rasseln hören und Jemand husten. Die Thür ging auf und die alte
Eichkätzchengroßmutter ließ die Gesellschaft herein. Sie hatte einen
braunen Pelz, der wegen des großen Alters sehr nachgedunkelt war und
oft hatte geflickt werden müssen, dazu eine Nachtmütze über Ohren und
Stirn. -- Landstreicher! brummte sie mit zahnlosem Munde, und wollte
noch eine lange Gardinenpredigt halten. Wie sie aber Glückspilzchen
gewahr wurde, erheiterten sich ihre Augen; sie fuhr dem schlafenden
Mägdlein mit der kleinen Pfote über den Scheitel und küßte ihm das
Ohrläppchen. -- Und wo soll sie die Nacht bleiben? fragte sie dann.
-- Die Fremdenstube ist leer, erwiederte Springinslaub; da steht
das weiche Moosbette, wo sie schlafen kann, bis die Sonne kommt. --
Die Alte nickte stillschweigend und ließ ihre Enkel Glückspilzchen
hinauftragen, die immerfort schlief. Sie selbst ging in ihre Kammer
und holte den Pelz ihres seligen Mannes, der in einem Schränkchen von
Nußschalen als ein heiliges Andenken hing. Ich muß dem lieben Thierchen
doch was Absonderliches zu Gefallen thun, sagte sie vor sich hin,
als wollte sie's bei dem Schatten des Seligen entschuldigen. Darauf
stieg sie die kleine Treppe hinauf ihren Enkeln nach, die unterdeß
ihre kleine Freundin sorglich niedergelegt, auch das Fenster verhängt
hatten, damit der Mond ihr nicht gerade in die Augen scheinen und sie
am Ende wecken könnte. Die alte braune Großmama aber deckte ihr den
Pelz über die Füße, setzte ihr ihre eigne Nachtmütze auf das schwarze
Haar und gab ihr eine Haselnuß in jede Hand, weil das Glück bringt nach
dem Eichkatz-Aberglauben. Dann küßte ihr einer nach dem andern das
Ohrläppchen und schlüpften allezusammen zur Thür hinaus.
Fünftes Kapitel.
Wie Glückspilzchen ihre Nachtherberge verläßt und mit der Frau
Bösgewissen Bekanntschaft macht.
Die Waldvöglein in Zweigen
Stehn singend auf beizeit,
Derweil noch schlafen und schweigen
Der Menschen Lust und Leid.
O Jubel und o Wonne,
Nach Nächten, dunkel und bang,
Zu grüßen die liebe Sonne
Mit frohem Lied und Klang!
Zu schweben und zu schwanken
Da droben hoch im Blau'n,
Zu trösten die Müden und Kranken,
Die drunten auf Träume bau'n;
Und zu rufen hinab in die Lande:
Wacht auf nun, nah und fern!
Es kommt in des Frühroths Brande
Ein neuer Tag vom Herrn.
Wohlauf denn und frisch gesungen,
Ein Jedes nach seinem Brauch!
Ist's nur vom Herzen erklungen,
Gefällt's dem Himmel auch.
So ungefähr sang die Lerche, die am Morgen beim Frühconcert die erste
Stimme trillerte; es war nur Alles noch viel besser und fröhlicher, so
köstlich daß man's gar nicht mit bloßen Worten wiedergeben kann, und
die andern lustigen Sänger hielten sich auch brav dran. Da stand auch
die Sonne bald auf, wischte sich die Nebel vom Auge und hielt nicht
länger mit ihrem goldnen Schein hinterm Berg.
Glückspilzchen aber, wie es auffuhr aus dem Schlaf, wußt' es erst
gar nicht, wo es war; denn daß das Zimmerchen in einer alten hohlen
Eiche stecke, fiel ihm nicht ein. Das Licht fiel spärlich durch
ein rundes Astloch, das die alte Base Spinne aus Gefälligkeit mit
Spinneweb wie mit einer Fensterscheibe überzogen hatte, und davor
hatten die Eichkätzchen gestern Nacht ein großes Blatt geheftet, um
den Mond abzuwehren, so daß eine halbe Dämmerung ringsum war. Da bekam
Glückspilzchen rechte Furcht, und wie sie ihren Bruder, den langen
Poeten, nicht fand, auch die Käke nicht mehr im Arm hatte, setzte
sie sich wieder auf das Moosbettchen, nahm die Schürze vors Gesicht
und weinte bitterlange Zähren; denn von der Thür fand sie auch keine
Spur, weil die Fugen in der Rinde nicht bemerkbar waren. Sie hatte
aber kaum ein paar Dutzend Thränen geweint, da ging die Thür auf und
Springinslaub trat herein, und hinter ihm die alte Großmama, die trug
auf einem Brett den wundervollsten Eichelkaffee in Wallnußschalen und
prächtige Erdbeeren, die ihre Enkel schon in aller Frühe im Walde
gesucht hatten. Glückspilzchen hörte plötzlich ein bischen auf mit
Weinen, denn sie verwunderte sich gar zu sehr über den zierlichen
Besuch. Die alte Eichkätzchengroßmama aber setzte sich freundlich und
liebreich neben sie und erzählte ihr, wie sie gestern von ihren Enkeln
hereingebracht wäre, und sie solle nur bleiben, so lange sie wolle,
und sie würden's ihr schon angenehm machen. Glückspilzchen saß wie im
Traum, ließ sich aber von der Alten und den Andern, die nach und nach
Alle Visite machten, geduldig das Ohrläppchen küssen und zum Frühstück
nöthigen; denn sie meinte, es wäre doch Alles Traum, und sie würde bald
aufwachen und Käke und ihren Bruder und auch den blonden Schusterjungen
wiedersehen.
Indessen rief die Großmama eins von den Eichkätzchen heran und sagte:
Knackzähnchen, erzähl' wo du gewesen bist und was du gesehn hast beim
Erdbeersammeln. Da sagte das Eichkätzchen mit feiner Stimme:
Wo die blauen Veilchen sprossen,
Sind drei Bächlein hergeflossen
Ueber Nacht, wie wunderbar!
Salz'ge Bächlein, rasch und klar,
Drüber sich die Zweige spreiten.
Auf dem einen sah ich gleiten
Eine Puppe klein und schmächtig,
Augen funkelhell und prächtig,
Zähne blank wie Elfenbein;
Gar erbärmlich that sie schrein.
Sagt, weß mag die Puppe sein?
Ach Gott, seufzte Glückspilzchen, das ist am Ende meine Puppe Käke
gewesen! -- Ei es giebt viel Puppen auf der Welt, sagte die alte
Großmama, um sie zu beruhigen. Nun komm du, Rothbärtchen, und erzähle.
Das Rothbärtchen aber fing an:
Einsam sprang ich durch die Buchen,
Beeren, roth und süß, zu suchen,
Schaut' umher nach allen Seiten.
Da auf einmal sah ich schreiten
Einen blonden Schusterjungen
Durch die Büsche, dichtverschlungen.
Mütze saß auf einem Ohr;
Spielte sich ein Liedel vor
Auf der blanken Ziehharmonik,
Wie ein Spielmann aus der Chronik,
Pfiff und schimpfte auch mitunter,
Kam vom rechten Weg herunter,
Lauft nun so in Tag hinein.
Sagt, wer mag sein Meister sein?
Das war ganz gewiß der blonde Hansel, mit dem wir gekommen sind, sagte
Glückspilzchen. Ach Gott, wenn ich nur erst draußen wär'! -- Ei es
giebt so viel Schusterjungen, sagte die alte Großmama rasch; bleib du
nur hier bei uns; und nun soll Nußfresserchen erzählen, was ihr passirt
ist. Nußfresserchen aber trat kecklich vor, machte einen Knix und
declamirte dann mit vielem Ausdruck:
Drunten tief im Lindenhag,
Da noch kaum erglomm der Tag
Und nur wenig Vögel sangen,
Kam ein langer Herr gegangen,
Grauen Filzhut in der Hand,
Drauf ein schwarzrothgülden Band
Flatterte im Morgenhauche,
Und er rief bei jedem Strauche:
Saht ihr nicht, ihr schwanken Aesterchen,
Mein verlornes kleines Schwesterchen?
All ihr Gräser, Blumen, Pilzchen,
Saht ihr nicht das Unglückspilzchen?
Rabenschwarz ist Aug' und Haar,
Und der Wuchs ist ganz und gar
Einer Arabeske ähnlich,
Nase, Mund und Kinn gewöhnlich,
Trug ein blaues Thibetkleidchen --
Ach Himmel! rief Glückspilzchen auf einmal, das ist mein Bruder, der
lange Poet, der sucht nach mir, und ich Unglückspilzchen sitze hier
bei Eichelkaffee und Erdbeeren und mache ihm so viel Herzeleid! Ich
muß fort, geschwinde fort, ich halt's gar nicht mehr aus. -- Die
Eichkätzchen wollten sie freilich gerne behalten, aber das ging doch
nicht, und da öffneten sie die Thür, schlüpften mit Glückspilzchen
hindurch und die kleine Treppe hinab und schlossen ihr unten gar
traurig die große Thür auf. Sie hatten schon Abschied von einander
genommen und dem kleinen Mädchen noch zu guter Letzt das Ohrläppchen
geküßt, da sagte die Großmama: Nur noch ein paar Augenblicke warte, bis
dir meine Enkel noch was vorgetanzt haben. Das mußte Glückspilzchen der
guten Alten schon zu Gefallen thun, die auf ihre Familie nicht wenig
eitel war, und so wurden die Musikanten gerufen, der Zeisig, der Fink
und der Vogel Bülow, und die Eichkätzchen führten ein zierliches Ballet
auf, den großen Ast auf und ab. Wie aber Glückspilzchen den kleinen
Tänzern zuschaute, wurde sie wieder ganz munter, und vergaß Bruder
und Käke und den blonden Hansel nach ihrer leichtsinnigen Art. -- Nun
sollt ihr mich erst tanzen sehn! sagte sie, da das Ballet zu Ende war,
und sogleich kletterte sie zur Thür hinaus, ließ die Musikanten ein
frisches Stücklein anfangen und tanzte dann so artig und klapperte so
geschickt mit den blanken Dreiern in der Sparbüchse, daß eine ganze
Menge Vögel und Waldthiere herzukamen, auch die Rehe herbeiliefen und
oben nach dem Ast und der kleinen Tänzerin guckten. Zuletzt ward sie
doch müde; da that sie die Sparbüchse auf, warf den Eichkätzchen die
Dreier zu und rief, sie sollten sie zum Andenken an einem Bändchen
um den Hals tragen. Dann rief sie noch einmal: Lebewohl! und tausend
schön Dank! und kletterte behende den Baum hinab, indem sie den
liebenswürdigen Thierchen viele süße Kußfinger zuwarf.
Als sie nun unten so allein herumlief und von ihrer Reisegesellschaft
keine Spur erblickte, wurde ihr wind und weh. Sie kam zu den drei
Bächlein, die über Nacht entsprungen waren. Der lange Poet und der
Hansel waren verschwunden, die Käke auch; von der aber hing das kleine
Hütchen mit dem grünen Schleier am Ufer zwischen den Vergißmeinnicht;
da weinte Glückspilzchen wieder heftiger. Ein Verschen von dem langen
Poeten, das er auf ein Baumblatt geritzt und an einen Stamm geheftet
hatte, kam nicht in ihre Hände; das hatte der Kapellmeister, der Herr
von Grasemück, mit in sein Nest genommen, um es in Musik zu setzen,
weil es ihm gar so gefiel. Von dem hab' ich hinterdrein erfahren, daß
es so lautet:
Es plaudern in Linden und Buchen
So lustig die Vögel im Chor.
Ich muß wandern und traurig suchen
Meine Schwester, die ich verlor!
Es sind viel Bahnen und Straßen
Und blühen wohl alle so schön,
Und bist du nicht trüb und verlassen,
Du magst sie in Freuden gehn.
Mir aber vor Gram und Sehnen
Im Wandern das Herze bricht.
Ich seh vor den leidigen Thränen
Den blühenden Frühling nicht.
Ein Glück war's eigentlich, daß der Zettel von dem Kapellmeister
aufgefangen wurde; denn er hätte Glückspilzchen nur noch betrübter
gemacht, und sie war's schon genug. Da kam aber auf einmal eine
garstige alte Frau hinterm Baum vor, weiß Gott, wo sie eigentlich
gewachsen war, hatte eine tüchtige Birkenruthe in der Hand und rief:
Wart nur, du böses Kind! deinen armen Tanten wegzulaufen, die sich nun
abgrämen, und du bist's gar nicht werth. Nun lauf nur vor mir her,
ich will dich schon heim bringen! -- Damit fing sie an, die Ruthe zu
rühren und sie auf Glückspilzchens Rücken zu schwingen, daß die eilig
sich auf die Beine machte; aber die Alte war eben so flink hinterher
trotz ihrer grauen Haare, und kein Schlag ging verloren. Ach, rief
das kleine Mädchen ganz außer Athem, wer seid Ihr denn, Ihr häßliche
alte Frau! Au! das war aber grob! -- Was da grob! erwiederte die Alte,
und schlug noch ärger, du hast's nicht gelinder verdient. Ich bin die
Frau Bösgewissen, und laure dir schon seit vorgestern auf, und werde
dich nicht eher in Ruhe lassen, als bis du dich besserst und nimmer so
eine leichtfertige Person bleibst, sondern hübsch Sitzefleisch hast
und artig zu Haus und fleißig in der Schule wirst. Verstehst mich? --
Ach ja, liebe Frau Bösgewissen, rief Glückspilzchen und lief dabei,
als hätte sie Feuer unter den Sohlen, laßt's nur für diesmal genug
sein! ich will ja auch ein frommes Kind werden. -- Nun denn, sagte die
Alte und steckte die Ruthe ein, noch einmal will ich dir's nachsehn.
Aber nimm dich in Acht; ich hause nicht im Wald allein, und kann dich
auch bei deinen drei Tanten besuchen. Also sei gut und denk' an mich!
-- Nach diesen Worten war's plötzlich stille, und als Glückspilzchen
besorglich umschaute, war von der Frau Bösgewissen nichts mehr zu sehn;
aber ihre Ruthe war als wie zur Warnung an den nächsten Baum gebunden,
und Glückspilzchen that der Rücken noch immer weh. Ach und wie sie noch
zehn Schritte gethan hatte, da ward's hell zwischen den Bäumen und der
Wald hatte ein Ende. Am Saume des Waldes aber saßen -- nun rathet
einmal! Ich will unterdessen ein neues Kapitel anfangen.
Sechstes Kapitel.
Wie sich Alle wieder zusammenfinden und der lange Poet seine
Fährlichkeiten erzählt.
Die drei Tanten waren's nämlich und die Pedanterliese, und saßen alle
Vier auf einer Bank, die sie dazu mitgebracht hatten aus der Stadt. Die
Tanten weinten gar heftig, und die Quellen ihrer Augen hatten die drei
Waldbächlein gebildet, auf deren einem die arme Käke davongeschwommen
war. Die Pedanterliese weinte nicht, dazu war sie viel zu böse, und
sagte in einem fort: Warum läuft sie auch weg und ist noch so wenig
gesetzt! Da bin ich doch viel besser erzogen. Tante Strickerina verwies
ihr das, hatte aber nicht Alles gehört, weil sie eifrig bei ihrem
Strumpf war. Buchstabiria las auch ganz eifrig ein Erziehungsbüchlein.
Die dritte hieß Tante Schönekünstchen, und weil sie so viel zeichnete,
war ihr ein Bleistift an die rechte Hand festgewachsen; den konnte
man spitzen so viel man wollte, und er nahm doch kein Ende. Sie hatte
auch ein Zeichenbuch mitgebracht, aber vorläufig hatte sie so viel zu
weinen, daß sie's nicht brauchen konnte; denn sie hatte Glückspilzchen
viel lieber als die andern Tanten.
Ach liebe gute Tanten! rief auf einmal eine feine Stimme, und eh sie
noch Zeit hatten sich recht zu besinnen, lag ihnen Glückspilzchen am
Hals und herzte und küßte sie und bat so rührend ab, daß die Thränen
plötzlich zu fließen aufhörten und die drei Bächlein zwischen den
Gräsern verrannen. -- Da erzählte Glückspilzchen Alles, wie es ihr
ergangen, und als sie an die Geschichte mit Frau Bösgewissen kam,
machte sie's so natürlich, daß der Pedanterliese himmelangst wurde.
Tante Buchstabiria aber nahm sie gehörig ins Gebet; da ging sie
ernsthaft in sich, fiel Buchstabiria reuig um den Hals und bat mit
vielen Thränen und guten Gelöbnissen alle ihre Unarten ab.
Das wäre nun so weit ganz schön gewesen, wenn sie nur gewußt hätten,
was aus dem langen Poeten, dem blonden Schusterjungen und der Käke
geworden sei. Wie sie nun eben wieder zu weinen anfangen wollten,
hörten sie noch zu rechter Zeit eine Ziehharmonica aus dem Walde, und
Einer pfiff dazu, während ein Anderer sang:
Alle Sternlein sind verblaßt,
Gleich dem Mond, dem silberblanken.
Siehe, wie der goldne Glast
Zittert über Busch und Ranken.
So du schwer gerungen hast
In der Nächte irrem Schwanken,
Menschenkind, o sei gefaßt,
Wenn die letzten Sterne sanken!
Denn dereinst nach kühler Rast
Sollst du, frei von Leibes Schranken,
Ew'gen Sonnenlichtes Gast
Heilen deines Busens Kranken.
Da kommen sie! schrie das kleine Glückspilzchen, und in demselben
Augenblick trat der lange Poet mit dem blonden Schusterhansel aus
dem Walde heraus, und der Poet trug auf dem einen Arm die Käke, auf
dem andern den kleinen waldursprünglichen Kerl aus Tannenzapfen mit
dem Frack von Sandpapier und dem Korbe auf dem Rücken, darinnen die
Schwefelhölzchen noch alle vorhanden waren. Glückspilzchen aber lief
ihrem Bruder winkend und rufend entgegen; da setzte er was er trug
nieder und fing sie in seinen Armen auf,
Und die Engel im Himmel sich's zeigen,
Entzückt bis in Herzensgrund,
Wenn Bruder und Schwester sich neigen
Und küssen sich auf den Mund.
Dann lief Glückspilzchen auf die Käke zu, nahm sie streichelnd und
schmeichelnd in die Arme, und die Pedanterliese hatte nichts dagegen
einzuwenden.
Mittlerweile hatte der Lange die drei Tanten mit dem blonden Hansel
bekannt gemacht, der ein bischen sehr verblüfft dastand, und besonders
verlegen nach Pedanterlieschen schielte, was seinem Geschmack
eigentlich keine Schande machte. Er mußte sich indessen neben Tante
Schönekünstchen setzen, weil Die Absichten auf ihn hatte, nicht ihn
zu heirathen, sondern ihn zu zeichnen. Der lange Poet saß indessen
auf einem niedrigen Steine vor den drei Damen und brachte seine Beine
nur kümmerlich unter. Dann fing er an seine Schicksale zu erzählen,
während der unglückselige Hansel ohne Gnade still sitzen mußte.
Was dem langen Poeten im Walde begegnet.
Ich habe böse Träume gehabt die Nacht über, erzählte er, und wachte
ganz gegen meine Gewohnheit in der frühen Morgendämmerung auf. Mein
erster Gedanke war gleich an Glückspilzchen, und ihr könnt denken,
daß ich einen Tausendschreck hatte, wie ich mich mutterseeleneinsam
in dem grünen Gras liegen sah, Glückspilzchen weg, der blonde Hansel
verschwunden und die Käke dazu. Nur zwei kleine Holzhauerbuben waren
bei mir; die fuhren nicht wenig erschrocken in die Höh', als ich
mich aufrichtete, denn sie hatten meine langen dünnen Beine in den
grauen Hosen für zwei Baumwurzeln gehalten und sich gemüthlich darauf
niedergelassen, um zu frühstücken. Ich befragte sie, ob sie nicht ein
kleines Mädchen gesehn hätten, so und so angethan; aber sie schüttelten
den Kopf und liefen furchtsam davon. Da ward mir gar blümerant zu
Sinne; ich schrieb ein paar weinerliche Verse auf ein Baumblatt
und machte mich dann auf die Beine, Glückspilzchen nach und meinem
Tannenmusje, den ich unterwegs irgendwo zu erwischen hoffte.
Ich war noch gar nicht weit gegangen, da sah ich einen kuriosen Kerl
daher kommen, und ein Lakai lief hinterdrein mit einem großen Korbe,
daraus verschiedene Flaschen mit Käppchen von schönem rothen Siegellack
hervorschauten. Der Kuriose kam gerade auf mich zu, sagte mir, er sei
Prinz Schnudi und freue sich, endlich einen Menschen zu finden in der
schauderösen Wildniß, in die ihn Prinzessin Marzebille verbannt habe.
In die sei er nämlich ganz unsterblich verliebt; aber sie wolle ihm
nicht eher Gehör schenken, als bis er seine Liebe dadurch erprobt habe,
daß er in der Wildniß herumlaufe und eine poetische Liebeserklärung
zu Stande bringe. Mit dem Herumwildnissen ging' es passabel, so mäßig
er leben müsse; aber er habe sein Lebtag nicht zwei Verse gemacht und
werde sich nächstens, sobald sein Wein zu Ende gehe, bei lebendigem
Leibe todtschießen, denn er halte es nicht länger aus vor Gram.
Wie ich ihn von solchen Aengsten behaftet sah, jammerte er mich und ich
war sehr freundlich zu ihm, trotzdem daß er ein Prinz war. Ich sagte
ihm, ich wär' meines Zeichens ein Poet und wollte ihm gern mit einigen
Reimen unter die Arme greifen, so gut ich's halt könnte ohne mein
Feuerzeug. Indessen wüchse hier herum Waldmeister in Menge; er sollte
doch einen Maitrank bereiten, auf daß ich mich hinterher stärken könne;
denn ich war noch nüchtern wie ein Sieb. Da hättet ihr die königliche
Hoheit Luftsprünge machen sehn sollen, ging auch flugs mit dem Lakaien
ans Werk, während ich in seine allerhöchste Schreibtafel folgende Verse
schrieb:
O du süße Marzebille!
Warum bannt dein strenger Wille
Mich in dieser Wälder Stille?
Wär' ich, ach, die Nachtigall
Mit der Lieder holdem Schall,
Daß mich bald ein Vogler finge
Und in deine Kammer hinge!
Wär' ich einer von den Hirschen,
Daß mich könnt' der Jäger birschen,
Und auf deine Tafel schicken
Meine Keulen, Brust und Rücken!
O wie würde mich's beglücken,
Schnittst du trauernd sie in Stücken,
Aeßest dann sie mit Entzücken,
Wie du jetzt mit Liebestücken
Mir das Herze thatst berücken,
Daß mir weiter nichts will glücken,
Meine Sehnsucht auszudrücken,
Als mich tief vor dir zu bücken
Und zu bitten unterthänig,
Lindre meine Qual ein wenig!
Nachschrift. Königliche Hoheit,
Uebersieh die arge Rohheit
Dieses Briefs und meiner Schrift.
Thust du 's nicht, so nehm' ich Gift,
Und dann schließt auf ewig zu die
Augen der verliebte Schnudi.
Als ich diese Verse dem Prinzen vorlas, war er vor Entzücken ganz außer
sich. Er bat mich tausendmal um Entschuldigung, wenn er augenblicklich
in seinen Wagen stiege, der am Saume des Waldes warte, denn er könne
sein Glück nicht länger aufgeschoben sehen. Noch ehe ich mich besinnen
konnte, war er mit der Schreibtafel, dem Lakaien und dem Korbe
verschwunden und hatte mich allein zurück gelassen unter vier Augen mit
einer Flasche Maitrank, die mich so ziemlich über den eiligen Abschied
der prinzlichen kuriosen Person tröstete.
Ich hatte einen Augenblick meiner kleinen Schwester und des
Tannenmusjes vergessen, denen ich doch eigentlich nachlief. Nun
aber ging ich gar wehmüthig fürbaß, trank von Zeit zu Zeit aus der
ehrlichen Flasche und war kreuzunglücklich, denn von den Verlornen
fand ich keine Spur. Ich weiß nun nicht, kam's von der Betrübniß oder
vom Maiwein, kurz und gut, mir ward ganz träumerisch, dazwischen ein
bischen toll und unsinnig, daß ich bald die Bäume umarmte und ihnen
lange Reden hielt, bald auf einem Bein über Stock und Stein sprang und
Glückspilzchen richtig wieder vergaß. Wenn ich dann aber den traurigen
Rappel bekam, mußte ich gleich wieder an den verlornen Wildfang denken
und klagte Sonne, Mond und Sternen mein Leid. Ich habe dabei eine ganze
Menge Verse aus dem Stegreif losgelassen, kann mich aber auf keinen
mehr besinnen.
Da kam auf einmal eine steinalte Frau des Weges, einen Korb auf dem
Rücken, ein Reisbündel in der Schürze vor sich, und hatte mehr Runzeln
im Gesicht, als Haare auf dem Kopf. Ich aber in meiner Verdrehtheit
denke: So wahr ich Paul heiße, ist die da nicht mein alter Schatz, die
mir gerade vorm Jahre den Dienst aufgekündigt hat? Und da schoß mir
richtig die alte Liebe wieder so stark zum Herzen, daß ich vor Wallung
nimmer weiter konnte und mich der Herzallerliebsten gerade in den Weg
stellte. Dabei sagte ich ungefähr folgendes:
Es weht aus einander der lose Wind
Die Wellen und Wolken und Flammen.
Zwei Herzen, die für einander sind,
Die finden sich immer zusammen.
Mein Haar ist worden dünn und grau,
Meine Wange welk und bleich.
Mein Liebchen, blicke mich an genau,
Und du erkennst mich gleich.
Somit breitete ich die Arme aus und wollte sie gerührt an mein Herz
drücken. Da fing sie ganz entsetzlich an zu keifen, was das für ein
Nestküken sei, der ein altes Weib am Narrenseil zu leiten gedächte, und
ich sollte sie ihrer Wege gehn lassen. Weiß der Himmel was ich dachte!
so viel ist gewiß, ich ließ sie nicht los, umfing sie vielmehr zärtlich
und sang:
Kehr um, kehr um und tanz mit mir
Und weich mir nicht von der Seiten.
Die Vöglein singen so lockend hier,
Im Takte die Bächlein gleiten.
Ich bin beglänzt, du bist beglänzt
Von Maiwein und von Liebe.
Der Wald der ist von Sonne beglänzt,
Daß er nicht nüchtern bliebe.
Die ganze Welt hat einen Glanz,
Sie tanzt mit uns in die Runde.
Und sind wir Alle müde vom Tanz,
Das ist die jüngste Stunde.
Und nun begann ich so ausgelassen zu tanzen, daß die Vögel im Wald
glaubten, es käme ein Erdbeben, und meiner schönen Tänzerin wackelten
die alten Knochen und sie schrie gar gottserbärmlich. Laßt mich los!
rief sie und wollte sich mir entwinden. Ich aber immer noch in dem
guten Glauben, es sei mein altes Liebchen und sie wolle nur nichts von
mir wissen, hielt sie nur fester und schwätzte ihr das ungewaschenste
Zeug in die Ohren. -- Er Nichtsnutz! war die Antwort, laß Er mich los,
ich rath's Ihm, oder es bekommt Ihm schlimm. Joseph, Joseph! rief sie
darauf. Ich meinte, sie riefe den Pflegevater des Christkindleins um
Hülfe an; wie ich aber eben wieder einen prächtigen Luftsprung mit ihr
gethan hatte, kam plötzlich ein stämmiger Gesell von der Seite her auf
mich zu, hatte einen tüchtigen Stecken in der Hand und prügelte so
wacker auf mich ein, daß mir Hören und Sehen verging und ich über eine
Baumwurzel stolpernd gar unsanft zu Boden fiel.
Da lag ich nun längelangs, und der Glanz verging mir; denn ich konnte
mich nicht regen, so zerschlagen war ich. Ich hörte aber, wie das Weib
dem Joseph die Historie berichtete, und der darauf sagte: Er wird's
nimmer wieder thun, ich hab ihm den Garaus gemacht. Was hast aber da
für eine Puppe im Korb? -- Ist mir heut unter die Finger gerathen,
da ich Holz sammelte, erwiederte das Weib. Wollt's unserm Enkelkind
als Spielzeug geben. -- Es hat ein gefährlich Ansehn, sagte der Joseph
darauf. Wirf's weg! kannst nicht wissen, ob's nicht behext ist oder der
Teufel selbst, den du dir auflädst und wirst ihn nimmer los danach. --
Ich hörte was fallen ins Gras; dann schritten die Beiden weiter und
ließen mich allein mit meinen Beulen und meinem Aerger, daß ich so eine
alte Schachtel für mein junges Liebchen angesehn hatte.