»Sieh nur, Lieber,« rief sie lebhaft aus, »wie traulich es hier ist!

Ich war gestern Morgen hier, ganz früh, als du noch schliefst; aber

heute Abend ist's viel tausendmal schöner. Jetzt bin ich auch an deiner

Seite; da gefällt mir's besser, weil du's mitgenießest.« Der junge Mann

lächelte freundlich und sagte: »Es ist wirklich sehr schön hier und das

Plätzchen mir völlig unbekannt. Im vorigen Jahr war's hier lange nicht

so freundlich; weißt du noch? da war's viel wilder und unfreundlicher.«

-- »Ja«, sagte das Mädchen, »das macht der neue Gärtner, der Alles

so hübsch in Ordnung hält«; und indem sie das sagte, war sie schon

wieder durchgeschlüpft, und Veilchenprinz hörte draußen ihr fröhliches

Lachen über den jungen Mann, der nicht sogleich die Stelle finden

konnte, wo die Zweige sich leicht aus einander biegen ließen. Nun

hörte er, wie sie den kleinen Hügel hinangingen, und als sie oben

waren, sah er ihre Köpfe über die Wipfel der Trauerweiden herausragen.

Sie setzten sich, in stillem Anschaun der herrlichen Aussicht. Fern

hörte man eine Flöte eine wehmüthige Melodie spielen, die langgehalten

durch die reine Sommerluft hinzitterte und in einem leisen Seufzer

erstarb. Rings im Grase zirpten die Heimchen, kleine Goldkäfer

schwirrten durch die Nacht, und die Schmetterlinge wiegten sich wie

schlaftrunken in den Kelchen der Blumen. Dazwischen plätscherte der

Springbrunnen, und die Schatten des Gartens wurden immer dunkler und

dunkler, je heller das Mondlicht auf den hervortretenden Zweigen

sich anklammerte. Veilchenprinz hörte, wie die Beiden auf dem Hügel

aufstanden und langsam hinabgingen, stumm und wortlos, überwältigt von

dem allesergreifenden Zauber der Sommernacht. Und wie ihre Tritte mehr

und mehr verhallten, sank auf ihn der Schlummer nieder, und er schlief

unter lieben Träumen, in die nur das Bild des jungen Mannes sich

störend drängte.

Eine ganze Woche hindurch sah er das junge Mädchen fast jeden Tag.

Gewöhnlich kam sie des Abends an der Hand des jungen Mannes, der, wie

Veilchenprinz aus ihren Worten merkte, ihr Bruder war. Sie schien

ihn sehr lieb zu haben und er sie auch, und oft saßen sie zusammen

auf dem Bänkchen und plauderten. Veilchenprinz konnte ganz deutlich

sehen, wie sie sich traulich umschlungen hielten und die Schwester ihr

Köpfchen an des Bruders Schulter lehnte. Auch schienen sie ihm immer

sehr ernste Dinge zu besprechen, denn wenn sie hinabgingen, waren sie

feierlich still; aber er wußte nicht, daß Worte einer reinen Liebe wie

Orgelklänge die Seele ergreifen und harmonisch bis in die innersten

Tiefen bewegen.

Und so hing Veilchenprinz mit ganzer Seele an dem jungen Mädchen und

wußte es selbst nicht. Wenn sie einen Tag nicht kam, senkte er das

Köpfchen und hatte nimmer Freude, wenn auch die Sonne noch so hell

schien. Einmal aber hatte er sie schon drei Tage lang nicht gesehn

und war trostlos. Alle Verweise seines Vaters, alle Bitten seiner

Braut hatten nicht vermocht, seinen Trübsinn zu verscheuchen, und er

wurde sichtlich blaß und mager. So merkte er es auch eines Abends

nicht, daß der bunte Schmetterling herangeflogen kam, den er sonst

nie hatte leiden mögen. Der war aber auch ganz trübselig, und da

wurde Veilchenprinz aufmerksam und fragte, was ihm wäre. »Ach«, sagte

der Schmetterling, »denk nur, Veilchenprinz, in einer Stunde muß ich

sterben! und da komme ich nur her, um Abschied zu nehmen, vornehmlich

von deiner Braut; und da ich nun doch bald sterben soll, so kann ich's

ja sagen, wie sehr ich sie geliebt habe!« -- Veilchenprinz war bis zu

Thränen gerührt; er umarmte den Schmetterling und bedauerte ihn von

Herzen. »Ist denn kein Mittel, dir zu helfen, armer Schelm?« sagte er.

-- »O ja, es giebt wohl eins, aber das ist so gut wie keins; denn es

läßt sich nicht ausführen. Es müßt' ein Blumenelf meine Flügel nehmen

und mich in seine Blume lassen; dann würd' ich fortleben, er aber würde

nach einer Stunde sterben müssen. Wer wollte das wohl thun?« setzte

er traurig hinzu. -- Wie ein Blitz fuhr es Veilchenprinz durch den

Kopf. »Hör'«, sprach er, »ich hätte nicht übel Lust dazu. Mein Vater

behandelt mich hart, meine Braut mag ich nicht, und das Leben ist

mir verhaßt; also mach' ich den Tausch von Herzen gern. Ich dacht'

es mir immer herrlich, so in der freien Luft herumzugaukeln, und für

eine einzige Stunde solcher Lust will ich gern mein ganzes Leben

hingeben.« -- Der Schmetterling war edelmüthig genug, den Vorschlag

abzulehnen. Als er aber sah, daß es Veilchenprinz ganz Ernst war,

ging er, wiewohl mit Widerstreben, darauf ein. Der König schlief

schon, und die Braut ließ es nicht ungern geschehen, obwohl sie auch

Veilchenprinz recht lieb gehabt hatte, weil er so gar sanft und gut

war. In wenig Augenblicken hatte er die Flügel an den Schultern und zu

seiner Freude konnte er sie ganz leicht gebrauchen. Nicht ohne Wehmuth

nahm er Abschied von seinen schlummernden Freunden, und nachdem er den

Springbrunnen noch einmal umkreis't hatte und auf der Stelle geruht, wo

er seine Freundin zum ersten Male sah, schwang er seine Flügel höher

und flog über die Trauerweiden hinweg in die kühle Nacht, durch den

duftenden Garten.

Eine neue, unbekannte Welt that sich vor ihm auf. Ringsum rüttelte

der Wind an den Sträuchern, und in dem Laube der Bäume wispert' es

und rauschte, wie verworrene Klänge ferner Stimmen, und wunderlich

streckten die Bäume ihre dunkeln Aeste heraus, wie wenn sie drohend

den Finger aufheben wollten. Er aber achtete auf nichts, sondern flog

weiter und weiter, nur ihr Bild im Herzen und den heißen Wunsch sie

zu sehn. Das Haus konnte man mit seinen erleuchteten Fenstern durch

den ganzen Garten gewahr werden, und das Ziel, das Veilchenprinz

verfolgte, war zwar etwas weit, aber nicht zu verfehlen. Einigemal

gönnte er sich eine kurze Ruhe; dann aber ging's um so eiliger

vorwärts, und mit unendlicher Freude sah er das Haus nun vor sich.

Aber ach! die ersten Fenster, an die er kam, waren verschlossen, und

er flatterte ängstlich weiter von Fenster zu Fenster; das letzte von

allen war offen, und der Schein der Lampe strahlte in die nächtlichen

Dunkel dämmrig hinein. Drinnen saß der Bruder mit der Laute im Arm, ihm

zu Füßen auf einem Bänkchen seine Schwester, weiß gekleidet und einen

Kranz von frischen Rosen im Haar. Sie hatten eben gesungen und schauten

nun träumerisch in die sternenhelle Landschaft. Die Jungfrau fuhr

mit der Hand über die Stirn und sagte: »Bitte, singe mir die letzten

Strophen noch einmal! sie haben mich tief gerührt.« Und der gefällige

Bruder griff wieder in die Saiten und begleitete folgende Worte:

Und gehst du über den Kirchhof,

Da find'st du ein frisches Grab;

Da senkten sie mit Thränen

Ein schönes Herz hinab.

Und fragst du, woran's gestorben?

Kein Grabstein Antwort giebt;

Doch leise flüstern die Lüftchen:

Es hatte zu heiß geliebt.

Eine wehmüthige Stille durchzog das Gemach, die Keins zu brechen wagte.

Endlich aber sagte der Bruder: »Sieh den schönen Schmetterling, der da

hereingeflogen ist, wie er in deiner Nähe herumflattert! jetzt sitzt

er auf deiner Stirn; sieh nur, wie zärtlich er thut!« Wirklich flog

ein kleiner blauer Schmetterling um der Jungfrau Angesicht her und

berührte sogar leise ihre Lippen. Die Geschwister lächelten. Es lag

ein eigenthümlich Gemisch von Scheu und Inbrunst in den Bewegungen des

kleinen Wesens, und eine ganze Zeitlang sahen sie ihm mit Vergnügen

zu. Plötzlich aber taumelte er zurück und stürzte todt in den Schoß

der Jungfrau. Betroffen sahen sich die Beiden an. Der zärtliche Bruder

sagte: »Er ist so lange um das Licht herumgeflogen, bis er sich die

Flügel verbrannt hat.« Die Schwester aber war aufgestanden, lehnte sich

sinnend an das Fenster, und mit dem kleinen entseelten Schmetterling in

der Hand schaute sie hinaus. Ein kühler Nachtwind fuhr durch die Saiten

der Laute, und wie im Traum lispelte die Jungfrau: »Er hatte zu heiß

geliebt!«

Das Märchen von Blindekuh.

Es war einmal ein kleiner königlicher Kuhjunge, der hieß John, und

hatte Sonntag wie Alltag einen Miethszettel hinten heraushängen

(nämlich den Hemdenzipfel, der aus den Höschen vorguckte). Darum

nannten ihn die Kammerjungfern und Lakayen nie anders, als den Kuhjohn

mit dem Miethszettel; und das nahm er sich sehr zu Herzen, denn er

konnt' es doch einmal nicht ändern. Da seine Mutter selig ans Sterben

kam, hatte sie ihm gehörig eingeschärft, er solle bei Hofe nur immer

brav Respekt haben; dann werd' es ihm schon wohl gehn. Nun merkte er

sich's und hatte erstaunlich viel Respekt, den ganzen Tag über bis spät

in die Nacht, wo er sich auf dem Futterboden schlafen legte. Da ging's

ihm denn auch wirklich recht wohl, für einen Kuhjungen zumal. Denn

oben auf dem Boden hatte er ein Nest aufgespürt an der Dachluke, darin

logirte eine Spatzenfamilie, die bei ihm in Kost ging. Ei, dachte er,

wenn er ihnen Brodkrümchen streute, so giebt's doch auch Leute, die vor

+mir+ Respekt haben! Außerdem hatte er gute Freundschaft geschlossen

mit der alten Melkmarei, die ihm oft eine Brodsuppe kochte; denn das

war eigentlich ihr Fach, und des Großmoguls Koch hätte es nicht besser

verstanden. Nebenher aber war die Melkmarei eine richtige Hexe, und

kein Mensch wußte es, und der kleine Kuhjohn auch nicht.

Der König nun, dem der Kuhstall gehörte, hieß Grobianus und hatte eine

wunderschöne Tochter, die Naserümpfchen genannt wurde. Wenn der kleine

Kuhjohn der Prinzessin ansichtig ward, hatte er noch zehnmal so viel

Respekt als sonst, und noch weit mehr, als vor ihrem Vater, weil der

sich mit all seinen Leuten gar so gemein machte und ihm selbst einmal

höchsteigenhändig einen Fußtritt gab. Dergleichen fiel Naserümpfchen

nicht ein; sie zuckte nur immer die Achseln und sagte zu Allem, was ihr

nicht recht war, auf Französisch: puh!

Eines Tages ging sie gerade beim Kuhstall vorbei und bekam Lust,

die Nase hineinzustecken. Der kleine Kuhjohn machte eben dem lieben

Rindvieh die Streu und war so geschäftig, daß ihm sein Miethszettelchen

fleißig hin und her wackelte. Wie er die Prinzessin in der Stallthür

stehen sah, zog er seine Kappe in aller Eile und präsentirte seine

Mistgabel nach Art der Soldaten. Darüber fing Naserümpfchen laut an zu

lachen und sagte: Puh! 's ist doch entsetzlich muffig hier. Ach, und

der kleine Kuhjohn mit dem Miethszettel ist ein rechter Mistfink! --

Zufällig saß die Melkmarei auch im Stall und hörte das Alles. Es griff

aber sehr an ihre Ehre; denn der Kleine war ja ihr Freund und für den

Stall hatte sie mit zu sorgen. Da wurde sie so erbos't, daß sie ihren

Topf mit Brodsuppe Naserümpfchen über den Kopf goß und dabei folgenden

Hexenspruch sagte:

~Panorama Diorama

Spargnapani Cosmorama.~

Naserümpfchen, werde zu

Einer weißen Blindekuh!

Sollst so lang vierfüßig laufen,

Bis du einen ganzen Haufen

Von Kuhblumen aufgefressen

Und den Hochmuth hast vergessen.

Will sich dann ein Mensch mit Grämen

Dein Geschick zu Herzen nehmen,

Daß er den Verstand verliert,

Dann ist Blindekuh kurirt.

Hokuspokus, Naserümpfchen

Mit den weißen Kuhhaarstrümpfchen!

~Maccaroni Melodrama

Capuletti Monodrama!~

Sie war kaum damit fertig, da war auch die Verwandlung schon vollendet,

und statt der schönen Prinzessin stand eine gar zierliche weiße

Blindekuh vor dem Stalle. Die Melkmarei ging hustend und schmunzelnd

ihrer Wege und warf kaum noch einen Blick auf das arme verwunschene

Naserümpfchen. Aber der kleine Kuhjohn bekam einen so gewaltigen

Schreck, daß ihm die Mistgabel aus der Hand fiel. Darauf überlegte er,

ob es nicht gegen den Respekt wäre, wenn er zu der Prinzessin ginge

und sich erkundigte, ob er ihr was helfen könne. Er that's endlich

und sagte ganz sanft: Königliche Hoheit, befehlt nur, was Ihr von mir

wollt; ich bin Euer unterthäniger Diener. -- Die arme Blindekuh konnte

zuerst nichts weiter antworten, als Muh!! und da erschrak der Kleine

wieder, denn es klang ihm fast wie ihr gewöhnliches Puh! Dann aber kam

die Prinzessin wieder zur Besinnung und sagte ganz verständlich: Ach

lieber Freund! so kann ich mich doch nirgend sehn lassen; also sei so

gut und führe mich weg, irgendwohin; denn ich fühle wohl, ich bin eine

abscheuliche Kuh geworden, und blind wie ich bin, weiß ich auch nicht

Weg und Steg. -- Das rührte den Kleinen; er sagte, er werde gleich

wieder da sein und stieg hinauf in den Futterboden, um ein wenig Heu zu

holen und es um ihre Hörner zu wickeln, damit sie nicht so drückten.

Wie er bei seiner Spatzenfamilie vorbeiging, riefen die kleinen

Vögelchen:

Bitte bitt',

Nimm uns mit,

Liebster Kuhjohn!

Verdienst dir Gotteslohn.

Da nahm er das ganze Nest mit und befestigte es zwischen den Hörnern

der Blindekuh auf dem Heu. Es ist zwar eigentlich gegen den Respekt,

dacht' er, aber sie sieht's ja nicht. Darauf holte er noch eine lange

Schnur, bat die Prinzessin, das eine Ende in den Mund zu nehmen, und

so führte er sie von dannen, die Landstraße entlang, die durch den

dicken dicken Wald läuft.

Nun ging die Blindekuh gesenkten Hauptes fürbaß, denn sie war sehr

betrübt. Der kleine Kuhjohn schritt auch ganz verlegen nebenher und

wußte sich nicht recht zu benehmen. Es ist doch eigentlich gegen den

Respekt, sagte er sich, daß ich die Prinzeß so an der Nase herumführe.

-- Aber es half einmal nichts. Wenn die Fliegen und Bremsen kamen und

die Blindekuh stechen wollten, hätte er sie gern mit seinem Taschentuch

weggejagt. Das ging aber nicht an; einmal besaß er keins und dann hätte

er ja die Prinzessin schlagen können, und es war ein Glück, daß er

seine Spatzen mit hatte, denen rief er leise:

Fangt, liebe Spatzen,

Die Gnitzen und Gnatzen,

Die Fliegen und Mücken

Von Prinzeß Naserümpfchens Rücken!

Da waren die Vögel flink hinterher und schnappten das Geziefer alles

weg. Dabei schaute der kleine Kuhjohn beständig um sich, ob er keine

Kuhblume entdecken könne. Leider waren sie in dem Jahre gerade schlecht

gerathen und fanden sich nur hier und da am Wege. Nun durfte der Kleine

aber die Leine nicht los lassen, an der er die Prinzessin führte, rief

also wieder den Vögeln:

Liebe Spatzen, pflückt geschwind

Gelbe Blumen, so viel da sind!

Bringt sie her mit Stengel und Stümpfchen;

Heilsam sind sie Naserümpfchen.

Da flogen die Spatzen wieder gar eifrig nach den Blumen, bissen sie

ganz unten ab mit ihren scharfen Schnäbeln und brachten sie ihrem

Herrn. Der sagte ganz leise Brrrr! und fragte dann die Prinzessin,

ob sie die Kuhblumen wohl aus seiner Hand essen wolle; einen Teller

habe er leider nicht, aber sie sei ganz appetitlich und sauber. Die

Blindekuh erwiederte: Danke schön, und mach' nur keine Umstände!

Darauf fraß sie die Blumen betrübt in sich hinein und ging weiter, und

das wiederholte sich, so oft die Vögel einige zusammengeholt hatten.

Ach, dachte der Kuhjohn, zu einem Haufen ist es doch zu wenig! Und

wie soll ich's nun gar anfangen, mein bischen Verstand zu verlieren?

O die böse Melkmarei! ich hätt' ihr so was nimmer zugetraut. -- In

solchen Gedanken machte er die Reise niedergeschlagen weiter und sein

Miethszettel wedelte wehmüthig hinterdrein.

Der König Grobianus aber, wie er merkte, daß seine Tochter verschwunden

war, gerieth in einen kirschbraunen Zorn und ließ sogleich

nachforschen, wie es wohl zugegangen sein könne. Da fand sich denn,

daß der kleine Kuhjohn auch vermißt wurde, und der König kam auf den

Verdacht, der Kleine habe die Prinzessin entführt, worüber er sehr

grob wurde. Er schickte sogleich eine Menge Soldaten nach allen

Richtungen aus, um die Entflohenen zu suchen, und ließ von allen

Thürmen Sturm läuten, damit der Skandal in der Stadt noch lauter würde,

als die skandalöse Entführung. Die Soldaten fanden auch nichts; denn

als der eine Trupp den Weg entlang kam, den die Blindekuh mit ihrem

Gefolge eingeschlagen hatte, hörte die Prinzeß schon von ferne das

Pferdegetrappel und flüsterte ihrem Führer ängstlich zu: Ach, das sind

meines Vaters Reiter, die er uns nachgeschickt hat. Versteck mich

irgendwo! -- Der Kuhjohn aber war gescheidt genug; er rief den Vögeln

und sagte:

Der Prinzessin zu Gefallen

Nehmet Sand in Schnabel und Krallen,

Streut ihn in der Reiter Augen,

Daß sie nicht zum Spähen taugen;

Aber Spätzlein, macht geschwind,

Eh ein böser Blick uns find't!

Nun hätte man die Vögel sehen sollen, wie geschickt sie den Reitern

Sand in die Augen streuten, daß die ganz betroffen umkehrten und

einfach sagten, sie hätten nichts gefunden. Da wurde der König noch

böser und ließ einen langen Steckbrief in die Zeitung setzen, in

welchem dem ehrlichen Finder, der die Prinzessin und einen sichern

Kuhjohn mit dem Miethszettel wiederbrächte, die Prinzessin und das

halbe Königreich versprochen wurde. Die Melkmarei aber, die von bösen

Zungen als Hexe verschrieen wurde, ließ der König auf offnem Markte

verbrennen. Da ward es klar, daß sie eine richtige Hexe war. Denn als

die Lohe hoch aufschlug, hörte man inmitten der Flammen eine heisere

Stimme singen:

Der König Rex

Hat Macht so viel,

Ist doch ein Spiel

Griesegrauer Hex!

Sein Töchterlein,

Vom Zauber bezwungen,

Läuft mit dem Kuhjungen

In die Welt hinein.

Weh, Windchen weh!

Dann geht's in die Höh.

Herr König, ade!

Siehst sie nimmermeh!

Und da flog wahrhaftig eine schwarze Rabe in die Höhe, krächzte oben

noch ganz höhnisch und flog davon, nachdem sie zuvor auf des Königs

Krone etwas hatte fallen lassen, wovon das blanke Gold eben so blind

ward, wie des jungen Tobias Augen dereinst.

Der kleine John mit der Blindekuh war indessen immer weiter gegangen

und fing allmählich an, sich nach den Brodsuppen der Melkmarei zu

sehnen. Obenein sah er's auch den Spatzen an, daß sie Hunger hatten;

denn es war gerade die Stunde, wo sie sonst zu Nacht aßen, da sie bei

ihm in Kost gingen auf dem Futterboden. Nun schaute er ringsum, ob er

keine Beeren sehn könnte; aber es wuchs auch nicht das Geringste in dem

bösen öden Walde. Wie er den weißen Mond hinten durch die Bäume gucken

sah, glaubte er erst, es wär' ein großer Käse, der sich irgendwie auf

die Wipfel verlaufen hätte. Nachher aber sah er seinen Irrthum betrübt

ein, und da wußte er gar nichts besseres anzufangen, als daß er ein

altes Lied sang:

Das Fechten ist verboten,

Das Mausen ist nicht erlaubt;

Da dürst' ich nun nach Noten,

Ermattet und verstaubt!

Auf Schusters Rappen sieht sich

Die Welt passabel an,

Hat man nur brav im Beutel,

Womit man klimpern kann.

Doch sind dem Wandergesellen

Die Taschen beide leer,

Sein Magen thut ihm bellen,

Sein Ränzel wird ihm schwer!

Gebraten und Gesotten,

In jeder Schenk' ein Bier,

Und hoch zu Rosse trotten --

Solch Wandern lob' ich mir!

Da geschah es recht zum Glück, daß die schwarze Rabe, die Melkmarei,

über den Wald geflogen kam, und hörte was ihr Liebling sang. Sie

hatte gar kein Rabenherz, und da sie eine Jägerhütte wußte, nicht weit

von der Landstraße ab, flog sie geschwind dorthin und stahl Käse und

Brod durchs offne Fenster dem Jägerskind vor dem Munde weg, um es dem

kleinen Kuhjohn zu bringen. Sie warf's aber gerade in das Nest zwischen

den Hörnern der Blindekuh, daß die Prinzessin ganz erschrocken war und

fragte: Lieber kleiner Kuhjohn, wer warf mich da? -- Der Kleine war

noch mehr erschrocken, denn er dachte, es wäre doch ganz gegen den

Respeckt, wenn so das erste beste Stück Käse und Brod der Prinzessin

auf den Kopf fiele; sagte also ganz schüchtern: Es muß der Wind gewesen

sein, der Tannenzäpfchen abschüttelt. -- Dann rief er aber die Vögel

und gab ihnen von dem Brode, und den Rest sammt dem Käse aß er allein.

Und wie er den Mund mit dem Aermel geputzt hatte, sagte er: Gesegnete

Mahlzeit! und war wieder ganz guter Dinge.

Nun wurde es aber stockfinster, denn der Mond war noch nicht hoch

herauf. Die Prinzessin sah zwar die Finsterniß nicht, weil sie ja

blind war; aber sie war doch erstaunlich müde, und der Kuhjohn merkte

ihr's wohl an. Zufällig kamen sie an eine Stelle, wo ein seltsames

Moos wuchs. Der junge Jäger nämlich hatte sich vor Zeiten dort seinen

Backenbart abrasirt, und der hatte in dem fetten schwarzen Boden Wurzel

geschlagen und mächtig gewuchert, daß man so weich drauf lag, wie auf

einer Pferdehaarmatratze. Da hielt der kleine Kuhjohn still und fragte

die Blindekuh, ob sie hier übernachten wollten. -- Ach ja, erwiederte

das verwunschene Naserümpfchen. Es ist nur fatal, daß ich mit meinen

vier Beinen so unbeholfen bin und mich nicht niederlegen kann; am Ende

weiß ich mir morgen nicht wieder aufzuhelfen! Und in den Kleidern muß

ich auch bleiben; denn die Kuhhaarstrümpfchen gehn nicht ab und die

gespaltenen Schuhe auch nicht. Ach Gott, wenn ich nur erlös't wäre! --

Der kleine John wurde durch ihre Worte immer trauriger, nahm ihr sanft

die Leine aus dem Maul, und so schlief sie ~stante pede~ die ganze

Nacht, und die Spatzen schlupften in das Nest zwischen ihren Hörnern

und schnarchten ein wunderschönes Concert zusammen.

Der Kuhjohn hätte sich gar zu gern auf das weiche Haarmoos gestreckt;

aber das gab doch der Respekt nicht zu, daß er lag, während die

Prinzessin stand. Er kauerte sich also mit untergeschlagenen Beinen

neben sie und faltete die Hände, so daß es fast so aussah, als ob

er sie anbete. Aber weil er so viel Sorgen hatte ihretwegen, auch

gar unbequem saß, kam er zu keinem rechten Schlaf und wachte alle

Augenblick auf. Nun wurde es aber nach und nach blitzeblank am Himmel;

denn es war große Illumination, dem Geburtstag der Jungfrau Maria zu

Ehren. Weil aber das Gewimmel von Sternen gar zu groß war, verlor hie

und da ein junger unerfahrner die Balance und fiel dann radschlagend

auf die Erde herunter ins Gras. Das sah der kleine Kuhjohn nicht,

sondern gewahrte mit seinen verschlafenen Augen nur das gelbe Flimmern

durch das Grün, und weil er in Gedanken immer bei der Prinzessin war

und ihrer Erlösung, meinte er, es seien lauter Kuhblumen und machte

sich halb im Traum auf, sie zu pflücken. Dazu kam noch, daß die

Irrwische jedesmal, wenn ein Stern gefallen war, herbeihüpften, um

wo möglich was Neues zu erfahren aus dem himmlischen Reich. Aber die

Sterne fielen immer so hart auf den Kopf, daß ihr Lebensflämmchen

erlosch, und da konnten sie auch nichts mehr sagen, als höchstens ein

Stoßgebetlein ums ewige Leben. Da wurde der kleine Kuhjohn immer von

neuem betrogen; denn es flimmerte wohl überall gelb und goldig, aber

sobald er nahe kam, erlosch der Schein, daß er sich ganz erhitzte und

doch nichts haschte. Und so lief er weit weit weg, immer den Kuhblumen

nach, bis er ganz erschöpft ins Gras sank und einschlief.

Der Jungbrunnen: Neue Märchen von einem fahrenden Schüler · 第 7 / 11 段