freundlich heraus. Sie hatte ganz blondes Flachshaar, glatt gestrählt,
und ein paar Wangen, die roth waren, wie die Aepflein am Baum. Das
kam daher, daß sie den ganzen Tag in der Glut am Herde stehen mußte.
Guten Abend, lieber Musje Morgenroth! sagte sie. Ich hab' Euch schon
lange erwartet, denn ich hob eine prächtige Bratwurst und ein Weißbrod
für Euch auf, dazu einen Milchweck mit Rosinen. -- Viel tausend Dank,
liebste Jungfer Abendbrod! sagte der im Waschkahn. Reicht mir nur die
schönen Sachen heraus; denn ich habe einen grausamen Appetit. -- Die
Jungfer verschwand einen Augenblick; dann kam sie wieder zum Vorschein,
gab ihm die Wurst in einer schönen blauen Düte hinab und das Weißbrod
und den Milchweck auch, und Musje Morgenroth steckt's alles in seine
Rocktaschen. Darauf fing er an und erzählte ihr, wie er nun in so noble
Verhältnisse gekommen und daß die Excellenz gesagt habe, gegen eine
aufrichtige Leidenschaft könne sie nichts haben; und wenn das Jahr um
wäre, wolle er sich Haus und Hof wünschen, dann könne er sie heirathen.
-- Aber sagt einmal, fragte die Jungfer, wie alt ist wohl die Dame? --
Schatz, erwiederte Musje Morgenroth, es braucht der Eifersucht nicht.
Sie sieht einer Nachteule ähnlicher als einem Menschen, und ich glaube
gar, sie hat keinen Zahn mehr. -- Ach Gott, wie komisch! rief Jungfer
Abendbrod und lachte, bloß um ihre blanken Perlenzähne zu zeigen; denn
eigentlich ist das doch gar nicht komisch, wenn Jemand keinen Zahn mehr
im Munde hat. Sie schwätzten noch eine Viertelstunde zusammen, wie sie
ihr Häuschen einrichten wollten, und eine schöne große Küche werd' ich
haben und viel blankes Kupfergeschirr, sagte Jungfer Abendbrod; dann
hörten sie wahrhaftig Mitternacht schlagen. Ich muß nun aber fort,
meinte Musje Morgenroth. Nur noch einen Kuß, liebste Jungfer! Sie bog
sich ein bischen heraus und er kletterte an der Wand hinauf, hielt sich
oben an Fensterkreuz fest und gab ihr einen herzhaften Gutnachtkuß. Wie
er sich umsah, um in den Kahn zurückzuspringen, war der hinterlistiger
Weise fortgeschwommen, und die Guitarre lag auf der Ruderbank und
schwamm mit. Ach Himmel! rief Musje Morgenroth, was fang' ich nun
an? -- Jungfer Abendbrod bekam einen gewaltigen Schreck. Hier hangen
bleiben könnt Ihr nicht, das hält ja Niemand aus die ganze Nacht;
und wenn Euch am andern Morgen die Leute sähen, ich wär' des Todes!
Wißt Ihr was, ich lass' Euch in die Küche. -- Damit half sie ihrem
Liebsten durchs Fenster in ihr Kämmerlein, schob ihn aber eilig durch
die Thür in die große dunkle Küche und schloß hinter ihm ab. Da stand
nun Musje Morgenroth und wagte keinen Schritt zu thun. Endlich ging er
ein wenig vorwärts, aber bauz! da stieß er an die Kante von dem großen
Küchentisch. Er wußte zwar sonst ziemlich Bescheid hier; aber er war
ganz verwirrt von dem Schreck, fand jedoch den Herd und streckte sich
behaglich daneben hin, daß der Kopf auf einem Reisbündel zu liegen kam.
Wie er nun so lag, fiel ihm ein, er hätte ja die Bratwurst noch in der
Rocktasche und das Weißbrod nebst dem Milchweck mit Rosinen. Da fing er
ganz vergnügt an zu essen, und das that ihm gar sanft. Hernach dachte
er: Willst doch einmal sehn, ob Jungfer Abendbrod schon schläft; und
da sang er mit leiser, leiser Stimme:
Lieber Schatz, was machst du?
Schläfst du, oder wachst du?
Unten bei dem Feuerherde
Lieg' ich auf der blanken Erde,
Muß an dich so viel gedenken;
Will kein Schlaf sich niedersenken,
Weil die Sehnsucht immer wacht.
Gute Nacht! Gute Nacht!
Aus dem Kämmerlein nebenan gab Jungfer Abendbrod eben so leise zur
Antwort:
Thät mich schon zu Bette legen,
Bet' nur noch den Abendsegen.
Mondschein zwischen Wolkenschäfchen
Dämmert mich wohl bald ins Schläfchen.
Lege dich fein still aufs Ohr!
Mach mir nicht so viel Rumor,
Daß im Hause Keins erwacht!
Gute Nacht! Gute Nacht!
Das nahm sich Musje Morgenroth zu Herzen, betete noch ein Vaterunser,
aber eh er's zu Ende hatte, war er richtig schon eingeschlafen. Die
kleinen Mäuslein, die aus den Löchern herausschlüpften, wunderten sich
nicht wenig über die ungewohnte Gesellschaft, ließen sich aber nicht
stören, sondern hielten in der Küche Ball, wie alle Nacht, pfiffen sich
lustige Stücklein zum Tanz, und wenn sie ausruhten, naschten sie aus
Jungfer Abendbrods Zuckerdose oder knabberten an dem Brode, das im
Küchentisch lag. Eins aber kam aus Versehen über Musje Morgenroths Nase
gelaufen; da schlug er im Traum um sich, daß die ganze Gesellschaft
erschrak und sich wieder verkroch. Und so hatte er die übrige Nacht
Ruhe vor ihnen.
Zweites Kapitel.
Wie Musje Morgenroth sich einrichtet.
Der Hahn hatte noch kaum gekräht, da stand Jungfer Abendbrod schon bei
ihrem Liebsten und weckte ihn. Guten Morgen, Schatz! sagte der und
richtete sich auf. Au weh! ich bin einmal brav zerschlagen. Ach, und
mich schläfert noch gewaltig! -- Hilft nix, sagte die Jungfer, Ihr müßt
absolut aus dem Hause hinaus. Der Wächter hat eben aufgeschlossen, und
wenn erst die Bäckerläden sich aufthun, kommt Ihr nimmer unbemerkt
fort. -- Jesus! schrie da mit einem Mal Musje Morgenroth, und meine
Guitarre hab' ich ganz vergessen. Die ist am Ende gestohlen! Ich
überleb's nicht! -- Und so stürzte er aus der Küche, lief die Treppen
hinab und war zur Hausthür hinaus.
Es war lieblich frisch draußen und still; kein Mensch ging auf der
Gasse; nur die alten Mütterlein, die nicht schlafen konnten, saßen
in den Nachthauben am Fenster und begossen die Blumen, oder gaben
dem Vögelchen sein Futter, damit das verschlafne Enkelkind, wenn's
endlich aufwachte, seine Blumen frisch und den Liebling im Bauer lustig
fände. Musje Morgenroth lief, ohne darauf zu achten, an den Graben und
ging dann suchend dem Wässerchen nach. Da war denn der Waschkahn bis
zu einem Kameraden hinabgeschwommen, der sich recht breit machte und
ihn anhielt, und so mögen sie die Nacht sich eins erzählt haben. Die
Guitarre lag unversehrt auf der Ruderbank, die Trockenstange unten im
Kahn, und Musje Morgenroth schlug vor lauter Fröhlichkeit ein Rad bis
in den Kahn hinein. Darauf nahm er die Stange zur Hand und fuhr wieder
den Graben hinauf, ganz stille, daß Keiner das Plätschern hören sollte,
band das Fahrzeug am Pfahl wieder fest und sprang mit der Guitarre
hinaus.
Wie er dann durch die alte Stadt ging, war ihm zu Muth, als wäre er
nie so fröhlich gewesen. Nein, sagte er, ich will heut den Fritz
nicht ärgern, will ihm lieber ein Lied singen. Da stellte er sich vor
Fritzens Kammerfenster und sang:
Wenn die Hahnen frühe krähen,
Macht sich auf Herr Morgenwind,
Feget aus mit starkem Wehen
Stadt und Flur und Wald geschwind.
Allen Bäumen in der Runde
Schüttelt er das Haar zurecht,
Weckt die Blümelein im Grunde,
Daß sich keins verschlafen möcht'.
Nebel, die an Bergen hangen,
Jagt er ohne Gnade fort.
Kommt Frau Sonne dann gegangen,
Find't sie's sauber allerort.
Will sie ihrem treuen Winde
Geben schönen Dank zum Lohn,
Ist er, daß ihn keiner finde,
Ueber alle Berge schon.
Und daran nahm sich Musje Morgenroth ein Exempel und lief, als er den
letzten Ton gesungen hatte, eilig fort in die Nebengasse. Da aber
stand er still und sah um die Ecke, wie der Fritz ganz munter den
Kopf hinaussteckte und sagte: Ei wer hat mir die schöne Morgenmusik
gebracht? -- Der Musikant aber lachte vergnügt in sich hinein und ging
seiner Wege weiter.
So kam er an ein stattliches Haus, da wohnte eine von seinen
Herrschaften drin. Geheimeraths Liese -- so hieß die Köchin -- stand
vor der Thür und sagte: Schönen guten Morgen, lieber Musje Morgenroth!
Ihr kommt ja zeitig heut! -- Der aber wußte schon, was er darauf zu
sagen hatte, stellte sich ganz ernsthaft hin und sprach:
Ich bin in noble Verhältnisse gekommen,
Eine Fee außer Dienst hat mich in Dienst genommen;
Nun muß ich jedoch aus dem Dienste treten
Bei Herr Geheimerath und Frau Geheimeräthen.
Doch Liese bestelle, daß ich bleibe bis in den Tod
Ihr gehorsamer Diener Musje Morgenroth.
Damit ging er fort und begegnete Geheimeraths Käthe; die fragte ihn
ebenso, und der sagte er dasselbe. Dann kam Geheimeraths Dorthe, und
dann Geheimeraths Annemarie, und dann Grete, Line und Cläre, und das
waren alle Geheimerathsköchinnen, und all denen sagte er dasselbe.
Zu allerletzt aber kam er zu Fresco's, und da setzte er sich bei
Jungfer Abendbrod in die Küche und trank Kaffee, den sie ihm kochte
und aß einen Weck dazu und putzte dann die Stiefel und Schuh von Herr
Geheimerath und Frau Geheimeräthin und den zwölf Fräulein und Junkern,
wobei er seiner Liebsten ein schönes Lied nach dem andern vorsang.
Mittlerweile war es acht Uhr geworden; da dachte er: Es wird wohl
Zeit sein, daß ich in meine neue Wohnung ziehe; sonst denkt Excellenz
Claribella, ich sei ein rechter Siebenschläfer. Beurlaubte sich also
bei Jungfer Abendbrod und ging zum Thor hinaus. Wie er nun zu dem
kleinen Häuschen kam, lag die alte Excellenz schon im Fenster und
sagte gar freundlich: Guten Morgen, Musje Morgenroth! Wo hinaus? --
Ich wollte schon zu Ew. Excellenz ziehn, sagte der. -- Ah so, meinte
die Fee, und die Wagen kommen wohl nach? -- Welche Wagen, Excellenz?
-- Ich meine die Möbelwagen, die Eure fahrende Habe hierher bringen.
-- Ach du lieber Gott! sagte Musje Morgenroth und hätte fast gelacht,
wenn's nicht unschicklich gewesen wäre; all meine fahrende Habe
bring' ich mit, und drei Hemden und drei Paar Socken, die ich noch
von der Mutter her habe, sind bei der Wäscherin, die wird sie morgen
hier herausbringen! -- Da fiel die Fee fast in Ohnmacht und schlug
einmal über das andre die Hände überm Kopf zusammen vor großmächtiger
Verwunderung. Endlich sagte sie: Hier nehmt den Schlüssel zur
Gartenthür und klopft nur hinten an der Hausthür; sie geht schon von
selbst auf. -- Das that er denn, trat in den Garten ein und stieg die
kleine Treppe hinten am Haus hinauf und trat hinein. Innen sah's gar
wohnlich und hübsch aus; die alte Excellenz kam ihm im Flur entgegen
und führte ihn in eine geräumige Kammer; drin stand ein Bett und rings
lauter Kleiderschränke und Kommoden, aber alle leer. Ei, sagte Musje
Morgenroth, da kann ich meine drei Hemden und die drei Paar Socken
bequem unterbringen! -- Die Fee that, als hörte sie's nicht, denn sie
war filzgeizig; sonst hätte sie dem armen Menschen wohl die Kisten und
Kasten mit hübschen Sachen füllen können. Laßt's Euch lieb sein, sagte
sie, daß Ihr so viel Gelaß habt; man kann nicht wissen, wozu das einmal
nutzt. Wenn's einmal Dukaten regnet oder Bratäpfel oder sonst was Guts,
so wißt Ihr gleich, worin Ihr sie sammeln könnt, und dann kommen Die
schlecht weg, die keinen Platz haben. -- Das leuchtete ihm auch ein
und er sagte: Ich will nur den einen Schrank ein bischen bei Seite
schieben, sonst kann ich gar nicht zu meinem Bett; und daneben muß
auch das Puppenbettchen stehn für mein Pfefferrohr. Das hatte er aber
im Vorbeigehn von der Wittwe abgeholt, bei der er seine Schlafstelle
hatte.
Da Ihr Euch nun eingerichtet habt, fing die alte Excellenz wieder an,
will ich Euch sagen, was Ihr jeden Tag thun müßt. Morgens ganz früh
müßt Ihr in den Garten und die Wege sauber machen, und die Eidechslein
und Rosenkäfer beiseit kehren; denn die mag ich nicht leiden. Nachher
putzt Ihr die Schuh, die vor meinem Schlafzimmer stehn, und wenn Ihr
damit fertig seid, klopft Ihr dreimal an die Thür und sprecht dabei
folgenden Vers:
Sonn' ist eben aufgegangen,
Spiegelt ihre goldnen Wangen
In den blitzeblanken Schuhen.
Wollten Excellenz geruhen,
Dero Schlaf nehm' jetzt ein End,
Weil der Kaffee sonst verbrennt.
Und dann bringt Ihr mir meine Kaffeemaschine an die Thür, die singt,
wenn der Kaffee fertig ist: »Wie schön leucht't uns der Morgenstern.«
Wenn ich gefrühstückt habe, mögt Ihr zu Fresco's gehn; aber zu Mittag
seid wieder hier, da müßt Ihr mir das Essen kochen: ein Weinsüppchen,
ein Rindsrippchen und ein Eierküchlein mit Pflaumen. Nach Tisch les't
Ihr mir die Zeitungen vor und gebt meinem Papagei Geographiestunde.
Dann ist der Tag Euer. -- Ach, sagte Musje Morgenroth, aber meine
Geographie geht nicht weiter als bis zum nächsten Kirchspiel. -- Schadet
nichts, sagte die Fee, es sind nur allgemeine Kenntnisse nöthig, daß
der Lori nicht so gar viehdumm bleibt. Nun wißt Ihr, was Ihr zu thun
habt. Zu essen bekommt Ihr, was ich übrig lasse; und da habt Ihr noch
ein Tuch, das ist ein Hungertuch, und wenn's einmal nicht reichen
sollte, Euch satt zu machen, könnt Ihr an dem Hungertuch nagen; dann
haltet Ihr's aus. -- Danke schön, sagte Musje Morgenroth; wenn ich
einmal recht appetitlich bin, geh' ich zu Jungfer Abendbrod, meinem
Schatz. -- Wie Ihr wollt, sagte die Fee; aber heimlich war sie recht
froh, denn sie war eine gute Wirthin und liebte die Dienstboten
zumeist, die am wenigsten aßen.
Wie es nun Mittag wurde, ging Musje Morgenroth in die kleine Küche und
kochte das Weinsüppchen, das Rindsrippchen und das Eierküchlein mit
Pflaumen, und weil er eine Köchin zum Schatz hatte, machte er Alles gar
urwürzig und gut, daß die Fee ihn nicht genug loben konnte. Nachher,
als er das Geschirr gesäubert hatte, rief sie ihn in ihr Wohnstübchen.
Ach, da sah es einmal wundernett aus! An den Wänden erblickte man die
ganze Familie der Excellenz Claribella ausgehauen und gestochen, und
über dem Sopha hing ihr Taufschein und Einsegnungsschein in goldnen
Rahmen, die ganz erstaunlich glitzerten. Der Lori war auch da und
schien ein sehr verwöhntes Thier zu sein, denn seine Herrin hielt ihm
immer die Stange, auf der er saß. Als nun Musje Morgenroth hereintrat
und ihm höflich seine Verbeugung machte, verzog er seinen Schnabel
zu einem verbindlichen Lächeln und sagte: Bella, der Mensch gefällt
mir. -- Er soll dir auch Geographie beibringen, sagte die Fee, hieß
Musje Morgenroth sich zu ihr auf einen Stuhl setzen und gab ihm die
Staatszeitung und das Intelligenzblatt. Die las er von A bis Z vor,
alle Dienstgesuche, Wohnungen, die zu vermiethen sind, vermischte
Nachrichten und reelle Heirathsgesuche in einem Strich, und die Fee
streichelte unterdeß den Papagei und sagte von Zeit zu Zeit: So! --
Wie er nun fertig war, sagte die Fee: Ihr les't ganz erstaunlich
gut, Musje Morgenroth. Es wird wohl mit der Geographie eben so gut
gehn. Da faßte sich der arme Mensch ein Herz, und weil es nur das
Allgemeine sein sollte, fragte er den Lori: Junger Herr, könnt Ihr mir
sagen, wie die Erde eingetheilt ist? -- Der Lori schwieg auf diese
verfängliche Frage mäuschenstill, und Musje Morgenroth beantwortete
sich selbst, wie er sich's vorher in der Küche zurecht gelegt hatte:
Die Erde ist eingetheilt in Länder, Städte, Flecken und Dörfer. Dann
fragte er weiter und schwitzte die hellen Tropfen vor Angst: Und wißt
Ihr anzugeben, wie die Flecken eingetheilt werden? -- Ja, sagte der
Lori, in Tintenflecke, Obstflecke, Fettflecke und Baumflecke. -- Hört
Ihr? flüsterte die Fee dem Musje Morgenroth zu, er weiß doch gleich
Bescheid. -- Ach ja, sagte der schwitzende Magister, er hat nur die
Marktflecken ausgelassen. -- Was ich doch immer schon fragen wollte,
sagte der Lori, wo liegt eigentlich das Land, wo der Pfeffer wächst?
denn da bin ich geboren. -- Ei, erwiederte Musje Morgenroth, und da
möchte ich gar zu gern hin. Es muß da so ein hunderttausend Meilen
hinterm Berge liegen. Wie er das aber heraus hatte, wurde ihm ganz
schlimm; denn er meinte, die Fee wüßt' es besser; sagte also, er bekäme
plötzlich heftiges Leibschneiden, er müsse für heut schließen. Damit
schien der Lori ganz zufrieden, und die Fee, die ihm immer die Stange
hielt, auch, und Musje Morgenroth machte daß er fortkam.
Er lief aber mit der Guitarre geraden Weges zu Jungfer Abendbrod; die
fand er in der Küche sitzen und im Kochbuch lesen. Wie sie aber ihres
Liebsten ansichtig ward, ließ sie das Lesen, holte ein Viertel von
einem Kapaun hervor und ein Glas Wein und ein Stück Kuchen -- denn es
war dem Herrn Geheimerath sein Geburtstag gewesen -- und das setzte
sie Musje Morgenroth vor. Dem war das Leibschneiden schon unterwegs
vergangen; saß also ganz froh nieder und aß. Dazwischen erzählte er
der Jungfer, wie es ihm ergangen. Ach, schloß er, als er eben das
letzte Knöchlein benagte, es will mir schon gefallen in den nobeln
Verhältnissen, wenn nur die Geographiestunde nicht wär' und in der
Kammer nicht so viel Gelaß wär', daß ich mich kaum umdrehn kann.
Nu, sagte Jungfer Abendbrod, haltet nur ein Jahr lang aus! Hernach
soll's uns schon desto besser gehn. Indem sie das sagte, räumte sie
das Geschirr beiseit, und dann setzten sie sich zusammen auf den
Küchentisch und sangen die wunderschönsten Lieder, wie: »Puthähnechen,
Puthühnechen« etc. und »der Kukuk ist ein alter zisele bumbum basele
besele« etc.; aber am schönsten war doch ihr Leibstückchen:
Pumpelnäs' und Singestert
Saßen auf dem Feuerherd
Ohne Kien und ohne Licht;
Pumpelnäschen, stoß dich nicht!
Und das sangen sie wohl ein Dutzend Mal, und Musje Morgenroth spielte
dabei auf der Guitarre und Jungfer Abendbrod ließ ihre Füße im Takt
an den Küchentisch baumeln, daß man weit und breit für schweres Geld
nichts Schöneres hätte hören können.
Drittes Kapitel.
Wie durch einen verunglückten Kaffee viel Glück zu Wasser wird.
So ging das ein ganzes Jahr lang und Musje Morgenroth hatte nimmer
nöthig an dem Hungertuch zu nagen, weil ihn sein Schatz nudelte,
so viel sie konnte. Zu Geburtstag und Weihnacht bekam er eine neue
Liverey, und die war ganz absonderlich schön, alter grüner Sammt von
einem früheren Reitkleide der Fee Claribella, mit Schmetterlingsflügeln
besetzt am Kragen und an den Aufschlägen, Turnhosen mit Gamaschen und
einen Hut von veilchenblauer Seide, darum der Altejungfernkranz der
Excellenz gewunden war. Musje Morgenroth sah gar stattlich in dem
Aufzuge aus, so daß alle Leute auf der Straße stehn blieben und sagten:
Ei was für eine schöne Liverey! Nun wußte er auch, wozu seine Schränke
da waren. In den ersten hing er Abends die neue Liverey, in den zweiten
seine alten Kleider, in den dritten das erste Hemd, in den vierten
das zweite und so fort in jeden Kommodenkasten eins. Da war er vor
Unordnung sicher.
Mit der Geographiestunde ging es auch besser, als er gedacht hatte. Er
fing mit den nächstliegenden Dörfern an und erzählte dem Lori von jeder
Kirms, auf der er getanzt, und von jedem Erntefest, das er mitgemacht
hatte. Das war ein sehr nützlicher Unterricht, denn da bekam der Lori
einen allgemeinen Begriff von Kuchenecken, Aepfelwein, Milchreis und
Hirsenmus; und das ist für viele Menschen die Hauptsache; warum nicht
für einen Lori, dem eine Fee außer Dienst die Stange hält?
Wie nun das Jahr fast um war -- es war aber nur noch ein Tag dazwischen
-- erinnerte Musje Morgenroth die Excellenz an ihr Versprechen, ihm
einen Wunsch, wie groß er auch wäre, zu erfüllen. Ja wohl, sagte die
Fee, denkt Euch nur was Hübsches aus! Das war aber recht schlecht von
ihr, daß sie das sagte; denn sie hatte doch vor, den armen Menschen
zu betrügen, weil sie so filzgeizig war. Musje Morgenroth aber ging
spornstreichs zu seiner Jungfer Liebsten, um ihr all sein Glück zu
erzählen. Er fand sie am Herd stehen, und über dem Feuer hing ein
großer Waschkessel. Was kocht Ihr da, Jungfer Abendbrod? sagte er. --
Kaffee, liebster Musje Morgenroth. Unser ältestes Fräulein giebt heut
einen großen Klatschkaffee, wozu hundert und ein Geheimerathsfräulein
eingeladen sind. -- Indem hörten sie etwas die Treppe heraufkommen.
Horcht! sagte die Jungfer, da kommen sie. Musje Morgenroth aber
war nicht faul, rückte einen Stuhl vor die Küchenthür und sah oben
durch die Ritze. Da kamen die hundert und ein Geheimerathsfräulein
richtig dahergewackelt -- denn das Wackeln galt für vornehm --
und alle trugen schwarzseidne Kleider mit silbernen Sternen und
hatten Nähkästchen von schwarzem Ebenholz in der Hand, die auch mit
silbernen Sternen eingelegt waren. In der Stadt herrschte nämlich der
sogenannte Kastengeist; denn die Töchter in den verschiedenen Ständen
unterschieden sich durch die Nähkasten, und eine Professorstochter
mußte einen andern haben als eine Geheimerathstochter, und eine
Schneiderstochter wieder einen andern als ein Professorsfräulein. Das
war auch ganz in der Ordnung; denn es wäre doch entsetzlich gewesen,
wenn die hohen Herrschaften nicht was Apartes gehabt hätten. Die
Nähkästchen der Geheimerathsfräulein waren aber deshalb schwarz mit
Sternen, weil das die Nacht vorstellt, die doch alle heimlichen Leiden
der Menschheit beschützt und somit auch die Geheimenräthe.
Da sie nun vorüber waren, stieg Musje Morgenroth herunter und sagte:
weißt du, Schatz? morgen ist das Jahr um; da thu' ich meinen Wunsch.
Ei was ich fidel bin! Er setzte sich wieder auf den Küchentisch und
stimmte die Guitarre. Ach laßt lieber das Singen! sagte die Jungfer;
denn wenn ich nicht Acht gebe, verbrennt mir der Kaffee. Ihr Liebster
aber sagte: Wir werden doch wohl den Vorabend vor unserm fabelhaften
Glück eins singen dürfen! schlug ein paar Accorde an, und Jungfer
Abendbrod mochte wollen oder nicht, sie mußte mitsingen, wie er
folgendes Lied anstimmte:
Wie trag' ich doch im Sinne
So wunderfrohen Muth!
Das kommt von süßer Minne,
Die heimlich brennen thut.
Dadraußen lacht der Mai,
Nun geht's ans Wandern frei;
Und böt' man hundert Gulden mir,
Ich wär' nicht mit dabei.
Mein Schatz hat lichte Haare
Und Wänglein weiß und roth;
Von ihr will ich nicht fahren,
Es scheid' uns denn der Tod.
In aller weiten Welt
Mir nichts so wohl gefällt;
Seit ich mein'n Schatz zuerst erschaut,
Ist's Wandern mir vergällt.
Drei Wochen nach Michaele
Geht's an ein lustig Frei'n.
So froh mag keine Seele
Auf dieser Erde sein.
Ein eigen Haus und Herd
Ist Kaiserkronen werth,
Und kommt mir je das Wandern an,
Ich mach' schon zeitig Kehrt.
Das Lied war eben aus, da trat der Bediente herein und trug ein
großmächtiges Brett, auf dem hundert und ein schwarze Kaffeetassen mit
silbernen Sternen und eine riesenhafte Kanne stand. Jungfer Köchin,
sagt' er, gießt mir flugs die Kanne voll; die Fräuleins haben sich
schon die Zungen trocken geschwatzt. -- Jungfer Abendbrod trat zu
dem Waschkessel, aber mit einem lauten Schrei stürzte sie zurück.
Ein unausstehlicher Brandgeruch stieg vom Kaffee in die Höh und
durchräucherte die ganze Küche. Ach Gott, ach Gott! jammerte sie,
was wird die Frau Geheimeräthin sagen! -- Die aber trat in demselben
Augenblick zur Thür herein und rief: Johann, wie lange wirds? Johann
machte ein verlegenes Gesicht und deutete ausdrucksvoll nach dem
Waschkessel und Jungfer Abendbrod. Da begriff die Geheimeräthin den
ganzen Zusammenhang und rief: Den Augenblick packst du deine Sachen
zusammen und scherst dich aus dem Hause! Und wie sie das gesagt hatte,
wurde sie blau und roth vor Zorn, verließ die Küche und warf die Thür
hinter sich zu, daß die kupfernen Kessel ganz erschrocken einander
anstießen, als wollten sie sagen: habt ihr gehört? Die ist einmal böse!