Nach und nach ward mir besser zu Muth; da richtete ich mich auf und

schaute um. Neben mir lag mein grauer Hut und war eine einzige Beule;

ich zog ihn wieder zurecht und suchte emsig umher im Grase; denn

ich war neugierig auf die verdächtige Puppe der Alten. Da könnt ihr

denken, wie ich froh überrascht wurde, als ich meinen Tannenmusje

liegen sah und alle Schwefelhölzchen hatte er noch, die er von mir

mitgenommen hatte. Er wäre mir am Ende auch wieder entwischt; aber beim

Fallen aus dem Korbe hatte er das Bein verstaucht, somit war ihm das

Getragenwerden bequemer.

Wir haben uns nun mitsammen auf den Weg gemacht, und wenn ich nicht

die Angst um Glückspilzchen ausgestanden hätte, wäre ich leidlich

fidel gewesen. Zum Glück kam da so eine alte Hexe mit einer Ruthe

in der Hand hinterm Busch hervor und erzählte mir, sie sei die Frau

Bösgewissen und habe für Glückspilzchen schon gesorgt und ihr die Wege

gewiesen. Eigentlich habe sie mit mir auch ein Hühnchen zu rupfen, daß

ich dem Maiwein so zugethan sei und den schönen Mädchen und sonst ein

leichtsinniger Patron sei; aber sie wolle es diesmal noch vergeben,

wenn ich Besserung angelobte. Und nun ich mein Feuerzeug wieder habe,

solle ich nur gleich an mein Heldengedicht gehen und nicht auf der

Bärenhaut liegen. Uebrigens wäre der Weg geradeaus der richtige.

Damit machte sich die Dame Bösgewissen wieder unsichtbar, fitzte mich

nur noch leise mit der Ruthe, daß mich's im Weitergehn ein Bischen

brannte. Und so fand ich bald den blonden Schusterjungen mit der Käke

auf dem Arm, und der Weg zu euch war nimmermehr eine Tagereise.

Siebentes Kapitel.

Wie sie noch Einiges zu schwätzen haben und sich dann auf den Heimweg

machen.

Jetzt schwieg der lange Poet, und ein Engel ging durch die

Gesellschaft, wie man zu sagen pflegt. Indessen nahm Tante Buchstabiria

das Wort und sagte: Lieber blonder Schusterjunge, nun erzähle auch, was

dir begegnet ist und wie du zu der Käke gekommen bist. -- Ach Gott, ich

bin eben an der Unterlippe! rief Tante Schönekünstchen. -- Das half

aber Alles nichts; die beiden andern Tanten bestanden darauf, daß sie

das Buch zumachen und der blonde Hansel erzählen sollte.

Da wurde der gar verlegen, räusperte sich und schielte nach

Pedanterlieschen hinüber, und dann fing er so an: Es war mitten in der

Nacht, da fuhr ich ganz erschrocken in die Höhe; denn die Maikäfer

hielten Ball auf meiner Nase und das krabbelte und kribbelte, daß es

nicht auszuhalten war. Ich wischte sie mit der Hand herunter, saß dann

und überdachte meine Lage. Ich war ausgezogen, um die Fleischtöpfe

Aegypti zu finden, und die hatte ich nicht gefunden; vielmehr war ich

von der verdrehten Gärtner- und Vogler-Gesellschaft herausgeworfen

worden, hatte eine halbe Nacht unter freiem Himmel geschlafen, und die

Maikäfer waren mir auf der Nase herumgesprungen. Da entschloß ich mich

rasch, ich wollte die Reisegesellschaft verlassen -- denn da war ich

doch der Dümmste von Allen -- und auf eigne Hand und eignen Füßen nach

Rom wandern, von da mich übersetzen zu lassen nach Aegyptenland. Ich

nahm also meine Ziehharmonica mit acht Klappen und drei Luftlöchern,

lud mein Bündel auf den Rücken und drückte dem schlafenden langen

Poeten die Hand; die kleine Mamsell aber ward ich nicht gewahr. Dann

suchte ich so gut es ging vorwärts zu kommen in dem stockdustern Wald;

aber die Bäume mußten wohl böse sein, daß ich sie im Schlaf störte,

denn sie stießen mich rechts und links und richteten mich erbärmlich

zu, daß ich froh war, wie's endlich Tag wurde.

Mir ist aber keine Seele begegnet, weder der verliebte Prinz Schnudi,

noch die Alte mit dem Reisbündel, noch endlich die Dame Bösgewissen.

Ich hatte nur Hunger und Durst, und das ist auch natürlich, denn

ich will ein ganzer Schusterjunge sein, und die sind immer hungrig,

auch wenn sie eben vom Essen kommen. So lief ich die Kreuz und Quer

im Walde herum und fand nicht heraus. Auf einmal aber kam ich an

drei Bächlein, die neben einander durchs Gras flossen; da stand ich

still und hätte gern getrunken; aber das Wasser war bittersalzig. Ich

simulirte eben, wie ich hinüber kommen sollte, da sah ich wie die Puppe

der kleinen Mamsell dahergeschwommen kam, und weil ich fürchtete, sie

müsse am Ende ersaufen, obwohl sie ganz gemächlich auf dem Rücken lag

und ihr Kleidchen sie trug, warf ich die Jacke, das Bündel und die

Ziehharmonica mit den acht Klappen und drei Luftlöchern am Ufer nieder

und stürzte mich der Puppe nach.

Ich erwischte sie auch richtig und hielt sie fest; aber die Strömung

war so reißend, daß ich selbst mit fortgerissen wurde und, so stark ich

mit den Armen arbeitete, nicht ans Ufer gelangte. Gewiß wär' ich dabei

zu Grunde gegangen, wenn nicht wie durch ein Wunder der Bach auf einmal

in den Sand gelaufen wäre und mich auf dem Trocknen liegen gelassen

hätte. Da stand ich ganz munter auf, nahm die Käke in den Arm und ging

zu der Stelle zurück, wo meine drei Siebensachen noch ungestohlen

beisammen waren. So wanderte ich weiter und traf den langen Herrn

Poeten, was mir jetzunder ganz recht ist, denn -- ich habe all mein

Lebtag so was Schönes nicht mit Augen gesehn -- als -- --

Da stockte der Hansel und wurde blutroth im Gesicht und schielte immer

auf die Pedanterliese, die auch längst schon aufgehört hatte, sich mit

der Käke abzugeben, und keinen Blick von dem blonden Schusterjungen

wandte. Der Poet aber rieb sich stillvergnügt die Hände und sang leise

vor sich hin:

Ein Stündlein sind sie beisammen gewest,

Ein Stündlein läuft so geschwind,

Und saßen einander im Herzen schon fest;

Die Liebe die kommt wie ein Wind.

Du junger Gesell, nun hüte dich fein,

Nun hüte dich, schönes Kind,

Und verriegele gut deines Herzens Schrein;

Denn die Liebe die geht wie ein Wind.

Tante Buchstabiria aber trat zu ihm und hatte eine Menge Einwendungen

zu machen. Die Erziehung sei noch nicht beendet; sie müsse erst noch

Stunden nehmen über die Pflichten der Gattin und Mutter; auch sei der

Hansel arm, und das sei bei einer Heirath das Allerschlimmste. Auf

all das hörte der Lange nicht; er sagte, so müsse es von Gottes- und

Rechtswegen immer hergehn, daß der Gänsejunge die Prinzessin oder der

Schusterjunge das Pedanterlieschen heirathe, und der blonde Hansel sei

ein gar reputirlicher Freier und gerade wie gemacht für sie. Uebrigens

sollten sie ihn nur machen lassen, er werde die ganze Geschichte nach

Wunsch zu Ende bringen; denn dafür sei er Poet und könne machen, was

ihm gut schiene, und die Großmuth koste ihn nichts.

Da ergab sich Tante Buchstabiria, ließ eilig anspannen, und die ganze

Gesellschaft fuhr nach Hause. Die Bank hatten sie zurückgelassen vor

lauter Freude, daß sie Alle wieder beisammen waren, und vollführten im

Wagen eine erschreckliche Ausgelassenheit; nur der Schusterjunge und

die Pedanterliese waren stumm. Der Lange aber hatte die Beine, die er

im Wagen nicht unterbringen konnte, zum Schlage herausbaumeln, warf

allen Bauerdirnlein, die vorbeigingen, Kußhände zu und sang:

Zehnerlei Kräuter hauchen

So süßen Duft im Maien;

Könnt' ich in Wein sie tauchen,

Bliebe mir Sorge fern.

Von Durst mich zu befreien,

Auf Rath vergebens denk' ich.

Ach hätt' ich Geld, wie tränk' ich

Mir einen Glanz so gern!

Liebe den Andern winket

In jungen Lenzes Schimmer.

Wenn mir nur Maiwein blinket,

Neid' ich sie nicht den Herrn.

Durch schöne Augen nimmer

In Leid und Kummer sänk' ich --

Ach, hätt' ich Geld, wie tränk' ich

Mir einen Glanz so gern!

Muß ich auch einsam gehen,

Wenn Liebe schleicht zu Zweien,

Kann ich doch doppelt sehen

Frühling und Mond und Stern'.

Drum hoch, du Trank des Maien!

Allstund an dich gedenk' ich --

Ach hätt' ich Geld, wie tränk' ich

Mir einen Glanz so gern!

Und dabei jodelte er und trillerte so laut, daß die Käke, die in

Glückspilzchens Arm eingeschlafen war, aufwachte, sich die Augen

rieb und sagte: Ach nun haben sie Alle Geschichten erzählt, und mich

fragt keiner, was mir begegnet sei. -- Du armes Dummerchen, fiel

Glückspilzchen ein, wer denkt auch, daß du schon was erlebst! Erzähle

aber nur. -- Da spitzten sie alle die Ohren, und die Käke fing an: Wie

mich der Bach mit fortnahm, war ich sehr angst, ich möchte ertrinken.

Da strampelte ich mit Händen und Füßen, und weinte. Auf einmal hörte

ich wie der Bach sagte: Sei ruhig, Püppchen, will dir auch ein Märchen

erzählen. Das ließ ich mir denn gern gefallen und er erzählte

Das Märlein von Perlemutter und Perlevater.

Unten tief auf dem Meeresgrunde, wo es ganz klar und stille ist, liegt

eine große Wiese von Meergras, und auf der Wiese steht das Haus von

Perlemutter und Perlevater. Das sind zwei uralte wunderliche Leute,

können das Wasser vertragen wie die auf der Erde die Luft, und der

Perlevater hat einen langen Bart von Schilfgras, aber die Perlemutter

trägt ein glänzendes Kleid und eine Haube von silbernen Fischschuppen.

In ihrem Hause ist ein großer Saal und stehen unzählige Bettlein darin;

da schlafen die Nacht über alle ungebornen Kindlein, so noch nicht

ans Tageslicht gekommen sind, und warten bis der Storch sie abholt.

Tagsüber jedoch sitzen sie auf kleinen Sandbänkchen um Perlemutter und

Perlevater im Kreise auf der großen Meergraswiese, und Perlemutter

erzählt den Mädchen traurige Märlein, Perlevater aber den Buben, bis

sie alle die Thränen nicht mehr halten können. Alle Thränen aber

werden zu Perlen, die die Alten Nachts, wenn die Kinder zu Bett sind,

aufsammeln, in die Perlenmuscheln thun und noch vom Mond ein bischen

versilbern lassen.

So geht es tagaus tagein, bis für Jedes die Stunde schlägt, daß es

auf die Welt kommen soll. Die weiß aber Perlevater und Perlemutter

ganz genau, und da nehmen sie das Kind Nachts aus dem Bettchen und

steigen damit hinauf an die Meeresfläche, wo der Storch schon wartet

mit hübschen trocknen Windeln und es warm eingewickelt davon trägt. Am

Morgen vermissen die andern das entführte Gespiel wohl; aber sie haben

keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, denn sie müssen gleich

wieder die Märlein von Perlemutter und Perlevater hören und Perlen

weinen.

Das Kind aber, das nun droben in der Wiege liegt, ist von dem hellen

Sonnenglanz und den vielen Menschen, die es auf den Arm nehmen und

herzen und küssen, ganz betäubt und blöde worden, und weil es kein

Wort versteht -- denn der Perlevater und die Perlemutter haben eine

ganz andre Sprache geredet -- weint es und schläft es den ganzen Tag.

Allmählich aber wird es inne, daß es ihm doch noch nirgends so wohl

gewesen ist, als auf dem Schoß der Mutter, und da klammert es sich

mit den kleinen Armen fest an sie an und hört sorgfältig auf jedes

ihrer Worte, bis es alle gelernt hat. Darüber vergißt es aber alle die

Märlein, die es unten auf der Schilfgraswiese gehört hat, und weiß gar

nichts mehr von seinem früheren Leben, außer daß es eine Sehnsucht

behält nach dem Meer, und wenn es auf einem Schifflein schwankt, lehnt

es sich über Bord und kann sich gar nicht satt sehen an der blauen

Tiefe.

Es ist einmal ein armer alter Mann mit schlohweißen Haaren gewesen,

dem träumte von Perlemutter und Perlevater, daß er ganz bekümmert

aufstand und ans Meer ging. Da setzte er sich in einen Kahn und fuhr

ganz allein hinaus, und seine alten Arme erlahmten fast am Ruder. Er

kam auch wirklich so weit, daß er unten das Haus auf dem Meeresgrunde

sehen konnte und die beiden Alten, die den Kindlein erzählten, und es

faßte ihn ein so heftiges Verlangen, wieder hinabzusteigen und über den

rührenden Märlein sein ganzes Erdenleben zu vergessen, daß er die Arme

ausbreitete und hinabstürzte. Aber in die Tiefe gelangt Keiner zurück;

zwei mitleidige Wellen nahmen ihn und trugen ihn ans Ufer. --

Wenn du aber fleißig und fromm und artig bist, sagte der Bach zu mir,

kommst du in den Himmel und wirst ein Englein, und da erzählt dir

das Christkindlein tausendmal schönere Märchen, als Perlemutter und

Perlevater, und keine, über die du zu weinen hast, sondern fröhliche

selige Geschichten, daß du vor lauter Glückseligkeit einen goldnen

Schein übers ganze Haupt bekommen wirst, der nie wieder vergeht.

Damit war des Bachs Erzählung zu Ende, schloß die kleine Käke, und das

Uebrige wißt ihr, wie mich der gute Schusterjunge aufgefischt hat.

Achtes Kapitel.

Wie eine sehr gute bürgerliche Hochzeit dieser romantischen Geschichte

ein Ende macht.

Während der Fahrt nach Haus hatte Tante Buchstabiria noch ernsthafte

Gespräche mit dem langen Poeten; denn sie verstand sich ein wenig

auf seine Kunst. Ei, sagte sie, Ihr habt ganz hübsche Geschichten

erlebt; aber wenn Ihr einen Roman daraus machen wolltet, müßten

nothwendig die Vogler und Gärtnerinnen wieder vorkommen, und was aus

dem grillenfangenden Kegeljungen geworden, das wüßt' ein geneigter

Leser auch gar zu gern. Nun steht's so lose neben einander, wie die

Buchstaben im Abc. Der Poet lachte still in sich hinein und brummte:

Es ist noch nicht aller Tage Abend, und was nicht ist, kann noch

werden. Im Herzen aber war er doch ein bischen besorgt, wo's hinaus

sollte.

Wie sie nun nach Haus gekommen, lief der lange Poet viel im Hause

herum, hatte mit der Köchin zu tuscheln, und ließ Keinen in die

Karten sehn. Er bekam auch mehrere Briefe, die er für sich behielt,

denn die Andern waren Alle in der großen Schulstube eingesperrt, wo

Pedanterlieschen ihren Bräutigam in den Wissenschaften examinirte und

ihm aus übergroßer Gewissenhaftigkeit eine schlechtere Censur gab, als

man von einer Braut hätte erwarten dürfen. Glückspilzchen aber brachte

ihre Käke zu Bett, denn das arme Kind hatte den Schnupfen gekriegt.

-- Auf einmal öffnete sich die Thür, und der lange Poet lud die ganze

Gesellschaft ein, ihn nach der Küche zu begleiten. Er selbst nahm den

blonden Schusterjungen und Pedanterlieschen unter den Arm und ging

voran.

Die Thür der Küche aber war festlich mit Blumenkränzen geschmückt und

über dem Eingang stand mit goldnen Buchstaben:

Aegyptenland ist hie zu sehn,

Wo die berühmten Fleischtöpf' stehn.

Bitt', trete näher wem's gefällt;

Es ist umsonst und kost't kein Geld.

Da traten denn Alle höchlich verwundert ein und sahen ein Dutzend

großmächtiger Fleischtöpfe am Feuer stehn und das allerurwürzigste

Fleisch darinnen dampfen. Rings um den Herd standen schöne bunte

Pyramiden vom vorigen Weihnachten, und die Kerzen darauf brannten, daß

es eine wahre Pracht war. Der Poet aber trat vor und gab dem blonden

Schusterjungen zwei Briefe. In dem einen stand, sein Herr Vormund sei

mit Tode abgegangen und habe ihm noch, wie er eben im besten Sterben

gewesen, alle seine Geldsäcke vermacht. Im zweiten stand, der König

habe ihm für seine edle Aufopferung bei Rettung der kleinen Käke die

Rettungsmedaille zu verleihen geruht, habe auch dem armen Grillenfänger

eine Pension ausgesetzt, damit er in Zukunft das Geschäft sorgenfrei

und nicht mehr auf eigne Hand, sondern im Hause des jungen Schusters

betreiben könne, falls sich Grillen darin einstellen würden. Es war

das natürlich ein Ruheposten; denn bei der Vortrefflichkeit der beiden

Leutchen war an Grillen kaum zu denken.

Nun begreift Jeder, welch eine fröhliche Hochzeit gefeiert wurde,

und zwar an demselben Tage, an dem Prinzessin Marzebille dem Prinzen

Schnudi die Hand reichte. Der aber schien den langen Poeten vergessen

zu haben und galt im ganzen Lande für ein gewaltiges Licht, seitdem er

die schönen Verse heimgebracht hatte.

Pedanterlieschen führte indessen ein sehr musterhaftes häusliches Leben

und es hat sie nie der Schuh gedrückt; dafür sorgte ihr Mann, der sehr

bequemes Fußwerk lieferte. Glückspilzchen dagegen hatte noch viel von

der Erziehung auszustehn, machte sich indeß manche fröhliche Stunde

in Wald und Feld, wobei sie sich freilich vor der Frau Bösgewissen in

Acht nahm; und zuletzt verliebte sich ein Waldhornist Namens Eichhorn

sterblich in sie, der ein schmuckes fideles Kerlchen war und von Allen

hochgeehrt immerfort die Welt durchstreifte und sie einmal unversehens

mitnahm. Der lange Poet aber saß nun fleißig bei seinem Heldengedicht,

was er den Tanten sehr zu Dank machte. Nur war ihm Tante Buchstabiria

immer noch böse wegen der Gärtnerfamilie, die nicht wieder zum

Vorschein kam. Aber der Poet sagte, es sei alles eine wahre Geschichte,

für die er nicht könne; denn da die Helden dieses Märleins, Gottlob!

noch nicht gestorben seien, so lebten sie heute noch, und die liebe

Tante sollte nur immer abwarten, ob die vermißte Gesellschaft nicht

doch noch einmal ihren Besuch machte.

Das Märchen von Musje Morgenroth und Jungfer Abendbrod.

Erstes Kapitel.

Wie Musje Morgenroth in noble Verhältnisse kommt und wo er die Nacht

darauf zubringt.

Es war einmal ein gewisser Musje Morgenroth, der war Stiefelputzer,

und zwar ein sehr vornehmer, denn er putzte nur die Stiefel von

Geheimeräthen. Außerdem besaß er ein absonderliches Genie für die

edle Musica, denn er war eines Organisten Sohn und hatte von seinem

siebenten Jahr an Bälge treten müssen, war also von schönen alten

Liedern voll und klimperte auf der Guitarre gar herzbrechend die

Begleitung. Das Stöckchen von Pfefferrohr, ohne das kein ehrlicher

Stiefelputzer sich durch die Welt schlagen kann, ließ er den ganzen

Tag nicht von sich, und Nachts legte er's in ein Puppenbettchen,

das von seinem jüngsten Schwesterlein her, Gott habe es selig! als

Erbstück auf ihn gekommen war; denn er liebte beide sehr, Stöcklein und

Schwesterlein. Er hatte nur einen Rock und einen Wunsch, die er beide

schon sehr lange mit sich herum trug. Dem Rock ging es umgekehrt wie

dem Wunsch; er wurde immer schäbiger und bequemer, während der Wunsch

stärker ward und unbequemer. Dieser bestand aber in nichts geringerem,

als ob's nicht möglich wäre, daß er einmal dahin käme, wo der Pfeffer

wächst. Da müßte ja, meint' er, recht das Land für die Stiefelputzer

sein, wo die Pfefferröhre wild wüchsen, und nicht so ein Heidengeld

kosteten. Ja, wer doch da einmal hinkönnte!

Eines schönen Abends, da der Mond eben aufgegangen war, wanderte

Musje Morgenroth zum Thor hinaus, an den Landhäusern der reichen

Leute vorbei, hatte die Guitarre im Arm, das Pfefferröhrchen guckte

ihm hinten aus der Rocktasche und der Hut saß recht windschief auf

dem linken Ohre. Meiner Seel, sagte er und sah zu den Sternen hinauf,

was der liebe Herrgott für Arbeit haben muß, bis er Sonne, Mond und

Sterne blank geputzt hat! Wundert mich aber doch, daß er den Mond

nicht blanker kriegt. Die dummen Flecken da scheinen sich schon lange

eingenistet zu haben. -- Er schüttelte den Kopf und that sich heimlich

auf seine Stiefelputzerweisheit nicht wenig zu Gute. Es war nur sein

Glück, daß er nicht mehr in die Höh' sah; denn der Mond schnitt ihm ein

spöttisch Gesicht und die Sternlein warfen mit Schnuppen nach ihm, um

ihn zu necken, von denen aber keine traf. Er nahm wieder seine Guitarre

vor, schlug einige Accorde an und sang dann folgendes Lied:

Spazier' ich so die Gass' entlang,

Wenn kaum der Tag verrauschet,

Dann heb' ich an einen trauten Sang,

Dem manch ein Dirnlein lauschet.

Wo eins in Liebchens Armen ruht,

Dem dünkt das Liedel wundergut;

Wo einsam weint ein junges Blut,

Dem soll's gar tröstlich frommen.

So weit der goldne Sonnenschein

Mag auf die Erde blicken,

Will sich zusammen nichts so fein

Als Lieb' und Musik schicken.

Das wußt' auch König David wohl

Und sang zur Harf' in Dur und Moll

Höchst meisterlich und wundervoll

Die allerbesten Lieder.

Und dies geschah vor Alters schon,

Ist dennoch wahr geblieben;

Ich mein', ich säß' auf Davids Thron,

Sing' ich ein Lied vom Lieben.

Und wer dies Liedel hat erdacht,

Der hat so manche liebe Nacht

Ein Ständchen seinem Schatz gebracht.

Die ließ ihn ein zum Danke.

Wie er eben fertig war und klimperte noch so eine Art von Nachspiel,

wurde in einem kleinen Gartenhäuschen ein Fenster aufgemacht, hart

bei ihm, und eine steinalte Frau lehnte sich heraus. »Guten Abend,

Herr Minnesinger!« sagte sie ausnehmend freundlich. »Wo habt Ihr

denn das schöne Lied her, das Ihr so wunderlieblich gesungen habt?«

-- Schönen guten Abend, gnädige Frau Geheimeräthin! erwiederte Musje

Morgenroth -- denn so nannte er aus langer Gewohnheit jede vornehme

Dame, die ihm vorkam -- mit dem wunderlieblichen Singen ist's wohl

nicht weit her (das war aber die pure Bescheidenheit). Das Lied jedoch

ist ein Erbstück in unsrer Familie; der Urgroßvater hat es gesungen,

da er Bräutigam war. -- Ei, sagte die alte Dame, wer seid Ihr denn?

-- Ich bin der Stiefelputzer Morgenroth, gab der mit dem schiefen

Hut zur Antwort. -- Das ist ja ein wunderhübscher Name und eine sehr

ehrenwerthe Kunst, sagte die Dame wieder. Hättet Ihr wohl Lust, noch

eine Stelle anzunehmen? -- Ja, meinte Musje Morgenroth ganz stolz, ich

putze nur die Stiefeln und die Schuhe in Geheimerathsfamilien! -- Ach

du lieber Gott! lachte die alte Dame, ich bin noch weit vornehmer.

Ich bin eine Fee außer Dienst, und weil ich gar zu wackelig geworden

bin, habe ich mich in dies Gartenhäuschen zurückgezogen und lebe von

meinen Renten. -- Musje Morgenroth zog seinen Hut und machte einen

tiefen Bückling. Ich stehe ganz zu Diensten, sagte er. -- Damit schien

die Fee ganz zufrieden und sagte: Hört einmal! ich habe noch eine

leere Kammer im Gartenhaus; da könntet Ihr wohnen. Müßt dann aber Eure

andern Stellen aufgeben; denn bei mir habt Ihr Alles frei und einen

neuen Anzug zu Geburtstag und Weihnacht, aber keinen Lohn, sondern

wenn Ihr mir ein Jahr lang gedient habt, sollt Ihr einen Wunsch thun

dürfen, den will ich Euch erfüllen, so groß er auch sein mag. -- Das

ist alles ganz schön, gab Musje Morgenroth zur Antwort; aber Ein Haus

kann ich nicht aufgeben, dem Geheimerath von Fresco seins; da putz' ich

schon seit meinen Schuljahren die Stiefel. -- Auf das eine Haus soll

mir's nicht ankommen, sagte die Fee. Aber habt Ihr sonst Anhang? --

Musje Morgenroth wurde ganz roth und sagte dann: Ich wüßte nicht; nur

die Jungfer Abendbrod, die Köchin bei Fresco's, die ist mein Schatz,

und mit der geh' ich alle Sonntage zum Tanz. -- Ich kann gegen eine

aufrichtige Leidenschaft nichts haben, erwiederte die alte Dame; aber

nur darf sie mir nicht ins Haus. -- Schon gut, brummte Morgenroth, wenn

ich nur den Sonntag Nachmittag frei habe und zuweilen in der Woche ein

Stündchen bei ihr sitzen kann. -- Das soll Euch vergönnt sein, sagte die

Fee. Also morgen, hört Ihr wohl? kommt Ihr mit Euren Siebensachen und

richtet Euch ein bei mir. Gute Nacht, Musje Morgenroth! -- Sanfte Ruh,

Excellenz! sagte der Stiefelputzer; denn so nannte er die Dame, weil

sie noch vornehmer war als die Geheimeräthinnen. Oben das Fenster wurde

zugeschlagen und er stand wieder allein. Nun besah er das Häuschen mit

Muße. Es war einstöckig, hatte ein hohes spitzes Dach und lauter grüne

Jalousieen und nach der Straße zu keine Thür, sondern eine im Zaun;

daran hing eine Klingel und auf dem Klingelschilde stand: Claribella,

Fee außer Dienst. Das las aber Musje Morgenroth im Mondschein, machte

dann seelenvergnügt Kehrt und schlenderte der Stadt zu.

Bin ich doch auf einmal in noble Verhältnisse gekommen! sagte er zu

sich selbst. Morgen im Vorbeigehn ruf' ich's gleich dem Fritz ins

Fenster hinein; da wird er sehn, daß ich doch ein andrer Kerl bin,

als er. -- Den Fritz aber konnte er nicht leiden, weil der mit einem

spanischen Rohr die Kleider klopfte und über sein Pfefferrohr ganz

schnöde Dinge zu sagen pflegte. Dann griff er wieder in die Guitarre,

klimperte und sang dazu und machte einen Luftsprung über den andern.

Es floß ein kleiner Graben durch die Stadt, gerade hinter dem Hause

vorbei, wo Jungfer Abendbrod Köchin war. Das Kämmerlein aber, darin sie

wohnte, lag neben der Küche im Erdgeschoß, und zwar nach dem Wasser zu.

Musje Morgenroth lös'te nun einen Kahn, den die Wäscherinnen brauchten,

vom Pfahl, stieg hinein und ruderte mit einer der hohen Trockenstangen,

die in Menge dalagen, unter seiner Liebsten Fensterlein. Da fing er

leise an zu präludiren und sang:

Spät im Mondenschein ich harre,

Ich verliebter armer Narre,

Seufze leise zur Guitarre:

Lieber Schatz, ich bitte dich,

Laß mich heute nicht im Stich!

Der Jungbrunnen: Neue Märchen von einem fahrenden Schüler · 第 3 / 11 段