß Naserümpfchen

geruht habe, erschrak und wurde im Gesicht so kreideweiß wie sein

Miethszettel. Er lief die Kreuz und Quer zwischen dem hohen Farnkraut

herum und rief nach der Prinzessin; aber da bekam er keine Antwort,

kein Muh! und kein Puh! Nun malte er sich's immer deutlicher aus, wie

es doch gegen den Respekt wäre, die blinde Prinzessin so im Stich

zu lassen und wie übel es ihr nun ergehen könne; das machte ihm das

Herz fast zerspringen. Die alte Rabe kam geflogen und brachte ihm

einen Topf mit Brodsuppe, den sie irgendwo gestohlen hatte. Sie setzte

ihn gerade vor seine Nase auf einen Baumstumpf; aber der Kuhjohn war

ziemlich kalt dagegen. Brodsuppe hin, Brodsuppe her! sagte er. Sie

hat's eingebrockt und ich muß es ausessen. Ach die arme Prinzessin! Ach

mein schöner Respekt! wo ist der hin? Könnt' ich nur wenigstens den

Verstand verlieren! -- Damit warf er sich längelangs in das Farnkraut

und weinte, daß es nur so schwamm und alle Pilze versalzen wurden. Dann

stand er wieder auf und wehklagte hin und her durch die Waldeinsamkeit,

bis es zuletzt dahin kam, daß er wirklich den Verstand verlor. Da

lag nun der schöne Kuhjungenverstand zwischen dem Farnkraut, und die

Käfer liefen als ob's gar nichts wäre darum herum und befühlten ihn

mit den dünnen Vorderbeinchen. Der frühere Besitzer aber ging weiter,

hörte mit einmal auf zu weinen und sagte: Gott sei Dank! da hab' ich

meinen Verstand verloren, und nun wird noch Alles gut. -- Es war zwar

nicht viel, was er von Verstand bei sich führte; aber zuweilen war's

ihm doch unbequem gewesen. Ei wie er nun sang und sprang, als wäre

er einen Stein vom Herzen los geworden! Die Melkmarei aber, die alte

Rabe, hatte sich die Stelle wohl gemerkt, wo der Verstand lag, flog nun

hinter ihm her, und steckte ihm ganz sacht, so daß er's nicht inne

ward, den Miethszettel hinten in die Höslein. Sie hatte ihre guten

Gründe dabei, wie sie überhaupt alles bisher nur ihrem Freunde zum

Besten eingerichtet hatte. Der ging immer zu, pflückte Kuhblumen ab,

wo er welche sah, und sagte im Stillen: Es muß da hinten bei meinem

Miethszettel etwas nicht richtig sein; am Ende hat mein Verstand darin

gesessen und er ist mit verloren, denn ich fühle nichts mehr baumeln.

Weiter forschte er aber nicht, weil er eben keinen Verstand mehr hatte.

Er sang auch unterwegs kuriose Lieder, die einen guten Klang hatten,

und es war doch kein Verstand darin. Unter anderm:

Die Berge sind spitz

Und die Berge sind kalt.

Mein Schatz steigt zu Berge

Und ich in den Wald.

Da tröpfelt das Laub

Von Regen und Thau.

Ob die Augen da tröpfeln,

Wer sieht es genau?

* * *

Da drunten im Thal

Da blühen die Rosen;

Da will ich dich küssen

Viel tausendmal.

Wer Röselein bricht,

Den stechen die Dornen;

Und sei mir nicht bös,

Wenn mein Schnurrbart dich sticht.

* * *

Am Wildbach die Weiden

Die schwanken Tag und Nacht.

Die Liebe von uns beiden

Hat Gott so fest gemacht.

Am Wildbach die Weiden

Die haben nicht Wort und Ton.

Wenn sich die Augen besprechen,

So wissen die Herzen davon.

Und dergleichen mehr und dachte sich nichts dabei, eben so wenig beim

Kuhblumenpflücken; aber die alte Melkmarei hatte ihren heimlichen Spaß

daran.

Darüber hätt' ich aber fast zu erzählen vergessen, wie es der Blindekuh

ging. Das arme Thier wachte in grauer Frühe auf; denn es war ja gar

nicht gewohnt, ~stante pede~ zu schlafen. Wie es nun so mit dem Kopf

ruckte, blieben die Spatzen auch nicht lange still in den Federn,

reckten sich erst ein wenig und huschten dann hinaus. O weh! da war von

ihrem Herrn nichts zu sehen; nur die Leine, an der er die Prinzessin

geführt hatte, lag auf dem Moose. Frau! sagte der Spatzenvater zu

seiner Ehehälfte, was thun wir nun? -- Hole die Leine, erwiederte die

Spätzin, und bitte die Blindekuh, sie wieder ins Maul zu nehmen;

und dann wollen wir weiter bis ins nächste Dorf zu dem Bauer, dessen

Hausspätzin ich war, bevor du mich heirathetest. Und unsere Jungen,

Gelbschnabel und Grünschnabel, können Kuhblumen besorgen, während ich

die Gnitzen und Gnatzen wegfange. -- Das hatte aber die Blindekuh

gehört und fragte ängstlich: Lieber Kuhjohn, wo bist du? und wann

geht's weiter? Ich habe auch Appetit auf einige Kuhblumen. -- Darauf

flog der alte Spatz dicht an ihr Ohr und sagte ihr Alles, wie seine

Frau es gerathen hatte. Ach, da wurde Naserümpfchen betrübt! Aber

weil's doch nicht anders ging, nahm sie die Leine gutwillig zwischen

ihre Perlenzähne, und nun flatterte der Spatz bedächtig voran, dicht

über dem Boden, da es der Blindekuh sonst zu schnell gewesen wäre, und

seine Familie sorgte für das Uebrige. Es war aber doch ein schwieriges

Geschäft; denn immer wenn die Blindekuh eine gelbe Blume kaute, fiel

ihr die Leine aus dem Munde, und es wurde dem Spatzen schwerer, sie

wieder hineinzustecken, als es dem kleinen Kuhjohn geworden war. Dabei

seufzte die Prinzessin oft, und das klang jedesmal Muh! worüber die

Vögel erschraken. Das einzige Gute war, daß sie Zeit genug hatte,

bescheidner zu werden und eine rechte Sehnsucht nach dem guten Kuhjohn

bekam, den sie früher immer nur ausgelacht hatte.

Wie sie nun so die Landstraße hinab zogen nach dem Dörfchen zu,

kam ihnen eine Schaar von Schulkindern entgegen, die hinter die

Schule gegangen waren, um sich im Walde lustig zu machen. Als sie

die Blindekuh kommen sahen und die Vögel umher, fingen sie laut an

zu lachen und waren sehr ausgelassen und unartig, daß die Vögel

scheu wurden und sich zwitschernd in das Nest zwischen den Hörnern

verkrochen. Da stand die arme Prinzessin still und fragte: Was ist

denn das? Lassen sie mich denn Alle im Stich? -- Die Schulkinder

aber umringten sie und riefen durch einander: Hört doch einmal! die

Blindekuh kann sprechen. Einer von ihnen, der älteste und ein gar

übermüthiger Junge, gab ihr geschwind die Leine wieder, führte sie

eine Strecke vorwärts und sagte: Blindekuh, ich führe dich. -- Wohin

denn? fragte die Prinzessin ganz verblüfft. -- In den Kuhstall! war

die Antwort. -- Und was soll ich da? -- Milch essen, Blindekuh. --

Ach Gott, ich habe ja keinen Löffel. -- Dann such dir einen, rief

der böse Bube lachend und ließ die Leine fahren. Nun tappte die

Blindekuh ängstlich im Kreise herum; aber die Schulkinder wichen ihr

neckend und spottend aus, und da sie nicht wußte, wohin sie ging,

lief sie gerade auf die Bäume zu und hätte sich gewiß den Kopf ganz

wund gestoßen. Da trat noch zur rechten Zeit der kleine Kuhjohn aus

dem Walde heraus, eine Menge Kuhblumen unter dem Arm, und wie er so

plötzlich Naserümpfchen vor sich sah, freute er sich wie ein König,

obgleich er seinen Verstand zwischen dem Farnkraut gelassen hatte. Er

ging geschwind zu ihr heran, streichelte sie und gab ihr seine Blumen

zu fressen. Wie sie aber die letzte verschluckt hatte, da war's gerade

der Haufen, von dem die Melkmarei in dem Zauberspruch geredet hatte,

und sie stand als die wunderschöne Prinzessin da, die sie gewesen war.

Nur hatte sie einen wunderlichen Kopfputz von Heu und das Nest lag oben

auf. Da flogen die Spatzen lustig herunter und ihrem Herrn auf die

Schultern und konnten sich gar nicht lassen vor Freude. Der aber ging

muthig auf Naserümpfchen zu, umarmte sie und küßte sie wer weiß wie

oft. Denn sein Respekt war mit dem Miethszettel in die Höslein gestopft

und drin elendiglich erstickt.

Man begreift, was für alberne Gesichter die Schulkinder bei alle dem

machten; aber die Prinzessin schenkte ihnen ihr Schnupftuch, damit sie

sich die Lippen fegen und reinen Mund halten sollten, was sie auch

versprachen. Dann spazierte sie mit dem Kuhjohn nach der Stadt zurück,

und was sie sich alles gesagt haben, mag der Himmel wissen. Ich kann

nur ein Lied verrathen, das die Prinzeß sang, und der Kuhjohn brummte

die zweite Stimme. Das hieß so:

Es pirscht ein Jäger durch den Hain,

Schießt allem Wild ins Herz hinein.

Freikugeln hat er geladen;

Die fehlen nicht und knallen nicht,

Thun allerort viel Schaden.

Du sprödes Reh, es hilft dir nicht,

Gehst du abseit im Walde dicht;

Bist dennoch schlecht geborgen.

Des Jägers Meute find't dich doch;

Das sind die bösen Sorgen.

Die Sorgen bös, die Sorgen lind,

Die Wunden weh und lieblich sind.

Und wer es nie empfunden,

Der weiß auch nicht, wie süß es thut,

An lieben Lippen gesunden.

Das sangen sie denn, und Jedes dachte sich sein Theil dabei und die

Spatzen auch. Wie sie aber in die Stadt kamen zum König Grobianus,

war der hocherfreut, seine Tochter wieder zu haben und wollte nun

geschwind wissen, wer der fremde Herr sei; denn er erkannte ihn nicht,

weil ihm der Miethszettel fehlte. Da erzählte der Kuhjohn die ganze

Begebenheit und wer er wäre; aber er fand überall Unglauben, und die

Bücherwürmer und Rathschläger wurden befragt. Die ersteren ließen

sich's nun sehr wurmen, und die Rathschläger schlugen Rath daß sie

schwitzten, erkannten aber einstimmig, der Kuhjohn wär's einmal nicht;

erstens fehle der Miethszettel, und dann sei vom Kuhjungenverstand

keine Spur bei ihm zu finden. Ja das sei natürlich, bemerkte der

Kuhjohn; er habe ihn unterwegs im Farnkraut verloren. Da ließ der

König wieder einen Steckbrief in die Zeitung setzen: wo sich ein

herrenloser Kuhjungenverstand, so und so angethan, blicken ließe, der

auf den Namen Kuhjohn höre, solle männiglich auf ihn fahnden und ihn

dem Bräutigam von Naserümpfchen gegen eine angemessene Belohnung wieder

ausliefern. Die Hochzeit aber wurde gleich gehalten, und Grobianus war

die Höflichkeit selbst, zog auch mit Bleistift einen Strich mitten

durch sein Reich und schenkte die eine Hälfte seinem Eidam. Weil

aber Naserümpfchen das Spatzennest noch immer auf dem Haupt behielt,

machten's ihr bei der Hochzeit alle Hofdamen nach und zwar von ihren

eignen Haaren, so daß seitdem die Sitte, ein Nest auf dem Kopf zu

tragen, sehr gewöhnlich geworden ist.

Am andern Morgen, als das junge Ehepaar aufwachte und Naserümpfchen

eben zu ihrem Kuhjohn sagte: Ich weiß doch, daß du mein Kuhjohn bist,

und habe dich nur noch lieber darum -- kam plötzlich die Melkmarei ins

Zimmer geflogen, krächzte in einem Athem: Guten Morgen! und ade! und

legte was auf den Nachttisch, worauf sie zum Fenster hinaushuschte.

Als die Beiden die Bescherung besahn, da war's denn richtig des jungen

Ehemanns Kuhjungenverstand. Mit dem hat er lange gerecht regiert und

alle Jahr ein Fest feiern lassen, an dem die Schulkinder hinter die

Schule gingen, Blindekuh spielten und jedes ein Taschentuch geschenkt

bekam. Der Melkmarei wurde nach des Grobianus Tode eine herrliche

Bildsäule auf demselben Platz errichtet, wo sie verbrannt worden war,

und alljährlich den Armen Brodsuppe vertheilt zu ihrem Andenken.

Die Nachkommen des Kuhjohn aber haben all diese Stiftungen eingehn

lassen, die Brodsuppe selber gegessen und mit den Taschentüchern ihre

eigne Nase geputzt. Leider schlugen sie überhaupt völlig aus der Art,

schrieben sich auf französische Mode Cujon und sind weiter nichts

nutz gewesen, als daß sie sprichwörtlich genannt werden, wo von einem

unausstehlichen Plagegeist die Rede ist.

Fedelint und Funzifudelchen.

Erstes Kapitel.

Wie es sich ereignet, daß Funzifudelchen, noch ehe sie in der Welt war,

von der bösen Fee Aurora Mesopotamia verwunschen wurde.

Es war einmal ein guter kleiner König, der hieß +Muffel+ der Erste,

ein gar leutseliger Herr, der, wenn er spazieren ging, vor Jedem, der

ihn grüßte, seine goldene Krone abnahm. Weil er aber erschrecklich

viel Zeit übrig hatte, schaffte er sich einen ganzen Marstall der

allerschönsten Steckenpferde an und lebte nach dem Grundsatz: Man muß

das Angenehme mit dem Angenehmen zu verbinden wissen. Morgens früh zog

er eine kleine Maschine auf, die an seinem Bett stand; das war die

sogenannte Staatsmaschine, und die sorgte dafür, daß die Regierung

ihren gehörigen Gang nahm. Dann ging Muffel der Erste in seinen

Marstall, ließ sich irgend ein Steckenpferd satteln und ritt den lieben

langen Tag darauf herum, daß es so eine Art hatte.

Wie aber Jedermann weiß, ist keine Viehart kostspieliger zu

unterhalten, als die Rößlein des guten Königs, so daß die armen

Unterthanen oft sich das liebe Brod nicht gönnen durften, um nur die

schweren Steuern zu erschwingen für den Marstall. Da thaten sie sich

zusammen und beriethen sich, wie dem abzuhelfen sei. Endlich kam Einer

auf den Einfall, man sollte dem gnädigen Herrn eine Frau verschaffen.

Bei dem ewigen Hagestolziren käme der beste Mensch auf kostspielige

Gedanken, und wenn der König gar ein Kindchen hätte, das würde ihm

lieber sein, als die hölzernen Gäule. Schickten also eine Gesandtschaft

an Muffel den Ersten, die ihm das Ding plausibel machte, in tiefster

Ehrfurcht erstarb, und mit dem sehr tröstlichen Bescheide entlassen

wurde, Seine Majestät werde sich's überlegen.

Nun ging der gute kleine Monarch in seinen Thiergarten und überlegte

aus Leibeskräften. Aber es waren zu viel schöne Dinge im Garten, als

daß er ungestört hätte denken können. Gleich vom Schlosse aus mußte

er durch eine lange Allee von Invaliden, die Drehorgel spielten,

sobald Muffel sich sehen ließ; und Jeder spielte ein anderes Stück,

denn der König wollte den Künstler in seiner Eigenthümlichkeit nicht

beschränken. Wie aber die Allee zu Ende war, kam man zu einem großen

Drathhause, in dem lauter vergoldete Mohrenkinder auf dem Seil tanzten

oder Purzelbäume schlugen. Dazwischen brüllten die wilden Bestien und

die Papageien schrien: Heil dir im Siegerkranz! und die andern Vögel

führten eine Pastoral-Symphonie aus, daß es einen Höllenspektakel gab.

Da drückte sich der König die Krone tiefer über die Ohren und ging

nach einem stillen Plätzchen im Garten, wo lauter schwermüthige Weiden

wuchsen und nur Trauermäntel und Todtenköpfe fliegen durften, weil der

gute Muffel dort seine wehmüthigen Stunden abwartete, deren ja jeder

Mensch hat. Nun wollte er heut nur in der Stille dort die Heirath

bedenken und freute sich, daß die Löwen, Invaliden und Mohrenkinder

weit genug entfernt waren, um ihn nicht zu stören. Aber wie erschrak

er, als ihm aus den Schatten eine etwas abgesungene Frauenstimme

entgegentönte, die folgendes Lied gar melancholisch hören ließ:

Von Sorgen wie bin ich

Umstrickt und befangen!

Kein Liebster herzinnig

Im Arme mich hält!

In Lüften da hangen

Die Sterne mit Prangen;

Doch ach -- ohne Liebe

Wie dunkel die Welt!

Gar lustig zusammen

Vier Aeugelein scheinen,

In seligen Flammen

Einander gesellt.

Vertrübt sind die meinen

Von Wachen und Weinen;

Denn ach -- ohne Liebe

Wie dunkel die Welt!

Das machen meine Invaliden doch besser! dachte Muffel bei sich, der

in der Musik sehr stark war, trat aber neugierig näher. Da hatte er

den seltsamsten Anblick von der Welt. Eine fremde Dame saß auf der

Rasenbank und sah halb verschämt, halb innig nach dem König um. Sie war

freilich nicht mehr jung, aber auch nichts weniger als schön. Uebrigens

war sie in großem Putz und nur an den Manschetten saßen einige gelehrte

Tintenflecke. Um sie herum aber lag ein ganzer Haufen Bücher, auf

deren Rücken in Gold gedruckt stand: Sämmtliche Werke der Fee Aurora

Mesopotamia.

Der König war ein bischen verlegen geworden, drehte die Krone zwischen

den Händen herum und brachte endlich heraus: Angenehme Unbekannte,

wer sind Sie eigentlich? -- Die Dame spielte zierlich mit dem Fächer

und flüsterte: Ich bin die Fee Aurora Mesopotamia, und diese Bücher

sind meine sämmtlichen Werke. Monarch, fuhr sie dann mit Wärme fort,

ich weiß, Sie gehn auf Freiersfüßen. Warum soll das Weib nicht zum

Manne sagen: Ich liebe dich! Muffel meines Herzens, wirst du diese

federkundige, zarte Feenhand ausschlagen? -- Sie reichte ihm gar

schmachtend ihre Rechte, und meinte, er würde sie hastig ergreifen und

küssen. Aber der König setzte ruhig die Krone wieder auf und sagte:

Entschuldigen Sie! Sie könnten meine Großmutter sein, schon nach den

sämmtlichen Werken zu urtheilen. -- Die Fee erröthete und sprach: Ich

bin freilich über die Jahre thörichter Jugend hinaus. Aber ich bringe

Ihnen ein Herz voll edler Weiblichkeit entgegen, voll Sinn für das

Höhere und mit der Fähigkeit begabt, ein schönes Mannesherz glücklich

zu machen. -- Wie der König das hörte, sagte er weiter nichts als: Es

thut mir leid, Fräulein; aber aus der Partie kann nichts werden! -- und

dann machte er eine Verbeugung und kehrte spornstreichs um, als wäre er

dem Fegefeuer entronnen.

Die Fee aber rief ihm nach: Verblendeter! Grober Charakter! So

verwünsche ich denn das Kind, das dir eine Andere schenken wird, daß es

sein Lebtag die Augen nicht öffnen soll, wenn ihm nicht einer das Lied

der Nixe Undula um Mitternacht vorsingen wird. -- Und dann schlug sie

ein höhnisches Gelächter auf, zertrat die lieben, unschuldigen Blumen

im Garten und verschwand, und es sollen, wie der Gärtner versichert,

die schwermüthigen Weiden so voller Tintenflecke gewesen sein, daß

aller Thau des Himmels sie nicht wieder rein waschen konnte.

Wie nun Muffel der Erste, noch ganz erschreckt von der Verwünschung

und der verwünschten Person selbst, in tiefen Gedanken seinem Schlosse

wieder zuging, sangen auf einmal alle Nachtigallen in den Büschen wie

verabredet:

Prinzessin Rapudanzia

Die hole dir zum Tanz, ja ja,

Ziküth, ziküth, ziküth!

Und da fielen alle Leierkasten ein und spielten »Wir winden dir den

Jungfernkranz«, daß der gute König ganz begeistert ausrief: Natur und

Kunst sprechen für dich -- du mußt die Meine werden! Schrieb auch

gleich ein sehr zärtliches Briefchen an die Schöne und ihren Vater, den

König Lillabullero, von dem er noch denselben Tag durch einen Eilboten

folgende Antwort erhielt:

König Muffel, mit Vergnügen

Kannst du meine Tochter kriegen.

Zeichne mich mit Achtung Dero

Ew'ger Freund Lillabullero.

Die Prinzessin aber hatte ganz fein und zierlich unter den Brief

geschrieben: Lieber Bräutigam, ich habe dich von Herzen lieb, und wir

wollen uns vertragen wie die Engel im Himmel.

Zweites Kapitel.

Wie der alte verrückte Kapellmeister den aufrührischen Bassisten

nachläuft.

Die Hochzeit wurde mit großer Pracht und Herrlichkeit gefeiert, auch

bald nachher der ganze Marstall meistbietend versteigert, und nur die

Invaliden-Allee blieb im Garten, weil auch die Königin eine große

Freundin von guter Musik war. Die vergoldeten Mohrenkinder aber wurden

von den Tabackshändlern gekauft und neben die Ladenschilder gestellt,

eine Cigarre im Mund und einen Federbusch auf dem Kopfe.

Da nun die Zeit erfüllet war, genas Rapudanzia eines feinen,

wunderlieblichen Mägdleins, der man den Namen Funzifudelchen gab.

Da war aber erst Freude im Lande! Drei Tage lang war blauer Montag

und Volksjubel mit Tanz und Kegelschieben, und die guten Unterthanen

illuminirten von Morgens früh bis um Mitternacht alle Fenster, was ich

bezweifeln würde, wenn ich's nicht aus den besten Quellen hätte.

Aber leider Gottes wurde die Freude bald in Trauer verkehrt.

Funzifudelchen nämlich, so schön und holdselig sie auch in der

diamantenen Wiege lag, war doch nicht im Stande die kleinen Augen

aufzuschlagen. Muffel der Erste, ingleichen die hohe Wöchnerin waren in

Verzweiflung; alle Bemühungen der Aerzte erwiesen sich fruchtlos, denn

das kleine Prinzeßchen fing kläglich an zu schreien, sobald man ihr

nur die Augenlieder berührte. Da gedachte der trauernde König an die

Verwünschung der bösen Fee Aurora Mesopotamia und dessen, was sie ihm

von der Nixe Undula zugerufen hatte. Er ließ also am schwarzen Brett in

der Universität, weil da alle Tage die klügsten Leute aus- und eingehn,

Dem das halbe Königreich und die ganze Prinzessin versprechen, der

seiner Tochter um Mitternacht das Lied von der Nixe Undula vorsingen

könne. Natürlich solle mit der Hochzeit bis nach der Einsegnung

gewartet werden; das halbe Königreich werde er gleich erhalten. Da

zerbrachen sich die gelehrtesten Professoren den Kopf, schrieben dicke

Bücher über die Nixe Undula, von tausend verschiednen Standpunkten, und

stellten die verschiedensten Systeme darüber auf.

Noch mehr aber als den Professoren war den Studenten die Prinzessin zu

Kopf gestiegen. Denn die wohnten Alle in einem kleinen Stadtviertelchen

zusammen, und der Weg zur Universität führte gerade beim Schlosse

vorbei. Der König aber hatte seiner Tochter einen gläsernen Pavillon

bauen lassen, wo jeder sie in ihrem Bettchen liegen sehn konnte, und

da standen die Herrn Studenten im Vorübergehn still und schauten das

Wunderkind an, und kamen regelmäßig zu spät, wozu die Professoren

gewiß lange Gesichter gemacht hätten, hätten sie sich nicht bei ihren

Forschungen über die Nixe Undula ebenfalls jedesmal verspätet. Ein

Student aber verspätete sich gewöhnlich so gewaltig, daß er gerade sich

satt gesehen hatte, wenn alle Lehrstunden zu Ende waren, und dann auch

noch nicht ganz satt. Denn oft zu nachtschlafender Zeit ließ es ihn zu

Haus nicht ruhn, er mußte durchaus aufstehn und nach dem Glas-Pavillon

laufen und wieder hineingucken. Das war aber eigentlich verboten; denn

da stand die Prinzessin auf und aß und trank, wie alle Andre, und ging

in der Stube umher, und das trauernde Königspaar machte ihr Besuch und

fragte, wie sie sich befinde und ob sie Fortschritte im Französischen

mache und in Allem, was sie sonst lernen mußte. Denn sie hatte zu Nacht

Unterricht bei den besten Meistern und war sehr klug, und lernte darum

nicht minder gut, weil sie die Augen nicht aufschlagen konnte. Wie

gesagt, das durfte aber Niemand mit ansehn, und +Fedelint+ -- so hieß

der neugierige Student -- mußte oft den Tag über im Carcer sitzen,

weil der Nachtwächter ihn bei dem Glas-Pavillon getroffen hatte.

Ja das half Alles nicht, sitzen mußt' er, und machte im Carcer die

allerschönsten Sonette auf Funzifudelchen, die man nur lesen konnte.

In der Stadt wohnte auch ein alter Kapellmeister, der zugleich

Kantor und Organist am Dom war, ein kleines dürres Männchen, krumm

wie ein Fiedelbogen, der hieß +Bratsche+. Weil er aber immer so

wunderliche Reden führte und ganz sonderbar einherging, nannten ihn

die Currende-Jungen und bald auch die ganze Stadt nicht anders als den

alten verrückten Kapellmeister. Der hatte sich auch ganz sterblich in

Funzifudelchen verliebt, und war er früher beim Choralsingen oft in

eine andre Melodie gerathen, so that er's jetzt erst recht oft, so daß

die andächtigen Leute den Kopf schüttelten und sagten: Es wird doch

immer ärger mit unserm alten verrückten Kapellmeister. Der aber kehrte

sich viel dran! Er hatte nichts anders im Sinn, als das Lied der Nixe

Undula, und setzte seinen Kopf drauf, es müsse aus ~C moll~ sein. Er

hatte das schon allen Leuten vertraut; aber was wollte die bloße Tonart

helfen! Damit bekam er weder die Prinzessin, noch das halbe Königreich.

Eines Abends saß er oben in seinem Dachkämmerchen ohne Licht, denn er

war gar zu blutarm; aber der Mond schien ihm gerade auf seinen Tisch,

der mit Noten und Instrumenten bepackt war. Nebenan schlief die alte

Ursel, seine Haushälterin; aber sie hatte einen sehr leisen Schlaf,

und er mußte des Abends immer fein still sein und stumme Musik machen,

weil sie sonst aufwachte, und dann war sie immer sehr bös. Da saß er

nun und sah zum Monde hinauf und meinte, die Flecken drin wären am

Ende Noten. Denkt einmal, so verrückt war er schon! Wie er nun eben

dran ging, sie herauszubringen, und dachte wahrhaftig, darin wär' das

Lied der Nixe Undula enthalten: hörte er unten auf der Gasse einen

gewaltig tiefen brummenden Ton. Das ging aber so zu. Es war um die

Zeit der Pfingsten, wo die Kinder gewöhnlich das Spielzeug, das sie zu

Weihnachten bekommen haben, wegwerfen und ins Freie laufen, um sich die

eingefrornen Glieder in der frischen Frühlingsluft aufthauen zu lassen.

Dadurch waren unter andern auch die Waldteufel in Ruhestand versetzt

worden, und weil das von Natur ein verteufelt brummiges Volk ist, auch

Haare auf den Zähnen hat und den Umschwung der Dinge liebt, war es im

Stillen zu einer Verschwörung unter ihnen gekommen. Sie hatten sich aus

den Bodenkammern, wohin sie verbannt waren, auf die Dächer geschwungen

und auf einem geräumigen, flachen Dache in einer schönen Nacht eine

Volksversammlung gehalten. Einer, der durch seine Dicke und Größe

ausgezeichnet war, auch das Bild Muffels des Ersten auf der Brust trug,

wurde zum König gewählt, schwang sich würdevoll auf einen Schornstein

und hielt folgende Rede: Verehrte Bassisten! (denn so nennen sich die

Waldteufel in amtlichen Sachen) Man hat uns als dumme Teufel behandelt

und in eine unthätige Ruhe verurtheilt, die der Tod unsrer schönen

Stimmen sein würde. Wir sind waldursprüngliche, freie Geschöpfe; wir

brauchen uns das nicht bieten zu lassen. Meine Herren! kehren wir in

den Urzustand zurück! Flüchten wir in die böhmischen Wälder! -- --

Allgemeines Bravo ließ den Redner nicht endigen. Es wurde beschlossen,

in der nächsten Nacht aufzubrechen, und Alles trennte sich, um

bis dahin in der Rumpelkammer seinen Träumen nachzuhängen und der

ehrenrührigen Gesellschaft, in der man sich befand, noch verächtlicher

als sonst den Rücken zu drehen. Was sind auch Bälle, Peitschen,

Steckenpferde und bleierne Soldaten gegen einen waldursprünglichen

Bassisten, der den großen Gedanken der Freiheit zum ersten Male gedacht

hat!

In der folgenden Nacht setzte sich nun wirklich das ganze geschwänzte

und gestielte Heer in Bewegung und flog gerade durch die Gasse, wo

der alte verrückte Kapellmeister den Mann im Monde für ein Notenblatt

ansah. Bratsche spitzte die Ohren. Ursel! rief er, Ursel! hört Sie

nicht? -- Was ist denn, Herr Kapellmeister? rief die heisere Alte aus

dem Nebenzimmer. -- Es ist ein gräulicher Rumor auf der Straße. Was

mag's sein? -- Ach nix! Hundelärm! gab die Alte zur Antwort und drehte

sich ärgerlich auf die andere Seite. Bratsche horchte hoch auf. Nixe?

Undula? wiederholte er. Wahrhaftig! ich glaube, sie hat Recht. Klang

mir's doch gleich wie ~C moll~. Da muß ich nach! O ich glücklichster

Kapellmeister unter dem Monde!

Und damit stürzte er barhaupt und im Schlafrock die Treppe hinunter und

den Bassisten nach zum Thore hinaus.

Drittes Kapitel.

Wie Fedelint mit der alten rothnasigen Hexe in den Wald geht.

Der Jungbrunnen: Neue Märchen von einem fahrenden Schüler · 第 8 / 11 段