Musje Morgenroth jedoch wanderte gar guter Dinge fürbaß, blieb an jedem

Wegweiser stehn, ob zu lesen stände, wo man nach dem Pfefferland kommt,

und fragte jeden, der ihm begegnete; aber keiner konnt's ihm sagen.

Wie es nun gegen Mittag war, bekam er doch Lust nach der Fleischbrühe

beim Riesen und seufzte ganz traurig: Ach daß ich doch wäre, wo der

Pfeffer wächst! denn wenn ich unterwegs verhungere, kann ich doch mein

Glück nicht machen! -- Er hatte aber keinen Heller Geld, überhaupt

nichts, als was er auf dem Leibe trug; denn das Hemd, das ihm noch

übrig gewesen, mußte er ganz zu Charpie verzupfen und dem Pikbuben in

die Wunden legen, die ihm seine Vettern schlugen; -- und seine Guitarre

wollt' er nicht versetzen. Da ging gerade ein Mann vorbei, der hatte

gehört was er seufzte, trat an ihn heran und sagte: Dahin sollt Ihr

bald kommen; habt nur die Güte mir zu folgen. -- Musje Morgenroth ging

auch richtig, ohne sich zu besinnen, mit, und der fremde Mann führte

ihn durch sein Haus in einen großen Garten, stellte ihn an ein Beet,

darauf eben nichts zu schauen war als schöne fette Erde, und sagte:

Hier, theurer Fremdling, wächst Pfeffer! -- Aber ich sehe ja nichts,

sagte Musje Morgenroth. -- Die Saat ist erst seit einem Monat im

Boden, erwiederte der Mann, aber sie keimt schon; und damit wühlte er

wahrhaftig ein paar schöne schwarze Pfefferkörner hervor, die von der

Feuchtigkeit beschlagen waren, und wies sie dem Musje Morgenroth. Der

begriff den Mann nicht, sagte aber: Das ist eine sehr hoffnungsvolle

Plantage, lieber Herr, und ein verdienstlich Werk, diesem Getreidebau

Eingang zu verschaffen. -- Das meine ich! sagte der Andre und strahlte

vor Vergnügen. Ihr seid aber meiner Seel' der Erste, der Interesse

dafür zeigt; die Meisten begreifen meine Pläne nicht, oder belachen sie

gar. -- Ei ei, sagte Musje Morgenroth, das ist ja recht unverständig,

eine gute nützliche Unternehmung zu belachen! -- Er merkte nun wohl,

daß es nicht recht richtig mit dem Mann war, ließ sich aber von ihm

in sein Haus zurückführen, wo sie denn gar köstlich aßen und tranken,

und nach Tisch brachte der Wirth seinen Gast in eine Kammer, darin er

sein Geld bewahrte und gab ihm einen ganzen Beutel voll Dukaten zur

Reisezehrung mit auf den Weg; denn, sagte er, Ihr seid ein gebildeter

Mann; und wenn ich Pfefferernte habe, gebe ich ein großes Volksfest;

zu dem seid aber nur Ihr geladen, und die Ungläubigen müssen mit langen

Nasen abziehn. -- Da versprach ihm denn Musje Morgenroth, er werde ganz

gewiß kommen zur Pfefferernte, bedankte sich höflichst und ging.

Er war schon wieder ein gut Stück weiter gewandert und sagte dabei

immer vor sich hin: Ach wenn ich doch wäre, wo der Pfeffer wächst! Da

gesellte sich ein Bursch zu ihm, sagte, er ginge des Weges, sie könnten

selbander gehn. Der war aber seines Zeichens ein Spitzbube, und wie er

nun den Beutel mit Gold sah, den Musje Morgenroth alle Augenblick zog,

um einem Armen ein Almosen zu geben, dachte er: den Vogel willst du

rupfen. Herr, fing er an, wenn Ihr gern wissen wollt, wo der Pfeffer

wächst, dahin kann ich Euch weisen; kommt nur mit! So ging er linksab

einen wilden Waldsteg, und Musje Morgenroth hatte kein Arg, sondern

folgt' ihm auf der Ferse. Sie waren eine Weile gegangen und kamen

endlich zu einer wilden Schlucht; da saßen noch so ein zehn oder elf

Bursche um ein Feuer, schmauchten ihr Pfeifchen und spielten Würfel.

Hier bring' ich Euch Einen, rief ihnen Musje Morgenroths Begleiter zu,

der will gern wissen, wo der Pfeffer wächst. Er hat einen gespickten

Beutel; das ist wohl genug Schulgeld, um's ihn zu lehren. Fangt nur

die Lection an! Damit warf er das arme Stiefelputzerchen nieder, riß

ihm den Beutel weg, und nun fiel die ganze Bande über ihn her, schlug

ganz gottesjämmerlich auf ihn los und schrie dabei: Hier wächst der

Pfeffer! Merkst du, wie er beißt? Hier wächst der Pfeffer! Und so

schlugen sie den Aermsten, bis er stille war mit Schreien, und trugen

ihn durch den dicken Wald wieder auf die Landstraße, wo sie ihn für

todt liegen ließen.

Siebentes Kapitel.

Ende gut, Alles gut.

Er war aber nicht todt, sondern nachdem er ein paar Stunden da gelegen

hatte, schlug er die Augen wieder auf, und war ihm kein Leids geschehn,

außer daß er braun und blau war. Er schleppte sich mit Mühe ins nächste

Dorf, da gab ihm eine gute Frau Wirthin einen Krug Bier und eine

Butterbemme um Gotteswillen; und Nachts bekam er eine weiche Streu,

darauf schlief er bis an den hellen Tag und war wieder frisch und

gesund.

Eine geraume Zeit zog er nun herum und verdiente sein Brod mit

Musiciren, forschte aber immer fleißig nach dem Land, wo der Pfeffer

wächst. Da kam er eines Tags an eine große Mauer, in der war ein

stattliches Thor, und über demselben stand mit goldnen Buchstaben:

Durch dieses Thor kommt man ins Land, wo der Pfeffer wächst. Man kann

leicht denken, wie froh Musje Morgenroth war. Er mußte sich einmal

recht auslassen, nahm also die Guitarre vor und sang und spielte,

während er die tollsten Luftsprünge machte. Das Lied lautete aber so:

Lustig Blut und frische Lieder,

So gebührt's dem Wandersmann;

Berg hinauf und Thal hernieder

Ficht ihn sonst das Heimweh an.

Ging ich singend sonder Ruh

Manche Meil' in lauter Wonnen.

Süßer klarer Liedesbronnen,

Riesele, riesele immerzu!

Wenn der Wald thut kühlig rauschen

In der warmen Sommerlust,

Müssen Eich' und Linde lauschen

Auf den Klang aus meiner Brust.

Ob auch reißen Rock und Schuh,

Jauchze doch im Schein der Sonnen.

Süßer klarer Liedesbronnen,

Riesele, riesele immerzu!

Aber so die Winde streichen

Und regieren über Feld,

Sing' ich allestund ingleichen,

Bis die Trübe sich erhellt.

Denke dann: Du Wetter du,

Bist vor meinem Sang zerronnen.

Süßer klarer Liedesbronnen,

Riesele, riesele immerzu!

Und in Dörflein und in Städtchen

Zieh ich nur mit Liedern ein;

Alle tugendlichen Mädchen

Nicken mir vom Fensterlein.

Habe gleich als wie im Nu

Einen herzigen Schatz gewonnen;

Süßer klarer Liedesbronnen,

Riesele, riesele immerzu!

Da that sich in der Mauer ein Fensterlein auf und ein Kopf erschien

mit gar brummiger Miene und einer großen schwarzen Nase. Guter Freund,

sagte der Mann -- und der Kopf war nämlich des Zöllners Kopf -- hier

dürft Ihr nicht mit so viel Lärm Einzug halten, wie Ihr's sonst mögt

getrieben haben. Hier im Land ist große Trauer; alle Welt läuft mit

schwarzer Nase herum und lamentirt und weint, denn dem König seine

Tochter ist schwer krank. -- Was fehlt denn dem Fräulein Prinzeß?

fragte Musje Morgenroth. -- Ach, sagte der Zöllner, sie leidet am

freiwilligen Hinken. Vor zwei Jahren ist ihr Einer begegnet, der war

damit behaftet; und da sagte sie, sie wolle auch einmal ihren Willen

haben und auch freiwillig hinken. Seitdem humpelt sie nun beständig,

und kein Arzt weiß dem Ding abzuhelfen. Nun hat der König dem, der

sie heilen könne, drei Wünsche zu thun erlaubt; die wolle er ihm

erfüllen, wenn er's vermöchte, und wär's sein halbes Königreich. Das

Land wünscht sehnlichst, es möchte Einer kommen, der's verstände;

denn so lange die Prinzeß krank ist, müssen wir Alle schwarze Nasen

tragen. -- Ei, erwiederte Musje Morgenroth, schließt hurtig das Thor

auf! ich will sie schon kuriren. -- Der alte Zöllner sah ihn von

oben bis unten an und schnitt ein ungläubiges Gesicht, öffnete ihm

aber ungesäumt. Da trat nun Musje Morgenroth in das Land ein, wo der

Pfeffer wächst, und wunderte sich ausnehmend, denn er hatte sich's viel

kurioser vorgestellt. Sagt einmal, frug er, wo wächst denn eigentlich

der Pfeffer? Ich bin von Haus aus Stiefelputzer und möchte mir so

im Vorbeigehn ein Rohr abschneiden. -- Ihr habt einen wunderlichen

Glauben, lieber Mann, erwiederte der alte Zöllner. Hier wächst bei

jedem Rohr der dazugehörige Stiefelputzer mit. -- Ach du mein Gott,

rief Musje Morgenroth, da ist ja nichts für unsereins zu holen! Nein,

aber so eine närrische Einrichtung! Das ist einmal ein putziges

Land! -- Der Zöllner schien das im Stillen übelzunehmen, sagte aber

nichts. Indem kam ein langer schwarzer Zug daher; vorne ging Einer

mit schwarzer Nase und einem Pfefferrohr; dann kam ein Leichenwagen,

den zwei Pferde mit schwarzen Nasen zogen; auf dem Sarg lag wieder

ein Pfefferrohr und eine große Schaar Leidtragender folgte, alle mit

schwarzen Nasen und Pfefferröhren. Seht Ihr, Herr? sagte der Zöllner,

das ist ein Stiefelputzerbegräbniß. Musje Morgenroth riß Mund und

Augen auf; das war ihm doch nie im Traum eingefallen. Uebrigens, sagt'

er, scheint hier die edle Stiefelputzerkunst fabrikmäßig betrieben zu

werden, und das ist doch eine unwürdige Art. -- Der Zöllner schoß ihm

giftige Blicke zu, sagte aber wieder nichts; denn er war ein gebildeter

Mann, und wies Musje Morgenroth nach des Königs Palast.

Wie er nun in den Palast kam, ließ er sich beim König melden, und

trug ihm sein Anerbieten vor: er wolle die Prinzessin kuriren. Ach

lieber Herr Unterthan! sagte der König, es haben's schon so viele

versucht und ist doch nicht gelungen; ich fürchte, Ihr kommt auch

vergebens. -- Laßt mich nur machen, sagte Musje Morgenroth; ich habe

Praxis in solchen Dingen; nur muß ich Euch bitten, mir ein tüchtiges

Pfefferrohr zu verschaffen. -- Der König sah ihn verwundert an und

fragte: Ihr wollt der Prinzeß doch nicht weh thun? -- Behüte! sagte

Musje Morgenroth, ich schneide das Pfefferrohr klein, nehme Salz und

Essig und Oel und mache ein Tränklein; davon muß sie einnehmen, alle

Stunde einen Eßlöffel voll. Da war denn der König beruhigt, sandte

nach dem Kirchhof und ließ das Pfefferrohr holen, das auf des eben

verblichenen Stiefelputzers Grab gelegt werden sollte. Es wurde auch

nicht geweigert; denn die Pfefferaner waren gute Unterthanen, und der

König konnte thun, was er wollte.

Musje Morgenroth aber ließ sich zur Prinzessin führen, nahm Salz und

Essig und Oel mit, und riegelte sorgfältig hinter sich ab. Was da

innen geschehen ist, weiß man nicht genau. Man hörte es nur im Zimmer

klatschen, wie wenn ein Kleid ausgeklopft würde oder ein Kind die Ruthe

bekäme, und klägliches Geschrei erscholl, und es war als ob sich Zwei

im Zimmer herumjagten. Vielleicht machte die Zubereitung des Tränkleins

so viel Lärm, vielleicht war auch ein anderer Grund; kurz man hat nie

so recht klug daraus werden können. Die Kur war aber schnell gethan;

denn nach einer Viertelstunde öffnete sich die Thür, die schöne

Prinzessin kam freilich ein bischen verweint, aber doch ohne zu humpeln

heraus, fiel ihrem Vater um den Hals und sagte: Ich bin kurirt, Papa!

-- Der war nun gar zu neugierig, wie es zugegangen sei. Das Tränklein

war wohl eingerührt, aber es schien kaum ein Tröpfchen davon genossen

zu sein. Die Prinzeß jedoch wollte nie sagen, wie die Kur geschehen

sei, und Musje Morgenroth zeigte auch keine absonderliche Lust dazu.

Sogar der Pfefferrohrstock war ganz geblieben; der Herr Doktor sagte,

er habe ihn nicht gebraucht; das Salz und Essig und Oel sei schon

allein kräftig genug gewesen. Weil man's nun nicht herausbringen

konnte, dachte man nicht länger dran und war herzensfroh, daß die

schöne Prinzessin nun gesund war. Im ganzen Land sang man Loblieder auf

Musje Morgenroth, wusch sich die Nase wieder weiß und aß Gänsebraten,

was sonst nur an hohen Festtagen geschah.

Musje Morgenroth aber ging zum König und sagte: Nun hätte ich aber

auch Lust, meine drei Wünsche zu thun. -- Wünscht immer drauf los!

sagte der König; aber ich bitte Euch, seid nicht gar zu unverschämt;

sonst macht Ihr mich zum armen Mann. -- Seid ohne Sorge, Majestät,

erwiederte Morgenroth; ich bin ein gebildeter Mann. Als solcher aber

bin ich arm, und wünsche daher fürs erste schrecklich viel Geld, damit

ich mich in Ruhestand setzen und Jungfer Abendbrod heirathen kann. --

Schrecklich viel Geld sollt Ihr haben, sagte der König. -- Zweitens,

fuhr Musje Morgenroth fort, möcht' ich einen schönen goldnen Knopf

auf mein Pfefferrohr. -- Wenn's weiter nichts ist! sagte der König;

aber nun nehmt Euch einmal zusammen beim dritten Wunsch; denn ich

möcht' Euch gern was recht Liebes zu Gefallen thun. -- So macht mich

zum Geheimerath, platzte Musje Morgenroth verlegen heraus. -- Wie Ihr

denn wollt, sagte Se. Majestät; Ihr sollt gleich das Patent haben.

Darauf rief er seinen Kanzler, der das Pergament dem Musje Morgenroth

in einer goldnen Kapsel einhändigen mußte; und nun wurde auch der

Hofseckelmeister gerufen, der mußte ihm schrecklich viel Geld geben,

und der Hof-Goldschmied machte ihm einen wundervollen Knopf von purem

Golde auf sein Pfefferrohr, daß Musje Morgenroth sich gar nicht zu

lassen wußte vor übergroßer Freude. Er begehrte aber sehnlichst zu

seiner Jungfer Abendbrod zurück, und da ließ der König Extra-Post

kommen, so gern er ihn auch behalten hätte. Wie er nun schon im Wagen

saß und Abschied nahm, stieg der König noch zu guter Letzt auf den

Wagentritt und steckte ihm den Orden ~pour le mérite~ an, und die

Prinzessin gab ihm ein schwarzes Nähkästchen von Ebenholz mit silbernen

Sternen und ein schwarzes Sammetkleid, ebenfalls silbernbesternt; er

sollt's seiner Frau Geheimeräthin bringen. Da traten dem guten Musje

die Thränen in die Augen; er rief: Schwager, fahr zu! und die Pferde

liefen was sie konnten, und der Schwager blies, und Musje Morgenroth

hielt sein naßgeweintes Schnupftüchelchen zum Fenster hinaus und

wedelte damit gar gerührt zum letzten Lebewohl.

Die Pferde liefen aber Tag und Nacht, und wie eine volle Woche um war,

wachte Musje Morgenroth in der Frühe auf, rieb sich die Augen, und da

hielt die Kutsche vor dem Gartenhäuschen der Fee. Jungfer Abendbrod

aber, die eben im Garten war und die Rosenkäfer und Eidechslein auf

die Seite kehrte, trat ganz erstaunt vor die Thür. Als sie aber ihren

Liebsten herausspringen sah, warf sie den Besen weit weg und flog ihm

in die Arme, und da die Fee eine Viertelstunde später zum Fenster

hinausschaute, lagen sie noch immer einander in den Armen und konnten's

gar nicht glauben, daß sie einander wieder hatten.

Gleich am andern Tag ward nun Hochzeit gehalten, und da trug Jungfer

Abendbrod das schwarze Sammetkleid mit den silbernen Sternen, und die

101 Geheimerathsfräulein waren eingeladen und Fresco's und die Fee

auch, und der Fritz, der dem Musje Morgenroth immer Grobheiten über

sein Pfefferrohr gesagt hatte. Die Geheimerathssippschaft rümpfte

freilich im Stillen die Nasen; aber was sollten sie thun? er war doch

einmal Geheimerath und hatte noch dazu einen Orden, und beim König

vom Pfefferland wären sie schön angekommen, wenn sie all das nicht

respektirt hätten. Geheimerath Morgenroth aber lebte nun gar vergnügt

mit seiner Frau Geheimeräthin, schrieb ein dickes Buch Reisebilder und

bekam viele Kinder, die alle Geheimeräthe und Geheimeräthinnen wurden.

Veilchenprinz.

Das Haus lag einsam und still, etwas entfernt von der großen

Landstraße, die durch das grüne Gezweig der Bäume wie ein silberner

Streif hindurchschimmerte. Vorn war ein freier Platz, mit eisernem

Geländer eingefaßt, und zierliche Blumenanlagen lachten aus den

dunkeln Schatten einiger hohen Kastanien hervor. Hinter dem Hause aber

erstreckte sich ein großer Garten, aus dem ein kleines Pförtchen auf

das freie Feld führte.

Was war das für ein wunderbarer Garten! Uralte Bäume streckten ihre

Häupter trotzig in das klare Himmelsblau und suchten der Sonne den

Eingang zu wehren. Aber die goldenen Strahlen schlüpften dennoch durch

und glitzerten auf den sauberen Kieswegen und drangen sogar in die

duftigen Lauben ein von Jasmin und Nachtviolen, die sich an lebendige

Hecken und üppige Weingelände anlehnten. Aber das Schönste war eine

silberhelle Fontäne, die versteckt zwischen Trauerweiden in ein

kleines Becken von weißen Steinen plätscherte, und wer vorüberging,

hörte wohl ihr trauliches Geschwätz, aber konnte sie selbst nicht

sehen, bis er näher trat und durch die Zweige schaute und den

Wasserstrahl kerzengrade aufsteigen und in tausend blinkenden Stäubchen

herabfallen sah. Nicht gar weit davon führte der Weg einen Hügel

hinauf, an der einen Seite dicht mit Jasmin umbüscht, auf der Seite

nach dem Springbrunnen zu offen, und da war ein Bänkchen aus Baumrinde

geschnitzt. Von hier aus sah man auf die Trauerweiden herab, über die

der Strahl weit hinaus sich erhob, und in der weiten Ferne zog sich

das blaue Gebirg nebelhaft hin, das sich nach und nach mit dem Himmel

vereinte und der schönste Rahmen zu dem lieblichen Bilde war.

An dem Rande des Beckens nun lag ganz versteckt ein kleines Beet von

Veilchen, von keinem Gärtner gepflanzt. Eine Lücke in den Zweigen

ließ etwas breitere Sonnenstrahlen hindurchfallen, und der stäubende

Thau des Springbrunnens hatte die schüchternen Pflänzchen erzogen

und genährt. Nun standen sie da in ihrer jugendlichen Schönheit, und

die Schmetterlinge nur flatterten zu ihnen und kos'ten mit ihnen und

flohen bestürzt davon, wenn ein neckendes Wassertröpfchen ihre Flügel

getroffen hatte.

Jedes dieser kleinen Blümchen war bewohnt von einem zarten Elfen,

dessen Leben innig mit dem seiner Wohnung verknüpft war, und das

waren überaus feine Wesen, gar zierlich von Gestalt und Gesicht,

und die kleinen Herzen schlugen von lauter Liebe und holdseliger

Freundlichkeit. Auch einen König hatten sie, der älter war, als sie

Alle, und sein Völkchen weise regierte. Er hatte viel zu thun den

ganzen Tag über, und wenn er des Abends sein kleines Haupt mit der

goldnen Krone senkte und sich zum Schlafen anschickte, fielen ihm

die Augen bald zu. Denn das Völkchen war wohl gutmüthig und folgsam,

aber ein wenig lose und lustig, und scherzte gern mit den schönen

Schmetterlingen oder den buhlerischen Lüftchen. Das gab nun der König

nicht zu, und wenn er auch nicht hindern konnte, daß die jungen

Herren kamen, so befahl er doch, daß die Jungfrauen sittsam die Augen

niederschlagen und die Jünglinge sich auch stille verhalten sollten.

Der König hatte einen Sohn, dessen Namen ich nicht nennen kann,

weil ich ihn nicht weiß; wir wollen ihn also Veilchenprinz nennen.

Daß Veilchenprinz schön war, versteht sich von selbst. Sind doch

alle Prinzen und Prinzessinnen schön, und wenn sie's nicht sind,

ist's wenigstens wider den Respekt, es zu sagen; dann aber wissen

wir schon, daß die Veilchenelfen alle sehr schön sind, und so wird

der Sohn des Königs wohl keine Ausnahme machen. Außerdem aber war

Veilchenprinz in jeder Beziehung höchst ausgezeichnet, und wenn sein

Herr Vater einmal gestorben wäre, hätten die Veilchen einen guten

König bekommen. Der Alte aber dachte nicht ans Sterben, ließ vielmehr

seinen Sohn seine ganze Kraft und Strenge fühlen und hatte immer

was an ihm zu hofmeistern. Bald stand er nicht grade, bald war er

schlecht frisirt, bald schaute er trüb aus den Augen; und da freute

sich denn Veilchenprinz auf die Nacht, wo er unbeaufsichtigt war und

hinaufschauen konnte zu den Sternen, die ihn viel freundlicher ansahen,

als sein Herr Vater.

Nun wollte dieser ihn mit Gewalt verheirathen, und zwar an eine

Cousine, die ziemlich nah mit dem königlichen Hause verwandt war.

Veilchenprinz liebte sie nicht und dachte mit Sorgen und Kummer der

Zeit, wo er sich nicht mehr mit seiner Jugend würde entschuldigen

können. Seine Cousine war zwar auch schön und gut, aber nicht sehr

klug und schrecklich langweilig. Denn sie konnte Stunden lang neben

ihm stehen und ihn ansehen, ohne ein Wörtchen zu sprechen, und wenn

sie etwas hervorbrachte, war es etwas ganz Albernes. Dazu war sie ein

wenig eitel und putzsüchtig, und wenn nicht der König auf sie besonders

ein scharfes Auge gehabt hätte, so würde sie der bunte Schmetterling

noch viel öfter besucht haben, mit dem sie sich Abends in der Dämmerung

zuweilen unterhielt. Vielleicht wären sie aber dennoch ein Pärchen

geworden, wenn nicht etwas Anderes dazwischen gekommen wäre.

Eines Morgens in aller Frühe, als die Veilchen noch schliefen, aber

die Sonne schon lustig auf den Wellen des Wassers tanzte, hörte

Veilchenprinz leichte Schritte den Weg daherhüpfen, und eine helle,

frische Stimme sang eine gar muntre Melodie. Die Worte verstand er

nicht, denn die Stimme war zu weit entfernt, und er konnte auch von

der Gestalt nichts erblicken, als ein weißes Kleidchen, das durch die

Zweige sich bewegte. Er horchte mit verhaltenem Athem, und die Stimme

kam näher, so daß er ganz deutlich folgende Worte hören konnte:

Mühlen still die Flügel drehn,

Ueber die Stoppeln pfeift der Wind;

Arme Hütten im Grunde stehn,

Fensterlein sind schmal und blind.

Bald da kommt ein Sonnenschein,

Blickt so lustig wie er kann;

Mühlenflügel und Fensterlein

Fangen ein Tanzen und Glitzern an.

Dürftig Herz, so bist du ganz,

Blöd' und blind viel Tag und Nacht,

Bis ein leiser Liebesglanz

Dich unsäglich fröhlich macht.

Die Stimme schwieg. Veilchenprinz strengte alle Kräfte an, um durch

die Bäume zu sehen; aber plötzlich bogen sich die Zweige auseinander

und ein junges Mädchen näherte sich dem Springbrunnen. Das weiße

Kleidchen, das vorher schon verrätherisch durch die Büsche geschaut

hatte, war mit blauen Schleifen zierlich garnirt, und im Haar trug sie

ein Band von derselben Farbe, das zu beiden Seiten über die Schultern

herunter hing. In der Hand hielt sie ein weißes Morgenhäubchen, das

sie eben abgenommen zu haben schien, und ein unendlich reizender Zug

von Unbefangenheit und unschuldiger Freude ging über ihr junges

Gesicht. Veilchenprinz aber sah nichts von dem allen; er sah nur ihre

Augen, die ihn wie mit einem gewaltigen Zauber gebannt hatten. Das war

ihm auch nicht übel zu nehmen, denn sie funkelten und glänzten wie

Gazellenaugen, und Veilchenprinz hatte noch nie schwarze Augen gesehen.

Er selbst hatte blaue, und sein langweiliges Cousinchen auch, und so

das ganze Veilchenvolk. Das Mädchen aber stand eine ganze Zeit am

Brunnen und schien eine große Freude zu haben über das Geplätscher des

Wassers und wie die kleinen Wellen sich jagten und hin und her hüpften.

»Hier ist es einmal schön!« rief sie aus und klatschte erfreut in die

weißen Händchen. Mit einem Male bückte sie sich, setzte sich nieder auf

den schwellenden Rasen und zog einen ihrer blauseidenen Schuhe aus, daß

das zarte Füßchen unter dem weißen Kleide neugierig hervorsah; bald

folgte der andere Fuß, und nun steckte sie einen nach dem andern in das

klare Wasser und ergötzte sich an der angenehmen Kühle und wie sich

die Kreise der Wellen an ihren Füßchen wie an kleinen Felsen brachen.

Plötzlich rief eine Stimme aus dem Garten her ihren Namen, und im Nu

waren die Füßchen heraus, die Schuhe angezogen, und mit hocherröthendem

Gesicht schlüpfte sie wieder durch die Zweige hin und eilte fort.

Veilchenprinz sah ihr betrübt nach und verfolgte mit den Augen den

Schimmer ihres weißen Kleides, bis er nichts mehr sah; da ließ er

seine Blicke nach der Stelle gehen, wo sie gesessen hatte, und dachte

an ihre funkelnden Augen, und in seinem Herzen war's, wie wenn's auf

einmal Tag geworden wäre. Allmählich wachten die Veilchen alle auf

und keines hatte etwas gesehn. Heute aber hatte der König besonders

viel an seinem Sohn zu hofmeistern, der seine Cousine mehr als je

vernachlässigte und ganz verwirrt in Gedanken war. Er hoffte den ganzen

Tag, das Mädchen würde wiederkommen, aber vergebens; und der Abend

brach herein, und sie war noch nicht dagewesen. Veilchenprinz schlief

vor vielem Denken und Sinnen ein, und im Traum sah er die funkelnden

Augen und das ganze liebe Mädchen, wie es die zarten Füßchen in dem

Springbrunnen badete.

Am folgenden Morgen war er mit dem ersten Sonnenstrahl wach; aber

seine Sehnsucht wurde nicht gestillt. Im Lauf des Tages hörte er viele

Stimmen im Garten, und es kamen Leute sogar vorbei, den Weg daher, der

zur Fontäne führte; ja einmal glaubte er sogar ihre Stimme zu hören,

dann aber war Alles wieder still und die Klänge verloren sich in die

Tiefen des Gartens. Ganz spät aber, als schon Alles rings dämmerig

verzaubert dalag und die weißen Nebel sich aus den Bäumen erhoben,

vernahm Veilchenprinz einen bekannten Ton und hörte dann ganz deutlich,

wie sie herzukam; aber sie schien nicht allein zu sein. Veilchenprinz

durchschauerte ein süßes Gefühl, und sein kleines Herz schlug gar

gewaltig, als wollt' es ihm zerspringen. Die Zweige bogen sich wieder

aus einander, und sie war es wirklich, aber Arm in Arm mit einem

jungen Manne, mit dem sie in vertraulichem Gespräch war. Der volle Mond

küßte leise ihre weiße Stirn, und die Sterne schienen neidisch auf den

Glanz der süßen Augen, die wie damals funkelten und Veilchenprinz immer

fester bannten.

Der Jungbrunnen: Neue Märchen von einem fahrenden Schüler · 第 6 / 11 段